Markus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe für Psychotherapie FSP
Falkenweg 8
3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39
e-mail: praxis-frauchiger@bluewin.ch
Homepage: http://www.psychotherapeut-bern.ch
Die Wiederkehr des Imaginären - Das narzisstische Selbstmodell
Vom digitalen Narzissmus zum analogen Selbst - Wirklichkeitskonzepte für Psychotherapie und Gesellschaft
Materialien und Zitatesammlung zur Enstehung, Diagnostik und Behandlung von narzisstischen Spektrum-Störungen - zusammengestellt und kommentiert von Fachpsychotherapeut FSP Markus Frauchiger in CH-3012 Bern
Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf, Vernetzung des Autors
Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.
- Kommunikation und Kultur: Eine symbolische Welt von Zeichen
- Stammeskultur im Netz, Re-Tribalisierung und die flüchtige Moderne
- Semiotik und Cultural Studies
- Systemtheorie und Kybernetik - Synergetik und Homöostase
- Die intersubjektive Wende
- "Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung" Teil I: vom Propaganda-Marketing und "Impression Management" zur würdevollen Integration in die real existierende Gesellschaft
- Bezogenheitskonzepte von Buber, Rogers, über Staemmler, Altmeyer bis Buchholz und Gödde
- Der Andere, das moralische/sittliche Dritte, das Zwischen, Triangulierung; Resonanzraum, Feld, Empathie
- Anerkennungskonzepte: Jessica Benjamin und die Relationale Psychoanalyse
- Paartherapie, Täter/Opfer, Kollusion und Anerkennung (Jürg Willi et al.)
- Anerkennungskonzepte in Pädagogik, Pflegewissenschaft und Sozialarbeit
- Martin Altmeyer: Narzissmus und Objekt
- Martin Altmeyer: Mentale Bezogenheit
- Martin Altmeyer, Helmut Thomä (Hrsg.): Die vernetzte Seele
- Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe
- Axel Honneth: Kampf um Anerkennung
- Jürgen Habermas: Naturalismus und Religion
- Otto F. Kernberg/Diana Diamond: Narzissmus und die Gesellschaft
- Daniel N. Stern: Gegenwartsmomente (Now-Moments)
- Peter Fonagy, Mary Target et al.: Affektregulierung und Mentalisieren
"Selbst-sein, Subjektivität basiert also auf der Bezogenheit auf den Anderen
und realisiert und entwickelt sich immer im Bezug auf ihn oder sie.
Umgekehrt wird natürlich der Andere, der aus seiner Perspektive seinerseits ein Selbst ist,
ebenfalls nur im Austausch mit dem Gegenüber zu dem, der er oder sie ist.
Das Selbst und der/die Andere existieren nur in Gegenseitigkeit: "In den Blicken des Du,
einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht,
werde ich meiner nicht nur als eines erlebenden Subjekts überhaupt,
sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst".
Frank-M. Staemmler
»Wer sich selbst nur immerzu als Opfer sieht, kommt sich selbst nie
auf die Schliche, und das ist nicht gesund.
Ursache und Wirkung sind nie in zwei Personen getrennt, schon gar nicht
in Mann und Frau, selbst wenn es zuweilen so aussehen mag.«
(Max Frisch (1973): Stiller S.133)
Stammeskultur im Netz, Re-Tribalisierung und die flüchtige Moderne
Posttraditionale Gemeinschaften tragen durch die Erschaffung ortsgebundener Utopien mit eigenen Mythen und Ritualen zur Wiederverzauberung der Welt bei, so der französische Soziologe Michel Maffesoli.
Das 'Triumvirat', die 'Dreieinigkeit' meiner Narzissmus-Konzeption als Zusammenspiel dreier Sichtweisen aus drei ganz verschiedenen Fachrichtungen:
Medientheorie (I), Soziologie (II) und Psychologie (III).
I. Narzissmus als "Extension of Man" (McLuhan)
II. Narzissmus als "Agonie des Realen" (Baudrillard)
III. Narzissmus als "Spiegelstadium als Bildner des Ich" (Lacan) im R-I-S
Diese drei Theorien bilden den Kern meiner Narzissmus-Konzeption:
LACAN – Kap 2 und 4 - Baudrillard – Kap 3, 5, 7 und 9 - McLuhan – Kap 6 und 8
a) Lacan: Das Symbolische (Sprache, Diskussion, Dialog, Kultur etc.) wird immer mehr abgelöst/ersetzt vom Imaginären (Bilder, Filme, Mythen, Werbung, Propaganda, Parolen, Regressives wie Tribalismus, Hooliganismus, Pegida etc.) – damit entfernt sich die Gesellschaft noch mehr vom Realen als es durch die Symbolisierungsfähigkeit (heute: Mentalisierung) sowieso gegeben ist durch die seit dem Spiegelstadium gegebene Ver-kennung und Ent-fremdung der Teilnehmer des Sozialen.
b) Baudrillard: anstelle von Simulationen sind Simulakra getreten, der Uebergang von der ersten Ordnung der Simulakra zur dritten wird gerade vollzogen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
c) McLuhan: durch die Dominanz des Visuellen, des Linkshemisphärischen und damit des Digitalen gegenüber dem Analogen (wo das Auditive überwog) entstand in der Tetrade eine Einseitigkeit, welche nun allmählich Chiasmus-bedingt in seiner Positiv-Utopie durch einen Umschlag in eine erneute Tribalisierung und Oralität einer Integration und Synästhesie der Sinne den Boden bereitet wo im ‘Global Village’ jeder mit jedem verbunden ist.
McLuhan - Retribalisierung:
Genau wie das Tattoo und das Piercing, wie Kleidung, Frisuren und Schminkstile, ist auch der Shitstorm Ausdruck der Re-Tribalisierung der sich abzeichnenden, nächsten Gesellschaft. Jemand beginnt die Buschtrommel zu schlagen und schon strömen die Stammesmitglieder zum Lagerfeuer — eine Rolle, die heutzutage bspw. von Facebook eingenommen wird — und tanzen sich in Trance.
Quellen: www.slow-media.net/tag/retribalisierung
http://netzoekonomiecampus.com/2015/06/21/marshall-mcluhan-metallica-und-die-wiedergeburt-alter-fahigkeiten-in-neuer-qualitat
Das Konzept der Posttraditionalen Gemeinschaften
"Das Konzept der „Posttraditionalen Gemeinschaften“ wurde erstmals von den Soziologen Axel Honneth und Zygmunt Bauman thematisiert und später von Ronald Hitzler aufgenommen und zu einem theoretischen Konzept ausformuliert.
Als theoretische Basis bezieht sich Hitzler auf soziologische Wirklichkeitsmodelle, die für westliche Gesellschaften gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Entwicklung in Richtung einer Enttraditionalisierung, Pluralisierung und Individualisierung von Lebensformen als zentrales Wesensmerkmal isolieren. Derartige Individualisierungsprozesse lassen sich nach Hitzler anhand folgender Punkte identifizieren (Hitzler 1998 S.6):
- Abnehmende Klassen- und Schichtorientierung
- Vervielfältigung der Intimbeziehungen
- Erhöhte biographische Mobilität
- Flexibilisierung der Orientierung im Berufsalltag
- Verändertes Freizeit- und Konsumverhalten
- Emanzipationsinteressen
- Bezugsgruppenorientierung bei Lebensstil-Wahlen
- Sequentialisierung ideologischer Orientierungen
Aus einer derart individualisierten Gesellschaft entsteht für ihn folgender Konflikt für die Lebensführung der Individuen: Der persönliche Anspruch, die eigene Zeit (das eigene Leben)
planvoll zu gestalten, kann nicht länger aufrechterhalten werden. Die „individualisierten Individuen“ (Hitzler) sind immer weniger bereit, dauerhafte soziale Bindungen einzugehen.
Hieraus resultiert eine „Suchgesellschaft der Individuen“ (Beck 1990), d.h. es lassen sich in Gesellschaften, die sich in diesem Stadium befinden, Phänomene wie bspw. die Ausbildung
von „situativen Identitäten“ (Hitzler 1998) beobachten.
Nach Hitzler und Pfadenhauer unterscheiden sich Posttraditionale Gemeinschaften von traditionalen Gemeinschaften dahingehend, dass die Mitgliedschaften auf einem freien Willen
basieren und jederzeit kündbar sind (Hitzler/Pfadenhauer 1998 S.83). Zentral ist dabei die gemeinsame Orientierung der Gemeinschaften an einem „Wir-Gefühl“, welches, im
Gegensatz zu traditionalen Formen von Gemeinschaft, nicht als gegeben betrachtet wird sondern im kollektiven (und individuellen) Handeln entsteht (Bauman 1995b S.354):
Das Handeln „folgt nicht geteilten Interessen, es erzeugt sie. Genauer gesagt: sich dem Handeln anzuschließen, ist alles, was es zu teilen gibt (...) Was üblicherweise zu
Zeiten des Karnevals [s.u.] als kurzer Bruch der Kontinuität, als fröhliche Aufhebung des Zweifels zum Vorschein kommt, wird nun zum Lebensmodus.“ (Heun 2012 S.6-7)
Das Konzept der Neo-Tribes
"Das Konzept der „Urban Tribes“ oder „Neo-Tribes” wird heute im Wesentlichen mit der Arbeit des französischen Soziologen Michel Maffesoli assoziiert. Im Kern seiner Arbeit steht die These des gesellschaftlichen Wandels von einer modernen, rationalistisch-individualistischen Gesellschaft in Richtung einer „postmodernen“ Gesellschaft voller
Unsicherheit und Flüchtigkeit (siehe Tabelle unten). Für dieses Stadium der Entwicklung ist nach Maffesoli die Orientierung an neo-tribalen Gemeinschaftsformen, die im Kern durch
temporär-orgiastische Gefühlsregungen initialisiert werden (vgl. u.a. Keller 2008 S.89), eines der zentralen Merkmale.
Maffesoli definiert Neo-Tribes als „diffuse unions, informed by the sociological notion of sociality, or quality of the diffuse, ephemeral, multiplicatus social aggregation” (Maffesoli 1996 S.76).
Basierend auf zentralen Annahmen von Theorien zur sog. „Postmoderne“ sieht Maffesoli Neo-Tribes als typische Formen gesellschaftlicher Vergemeinschaftungsprozesse, die eine
Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung ohne zentrale Macht oder institutionale Ordnungen beinhalten. Neo-Tribes unterscheiden sich von archaischen Stammesformationen durch ihre unverbindliche Form der temporären Einbindung. Neo-Tribes „form and […] disperse to reform as something else, reflecting the constantly shifting identities of postmodern
consumers“ (ders.ebd.). Diese flüchtige Form der sozialen Bindung führt dazu, dass sich Neo-Tribes häufig nur schwer untereinander abgrenzen lassen und multiple Zugehörigkeiten
von Konsumenten durchaus üblich sind (vgl.Cova/Cova 2002 S.597)". (Heun 2012 S.12-13)
"Die Genese von tribalen Gemeinschaften beruht nach Maffesoli auf der Verheißung der Möglichkeit kollektiver Erfahrung, auf einer Art „Gefühlsversprechen“. Der Unterschied zu
traditionalen Gemeinschaften – und zu Stämmen im ethnologischen Sinne – tritt zudem klar zutage: die Flüchtigkeit und Durchlässigkeit derartiger Erfahrung von Gemeinschaft
konstituiert den „Neo-Tribalismus“ (Maffesoli 1996: 98). Der temporäre Charakter führt zu einem „Nomadentum“ und zu parallelen ,Stammesmitgliedschaften“, wobei die Identifikation
mit den Kulturen der Stämme über die Verwendung von Stammes-typischen Masken gelingt.
Der „Homo Aestheticus“ tritt nach Maffesoli an die Stelle stabiler Identitätsprojekte, und die persönliche Identität besteht in der neo-tribalen Gesellschaft „aus einer Serie von Schichten,
die sequenziell gelebt werden, oder die sogar gleichzeitig und in Konkurrenz zueinander gelebt werden können“ (Maffesoli 1990 S.266)". (Heun 2012 S.15)
'Digital Tribes' - Digitaler Neo-Tribalismus
"Die neuste Struktur des Internets ist der Stamm (Tribe). Auch wenn die Stammeskulturen als nicht sonderlich zeitgemäße Erscheinung gelten, treffen wir im Internet immer häufiger auf vergleichbare soziale Strukturen.
Als Donald Trump Präsident der USA wurde, reklamierte die „Alt-Right-Bewegung“ für sich, ihn ins Weiße Haus „geshitposted“ zu haben. Gemeint waren monatelange Netzkampagnen mit Memes und Fakenews. Die Alt-Right war dabei kein offizieller Teil der Kampagne, sondern ein loser Zusammenschluss von Internettrollen und rechtsradikalen Hipstern [in Europa mit den sog. 'Identitären' vergleichbar, vgl.Kap.5].
Die Alt-Right kann man als Internettribe begreifen. Seth Godin hat 2008 in seinem Buch „Tribes“ beschrieben, wie man einen solchen Stamm gründet. Dafür müsse man nur eine Idee formulieren, die dem jeweiligen Status quo zuwiderläuft. Man müsse Häretiker sein. Den „Followern“ der Idee müsse dann nur noch eine Kommunikationsstruktur zur Verfügung gestellt werden und es bestehe die Chance, dass sich in der Gruppe enorme Energien freisetzen. Mit so einem Tribe könne man die Welt verändern, so Godin.
Onlinetribes brauchen weder geografische Nähe [dies im Unterschied zu den 'alten' Tribes] noch verwandtschaftliche Beziehungen, sondern nur ein Thema und einen Gegner. Den Rest erledigt das Netz mit seinen kommunikativen Möglichkeiten. Tribe gegen Tribe. Das Netz zersplittert in immer mehr sich gegenseitig hassende Gruppen.
Das ist vor allem deswegen erstaunlich, weil das Internet eigentlich als der endgültige Befreiungsschlag des Individuums gefeiert wurde. All die Institutionen und künstlichen Organisationen würde das Internet unnötig machen und der geografische Raum würde fürs Soziale obsolet. Sozialität braucht keine Struktur, jenseits der individuellen Bindungen, so war die Idee. Wozu Gruppen?
Weil sie es wollen! Menschen brauchen Zugehörigkeit, Identität und Abgrenzung, so scheint es jedenfalls. „Die moderne Massengesellschaft entspreche einfach nicht der Natur des Menschen“ sagen die Aktivisten von 'neotribes.co' und wollen den Tribalismus in die neue Zeit holen. So hatte bereits Michel Maffesoli argumentiert, der schon in den 1990er-Jahren den Neo-Tribalismus ausgerufen hatte.
Dennoch würden sich die meisten 'Tribes' nicht als solche bezeichnen. Anonymous, Piraten, Weird Twitter, Pegida, die Netzgemeinde, Telekommunisten, Sifftwitter, 4chan, 8chan, die Bernds von krautchan, Pr0gramm.com, Prepper, Furrys, Cosplayer, Gamergater, Bronies, Maskus, Netzfrauen, Alt-Righter, die diversen Subreddits und viele andere Gruppen schließen sich im Internet zusammen, gründen ihre eigenen Medien und Kommunikationsstrukturen, grenzen und kapseln sich nach außen ab, frönen ihrer Echokammer und bekriegen sich unerbittlich.
Es ist noch nicht klar, wohin die zunehmende Tribalisierung des Netzes noch führt. Löst sich die Massengesellschaft vollkommen in verfeindete Stämme auf, die sich virtuell gegenüberstehen, aber deren Demarkationslinien geografisch durch alle Nationen und Nachbarschaften laufen?
Der Traum vom Internet war immer das Ueberkommen von Struktur: von Macht, Hierarchie, Nation, Institution und Gruppe. Doch überall, wo es waltet, schleichen sich neue Strukturen ein, neue Macht entsteht, neue Hierarchien setzen sich durch, neue Gruppenformationen werden gefunden. Nichts davon war so geplant, alles kam immer anders. Das Internet ist der Motor eines beschleunigten Strukturwildwuchses und die neuen Strukturen bedrohen zunehmend die alten. Ueberall quietscht und knarzt es. Plattformen reiben sich an Nationalstaaten, Tribes stürzen politische Institutionen. Die Welt verändert sich in einem rasenden Tempo.
Occupy Wall Street, Arabischer Frühling, Brexit und Trump sind nur die sichtbarsten Auswüchse dieses turbulenten Strukturwandels. Niemand weiß, wo das endet. Aber Kabel, Protokolle, Plattformen und Tribes bilden die Infrastrukturen der neuen Gesellschaft und wir werden wohl lernen müssen, darin zu leben" (M. Seemann Nov. 2017: http://www.ctrl-verlust.net).
Quellen:
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Schmehl, Karsten (2017). DIE PARTEI legt AfD-Spitzenkandidat Gauland dieses Hitler-Zitat in den Mund, aber es ist frei erfunden - https://www.buzzfeed.com/karstenschmehl/satire-und-luegen-sind-nicht-das-gleiche?bftwdenews&utm_term=.relgPQzB6#.dgbOgvyQw
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Rauschhafte Vergemeinschaftung - Der soziale Kitt entsteht heute vor allem durch ritualisierte Volksfeste
Yvonne Niekrenz: Rauschhafte Vergemeinschaftungen - eine Uni-Rezension
"Die Deutschen feiern gern in ihrer Freizeit und genießen sich selbst im kollektiven Rausch. Das hat die Rostocker Soziologin Dr. Yvonne Niekrenz in ihrer Promotionsstudie zum rheinischen Karneval herausgefunden. „Karneval ist nicht mehr nur fünfte Jahreszeit, Karneval ist immer“, sagt die 33-jährige Wissenschaftlerin von der Universität Rostock. Selbst die Rostocker Hanse-Sail hat aus ihrer Sicht einen solchen Volksfestcharakter, weil es beispielsweise mit Scherzsonnenbrillen und Hawaiiketten bei dem maritimen Großereignis eine Tendenz zum Verkleiden gibt. Alltagsregeln werden hier wie da außer Kraft gesetzt. Menschen, die im Alltag Abstand voneinander halten, suchen miteinander den Kontakt, Unbekannte umarmen und berühren sich. Sie überlassen sich bereitwillig dem Takt der Menge. Die Rostocker Soziologin bezeichnet das mit dem akademischen Begriff „rauschhafte Vergemeinschaftung“. Sie schlägt den Bogen vom Norden zum Süden und sagt: „Die Hanse-Sail ist nicht der Kölner Karneval, aber sie vermag es ebenso mit karnevalesken Zügen, die Menge zum gemeinsamen Feiern zu bewegen“.
Für die Rostocker Wissenschaftlerin ist das „Fest als Ausdruck der kollektiven Lebensfreude sehr spannend“, wie sie sagt. „In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind in der Soziologie Gegenwartsdiagnosen gestellt worden die besagen, dass die Deutschen hoch individualisiert sind und sich immer mehr aus traditionellen Bindungen wie beispielsweise die Familie herauslösen. Man wechselt zum Beispiel häufiger die Partner, den Job oder den Wohnort“, konstatiert Yvonne Niekrenz. Finden also kaum noch Gemeinschaftsprozesse statt? „Mitnichten“, sagt die Rostocker Soziologin. Sie hat beispielsweise im Karneval rauschhafte Vergemeinschaftungen von Jecken gefunden, die sie in ihrer Studie als momenthafte, exzessorientierte Formen von Geselligkeit beschreibt. „Die Leute fühlen sich wohl, gut aufgehoben und gewärmt von vermeintlich Gleichgesinnten“.
Die Erkenntnisse der Wissenschaftlerin: Anlässe wie Karneval, Fußballspiele oder Festivals sind notwendig für so genannte Einbettungsprozesse. „Damit wir uns wieder gut aufgehoben fühlen. Für die Menschen selbst ist das Ausbruch vom Alltag“.
Das hat eine interessante Seite: Ausschweifende Feiern und die überschäumende Lebenslust sind raum-zeitlich und rituell gerahmt: Karneval oder Hanse-Sail finden an einem bestimmten Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt statt und sind irgendwann wieder vorbei. „Das Wissen um die Endlichkeit des Festes befördert den Drang zum Exzess“, sagt die Soziologin und schlägt den Bogen zur Begrenztheit des Lebens, der eigenen Sterblichkeit".
„Die karnevaleske Sexualität, Weinfeste, Zechereien im Bierzelt, die studentischen Gelage oder Narrenfeste, Versammlungen mit religiösem oder halbreligiösem Charakter, all diese Phänomene sind von den ihnen eigenen Anzüglichkeiten und Entgleisungen begleitet und bieten eine Gelegenheit, funktionelle Zu weisungen, Nützlichkeitserwägungen und Produktionszwänge zu durchkreuzen“ (Maffesoli 1986 S.109).
Für Michel Maffesolis an der Gegenwart und am Alltagsleben interessierte Soziologie stehen die sozialen Praktiken und Rituale des Zusammenlebens, das Alltägliche wie Außergewöhnliche im Mittelpunkt, weil sie die Vitalität einer postmodernen Gesellschaft bedingen, die sich nach einem temporären (Neo-)Archaismus sehnt. Dionysos, der griechische Gott der Fruchtbarkeit und der Ekstase, wird bei Maffesoli zum Sinnbild für eine Form von Vergemeinschaftung, die einer Formlogik folgt, welche sich auf außeralltägliche Stimmungen und Erlebnisse beruft, wie sie z.B. auf Rockkonzerten, Fanmeilen, bei City marathons, Game Conventions und auch im Straßenkarneval erlebbar sind" (Niekrenz 2011 S.11/12).
„Die Geräusche von der Straße, die populären Gassenhauer, die aus den Bistrots dringen, das Gemurmel und die Wutausbrüche, die aus den offenen Fenstern einer Wohnung entweichen, der Duft
der heißen Kastanien im Winter, der von Erdnüssen oder Eis an schönen Tagen, das alles konstituiert diese kleinen ‚Momente des Nichts‘, welche das Gesamt unserer Existenz ausmachen“ (Uebersetzung von Maffesoli 1979 S.181 in: Keller 2006 S.27).
Quellen:
magazin-auswege.de – 24.7.2013 Rauschhafte Vergemeinschaftung
Maffesoli, Michel (1993). The Time of the Tribes – The Decline of Individualism in Mass Society.
Niekrenz, Yvonne (2011). Rauschhafte Vergemeinschaftungen - Eine Studie zum rheinischen Straßenkarneval. Wiesbaden: VS Springer.
Pressemitteilung der Universität Rostock vom 15.7.2013 - PM_Uni-Rostock_Rauschhafte-Vergemeinschaftung_2013-07-24.pdf - http://idw-online.de
Kommunikationstheorien und die Kritik der alten "Kanaltheorie"
In diesem Kapitel soll es um 'Relationalität' gehen, um 'alles was mit Beziehungen zu tun hat' gewissermassen... Um etwas Ordnung in dieses sehr grosse Feld der Bezogenheiten zu bringen, möchte ich auch hier wiederum historisch beginnen und zunächst die klassische Kommunikationstheorie und zugleich deren Kritik vorstellen. Pate stehen mir meine KollegInnen Dr. Maja Storch und Prof. Wolfgang Tschacher, welche sehr schön und eingängig in ihrem 2014 erschienen Buch 'Embodied Communication' mit dem saloppen Untertitel "Kommunikation beginnt im Körper - nicht im Kopf" sich zunächst ebendieser 'Kanaltheorie' annehmen:
"In den meisten Texten zur Kommunikationstheorie tummeln sich seltsame Begriffe. Da ist die Rede von einem Sender, einem Empfänger, von Codes und von Dechiffrierung. Die Begrifflichkeit ist eine technische und erinnert uns eher an militärische Szenarien als an friedliche Gesprächssituationen.
Was steckt dahinter? Schliesslich ist der Mensch kein Transistorradio, und wenn wir kommunizieren, befinden wir uns nicht im Krieg miteinander.
Das klassische Modell der Informationsverarbeitung von Shannon und Weaver (1949), auf dem die meisten auch der aktuellen Bücher zum Thema gründen, kommt nicht etwa aus der Psychologie. Tatsächlich hat die Kommunikationstheorie ihre Wurzeln in der Ingenieurwissenschaft und der militärischen Nachrichtentechnik – eine Tatsache, die den wenigsten bekannt sein dürfte. Das Modell wurde von zwei Mathematikern, Claude Shannon und Warren Weaver, entwickelt. Ihr Buch trägt den Titel: 'The Mathematical Theory of Communication" (Storch/Tschacher 2014 S.10).
Shannon und Weaver selbst beabsichtigten nicht, ihre Theorie auf die Kommunikation zwischen Menschen anzuwenden. Dass dies dennoch geschah, ist ein schönes Beispiel dafür, wie in der Vergangenheit Vorstellungen aus dem Bereich Technik vorschnell auf den Menschen übertragen wurden. Aehnliche Fehlübertragungen auf Vorgänge in lebenden Systemen finden sich in Konzepten der künstlichen Intelligenz [zur KI kommen wir noch], die sich der Computermetaphorik bedienen. Diese legt nahe, dass Menschen «Informationen verarbeiten» und «speichern» und dass sie – wie Computer – «programmiert» werden können. Mit der Uebertragung von Ueberlegungen, die im Bereich der Technik ihre Gültigkeit haben, wird man dem lebenden Wesen Mensch jedoch nicht gerecht" (ebenda S.12)
"Kommunikation bezieht den ganzen Körper ein und ist ein umfassender Prozess, der sich verbal-sprachlich wie auch nonverbal vollzieht und der bewusste und unbewusste Ebenen anspricht. Die auf allen Kommunikationsebenen beobachtbare Synchronisation unter kommunizierenden Menschen ist charakteristisch für Kommunikation, die Uebertragung von Informationsbits und -bytes ist es hingegen nicht." (ebenda S.19)
Kritik der Kanaltheorie: Die Illusion von der Gerichtetheit der Kommunikation
"Der erste Anlass zur Kritik ist derselbe, der auch für unser Konzept Embodiment (Storch et al. 2010) wichtig war: Auf der Verbindung Körper – Geist stossen wir stets auf Gegenverkehr! Wir wiesen darauf in den Abschnitten über Embodiment [oben und in Kap 8] hin. In der realen Kommunikation – ausserhalb des Morsefunks – ist es genauso. Wir haben es mit zweiseitig gerichteten Prozessen zu tun.
Empfänger hören nicht einfach auf zu senden, selbst wenn sie mit vier Ohren [Modell von Schulz von Thun] konzentriert zu lauschen versuchen. Die vorausgesetzte Gerichtetheit der Kommunikation ist eine Fiktion, die die Adäquatheit der Kanal-Modelle stark einschränkt. Wer sendet, empfängt gleichzeitig auch, und wer empfängt, ist zugleich auch weiterhin Sender. Wer jemals versucht hat, in einer brisanten Kommunikationssituation einfach nur ganz neutraler Zuhörer zu sein («Ich sag jetzt erst mal gar nichts mehr!»), hat sicher schon die Erfahrung gemacht, dass man nicht einfach nicht-senden kann. Der berühmte Grundsatz von Watzlawick, Beavin und Jackson (1969) lautete ganz entsprechend: Man kann nicht nicht kommunizieren (Axiom I dieser Autoren, [s.u.]). Darin steckt eine wichtige Erkenntnis, die uns dazu zwingt, die Illusion von der Gerichtetheit der Kommunikation aufzugeben" (Storch/Tschacher 2014 S.53).
Mit Platon zum Organon-Modell der Kommunikation
Lassen Sie uns trotz der berechtigten Kritik an der Kanaltheorie von Shannon und Weaver noch einen Moment im Bereich der funktionalen Kommunikationstheorien bleiben und in das Jahr 1933 zurückgehen. Aus diesem Jahr stammt eines der meistzitierten Werke der wissenschaftlichen Literatur zur Kommunikation: Karl Bühler legte sein Buch Sprachtbeorie mit dem Untertitel 'Die Darstellungsfunktion von Sprache' vor - und er entwickelte in ihm ein denkbar einfaches wie einleuchtendes Modell, das es uns leicht macht, Kommunikation als einen mehrschichtigen Prozess zu betrachten (vgl. Bühler 1978 S.24ff.).
"Das Modell ist mittlerweile weit verbreitet und wohl kaum ein Buch zur Kommunikationstheorie verzichtet auf seine in der Tat simplifizierende und dennoch Komplexität beweisende Darstellung. Karl Bühlers Organon-Modell ist
1) ein Zeichenmodell, das uns in die Welt der Semiotik führt und uns den Prozess, der zu Begriffen von Zeichen führt, auf einleuchtende Weise veranschaulicht,
2) ein Kommunikationsmodell, denn Sprache wird nun bezogen auf ihre kommunikative (austauschrelevante) Funktion näher betrachtet.
Das Schöne an diesem einfachen Modell ist, dass es die Kommunikationswissenschaft des 20. Jahrhunderts mit den Wurzeln der abendländischen Philosophie verknüpft. Denn als Grundlage für seine Ansätze diente Karl Bühler Platon - und insbesondere dessen Kratylos. In dem darin aufgezeichneten Gespräch bezeichnet Sokrates die Sprache als Werkzeug, als Organon" (Rau 2013 S.105f)."

Das 'Organon-Modell': das Werkzeug und seine ordnenden Fähigkeiten
Mithilfe des Instruments Sprache teilt ein Mensch einem anderen etwas mit. Wenn Sie nun in den Mittelpunkt des Organon-Modells [Abb. rechts] schauen, dann sehen Sie dort ein „Z“ - dieses steht für „Zeichen“ (und zeigt damit die enge Verbindung der Kommunikationswissenschaft zur Semiotik). Der Kreis, der die Spitzen des „Z“-Dreiecks umschließt, steht für den materiellen Zeichenträger, im Falle menschlicher Sprache die Schallwellen. Das Dreieck selbst weist uns darauf hin, dass es drei Seiten für die Funktionen des Zeichens gibt: Ausdruck, Appell und Darstellung.
In Karl Bühlers Darstellung greift der Kreis an einigen Stellen über das Dreieck hinaus. Dies bedeutet: Nicht alles wird allein vom Zusammenwirken von Zeichenfunktion und Schallausbreitung bestimmt (um hier einen Vergleich zu wagen: Die Höhe eines Stoppschildes ist auch nicht nötig, um dessen eigentliche Botschaft zu verstehen). Der Empfänger beachtet sozusagen automatisch nur das semiotisch für den Erkenntnisprozess Relevante. Dieses Phänomen bezeichnet Bühler als die abstraktive Relevanz (vgl. Bühler 1978, S. 28).
Dort, wo das Dreieck über den Kreis hinausreicht, sieht Bühler die Defizite des Zeichenträgers, in diesem Fall die Defizite der Sprache oder der Uebermittlung. So können beispielsweise im Sprechakt einzelne Teile des Gesagten beim Empfänger deshalb nicht ankommen, weil sie zu leise sind - oder auch, weil die Aufmerksamkeit nicht ausreicht. Dennoch können wir eine Rede, eine Predigt, ein Gespräch mit nicht voller Aufmerksamkeit oder nicht vollem Hörvermögen verfolgen, da wir - wie es Bühler nennt - eine apperzeptive Ergänzung vornehmen, wir denken uns die Brücken, wir denken das Fehlende hinzu (vgl. Bühler 1978, S. 28). Unser Gehirn also arbeitet fehlertolerant und vervollständigt das Signal. In diesem Aspekt liegt auch die Chance des Modells. Denn Bühler gibt uns die Möglichkeit, Kommunikation mit der Hermeneutik, dem Prozess des Verstehens zu verknüpfen, der seinerseits nur über die apperzeptive Ergänzung und die abstraktive Relevanz in allen Ausprägungen zu erfassen ist.
Wenn wir an diesem Punkt weiterdenken und den Aspekt der Resonanz hinzunehmen, so sind Kommunikationserfolg oder Kommunikationspräzision direkt an den Grad der Aufmerksamkeit gekoppelt, den wir einem Kommunikationsakt zugestehen.
(...) Die Leistung Bühlers und des Organon-Modells liegt darin, dass Sprache hier nicht als unbestimmtes Sortiment von Zeichen gesehen wird, sondern direkt mit einem Sender und einem Empfänger verbunden wird. Es ist das Ereignis des Sprechens, das der Sprache Wirkmächtigkeit verleiht. Deshalb betrachtet die Wissenschaft das
Organon-Modell heute als einen der Ausgangspunkte für eine systematische Kommunikationswissenschaft. Das sprachliche Zeichen leistet im Sprechakt drei Dinge:
- Das Zeichen symbolisiert Gegenstände oder Sachverhalte. Auf dieser Ebene steht die Funktion der Darstellung, die Ebene der Repräsentation im Blickpunkt. Die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem bezeichneten Objekt ist elementar. Ein Sender verbreitet über diesen Weg Informationen, d.h. sachlich zentrierte Inhalte.
- Das Zeichen kann ebenso von der Empfängerseite her betrachtet werden, denn an ihn richtet es sich ja. Die Funktion wäre der Appell: Das Zeichen fordert auf und will eine Reaktion auslösen.
- Das Zeichen „bezeichnet“ aber auch den Sender der Informationen. Der Sprecher drückt sich und seine Auffassungen aus, deshalb spricht Bühler hier von „Ausdrucksfunktion“ (Bühler 1978, S.28) - damit aber rückt in dieser Dimension die Beziehung zwischen dem Sender und dem von ihm verwendeten Code, d.h. den
von ihm verwendeten Zeichen ins Zentrum. Der Sprecher gibt etwas von sich preis, er tut etwas kund, er vermittelt etwas - und das kann auch eine Meinung sein" (Rau 2013 S.109-111)."
An dieser Stelle ähnelt das Organon-Modell von Bühler dem "Vier-Ohren"-Modell von Friedemann Schulz von Thun welches "Sachinhalt, Beziehung, Appell und Selbstoffenbarung" im Kommunikationsakt unterscheidet. Die Verwandtschaft der beiden Konzepte kommt nicht von ungefähr, denn das Modell des Hamburger Psychologen Schulz von Thun wurde durch das Organon-Modell von Karl Bühler angeregt. Allerdings nicht nur - denn darüber hinaus beruft sich Schulz von Thun auf Paul Watzlawick und die Palo-Alto-Gruppe (s.u.):
"Bühler unterscheidet ,drei Aspekte der Sprache’: Darstellung (=Sachinhalt), Ausdruck (=Selbstoffenbarung) und Appell. Watzlawick unterscheidet zwischen dem Inhalts- und dem Beziehungsaspekt von Nachrichten. Der ,Inhaltsaspekt’ ist gleichbedeutend mit dem ,Sachinhalt’ des vorliegenden [Organon-]Modells. Der 'Beziehungsaspekt' ist dagegen bei ihm weiter definiert und umfasst im Grunde alle drei: 'Selbstoffenbarung', 'Beziehung' (im engeren Sinne) und 'Appell', und damit auch den 'metakommunikatorischen' Anteil der Nachricht, der Hinweise darauf gibt, wie sie aufzufassen ist (Schulz von Thun 1981 S.30)"
Kommunikationswissenschaft: Eine symbolische Welt von Zeichen
Nach der Präsentation von eher technisch-psychologisch anmutenden Modellen zur Kommunikation möchte ich die 'Cultural Studies' und die Bildtheorien aus den vorangegangenen Kapiteln wieder mit ins Boot holen um somit den Bogen zur 'narzisstischen Verkennung der Welt' zu schlagen, wenn Kommunikation nicht oder ungenügend gelingt.
Die Version der Kommunikationswissenschaft, an die ich im folgenden anknüpfe, beginnt mit der Grundüberlegung, dass Menschen symbolische Wesen sind, die in einer symbolischen Welt von Zeichen leben, in Bezug auf deren Bedeutung sie handeln.
"Nicht nur sprachliche Begriffe, sondern auch Gesten und Bilder nehmen wir als kommunikativ gemeinte Symbole wahr. Die Sprache bildet natürlich ein ausgezeichnetes Symbolsystem, mit dessen Hilfe wir uns die Welt zugänglich machen, mit anderen kommunizieren und uns verständigen können, in der wir aber auch nachdenken, Erlebnisse zu Erfahrungen verarbeiten und sie einordnen, um wieder Bezug darauf nehmen zu können.
ln dieser symbolischen Welt ist Kommunikation die wesentliche Basisaktivität, weil wir darüber und nur darüber in Kontakt mit anderen Menschen, mit uns selbst und durch Symbole und deren Bedeutung mit der Welt überhaupt stehen. Ueber Kommunikation werden wir sozialisiert und erlernen sie dabei auch, über Kommunikation sind wir erst in der Lage, uns von anderen oder über Medien Erfahrungen anzueignen, obwohl wir sie nicht selbst gemacht haben. In diesem Sinn ist Kommunikation zugleich die Basis von Individuation und gleichzeitig auch von Vergesellschaftung des Einzelnen.
Kommunikation ist also insbesondere nicht der Transport von Informationen, wie zum Beispiel die Kommunikation über Gesten zeigt: Hier wird nichts transportiert, sondern die Menschen zeigen sich gegenseitig sinnvoll gemeinte Symbole an, die als sinnvoll interpretiert werden. Dabei weiss 'alter' natürlich nie wirklich genau, was 'Ego' meint, aber unter Berücksichtigung der Definition der Situation, des kulturellen Rahmens und der durch Sozialisation entstandenen Gemeinsamkeiten sind Verständigungsprozesse möglich, die durch eine "wechselseitige Perspektivverschränkung" (Mead 1969) stattfinden: Wenn ich mich in die Rolle des anderen hineinversetze, besitze ich aufgrund meiner Erfahrungen immer Anhaltspunkte, um die vom anderen konstituierten Symbole zu interpretieren.
Der damit gemeinte imaginative Rollentausch, auf dem Kommunikation beruht (Krappmann 1975; Krotz 1992), ist im Uebrigen auch zentral für die durch Sozialisation in einer spezifischen Kultur und Gesellschaft entstandenen Struktur des Menschen, der darüber innere Instanzen aufbaut - Bewusstsein von der Welt und zugleich Selbstbewusstsein (Mead 1973), aber auch innere Bilder von anderen und generalisierte Normen, wie sie Freud (1990) als Ich und Ueber-Ich beschrieben hat [vgl. Kapitel I: Strukturmodelle) und wie sie im Narzissmus verzerrt und einseitig überhöht bzw. erniedrigt sind, wie in Kapitel II zu lesen war]. (Krotz 2006 S.............
Welche gesellschaftlichen Implikationen visuelle Kommunikation haben kann, zeigt Christina von Braun, ausgehend vom Lacan'schen "Eintritt in die symbolische Ordnung" (vgl.Kap.4) im folgenden Zitat:
"In der modernen Kommunikationsgesellschaft erscheint das Verhältnis des Individuums zum kollektiven Imaginären wie eine Reaktivierung dieser primären Bindung [vgl.Kap.4: Entwicklungspsychoanalyse] und Trennungserfahrung: Um Subjekt zu werden, muss das Individuum unterscheiden lernen zwischen dem kollektiven und dem individuellen Selbst- und Fremdbild. Diese Unterscheidung fällt um so schwerer, als das moderne kollektive Ich immer als imaginäres Konstrukt zu erkennen ist. Das liegt an den Bildmedien selbst, die Anspruch darauf erheben, die Wirklichkeit selbst abzubilden.
Es liegt aber auch an dem Anschein körperlicher Geschlossenheit der modernen Gemeinschaften, die - sei es in den primären Bildern des »Volkskörpers« [vgl.Kap.5:NS-Esoterik] oder in den subtileren Bildern des sozialen Wohlfahrtsstaates mit seinem engmaschigen Netz von Kommunikationsfäden - eine scharfe Grenze zwischen denen drinnen und denen draussen ziehen.
Indem dieses Kollektiv die leibliche Beschaffenheit (oder das leibliche Wohl) derer, die drinnen sind, ins Zentrum seines Interesses rückt, verschafft es seiner Geschlossenheit den Anschein von Leiblichkeit. Das Kollektiv nimmt die Rolle einer »phantasmatischen Mutter« an - einer omnipotenten Mutter, die eben deshalb auch nie gelernt hat, den Mangel oder die Trennung zu ertragen. So entsteht nicht durch Zufall zeitgleich mit dem modernen Wohlfahrtsstaat (und anderen Erscheinungsformen dieser phantasmatischen »Mutter«) der Hungerstreik als Waffe der innenpolitischen Auseinandersetzung: Durch den Hungerstreik wird der kollektiven »Mutter« eben jenes Fürsorgerecht verweigert, dessen sie zu ihrer Beleibung bedarf. Gegen diese Ablösung erscheint sie machtlos. Denn das Kommunikationsnetz, das sie zusammenhält, wird zugleich zum Träger des Protestes. Der Hungerstreik, die Waffe des Verschwindens, bedarf und bedient sich der optischen Medien, um wirksam zu werden. Es ist übrigens interessant, daß der Hungerstreik zeitgleich mit der großen »Frauenkrankheit« der Moderne - den Essstörungen - auftaucht, in denen sich dieser Konflikt auf individueller Ebene widerspiegelt und deren Aufkommen engstens auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der technischen Sehgeräte zu sehen ist." (Von Braun 1995 S.130-131.
Quellen:
Bühler, Karl (1978). ....................................
Krotz, Friedrich (2006). Wandel von Identität und die digitalen Medien. In: Strauss, Bernhard, Geyer, Michael (Hrsg.). Psychotherapie im Zeitalter der Globalisierung. Göttingen: V&R, S.260-278
Rau, Harald (2013). Einladung zur Kommunikationswissenschaft. Nomos.
Schulz von Thun, Friedemann (1981). Menschliche Kommunikation - Drei Bände. Rowohlt.
Storch, Maja, Tschacher, Wolfgang (2014). Embodied Communication. Bern: Huber.
Von Braun, Christina (1995). Die »Dunkle Kammer« und der »Helle Kontinent«. Geschlechterbilder und visuelle Medien. In: Ueber Liebe und Krieg: psychoanalytische Zeitdiagnosen (Hrsg. Christa Rohde-Dachser). Göttingen/Zürich: Vandenhoeck und Ruprecht S.125-151
Kampfrhetorik oder Dialogik?
Marcus Knill, Schweizer Kommunikationsexperte zu den beiden Extremformen menschlicher Gesprächsführung:
"Werde ein Biest!" "Setze alles auf eine Karte!" "Plane die Karriere ohne Rücksicht auf das Gegenüber!" "Mach Dich mit Intrigen vertraut!" "Schlag den Gegner kompromisslos aus dem Felde!"
(...) Anstatt den Partner auch bei den härtesten Auseinandersetzungen stets ernst zu nehmen; wurde hartes Ellbogenverhalten und der rücksichtsloser Kampf propagiert. "Ichbezogenheit und Eigennutz" an Stelle von "dialogischem Verhalten". Es zeigte sich: Die kompromisslosen Tipps wurden in den fragwürdigen Schriften von den Autoren nicht zur Veranschaulichung unfairer Taktiken veröffentlicht - beispielsweise, um die fiesen Tricks besser zu erkennen, zu entlarven oder fair parieren zu können. (Dies wäre akzeptabel gewesen). Nein, die Kommunikationslandschaft wurde in den Strategiepapieren bewusst als eigentliches Schlachtfeld genutzt, nur mit dem einen Ziel: Auf Kosten der Gegenseite sich selbst durchzusetzen. Die Rechtfertigung dieses Verhaltens wurde damit begründet: Das Berufsleben sei auch hart und jeder kämpfe letztlich auch rücksichtslos nur um seine Haut. Menschen, die nicht auf der Strecke bleiben wollen, bleibe deshalb gar nichts anderes übrig, als das Gleiche zu tun oder mit noch härteren Methoden zu kämpfen.
Jeder Befürworter menschlicher Kommunikation weiss jedoch: Die umstrittenen Schriften mit den bewussten Aufforderungen zur Unfairness" gehören in die Ecke der "Kommunikationskillerliteratur" und sind alles andere als empfehlenswert.
NLP und die sog. 'Demagogische Kommunikation'
Walter Oetsch, österreichischer Professor der Wirtschaftswissenschaften zum boomenden NLP:
"Mein Verständnis von NLP, das ich tausenden Personen vermittelt habe: NLP als Mittel zur Selbststeuerung zu verwenden. Dazu kann man mit NLP-Methoden viel lernen. Ich praktiziere bestimmte NLP-Verfahren jeden Tag und bereichere damit mein Leben".
"Demagogische Kommunikation hat mit NLP per se nichts zu tun. NLP ist eine Sammlung unterschiedlicher (gut 30) Methoden, mit Bezug auf viele und einander widersprechende psychologische und therapeutische Ansätze. Man kann inhaltlich nicht sagen, was „das“ NLP aumacht. Hier finden sich von „NLPlern“ ganz unterschiedliche Standunkte. NLP stammt von der humanistischen Psychologie ab, mit sehr menschenfreundlichen Hintergründen. NLP in der ersten Runde (in den siebziger Jahren) wurde als Kurzzeittherapie verstanden. Es ging um wirksame Verfahren und Interventionen, in kurzer Zeit sollten Wirkungen erreicht werden. In den USA war das für arme Menschen gedacht, die sich keine kostspielige und lange Psychoanalyse leisten konnten.
Mit Beispielen aus dem sich durch das ganze Jahr 2016 hinziehenden Präsidentschaftswahlprozess in Oesterreich zwischen Van der Bellen und Hofer erörtert Walter Oetsch das Freund-Feind-Schema der NLP-geschulten FPÖ-Kader:
"Demagogische Kommunikation ist Kommunikation, die mit therapeutischen Zielen nichts gemein hat. Hier wir ein eigenartiges (und erfundenes) Welt-Bild transportiert: eine Gesellschaft, die nur aus zwei Teilen besteht, in dem dem „WIR“ von „DENEN“ (z.B. „das System“, „die Diktatur in Brüssel“, „Die Gutmenschen“, „die Hautevolee“, …) bedroht sind. DIE kümmern sich nicht um „UNS“. „UNS“ geht es schlecht oder zunehmender schlechter. „WIR“ haben eine riesige Wut. (Eine gute Erklärung über diese weltweite Welle findet sich aktuell im englischen Guardian). Demagogische Kommunikation will immer und auschließlich DIE diskreditieren: das sind amoralische Menschen, die lügen („Sie haben den Wahlkampf mit einer Lüge gestartet“), die immer zu DENEN gehören (Van der Bellen als „Freimaurer“), die auf DIE verächtlich herabschauen („Oesterreich ist Scheisse“), die kein Herz für DIE haben („Befehlsempfänger aus Brüssel“) und die überhaupt zur Gänze inkompetent sind („Sie haben niemals in der Wirtschaft gearbeitet“, Sie „reden“ nur über die Wirtschaft – und das zu einem angesehenen Universitätsprofessor der Volkswirtschaftlehre.) An „DENEN“ ist nichts wertvoll. Die vielen Muster der Kampf-Rhetorik dienen dazu dieses Welt-Bild zu transportieren: „DIE“ herunterzumachen, sich selbst moralisch zu erhöhen, den „Helden“ zu spielen (die Unfallsgeschichte) oder sich als Opfer von „DENEN“ anzusprechen. In den meisten TV-Debatte spielte Hofer mehrmals die Opfer-Rolle, mit teilweise erfundenen Behauptungen.
Auf konkrete Strategien Hofers in den TV-Wahlduellen nahm Oetsch in der Wiener Stadtzeitung FALTER 46/2016 wie folgt Stellung:
.......................
.......................
..................... (Transkripte aus den Online-Videos stammen von M.F.)
Mittel der „Kampfrhetorik“
Als einige der häufigsten Mittel der „Kampfrhetorik“ seien folgende erwähnt (aus: http://www.goal.ch/kampfrhetorik):
- Behauptungen: Der Hinweis auf Studien, Forschungsergebnisse etc. ist ein probates Mittel, um seine eigene Position zu stärken und den Gegner in Argumentationsnot zu bringen, sofern er keine „eigenen“ Studien ins Feld führen kann.
- Gerüchte: Ein Mittel der „Kampfrhetorik“ ist das Verbreiten von Gerüchten: „Ich habe gehört, dass …“ führt dazu, dass sich der Gegner, erstens damit beschäftigen muss, unangenehme Anschschuldigungen auszuräumen, zweitens man selber nicht der direkte Urheber der Anschuldigungen ist (man hat es ja nur „gehört“ und will es nun im direkten Gespräch überprüfen) und drittens der Zuhörer, auch bei der besten Entkräftung, immer das Gefühl behält, es könnte doch etwas am Gerücht dran sein (Motto: „Wo viel Rauch ist, ist auch Feuer“).
- Pauschal-Urteile: Mit Aussagen wie „noch nie“, „immer“ „schon wieder“ wird der Kontrahent mit einem Pauschal-Urteil belegt, das beim Zuhörer ein bewusst angestrebtes Negativ-Bild hervorruft: „Sie hören schon wieder nicht zu!“. Diese Aussage erzeugt beim Zuhörer das Bild des „Nicht-Zuhörers“.
'Schwarze Rhetorik' konkret: "15 ziemlich fiese Rhetoriktricks"
1. Unterbrechen und zwar permanent: Der Kampf-Rhetoriker unterbricht seinen Gegner mit kurzen geschlossenen Fragen, auf die er eine offene Frage folgen lässt. "Finden Sie das gut? Nein? Warum stimmen Sie dann zu?"
2. Wirr fragen, um den Gegner dumm aussehen zu lassen: Diese Vorgehensweise besteht aus der höflichen Bitte, eine Frage stellen zu dürfen, dann eine Frage zu stellen, die man nicht klar beantworten kann, und daraufhin einige Fakten zusammenzufassen und dem Gesprächspartner zu unterstellen, er kenne diese nicht.
3. Den naiven Laien spielen: Sie geben den Ahnungslosen, der um Verständnis ringt. Sie wollen aber in Wirklichkeit nicht verstehen. Ihr Gesprächspartner muss sich dauernd wiederholen, verliert seine Argumentationslinie.
4. Dagegen sein, gegen alles, ständig: Das ständige Dagegensein, Einschränken und Widersprechen verwirrt das Gegenüber und bringt es aus der Ruhe. "Wir müssen doch bedenken ..." "Hochinteressant, aber ..." Eine gewisse Missbilligung wird in der Körperhaltung zusätzlich zum Ausdruck gebracht.
5. Verdeckt beleidigen: Mit der Du-Botschaft zeigt der Sprecher quasi mit dem Finger auf sein Gegenüber, ohne es direkt zu beleidigen. Statt "Da habe ich mich leider nicht deutlich ausgedrückt" sagt man: "Sie verstehen mich falsch."
6. Offen die Kompetenz in Zweifel ziehen: Es geht darum, die fachlichen Fähigkeiten des Gegners in Frage zu stellen, ohne auf die Inhalte einzugehen. "Er redet so, weil er so jung ist. Er weiß es noch nicht besser, weil ihm schlicht Lebenserfahrung fehlt." Funktioniert auch gegen ältere Gegner. Alte Redner gelten dann als nicht mehr zeitgemäss.
7. Direkt herabwürdigen: Man beleidigt die Vertreter der Gegenmeinung ganz unverstellt. Das bietet sich an, wenn der Gesprächspartner zum Beispiel zu einer Berufsgruppe gehört, deren Reputation in der Oeffentlichkeit oder im Betrieb ohnehin schlecht ist. Eine verfeinerte Variante der unfairen Dialektik: den Gegner persönlich attackieren und dabei witzig sein. Zum Beispiel: "Die Farbe Ihres Hemdes entspricht Ihrer Gesinnung." Oder: "Jemand, der so viel isst, muss Probleme haben beim Denken."
8. Die Integrität des Gegners in Zweifel ziehen: Sie verdächtigen Ihren Gegner, seine eigenen Grundsätze nicht zu befolgen: "Sie verlangen von uns allen ökologisches Verhalten. Aber zur Diskussion sind Sie mit dem Flugzeug angereist." Sie unterstellen ihm, ein verkniffener Moralapostel zu sein.
9. Nebensächlichkeiten aufblasen: Nebensächlichkeiten werden hochgespielt, so dass der Zuhörer die Hauptsache (die eigentliche Absicht) nicht erkennt.
10. Moralisch werden: Eine der besten, schärfsten und unfairsten Waffen im Wortgefecht ist die Moral. "Wer nach Tschernobyl immer noch Atomkraftwerke fordert, spuckt auf die Gräber der Atomtoten." "Wer die Organisationsstruktur des Unternehmens ändert, zerstört es und tritt das Erbe unserer Väter mit Füssen."
11. Mimen Sie den großzügigen Strategen: Fakten und Zahlenmaterial, die Ihre Thesen in Frage stellen, werden als Ausdruck kleinlicher Buchhaltermentalität und als "kleinkariert" abgetan: "Die große Linie ist gefragt."
12. Geben Sie den Sorgfältigen, der Details nicht vernachlässigt: "Ihr Argument ist mir einfach zu ungenau." Auch mit der Floskel "Das ist schnell dahergesagt" nimmt man dem Gegner schnell den Wind aus den Segeln. Denn: Der Teufel steckt oft im Detail.
13. Gute Floskeln für schlechte Argumente: Wenig fundierte Argumente können glaubwürdiger wirken, wenn sie geschickt ergänzt oder eingeleitet werden. Beispiel: "Es muss doch einleuchten, dass..." oder "jedenfalls wird es jeder mit gesundem Menschenverstand bestätigen, dass..."
14. Der Trick mit dem Konjunktiv: Mit der Konjunktivfrage nützt man aus, dass Menschen gerne über die Zukunft sinnieren. "Was würden Sie tun, wenn Sie nächste Woche fünf Millionen Euro gewinnen?" Autor Wolf Ruede-Wissmann prophezeit: "90 Prozent der so Befragten reagieren auf die Konjunktivfrage, erzählen von ihrer Traumvilla und ihrem künftigen Sportwagen. Auf diese Fragen geben die Leute oft mehr von sich preis, als ihnen lieb ist.
15. Fragen kontern oder elegant abwehren: Grundsätzlich gilt das Prinzip: "Wer fragt, der führt - wer antwortet, wird geführt". Ein geschickter Gesprächspartner sagt erst einmal gar nichts, oder er antwortet mit einem anderen Thema. Nicht zu verachten ist auch die Gegenfrage à la "Ja. Warum?". Oder die Herabwürdigung des Fragestellers: "Die Information kann ich Ihnen geben, aber was machen Sie damit?" Statt der Gegenfrage ist natürlich auch die Killerantwort möglich. "Da muss ich erst einmal in Ruhe nachdenken" lautet eine Version. Diese Antwortform müsse man beherrschen wie die tägliche Begrüßung, sagt Ruede-Wissmann, denn dies sei eine überaus wirksame Form, unangenehme Fragen abzuwehren.
Zusammenfassung des FAZ-am-Sonntag-Artikels "15 ziemlich fiese Rhetoriktricks": Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 1.4.2007 Nr.13 S.V17
Wie reagieren?
Wie reagiert man am besten auf solche „Kampfrhetorik“ und Demagogische Kommunikation? (aus: http://www.goal.ch/kampfrhetorik)
"Die 4-I-Methode von Albert Thiele „Ignorieren – Ironisieren – Identifizieren – Isolieren“ ist ein griffiges Instrumentarium, um selbst bei heftigsten Angriffen unter der Gürtellinie die Oberhand zu behalten:
- Ignorieren: In dieser ersten Abwehrstufe wird versucht, den Kontrahenten mit seinen Angriffen ins Leere laufen zu lassen, indem man bewusst immer wieder auf die Sachebene zurückkommt: „Wenn Sie unsachlich werden wollen, können Sie das gerne tun. Ich ziehe es vor, auf der Sachebene zu bleiben…“
- Ironisieren: Wenn jemand laut oder persönlich wird, kann gut mit einer ironischen Bemerkung gekontert werden: „Lautstärke macht Ihre Argumente nicht besser…“ Oder: „Haben Sie keine besseren Argumente als persönliche Angriffe…?“
- Identifizieren: Oftmals ist es auch sinnvoll, die Angriffstechnik des Gegenübers für das Publikum sichtbar zu machen, um so sein fragwürdiges Handeln zum Thema zu machen: „Es geht Ihnen nicht um die Sache. Sie argumentieren nur unter der Gürtellinie. Da mache ich nicht mit, denn mir geht es um die Sache und unseren Zuhörern wohl auch…“
- Isolieren: Bei äusserst heftigen Angriffen bietet sich die Möglichkeit, den Urheber der Angriffe mit seiner Rhetorik-Strategie blosszustellen und Druck auf ihn aufzubauen. Das kann auch bis zur Androhung (die im Notfall auch vollzogen werden muss) der Beendigung des Gesprächs gehen".
Quellen:
Beck, Gloria (2007). Verbotene Rhetorik. Die Kunst der skrupellosen Manipulation. Eichborn.
Knill, Marcus .......... http://www.rhetorik.ch/Kampfrhetorik/Kampfrhetorik.html
Lindart, Marc (2016). "Was Coaching wirksam macht: Wirkfaktoren von Coachingprozessen im Fokus"
Cicero, Antonia/ Kuderna, Julia (1999). Die Kunst der "Kampfrhetorik": PowerTalking in Aktion. Paderborn: Junfermann.
Oetsch, Walter (2016). Die Kampf-Rhetorik von Norbert Hofer und NLP - Versuch einer Richtigstellung. Online: http://www.walteroetsch.at/die-kampf-rhetorik-von-norbert-hofer-und-nlp-versuch-einer-richtigstellung/
Ruede-Wissmann, Wolf (2007). Bullfighting: Die härteste Kampf-Rhetorik. So besiegen Sie Ihre Feinde. Signum.
Weitere Online-Quellen:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/15-ziemlich-fiese-rhetoriktricks-1439162.html
http://www.rhetorik.ch - http://knill.blogspot.ch/ - Knills Webseite und Blog mit u.v.a. Fachartikeln und Stellungnahmen zu aktuellen (Medien-)eregnissen
http://www.persoenlich.com/blog/verteufelter-populismus
www.rhetorik-coach.de/kampfrhetorik.html
wigbit.voegb.at/index.php/Kampfrhetorik
www.hps-training.com/at/trainings/.../konfliktorientierte-kampfrhetorik-0.html
www.goal.ch/kampfrhetorik/
Dialektik und der Positivismusstreit
Quellen:
Adorno, Theodor W. (1966). Negative Dialektik. Frankfurt am Main: Fischer.
Adorno, Theodor W., Horkheimer, Max (1969).: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer.
Holz, Hans Heinz (2011). Dialektik - Problemgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart (5 Bände). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Popper, Karl R. (1968). Was ist Dialektik? In: Topitsch, Ernst (Hrsg.). Logik der Sozialwissenschaften 5, S.262–290.
Ritsert, Jürgen (2008). Dialektische Argumentationsfiguren in Philosophie und Soziologie. Hegels Logik und die Sozialwissenschaften, Münster.
Schopenhauer, Arthur (2002). Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten. Haffmans Verlag.
Synergetik: Die Theorie der Selbstorganisatiuon
Systemtheorie und das Prinzip der Selbstorganisation
"Der deutsche Physiker Hermann Haken hat aus beiden Aspekten, Systemtheorie und Selbstorganisation, eine interdisziplinäre Theorie, die «Synergetik», entwickelt und mathematisch fundiert (Haken&Wunderlin 1991, Tschacher 1997). Die Synergetik ist eine sogenannte Strukturwissenschaft, die sich nur um Strukturen und Zusammenhänge im Allgemeinen kümmert. Das ist ganz so wie bei der Mathematik, einer weiteren Strukturwissenschaft. Die Anwendung strukturwissenschaftlicher Zusammenhänge auf reale Sachverhalte ist dagegen Aufgabe der Einzelwissenschaften wie etwa Physik, Biologie oder Psychologie. Die große Leistung Hakens ist es nun, auf die großen Aehnlichkeiten hingewiesen zu haben, die unterschiedliche Systeme zeigen, wenn sie sich «selbst organisieren». Haken befasst sich mit komplexen Systemen, also Ganzheiten, die aus sehr vielen einzelnen Teilen, den «Elementen» des Systems, zusammengesetzt sind. Wenn sich solche Systeme in einem energiegeladenen Kontext befinden, sozusagen unter Strom gesetzt werden, zeigen sie plötzlich selbstorganisierendes neues Verhalten. Dieses Unterstromsetzen ist bei allen selbstorganisierenden Systemen eine notwendige Randbedingung.
Selbstorganisation bedeutet, ein System entwickelt ganz allein und von selbst Ordnung und Muster – man spricht daher auch von spontaner Musterbildung. «Von selbst» heisst, die Muster sind nicht von irgendjemandem vorgeschrieben oder in das System hineinprogrammiert. Musterbildung findet man überall, sogar beim allseitigen Lieblingsthema, beim Wetter. Hochgradig geordnete «Wolkenstrassen» am Himmel sind ein Beispiel, Wirbelstürme ein anderes. Wer aber hat den Wolken die Ordnung verliehen? Niemand, sie entstehen unter bestimmten Randbedingungen von selbst.
Es gibt viele Musterbildungsprozesse in der Biologie, von den schönen Formationen, die Schwärme von Vögeln und Fischen hervorbringen, bis zur kollektiven Schwarmintelligenz bei Bienen und Ameisen. Bei diesen Systemen treffen wir auf eine Form der Musterbildung, die auch in der Kommunikation von Bedeutung sein wird: die Synchronie. Synchronie bedeutet im Fall von Tieren: In einem komplexen «System», bestehend aus vielen einfach gestrickten Einzelorganismen, verhält sich das Ganze in einer regelhaft geordneten Weise, sobald die einzelnen «Elemente» zusammentreffen.
Besonders beeindruckend sind Musterbildungen in der Wahrnehmung [vgl.Kap.2:Optik], also im Bereich der Psychologie. Jeder kennt Beispiele aus der Gestaltpsychologie, bei denen man sich selbst gewissermaßen dabei zuschauen kann, wie sich die Teile der Wahrnehmung zu einer Ganzheit zusammenfügen – auch ohne dass man das bewusst so will.
Hier bietet sich also eine Alternative zur Computer-Metapher an. Sie lautet: Der Geist organisiert und gestaltet sich selbst. Diese selbstorganisierenden Prozesse sind von keinem Programmierer vorgeschrieben, es braucht hierfür keine externe Kontrolle, vorausgesetzt sind nur geeignete Randbedingungen.
Wie hängt das mit Embodiment zusammen? Bei selbstorganisierenden Systemen gibt es stets Randbedingungen, das heißt, die Umwelt, in der sich das System befindet, wird immer mit berücksichtigt. Die Synergetik behandelt also stets offene Systeme. Das System ist offen für Einwirkungen aus seiner Umwelt. Und in dieser Weise ist auch der Geist ein offenes System, da er in ständigem Austausch mit körperlichen Einflüssen steht. Deshalb sagen wir: Der Geist ist in den Körper «eingebettet». Die Leiblichkeit des Geistes besteht in dessen Umhüllung und Einbettung in den Körper. Wichtig ist also: Unser Körper beeinflusst via Embodiment die geistige
Musterbildung entscheidend und andauernd. Das tut er vor allem dann, wenn die Reize nicht hundertprozentig eindeutig sind – und das sind sie sehr häufig nicht. Das schließlich bedeutet: Der Körper spricht praktisch immer mit – beim Denken, beim Wahrnehmen und in der Kommunikation" (Storch/Tschacher 2014 S.41-43).
Gleichgewicht (Homöostase), Selbstregulation und Intersubjektivität
Die einführende Darstellung von Kommunikationstheorien und systemtheoretischen Ausführungen möchte ich ganz unbescheiden mit einem Selbstzitat aus dem Vorwort dieses Buches als These bereichern:
"Psychische Gesundheit bedingt also ein jeweils adäquates, kontextabhängiges Einpendeln und Aktivieren sowohl des inneren als auch des äusseren Selbst.
Gemäss der 50/50-Regel (siehe Kap. 5): ca. 50% muss ich selbstbewusst (!) selber beitragen zu meinem Glück, die anderen 50% muss ich die Spannung des Nichts-Tun-Könnens [s.u.: Jessica Benjamin] aushalten und muss anerkennen, dass ich von Anderen und vom Kontext abhängig bin) sollte beides in der Summe ausbalanciert sein.
Das wahre Selbst ist also nicht besser oder schlechter, nicht wahrer oder falscher als das falsche Selbst bzw. der Narzissmus, sondern erfüllt andere, nach innen gerichtete, "private" Funktionen des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Im Zusammenspiel der beiden (daher der Buchtitel: 'Regulation in Relation') entsteht erst ein ausbalanciertes und "stimmiges", achtsames bzgl. sich und glztg. den Anderen, Lebensgefühl und eine robuste Identität als Andere anerkennender und wertebewusster Mensch".
--> Bertalanffy, Haken, Schiepek, Tschacher, Grawe: Allgemeine Systemtheorie, Kybernetik, Synergetik, Feldtheorie, Homöostase, Attraktoren etc.............
--> Freud: Triebtheorie, ...............
http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstregulation
Die intersubjektive Wende
"Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung" - vom Propaganda-Marketing und "Impression Management" zur würdevollen Integration in die real existierende Gesellschaft
Definitionen: Die intersubjektive Wende
aus: Günter Gödde in Benjamin Jörissen, Jörg Zirfas (Hrsg.). Schlüsselwerke der Identitätsforschung, S. 33
Demgegenüber bedeutet die intersubjektive Wende eine Verschiebung in beide Richtungen: sowohl von unten nach oben als auch von innen nach außen, aber nicht im Sinne einer bloßen Antithese, sondern eher im Sinne einer neuartigen Synthese von Psychischem und Sozialem, von Selbst und Anderem. In den Worten von Martin Altmeyer:
„Das Selbst bedarf des Objekts – der Spiegelung im Anderen, der Anerkennung durch den Anderen, der Widerständigkeit des Anderen usw. –, wenn es so etwas wie Identität ausbilden
will“. Demnach müsse sich das Selbst den Dialog mit dem Anderen „nicht abringen oder nicht von außen aufzwingen lassen, es besitzt selbst eine dialogische Binnenstruktur, in die der Andere
eingelassen ist und ‚virtuell‘ schon einen Platz besetzt hält“ (Altmeyer 2005: 655, 657).
Das individuelle Selbst entsteht in einem interaktiven Zwischenraum, der als „psychische Matrix“ (Hans Loewald), als „relationale Matrix“ (Stephen Mitchell), als „wechselseitige Anerkennung“ (Jessica Benjamin) oder als „analytisches Drittes“ (Thomas Ogden) konzipiert worden ist.
Ist die Aufteilung in die Systeme des Unbewussten, Vorbewussten und Bewussten als erste Topik und die Unterscheidung der Instanzen von Es, Ich und Ueber-Ich als zweite Topik bezeichnet worden, so kann man angesichts des aktuellen Diskurses an eine dritte Topik von Innen, Außen und Zwischen bzw. von Selbst, Anderem und Interaktion denken. Dazu müssten die bisherigen intrapsychischen Konzepte nun in intersubjektiven Perspektiven neu entworfen und ausgestaltet werden. Im psychoanalytischen Gegenwartsdiskurs sind allerdings nach wie vor traditionsbewusste Tendenzen virulent, die nicht nur die Exklusivität psychoanalytischer Institutionen verteidigen und von einem hypertrophen Wahrheitsanspruch der Psychoanalyse erfüllt sind, sondern auch auf einer internalistischen Konzeption des Mentalen beharren. Dennoch hat sich ein kritisches Problembewusstsein dahingehend entwickelt, dass „gerade das Festhalten an solchen Traditionen die Psychoanalyse auf eine wissenschaftliche und gesellschaftliche Außenseiterposition festlegt, die ihre professionelle Zukunft gefährdet“ (Altmeyer 2004 S.113).
Intersubjektivität
von Ulrich Schultz-Venrath
1. Definition
Intersubjektivität wurde in den letzten Jahren als eine Sichtweise der klinischen Theorie der Psychoanalyse entwickelt (Stolorow und Atwood 1996). Das kommunikative Verständnis der analytischen Situation wird hierbei ins Zentrum gestellt. Mitchell (2000) spricht von einem »relational turn«, einem Paradigmawechsel, mit dem die analytische Situation neu konzeptualisiert werde. Intersubjektivität ist aufdiese Weise eng mit der relationalen Psychoanalyse verbunden. Die analytische Beziehung wird alseine Subjekt-Subjekt-Beziehung verstanden, deren Struktur mehr einer Gegenseitigkeit (»mutuality«) und weniger einer polaren Subjekt-Objekt-Komplementarität entspricht.
Intersubjektive Analytiker »betonen die Unvermeidlichkeit einer gegenseitigen und reziproken Beeinflussung zwischen Patient und Analytiker« (Bohleber 2006 S.205) und vertreten als »Grundannahme, dass die psychoanalytische Begegnung von zwei aktiven Teilnehmern gemeinsam konstruiert (ko-konstruiert) wird« (Fonagy und Target 2006 S.278). Sie setzen sich damit von der klassischen Idee des Analytikers als Beobachter ebenso ab wie von einer einseitigen Beeinflussung des Patienten durch den Analytiker. Die intersubjektive Sichtweise betont das »Zwischen« in der analytischen Situation, vergleichbar mit dem »potential space« von Winnicott (Aron 1996), und versteht die psychoanalytische Situation als ein durch die Beiträge von Analytiker und Analysand gleichermaßen gestaltetes dynamisches Feld, das - je nach theoretischer Orientierung - mehr symmetrisch oder mehr asymmetrisch gesehen wird. Im Unterschied zur klassischen Auffassung lassen sich nach diesem Modell viele Phänomene der analytischen Situation nicht mehr linear-kausal einem der beiden Beteiligten zuschreiben, sondern sind durch zirkulär aufeinander bezogene Beziehungsprozesse zu verstehen.
Während die meisten Psychoanalytiker dieser Konzeptualisierung wahrscheinlich zustimmen, besteht eine geringere Ueberein stimmung hinsichtlich der klinischen Implikationen (Frie und Reis 2001): Sind die Begriffe intersubjektiv, interaktionell und interpersonell austauschbar? Gibt es eine intersubjektive Theorie oder mehrere? Ist die Subjektivität des Patienten und des Analytikers nur ein Produkt der intersubjektiven Dyade? Ist Intersubjektivität selbst ein Motivationssystem, ähnlich dem Bindungssystem und der Sexualität, wie es Daniel Stern (2007) sieht? Wegen dieser offenen Fragen ist davon auszugehen, dass sich unter Intersubjektivität relativ heterogene psychoanalytische Vorstellungen versammeln.
2. Klassische Auffassung
Freud benutzte den Begriff »Intersubjektivität« nicht. Gleichwohl handelt es sich beim »relational turn« um eine Auffassung, die sich im Ansatz bereits in Freuds Formulierung findet, dass »im Seelenleben des Einzelnen [...] ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht [kommt]«, weshalb »die Individualpsychologie ... von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie« sei (Freud 1921c S.73).
Der Intersubjektivitätsbegriff hat verschiedene Wurzeln:
• Das nordamerikanische Modell der Persönlichkeitsentwicklung nach Sullivan (1953); dieser lehnte es ab, Störungen ausschließlich auf intrapsychische Mechanismen zurückzuführen. Stattdessen vertrat er, dass man niemanden verstehen könne, wenn man ihn nicht in seinen Beziehungen zu anderen Menschen sehe.
• Mitchells (2000) Entwurf einer relationalen Psychoanalyse, in der die verschiedenen theoretischen Ansätze von Loewald (1974), Guntrip (1969), Bowlby (1978), Winnicott (1974) und Sullivan hinsichtlich Individualität, Subjektivität und Intersubjektivität integriert werden.
• Europäische Konzepte (Bohleber 2006), zu denen die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen Lorenzers ebenso zählen wie Argelanders szenisches Verstehen. Dieses fand seine am weitesten fortgeschrittene Explikation in der analytischen Gruppenpsychotherapie, in der der Patient als »Sprecher einer gemeinsamen unbewussten Aktion der Gruppe« gesehen wurde (Argelander 1968 S.914).
• Der radikale Konstruktivismus der 1980er Jahre hat das Intersubjektivitätstheorem ebenfalls beeinflusst: »Wir können uns nicht sehen, wenn wir uns nicht in unseren Interaktionen mit anderen sehen lernen und dadurch, dass wir die anderen als Spiegelungen unserer selbst sehen, auch uns selbst als Spiegelung der anderen sehen« (Maturana 1987 S.117).
Patient und Analytiker interagieren über die Bedeutungsgehalte der Sprache, mit ihrer Stimme, Bewegung, Gestik. Sie beeinflussen beispielsweise wechselseitig ihren Atemrhythmus, indem sie leibhaftig und unmit telbar sinnlich aufeinander einwirken, ohne dass ihnen das bewusst wird (Scharff 2010).
Soll dies konzeptuell gefasst werden, gerät die Unmittelbarkeit intersubjektiver Begegnung in den Mittelpunkt. Stern (2007) kritisierte mehrfach, dass die psychoanalytische Behandlungstechnik viel zu schnell das präsentische Moment der Begegnung und Erfahrung verlasse, um nach Bedeutung zu suchen. Aus Sicht der relationalen Psychoanalyse liegen aber diese präsentischen Erfahrungen, die affektiv bedeutsam sind und nur vorsprachlich erfahren werden, der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung zugrunde. Ein Risiko der klassischen Theorie der analytischen Beziehung bestehe darin, in der Suche nach Bedeutung diese basalen Erfahrungsebenen auszublenden.
Der Inter-Subjektivismus wird klinisch aktuell am konsequentesten in Gestalt der mentalisierungsbasierten Einzel- und Gruppentherapie vertreten (Allen et al.2011; Bateman und Fonagy 2011; Karterud/Bateman 2011; Schultz-Venrath 2008; 2011; Leszcz/Malat 2012; Schermer/Rice 2012). Eine gewisse Unschärfe, entsteht dadurch, dass bisher nicht systematisch Intersubjektivität zwischen den Begriffen »interaktiv« und »intersubjektiv« unterschieden wird (Whitebook 2001 S.781).
3. Ideengeschichtlicher Hintergrund
Freud (1905a S.17) hatte den Analytiker noch mit einem Bildhauer verglichen, der anders als der Maler nichts aufsetze, sondern eher etwas wegnehme. Gegen dieses
Gleichnis kann eingewendet werden, dass sich kein Patient gerne nach den Vorgaben seines Analytikers zurechthauen lassen mag. Nimmt man diesen Einwand ernst, »dann wird nicht nur der Patient, sondern auch der Analytiker zurecht gehauen - und das ist fraglos ein ziemlich unterbelichteter Teil in der Theorie, aber Alltag in der Erfahrung« (Buchholz 2005 S.630).
Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse ist ohne die philosophischen Entwicklungen im Europa der letzten bei den Jahrhunderte nicht zu verstehen (Frieund Reis 2001). Intersubjektive Psychoanalytiker können sich aufdie phänomenologische Philosophie und Psychologie, auch Soziologie und Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts berufen, für die u.a. Husserl, Wittgenstein, Davidson, Mead, aber auch Cavell (1994 S.40) stehen: »Subjektivität ist der Intersubjektivität nicht vorgängig, sondern taucht gleichzeitig mit ihr auf«.
Diese Auffassung kulminiert in der philosophischen und medizinischen Anthropologie der 1950er Jahre im Begriff der »Begegnung«. Sie gründet auf den philosophischen Entwürfen des Dialogs, wie sie unter anderem von Martin Buber, Franz Rosenzweig und Viktor von Weizsäcker seit den 1920er Jahren entwickelt wurden (Theunissen 1997). So beziehen sich die Vertreter der Intersubjektivität u.a. auf Edmund Husserls Phänomenologie, auf Martin Bubers »Zwischen« und »Gegenseitigkeit« einer unmittelbaren »Ich-Du-Beziehung« (Buber 1923) sowie nicht zuletzt auf Viktor von Weizsäckers Gestaltkreis (1940) mit seinem Verschränkungskonzept von »Wahrnehmen und Bewegen«, in deren Theorien das Ich, bzw. das Selbst, immer intersubjektiv konstituiert wird.
Diese Ansätze verbinden darüber hinaus mit Intersubjektivität eine Vorstellung von Intentionalität, mit der das Bewusstsein von vornherein auf etwas gerichtet ist (Bohleber 2006 S.209).
Thea Bauriedl (1980) versuchte lange vor den Arbeiten Mitchells, von dem Hintergrund ihrer familientherapeutischen Erfahrungen, mit ihrer Kritik an verschiedenen intrapsychischen Begriffen (z.B. der Abwehr oder der Abstinenz), die Psychoanalyse als Beziehungswissenschaft aufzufassen.
»Dass das Handeln des Psychoanalytikers so wenig gesehen werden kann, hat wohl damit zu tun, dass man es lange Zeit für etwas Verbotenes hielt und deshalb nicht sehen konnte, dass der Psychoanalytiker auf der Beziehungsebene immer handelt, auch wenn er schweigt« (Bauriedl 1994 S.169).
Freud und seine Schüler hatten ihr Interesse ausschließlich auf das Unbewusste gerichtet, wodurch Aspekte des verdrängten »Gegenwartsmoments« und der phänomenalen Erfahrungen weitgehend unbelichtet blieben. Dieser Aspekt kam erst durch die Ergebnisse der Bindungsforschung in die psychoanalytische Theorie: Die Entdeckung der äußeren Welt wird erst durch die Psyche Anderer möglich (Fonagy und Target 2007). Das Selbst-Gewahrsein und die Selbstwirksamkeit (seif agency) des Säuglings als Voraussetzung von Selbstbewusstheit eröffnen neue Perspektiven auch für die Behandlungstechnik (z. B. Fragen statt Deuten). Unabhängig davon, dass (intersubjektives) Bewusstsein einer Art erweiterter dyadischer oder polyadischer Beziehungen (z.B. einer Gruppe) entstammt, kann heute davon ausgegangen werden, dass Gefühle wie Bewusstsein - und später die Sprache - erst sozial durch Spiegelung konstruiert werden. Insofern kann »reflexives Bewusstsein erst auftauchen, sobald ein >Anderer< anwesend ist, um zu bezeugen, dass wir eine phänomenale Erfahrung haben« (Stern 2007 S.132ff). Dies erklärt, warum sich Psychoanalytiker vermehrt mit der Bedeutung von Handlung, bzw. »acting in« und Erleben als Teil der psychoanalytischen Situation beschäftigten.
4. Wesentliche Erweiterungen, Differenzierungen und Modifikationen
Die Bezeichnung »inter-subjektiv« fasst im psychoanalytischen Diskurs inzwischen unterschiedliche Phänomene. Die einen meinen damit die Interaktionen zwischen den Subjekten, die anderen in Anlehnung an einen neueren phänomenologischen Diskurs (Waldenfels 2002) den Zwischenraum zwischen Subjekt und Anderen (Quindeau 2008 S.39). Während die klassische psychoanalytische Theorie bezüglich der Selbstentwicklung von internalisierten Trieben ausgeht, betont der interpersonelle Ansatz die von Beginn des Lebens an sich entwickelnden, vielfältigen Handlungen (»Am Anfang war die Tat«, so Goethe!) und Beziehungen, welche gleichzeitig zur Entwicklung des Subjekts und der Intersubjektivität, beitragen. Insofern bekommen die bindungstheoretischen Befunde zur frühen Entwicklung ein neues Gewicht für die psychoanalytische Theorie, ebenso die neurowissenschaftlichen Entdeckungen der sogenannten Spiegelneurone. Unter den - auch beim Menschen gefundenen - Spiegelneuronen handelt es sich um Neuronen, die sowohl feuern, wenn ein Individuum eine bestimmte Handlung ausführt (z.B. nach dem Futter griff), als auch, wenn es ein anderes Individuum bei einer ähnlichen Handlung beobachtet (Rizzolatti und Sinigaglia 2008, S.89f.) Durch Spiegelneurone werden nicht nur Handlungen, sondern auch Emotionen (visuell) zwischen zwei Subjekten unmittelbar geteilt: »Nehmen wir bei anderen Schmerz oder Ekel wahr, werden dieselben Bereiche der Großhirnrinde aktiviert, die beteiligt sind, wenn wir selbst Schmerz oder Ekel empfinden. Dies zeigt, wie tief verwurzelt und stark die Beziehung ist, die uns mit anderen verbindet, oder wie bizarr es ist, sich ein Ich ohne ein Wir vor zustellen« (Rizzolatti und Sinigaglia 2008, S. 15). Dies unterstützt auch Emdes (2009) Vorschlag, den Ego-Begriff durch den Wego-Begriff zu ersetzen.
Die entwicklungspsychologischen wie neurobiologischen Ergebnisse werden aktuell am gründlichsten vom Mentalisierungsmodell integriert: »das Selbst [existiert] nur im Kontext des Anderen und die Selbst entwicklung [ist] gleichbedeutend mit dem Sammeln von »Erfahrungen des Selbst-in-Beziehungen«« (Fonagy et al.2004 S.48).
Eine solche Position betont nicht nur die klinischen Dimensionen einer pluralen Intersubjektivität, sondern relativiert die dyadische Mutter-Kind-Beziehung. Durch diesen erweiterten Intersubjektivitätsbegriff steht die relationale/interpersonelle/intersubjektive Psychoanalyse der Gruppenanalyse (Foulkes 1973) und der neueren »social neuroscience« deutlich näher als der traditionellen Psychoanalyse.
Dies eröffnet ein neues Problem, da die traditionellen Unterschiede zwischen intrapsychisch und intersubjektiv/interpersonell, zwischen privat und öffentlich, innen und außen einen wichtigen Teil unseres psychoanalytischen Vokabulars ausmachen, das aus der Perspektive der Intersubjektivität einer dringenden Ueberarbeitung bedarf.
5. Die Bedeutung des Begriffs in den verschiedenen psychoanalytischen Schulen
Alle großen psychoanalytischen Schulen, selbst die postkleinianischen Vertreter, z.B. Ogden (2006), haben sich mehr oder weniger in Richtung Intersubjektivität entwickelt. Stern (1985) konnte noch kritisieren, dass die traditionelle Ich-psychologische Entwicklungstheorie aufgrund der Überbetonung des autonomen Selbst in der Folge eines Separations-Individuationsprozesses die Hervorbringung wechselseitiger »mental states« vernachlässigt habe. Er selbst vertritt eine empirisch belegte Intersubjektivitätstheorie von korrespondierenden Stufen des Selbstgewahrseins und -empfindens (»self-with-other«), die in den psychoanalytischen Schulen unterschiedliche Aufnahme fanden: vom »self-with-a-self-regulating other« (mit der das Selbst vom Anderen reguliert wird) zur Stufe des »self-resonatingwith-another« im Sinne einer Resonanzbeziehung bis hin zum schlichten Zusammensein mit dem Anderen (»self-in-the-presence-of-the-other«) (Altmeyer/Thomä 2006).
Jessica Benjamin (1990, 2009) betonte die gegenseitige Anerkennung als intrinsischen Aspekt der Selbstentwicklung, was allerdings so selbstverständlich sei, dass dies im täglichen Leben fast nicht auffalle. Trotzdem würde nach Benjamin eine genaue Beforschung der analytischen Situation darauf abzielen, unsere Theorie und Praxis dahingehend zu verändern, dass dort, wo Objekte waren, Subjekte sein müssen. Eine solche Perspektive verweist auf das technische und theoretische Problem, dass nur untersucht werden kann, was beide Beteiligten miteinander teilen und ihnen gemeinsam ist.
6. Interdisziplinäre Beiträge
Die größte Bedeutung für das Intersubjektivitätstheorem haben die frühen Bindungsinteraktionen zwischen Säugling und primärer Bezugsperson als Grundlage sozioemotionaler und neurobiologischer Entwicklung des Individuums. Hier kommt dem imitativen Verhalten sowohl eine kontingente als auch nicht-kontingente Rolle zu, etwa beim Herausstrecken der Zunge, beim Stirnrunzeln, Hochziehen der Augenbrauen, Vorwölben der Lippen oder beim Öffnen des Mundes, wobei die Wiederholung für die Bildung von Selbst- und Objekt-Repräsentanzen obligat ist. Erst wenn durch soziales Feedback Kontingenzbeziehungen entstanden sind, kann vom sich entwickelnden Säugling auf kognitive verfügbare Repräsentationen zweiter Ordnung zurückgegriffen werden, »in denen sich die primären, nicht-bewussten und prozeduralen Basisemotions-Automatismen des angeborenen konstitutionellen Selbst abbilden« (Gergely und Unoka 2011, S. 873). Zu mentalistischen Interpretationen solch früher Interaktionen im Sinne einer primären »Intersubjektivität« gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Forschungsarbeiten.
Der Säugling vermag zunächst kaum selbstregulierend auf sein Affektgeschehen einzuwirken, etwa indem er sich von übererregenden Stimuli abwendet. Erst die feinfühlige, mimische, vokale und verbale Spiegelung seines Affektausdrucks durch die primäre Bindungsperson führt zu einer allmählichen Differenzierung und Sensibilisierung der eigenen und fremden emotionalen Zustände. Die Äußerungen des Kleinkindes werden durch die Mutter blitzschnell antizipiert und sie reagiert auf diese. Es besteht ein ständiges wechselseitiges Hin und Her zwischen beiden. Neben der feinfühligen und Fehler korrigierenden Spiegelung sind vermutlich angeborene Schemata über die zu erwartende Reaktion des anderen wirksam (Sharp und Fonagy 2008). Bereits wenige Tage nach der Geburt kann ein Baby einen Menschen, nicht aber einen Gegenstand, anlächeln, was durch das Zurücklächeln der primären Bindungsperson verstärkt wird. Heute kann davon ausgegangen werden, dass die Interaktionen zwischen Säugling und primärer Bezugsperson in einem sehr frühen Entwicklungsstadium zu Vorläufern solcher neurobiologischen Strukturen werden, die als Repräsentanzen psychischen Erleben dienen (Fonagy 2005 S.36). Dabei scheinen für die Selbst-Entwicklung vor allem Prozesse bedeutsamzu sein, die nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Verknüpfung von Repräsentanzen (»representational mapping«) so wie die Repräsentation rationaler Handlung (»rational action«) ermöglichen. Diese Prozesse sind etwa zwischen dem sechsten und 18. Lebensmonat angesiedelt. In dieser Zeit nimmt die Fähigkeit des Kleinkinds zu, seine eigenen psychischen Befindlichkeiten mit denen seiner Bezugsperson im Hinblick auf eine dritte Person oder ein Objekt in Einklang zu bringen. Dies wird etwa an der Forderung des Kindes nach gemeinsamer Aufmerksamkeit (»Joint attention«) erkennbar, oder daran, dass Säuglinge etwa ab dem sechsten Monat beginnen, mit ihrer Aufmerksamkeit der Blickrichtung von Erwachsenen zu folgen. Wenig später können sie die Aufmerksamkeit ihrer Bezugspersonen wecken und steuern, indem sie vokalisieren und mit dem Finger zeigen. Diese Form der gemeinsamen Aufmerksamkeit entspricht einer zielorientierten Kommunikation, die dadurch unterstützt wird, dass Kleinkinder schon in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres das Bemühen zeigen, Aspekte fehlgelaufener Kommunikation wieder »zurechtzurücken« (Golinkoff 1986), welches evident in den sogenannten "still-face"-Experimenten belegt wird (Harn/Tronick 2009). Im Laufe der ersten 18 Lebensmonate entwickelt sich nach und nach die Fähigkeit, den Blickwinkel der anderen einzunehmen (Sodian 2007). Insofern sind Ansätze von Bewusstsein und Handlungsfähigkeit in Bezug auf das Selbst und andere schon früh vorhanden und werden durch den intersubjektiven Prozess der Entwicklung von Repräsentanzen getragen.
Die Entwicklung von Repräsentanzen zweiter Ordnung ist für die Bildung eines affektiven Selbst und die zunehmende Fähigkeit der Affektregulation von größter Bedeutung. Es gibt heute zahlreiche Belege, dass zwischen der Qualität der frühkindlichen Bindung und der Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit ein inhärenter kausaler und funktionaler Zusammenhang besteht. Diese entscheidet letztlich darüber, ob Intersubjektivität sozial oder antisozial gelebt werden kann.
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Geworfen oder getragen? Subjektive Weltbeziehungen und moralische Landkarten
Vier Grundformen der Weltbeziehung
Hartmut Rosa formuliert 2012 in seinem Hauptwerk "Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung - Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik"
"vier idealtypische Grundformen des Selbst-Welt-Verhältnisses (...) [Diese] sind durchaus mit den physikalischen Konzepten des stabilen, des semistabilen, des labilen und des indifferenten Gleichgewichts vergleichbar und lassen sich interessanterweise alle schon auf Anhieb in der ›kanonisierten‹ lyrischen Literatur identifizieren oder ›verifizieren‹. In den im Folgenden wiedergegebenen Gedicht- bzw. Prosazeilen handelt es sich stets um den existentiellen und interaktionslosen Blick eines Subjekts auf die Welt bzw. auf die ›Dinge‹ der Welt als solchen" (Rosa 2012 S.386).
1. Die gütige Welt – Leben im Gleichgewicht: Das Existenzgefühl der Getragenheit
Joseph von Eichendorffs ›Weihnachtsblick‹ auf die Welt:
Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus […]
Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld –
hehres Glänzen, heilges Schauern,
wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus des Schnees Einsamkeit
steigts wie wunderbares Singen –
oh du gnadenreiche Zeit.
"Der in diesem Gedicht vor allem in der Schlussstrophe zum Ausdruck gebrachte, weit über die Grenzen der Religion hinaus kulturwirksame Zauber des Weihnachtsgedankens scheint mir gerade in der Vorstellung zu liegen, dass die Welt in all ihrer Ge- und Verworfenheit letzten Endes eben doch aufgefangen ist und bleibt: In Schnee, Kälte, Einsamkeit und Stille wird das Licht geboren, das die Erde gleichsam sphärisch umhüllt und garantiert, dass die Welt ihre Fähigkeit, für das Subjekt ›zu singen‹, niemals verliert" (Rosa 2012 S.388).
2. Die apollinische Welt – Sicherheit durch Maßhalten: Das bürgerliche Existenzgefühl
Alfred Huggenbergers ›Dorfblick‹ auf die Welt
Das Dorf hat eine stille Macht,
es gibt auf seine Menschen Acht
Es sorgt und wehrt, es gibt Geheiss
Weil es von allen Alles weiss
Der Kirchturm, der die Stunde spricht,
er ist sein Zeichen und Gesicht,
er schafft, daß in der großen Welt
das Dorf sein Ehrenrecht behält. […]
Der Bauerngärten bunte Pracht
Schenkt ihren Duft der Sommernacht;
die hält das Dorf in lieber Hut,
ihr Trost ist mild, ihr Glück ist gut. […]
Wer heimkehrt, müd, aus fremdem Land,
den nimmt es leise bei der Hand,
den führt es einem Frieden zu,
der heißt in Worten:
Ich und Du!
"Die hier formulierte Welthaltung ist die eines Getragenseins in Grenzen: Innerhalb eines ›vernünftigen‹, ›maßvollen‹ Rahmens dürfen wir uns getragen und aufgehoben wissen. Das ›Dorf‹ schützt und nährt und sichert unsere Position (oder ›Heimat‹) in der Welt; das verheißene Glück ist ›mild und gut‹, also bar aller dionysischer oder elysischer Exzesse. Verlassen wir
diesen eng gesteckten Rahmen aber, drohen Gefahr und Verwerfung: Die Welt dahinter ist die fremde, kalte, tendenziell abgründige, bedrohliche und ›müde machende‹ Welt der Geworfenheit" (Rosa 2012 S.389).
3. Die gefährliche/feindliche Welt – Leben am Abgrund: Das Existenzgefühl des Ausgesetztseins
Andreas Gryphius’ Blick auf die hinfällige Welt:
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo jetzund Städte stehen, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden
Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden
Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind
Als eine Wiesenblume, die man nicht wiederfind’t!
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten.
"In dem von Gryphius zum Ausdruck gebrachten Weltgefühl drohen Verfall und Abgrund auf allen Seiten; es gibt genau eine einzige richtige und tragfähige Existenzweise, die per se weltabgewandt ist. Jeder Schritt aus dem Gleichgewicht ist ein Absturz in die Tiefe. Natürlich lässt sich diese Existenzgefühl auch ohne den Transzendenzbezug (der letzten Zeile)
formulieren; es impliziert dann entweder eine völlige Welt- und Lebensverneinung oder die Reduktion auf einen unaufhörlichen Existenzkampf" (Rosa 2012 S.390).
4. Die indifferente, kalte Welt – Leben ohne Anker: Das Existenzgefühl der Geworfenheit
Rainer Maria Rilkes Blick des Verstossenen
Nach jedem Sonnenuntergange
bin ich verwundet und verwaist,
ein Blasser, allem Abgelöster,
und ein Verschmähter jeder Schar,
und alle Dinge stehn wie Klöster,
in denen ich gefangen war.
"Anders als im Fall der gefährlichen und feindlichen Welt steht den von Rilke hier skizzierten Subjekten eine indifferente, gleichgültige Welt gegenüber. Charakteristisch für diese Grunderfahrung ist daher die Beziehungslosigkeit zwischen Selbst und Welt und daher auch die Bedeutungslosigkeit der Letzteren für das Erstere. In den Zeilen aus Rilkes Stundenbuch erfährt sich das ›desengagierte‹ Subjekt der Dingwelt gegenüber als ›blass‹ und ›allem abgelöst‹, im Hinblick auf die Sozialwelt als ›verschmäht‹. Wie etwa Rahel Jaeggi gezeigt hat, lässt sich diese ›Beziehung der Beziehungslosigkeit‹ adäquat mit dem Begriff der ›Entfremdung‹ fassen (Jaeggi 2005). Stehen dem bedrohten oder gefährdeten Subjekt in Kampf und Abwehr immerhin noch Möglichkeiten einer aktiven Welthaltung zur Verfügung, verfügt das dergestalt entfremdete und desengagierte Subjekt nur noch über eine ›konturlose‹ Landkarte, welche tendenziell handlungsunfähig macht, wie Rainald Grebe in den Anfangspassagen seines zeitdiagnostischen Romans 'Global Fish' deutlich werden lässt: Der Einser-Abiturient Thomas Blume scheitert nach bestandener Reifeprüfung an der Aufgabe, ein Reiseziel für die Sommerferien zu identifizieren, weil ihm die Welt buchstäblich gleichgültig geworden ist" (Rosa 2012 S.392).
Weiterführendes zu Relation und Weltbeziehungen:
Bauman, Zygmunt (2000). Liquid Modernity. Cambridge: Polity Press.
Jaeggi, Rahel (2005). Entfremdung - Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems, Frankfurt/M., New York: Campus.
Hartmut Rosa (2012). Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Berlin: Suhrkamp
Hartmut Rosa (2016). Resonanz. Berlin: Suhrkamp.
Schulze, Gerhard (1997). »Steigerungslogik und Erlebnisgesellschaft«. In: Politische Bildung 30, 2, S. 77-94.
Schulze, Gerhard (2003). Die Beste aller Welten - Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? München, Wien: Hanser.
Schulze, Gerhard (2005). Die Erlebnisgesellschaft - Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/M., New York: Campus.
Taylor, Charles (2009). Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Das SELBST, der ANDERE und das DRITTE
Einleitendes zu Homöostase-Modellen und zu den systemisch-kybernetischen Grundlagen:
Die meisten organischen und psychischen menschlichen Prozesse streben nach einem Ausgleich zwischen Extremen. Oft nicht gleichzeitig sondern nacheinander (vgl. serielle Dialektik in Kapitel X).
Auch hier ist Sigmund Freud wichtig zu erwähnen, weil er mit seinen sog. Topiken (vgl. Kap. 1) solche Homöostase-Modelle entwickelt hat - ein anderer Vetreter der Ausgleichs- bzw. Druck/Gegendruck-Theorien ist z.B. der Ethologe Konrad Lorenz.
In einem integrativen Modell versuchte ich in den letzten Kapiteln einige bekannte (u.a. Kohut und Kernberg) und weniger bekannte (u.a. Hart und Stolorow) Narzissmus-Konzepte ineinanderzufügen und um eigene Konzeptionen zu erweitern.
Auf Schultern von Riesen stehend, erlaube ich mir somit eine eigene relationale Theorie des Narzisstischen Gleichgewichtes aufzustellen, welche grundlegend postuliert, dass der Mensch nicht sosehr nach Triebbefriedigung im Sinne sexueller Aktivitäten strebt, sondern ebenso stark und zunehmend dominanter nach Selbstverwirklichung im Sinne eines "Gesehen-Werdens", einer persönlichen Identität, einer narzisstischen Homöostase, eines stabilen Selbstwertgefühls u.ä., strebt.
"Sowohl narzisstische als auch Triebbedürfnisse können im Rahmen einer Objektbeziehung oder auch narzisstisch befriedigt werden« (Mentzos 1984 S.52f.).
Interessanterweise sind mir im Laufe der Recherche zu diesem Buch Konzeptionen aus anderen Fachgebieten als der Psychologie/Psychotherapie wichtiger geworden und haben sich auch in der praktischen täglichen Umsetzung im Rahmen meiner Privatpraxis mit Schwerpunkt Narzisstische Störungen als wirksamer und "stimmiger" erwiesen als die bereits besprochenen Ansätze aus u.a. der Psychoanalyse und Kognitiven Therapie. Am wichtigsten neben Axel Honneth's Anerkennungstheorie ist mir Jessica Benjamins sog. "intersubjektives Triangulierungskonzept" (vgl. ihr Beitrag im Sammelband von Altmeyer/Thomä 2006) geworden:
"Die Symptome der narzißtischen Störung siedelt [Jessica Benjamin] in einem Spannungsverhältnis von Selbstbehauptung und Anerkennung an, als absolute Unabhängigkeit versus reine Symbiose:
Die Differenz zum Objekt werde mittels solipsistischer Unabhängigkeit oder symbiotischer Unterwerfung eingeebnet" heisst es stark zusammengefasst bei Stavros Mentzos (in Altmeyer 2004 S.13).
"Beide Extreme", so konstatiert Benjamin, "die reine Symbiose wie die reine Selbständigkeit, stellen einen Verlust der Balance dar. Beide sind defensive Verleugnungen von Abhängigkeit und Unterschied" (Benjamin 1990 S.154)".
"Die existentielle Abhängigkeit, in der das Kind von der Mutter steht, und das gleichzeitig vorhandene Selbständigkeitsbestreben schaffen eine paradoxe Situation. Wenn das Kind unabhängig werden will, muß es in diesem Bestreben von der Mutter anerkannt werden, von der es gleichzeitig abhängig ist. Es muß dabei lernen, daß die Mutter ihrerseits nicht unter seiner Kontrolle steht, sondern selber unabhängig ist; es muß also lernen, »mit der Abhängigkeit von einer unabhängig existierenden Anderen umzugehen« (Benjamin 1990 S.54), wie Benjamin es ausdrückt.
Dieser Lernprozeß kann entgleisen, wenn die schmerzhafte Anerkennung der eigenen Abhängigkeit nicht gelingt und statt dessen die aufrechterhaltene Größenphantasie suggeriert, ohne die Anerkennung der Unabhängigkeit der Mutter die eigene Unabhängigkeit zu sichern; die Mutter bleibt in diesem Modell der »reinen«, auf der Verleugnung der Abhängigkeit basierenden Selbständigkeit der Kontrolle unterworfen und ist Dienerin zur Erfüllung der eigenen Wünsche. Oder aber die Abhängigkeit wird in Form der Unterwerfung unter eine mächtige Mutter scheinbar akzeptiert mit der Hoffnung, in der Symbiose doch die Kontrolle zu behalten. Beiden Varianten der Verleugnung von Abhängigkeit ist gemeinsam, daß die lebenswichtige Balance zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung des Anderen gestört ist und die absolute Kontrolle einer Existenzvernichtung gleichkommt:
im ersten Fall ist es die Vernichtung des Anderen, im zweiten die Selbstvernichtung. Nur die wechselseitige Anerkennung von Kind und Mutter führt aus dieser fatalen Alternative heraus" (zit. nach Altmeyer 2004 S.160f).
"Im Modell der intersubjektiven Anerkennung gibt es einen Wechsel zwischen Gleichheit (oder Phasen des Zusammenseins) und Unterschied (oder Phasen des Getrenntseins), wie sie von der Säuglingsforschung nachgewiesen sind" (zit. nach Altmeyer 2004 S. 163).
Aus Martin Altmeyers Fleissarbeit (er stellt grob geschätzt 50 Narzissmus-Theorien in Wort und Bild kurz und prägnant zusammen), entnehme ich viele Anregungen, so auch Mentzos Feststellung im Vorwort (ebenda, S.13f.):
"Altmeyer findet schließlich Argumente für seine These, daß der Narzissmus als intersubjektiv vermittelte Selbstbeziehung verstanden werden muss, im symbolischen Interaktionismus von G.H. Mead (Modell der Perspektivenübernahme) und in der Sozialphilosophie von Honneth (Individuierung als Kampf um Anerkennung) und schließlich im Diskurs der Postmoderne, der das Selbst dezentriert und damit zugleich in einen intersubjektiven Bezugsrahmen stellt." [vgl. Kap. 3 und 7]
Und weiter: "Im Narzissmus schützen wir uns vor der schmerzlichen Erfahrung von Abhängigkeit, der wir im Bedürfnis nach Anerkennung auf paradoxe Weise unbewußt Tribut zollen."
Zu Axel Honneth im "Kampf um Anerkennung" (1994 S.172):
"Der Rekurs auf Hegel ermöglicht es Honneth, die Liebe als »durch Anerkennung gebrochene Symbiose« zu begreifen, die auf der Unabhängigkeit des Anderen basiert und gleichzeitig das Vertrauen enthält, daß der Andere gerade als unabhängige Person die Zuneigung erwidert, die man ihm selbst entgegenbringt.
Anerkennung in der Liebesbeziehung ist also nicht auf eine kognitive Funktion beschränkt, sondern bedeutet ein affektives Verhältnis in der Pendelbewegung von Zusammensein und Getrenntsein und bezeichnet »einen kommunikativen Spannungsbogen, der die Erfahrung des Alleinseinkönnens kontinuierlich mit der des Verschmolzenseins vermittelt« (Honneth 1994 S.172)."
Gestalttherapie, Körpertherapie, humanistische Psychologie und Bindungstheorie
Die Psychoanalyse ist relational begründet: Parallel zu und in Austausch mit den oben genannten sozialphilosophischen Ansätzen entwickelte sich, begründet durch Sigmund Freud (1856-1939), die Psychoanalyse, die intrapsychische „seelische“ Dynamiken, auch in ihrer Abhängigkeit von intersubjektiven Beziehungen und ihren biografischen Vorgeschichten, erforscht.
Psychoanalyse widmet sich relationalen Prozessen, denn die in innerpsychischen und zwischenmenschlichen Konflikten wirksamen emotionalen Kräfte bilden ihr zentrales Erkenntnisinteresse.
Aus der Gestaltpsychologie, der Psychoanalyse und anderen Einflüssen ist die von - wegen des Faschismus aus Deutschland in die USA emigrierten - PsychoanalytikerInnen entwickelte Gestalttherapie hervorgegangen. Zentral ist die gestalttherapeutische Kategorie des „Kontakts“, die sich auf das intersubjektive relationale Geschehen bezieht. Auch die Themenzentrierte Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn (vgl. Reiser 2006) und die Gesprächspsychotherapie sind hier zu nennen, denn sie haben relational orientierte pädagogisch einflussreiche Ansätze entwickelt. In der Psychoanalyse hat sich seit längerem schon eine relationale Wende ereignet. Auf neue Weise wird betont:
Das werdende Subjekt besitzt von Anfang an eine dialogische Binnenstruktur, sodass der Austausch mit dem Anderen konstitutiv ist (Altmeyer/Thomä 2006 S.17). Für die Analyse des Subjekts wird die Analyse der intersubjektiven Relationen zentral. Innere und äußere Wirklichkeit gehen ineinander über. „Niemand ist eine Insel“ (Altmeyer/Thomä 2006 S.33).
Selbst Körperliches wird als relational konstituiert und die Theorie der Inter-Körperlichkeit geht davon aus, dass auch auf leiblicher Ebene und ohne direkte Berührung unablässig intersubjektive Wahrnehmungs- und Austauschprozesse geschehen (Appel-Opper 2013; Neckel 2006 S.132). Je nachdem in welchem Beziehungskontext wir uns befinden, aktualisieren wir andere Körperzustände, Empfindungen, Gesten, sind wir also - radikal formuliert - jemand anders.
Von herausragender Bedeutung für die Frage pädagogischer Beziehungen ist die Bindungstheorie. In diesem von John Bowlby (1907-1990) und Mary Ainsworth (1913-1999) ausgehenden und seither international verbreiteten und weiterentwickelten Ansatz, geht es um die Tatsache, dass wir als menschliche Kinder von Anfang an persönliche Bindungen brauchen, um aufwachsen zu können (Cassidy/Shaver 2008). Die Qualität der frühen Bindungen, die die Menschen, die uns in der ersten Lebensphase versorgen, mit uns eingehen, prägt die Entwicklung unserer intrapersonellen Strukturen (unseres "inneren Arbeitsmodells" [oder "Theory of Mind"]) und ist entscheidend dafür, was wir dann von anderen Menschen erwarten und für die Art, in der wir uns ihnen und unserer äusseren Umwelt annähern. „Bindungsmuster sind das Resultat wiederkehrender Beziehungserfahrungen, die das Kind mit seinen primären Bezugspersonen macht“ (Grawe 2004 S.197; vgl. auch Gahleitner 2009; Ahnert 2008).
Genügend gute frühe Beziehungen tragen langfristig zu unserem Wohlbefinden und zu unserer Beziehungsfähigkeit bei. In ihnen erfährt das Kleinstkind Aufmerksamkeit, die von „Feinfühligkeit“ geprägt ist. Problematische frühe Beziehungen, zu denen neben dem Mangel an Feinfühligkeit auch Beziehungsbrüche gehören, haben schädliche Wirkungen. Die Folgen solcher Traumatisierungen werden später als Verhaltensstörungen, Lernstörungen oder Unfähigkeit zu lieben, wahrgenommen.
Die Bindungstheorie kann als Beispiel für Entwürfe gelesen werden, in denen dem Phänomen der intersubjektiven Relationalität höchste Bedeutung zukommt, in dem aber gleichwohl auch langfristig recht stabilen Strukturen der einzelnen Subjekte eine gewisse Konsistenz zugesprochen wird. Im Lichte der Theorie der Relationalität mit ihrer Kritik an der Lehre von den dauerhaft haltbaren „Substanzen“, können von der Bindungstheorie noch stärker relationale Impulse ausgehen. Dann werden die jeweils aktuellen Beziehungen stärker gewichtet. Gestützt wird eine solche Weiterentwicklung der Bindungsforschung u.a. durch die Ansätze des dynamischen Selbst und des „stereoptype threat“ sowie durch die Untersuchungen des SDT (Selbstbestimmungstheorie nach Deci/Ryan 1993) und durch erprobte pädagogische Modelle, wie sie zum Beispiel an der Schule Berg Fidel in Münster und im „Projekt Uebergang“ entwickelt wurden.
In diesem Zusammenhang untersucht auch die Resilienzforschung gehaltvolle Aspekte (Opp/Fingerle 2007, Wustmann 2004). Sie zeigt, dass es Menschen gibt, denen schwere mehrfache Belastungen dauerhaft weniger schaden, als üblicherweise. Die unerwartet positiven Entwicklungen werden sowohl mit individuellen Dispositionen als auch mit positiven Einflüssen erklärt.
Aus relationaler Sicht werden vor allem förderliche Situationen mit guten Beziehungen zu anderen als unterstützend für schwer belastete Menschen angesehen.
Quelle: Prengel, Annedore (2014). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz S.40-41
Relationales in Pädagogik, Sozialarbeit und Pflege
Studien zu prosozialen Relationen, die eine anthropologisch gegebene und früh in der kindlichen Entwicklung sichtbar werdende Fähigkeit zur Empathie untersuchen, nehmen zu. In solchen Studien wird herausgearbeitet, wie sehr sich die Fähigkeit zur Empathie kontinuierlich ontogenetisch und phylogenetisch nachweisen lässt und wie undenkbar menschliches Leben und menschliche Kulturleistungen von Anfang an ohne eine ausgeprägte Zusammengehörigkeit und Kooperation waren und sind. Nach Aleida Assmann (2006a, 2006b) brauchen wir Empathie mit den Opfern historischer Gewaltereignisse, darum ist Empathie ein Bildungsziel der Erinnerangskultur.
Angesichts der Gleichzeitigkeit von „gut“ und „böse“ in menschlichen Beziehungen, die - trotz situativ unterschiedlichen Gewichts der beiden qualitativen Dimensionen - ubiquitär zu sein scheint, also angesichts der Ambivalenzen und ihrer in der aktuellen spätmodernen Phase typischen Figurationen, kann die Konzeption der Menschenrechte [vgl. Kap. 9] als Versuch gelesen werden, mit den Mitteln unserer historischen Epoche anerkennende Tendenzen zu bekräftigen und verletzende Tendenzen zu schwächen. Dazu dienen die menschenrechtlichen Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Solidarität in ihrem Zusammenhang.
Quelle: Prengel, Annedore (2014). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz S.48
In Romanen, Biografien und Autobiografien bilden pädagogisches Handeln und sein Einwirken auf die Heranwachsenden ein überaus verbreitetes Motiv. Von Augustinus bis hin zu Thomas Mann, Thomas Bernhard, Hans Josef Ortheil und Ulla Hahn, bei allen ist zu lesen, wie leidvoll die Protagonisten destruktive oder gar sadistische pädagogische Beziehungen erfahren haben und wie alles entscheidend wohlwollende Lehrer ihre Biografien beeinflussten.
Albert Camus portraitiert seinen guten Volksschullehrer in seiner 1994 erschienener Autobiografie „Le premier homme“, „Der erste Mensch“. „In Monsieur Germains Klasse fühlten sie zum ersten Mal, dass sie existierten und Gegenstand höchster Achtung waren: Man hielt sie für würdig die Welt zu entdecken“ (1995 S.168). Ohne den Lehrer, Monsieur Gennain (Pseudonym Monsieur Bernard), der hartnäckig darauf hinwirkte, dass Albert zum Gymnasium gehen konnte, hätte er höhere Bildung nicht genossen.
Zugleich liest sich dieser Text auch als ein eindrucksvolles Beispiel für die Darstellung des Ambivalenten in pädagogischen Beziehungen: Dieser „gute Lehrer“ ist gerade nicht frei von Ambivalenzen, nicht unfehlbar, auch er ist kulturellen Mustern seiner Profession zu seiner Zeit verhaftet, er bleibt sogar dahinter zurück, denn er wendet harte ritualisierte Prügelstrafen an, auch gegen Albert, obwohl das schon verboten ist. Eine ganz andere biografische Perspektive eröffnen die von Lutz van Dijk ermöglichten Publikationen, in denen vermittelt wird, welch lebenswichtige Bedeutung fürsorgliche pädagogische Beziehungen für elternlose Kinder in Südafrika haben.
Begrifflich, metaphorisch und poetisch erklingt die Stimme des karibisch-französischen Philosophen und Dichters Edouard Glissant (1928-2011). In einer 'Philosophie de la Relation' und 'Poetique de la relation' verwendet er das Denkbild des Archipels. Das archipelische Denken kennt vielfältige asymmetrisch gestaltete Elemente, die nicht aneinander angeglichen und nicht einander untergeordnet werden, sondern die veränderliche Beziehungen zueinander eingehen (Glissant 2005/2009; Diawara/Glissant 2009).
Dokumentarfilme zeichnen einzigartige Portraits von Lehrerinnen und Lehrern und von Akteuren der Sozialen Arbeit. Yvonne Bezerra de Mello wird von Monica Treut (2001) mit ihrer Initiative für brasilianische Straßenkinder porträtiert, in der das Anbahnen von Beziehungen zu Erwachsenen, das Halt finden in einem neuen Zuhause und das Lernen zentral sind. Hubertus Siegert (2005) porträtiert die Lehrerin Gudrun Haase in ihrer fordernden Klarheit und engagierten Zuwendung sowie mit einer ganzen Reihe ambivalenter Interaktionen, sodass es vorkommt, dass ihr Handeln von den Kindern heftig infrage gestellt wird. In einer dramatisierenden Widersprüchlichkeit werden Pädagogen in Spielfilmen inszeniert: als „arme Würstchen“, „Dummbeutel“, „charmante Looser“, „Zampano“, „Wonderboy“, „Idol“, „Naive“, „Manipulator“ oder „Berufszyniker“. Aber Spielfilme der letzten 20 Jahre handeln ganz explizit auch von den „scheinbar so tollen Lehrerinnen und Lehrern“ (Hass 2013 S.6-8). Alle diese Rollen lassen sich als relationale Begriffe lesen, die nicht nur Zuschreibungen zum Lehrer, sondern auch implizite Bilder von doppelbödigen Lehrer-Schüler-Beziehungen transportieren.
Die Filmtheoretikerin und -journalistin Frauke Haß analysiert die Ambivalenzen in den Lehrer-Schüler-Beziehungen, die die Lehrerfilme komplex und spannend machen und kommt mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen im alltäglichen Leben zu dem Schluss: „Ein Titan ist weit und breit nicht zu entdecken. Aber wer braucht schon Helden in der Schule?“ (Hass 2013 S.6).
Quelle: Prengel, Annedore (2014). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz S.21-22
Relationales in Anerkennungsbeziehungen
Die Theorie der Anerkennung unterscheidet zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Sphären (Walzer 1992). Viel zitiert sind Honneths drei Anerkennungsformen der Liebe für persönliche familiäre und freundschaftliche Beziehungen, der Wertschätzung für wirtschaftlich-leistungsbezogene Beziehungen und der Achtung für rechtlich geregelte Beziehungen [vgl. Kap. 9 und unten].
Mit diesen sphärenbezogenen Anerkennungsentwurf geht für die Pädagogik ein Problem einher. Es ist nicht ohne weiteres möglich, diese drei sphärentypischen Variationen der Anerkennung auf die Sphäre der öffentlichen Erziehung und die darin vorkommenden professionellen Arbeitsbeziehungen zu übertragen. Selbstkritisch bedauert Honneth in seinem 2011 während des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft gehaltenen Vortrags zum Thema „Erziehung und demokratische Öffentlichkeit“, dass die Philosophie - nachdem es vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein, zum Beispiel für Kant, Dürkheim und Dewey, noch selbstverständlich gewesen sei, sowohl gesellschafts- als auch bildungstheoretisch zu arbeiten - ihre „Zwillingsschwester“, die Erziehungswissenschaft, weitgehend allein gelassen habe (Honneth 2013a S.42). Ebenso selbstkritisch wird das auch für den interdisziplinären Frankfurt-Bielefelder Forschungsverbund eingestanden, aus dem der Sammelband „Strukturwandel der Anerkennung - Paradoxien sozialer Integration in der Gegenwart“ (Honneth/Lindemann/Voswinkel 2013) hervorgegangen ist. Denn hier werden plurale Felder wie Arbeit und Konsum, Recht, Medien und Familie untersucht, aber unter anderem bleiben die Anerkennungsverwerfungen im Bildungswesen“ (ebd. S.8) unberücksichtigt.
Angesichts der komplexen Anforderungen an eine pädagogische Anerkennungstheorie kann die in einem weitverzweigten feministischen Diskurs entwickelte Care-Theorie zurate gezogen werden, denn hier wird als maßgeblich berücksichtigt, dass wir immer, aber besonders während wir aufwachsen und während wir altern, auf andere angewiesen sind.
Noch Carol Gilligan wurde für ihren 1982 vorgelegten, anhand von Interviewstudien empirisch untermauertem Entwurf einer weiblichen Moral des Caring als wichtige gesellschaftliche Ressource von anderen feministischen und psychologischen Fraktionen bezichtigt, dem Essentialismus und der weiblichen Unterordnung Vorschub zu leisten. Demgegenüber fassen aktuelle Untersuchungen Fürsorge neu.
Sie arbeiten die enorme gesellschaftliche Relevanz der fürsorgenden Beziehungen und der allgegenwärtigen Abhängigkeit von ihnen heraus, ohne sich auf dualistische Geschlechternormen zu stützen, aber auch ohne die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung, in der Frauen unterbezahlt pflegen und erziehen, zu vernachlässigen (Schnabl 2005).
Martha Nussbaum: Politik der Gefühle
In diesem Kontext leistet Martha Nussbaums 'Deutung der Gefühle' einen wesentlichen Beitrag. Ihre Perspektive wird unterstützt von der sozialtheoretischen Emotionsforschung: „Mit dem Konzept der 'emotionalen Vergesellschaftung' soll gerade nicht gemeint sein, dass Emotionalität an die Stelle von Rationalität und Moralität tritt, sondern dass Rationalität und Moralität auf Emotionen angewiesen sind, um ihre Koordinierungs- und Steuerungsleistungen erbringen zu können“ (Schützeichel 2006 S.9). Das wird begründet mit der relationalen Annahme:
„Emotionen sind also keine inneren Zustände, sondern intentional auf Dinge in der inneren oder äußeren Umwelt des Subjekts bezogen“ (ebd.S.14). Das Gefühl der Liebe wird von Martha Nussbaum aus seiner Verbannung in die Sphäre passionierter Zweisamkeit, familiärer Häuslichkeit oder gar erotisierend-pädagogischen Missbrauchs gelöst und zu einer Inspirationsquelle für die rationale Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse gemacht (Nussbaum 2001). Die Sozialphilosophin legt eine neuartige Theorie des Gefühls der Liebe vor, in der diese als demokratische Tugend ausgewiesen wird (Brumlik 2010 S.35).
In der Geschichte des Denkens haben begriffliche Fassungen von Liebe außerordentlich viele, auch gegensätzliche Gestalten angenommen (Schöpf u.a.1980), dabei kommt Liebe zu verschiedenen Zeiten immer wieder als gesellschaftlich relevantes wohlwollendes Streben vor und wandert auch in Solidarität ein.
Nach Nussbaum (2002 S.12) gehören Gefühle der Liebe, der Sympathie, der Fürsorglichkeit zum „innersten Kern des ethischen Lebens“. „Keine Gesellschaft kann es sich leisten, diese Gefühle nicht zu kultivieren. Gewiss bedarf eine Gesellschaft, die sich bemüht, ein Erbe schlimmer Ungerechtigkeit zu überwinden, aller Liebe und Sympathie, die sie aufbieten kann“ (Nussbaum 2002 S.12). Daraus folgt: Unsere Empfindungen der Empathie sind in allen gesellschaftlichen Sphären, wenn es darum geht, sie zu humanisieren, relevant. Die Arbeitsbeziehungen in diesen Sphären, also auch jenseits von Familie und Freundschaft, müssen eine Komponente des Liebevollen enthalten, die üblicherweise nur persönlichen Beziehungen zugeschrieben wird. Christa Schnabl (2005) begründet, dass die Empfindung der Fürsorge in der Sehnsucht nach Gerechtigkeit zum Ausdruck kommt, sie verbindet gerechtigkeits- und fürsorgetheoretische Ansätze und nennt ihr Buch „Gerecht sorgen“. Wenn Liebevolles, das auch in Wohlwollen, Fürsorge, Mitgefühl mitschwingt und das in den Wunsch einmündet, dass dem Selbst und dem Anderen Wohlergehen und Gerechtigkeit widerfahren mögen, in Arbeitsbeziehungen fehlt, muss demokratisches Zusammenleben verkümmern.
Quelle: Prengel, Annedore (2014). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz S.32-33
KYBERNETIK und Synergetik
Sabine Klar und Gerda Klammer schreiben dazu:
Kybernetik 1. und 2. Ordnung: Der Begriff Kybernetik geht auf den Mathematiker Norbert Wiener (1948) zurück. Der wesentliche Bestandteil eines kybernetischen Systems ist der Regelkreis, der aus einer zu regelnden Größe besteht und einem Regler, der diese über Stellglieder beeinflussen kann.
In der Kybernetik spricht man von „negativer Rückkoppelung“, wenn die vom Meßfühler festgestellten abweichenden Werte wieder auf den Sollwert hin ausgeglichen werden und von positiver Rückkoppelung, wenn die abweichenden Werte noch weiter in der gleichen Richtung verstärkt werden. Die Idee des rückgekoppelten Regelkreises (Feedback) wurde von Theoretikern der Familientherapie auf die Familie übertragen, die entsprechend als homöostatischer Mechanismus gesehen wurde, der stets darauf bedacht sei, auch bei Störungen das Gleichgewicht und den Status quo wiederzuerlangen.
Heinz von Foerster unterschied zwischen einer Kybernetik erster (im oben genannten Sinn) und einer Kybernetik zweiter Ordnung, die als „Kybernetik der Kybernetik“ explizit den Prozeß der Wirklichkeitskonstruktion in ihr Programm miteinbeziehen sollte. Aus dieser Perspektive wird die funktionale Organisation eines Systems (etwa der Familie), die im Bereich der Kybernetik 1. Ordnung von Interesse war, aus der Sicht der Systemischen Therapie [Def. in den Materialien zu diesem Kapitel] nicht mehr als objektiv beobachtbar gesehen, sondern als Produkt der Analyse (Wahrnehmung) des Beobachters.
Grundthese ist: Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt, die Welt der Erfahrungen ist sozial konstruiert, die Realität wird von Klienten und Therapeuten mittels symbolischer Systeme, wie der Sprache, mehr erschaffen als reflektiert (Konstruktivismus). Das Einbeziehen von Gedanken der Kybernetik 2. Ordnung hatte folgende Konsequenzen für systemisches Handeln und Denken (Hoffman 1984):
1. Behandlungseinheit ist nicht die Familie, sondern das Problemsystem.
2. Therapeuten übernehmen primär Verantwortung für den Prozeß der Konversation; Veränderungen kommen nicht nur durch Interventionen, Hausaufgaben, Aufzeigen von Mustern zustande, sondern auch durch den Dialog selbst.
3. Nicht Menschen sind zu beeinflussen, sondern primär der Kontext; Haltungen gegenüber Klienten (Respekt, Neugier) bekommen mehr Bedeutung als Interventionsplanungen.
Quellen:
Foerster H v (1993) KybernEthik. Berlin: Merve
Glasersfeld E v (1987) Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Braunschweig: Vieweg
Hoffman L (1984) Grundlagen der Familientherapie. Konzepte der Entwicklung von Systemen. Hamburg: Isko Press
Organismische Selbstregulierung in der Gestalttherapie
In den Anfängen der Gestalttherapie wurde organismische Selbstregulierung als grundlegendes gestaltpsychologisches Konzept für das Verständnis von persönlichen und gemeinschaftlichen Wachstumsprozessen begriffen. Danach entwickeln sich diese am wirkungsvollsten, wenn sie nicht durch innere oder äußere Eingriffe kontrolliert werden.
Diese auch auf das biologische Homöostase-Prinzip zurückgehende und vor allem von Fritz Perls vertretene Vorstellung muß heute als weitgehend überholt angesehen werden. Heilungs- und Wachstumsprozesse bedürfen auch der Kontrolle und Wertentscheidungen. Gleichwohl weist das Konzept der organismischen Selbstregulation auf – durch die Selbstorganisationstheorie gut belegte – Wechselwirkungsprozesse hin, die eigendynamisch und daher nicht ursächlich determinierbar sind. Dies spricht gegen symptom- oder störungsspezifisch normierte Behandlungspläne in der Therapie und für die Unterstützung von Selbstheilungskräften durch das Ausbalancieren von Bedürfnissen und Interessen einerseits und Umwelterfordernissen sowie die Ueberwindung dysfunktionaler Hemmnisse andererseits.
Anliegen der Gestalttherapie ist ein dynamisches Gleichgewicht mit bestmöglichen Wechselbeziehungen im 'Organismus-Umwelt-Feld' (sog. schöpferische Anpassung).
Dies schließt die Möglichkeit ein, daß rigide Verhaltens- und Beziehungsmuster durch neuartige Erfahrungen in der therapeutischen Situation irritiert werden („skillful frustration“) und zur Neugestaltung von 'Kontaktprozessen' und Lebensgewohnheiten führen.
Die Entscheidung, ob selbstregulierende Wechselbeziehungen im Organismus-Umwelt-Feld funktional („gesund“) oder dysfunktional („krank“) sind, unterliegt der gemeinsamen Ueberprüfung im therapeutischen Dialog und kann – dem Selbstregulationsprinzip zufolge – nicht normativ festgelegt werden.
Fuhr R, Gremmler-Fuhr M (1995) Gestalt-Ansatz. Köln, Edition Humanistische Psychologie [bes. S.135–152]
Perls F, Hefferline R, Goodman P [1951] (1991)
Gestalttherapie. Grundlagen. München, dtv [bes. S.59ff]
Portele H (1989) Gestalttherapie und Selbstorganisation. Gestalttherapie 1:5–15
Selbstregulation
Gerhard Lenz schreibt hierzu:
Darunter wird [diesmal aus Sicht der Verhaltenstherapie, M.F.] die Tatsache verstanden, daß eine Person ihr eigenes Verhalten in Hinblick auf selbstgesetzte Ziele steuert; die Regulation erfolgt durch eine Modifikation des Verhaltens selbst oder durch eine Einflußnahme auf die Bedingungen des Verhaltens.
Das Grundmodell der Selbstregulation besteht aus drei Schritten:
Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstverstärkung.
Weiterentwicklungen des Modells betreffen die Einführung von Feedforward- und Feedback-Schleifen, die Berücksichtigung der Rolle von Attributionsprozessen
und die Unterscheidung von Selbstregulations-Zyklen mit zeitlich unterschiedlichen Konsequenzen (Entscheidungen aufgrund eines unmittelbaren Kontaktes mit der Situation oder aufgrund eines vorgestellten Verhaltens).
Quellen:
Kanfer F.H. (1970). Self-regulation: research, issues and speculations. In: Neuringer C, Michael JL (Eds), Behavior modification in clinical psychology. New York, Appleton-Century Crafts, pp 178–220
Kanfer F.H., Reinecker H., Schmelzer D. (1996). Selbstmanagement-Therapie. 2., überarb. Aufl. Berlin, Springer
Der Uebergang zur Kybernetik zweiter Ordnung
Mit der Entwicklung der Kybernetik zweiter Ordnung wird die Idee der »Beobachtung der Beobachtung« eingeführt und objektive Realitäten als hinfällig angenommen zugunsten einer Vorstellung, dass Realitätsbeschreibungen als ein rein subjektives Ergebnis anzusehen sind.
Von Interesse waren nun die Beschreibungen und Erklärungen sowohl des Beobachters eines Systems als auch des Systems selbst. Dadurch wurde die Relevanz des systemischen Ansatzes für die psychotherapeutische Praxis erhöht, indem die Nichtexistenz einer objektiven Realität unterstrichen und die »Konstruktion der Wirklichkeit« durch den jeweiligen Beobachter (Watzlawick 1981) zugrunde gelegt wurde.
Die bestehende Trennung zwischen Subjekt und Objekt wurde zugunsten einer Sichtweise aufgegeben, in der der Beobachter am Prozess mitbeteiligt ist und die Beschreibung der Wirklichkeit weitgehend von der Perspektive der Beobachtung und der Position des Beobachters innerhalb und außerhalb des Systems bestimmt wird (von Foerster, 1988, 1993).
Dies bedeutet für den psychotherapeutischen Prozess, dass Kommunikationsabläufe nicht objektiv erfasst und die Funktionen und Regeln des jeweiligen Systems wertfrei bestimmt werden konnten. Eine »objektiv neutrale« Form der Intervention wurde im Rahmen selbstreferenzieller Systeme als unerreichbar angesehen (Keeney 1987). Da das Ergebnis seines Tuns für den Therapeuten nur zum Teil vorhersehbar ist, stellt die Kompetenz zur Steuerung des Prozesses eine besondere Herausforderung dar.
Dem Therapeuten kommt die Rolle eines Ko-Konstrukteurs von Wirklichkeit zu, der durch seine Fragen, Kommentare und nonverbalen Kommunikationen eine therapeutische Wirklichkeit miterzeugt.
Diese resultiert aus seinen Beobachtungen und den sich daraus ergebenden Bewertungen. Auf der Grundlage, dass sich lebende Systeme kontinuierlich verändern (Fließgleichgewicht), bedeutet das für den therapeutischen Prozess, dass die kooperative Begleitung im Sinne einer haltgebenden Beziehung nach Grawe, Donati und Bernauer (1994) die Voraussetzung für eine konstruktive Irritation und Anregung ihrer Selbstorganisation darstellt.
Diese Grundlagen der Kybernetik zweiter Ordnung machen deutlich, dass Erkenntnis nicht mehr im Sinne der Spaltung zwischen dem erkennenden Subjekt und einer von ihm getrennten, ihm gegenüberstehenden Welt erklärt wird, sondern als eine Ko-Evolution [vgl. hierzu auch Anmerkungen zu Jürg Willi weiter unten] zwischen Patientin und Therapeut. Dadurch traten neue Beobachtungskategorien und Erklärungsmodelle in den Vordergrund, deren Ziel es nicht mehr ist, die Vorhersagbarkeit der Veränderung zu steigern und durch Interventionen Kontrolle auszuüben, sondern stattdessen das Streben nach mehr Autonomie und Umweltsensibilität für den Patienten bzw. das relevante System (Familie, Partnerschaft etc.) zu entwickeln (Rufer 2012).
Die Erkenntnisse aus der Kybernetik zweiter Ordnung machen zum einen deutlich, dass Personen, die eine Beschreibung ihrer psychosozialen Situation abgeben, immer auch sich selbst beschreiben. Zum anderen zeigten sie, dass auch jeder Therapeut, der mit einem sozialen System arbeitet, immer auch ein Element dieses sozialen Systems ist und insofern den Einflüssen der Selbstbezüglichkeit unterliegt. Obgleich die Existenz dieser Grundsätze in der systemischen Therapie unbestritten ist, findet eine explizite Nutzung des Gegenübertragungsphänomens beim Therapeuten bisher nicht statt. Die Kombination mit dem tiefenpsychologischen Modell könnte diese Situation konstruktiv weiterentwickeln.
Seit den achtziger Jahren entwickelten sich im Rahmen des systemischen Modells verschiedene Strömungen mit unterschiedlichen Vorgehensweisen, die teilweise zu heftigen Kontroversen führten. Eine der wichtigsten Weiterentwicklungen stammt von Goolishian und seinen Mitarbeitern. Die Arbeitsgruppe stellte 1985 ihr alternatives Konzept des »problemdeterminierten Systems« vor (Goolishian/Anderson 1988). Danach sind Probleme nicht allein aufgrund von strukturell-normativen Ansätzen zu erklären, sondern stets auch von der persönlichen Erlebnisweise der Betroffenen abhängig zu machen. Menschen nehmen beunruhigende
Situationen individuell und in Teilen unabhängig von makrosozialen Normen wahr. Sowohl das einseitig ausgelegte Konzept der Psychopathologie in der Medizin als auch das normative Modell der Abweichung in den Sozialwissenschaften erfuhr so eine Relativierung. Gleichzeitig wandelte sich die Vorstellung von einem Sozialsystem (z.B. Familie, Partner, Gruppe etc.), das ein l'ivhlcin Intl. in die Betrachtung eines speziellen sozialen Systems, welches sich erst dim h das spezifische Problemthema entwickeln.
Die Entwicklung der Kybernetik zweiter Ordnung brachte zusammengefasst dem systemischen Ansatz vor allem zwei Veränderungen. Die wichtigste Veränderung bestand in der Einführung des Beobachters als einer entscheidenden Variablen für die Betrachtung und Veränderung von Situationen. Die zweite Veränderung war die strukturelle Erfassung der inneren Dynamik und ihrer Wechselwirkungen mit der Umgebung (im Kontext) als ein Leitgedanke Systemischer Theorie.
Im Rahmen der Entwicklung des systemischen Modells, verbunden mit den Erkenntnissen der Kybernetik zweiter Ordnung, stellte sich - wie beschrieben - immer mehr die Frage, was unter der Wirklichkeit zu verstehen war und welche Auswirkungen dies auf die Grundannahmen des systemischen Handlungsmodells haben würde. Gregory Bateson hatte in seinen Untersuchungen deutlich gemacht, dass Information als eine grundlegende Variable für Entwicklung und Veränderung anzusehen ist und dass diese bei der epistemologischen Frage nach der Erkenntnis der Wirklichkeit an sich eine wichtige Rolle spielt. Informationsaustausch stellt demnach keine statische, einem Objekt innewohnende Eigenschaft dar, sondern gestaltet sich als ein Aspekt der Interaktion zwischen einem Sender und einem Empfänger. So definierte Bateson (1981) Information als einen Unterschied, der einen Unterschied bewirkt.
Die Betrachtung lebender Systeme hatte gezeigt, dass sie sich zum einen autonom verhalten und zum anderen die Fähigkeit aufweisen, mit anderen Einheiten bzw. der Umwelt zu interagieren, ohne ihre Identität, das heißt ihre Organisationsform, zu verlieren. Von Sydow et al. (2007 S.31) unterteilen lebende Systeme in »biologische Systeme, mit Kreislauf- und Austauschprozessen zwischen ihren verschiedenen Elementen wie Hormonen, Neurotransmittern, Muskeln etc.«, »psychische Systeme, mit Kreislauf- und Austauschprozessen zwischen ihren verschiedenen Elementen, Gedanken und Gefühlen« und »soziale Systeme, in denen Kommunikation ausgetauscht wird«.
Das Konzept der Autopoiese und der Selbstorganisation
Die Rolle des Therapeuten bei der Behandlung der Patientin sowie die gleichzeitige Berücksichligung des jeweiligen l’ivblvinsystems im Rahmen einer psychischen Störung stellten einen weiteren Entwicklungsschritt im systemtherapeutischen Vorgehen dar. Von Bedeutung war zum einen die Person des Therapeuten bei der Hypothesenbildung zur Situation der Patientin, zum anderen die Vorstellung, dass psychische Probleme von Personen eigene (Problem-)Systeme hervorbringen, die weit über die Person hinausgehen können. Diese Systeme stellen nach Ludewig (1993) eigenständige Sozialsysteme dar, die ihrer eigenen Logik der Veränderung folgen.
Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Autopoiese (wörtlich übersetzt: das Selbstgemachte, Selbstgestaltete und Selbsterzeugte) ergänzte diese Vorstellungen um die Erkenntnis, dass das jeweilige Patientensystem (einzelne Patientin, Familie, Paar oder Gruppe) als operational geschlossen anzusehen ist und über Möglichkeiten der Selbstorganisation verfügt. Danach sind diese Systeme einerseits abgegrenzt, verfügen aber über eine eigene spezifische Identität wie auch Autonomie (Unabhängigkeit von Umwelteinflüssen), um mit der Umwelt zu kommunizieren. Willke (1993 S.65) formulierte in diesem Zusammenhang, dass eine Steuerung des systemspezifischen Operationsmodus von außen nicht möglich sei, ohne die Identität des Systems zu beeinträchtigen. Ein autopoietisches System wird als eine zusammengesetzte Einheit bezeichnet, die durch eine bestimmte Organisation ihrer Prozesse sowie durch ihre Struktur determiniert ist. Dabei sind Struktur und Organisation zu unterscheiden. Die Organisationsform ist stets geschlossen und invariant, Strukturveränderungen sind dagegen möglich, allerdings nur in einem durch die Organisation vorgegebenen Rahmen (vgl. Ludewig, 1993). Dadurch wird eine Unterscheidung, das heißt eine Grenze zwischen dem System und seiner Umwelt hergestellt und aufrechterhalten.
Lebende Systeme mit komplexen Nervensystemen haben aufgrund ihrer Eigenschaft, sich selbst beobachten zu können, die Fähigkeit, Selbstbewusstsein zu entwickeln.
Das zu behandelnde System der Patientin stellt sich als autonom und in diesem Sinne selbstverantwortlich für seine Handlungen dar. Alle Einwirkungen von außen, die auf das System treffen, werden durch die Struktur des autopoietischen Systems bestimmt. Der Umgang damit und die dadurch entstehenden Auswirkungen sind grundsätzlich nicht direkt beeinflussbar. Die Wirkung der von dem Therapeuten gegebenen Informationen für das Patientensystem ist nur in Teilen sichtbar und lässt daher keine Vorhersage für eine direkte Veränderung eines autonomen Systems zu.
Die bis dahin favorisierte Rolle des Therapeuten als Experte verlagert sich daher auf die Rolle eines interaktiven Partners, der davon ausgeht, dass die Lösung der Probleme nidil durch ihn direkt, sondern nur durch die Betroffenen selbst ('Hunden worden k.um Ihm kommt dabei die Rolle eines interessierten nicht wissenden Dialogpartners zu, der durch hilfreiche Anregungen der Patientin zu neuen Einsichten verhilft.
Im therapeutischen Prozess zeigt sich, dass Veränderungen am Patientensystem dann effektiv sind, wenn die Patienten sich bereits in einem instabilen Zustand befinden und über die Transparenz der Behandlungsstrukturen sowie der therapeutischen Beziehungsqualität dem therapeutischen System zustimmen (Rufer 2012). Durch diese Einstimmung in die Interaktion mit dem anderen System entwickelt sich die Basis für die Beziehung im Sinne eines konstruktiven Arbeitsbündnisses zwischen Patientin und Behandler (Joining). Bei operationaler Geschlossenheit der sozialen Systeme entscheiden sie jeweils selbst, ob sie eine Information als relevant einstufen oder nicht. Störungen können daher nicht von außen aufgebrochen werden, sondern werden im Idealfall im Bezug zu den inneren Veränderungen des Systems (Autopoiese) aufgelöst. Im therapeutischen Setting kommt der empfundenen Qualität der therapeutischen Beziehung eine besondere Bedeutung dadurch zu, dass sie die Voraussetzung für die therapeutischen Interventionen schafft und so eine Bearbeitung der aktuellen Situation der Patientin und der bestehenden psychischen Störungen ermöglicht.
Da es sich aus systemischer Sicht immer um die Bearbeitungen von Selbstorganisationsprozessen handelt, kann die Dauer der notwendigen Veränderung nicht direkt eingeschätzt werden. Schiepek et al. (2013) sprechen daher im Rahmen von therapeutischen Veränderungsprozessen von »rapid early responses« oder »sudden gains«. Diese Phänomene waren ähnlich bereits bei Freud bekannt, der von plötzlichen Lösungen berichtet hatte (vgl. Kowalczyk 2004). Veränderungen bei den Patientinnen treten daher für Außenstehende (und damit auch für Therapeuten) unerwartet und im zeitlichen Verlauf diskontinuierlich auf. Eine Nutzung von fest strukturierten Behandlungsplänen und Manualen ist aus Sicht der systemischen Therapie daher nur bedingt angemessen.
So wurden, aufbauend auf dem Modell der Autopoiese, Frageformen und interaktive Dialogstrukturen bedeutsam, die sich mit der Beziehung von Wirklichkeit und Erkenntnis angesichts der Selbstbezüglichkeit von Erkenntnis beschäftigten. Auf der Grundlage eines sozialen Konstruktionismus, nachdem Wissen und Erfahrung erst in sozialen Bezügen entsteht, bildet der therapeutische Prozess den Rahmen für den Patienten, um seine Erfahrung und Erkenntnis sozial neu zu konstruieren und sich den für ihn relevanten Bedeutungsmustern in den wichtigen Lebensfeldern bewusst zu werden (Gergen 2002). Die folgenden Beispielfragen sollen diesen Prozess exemplarisch verdeutlichen:
Hintergrundfragen in einem systemischen Psychotherapieprozess:
- Wie entwickeln einzelne Personen in einem sozialen System ihre unterschiedlichen subjektiven Wahrheiten und aus welchen Interaktions- und Kommunikationsmustern leiten sie diese ab?
- Wie bestätigt jedes Systemmitglied durch sein Verhalten und seine Kommunikation die Wirklichkeitskonstruktion aller anderen?
- Wie lassen sich diese Weltbilder und Interaktionsmuster verändern?
Das Konzept der Selbstorganisation entwickelte sich als ein bedeutsames Prinzip menschlicher Prozesse mit der Möglichkeit, sowohl sich langsam aufbauende als auch plötzliche und unerwartete Veränderungen zu erklären. Der Zufall sowie die Unvorhersehbarkeit sozialer Situationen bekommen somit eine entscheidende Bedeutung für eine längerfristige kontinuierliche Entwicklung. Anhaltende und dauerhafte Besserung gelingt auf der Basis eines selbstorganisierten Prozesses und lässt sich nicht durch vorübergehenden äußeren Druck herstellen.
Im Veränderungsprozess geraten die Systeme (PatientInnen) zunächst aus dem Gleichgewicht, sodass sie in den Zwischenzuständen durch eine kritische Instabilität gekennzeichnet sind. Findet dies in den Formen der therapeutischen Interventionen Berücksichtigung, können die von den Patientinnen gewünschten Veränderungen erreicht werden. Da die Auswahl der Interventionen durch die Selbstorganisation des Patientensystems für den Therapeuten nie in Gänze bekannt und verstanden werden kann, kommt der Auswahl der Interventionen eine besondere Bedeutung zu.
Quelle: Rieforth/Graf (2014). Tiefenpsychologie trifft Systemtherapie, S.91-96.
Definitionen:
Homöostase ist die Tendenz eines Organismus oder Systems, einen ausgeglichenen und konstanten inneren Zustand aufrechtzuerhalten. Beim Menschen ist damit die Regulation aller Bereiche der Körperchemie gemeint, wie z.B. die Regulierung des Blutzuckerspiegels.
Homöostase ist ein für alle Lebewesen geltendes Prinzip, um das z.B. gegenüber sich verändernden Lebensbedingungen erreichte Gleichgewicht zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Das gilt auch im übertragenen Sinne als die Tendenz des Organismus, psychische Spannungen selbsttätig bzw. selbstregulierend auszugleichen (Dissonanztheorie).
1. Definition
Aus dem Lateinischen: homoios= gleich; stasis= bleibender Zustand. Die Homöostase beschreibt einen Prozess, der das konstant Bleiben eines bestimmten inneren Zustandes gewährleisten soll. So ein Prozess kann zum Beispiel die Regulierung der Temperatur oder des Wasserhaushalt im Körper sein. Vergleichen kann man die Homöostase mit einem Thermostat, das sowohl an eine Klimaanlage, als auch an eine Heizung gekoppelt ist. Das Thermostat schalltet die Heizung ein, wenn die Temperatur abfällt. Bei einem Temperatur Anstieg wird dementsprechend die Klimaanlage eingeschaltet (vgl. Smith, Nolen-Hoeksema, Fredrickson & Loftus 2007, S.466f).
2. Definition
„Homöostase bezeichnet die Erscheinung, dass lebende Systeme gewisse Parameter konstant halten und diese nach Störung wieder einregulieren in einer Weise, die nicht allgemeinen physikalischen Gesetzten entspricht, sondern diesen oft zuwiderläuft“ (zit. Ritter 1974, S.1184f).
3. Definition
Homöostase ist ein Prozess lebender Organismen bzw. organischer Regelsysteme der im Wesentlichen daraus besteht, physiologische Größen konstant bzw. innerhalb bestimmter zulässiger Grenzen zu halten. Diese konstante Haltung bestimmter Größen erfolgt durch einen einfachen oder komplexen Regelkreis (vgl. Klaus 1967, S.254).
4. Definition
Homöostase ist eine physiologische Bezeichnung für einen Prozess, der einerseits für die Erhaltung des Gleichgewichts im Körperhaushalt, andererseits für den weiter bestand, der für die Erhaltung des Gleichgewichts beteiligten Mechanismen bzw. Reaktionen zuständig ist (vgl. Fröhlich 1994, S.205).
5. Definition
Homöostase (engl. Homoeostasos) beschreibt den durch physiologische Kreisprozesse erzielten Gleichgewichtszustand der Organismen. Diesen Zustand benötigen sie zur Erhaltung ihres Daseins (vgl. Brockhaus 1969, S.656).
Verwendete Literatur:
Fröhlich, W.D. (1994). Wörterbuch zur Psychologie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Klaus, Prof. Dr., G. (1967). Wörterbuch der Kybernetik. Berlin: Dietz Verlag.
Ritter, J. (1974). Wörterbuch der Philosophie Band 3. Basel: Schwabe & Co Verlag.
Smith, E. Nolen-Hoeksema, S. Fredrickson, B.L. & Loftus, G. R. (2007). Atkinsons und Hilgards Einführung in die Psychologie. Berlin-Heidelberg: Springer Verlag.
Verschiedene (1969). Brockhaus Enzyklopädie Band 8. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG
Quelle: http://lexikon.stangl.eu/30/homoeostase/
Homöostase in der Biologie und Physiologie
"Das Nervensystem besteht aus zentralen und peripheren Anteilen. Das periphere Nervensystem besteht aus einem somatischen und einem autonomen Anteil. Die afferenten Bahnen des somatischen peripheren Nervensystems leiten Informationen der Haut, der Muskeln, der Gelenke, der Augen und der Ohren an das ZNS, während efferente Bahnen vom zentralen Nervensystem zum Körper führen. Damit ist das somatische Nervensystem der Teil, der mit der Umwelt interagiert.
Das autonome oder auch vegetative Nervensystem ist als Teil des peripheren Nervensystems für die Regulation des inneren Gleichgewichts der Körpersysteme verantwortlich.
Das autonome Nervensystem sorgt dafür, dass unser Organismus sich an wechselnde Bedingungen anpasst und die Homöostase des Gesamtsystems erhalten bleibt. Das autonome Nervensystem hat zwei efferente Subsysteme, das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Vereinfacht dient das sympathische Subsystem der Mobilisierung des Organismus bei Bedrohung und Stress, während das parasympathische Subsystem der Erholung und dem Aufbau von Reserven dient".
Quelle: Reimer, ...................
Homöostase in der Kybernetik und in Wolfgang Tschachers "Prozessgestalten"
Prinzip der ?Stabilität, des dynamischen (nicht: thermodynamischen!) Gleichgewichts. Der Begriff Homöostase stammt aus der Physiologie, wo er für die Konstanthaltung des inneren Milieus steht (also für einen Punktattraktor). Allgemein können als homöostatisch auch kompliziertere Formen attrahierenden (asymptotisch stabilen) Verhaltens bezeichnet werden.
Quelle: Tschacher, W. (1997). Prozessgestalten. Hogrefe, S. 254 - Weiteres dazu siehe Kapitel 8!
--> Bertalanffy etc................
Das „homöostatischen Prinzip“ bei Sigmund Freud
„Homöostase" ist die „Bezeichnung für die Erhaltung des Gleichgewichts im Körperhaushalt und die an der Erhaltung des Gleichgewichts beteiligten (homöostatischen) Mechanismen bzw.
Reaktionen“ (Drever/Fröhlich: dtv-Wörterbuch zur Psychologie. München 1972. Stichwort: Homöostase.).
Dieses ursprünglich nur physiologisch gemeinte Prinzip der Homöostase übertrug Freud in den Bereich der Psychologie. Von daher versteht er die „Absicht“ des „psychischen Apparates“ als den permanenten Versuch, „die von außen und innen an ihn herantretenden Reizungen und Erregungsgrößen zu bewältigen und zu erledigen“ (S. Freud (1917). Allgemeine Neurosenlehre. S. 349.).
Der Mensch ist demnach ein triebhaftes Wesen, das danach strebt, seine Bedürfnisse zu befriedigen, d.h. die durch sie verursachten Spannungen zu vermeiden und das gestörte Gleichgewicht (wieder-)herzustellen.
Kritik am homöostatischen "Lust-Unlust-Prinzip"
Freuds Lustprinzip ist deshalb für Frankl eine bloße Modifikation des biologischen Homöostase-Prinzips, und das bedeutet für ihn: Wenn der Mensch
beschrieben wird als ein Wesen, dem es letztlich um die (Wieder-)Herstellung intrapsychischer Zustände geht — sei es durch Versöhnung, sei es durch Befriedigung der Triebansprüche des Es oder des Uberich53, nicht aber um das Ausgerichtetsein auf Welt und Werte —, dann wird aus Anthropologie „Monadologie“.
Frankl weist jedoch darauf hin, daß das Homöostase-Prinzip selbst in der Biologie nicht mehr gelte, seit von Bertalanffy nachgewiesen habe, daß Phänomene wie Wachstum und Fortpflanzung keineswegs homöostatisch erklärbar seien.
Und der Hirnpathologe K. Goldstein habe für den Bereich der Neurologie und Psychiatrie zeigen können, daß erst das geschädigte Gehirn darauf aus sei, Spannungen zu vermeiden [s.u.]. Deshalb
fragt Frankl, ob nicht schon allein das heute um sich greifende Phänomen der Langeweile die Behauptung widerlege, die totale Homöostase bedeute als vollendete Befriedigung von Bedürfnissen Lebenserfüllung.
Und wir fragen, ob nicht die Tatsache, daß in den letzten Jahren auch und gerade in der Analyse Frcudschcr Prägung die Frage nach dem Sinn n a c h Abschluß der Behandlung mit Vehemenz gestellt wird, die Frankls Frage implizierende Antwort rechtfertige.
Frankl: Grundriß der Existenzanalyse. S. 681. Vgl. dazu auch Frankl: Der Mensch auf der Suche nach Sinn. S. 87 f.
Homöostase in der Familientherapie
"Der aus der Physiologie (W. Cannon) stammende Begriff wurde erstmals von D.D. Jackson (1968) auf Familiensysteme angewandt und bekam in der strategischen und strukturellen Familientherapie die Bedeutung von Gleichgewichtszuständen in Systemen. Positive Rückkoppelungsmechanismen (? Feedback aus systemischer Sicht) führen zu Ungleichgewicht, während negative Feedback-Prozesse auf Stabilität in Beziehungsgefügen abzielen. In einer Familie mit einem funktionalen „homöostatischen Plateau“ findet ein harmonisches Wechselspiel zwischen Stabilität
und Wandel statt. Eine „rigide“ Familie kann oft nur über die Symptombildung eines Mitglieds (? identifizierter Patient) ihre Homöostase aufrechterhalten. Bei jedem Symptom läßt sich also fragen, welche Funktion es zur Aufrechterhaltung des familiären Gleichgewichts erfüllt.
Stumm/Pritz (2007). Wörterbuch der Psychotherapie
- Elkaim M (1980) Von der Homöostase zu offenen Systemen. In: Duss von Werdt J, Welter-Enderlin R (Hg), Der Familienmensch. Stuttgart, Klett-Cotta, S 150–155
- Jackson DD (1968) Family interaction, family homeostasis and some implications for conjoint family psychotherapy. In: Jackson DD (Ed), Therapy, communication and change.
Palo Alto, Science and Behavior Books, pp 121–163
"Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile; jedes Teil ist nur im Kontext des Ganzen zu verstehen; eine Veränderung in irgendeinem Teil wirkt sich auf alle anderen Teile aus; das Ganze reguliert sich durch eine Folge von Rückkoppelungsschleifen, die kybernetischen Schaltkreise. Innerhalb dieser Rückkoppelungsschleifen wandern die Informationen hin und her
und bewirken so die Stabilität bzw. Homöostase des Systems". (Papp 1983/1989, S. 18).
Quelle: Papp, ..................
Homöostase in der Gestaltpsychologie und Gestalttherapie
Kurt Goldstein, ein bekannter Vertreter der Gestaltpsychologie,
"betrachtet sich in seiner beobachtenden Vorgehensweise als Phänomenologen. Er glaubt für jeglichen Organismus eine grundsätzliche "Tendenz zum Ausgleich" erkennen zu können, die ihm erlaubt, seine optimale Leistungsfähigkeit und seine "Ordnung ... trotz Störung durch Reize aufrecht zu erhalten" (1934, S. 236, zit. nach Ludwig-Körner 1992). Die Zentrierung des Organismus versetzt ihn in ein homöostatisches Gleichgewicht und dadurch in einen "mittleren Spannungszustand", der für die Reizbewältigung optimal sei. (Hiermit unterscheidet er sich von Freud, der die Spannungsreduktion als Ziel ansieht.) Zur "mittleren Spannung", als "normaler Lebensvorgang", gehöre "ein gewisses Schwanken in entgegengesetzte Phasen", in der der Organismus zwischen einem "Sein in Ordnung", als Zeichen einer adäquaten Reizverarbeitung, und einem "Sein in Unordnung" pendle, einer "unadäquaten Reizverwertung"
bei "katastrophaler Erschütterung des Seins" (1934, S. 195). Hier bereitet sich die Vorstellung von der Selbstorganisation vor.
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Die Gestaltpsychologie wird in dieser Zeit - ähnlich wie später die Kybernetik - für Verständnismodelle der Informationsverarbeitung im Gehirn und im Zentralnervensystem herangezogen. Der gesunde Organismus reagiere ganzheitlich; im beschädigten komme es nur zu Reaktionen isolierter Teile. Die Niveaueinbuße der hirngeschädigten Persönlichkeit gehe parallel zum Verlust ganzheitlicher Verarbeitungsformen.
Quelle: Hartmann-Kottek (2003). Gestalttherapie. In: Psychodynamische Psychotherapien. Wien: Springer, 2te Aufl., S. 179
Modelle der narzisstischen Homöostase und Gefühlsregulation
Mit der Annahme eines narzisstischen Gleichgewichtszustandes eng verbundene Modellvorstellungen begreifen den Narzissmus im Sinne einer Regulation von Gefühlszuständen, insbesondere des Selbst- und Selbstwertgefühls. Diese letzten Endes auf die von Freud hergestellte Verbindung des Narzissmus mit Formen des Selbstgefühls zurückgehenden Konzepte tauchen in verschiedenen Varianten auf.
Harts Modell des narzisstischen Gleichgewichts
Hart (1947) hat den Vorschlag gemacht, die terminologische Konfusion um den Narzissmus-Begriff zu verringern, indem er die Begriffe des »narzisstischen Gleichgewichts« (narcissistic equilibrium) oder der »narzisstischen Harmonie« (narcissistic harmony) und des »kompensatorischen Narzissmus« (compensatory narcissism) in den Rahmen der klassischen Trieb- und Strukturtheorie einführt.
Beim narzisstischen Gleichgewicht handelt sich gemäss Hart um einen Zustand der Sicherheit des Ich in seinem Verhältnis zum Über-Ich, der seine Wurzeln in der ursprünglichen Harmonie zwischen dem gehorsamen Kind und seinen liebenden Eltern habe. Der kompensatorische Narzissmus erfülle eine Abwehrfunktion bei der Störung dieses Gleichgewichts: Er repariere gewissermassen die gestörte Balance durch Zufuhr von narzisstischer Libido ins Ich, durch die narzisstische Besetzung intemalisierter Objekte, durch narzisstische Objektwahl, durch psychotische Regression oder durch andere seelische Aktivitäten, die sich im Facettenreichtum narzisstischer Erscheinungen ausdrücken. Je nachdem, ob diese Aktivitäten eher mit einer Rückkehr in die primär-narzisstische Welt verbunden sind und damit zu Fehlanpassungen an die Realität führen, oder ob sie, mit Objektliebe verbunden, zu einer besseren Realitätsbewältigung (mastery) führen, spricht Hart von »regressivem«, also pathologischem Narzissmus oder von »progressivem«, also gesundem Narzissmus. (...)

Das funktionale Narzissmus-Modell von Stolorow
Stolorow (1975a) hat mit seiner funktionalen Definition des Narzissmus dessen regulierende Funktion in einem kybernetischen Modell dargestellt: Der Narzissmus umfasst all diejenigen seelischen Aktivitäten, welche die strukturelle Kohäsion, die zeitliche Stabilität und die emotionale Färbung der Selbst-Repräsentation
regeln - wie ein Thermostat die Raumtemperatur.
Quelle: Altmeyer, M. (2004, 2te Aufl.). Narzissmus und Objekt. V&R, S. 67-71
Narzisstische Homöostase
"Ganz aufgegeben wird [das Libido-Modell] bei Stolorow (1975a), der sich völlig von den triebtheoretischen Konnotationen des Narzissmus gelöst und ihn funktional definiert im Rahmen eines kybernetischen Modells: Der Narzissmus regelt das Selbstwertgefühl mit Blick auf innere und äussere Bedingungen - wie ein Thermostat die Raumtemperatur.
Der funktionale Charakter dieser Definition besteht darin, dass der Narzissmus lediglich als Regulationsmechanismus verstanden wird und diejenigen seelischen Operationen umfasst, die diese Regulation leisten. Als narzisstisch gelten alle seelischen Aktivitäten, die die Funktion haben, den strukturellen Zusammenhalt, die zeitliche Stabilität und die positive Gefühlsfärbung der Selbst-Repräsentation aufrechtzuerhalten (Stolorow 1975a, S. 179). Unter dieser funktional formulierten, weit gefassten Definition lassen sich die vielen widersprüchlichen, als narzisstisch bezeichneten Erscheinungen zusammenfassen:
Der narzisstische Rückzug und die narzisstische Objektwahl, ein grandios aufgeblähtes Selbst und die Spiegelungstendenz, die narzisstische Wut und die Entwertung des Objekts - all diese Symptome können als Manöver verstanden werden, um ein gefährdetes oder verletztes Selbstbild wiederherzustellen.
Die funktionale Sicht, in der Stolorow das Definitionsproblem des Narzissmus-Begriffs zu lösen versucht, ist eigentlich eine kybernetisch-systemische Sicht, in der das Individuum im Kontakt mit der Aussenwelt sein Innenleben regelt. Die Raumtemperatur (metaphorisch für das Selbstwertgefühl) ist von vielen äusseren Faktoren abhängig. Der Thermostat erfasst mit Hilfe von Sensoren diese Faktoren, er »erfühlt« sie sozusagen und reagiert dementsprechend.
Mit Blick auf die Aussenwelt regelt der Narzissmus - in Analogie zum Wärmeregler - einen inneren Zustand. Stolorow unterscheidet letztlich zwei Zielsetzungen dieses Regelungsmechanismus:
» die Aufrechterhaltung einer kohärenten und stabilen Selbstrepräsentanz sowie der
» positiven Gefühlsfärbung dieser Selbstrepräsentanz.
Während die Gefühlsfärbung synonym für das Selbstwertgefühl (self-esteem) steht, sind Kohärenz und Stabilität der Selbstrepräsentanz die strukturellen Voraussetzungen für dieses Gefühl.
Das Ziel der narzisstischen Regulation besteht also in der Sicherung des Selbstwertgefühls und dessen struktureller Grundlage. Stolorow vermeidet aber die Gleichsetzung von Narzissmus und Selbstwertgefühl und betont den funktionalen Charakter seiner Definition: Der Narzissmus regelt das Selbstwertgefühl, er ist nicht identisch damit. Das zeigt der Vergleich mit dem Thermostat, der auch nicht mit der Raumtemperatur identisch ist, sondern diese angesichts einer Fülle äusserer Faktoren regelt. Der Narzissmus oder narzisstische Aktivitäten setzen dann ein, wenn das Selbstwertgefühl bedroht oder erheblich herabgesetzt ist und dienen dazu, es zu schützen, zu stabilisieren oder wiederherzustellen.
Quelle: Altmeyer, M. (2004, 2te Aufl.). Narzissmus und Objekt. V&R, S. 121-123
Hier folgen Martin Altmeyers Postulate zu einer postulierten Nach-Narzissmus-Aera: Intersubjektive Wende - Theorie und Praxis der relationalen Psychoanalyse:
Zuerst aber ein kurzer Rückgriff auf Altmeyers allgemeine Narzissmus-Definition, welche im zweiten Kapitel bereits ausführlich dargestellt wurde:
Traditionell wird unter Narzissmus Selbstliebe und Ich-Bezogenheit verstanden. Dieser Lesart eines zentralen psychoanalytischen - und inzwischen auch umgangssprachlichen - Begriffs setzt Martin Altmeyer eine intersubjektive Definition entgegen: "Der Narzissmus thematisiert das Grundbedürfnis, von anderen Menschen gesehen, beachtet, anerkannt und geliebt zu werden. Der Narzissmus ist gerade nicht die einsame Selbstbespiegelung. Im Spiegel der Umwelt bildet sich das Selbst.
Wir wissen, dass der primäre Narzissmus des Säuglings auf die Haltefunktion der Mutter und das Lächeln in ihrem Blick angewiesen ist. Wir erleben, dass das narzisstische Kind Aufmerksamkeit und Bewunderung sucht. Wir sehen, dass die Selbstinszenierung des Medienstars den Beifall des Publikums braucht. Und wir ahnen, dass auch die narzisstische Störung einen stillen oder lärmenden, aber immer verzweifelten Kampf um intersubjektive Anerkennung bedeutet." (Martin Altmeyer (2000). Narzissmus und Objekt, S....)
Altmeyers weitere Positionen folgen hier wiederum als Abfolge von Zitaten aus einem Vortrag des Autors aus dem Jahre 2002:
"Die Erfolgsgeschichte des psychoanalytischen Narzissmusbegriffs hatte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht. Die Psychoanalyse, damals auf dem Gipfel ihrer gesellschaftlichen Anerkennung, hatte eine neue Strömung hervorgebracht, die als eine Art erweiterte Narzissmustheorie mit dem Namen Kohut eng verbunden und heute als Selbstpsychologie etabliert ist. Im zeitdiagnostischen Diskurs hatte die narzisstische Persönlichkeit die autoritäre als vorherrschenden Sozialcharakter abgelöst und galt in der kritischen Pädagogik gar als „neuer Sozialisationstyp“ (Ziehe 1975). Der Narzissmus war als „protestantische Ethik von heute“ (Sennett 1983) zur Signatur einer ganzen Epoche erklärt geworden."(aus: Altmeyer, Martin (2002). „Video(r) ergo sum (Ich werde gesehen, also bin ich)“ - Vortrag im Rahmen der 52. Lindauer Psychotherapiewochen 2002 (www.Lptw.de)
"Dieses Modell der narzisstischen Vereinzelung, das die sozialwissenschaftlichen Analysen einer in unverbundene Individuen zerfallenden Single-Gesellschaft begleitete, hat im Zeitalter des digitalen Kapitalismus offenbar ausgedient. Eine Generation später taugt es womöglich nicht mehr für eine allseitig vernetzte Welt, in der es um Verbindung untereinander geht. Es scheint, als ob die Beziehung zum Anderen, auch wenn sie virtueller Natur ist, ein Revival erlebt. Interaktion ist der Schlüsselbegriff des beginnenden 21. Jahrhunderts, wie wir am Siegeszug der neuen Medien sehen. Die diskursive Hochkonjunktur des Narzissmus zumindest ist vorbei." (ebenda)
"Die Verbindung von Metapsychologie und Zeitdiagnose, die ich Ihnen aufzeigen möchte, liegt in einer intersubjektiven Reformulierung des psychoanalytischen Narzissmusbegriffs (vgl. Altmeyer 2000). Erst ein solcher definitorischer Kunstgriff gestattet uns, charakteristische Erscheinungen des Zeitgeists als verdeckte Suche nach spiegelnder Anerkennung zu deuten, in denen sich das bildet, was ich postmoderne Identität nenne. Um es pointiert auszudrücken:
Im grassierenden medialen Narzissmus kommt eine Basisinteraktion der Menschwerdung zum Vorschein, in der sich das Selbst nicht etwa selbstbespiegelt, sondern sich im Spiegel des Anderen erkennt."
"Das interaktive Medienspiel um das eigene Bild sagt uns etwas Anderes über den Narzissmus, als das, was wir gewohnt sind, wenn wir von der Selbstverliebtheit reden. Ich werde gesehen, also bin ich! Dieses narzisstische Muster der Identitätsfindung scheint sich heute universell etabliert zu haben. Die Spiegelfunktion des Narzissmus, einst eine Domäne von Kleinkindalter, Pubertät und Adoleszenz, ist in einer Welt penetranter Medialisierung derart sozialisiert, dass wir nicht mehr unterscheiden können: Hat hier ein Infantilisierung der Gesellschaft stattgefunden, die im Gegenzug die Kindheit als abgegrenzte Phase zum Verschwinden bringt; oder sollen wir von einer kollektiven Regression unter der totalisierenden Herrschaft der Warenproduktion sprechen sollen, welche auch das Selbst noch zur Ware macht, die verkauft werden muss. Das Videor ergo sum ist gewissermassen das geheime Mantra einer narzisstischen Phantasie, die in den Kapriolen der zeitgenössischen Lebenswelt immer wieder aufs Neue inszeniert wird". (ebenda)
Kernbefund: Nicht mehr Sexualität, sondern Identität sei das seelische Hauptproblem unserer Zeit.
Literatur:
Mitchell S.A. (2003) Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Giessen
Sennett, R. (1976, 1986): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Fischer Frankfurt.
Singer, W. (1998): Die Entwicklung und Struktur von Repräsentationen im Gehirn. Vortrag im Frankfurter Psychoanalytischen Institut am 8.5.1998
Winnicott, D.W. (1965, 1974): Reifungsprozesse und fördernde Umwelt, München.
Winnicott, D.W. (1971, 1995): Vom Spiel zur Kreativität. Klett-Cotta Stuttgart.
Ziehe, T. (1975): Pubertät und Narzissmus. Frankfurt – Köln.
Zizek, S. (2000): "Die Kamera liebt dich". Unser Leben als Seifenoper. Süddeutsche Zeitung v. 28.3.2000.
In Kapitel 2 wurden die Narzissmus-Theorien auf der Ebene der (Kleingruppen-)Beziehungen in chronologischer Reihenfolge bereits definiert und erläutert.
»Videor, ergo sum! Ich werde gesehen, also bin ich« - das ist unter Anspielung auf und im Widerspruch zu Descartes der Nenner, auf den Martin Altmeyer (2003, 261) das Konzept und die Haltung der Intersubjektivität bringt: Das Selbst ist sowohl entwicklungspsychologisch als auch prinzipiell gesehen immer sekundär; der/die Andere ist immer primär: »Der Mensch wird am Du zum Ich«, formulierte bereits Martin Buber (1936, 36), der/die/das Andere ist somit immer schon im Selbst enthalten.
Selbst-sein, Subjektivität basiert also auf der Bezogenheit auf den Anderen und realisiert und entwickelt sich immer im Bezug auf ihn. Umgekehrt wird natürlich der Andere, der aus seiner Perspektive seinerseits ein Selbst ist, ebenfalls nur im Austausch mit dem Gegenüber zu dem, der er ist. Das Selbst und der/die Andere existieren nur in Gegenseitigkeit: "In den Blicken des Du, einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht, werde ich meiner nicht nur als eines erlebenden Subjekts überhaupt, sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst.
"Die subjektivierenden Blicke des Anderen haben eine individuierende Kraft" (Jürgen Habermas 2005, S. 19).
Wenn man den psychotherapeutischen Dialog im Paradigma der Intersubjektivität als eine gemeinsame Schöpfung von TherapeutIn und KlientIn betrachtet, dann hat das natürlich weitreichende Konsequenzen für die Behandlungspraxis: Der Analytiker/Psychotherapeut muss sich auf eine mehr oder weniger gleichrangige Ebene mit dem Patienten begeben, damit der Dialog gelingt.
Das bedeutet, dass er/sie die Freudsche Abstinenz im Sinne der „Spiegelhaltung“ und die Position des Wissenden weitgehend aufgibt und zum Mitgestalter wird - zwar stets um Verstehen bemüht, aber doch immer aus der Teilhabe am Gesamten heraus.
Er/Sie weiss nicht (und schon gar nicht von vorn herein) alles, sondern beide Beteiligte bringen gemeinsam in Erfahrung, welche Botschaft – welche intersubjektive Wahrheit - die analytische Situation hervorbringt. Das ist ein Prozess in Worten und in Inszenierungen aus dem prozeduralen Wissen heraus, der sich erst auf der affektiven Ebene von Uebertragung und Gegenübertragung erschliesst.
Der Göttinger Psychoanalytiker Michael Buchholz beschreibt dies in einer Würdigung des leider viel zu früh verstorbenen Stephen Mitchell so: „Hier wird gelitten und nach Worten gerungen, hier wird gekämpft, geweint, getrotzt, verführt und beeinflusst. Das alles geschieht, geschieht und geschieht, und am Ende steht manchmal eine Einsicht, eine hilfreiche Klärung, manchmal aber auch nur ein beruhigendes Wort.“ (Buchholz M (2003). Vorwort zur deutschen Ausgabe von Stephen Mitchells „Bindung und Beziehung“, Psychosozial-Verlag, Giessen, S. 9).
Natürlich ist der Analytiker auf Grund seiner/ihrer spezifischen Ausbildung und Kenntnisse, ihres theoretischen Wissens immer auch in einer Sonderrolle. Die analytische Beziehung ist daher zugleich symmetrisch und asymmetrisch. Das ist das Paradox, das in der Behandlung ertragen werden muss.
Die psychoanalytische Behandlung zielt im Kontext der intersubjektiven Psychoanalyse darauf ab, subjektive Bedeutungen zum Tragen kommen zu lassen, die zwischen Patient und Analytiker ausgehandelt werden, und im Hier und Jetzt zu ergründen. Die Uebertragung spielt dabei insofern eine besondere Rolle, als sie die emotionale Anknüpfung an früh verschüttete Erlebnisstränge erlaubt und damit neue Entwicklungen in Gang setzt. An frühere Erfahrungen anzuknüpfen wird dabei zu einer Quelle neu belebter Vitalität. Diese Uebertragungsfunktion ist den Intersubjektivisten wichtiger als die Rekonstruktion von Erfahrungen als Quelle von Einsicht.
Die Begegnung/Beziehung im Hier und Jetzt dominiert also die Beobachtung und die Wahrnehmung, wogegen die Bezugnahme auf die Entwicklung, also auf die Biografie, keine grosse Rolle mehr spielt.
Ein Wesensmerkmal dieser Behandlungstechnik ist die selektive Offenlegung persönlicher Erfahrungen und Gefühle, also selektive Mitteilungen nach sorgfältiger Reflexion der Gegenübertragung.
Dieses Mittel der Behandlung erzeugt ein Klima von beteiligtem Miteinander. Es ist jedoch etwas völlig anderes als eine unkontrollierte Selbstenthüllung. Es ähnelt dem „Prinzip Antwort“ in der interaktionellen Methode, die etwas früher in Deutschland von Annelise Heigl-Evers und Franz Heigl beschrieben worden ist.
Selektiv heisst, dass der Analytiker nicht unkontrolliert seine/ihre eigene Beteiligung preisgibt, sondern nur in dem Masse, wie er/sie es nach Beurteilung der Gesamtsituation für nützlich bzgl. des/der PatientIn hält. Die Idee dahinter ist, dass auf diese Weise neue Beziehungskonstellationen erfahren und verinnerlicht werden können und der Patient an der Begegnung reift.
Michael Ermann (2011) erläutert dies an einem kleinen Beispiel aus einer Supervision:
"Ich riet einer Kollegin, die sich entschieden hatte, sich nach jahrelanger Behandlung erschöpft aus einer Borderline-Therapie zurückzuziehen, mit ihrer Patienten etwa Folgendes zu besprechen:
- dass sie tatsächlich nach all der Zeit erschöpft sei;
- dass sie spüre, die Grenzen ihrer Möglichkeiten erreicht zu haben;
- dass sie das erkläre, damit die Patientin sich orientieren könne und verstehen könne, warum sie die Behandlung nicht mehr weiterführen könne;
- dass sie der Patientin damit nicht Schuldgefühle machen wolle;
- dass sie auch spüre, dass die Patientin noch weiter Behandlung brauche,
- und dass es ihr sehr, sehr leid tue, dass sie selbst diese Behandlung nicht mehr anbieten könne;
- und schliesslich: dass es schmerzlich für sie sei, ihr – der Patientin – damit weh zu tun.
Und noch ein kleines Beispiel aus Ermanns Praxis:
Als ich vor einiger Zeit meinen Behandlungsraum aus der Klinik in meine neue Privatpraxis verlegte, geriet einer meiner Analysanden in eine Krise, machte mir wütende Vorwürfe und nannte mich rücksichtslos. In seiner Wut über meine Praxisverlegung wollte er die Analyse abbrechen. Schließlich sagte ich ihm nach langem Zuhören und nachdem er ein wenig Abstand zu seiner Wut bekommen hatte: “Es tut mir aufrichtig leid, dass ein Ereignis, das in meinem Leben eine so große Bedeutung hat und an dem ich nichts ändern kann, Ihnen so viel Kummer bereitet.“ (Michael Ermann 2011: Von der Abstinenz zur Solidarität - Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse)
Die Gestalttherapie hat mit ihrem Feldmodell den Organismus als grundlegend eingebettet und in wechselseitiger Bezogenheit mit der Umwelt verstanden und geht hier Hand in Hand mit modernen Objektbeziehungstheoretikern und SelbstpsychologInnen. Einer der konsequentesten von psychoanalytischer Seite ist der „relationale Ansatz“.
Dabei gibt es auch innerhalb der relationalen Autoren nicht zu allen Fragen Einigkeit. So steht Sullivan (1950), der auf sprachliche Genauigkeit grössten Wert legt, mit seiner Ansicht, die Sprache sei gleichzusetzen mit dem Beginn der Menschwerdung, der Meinung Mitchells (2003, S. 41) und der Gestalttherapie (vgl. Staemmler 2003a) gegenüber, die – sich auf Stern berufend – in der Sprache ein zweischneidiges Schwert sehen. Sullivan glaubt, Wörter verkörpern die Besonderheiten eines ursprünglichen Zusammenhanges, weshalb alle Eltern so aufgeregt seien, wenn ihr Kind zum ersten Mal „Mama“ oder etwas Ähnliches sagt. Aber es habe seinen Sinn, wenn die „parataktischen“ Eigenschaften verloren gehen, denn erst dann könne Sprache wirklich benutzt werden, so dass andere Kommunikationsteilnehmer sie genau verstehen. Ueberreste des ursprünglichen „parataktischen“ Kontextes bleiben nach Sullivan nur als eine Art Privatsprache erhalten – eine Art „autistische Residuen“ im Sinne nichtsprachlicher Reste, welche die Möglichkeiten der Sprache grundsätzlich aber schmälern.
Mitchell sieht das mit Stern entschieden anders. Denn „es gibt auch Bereiche unseres Erlebens, die wir mit anderen Menschen weniger leicht teilen können und die uns selbst nicht unmittelbar zugänglich sind, weil die Sprache sich dem entgegenstellt. Sie treibt einen Keil zwischen zwei simultane Formen interpersonalen Erlebens: die Form, wie Interpersonalität gelebt, und die Form, wie sie verbal dargestellt wird. Das Erleben in den Bereichen der auftauchenden, der Kern- und der intersubjektiven Bezogenheit, die ungeachtet der Sprache weiterhin erhalten bleiben, kann der Bereich der verbalen Bezogenheit nur sehr partiell mit einschliessen. Und in dem Masse, in dem das Geschehen im verbalen Bereich als wirkliches Geschehen betrachtet wird, unterliegt das Erleben in den anderen Bereichen einer Entfremdung. (Sie können zu „niederen“ Erlebnisbereichen herabsinken.) Die Sprache bewirkt also eine Spaltung im Selbsterleben. Überdies verlagert sie die Bezogenheit von der persönlichen, unmittelbaren Ebene dieser Bereiche auf die ihr selbst inhärente, unpersönliche, abstrakte Ebene (Stern 1992, S. 231f.).
Mit anderen Worten: Die reichsten Formen des Erlebens entstammen der prä-verbalen Entwicklungsphase mit ihren dichten kreuzmodalen Sinneserfahrungen – man kann das Erleben des Säuglings und kleiner Kinder durchaus als zutiefst sinnlich bezeichnen. Andacht fühlen, Ergriffensein, still staunendes Wahrnehmen – diese Affektbereiche bilden sich in der Persönlichkeitsentwicklung früh heraus und sind bei Kindern als Erlebnisbereiche nachfühlbar (vgl. dazu auch Hoffmann-Axthelm 2003). Die sinnliche Intensität geht mit dem Aufkommen der Sprache verloren. Es ist ein Verdienst all jener psychotherapeutischen Ansätze, die explizit an und mit dem Körper arbeiten, auf den emotionalen Reichtum dieser vorsprachlichen „Domäne“ aufmerksam zu machen.
Dieser Auffassung schliesst sich auch der in der psychotherapeutischen Literatur zu wenig beachtete Analytiker Loewald, ein Analysand und Schüler von Sullivan und zugleich Student bei Heidegger an. Während Freud der Ansicht war, es geben ein klar definierbare Kluft zwischen vorsprachlichem und sprachlichem Bereich, zwischen Primär- und Sekundärprozess, die auch das Traumerleben prägt (damit die unbewusste infantile Triebstrebung im Traummotiv das Bewusstsein erreichen kann, muss sie sich an Worte heften, die aus den Tagesresten stammen), bezweifelt Loewald (1977) genau diese Trennung. Für ihn sind vielmehr die Arbeitsweisen der Sprache auf allen Entwicklungsebenen der seelischen Struktur bedeutsam. Schon wenn die Mutter zum Säugling spricht, ist ihre Sprache ein wesentliches Transportmittel ihrer Person – durch ihren Sprachfluss, den Klang der Stimme, den Rhythmus der gesprochenen Worte – und dies sogar schon vorgeburtlich. Loewald muss daher auch als Wegbereiter einer seriösen pränatalen Psychologie betrachtet werden. Für ihn ist weniger die Unterscheidung zwischen „verbal“ und „präverbal“ von Bedeutung, sondern zwischen einer Entwicklungsphase, bei der Wort und Klang in der Dichte eine ganzheitlichen Erlebens aufgehen, und einer späteren Phase, wo die semantischen gegenüber den sinnlich-affektiven Eigenschaften der Sprache Vorrang erhalten.
Stephen Mitchell (2003, S. 53f.), der sich in wesentlichen Aspekten auf Loewald beruft, liest sich beinahe schon körperpsychotherapeutisch, wenn er über die affektiv-sinnliche Wirkung von Worten Gedanken macht. Er ist an Klängen von Worten interessiert, genauso wie Loewald, und an der physikalischen Erfahrung bei Aussprechen von Worten – z.B. am Wort „dig“ (dt.: schürfen):
„Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr der aggressiv-durchdringende Klang des Wortes... zu seiner Bedeutung passt... Um das Wort auszusprechen, muss man die Zungenspitze gegen den Daumen drücken und die Lippen leicht von den Zähnen zurückziehen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schien mir, dass die Bedeutung, der Klang und die physische Aktivität, die man brauchte, um das Wort zu formen, dass alle diese Komponenten zusammen daran beteiligt waren, einen seelischen Zustand zu erzeugen und eine besondere Form der Bezogenheit... herzustellen.“
Mitchell kommt etwas später zu dem Schluss (und schliesst hier wiederum an Loewald an), dass ein wesentliches Element dieser frühen und sinnlichen Entwicklungsphase der Affekt Freude/Spass ist. Eine Sprache ist für ihn eine „verbundene Sprache“, wenn ihr affektive Qualitäten in breiten Variationen und insbesondere die affektive Qualität der Freude im Gesprochenen mitschwingen kann. Damit befindet sich Mitchell sowohl im Einklang mit der Gestalttherapie, die eine lebendige „Kontaktsprache“ an die Stelle reinen „Verbalisierens“ setzen will (vgl. Perls et al. 1979; Staemmler 2003a), als auch mit analytischen Körperpsychotherapeuten, die sowohl auf die Wichtigkeit sprachlicher Verbundenheit mit basalen Erlebensmodi (Berliner 1994) als auch auf die Bedeutung der Freude explizit aufmerksam machen (Heisterkamp 2000). Mitchell (2003 S. 54) betont, dass es ihm wesentlich um die „Tiefendimensionen“ des Erlebens geht – um einen ganzheitlichen Erfahrungsmodus, gekennzeichnet durch ein Verschwimmen der Unterscheidung von Selbst und Anderem, von Innen und Aussen, von Fantasie und Wahrnehmung – einem Erlebensmodus, der in unserer vorsprachlichen Entwicklungsperiode seine Blüte erlebt - aber das ganze Leben lang bestehen bleibt, wenn auch im Hintergrund! Wichtig: Dieses Erleben sei aber vom Wesen her nicht illusorisch, sondern ganz wirklich, ganz real! Hier spürt man Mitchell die Kritik an einem grundlegenden Freud'schen Paradigma, das im frühen kindlichen Erleben halluzinativ-illusorische Momente betont. Auch aus der Sicht der modernen Säuglingsforschung besteht an der realen Erfahrung des Säuglings im Grunde kein Zweifel.
Mitchell geht damit genauso wie Loewald sogar über Winnicott einen entscheidenden Schritt hinaus, denn für Winnicott hatten die Fantasien einen sehr wichtigen Platz - aber eben als illusionärer Uebergangsraum. Beide befassen sich auch mit Körpererinnerungen, mit Kinogrammen (Downing 1996) – beide unterstreichen, dass nicht immer Erinnerungen als Bild abgespeichert werden, sondern als kinästhetische Erinnerungen. Diese Ansicht steht ganz im Einklang mit der mo-dernen Traumaforschung. Beide stellen Ueberlegungen zur grundlegenden These der Kleinianer über frühe introjektive und projektive Mechanismen an, in denen Substanzen und Körperteile gleichsam über die Grenze zwischen innen und aussen hin- und herbewegt werden. Beispiel: „Wenn ich mich also dabei ertappe, im Ärger über meine Tochter genau die gleichen Ausdrücke zu verwenden, die mein Vater mir gegenüber verwendet hat, dann bin ich mit einem väterlichen Introjekt identifiziert, das zum Zwecke einer omnipotenten Kontrolle in mir aufgerichtet worden ist“ (Mitchell 2003, S. 61). Sie kommen zu einer von den Kleinianern abgrenzbaren, anderen Hypothese: „Die Worte meines Vaters (sind) nicht in mich hinein gebracht worden, sie sind ich“ (ebenda). Es aktualisiert sich eine frühe Erfahrung, für die kennzeichnend ist, dass der Unterschied zwischen „innen und aussen“ noch keine wesentliche Rolle spielt. Diese Erfahrung tritt im genannten Moment in den Vordergrund.
Die Liebe haftet dem Ich nicht an, sodass sie das Du nur zum Inhalt
zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du.
(Martin Buber)
Das psychotherapeutische Bündnis: Vertrauen – Hoffnung – Kreditierung
Quellen:
- Boothe B, Grimmer B (2005). Die therapeutische Beziehung aus psychoanalytischer Sicht. In: Rössler W. (Hrsg). Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin Heidelberg New York Tokio, S 37–58
- Boothe B, Heigl-Evers A (1996) Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung. Ruprecht, München
- Boothe B, Hermann M-L (2011) Beziehungen, die Mut machen: Kreditierung in der Psychotherapie mit Aelteren. Psychotherapie Alter 8:203–216
- Hermann, Marie-Luise, Dürler, Nicole, Rohrer, Gila, Boothe, Brigitte (2013). Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. In: Der Psychotherapeut 58, S.56–62
- Grimmer, Bernhard (2006). Psychotherapeutisches Handeln zwischen Zumuten und Mut machen - Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. Kohlhammer, Stuttgart
- Rössler, W. (2005). Die therapeutische Beziehung. Wien: Springer.
Ausgehend von der "klassischen" Sichtweise erarbeite ich im folgenden langsam eine eigene, dem relationalen Paradigma verpflichteten, Philosophie und Praxis der Psychotherapie.
Im Uebergang zwischen "Freudscher Klassik und Benjaminscher Postmoderne" befindet sich u.a. die Position der Zürcher Psychotherapie-Forschergruppe um Brigitte Boothe und Bernhard Grimmer u.a.:
"Vor allem aufgrund der Ergebnisse der empirischen Psychotherapieforschung wird heute in der Qualität der hilfreichen Beziehung zwischen Therapeut und Patient der wichtigste und grundlegende Wirkfaktor jeder Psychotherapie gesehen (Strupp 2000; Luborsky 1995; Frank 1997). Eine solche Beziehung wird immer von beiden, Therapeut und Patient, gestaltet. Im Laufe ihrer Interaktion entwickeln sie ihre eigene Form der Kommunikation und eine gemeinsame Beziehungsgeschichte. Jede therapeutische Dyade ist deshalb einzigartig und nur bedingt vergleichbar. Das Zusammenpassen [sog. "Matching", M.F.] von dem spezifischen Therapeuten mit dem spezifischen Patienten ist somit ein wesentlicher Faktor für ein gelingendes Zusammenspiel und einen erfolgreichen therapeutischen Prozess (Kantrowitz 1998).
Die therapeutische Beziehung ereignet sich in einem institutionalisierten und formalisierten Kontext. Der Therapeut als professioneller Helfer befindet sich in einer bestimmten Rolle, die sich u.a. in einer zugewandten und zugleich neutralen und distanzierenden Haltung zeigt. Es entsteht eine sehr persönliche Beziehung, die dennoch zeitlich, örtlich und in ihrer Nähe und Intimität begrenzt ist. Es ist eine ungleiche Beziehung, in der nur die Geschichten und die Geschichte des Patienten Beachtung finden, während der Analytiker als private Person weitgehend anonym bleibt. Diese Ungleichheit ermöglicht, dass der Patient wirklich zur Geltung kommen kann, ist aber für viele Patienten gerade in der Anfangsphase nicht leicht zu ertragen. Im Laufe einer psychoanalytischen Behandlung ist es unvermeidlich, dass von Zeit zu Zeit auch die reale Person des Analytikers, seine Werte und Vorlieben jenseits seiner professionellen Haltung für den Patienten spürbar werden. Diese Momente einer authentischen persönlichen Begegnung [vgl. Stern's Konzept der "Gegenwartsmomente", Kap. XY], in der die gewohnte professionelle Haltung des Therapeuten aufbricht, beleben die Beziehung und werden von Patienten im Rückblick auf ihre Therapie als eine ganz eigene und wesentliche Qualität hervorgehoben (Senf u. Schneider-Gramann 1990). (zit. nach Boothe B, Grimmer B (2005), S. 44-45)
Die "klassischen" Beziehungs-Wirkfaktoren
Die therapeutische Beziehung stärkt das Ich und mobilisiert Ressourcen der Explorations- und Selbstwahrnehmungskompetenz:
-> Der Psychotherapeut unterstützt den Patienten dabei, dass er sich selbst genauer wahrnimmt und besser versteht.
-> Das geschieht durch Ermutigung zu Selbstwahrnehmung, Selbstexploration und unbeschönigter Selbstmitteilung.
-> Die Arbeit des Analysanden, sich unzensiert mitzuteilen, findet in Auseinandersetzung mit dem Uebertragungsgeschehen statt. Es handelt sich um einen Prozess der Artikulation, eine Aktivität der Gestaltgebung des psychischen Lebens, für die der Dialogpartner als Zeuge und wohlwollender Begleiter von grosser Bedeutung ist.
-> Selbstkenntnis und das Bemühen um selbstexploratives Sprechen stehen in unmittelbarer Verbindung. Die ungeschönte Selbstmitteilung hat zunächst das Ziel, sich selbst dem Gegenüber zu zeigen und kenntlich zu machen. Dieser beziehungsgebundene Prozess des Sich-zu-erkennen-Gebens schafft Vertrauen und Nähe, Anerkennung und nicht-illusionistisches Selbstbewusstsein.
-> Der Patient identifiziert sich dabei mit einer von seiten des Analytikers erfahrenen Haltung nicht-wertender Aufmerksamkeit, respektvollem Wohlwollen und nicht-manipulativen Umgangs mit dem Beziehungspartner.
-> Selbstexploration bringt Anerkennung und Selbstanerkennung. In dieser Position zunehmender Belastungstoleranz ist die Offenheit für die Rekonstruktion maligner psychischer Prozesse und korrigierender Beziehungserfahrungen sowie der Erprobung von Handlungsalternativen optimal gegeben.
(Boothe B, Grimmer B (2005), S. 53-54)
TherapeutInnen-Beziehungs-Variablen
Inzwischen weiss man, dass häufig schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt einer Therapie die Weichen dafür gestellt werden, ob die Beziehungsaufnahme gelingt und sich eine produktive Zusammenarbeit entwickeln kann oder nicht (Strupp 1996, 2000). Vom ersten Kontakt an beginnt ein wechselseitiger Zuschreibungs- und Einschätzungsprozess, begleitet und vorgeformt durch basale Gefühle der Zu- oder Abneigung. Der Therapeut macht sich ein Bild vom Patienten, er nimmt eine Einschätzung der Ziele des Patienten, seiner Persönlichkeit und Entwicklungsmöglichkeiten vor. Diese Bewertung wirkt wiederum auf sein therapeutisches Handeln zurück (Sandler u. Dreher 1998). Die initiale Einstellung des Therapeuten scheint von bemerkenswerter Konstanz zu sein und häufig über die Dauer der Therapie unverändert zu bleiben (Strupp 1996).
PatientInnen-Beziehungs-Variablen
Auch der Patient macht sich ein Bild: Er schätzt die Vertrauenswürdigkeit und insbesondere die Fähigkeit des Therapeuten ein, ihm zu helfen, anfangs oft beeinflusst vom Vertrauen in die professionelle Kompetenz des Therapeuten und in dessen therapeutische Rituale (Frank 1997). Der Therapeut muss sich jedoch auf die Dauer in seinem Handeln bewähren, um das Vertrauen des Patienten zu bestätigen und zu vertiefen.
Die therapeutische Dyade und die triadische Dynamik
Eine erste, implizite Integration von eben beschriebener Kreditierungskonzeption und der in Kap. XY bereits breit diskutierten Anerkennungstheorie sensu Jessica Benjamin und Axel Honneth findet sich in folgendem Beitrag von Boothe und Grimmer aus dem Standartwerk Rössler (2005, Hrsg), "Die therapeutische Beziehung":
"Die psychotherapeutische Beziehung ist zwar eine zwischen zwei Personen, aber sie ist in psychoanalytischer Perspektive nicht als abgeschlossene Dyade zu verstehen. Die beiden Partner sind zwar intensiv aufeinander bezogen, aber sie sind einander nicht genug. Sie schaffen einen Erfahrungsraum, exklusiv für sie beide, aber er öffnet sich notwendig auf ein Drittes hin. Das ist zunächst einfach der Umstand, dass der Patient die Welt draussen in seinen Einfällen und Erzählungen mitbringt und dass seine Situation in der Welt draussen für den therapeutischen Erfolg von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Da ist ausserdem die Tatsache, dass auch der/die TherapeutIn in relevanten Aussenbeziehungen steht, beispielsweise zu Krankenkassen und Supervisoren, und dass Patienten bestimmte Bezugspersonen, die der Therapeut im professionellen und privaten Rahmen hat, interessant finden. Darüber hinaus findet ein systematischer Einbezug des Dritten in einem weiteren Sinn statt: Im aktuellen Beziehungshandeln in der therapeutischen Situation entwickelt sich, psychoanalytisch betrachtet, eine individuelle und wechselnde Dynamik in Auseinandersetzung mit dem dritten Objekt.
Diese Dynamik wird wirksam in den jeweiligen aus infantilen Wünschen, Aengsten und Abwehrbewegungen gespeisten Uebertragungsbeziehungen. Zwei grobe Beispiele: Mutter und Vater unterscheiden sich nicht. Sie lieben mich beide, und ich bin die einzig wichtige Beziehung für sie. So könnte sich die Wunschphantasie eines Patienten anhören, der die Position des ausgeschlossenen Dritten verleugnet. Ein solcher Patient präsentiert sich in der Uebertragungsbeziehung als kindlicher Hoffnungsträger, als messianische Figur vielleicht, auf den alle gewartet haben und dessen Erscheinen in der Tat – vergleiche die Geburt Christi im Neuen Testament – nicht mit einer exklusiven relevanten Beziehung der Eltern verbunden ist. Es ist Aufgabe des Therapeuten, die übertragene Beziehungsdramaturgie des Patienten mit zu durchleben, mitzugestalten, wahrzunehmen und in der Bearbeitung von Abwehr als triadische Dynamik in Kooperation mit dem Patienten weiterzuentwickeln.
(...)
Aber so, wie die Selbstinszenierung als kindlicher Hoffnungsträger einen prekären Preis hat, nämlich auch im reifen Erwachsenenalter immer nur als künftige Verheissung aufzutreten und von einem wohlwollenden Mentor abhängig zu sein, ist für Hänschen die Nähe zur Mutter, die ihn zu brauchen scheint, ein zweifelhaftes Glück. Es hat den Preis des Weltverlustes, eines Gebundenbleibens an die Heimatbasis, [was einer narzisstischen Kränkung gleichkommt, M.F.].
Therapeutischer Fortschritt kommt in diesem Fall zustande durch die Ausgestaltung und Reflexion der Uebertragungsbeziehung, durch die Analyse von Schuld- und Verpflichtungsgefühlen, durch die Ermutigung der Zuwendung zur weiten Welt und durch das Lebendigwerden eines väterlichen Beziehungspartners.
Die psychotherapeutische Beziehung in psychoanalytischer Perspektive soll dazu beitragen, dass im Prozess des Erlebens und Reflektierens inneres [narzisstisches, M.F.] Gleichgewicht wiederhergestellt und in Begleitung eines Gegenübers ein Zuwachs an innerer Freiheit erfahren werden kann.
Für das Verständnis der hilfreichen Beziehung und ihrer variantenreichen Entwicklung im Verlauf einer individuellen psychoanalytischen Behandlung ist das Denken in triadischen Konfigurationen besonders nützlich und aufschlussreich. Die produktive psychoanalytische Triade ist so zu charakterisieren:
- Der Patient erlebt und artikuliert einen spezifischen Konflikt, der Therapeut unterstützt diesen Prozess der inneren Exploration, Klärung und Bewusstmachung, und vermittelt den Bezug auf das Dritte. (Boothe B, Grimmer B (2005), S. 53-54)
Das Kreditierungskonzept
Mit Hilfe des Kreditierungskonzepts (Grimmer 2000, 2006; Boothe u. Heigl-Evers 1996) können die verschiedenen Erkenntnisse zur Bedeutung von Zuversicht, zur Einstellung des Therapeuten und zur Motivierung des Patienten als Merkmale einer Kreditierungsbeziehung verstanden werden: Der Therapeut muss dem Patienten zunächst einmal einen Kredit für sein Anliegen in der Therapie geben. Er muss überzeugt sein, dass der Patient über Ressourcen verfügt, die ihm eine Lösung seiner Probleme und eine Entwicklung und Veränderung in der Zukunft ermöglichen. Er setzt auf das Potential des Patienten.
Damit einher geht aber eine bestimmte Haltung ihm gegenüber: Der Therapeut begegnet ihm/ihr als einen potentiell machtvollen Akteur und vermittelt ihm sein Zutrauen. Diese Vermittlung erschöpft sich nicht im blossen verbalen Zuspruch (»das wird schon«, »Sie werden das schaffen«), sondern zeigt sich in der gesamten Beziehungsgestaltung.
Der Therapeut mutet dem Patienten in der gemeinsamen Arbeit etwas zu, konfrontiert ihn mit neuen und unangenehmen Sichtweisen. Eine kreditierende Haltung wirkt der häufig zu Beginn einer Therapie beobachtbaren Selbstwahrnehmung und Selbstpräsentation des Patienten als bedauernswertes Opfer einer versagenden Umwelt entgegen und fördert dessen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Akteur, [er/sie verlässt somit mehr und mehr eine Opferhaltung].
Eine solche Bewegung weg von der Wahrnehmung als passives Opfer hin zur Erkenntnis eigener Aktivität ist ein häufig zu beobachtendes Merkmal eines erfolgreichen psychoanalytischen Prozesses (Lear 1999). Ein kreditierender Beziehungsmodus ist als nicht wegzudenkende Form Entwicklung fördernder Kommunikation zwischen Eltern und Kindern von Boothe u. Heigl-Evers (1996) beschrieben worden, [vgl. das Entwicklungs-Kapitel in diesem Buch].
In der Psychotherapie ist er aufgrund der empfundenen Hoffnungslosigkeit und mangelnden Kompetenzerwartung des Patienten besonders wichtig. Die Kreditierung des Patienten durch den Therapeuten ist sicherlich vorrangig, umgekehrt muss aber auch der Patient dem Therapeuten Kredit geben, z.B. im Sinne des oben beschriebenen Vertrauensvorschusses in dessen Kompetenz." (Boothe B, Grimmer B (2005), S. xx-xx)
Otto F. Kerbergs in Kap. XY und bereits etwas intersubjektiver Boothe/Grimmers oben beschriebene Haltung bzgl. der Beziehung und deren Gestaltung entprechen zwar noch weitgehend einer klassischen, eher autoritativen (vgl. Kap. XY: Entwicklungspsychologie) Experten-Kunden-Beziehung.
Seit dem "relational turn" Ende des letzten Jahrhunderts hat sich die Beziehungsgestaltung auch in Richtung einer partnerschaftlich-suchenden Unterstützung und Begleitung entwickelt.
Sehr treffend hat dies Martin Altmeyer im letzten Abschnitt seiner Standortbestimmung "Soziales Netzwerk Psyche" im Forum für Psychoanalyse (2011), Nr. 27, S. 107-127, beschrieben:
"Die „Revolution“ der Psychoanalyse sieht Stephen Mitchell (2003), [der "Wiederentdecker" der Relationalen Psychoanalyse, Anm. M.F.], auf beiden Seiten der psychoanalytischen Beziehung:
Der Patient brauche heute weniger das, was ihm die klassische Psychoanalyse [vgl. erstes Kapitel in diesem Buch, Einschub M.F.] angeboten bzw. abverlangt habe, also Aufklärung über die eigene Triebwelt, Verzicht auf infantile Wunschbefriedigungen, Anpassung an soziokulturelle Anforderungen, und erwarte vielmehr Unterstützung bei seiner individuellen Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Authentizität und Vielfalt, nach persönlicher Identität ohne Identitätszwang.
Der Analytiker wiederum besitze weder objektives noch exklusives Wissen über die Psyche seines Patienten; statt nach biografischer Wahrheit suche er gemeinsam mit dem Patienten nach den Bedeutungen, die in dessen Interaktionsgeschichte und Beziehungserfahrungen verborgen sind, einschliesslich der Bedeutung der analytischen Beziehung selbst, und nach neuen Lebensentwürfen (Mitchell 1993, 2005).
Weil diese Suche ein gemeinsames Unternehmen ist, komme es darauf an, die analytische Beziehung von autoritären Mustern zu befreien, sie egalitärer zu gestalten, ohne freilich deren Asymmetrie in der Rollenverteilung zu bestreiten, und den Patienten an der Deutungsarbeit zu beteiligen.
Dazu muss der Analytiker sich als lebendiger, interessierter, engagierter Partner verstehen, der die klassische Position des neutralen Beobachters verlässt, seine theoriebewaffnete Objektivität zugunsten einer Selbstreflexivität und persönlichen Offenheit aufgibt, die mit privater Enthüllung nichts zu tun hat. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass der Patient sich in einem „glatten Spiegel“ der therapeutischen Indifferenz nicht selbst erkennen kann [vgl. die beschriebenen Narzissmus-Konzepte im Kap. XY, Einschub M.F.].
Erst in einem durch Anerkennung „gebrochenen“ Spiegel lässt sich jene kreative Selbsterforschung in Gegenwart eines Anderen betreiben, die dem Patienten nicht nur die Integration seiner lebensgeschichtlich abgespaltenen, abgewehrten, oder abgewerteten Persönlichkeitsanteile erlaubt, sondern ihn auch ermutigt, zu neuen Ufern der Selbst- und Weltbeziehung
aufzubrechen".
Im Artikel "Narzissmus, Intersubjektivität und Anerkennung" (Psyche, 54/2000) schreibt Altmeyer zur Narzissmus-Psychotherapie:
"Es ist geradezu die Abhängigkeit vom Anderen, die im Narzissmus verborgen wird und sich gleichzeitig auf eigentümliche Weise enthüllt. In den vielfältigen Ausdrucksformen dessen, was wir Narzissmus nennen, sind unbewusste Botschaften an die Welt enthalten. Uebersetzt lautet die suggestive Mitteilung etwa:
"Schau mich an, höre mir zu, beachte mich, bewundere mich!" oder: "Halte mich, liebe mich, erkenne mich an!" – sie kann auch heissen: weil/wenn Du das verweigerst, ziehe ich mich von Dir zurück oder greife Dich an! oder aber: ich fühle mich grossartig und eins mit der Welt – vielleicht auch: "Mit einer Welt, die mich so behandelt (hat), will ich nichts zu tun haben!"
Im Uebertragungsgeschehen, und das nicht nur bei der Behandlung narzisstischer Störungen, sind wir Adressaten solcher Botschaften, wie wir bei der Analyse unserer Gefühle der Gegenübertragung erkennen".
Küchenhoff (1999) schreibt folgendes zur Verschränkung von Intra- und Intersubjektivem:
Die Verschränkung der intrapsychischen und intersubjektiven Ebene
[Es] läßt sich eine Konvergenz zwischen klinischer Theorie zu den frühen Störungen und der Säuglingsforschung erkennen. Es geht beidesmal um die Polarität zwischen Trennung und Beziehung; in einem Fall wird Trennung durch Beziehung kompensiert, also durch die Beziehung Trennung verarbeitbar; im anderen geht es um die Anerkennung der Getrenntheit, um die positive Bestätigung der Trennungsschritte innerhalb der Beziehung. Immer ist es der Andere, der den Rahmen für das Trennungserleben anbietet.
Wer ist der Andere?
Um Mißverständnisse zu vermeiden, soll nicht einfach vom „äußeren Objekt“ gesprochen werden; so vertraut uns dieser Begriff klingen mag, ist er m.E. doch problematisch. Denn der psychoanalytische Objektbegriff lebt davon, daß mit ihm nicht der andere Mensch beschrieben wird, sondern seine Besetzung oder, anders gesagt, seine wunsch- oder triebbestimmte Perspektivierung. Dann aber können Objekte nicht die „wahren“ Bilder der Anderen sein, was ja auch erkenntnistheoretisch betrachtet nicht möglich ist – auch die sog. „äußeren Objekte“ nicht. Jenseits der Objektbesetzung ist nicht mehr das Objekt, sondern der Mitmensch, auf den ich mich beziehe und der sich mir zugleich entzieht. Nicht vom Mitmenschen ist hier die Rede, sondern vom Anderen, weil das „Mit-“ zu einseitig die Verbundenheit betont; es geht aber um das Wechselspiel von Verbindung und Differenz. Der Begriff ist nötig, um die Beziehungsdimension zu beschreiben, die im Objekterleben nicht aufgeht, die anzeigt, daß es ein Jenseits der Beziehung zum Objekt gibt, das die Beziehung zu einer Aufgabe macht, die prinzipiell nicht abzuschließen ist.
„Der Andere“ soll eine weitere Metapher sein, um diese letzte Trennungsdimension zu beschreiben. Trennungen müssen selbst anerkannt werden. Korrekter wäre es, von der „Anerkennung des Anderen“ zu reden; der Einfachheit halber soll es bei dem Kürzel bleiben, mit dem sich das Reflexivwerden der Trennungserfahrung gut beschreiben läßt.
Die Anerkennung des Anderen, die Liebe und die implizite Ethik der Psychoanalyse
Psychoanalytische Therapie löst das Spannungsfeld zwischen den (inneren) Objekten und dem Anderen nicht auf. Im Gegenteil, sie verhilft zu seiner Bewusstwerdung.
Ziel der Psychotherapie ist es demnach, dass aus den Objekten Andere werden können, also Subjekte, zu denen wir einen Bezug herstellen, die objekthaft
besetzt werden können, aber nicht in dieser Besetzung aufgehen. Es ergibt sich ein Paradoxon: gerade als Analytiker sehen wir, wie bedeutsam Objektbesetzungen
sind. Es geht nicht anders, als in jeder Beziehungsaufnahme aus dem Anderen ein Objekt zu machen; wir können nicht aufhören, die anderen zu besetzen.
Aber wir können in der Analyse erfahren, daß und auf welche Weise wir es tun. Und dieser selbstreflexive Schritt hat Auswirkungen: an die Stelle des Wunschs
nach Rückkehr in die – nachträglich aufgebauten – Paradiese, an die Stelle der imperativen Anforderungen an die Anderen, das oder jenes für mich zu sein, tritt der in sich zurückgebogene, also reflektierte, nicht der aufgelöste Wunsch.
Für meine Beziehung zum anderen heißt das nicht, daß ich ihn nun interesselos, ohne Egoismus, nur um seiner selbst willen etc. betrachte, aber ich rechne mit
den Effekten der Trennung. Ich anerkenne seine Unterschiedenheit, und die Anerkennung seiner Subjektivität ist die Anerkennung der Tatsache, daß er mir immer
wieder entgleitet, weder in meinen Wünschen noch in meinen Ueberzeugungen aufgeht. (Küchenhoff 1999, S. 199-200
Beziehungs-Phänomene in der Klassischen Psychoanalyse, Objektbeziehungs- und Selbstpsycholgie
Uebertragung und Gegenübertragung
..........im folgenden zuerst wieder anhand der beiden bereits mehrfach erwähnten Psychoanalytiker Kohut und Kernberg, darstellen möchte; dies wiederum anhand von Originalzitaten:
Das Wesen der spontan sich entwickelnden Uebertragung:
(...)
Im Folgenden und im Anschluss an meine Zitate in Ka. XY, S. xy, untersucht Heinz Kohut in seinem wichtigen Werk von 1973 "Narzissmus":
1. die Uebertragungen, die aus der therapeutischen Mobilisierung der idealisierten Elternimago entstehen (idealisierende Uebertragung genannt);
2. die aus der Mobilisierung des Grössen-Selbst entstehenden (zusammenfassend als Spiegelübertragung bezeichnet);
3. die Uebertragungsreaktionen des Analytikers (einschliesslich seiner Gegenübertragungen), die man während der Freisetzung der idealisierten Elternimago in der Uebertragung bemerkt; und
4. jene, die man während der Freisetzung des Grössen-Selbst des Patienten findet...“ (S. 43)
Die idealisierende Uebertragung:
„Die therapeutische Aktivierung des allmächtigen Objekts (der idealisierten Elternimago), idealisierende Uebertragung genannt, ist die Wiederbelebung eines von zwei Aspekten einer frühen Phase der seelischen Entwicklung in der Psychoanalyse.
Sie ist der Zustand, in dem die Psyche, nachdem sie eine Störung des Gleichgewichts des primären Narzissmus erleiden musste, einen Teil des verlorenen Erlebens der umfassenden narzisstischen Vollkommenheit dadurch zu retten versucht, dass sie diese einem archaischen, rudimentären (Uebergangs-)Selbst-Objekt zuschreibt, der idealisierten Elternimago. Da alle Vollkommenheit und Stärke jetzt in dem idealisierten Objekt liegen, fühlt das Kind sich leer und machtlos, wenn es von ihm getrennt ist, und es versucht deshalb, dauernd mit ihm vereint zu bleiben.“ (S. 57)
Die Spiegel-Uebertragung:
„Entsprechend der kohärenten therapeutischen Wiederbelebung des idealisierten Selbst-Objektes in der idealisierenden Uebertragung wird das Grössen-Selbst in den übertragungsähnlichen Zuständen therapeutisch reaktiviert, für die der Begriff Spiegelübertragung gewöhnlich verwandt wird, obwohl er nicht umfassend genug ist. Die Spiegelübertragung und ihre Vorläufer stellen somit die therapeutische Wiederbelebung jenes Aspektes einer Entwicklungsphase dar, in der das Kind versucht, den
ursprünglichen allumfassenden Narzissmus dadurch zu erhalten, dass es Vollkommenheit und Macht in das Selbst verlegt „hier Grössen-Selbst genannt„ und sich verächtlich von einer Aussenwelt abwendet, der alle Unvollkommenheiten zugeschrieben werden (dies stimmt ungefähr mit dem Zustand überein, den Freud das >purifizierte Lust-Ich< genannt hat.“ (Kohut, S. 57)
Die kohärente therapeutische Wiederbelebung des Grössen-Selbst vollzieht sich in der Analyse in drei Formen; diese stehen in Beziehung zu spezifischen Entwicklungsstadien dieser psychischen Struktur, wie sie in der therapeutischen Regression sichtbar geworden ist:
1. Die archaische Verschmelzung durch Erweiterung des Grössen-Selbst;
2. eine weniger archaische Form, die Alter-Ego oder Zwillingsübertragung und
3. eine noch weniger archaische Form, die als Spiegelübertragung im engeren Sinne bezeichnet wird." (S. 138)
Die Spiegelübertragung im engeren Sinne (nach: Kohut, H. (1973). Narzissmus)
In der reifsten Form der therapeutischen Wiederbelebung des Grössen-Selbst wird der Analytiker am deutlichsten als anderer Mensch erlebt. Er ist jedoch dem Patienten nur im Rahmen der Bedürfnisse, die durch das therapeutisch wiederbelebte Grössen-Selbst geschaffen werden, wichtig und wird nur insoweit von ihm akzeptiert. Für diese Form der analytischen Wiederbelebung des Grössen-Selbst trifft die Bezeichnung >Spiegelübertragung< am meisten zu. S. 140)
In diesem engeren Wortsinn ist die Spiegelübertragung die Wiederherstellung jener normalen Entwicklungsphase des Grössen-Selbst, in dem der Glanz im Auge der Mutter, der die exhibitionistische Darbietung des Kindes widerspiegelt und andere Formen mütterlicher Teilnahme an der narzisstischen Lust des Kindes und der narzisstisch-exhibitionistischen Lust des Kindes und der mütterlichen Reaktionen auf sie das Selbstwertgefühl des Kindes stärken und durch eine schrittweise zunehmende Spezifität dieser Reaktionen das Selbstwertgefühl in eine realistischere Richtung lenken.“ S. 141)
Die drei Formen der Wiederbelebung des Grössen-Selbst in der Uebertragung können an ihren verschiedenen klinischen Bildern erkannt werden:
Ad 1: „Da die älteste Form in der Wiederherstellung einer alten Einheit mit dem Objekt durch Ausweitung des Grössen-Selbst in der Übertragung besteht, hat das Übertragungsobjekt kaum Konturen, und die Beschäftigung mit dem Objekt fehlt in den assoziativen Material entweder ganz, oder sie ist sehr dürftig und unauffällig.“ (S. 147)
Ad. 2: „Weil die Alter-Ego- oder Zwillings-Uebertragung, in der nicht eine primäre Einheit, sondern eine Gleichheit (Ähnlichkeit) mit dem Objekt wieder hergestellt wird, einer reiferen Entwicklungsphase entstammt als jene der Verschmelzungsübertragung, treten objektbezogene Inhalte in dem assoziativen Material mehr in Erscheinung, und ein gewisses Mass von Getrenntheit vom Objekt wird vom Analysanden verbalisiert.“ (S. 148)
Ad 3: „Und weil schliesslich die Getrenntheit vom Objekt in der Spiegelübertragung im engeren Sinne kognitiv am deutlichsten entwickelt ist, sind objektbezogene Inhalte hier am häufigsten. Das Objekt ist jedoch selbst hier noch mit narzisstischer Libido besetzt, und es wird nur insoweit darauf reagiert, als es zur Aufrechterhaltung der narzisstischen Homöostase beiträgt (oder diese beeinträchtigt).“ (S. 148)
Zur Behandlungstechnik nach Kernberg:
Die typischen Uebertragungs- und Gegenübertragungs-Situationen, wie sie sich (auch) in Behandlungen schwer narzisstisch gestörter Patienten zu entwickeln pflegen:
„Alle Bemühungen dieser Patienten scheinen nur darauf ausgerichtet zu sein, den Analytiker scheitern zu lassen, die Analyse zu einem belanglosen Spiel zu machen und was immer sie an ihrem Analytiker als gut und wertvoll erleben, systematisch zu zerstören.“ (S. 282 f)
„Wenn man monate- und jahrelang von solch einem Patienten immer nur als dessen >>Anhängsel<< behandelt wird (was oft auf derart subtile Weise geschieht, dass man es unter Umständen eine Zeitlang gar nicht merkt) so kann es schon passieren, dass man sich allmählich wirklich >>wertlos<< fühlt, zumindest was die analytische Arbeit mit diesem Patienten anbelangt. Alle Bemerkungen und Interventionen des Therapeuten scheinen sich in Sinnlosigkeit zu verflüchtigen, und jegliche Sympathie, die er für den Patienten empfunden haben mochte , wird von diesem systematisch zerstört.“ (S. 283)
„Im Verlaufe einer über längere Zeit erfolglosen Behandlung kann beim Analytiker schliesslich eine defensive Entwertung des Patienten einsetzen, die diesen wiederum in seinem Verdacht bestärkt, dass auch der Analytiker letztlich nicht anders sei als andere bedrohliche Objekte, von denen er sich schon früher zurückgezogen hat; manchmal gibt auch irgendeine geringfügige Frustration den Anlass dafür, dass der Patient sich plötzlich darüber klar wird, dass er den Analytiker nicht mehr unter seiner Kontrolle hat. In so einem Moment kann es leicht zum Abbruch der Behandlung kommen.“ (S. 283)
Behandlungstechnische Konsequenzen:
„So muss der Analytiker vor allem ständig sein Augenmerk auf die besondere Qualität der Übertragung richten und immer wieder konsequent allen Bemühungen des Patienten entgegentreten, die darauf abzielen, ihn omnipotent zu beherrschen, zu kontrollieren und zu entwerten. Weiterhin gilt es auch, die langfristige Entwicklung der Gegenübertragung sorgfältig zu beachten.“ (S. 283)
„Der Analytiker soll seine Gegenübertragung in den analytischen Prozess mit einbringen – nicht in der Weise, dass er dem Patienten seine Gefühle mitteilt, sondern indem er systematisch seine Gegenübertragung benutzt, um daran die verborgenen Intentionen im Verhalten des Patienten zu erkennen. Da diese Patienten ihren Analytiker als Erweiterung ihrer selbst oder umgekehrt: sich selbst als einen Teil des Analytikers behandeln, spiegelt sich im Gefühlserleben des Analytikers hier noch deutlicher als bei anders gelagerten Fällen das wider, womit der Patient selbst sich innerlich auseinandersetzt; insofern ist die systematische Nutzung der Gegenübertragungsreaktionen bei der Behandlung narzisstischer Persönlichkeiten besonders aufschlussreich.“ (S. 283)
Zusammenfassend für die besprochenene psychoanalytischen Therapieansätze dient folgende Tabelle aus Hartmann (1997):

Persönliche Anmerkungen:
Sozialisiert durch die harte, sprich: nur durch quantitative Statistik erhärtete Fakten akzeptierende, Schule des leider früh verstorbenen "Star-Psychologen" Prof. Klaus Grawe hat es einige Jahre gedauert, bis ich mich über Umwege (Gestalttherapie, Integrative Therapie) wieder meinen eigenen psychologischen Wurzeln zuzuwenden vermochte: der Psychoanalyse nach Sigmund Freud und seinen Nachfolgern.
Ich habe selber im Rahmen der für angehende Psychotherapeuten gesetzlich vorgeschriebenen Selbsterfahrung einige Therapieverfahren an eigener Haut erfahren dürfen. Die psychoanalytische Psychotherapie hat mir dabei mit Abstand am meisten gebracht; sowohl an Einsichten als auch an konkreten Hilfen für den privaten wie auch beruflichen Alltag.
Ich finde es deshalb zynisch, wenn u.a. VerhaltenstherapeutInnen und Systemiker zwar selber ganz gerne und mit Erfolg zu einem Psychoanalytiker sowohl in Eigentherapie als auch in Supervision gehen, dann aber dieses Verfahren (quasi die Königsdiziplin !) nicht ihren KlientInnen zukommen lassen, sondern da dann nur eine Art von kurzer und oberflächlicher Psycho-Technologie, meist kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose o.ä., anwenden.
Hier herrscht eine ungute und m.E. skandalöse Zweiklassen-Psychotherapie: Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie für Reiche und Intellektuelle der Mittel- und Oberschicht einerseits sowie (kognitive) Verhaltenstherapie kombiniert mit Medikamenten und ev. systemischen Einsprengseln für die weniger privilegierten Menschen in unserer Gesellschaft.
Mein Fokus liegt deshalb bei dem Versuch, das Wertvolle der Langzeittherapieform Psychoanalyse beizubehalten und gleichzeitig die Anzahl Sitzungen so zu reduzieren, dass Tiefenpsychologie noch immer "funktioniert" (inkl. Uebertragung, Gegenübertragung und Widerstand!, s.u.) und zu einer handhabbaren (höchstens eine Sitzung pro Woche), rationalen (alle Phänomene werden dem Klienten transparent gemacht) und bezahlbaren (weil höchstens 30 Sitzungen nötig) Behandlungsform wird.
Somit steht die "tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie" (so nennt sich diese Art der mittlerweile recht verbreiteten Kurzzeit-Psychoanalyse) auch KassenpatientInnen zur Verfügung. Ich habe festgestellt, dass die Langform der Therapie sich auch bei Privatzahlern (welche bereit wären über Jahre hinweg zweimal die Woche zu kommen) gar nicht besser bewährt als die eben skizzierte Kurzform (hierzu gibt es eine Menge Forschungsresultate, z.B. Grawe et al. 1994, Frauchiger 1997).
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Von der Monade über die Dyade zur Triade
--> Thomas Bedorf: Monade, Dyade und Triade
--> Grieser et al.: Triangulierung
Jürgen Habermas: Theorie kommunikativen Handelns
Wie auch in den bisherigen Kapiteln leite ich neue Themen ganz gerne mit einer "fachfremden" Perspektive ein. Beim Thema "Von der Dyade zur Triade", also der Triangulierung, habe ich mich für einen Text aus der Pädagogik entschieden. Folgender Auszug stammt von der bereits in der Einführung länger gewürdigten Autorin und Professorin Annedore Prengel, welche 2013 folgenden Text zu Habermas' Triangulierungs-Konzept schrieb:
Solidarität und didaktische Triangulierung
Für Kinder und Jugendliche in Bildungseinrichtungen geht es stets auch um Aneignung von Welt. Es wäre verfehlt, die Auseinandersetzung mit Objekten der Welt in einer Theorie pädagogischer Beziehungen auszublenden. Im Gegenteil, sie ist unverzichtbar beim Nachdenken darüber, was Anerkennung als professionelle Solidarität mit Fremden im Generationenverhältnis bedeuten könnte. In der Didaktik und in so unterschiedlichen Denkrichtungen wie in der Psychoanalyse, in der Kommunikationstheorie und in der Evolutionsforschung wird in diesem Zusammenhang mit Begriffen wie Triade, Triangulierung und Dreieck gearbeitet.
Jürgen Habermas hat den grundlegenden evolutionären und entwicklungspsychologischen Zusammenhang, die Studien von Michael Tomasello (2011) kommentierend, eindrucksvoll erläutert. Er erklärt, was geschieht, wenn Menschen sich gegenseitig etwas zeigen: „Auf der horizontalen Ebene übernehmen die Beteiligten mit der Blickrichtung auch die Intention des jeweils anderen, sodass eine soziale Perspektive entsteht, aus der beide in vertikaler Richtung ihre Aufmerksamkeit zugleich auf das angezeigte Objekt richten. Auf diese Weise gewinnen sie von dem gemeinsam identifizierten und wahrgenommenen Gegenstand ein intersubjektiv geteiltes Wissen“ (Habermas 2009, S.45). In der triadischen Beziehung gewinnt nach Habermas die „Gleichursprünglichkeit von Intersubjektivität und Objektivität“ Gestalt.
Kinder und Erwachsene benutzen „den Zeigefinger, um mit anderen ihre Wahrnehmung zu teilen“ (Habermas 2009, S. 45).
Anmerkung der Autorin zur nebenstehenden Skulptur-Abbildung: "Das Motiv „Mariens Unterweisung“ mit den Protagonistinnen Anna als Lehrerin und Maria als Schülerin und einem ihnen zugeordneten Buch (oder einer Papierrolle) ist seit dem Spätmittelalter und bis ins 20. Jahrhundert hinein in der katholischen Sakral- und Volkskunst ausserordentlich verbreitet. Das Doppelstandbild stellt die lesen lernende Maria und die lesen lehrende Anna dar, während sie sich auf das Buch zwischen ihnen, das sie gemeinsam halten, konzentrieren. Die Skulptur kann im Paderborner Diözesanmuseum betrachtet werden.
Es liegt nahe zu fragen, ob und wie es als eine historisch frühe, vielleicht sogar „klassisch“ zu nennende Imagination zur triangulierenden relationalen Struktur der Kommunikation im menschlichen Generationenverhältnis (Habermas 2009) gedeutet werden könnte: eine Balance im „didaktischen Dreieck“, das, eingebettet in ein vielschichtiges Umfeld, aus den Beziehungen zwischen lernendem Kind, lehrender Erwachsener und Lerngegenstand entsteht und veranschaulicht, dass die kognitive Beziehung zum zu vermittelnden Lerngegenstand mit der emotionalen Beziehung zur lehrenden Person verbunden ist" (Prengel 2013, S.11/12)
"Die Tatsache, dass es schon vor der europäischen Erfindung des Buchdrucks in spätmittelalterlicher Zeit um 1430 möglich war, eine solche Lernsituation in triadisch angelegter Form zu gestalten, bestätigt die epochenübergreifende Geltung der Ueberlegungen zum Zusammenhang von Subjekt-Subjekt-Beziehung und Subjekt-Welt-Beziehung von Habermas. In relationentheoretischer Sicht zeigt sich hier, dass auch die „generationenübergreifende Weitergabe symbolisch gespeicherten Wissens“ (Habermas 2009, S. 45) und seine Revidierung und Erweiterung auf mehrdimensionalen relationalen Prozessen beruht.
Für die Weitergabe von Wissen in schulischen und außerschulischen Kontexten ist die triadische Struktur grundlegend. Schon die oben mit Helsper/Wiezorek (2006) und Stähling (2013) vorgestellten gelingenden pädagogischen Beziehungen in Grund- und Hauptschulen wären ohne den Bezug zu Lerngegenständen gar nicht darstellbar. Sichtbar wurde, dass das Lernen als Aneignung neuen Wissens und Könnens den Kontext gelingender Beziehungen braucht.
Heather Geddes (2006, 2009) und Helmut Reiser (2006) sind Autoren, die auf dem Hintergrund von Psychoanalyse, Bindungstheorie und Themenzentrierter Interaktion herausarbeiten, wie sehr die Beziehungen des Kindes zur Welt und zur Person zusammenhängen, wie sehr eine Störung der intersubjektiven Beziehung die Subjekt-Objekt-Beziehung beeinträchtigt und wie das Bemühen um Förderung der Beziehungsfähigkeit beide Richtungen, die Beziehung zur Sache und die Beziehung zur Person, berücksichtigen muss. Darum wäre es nicht angemessen in der Arbeit mit Kindern in schwierigen Lern- und Beziehungssituationen zuerst die personale und anschließend die sachbezogene Relation verbessern zu wollen, denn die personalen Beziehungen sind mit Weltbezügen verbunden.
[Fussnote: Ruth Cohn (1912-2010) gehörte zur Generation der wegen des Nationalsozialismus zur Auswanderung gezwungenen Psychoanalytiker, die in der Nachkriegszeit in den USA die Ansätze der Humanistischen Psychologie erarbeiteten. Die von ihr entwickelte TZI (Themenzentrierte Interaktion) ist ein einzigartiges Konzept der Arbeit im relationalen Feld, bestehend aus Person, Gruppe und Thema im Kontext von Globe, dem grösseren institutionellen und gesellschaftlichen Umfeld, vgl. Reiser 2006 mit weiterführenden Literaturangaben zum Werk von Ruth Cohn und zur aktuellen TZI.]
In dieser Perspektive können wir erkennen, dass es problematisch wäre, im Rahmen einer Theorie von Nähe und Distanz den Sachbezug als zur Distanz gehörig zu verorten. Es kann vielmehr eine außerordentlich empathische Wahrnehmung durch Lehrer oder Erzieher erforderlich sein, wenn es darum geht, herauszufinden, in welcher Form, mit welchen Medien und auf welcher Kompetenzstufe ein Kind oder Jugendlicher sachlich ansprechbar ist und seine Zugänge zur Welt des Wissens und Könnens ausbauen kann. Darin liegt der Zusammenhang von diagnostischer und didaktischer Perspektive.
Und darin, dass Lehrerinnen und Lehrer feinfühlig erspüren, an welchen Themen und mit welchen Methoden eine Gruppe oder ein einzelnes Kind oder ein einzelner Jugendlicher gut lernen kann, zeigt sich die didaktisch relevante Solidarität der Lehrenden mit den Lernenden, für die sie eine geeignete pädagogische Umgebung mit passenden räumlichen, materiellen, medialen und methodischen Lerngelegenheiten vorbereiten. Bei diesen didaktischcurricularen Fragen spielen – über die Anerkennungsform der Solidarität mit Fremden hinaus – auch die beiden anderen Anerkennungsformen, die rechtliche Achtung und die leistungsbezogene Wertschätzung, eine Rolle [vgl. Kap. 9: Honneths Anerkennungstheorie].
Quelle: Prengel, Annedore (2013). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz, S. 75-77
Literaturangaben zu den im Text erwähnten Quellen:
Geddes, Heather (2009): Bindung, Verhalten und Lernen. In: Brisch, Karl-Heinz/Hellbrügge, Theodor (Hg.): Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 170-186
Habermas, Jürgen (2009): Es beginnt mit dem Zeigefinger. In: Die Zeit, Feuilleton vom 10. Dezember 2009 Nr. 51. S.45
Habermas, Jürgen (2010): »Das utopische Gefälle. Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte.« In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 58 (3) 2010, S.343-357. Auch in: Blätter für Deutsche und Internationale Politik, 8/2010, S.43-53. URL: http://www.blaetter.de/archiv/themen (20.1.2013)
Helsper, Werner/Wiezorek, Christine (2006): Zwischen Leistungsforderung und Fürsorge. Perspektiven der Hauptschule im Dilemma von Fachunterricht und Unterstützung. In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. 98 (4) 2006, S. 436-455
Reiser, Helmut (2006): Psychoanalytisch-systemische Pädagogik: Erziehung auf der Grundlage der Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Kohlhammer
Stähling, Reinhard (2013): Differenzieren lässt sich lernen. Wie die Grundschule Berg Fidel gelernt hat, mit Heterogenität umzugehen und Aussonderung zu unterlassen. In: Jürgens, Eiko/Miller, Susanne (Hg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S.252-264
Tomasello, Michael (2011): Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Triangulierungsprozesse
Die innere Welt ist dann ein dreidimensionaler Raum, wenn sie eine tragende Verbindung zur Aussenwelt hat. Man kann sich den 4. Pol auch als Fenster vorstellen, durch das genauso das Licht der Aussenwelt in den Binnenraum der Beziehungstriade hineinscheint wie es hinausführt in das Getümmel der Außenwelt. Triangulierung gibt Bedeutung, Struktur und Halt und eröffnet eine Perspektive. Aufgabe des Therapeuten ist es, ein triadisches Feld entstehen zu lassen und Triangulierungsprozesse zu ermöglichen. Dabei kann er sich auf Goethe berufen, der in den Wahlverwandtschaften schrieb: „Nichts ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten“.
Jede therapeutische Situation kann als ein Uebergangs- oder Möglichkeitsraum im Sinne Winnicotts betrachtet werden, in dem wie oben beschrieben Symbolisierungs- und Entwicklungsprozesse im Dreieck Patient-Therapeut-Symbol möglich werden. Therapie ermöglicht Symbolisierung und damit Entwicklung. Im therapeutischen Uebergangsraum orientiert sich der Therapeut auf der Grundlage seiner eigenen inneren Triangulierung in folgenden Untertriaden (vgl... Abb. 4):
1. Im Dreieck Patient–Therapeut–Therapiemethode; hier wird z.B. der Behandlungsvertrag ausgehandelt und der Rahmen für die Behandlung gesetzt. Die Therapiemethode steht hier nicht zufällig am 4. Pol der Außenrealität, denn im Konfliktfall müssen sich Patient und Therapeut im Rückgriff auf die Methode den Rahmen eines Stücks gemeinsam geteilter Aussenrealität versichern. „Ohne die Idee einer objektiven Realität draußen, über welche Analytiker und Patient sich mehr oder weniger gut verständigen könnten“, kann sich Thomä (1999, S. 849, sich auf Cavell beziehend) ein Gespräch zwischen 2 Personen nicht vorstellen.
2. Im Dreieck Patient-Therapeut-Material; dieses wird durch die aus dem Behandlungsvertrag abgeleitete Grundregel konstituiert.
3. Im Dreieck Therapeut-Material-Methode findet der Therapeut zu seinen Deutungen; dieses kann deshalb als das Deutungsdreieck des Therapeuten bezeichnet werden.
4. Dem Dreieck Patient-Material-Methode steht der Therapeut oft begleitend gegenüber, manchmal auch als mehr oder weniger ausgeschlossener Vierter, wenn der Patient die Analyse allein vorantreibt, was er zwischen den Therapiestunden und nach Beendigung der Analyse tun wird, oder wenn der Patient sich dieses Dreiecks als Abwehr zur Vermeidung der Beziehung zum Therapeuten bedient.
Ein trianguläres Modell des therapeutischen Prozesses, wie es im Bild der therapeutischen Pyramide dargestellt wird, impliziert, dass nicht der Patient das Objekt der therapeutischen Bemühungen ist, sondern etwas Drittes, das in der Beziehung von Patient und Therapeut entsteht unter Bezugnahme auf den Rahmen, der sich aus der therapeutischen Methode ergibt. Eine solche Perspektive trägt dazu bei, die 2 historischen Einseitigkeiten zu vermeiden, die Körner (1998) in der Geschichte psychoanalytischer Behandlungsansätze sieht:
Die erste war der klassische patientenorientierte Ansatz, in dem der Analytiker deutete, was seiner Meinung nach im Patienten passierte, die zweite war die Gegenbewegung hin zu einem rein gegenübertragungsorientierten Ansatz, in dem sich der Analytiker daran orientierte, was in ihm selber vorging. Beide Ansätze, meint Körner, verhinderten Triangulierung, weil der Bezug auf das Dritte zwischen Analytiker und Analysand fehlte. Auf der Grundlage einer „interaktionellen triangulären Methode“ (S. 363) entsteht das Dritte dadurch, dass sich Analytiker und Analysand gemeinsam mit dem Material beschäftigen, das in der Analyse entsteht.

Quelle: Grieser, Jürgen (2003). Von der Triade zum triangulären Raum. In: Forum für Psychoanalyse 19: S.111–112
(...)
Orientiert sich der Therapeut an der Vorstellung, dass die triangulierende Funktion des Dritten eine zentrale Rolle spielt, so verhält er sich anders, als wenn er denkt, dass die Mutter-Kind-Dyade der entscheidende Ort in der kindlichen Entwicklung und in der Aetiologie psychischer Störungen sei. Im ersten Ansatz wird nach entwicklungsfördernden Triangulationsmöglichkeiten gesucht, womit ihm eine progressionsorientierte Tendenz zukommt, während der zweite Ansatz in den dyadischen Beziehungserfahrungen der Therapie das Entwicklungspotenzial lokalisiert, was eher regressive Tendenzen unterstützt.
Das Zusammenspiel dieser beiden Tendenzen in der psychoanalytischen Situation formuliert Chasseguet-Smirgel in der Metaphorik von mütterlicher und väterlicher Dimension so: „Dem Analysanden wird ein Mutterschoß geboten, in den er regredieren kann, aber der psychoanalytische Rahmen setzt dieser Regression Grenzen, die den Analysanden vom Analytiker trennen, so wie der Vater das Kind von der Mutter trennt“ (zit. n. Ehebald 1991, S. 287). Der mütterliche Schoss kann mit der Fähigkeit des Analytikers, zu halten und zu verstehen, übersetzt werden, der Vater steht für das trennende Nein, das schon allein darin liegt, dass „er überhaupt spricht, weil Sprechen ein Nein ist zum Schleier, zur Illusion des stillschweigenden Verstehens“ (Borens 2000, S. 88).
(...)
Die Kunst des Psychoanalytikers besteht darin, immer wieder das Gleichgewicht zwischen der Affektabstimmung in der Dyade auf der einen Seite und dem kognitiven Prozess des analytischen Schlussfolgerns und Interpretierens auf der anderen Seite zu halten, meint Brickman (1993, S. 910). In der Sicherheit des therapeutischen Uebergangsraums taucht als etwas Drittes die Deutung auf und balanciert die verschmelzenden Aspekte des Dyadischen aus. Deshalb kann die Deutung auch ambivalent erlebt oder als etwas eindringendes Drittes abgelehnt werden. Britton (1989) schildert dies anschaulich am Beispiel einer Patientin, die auf die Versuche des Analytikers, sich einen Raum zu verschaffen und analytisches Denken auf die Mitteilungen der Patientin anzuwenden, damit reagierte, dass sie ihn anschrie: „Schalten Sie Ihr abgefucktes Denken aus!“ (S. 101).
Quelle: Grieser, Jürgen (2003). Von der Triade zum triangulären Raum. In: Forum für Psychoanalyse 19: S.113
Jessica Benjamin: Triangulierungskonzepte - das Dritte, das "Zwischen"
Die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin (1999, 2004) verbindet die beiden Intersubjektivitätskonzepte aus der Sozialphilosophie und der Säuglingsforschung: Sie übernimmt den Begriff der Intersubjektivität von Habermas und anderen Philosophen, die das Konzept der Subjekt-Subjekt-Beziehung im Gegensatz zu einer Subjekt-Objekt-Beziehung formuliert haben.
Die philosophische Idee der Intersubjektivität ist deshalb für die Psychoanalyse nützlich, weil sie die traditionelle Opposition von Subjekt und Objekt, wie sie die abendländische Philosophie und Wissenschaft bis dato beherrscht, grundsätzlich in Frage stellt. Benjamin (1999) schreibt: „Die intersubjektive Theorie postuliert, dass der Andere vom Selbst als ein Subjekt anerkannt werden muss, damit es die eigene Subjektivität in Anwesenheit des Anderen ganz erfahren kann“ (S. 186). (Jens Tiedemann (2007). Die intersubjektive Natur der Scham, S. 108)
(...)
Jessica Benjamin - Anerkennung und Abgrenzung als raumöffnende Pole der Beziehungs-Spanne
Jessica Benjamin - Tue ich oder wird mir angetan? Ein intersubjektives Triangulierungskonzept
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Entwicklung nach dem "relational turn": wechselseitige Anerkennung statt Oedipus
Jessica Benjamin und Martin Altmeyer
In der Vision einer Balance von »mütterlichen« und »väterlichen« Seiten, einer »Doppelherrschaft« von Ich-Ideal und Ueber-Ich erkennt Benjamin auch die Möglichkeit einer »Rehabilitierung
des Narzissmus«, der in seinen beiden pathologischen Entwicklungsformen, dem Solipsismus auf der einen und der Verschmelzung auf der anderen Seite nicht dem väterlichen beziehungsweise
dem mütterlichen Pol zuzuordnen sei. Auch der Narzissmus treibe vorwärts und sei nicht nur die Sirene, die in den archaischen Abgrund der Regression lockt. Da er dem Bedürfnis nach Verleugnung der faktischen Abhängigkeit entspreche, sei diese Aufteilung verhängnisvoll und verstelle den Weg zur Konzeptualisierung eines psychischen Gleichgewichts von Ich-Ideal und Ueber-Ich, in dem beide Strukturen jeweils väterliche und mütterliche Anteile haben.
Das ödipale Modell der Entwicklung enthalte eine latente Abwertung der Mutter und ihrer haltenden Funktion und eine Ueberbewertung des Vaters und seiner Autoritätsrolle. Wenn die Auflösung der ödipalen Situation aber eine Differenzierung von Subjekt und Objekt fördern solle, gelinge das nicht ohne die Anerkennung der Mutter. Der Junge müsse nicht nur erkennen, dass die Mutter zum Vater gehört und ihm als Sexualobjekt verwehrt wird, er müsse sie auch anerkennen »als ein Subjekt mit eigenem Begehren, als eine Person mit eigenem Willen« (S. 160). Diese Anerkennung setzt aber voraus, dass er in der präödipalen Phase selbst geliebt und anerkannt worden ist und die Erfahrung von Einstimmung und vertrauter Gemeinsamkeit, Sicherheit und Geborgenheit verinnerlicht hat. dass also die Basis eines gesunden Narzissmus gelegt ist.
Die beiden pathologischen Dimensionen des Narzissmus, wie sie in den »narzisstischen Allmachtsphantasien perfekten Einsseins oder absoluter Selbständigkeit« (S. 136) in der Ödipalen Phase aufgegeben werden müssen, hatte Benjamin ja - wie beschrieben - als zwei entgegengesetzte Abwehrformen gegen die schmerzhafte Erfahrung der Abhängigkeit aufgefasst, in der das Objekt entweder durch völlige Loslösung oder durch Symbiose ausgelöscht wird. Solche Abwehrformen beinhalten Phantasien über das Objekt, die um die fehlende (aber existentiell notwendige) Anerkennung kreisen müssen. Ich bin der Auffassung, dass fehlende Anerkennung ersetzt wird durch eine phantasierte Omnipotenz (»Ich bin so gross, ich brauche den anderen nicht mehr und auch nicht seine Anerkennung!«) oder durch eine Verschmelzungsphantasie (»Wenn ich mit dem anderen eins bin, brauche ich als eigenes Wesen nicht anerkannt werden!)".
(Benjamin 1993, zit. nach Altmeyer (2000, S. 165).
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Quelle: Altmeyer, Martin (2014). Vortrag über Intersubjektivität an den Lübecker Psychotherapietagen 2014
Anerkennung und Kreditierung als wichtigste Merkmale der Narzissmus-Psychotherapie
Quellen:
- Boothe B, Grimmer B (2005). Die therapeutische Beziehung aus psychoanalytischer Sicht. In: Rössler W. (Hrsg) Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin Heidelberg New York Tokio, S 37–58
- Boothe B, Heigl-Evers A (1996) Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung. Ruprecht, München
- Boothe B, Hermann M-L (2011) Beziehungen, die Mut machen: Kreditierung in der Psychotherapie mit Aelteren. Psychotherapie Alter 8:203–216
- Hermann, Marie-Luise, Dürler, Nicole, Rohrer, Gila, Boothe, Brigitte (2013). Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. In: Der Psychotherapeut 58, S.56–62
- Grimmer, Bernhard (2006). Psychotherapeutisches Handeln zwischen Zumuten und Mut machen - Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. Kohlhammer, Stuttgart
"Ein Patient erhofft sich vom psychotherapeutischen Helfer „Kredit“ für Veränderungen und inneres Wachstum, indem dieser ihm zu Beginn Zutrauen in seine Fähigkeiten und sein Entwicklungspotenzial zuschreibt.
Für ein tragfähiges Arbeitsbündnis muss jedoch auch der Patient den Therapeuten als kompetenten Begleiter besetzen können. Das initiale Aushandeln des therapeutischen Kredits entscheidet so über das Zustandekommen eines gegenseitigen Vertrauensvorschusses als Grundlage des Arbeitsbündnisses." (Hermann et al. 2013, S. 56.
Wirkfaktoren der therapeutischen Beziehung
"Dass die allgemeinen, allen Therapierichtungen gemeinsamen Faktoren wie Empathie, Wärme und v.a. die Qualität der therapeutischen Beziehung einen stärkeren
Einfluss auf den Therapieerfolg haben als die spezifische Technik, wurde vielfach repliziert (z.B. Lambert u. Barley 2008)" (Hermann et al. 2013, S. 56.
Modell Kreditierung/Anerkennung: zutrauen und zumuten
Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung beschreibt zunächst eine elterliche Haltung, dem Kind zukünftige Fähigkeiten und Entwicklungspotenzial
zuzuschreiben. Sie vermittelt dem Kind, was die 3-fache Bedeutung des englischen „to credit“ enthält (Boothe u. Heigl-Evers 1996, S. 133):
- jemanden anerkennen
- ihm etwas zutrauen und
- Glauben schenken.
Diskreditierung bezeichnet negative Zuschreibungen oder das Absprechen von Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten mit entwicklungshemmender und entmutigender Wirkung.
Grimmer (2006) sowie Boothe u. Grimmer (2005) übertrugen das Modell auf die therapeutische Beziehung, basierend auf Bezügen zur Übertragungs- und Arbeitsbeziehung, der Bindungs- und Objektbeziehungstheorie sowie Befunden zur Eltern-Kind-Kommunikation.
(...) Ein Patient sucht therapeutische Hilfe in einer Situation subjektiver Schwäche und mit geringem Vertrauen in eigene Problemlösefähigkeiten. Er erhofft sich
vom professionellen Helfer „Kredit“ für Veränderungen und inneres Wachstum.
Kann der Therapeut ihm zu Beginn Zutrauen in seine Fähigkeiten und sein Entwicklungspotenzial zuschreiben, trägt dies als Erwartungseffekt zu einem erfolgreichen
Verlauf bei (Rudolf 1991, S. 218).
Für ein tragfähiges Arbeitsbündnis muss jedoch auch der Patient den Therapeuten als hilfreiche, vertrauenswürdige Person und kompetenten Begleiter besetzen
können. Das initiale Aushandeln des therapeutischen Kredits entscheidet so über das Zustandekommen eines gegenseitigen Vertrauensvorschusses als Grundlage
des Arbeitsbündnisses. Im Laufe der Therapie soll der Patient Mut und Selbstvertrauen in herausfordernde Schritte der Selbstexploration investieren (Bowlby
1988). Mit einem kreditierenden Anderen wird er dabei in seinem Akteur- statt Opferstatus gestärkt (Boothe u. Hermann 2011; Grimmer 2006). Neben der impliziten
kreditierenden Haltung ermittelte Grimmer (2006) in Therapietranskripten mithilfe der Konversationsanalyse explizite Formen des Kreditierungshandelns. Darin
wird der Patient in Bezug auf ein bestimmtes Therapieziel als eine entwicklungsfähige und kompetente Person explizit anerkannt.
In der Praxis ist die Wahrnehmung eines inneren Maßes für das aktuell Notwendige und Zumutbare der therapeutischen Interventionen ein intuitiver Vorgang
der Einfühlung und unbewussten Abstimmung. Unproduktiv sind anhaltende Unterforderung und Schonung der Abwehr bzw. Überforderung und Intensivierung
der Abwehr. Dazwischen liegt ein Entwicklungsbereich, in dem das Zumuten und Zutrauen auf eine Bereitschaft trifft, etwas Neues psychisch
aufzunehmen und zu wagen. Das Bewusstsein für die Formen des „Kredits“, die Therapeut und Patient einander und sich selbst geben, der gewährt und verspielt
werden kann, wird hier als Orientierungshilfe und „Navigationslandkarte“ vorgeschlagen.
Mit dem Fokus auf Kreditierungsgeschehen lässt sich der initiale Aushandlungsprozess wie folgt betrachten:
- Welche Defizite und welcher Leidensdruck führen die Patientin zu mir (Selbstdiskreditierung)?
- Mit welchen Ressourcen und Entwicklungspotenzialen präsentiert sie sich (Selbstkreditierung)?
- Was traue ich der Patientin zu? Werde ich ihr etwas zumuten können, oder verlangt sie Schonung? Testet die Patientin auch mein Potenzial, sie verstehen
und hilfreich sein zu können? [Interaktionelle (Dis-)Kreditierungen]?
- Kann ich den Fremd(dis)kreditierungen dritter Personen Rollen oder Uebertragungsangebote entnehmen?
- Passen die Erwartungen der Patientin an die Therapie zu meinem Angebot (Pakt, „matching“)?
(Hermann et al. 2013, S. 61)
Literatur:
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Horvath AO (2005) The therapeutic relationship: research and theory. An introduction to the Special Issue. Psychother Res 15:3–7
Weitere MATERIALIEN
Wirkfaktoren - Update Mai 2013:
“Spezifische Techniken der verschiedenen Psychotherapieschulen helfen also wohl eher den Therapeutinnen und Therapeuten, eine gute und hilfreiche Beziehung zu ihren Patientinnen und Patienten herzustellen. Diese Beziehung dürfte dann den Grossteil der heilenden Wirkung ausmachen – Psychotherapieschule hin oder her.” (Znoj in SRF Mittagsjournal 29.5.2013: Psychotherapien - Die Qual der Wahl)
(...)
Das Generieren von neuen Konzepten
Das Mentalisierungskonzept wird von Allen at al. (2008) als ein „generischer“, d.h. neue Aspekte generierender Ansatz der Psychotherapie aufgefasst. Der mentalisierungsbasierte Ansatz enthält dabei vieles, was als Fundus erfolgreicher therapeutischer Interventionen bekannt ist. Die Autoren sind davon überzeugt, dass unterschiedliche Therapien, von der Psychoanalyse bis zur kognitiven Verhaltenstherapie und systemischen Therapie, die Mentalisierungsfähigkeit fördern – solange sie den generellen und situativen Mentalisierungsfähigkeiten des Patienten angepasst sind. Deutungen können dabei sehr erfolgreich sein – allerdings nur, wenn sie vom Patienten mentalisierend verarbeitet werden können.
Das Konzept der Mentalisierung hilft, die eigene Theorie über das, was man als Therapeut tut, zu klären. Es verstärkt die Kohärenz und die Prägnanz im Prozess. Vielleicht erhöht dies schon allein – so die Autoren – die therapeutische Wirksamkeit auf subtile Weise (Brockmann & Kirsch 2010a).
Liebe und Zweierbeziehung
Es kann nicht darum gehen, Fremdheit und Andersartigkeit zu idealisieren.
Die Psychoanalyse erschafft nicht den guten Menschen, sie ist keine Heilslehre; aber sie kann für sich beanspruchen, eine negative Theorie des Subjekts zu sein.
Sie zeigt auf, was uns hindert, andere wahrzunehmen – damit wir mit der Trennung rechnen, statt Gewalt auszuüben, die in der Umkehr der geschilderten Bewegung
besteht, nämlich den Anderen permanent in ein Objekt zu verwandeln.
Das Verhältnis von Intersubjektivität und Intrapsychischem spiegelt sich in den unterschiedlichen Auffassungen von der Liebe in der Psychoanalyse wider.
Nach Freud ist jede Liebe eine Uebertragungsliebe, und die erotische Begegnung kann nie erfüllt sein, weil immer eine Enttäuschung impliziert ist, dass das erste Liebesobjekt, das doch eigentlich ersehnt wird, nicht wiedergefunden werden konnte. Diese Position ist verständlich vor dem Hintergrund des Platonischen Rückkehr-Paradigmas: Liebe ist die Liebe zum verlorenen Objekt.
Zu einer ganz anderen Vorstellung von Liebe gelangen wir, wenn wie bei Jessica Benjamin und Stephen Mitchell Trennung und Bezogenheit zusammengedacht werden können, z.B. wie bei Winnicott als Fähigkeit zum Alleinsein in der Anwesenheit des anderen. Im gleichnamigen Aufsatz schreibt Winnicott in dem kleinen Unterkapitel „Nach dem Geschlechtsverkehr“:
„Man kann vielleicht mit Recht sagen, dass nach erfolgreichem Geschlechtsverkehr jeder der Partner allein ist und damit zufrieden ist. Wenn man es geniessen kann, mit einem anderen Menschen allein zusammen zu sein, der auch allein ist, ist das an sich schon eine gute Erfahrung“ (Winnicott 1958/1984, S. 39).
Kernberg hat den Liebesbeziehungen vor kurzem ein eigenes Buch gewidmet; seine Definition der Liebe fasst sehr schön zusammen, was vorhin über Objektbesetzung und den Anderen gesagt worden ist:
„Liebe ist die Enthüllung der Freiheit des Anderen. Es liegt in der widersprüchlichen Natur der Liebe, dass das Begehren sich erfüllen will durch die Destruktion des begehrten Objekts, und die Liebe entdeckt, dass das Objekt unzerstörbar ist und nicht ersetzt werden kann“ (Kernberg 1995, S. 44; Uebersetzung J.K.).
Jessica Benjamin: Anerkennung und Zerstörung: Die Dialektik von Autonomie und Bezogenheit
"Die Ich-Entwicklung vollzieht sich offensichtlich über einen notwendigen Prozess der Abgrenzung des Subjekts vom Objekt. Aber sie lässt sich hierdurch nicht vollständig beschreiben, denn neben der Abgrenzung ist auch von einem subjektiven Bedürfnis nach gegenseitiger Anerkennung auszugehen. Die gegenseitige Anerkennung der Subjektivität bedeutet, dass die Welt, von der sich die Subjekte als >Ich< abgrenzen, als Erzeugnis anderer Subjekte entmystifiziert werden kann, die fortwährend aufeinander einwirken. Was auf den ersten Blick innere Natur zu sein scheint, ist demnach als eine entfremdete Form des durch einen intersubjektiven Objektivierungsprozess entstellten Bedürfnisses nach Anerkennung zu begreifen.
Die Verdrängung bzw. Ablehnung dieses universellen gegenseitigen Bedürfnisses prägt den Kampf um jeden konkreten Wunsch, durch den Machtbeziehungen konsolidiert werden. Somit erfordert auch das Verständnis von Herrschaft die Untersuchung jenes sozialen Prozesses, durch den dieses Bedürfnis in der frühesten Kindheit entäussert wird.
Bei Freud wird dieser Vorgang mit dem Modell des Ödipus-Komplexes beschrieben, das letztlich im Zentrum seiner Sozialisationstheorie steht. (...) Das ödipale Modell, das seit seinem Bestehen eine Reihe von Sozialisationstheorien stark beeinflusst hat, geht von einem unbedingten Zusammenhang zwischen Autorität und Autonomie sowie zwischen Herrschaft und Differenzierung aus. Die Notwendigkeit dieses Zusammenhangs steht jedoch in Frage, wenn man mit anderen Annahmen über die Natur von Ich und Es operiert und den Individuationsprozess unter einer intersubjektiven Perspektive beschreibt. Unter dieser Voraussetzung lässt sich meiner Meinung nach zeigen, dass die Kombination von Autonomie und Autorität ein Merkmal jener spezifischen Form von Individualität ist, die sich unter dem Einfluss männlicher Herrschaft entwickelt. Diese Form der Individualität besteht auch unter den Bedingungen einer hochrationalisierten Gesellschaft weiter, in der die Möglichkeiten, für gegenseitige Anerkennung durch weniger persönliche, objektivere Herrschaftsformen erschwert sind. Die abnehmende Bedeutung des Ödipuskomplexes, so meine These, hat keinesfalls die Polarität zwischen Autonomie und Anerkennung und zwischen Unabhängigkeit und Gegenseitigkeit aufgehoben, die ehemals unsere kulturelle, unsere individualistische und unsere geschlechtsspezifische Entwicklung geprägt haben.
Nach dem ödipalen Modell drängt uns das gewaltsame Einschreiten des Vaters die Zivilisation (die Vernunft, das Bewusstsein) auf, verbietet uns eine weitergehende Identifikation mit der Mutter und wird zum Beispiel dessen, was unter Autonomie verstanden wird. Die Identifikation mit dem Vater - als Aggressor, als Besitzer der Mutter - bildet die Basis der Differenzierung.
Schematisch gesehen liebt das männliche Kind seine Mutter und möchte sie besitzen; seinen Vater hasst es und möchte ihn umbringen. Doch durch die Angst vor dem Vater und durch Kastrationsdrohungen gibt das Kind seine ursprüngliche Abhängigkeit von der Mutter auf und internalisiert die väterliche Autorität, die diese Forderung gestellt hat. Somit wirkt das väterliche Bestehen auf Verzicht auch als eine Instanz, durch die das Kind autonom wird.
Künftig übernimmt das Ueber-Ich des Jungen die väterliche Funktion innerhalb seiner eigenen Psyche. Die erfolgreiche Auflösung des Ödipuskomplexes bedeutet hiernach die Transformation der autoritativen Bestätigung bzw. der Angst vor äusserer Autorität in eine eigenständige Regulation durch das Ü ber-Ich; Autorität wird durch unabhängiges Bewusstsein, Verbot durch Selbstkontrolle ersetzt.
Zeitgenössische Entwicklungen in der Narzissmustheorie und in der Theorie prä-ödipaler Konflikte haben die alte psychoanalytische Sichtweise des ödipalen Modells in ein neues Licht gerückt.
Die klassische psychoanalytische Theorie geht davon aus, dass das Kind in seinem ursprünglichen Stadium narzisstisch ist und sich dabei mit seiner Mutter völlig verschmolzen oder eins fühlt. Das Selbst und die Anderen sind bisher im kindlichen Vorstellungsbereich völlig undifferenziert. Eine primäre psychologische Aufgabe dieser frühen Entwicklungsphase wird nun in der Differenzierung gesehen, d.h. im Gewahrwerden der eigenständigen Existenz Anderer ausserhalb des Selbst und in der Erkenntnis des eigenen Selbst als kontinuierlicher Ganzheit mit einem dem Lebensalter entsprechenden Autonomitätsgrad. Bis die Differenzierung auftritt, wird die unbedingte und unfehlbare Unterstützung der Eltern als Teil des Selbst erfahren. Daraus folgt das Omnipotenzgefühl des Selbst. Omnipotenz- und Grössegefühl sind Bestandteil frühnarzisstischer Erfahrung, die durch den Differenzierungsprozess modifiziert werden müssen. Neuere Narzissmustheorien haben eine Art Parallele zu Freuds früherem Argument hergestellt, dass das Ueber-Ich notwendig sei, um die Furcht vor äusserer Autorität zu ersetzen und moralische Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Die entscheidende Funktion des Ich-Ideals liegt hiernach in einem Abbau der infantilen Abhängigkeit des Kindes: Die Herausbildung des Ueberbaus stellt sicher, dass das Kind nicht in Sehnsucht nach einem idealen, omnipotenten Elternteil bzw. nach Allmacht oder in den Verlust der Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem Selbst und anderen sekundären Formen des Narzissmus zurückfällt. Zugleich scheint das Über-Ich für die Regulierung innerer Selbstwertgefühle notwendig zu sein, da diese ansonsten gänzlich von aussen bestimmt würden. Unter dieser Perspektive stellt sich die Internalisierung heute, kurz gesagt, als eine Entwicklung von Persönlichkeitsstrukturen dar, die dazu führt, dass sich die Selbstdarstellung des Individuums jenseits von Allmachts- und Wertlosigkeitsgefühlen und damit jenseits der beiden Seiten der narzisstischen Störung stabilisiert. (...)
Das Ueber-Ich ist sowohl ein Teil des Problems als auch ein Teil der Lösung - ein Widerspruch, dessen sich Freud bewusster war als viele seiner Nachfolger. In seiner ausführlichen Abhandlung über die Notwendigkeit der Autorität in "Das Unbehagen in der Kultur" entwickelt er diesen Widerspruch so, dass sich hierin die Dialektik der Aufklärung bereits erahnen lässt. Das Ausdrücken von Aggression ermöglicht dem Individuum einerseits eine Befriedigung, die »mit einem ausserordentlich hohen narzisstischen Genuss verknüpft ist, indem sie dem Ich die Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche zeigt. Gemässigt und gebändigt, gleichsam zielgehemmt, muss der Destruktionstrieb dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die Natur verschaffen.« Doch wird anderseits das Über-Ich durch »dieselbe schroffe Aggressivität« genährt, die es gegen das Ich anwendet, wenn es darum geht, die Befriedigung des Omnipotenzwunsches einzuschränken. Weder bei der Suche nach Vollkommenheit noch bei dem Vergnügen, das durch Aggression entsteht, entkommt das Über-Ich diesem Makel. Es repräsentiert keine Heilung, sondern eine Sublimierung der Omnipotenz, denn das Über-Ich wird durch eben den Narzissmus genährt, den es angeblich zügeln soll. Dieselbe Autorität, die die Omnipotenz unter Kontrolle hält, leitet ihre grundlegende Stärke in der Psyche aus dieser Omnipotenzphantasie her.
Dies ist die Freudsche Dialektik der Internalisierung.
Die Gefahr, gegen die das Ueber-Ich schützt, ist allerdings nicht die Omnipotenz schlechthin, sondern die Regression in eine grundlegende Identifikation mit der Mutter. Eben hierauf zielen die beiden anscheinend entgegengesetzten Befehle, die nach Freud als Über-Ich internalisiert werden. (An diesem Punkt wird auch der männliche Charakter seiner Theorie am deutlichsten.)
Der Befehl des Vaters »Du sollst nicht wie ich sein« bedeutet, dass das Über-Ich die inzestuöse Vereinigung mit der Mutter verbietet und somit das väterliche erotische Privileg geltend gemacht wird.
Der Befehl »Du musst so wie ich sein« bestärkt die Unterscheidung zwischen der Mutter, die Liebesobjekt ist, und dem Vater, der Identifikationsobjekt ist. Das Liebesobjekt Mutter repräsentiert nun verlorene Abhängigkeit; das Identifikationsobjekt Vater fungiert als Ideal der zukünftigen Autonomie. Die Krux der beiden ödipalen Befehle besteht darin, dass man sich nicht mehr mit der Mutter identifizieren darf. Die Identifikation mit der Mutter, d.h. weiblich sein wie sie, wird jetzt als gefährliche Regression und Entdifferenzierung erfahren. Das Ueber-Ich verbietet die Omnipotenz nur scheinbar - tatsächlich verspricht es die zukünftige Befriedigung des Wunsches, eines Tages jemanden wie die Mutter zu besitzen und zu kontrollieren. Die erfolgreiche ödipale Auflösung bedeutet nicht das Ende der Omnipotenz an sich, sondern das Ende der mütterlichen Omnipotenz und deren Ersetzung durch die väterliche Omnipotenz, basierend auf der Ablehnung von Weiblichkeit.
Die Stärke des ödipalen Paradigmas liegt in seiner Fähigkeit, gleichzeitig die Entwicklung von geschlechtlicher Identität und von individueller Eigenständigkeit zu erklären. Dies geschieht durch den Zusammenschluss von Individualität und Maskulinität - was eine reale Erscheinung, eine historische Gleichsetzung ist.
Der ödipale Vater stellt unsere Form der Individualität dar. Er gibt uns Auskunft darüber, dass uns die, die uns ernährt, nicht befreit und dass der, der uns befreit, uns nicht ernährt, sondern beherrscht. Folglich ist die Polarität zwischen zwei Grundbedürfnissen, nämlich dem nach Pflege bzw. Zuwendung und dem nach Autonomie bzw. Freiheit, institutionalisiert. Zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit wird eine falsche Antinomie hergestellt.
Entweder verleugnen/kontrollieren wir unsere Bedürfnisse, oder wir werden von ihnen versklavt. Der Ödipuskomplex institutionalisiert und verdinglicht diese Polarität, indem er ihr eine soziale Gestalt gibt und jeder Seite ein Geschlecht zuweist. Das utopische Verlangen, die Einheit dieser Bedürfnisse zurückzuerlangen, ist endgültig umdefiniert und als gefährliche Regression verboten.
Um die Polarität zwischen Autonomie bzw. Freiheit und Zuwendung bzw. Pflege so darzustellen, wie es das ödipale Modell erfordert, ist vor allem eine andere Sichtweise von Differenzierung notwendig.
Anstatt wie Freud anzunehmen, dass Differenzierung nur unter dem Druck der Aussenwelt, nämlich durch das Eingreifen der Autorität auftritt, müssen wir eine Perspektive einnehmen, die auf anderen anthropologischen Annahmen basiert und deren Ausgangspunkt eher intersubjektiv als monadisch ist. Einige Tendenzen in der zeitgenössischen Psychoanalyse, so die Theorie der Objektbeziehungen und zu einem geringeren Teil die Ich-Psychologie, sind durch die klinische Praxis und Entwicklungspsychologie beeinflusst worden und haben sich dadurch von den freudianischen Annahmen entfernt. Die klinische Theorie und Praxis unterstreicht zunehmend die frühe dyadische Erfahrung der Differenzierung in der Entwicklung der psychischen Struktur und wertet Triebe oder intrapsychische Faktoren ab. Die Analyse der präödipalen Erfahrung, die sich auf die Mutter und die Mutter-Kind-Dyade konzentriert, hat es vielen Psychoanalytikern ermöglicht, über die Voraussetzung des Internalisierungskonzeptes hinauszukommen (obwohl dies nicht immer bewusst geschah).
Es haben sich mehrere Positionen entwickelt, die es ablehnen, den Menschen als konservativ und daher nicht bereit, alte Befriedigungen zugunsten von neuen aufzugeben, einzuschätzen. Diese Positionen fechten konsequenterweise den Primat der ödipalen Erfahrung bei der individuellen Entwicklung an. Der Kern dieser Herausforderung ist die Behauptung, dass sich der Narzissmus, wird das frühkindliche Bedürfnis nach Widerspiegelung angemessen befriedigt, natürlicherweise von Omnipotenzphantasien zu realer Autonomie entwickelt. Heinz Kohut, der die Psychologie des Selbst aus der Ich-Psychologie entwickelte, geht so weit, den Ödipuskomplex nicht als allgegenwärtig anzusehen. Er führt an, dass dieser eine Fehlleistung der elterlichen Aufgeschlossenheit sein könnte, die zum Vorherrschen ödipalen Verhaltens führt. Somit ist die elterliche Aufgeschlossenheit gegenüber der beginnenden Behauptung eigener Aktivität und Initiative von seiten des Kindes ausschlaggebend und nicht die elterliche Autorität.
Das kohärenteste Konzept einer intersubjektiv begründeten Psychoanalyse ist in der Theorie der Objektbeziehungen entwickelt worden. Hiernach sucht der Primärtrieb oder die Libido keine Freisetzung von Druck oder Vergnügen, sondern das Objekt als andere Person. Ethologische Forschung und Forschungen zur frühen Kindheit des Menschen haben ergeben, dass Menschen ab ihrer Geburt impulsiv motiviert sind, sich an bestimmte Personen zu binden. Diese Bindung lässt sich nicht einfach auf physiologische Bedürfnisse oder Abhängigkeiten (sekundäre Triebe) zurückführen, wie Freud annahm, sondern sie ist ein im wesentlichen sozialer Impuls. Bindungen entwickeln sich durch die aktive Mitwirkung sowohl des Kindes wie auch der Eltern, Sie sind ein Impuls, der zu einem vertieften Bewusstsein der unabhängigen Existenz des anderen führt und dessen Höhepunkt die gegenseitige Anerkennung ist.
Die Anerkennung der unabhängigen Existenz des Anderen, die ein Hauptaspekt der Differenzierung ist, geht mit der Entdeckung der eigenen Verschiedenheit und der Behauptung der eigenen Unabhängigkeit Hand in Hand. Die Fähigkeit, signifikante Andere zu erkennen und eine soziale Interaktion mit ihnen zu initiieren und zu regulieren, entwickelt sich ab dem vierten Lebensmonat.
Ausser seiner Fähigkeit zur Geselligkeit zeigt das Kind die Veranlagung zur Erforschung und Bewältigung der Umwelt. Es scheint deshalb sinnvoll, von zwei fundamentalen Fähigkeiten auszugehen, die zumindest in unserer Kultur die menschliche Entwicklung gestalten: Das Streben zum Anderen, nach persönlicher Beziehung, Bindung, Nähe; und das Streben nach Selbstbehauptung, nach Aktivität, Bewältigung und Erforschung. Diese beiden Fähigkeiten definieren eine menschliche Natur, die danach strebt, sowohl unabhängig zu werden und das Selbst von den Anderen abzugrenzen, als auch mit geliebten und vertrauten Personen durch ein Gefühl der Einheit verbunden zu bleiben und so geschützt zu sein. Diese Bestrebungen oder Fähigkeiten sind seit Lebensbeginn miteinander verflochten und machen erfolgreiche Differenzierungsprozesse aus, obwohl sie beide auch zu erfolgreichen Bindungen beitragen.
Geht man von einer solchen angeborenen Disposition aus, so entsteht das Selbst/Ich nicht durch die Internalisierung der Autorität, sondern durch die Möglichkeit, solche Fähigkeiten zu üben und von anderen Anerkennung zu erhalten. Diese Fähigkeiten sind der Kern des gesunden Narzissmus. Wenn auf die Triebtheorie zugunsten einer Theorie primärer Intersubjektivität verzichtet wird, stellt sich auch jener Widerspruch in einem neuen Licht dar, der bis heute die Basis aller psychoanalytischen Gesellschaftskritik bildet, nämlich der Konflikt Trieb vs. Zivilisation. Hierdurch werden keineswegs, wie die Kritische Theorie in ihrer Kritik des Revisionismus behauptet, alle Konflikte notwendigerweise heruntergespielt.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die Polarität zwischen Autonomie und Gegenseitigkeit bzw. Freiheit und Pflege in unserer Kultur zentral ist. Die Aufspaltung dieser beiden Tendenzen in Objekt- und Aktivitätsstreben ist der psychologische Schlüssel zu dieser Polarität. Sie tritt auch in der Spaltung zwischen den beiden Objektformen des Ödipuskomplexes auf; dort in der Form der Polarität zwischen Liebes- und Identifikationsobjekt.
Diese Polarität wird in unserer Kultur zum grössten Differenzierungshemmnis, so sehr sie auch als deren Träger erscheinen mag. Die Erforschung der präödipalen Erfahrung legt nahe, dass dasselbe Objekt idealiter beide Bestrebungen anerkennt und auf diese reagiert, was dazu führt, dass diese eher integriert werden, als dass sie einander widersprechen.
Der Prozess, durch den die Objekt- und Aktivitätsantriebe polarisiert werden, kann nicht auf die Objektbeziehung allein zurückgeführt werden. Die Natur dieser Bestrebungen und die Art, wie sie sich entwickeln, muss ebenso mitwirken. Die Polarisierung ereignet sich, so meine These, durch das Paradox der Anerkennung.
Die Autonomie entwickelt sich durch die Bestätigung der eigenen Fähigkeiten, andere durch sein Tun zu beeinflussen. Umgekehrt bestärkt fehlende Reaktion auf oder Unempfindlichkeit gegenüber den eigenen Handlungen, wie Fromm ausführte, ein Gefühl der Ohnmacht. Das eigene Gefühl für Wirkung wird durch eine gewisse Objektivierung der Absicht bestätigt, die vom Anderen und vom Selbst bewertet wird. Das heisst, dass menschliche Urheberschaft und Wirkung von intersubjektiver Anerkennung abhängen.
Letztlich gipfelt die Notwendigkeit von Anerkennung in dem Paradox, dass man/frau vom Anderen abhängt, um seine/ihre Unabhängigkeit zu bestätigen. In dem eigenen Bemühen, Autonomie zu erlangen, bedarf man des Anderen, der den Wunsch nach Selbstbehauptung bzw. die Fähigkeit dazu anerkennen muss (oft verlangt der Wunsch oder die Absicht die stärkste Anerkennung).
Kann dieses paradoxe Gleichgewicht zwischen Autonomie und Abhängigkeit nicht aufrechterhalten werden, so spalten sich die lebensnotwendigen Bedürfnisse. Der/die Betroffene fühlt sich hilflos, verinnerlicht die Erfahrung von Frustration und wird überzeugt, dass Abhängigkeit und Unabhängigkeit miteinander nicht zu vereinbaren sind. Das Paradox der intersubjektiven Anerkennung ermöglicht es dann, den internen Ursprung des psychologischen Konflikts zu sehen, ohne davon auszugehen, dass die primitiven, archaischen, destruktiven Tendenzen (das Es) vorherrschend sind. Der Schaden, der unserem frühen Narzissmus zugefügt wird, die Unfähigkeit der Umgebung, unsere Fähigkeiten anzuerkennen und auf sie zu reagieren, führt zum Ausleben ursprünglicher Regression und Aggression.
Das Paradox der wechselseitigen Anerkennung entspricht der Dynamik, die Margaret Mahler als die Annäherungskrise im zweiten und im dritten Lebensjahr identifiziert hat [vgl. letztes Kapitel x.xx.]. In der Anerkennungsphase besteht das Kleinkind darauf, dass die Mutter an all seinen neuen Entdeckungen und Darstellungen teilhat, und sucht zu seiner Selbstbehauptung Bestärkung. Der widersprüchliche Wunsch des Kindes besteht darin »auf der einen Seite selbständig, gross und omnipotent [zu sein] (und so zu erscheinen) und eine Mutter zu haben, die magisch seine Wünsche erfüllt, ohne andererseits erkennen zu müssen, dass die Hilfe tatsächlich von aussen kommt«. Das Kind besteht darauf, sich selbst zu bestätigen, doch möchte es von der Mutter konstant die Bekräftigung, dass es tatsächlich diese Bestätigung zurecht erfährt. Das Paradox kommt auch Hegels Diskussion über die Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewusstseins nahe.
Jedes Selbstbewusstsein kämpft darum, sich vor dem Anderen darzustellen. Somit bewegt es sich zwischen dem Wunsch, den Anderen zu negieren, und der Notwendigkeit, von dem Anderen als Gleiches anerkannt zu werden.
Kurz gesagt stellt Hegel das Problem so dar: Einerseits ist das Individuum nicht willens, seine absolute Autonomie aufzugeben. Gleichzeitig sieht es sich der Notwendigkeit des Seins gegenüber, nämlich dem Wunsch nach Anerkennung.
Eine »Lösung« des Konflikts zwischen Autonomie und Abhängigkeit liegt natürlich in dem Versuch, Macht über den Anderen zu gewinnen. Das geschieht dadurch, dass er/sie so negiert und unterworfen wird, dass die Abhängigkeit vor ihm/ihr verborgen bleibt.
Die andere Fluchtmöglichkeit vor dem paradoxen Bedürfnis ist die Internalisierung. Das Individuum versenkt sich eher in die Macht des Anderen, in diesem Fall des Vaters, als dass es für sich autonom ist. Der erste Fluchtweg wird in bezug auf die Mutter eingeschlagen, von der man/frau hofft, sie zu besitzen. Der zweite läuft über den Vater, der tatsächliche Macht über sie hat.
Somit verkörpern die widersprüchlichen Befehle des Ödipuskomplexes die beiden »falschen« Lösungen des Paradoxons der Anerkennung.
Diese ödipale Lösung wird durch die gleichzeitige Sehnsucht nach einer früheren Form der Individualität aufgewertet. Die wahre Differenzierung, in der nicht die Dominanz oder die Unterwerfung, sondern die Anerkennung des Anderen als unabhängiges Subjekt zentral ist, erfordert die Aufrechterhaltung des Paradoxons in all seiner schmerzhaften Spannung. Dies bedeutet die Bewusstheit der Trennung zwischen dem Selbst und dem Anderen als gleichzeitig ähnlich und unterschiedlich, d.h. als Individuen mit eigenem, gleichwertigem Persönlichkeitskern. Streng genommen ist Anerkennung die Aktivität des Objektstrebens, während sich das Aktivitätsstreben in der Anerkennung durch das Objekt verwirklicht. Um den Anderen bzw. die Andere auf diese Art zu sehen, muss man/frau bereits selbst so gesehen worden sein.
Dies ist nur möglich, wenn die sozialisierenden Personen nicht antagonistisch besetzt werden, sondern beide Aspekte der konstanten Spannung aufweisen.
Letztlich ist es somit die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die eine wahre Differenzierung verhindert, denn sie spaltet die Grundantriebe in Aspekte geschlechtlicher Identität. Der Punkt, an dem sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung konsolidiert, ist der Ödipuskomplex, der als Ursache für die Herausbildung der Polarität der Geschlechter gelten kann. Mit dem Vater wird die Identifikation sowie die Bekräftigung der Autonomie in Zusammenhang gebracht, mit der Mutter hingegen Liebe und gegenseitige Anerkennung. Jeder Elternteil wird so zum Objekt eines Strebens und, schwerwiegender noch: der Tribut für die Autonomie liegt in der Preisgabe des Liebesobjekts. Somit wird das Objektstreben selbst zurückgewiesen. Verbindungen, die über Pflege und Liebe definiert sind, werden der Aktivität, Autonomie und Selbstbehauptung untergeordnet. Diese Trennung wird nicht auf der ödipalen Ebene eingeleitet, sondern in der ödipalen Phase als geschlechtsspezifisch institutionalisiert und durch den ödipalen Vater in ihre endgültige Form gebracht. Der springende Punkt der ödipalen Erfahrung ist der Identifikationsbruch mit der Mutter.
Sie hört auf, der Spiegel der eigenen Subjektivität und damit die Bestärkerin der eigenen Autonomie zu sein. Somit steht die Autonomie plötzlich in Opposition zur Pflege. Aus diesem Identifikationsbruch mit der Mutter erwächst sowohl die männliche Individualität als auch die männliche Rationalität. Hier müssen wir den Ursprung des instrumentellen Verstandes suchen. Er entwickelt sich vor allem aus der Identifikation mit dem Vater bei der Ablehnung der persönlichen, prozessorientierten Formen der Sorge, Pflege und Aufrechterhaltung des Wachstums Anderer.
Quelle: Der Aufsatz "Anerkennung und Zerstörung: Die Dialektik von Autonomie und Bezogenheit" findet sich in: Benjamin, Jessica (1982). Die Antinomien des patriarchalischen Denkens. Kritische Theorie und Psychoanalyse. In: W. Bonss & A. Honneth (Hg.): Sozialforschung als Kritik. Frankfurt: Suhrkamp, S. 426-455.
Das Kollusionskonzept in der "Oekologischen Psychotherapie" von Jürg Willi, Zürich
Im "Wörterbuch der Psychotherapie" (2007) wird Willi's Ansatz so definiert:
Ökologische Psychotherapie (griech.: oikos: Haus, Behausung, Haushalt, Familie, Wohnort). Von Jürg Willi (1996) ausgearbeiteter beziehungsorientierter Psychotherapieansatz,
der in besonderer Weise die Entwicklung der Person im Gestalten ihrer Umwelt beachtet. Lehnt sich theoretisch an Modelle der Verhaltensbiologie an: Ein Individuum entwickelt seine psychischen Strukturen im Gestalten seiner Umwelt, im Beantwortetwerden seines Wirkens. Aufgrund seiner Motivationslage tastet es die dingliche und soziale Umwelt auf Ansprechbarkeit auf seine Handlungsangebote ab. Es sucht für seine Potenzen korrespondierende Umweltvalenzen (Müller, 1991). Die durch sein Wirken hervorgerufenen Beantwortungen wirken auf seine Motivationslage zurück. Es schafft sich seine persönliche ? Nische, deren Struktur die Entwicklung seines Lebenslaufes leitet. Diese selbstgeschaffene Nische kann zur psychischen Regulation und Entwicklung genutzt werden. Zur persönlichen Nische gehören auch Partner, mit welchen das Individuum in koevolutiven Prozessen steht, d.h. in einer wechselseitigen Beeinflussung der persönlichen Entwicklung. Die ökologische Psychotherapie hat sich aus den Konzepten von Kollusion (Willi, 1975; ? Partner-Kollusion) und ? Koevolution (Willi, 1985) entwickelt, mit Anleihen aus der Psychoanalyse und systemischen Ansätzen (? Systemische Therapie).
Zu psychischer Dekompensation kommt es bei tatsächlichem oder befürchtetem Verlust an korrespondierendem Wirken bzw. durch Blockierung der Entwicklung in Beziehungen aus Angst vor deren Rückwirkungen. Ziel der Therapie ist die Gestaltung einer Beziehungsumwelt, welche eine weitere persönliche Entwicklung ermöglicht.
Müller HJ (Hg) [1988] (1991) Ökologie. 2. Aufl. Jena, Fischer
Willi J (1975) Die Zweierbeziehung. Reinbek, Rowohlt
Willi J (1985) Koevolution. Die Kunst gemeinsamen Wachsens. Reinbek, Rowohlt
Willi J (1996) Ökologische Psychotherapie. Göttingen, Hogrefe
Nische, persönliche: Vom verhaltensbiologischen Begriff „ökologische Nische“ abgeleitet; selbst gestalteter Umweltanteil, d.h. jener Ausschnitt der Umwelt, den die Person selbst wählt, beeinflußt, formt oder schafft, und der somit die Spuren ihrer Einwirkung trägt. Dieser selbstgestaltete Umweltanteil enthält unbelebte und belebte Anteile (als selbstgestaltetes soziales Beziehungsnetz). Es wird von der These ausgegangen, daß sich die Person im Gestalten einer Nische entwickelt und sich damit eine äußere Struktur schafft, in Ergänzung zur inneren Struktur der Schemata (J. Piaget) bzw. der persönlichen Konstrukte (G. Kelley). In der persönlichen Nische materialisieren sich die persönlichen Erfahrungen, in ihr finden sich die Zeugen und Spuren der eigenen Geschichte.
Der Lebenslauf ergibt sich als wirkungsgeleiteter Prozeß, in dem die selbsterzeugten Wirkungen Ausgangspunkt der darauf folgenden persönlichen Entwicklungsschritte sind. Psychische Störungen jeder Art beeinträchtigen die Fähigkeit, sich eine differenzierte und reichhaltige Nische zu schaffen. Aeussere Umstände können die wirksame Nischengestaltung und damit die persönliche Entwicklung herausfordern oder überfordern. So wie eine Person schafft sich auch ein Paar seine dyadische bzw. eine Familie ihre familiäre Nische. Vor allem in der stützenden Psychotherapie schwerer ? Persönlichkeitsstörungen geht es darum, Fähigkeiten zu fördern, sich über die Nische psychisch zu regulieren.
Willi J. (1991) Was hält Paare zusammen? Reinbek, Rowohlt
Willi J. (1996) Ökologische Psychotherapie. Göttingen, Hogrefe
DER NARZISST UND DIE PARTNERSCHAFT
Der Narzisst kann sich eine Liebesbeziehung nur so vorstellen, dass einer der Partner seine Bedürfnisse zugunsten des anderen aufgibt. Für ihn ist es nicht vorstellbar, dass man jemanden lieben kann, ohne dass einer auf seine Meinung und Ansprüche verzichten muss, und es ist unvorstellbar, dass man Meinungsverschiedenheiten aufrechterhalten kann, ohne dass dabei die Beziehung kaputt geht. "Für den Narzissten kann eine intensive Liebesbeziehung nur das totale Einswerden, die Verschmelzung, die völlige Konkordanz sein. Eine solche Verschmelzung muss aber für ein derart ungesichertes Selbst eine schwere Bedrohung sein" (Willi, 1975, S. 73). Daher haben Narzissten auch grosse Angst vor dieser Verschmelzung. Viele Narzissten fühlen sich von Zweierbeziehungen überfordert, wohingegen sie sich in Gruppen sehr wohl fühlen. Oft geht es ihnen auch nur um die Eroberung des Partners als Selbstbestätigung, und die Beziehung wird danach uninteressant.
DIE PARTNER VON NARZISSTEN
Während man Narzissten in der Umgangssprache meist als Egoisten bezeichnet, so sind ihre typischen Partner meist altruistisch. Es sind bescheidene Menschen, die es gewohnt sind sich anzupassen und ein schlechtes Selbstwertgefühl haben. Meist sind sie es schon von Kind an gewohnt, entwertet zu werden, und ihnen wurde das Recht auf ein eigenes Selbst abgesprochen.
Sieht man genauer hin, haben sie aber meist Grössenphantasien, wegen derer sie sich schämen. Sie versuchen diese Phantasien abzuwehren, da sie glauben, sie hätten keinen Anspruch darauf.
So projizieren sie auf einen idealisierten Partner ihr Ideal-Selbst, um sich mit ihm zu identifizieren und so zu einem eigenen akzeptablen Selbst zu gelangen. In der Liebe leben sie nur für ihren Partner und zeigen die Tendenz, ihn kritik- und bedingungslos zu idealisieren.
Komplementärnarzissten:
"Der Komplementärnarzisst ist im Grunde auch narzisstisch strukturiert, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Da, wo der Narzisst nur sich selbst bewundern lassen will, will der Komplementärnarzisst sich ganz für einen anderen aufgeben. Da, wo der Narzisst sein Selbstgefühl erhöhen will, will sein Partner auf ein eigenes Selbst verzichten, um das Selbst eines anderen zu erhöhen, mit dem er sich identifiziert. Da, wo der Narzisst voller Angst vor Verschmelzung mit einer Beziehungsperson ist, hat sein Partner den Wunsch, ganz im anderen aufzugehen" (Willi, 1975, S. 77-78).
Beide haben eine gleich geartete Grundstörung. Beide haben ein ungenügend geformtes, in seiner Abgrenzung zu anderen gefährdetes und als minderwertig empfundenes Selbst. Die Art der Abwehr gegen diesen Mangel ist unterschiedlich: "Der Narzisst versucht sein schlechtes Selbst durch den Partner aufzuwerten, der Komplementärnarzisst dagegen sucht sich ein idealisiertes Selbst bei einem anderen zu entlehnen" (a.a.O, S. 78).
Eine solche Partnerschaft kann ein Narzisst eingehen, ohne sich in seinem Selbst bedroht zu fühlen, da der Partner sich ihm völlig unterordnet. Er wird von seinem Partner uneingeschränkt bewundert und muss auf seine Ansprüche keine Rücksicht nehmen.
Doch in einer längeren Partnerschaft erweist sich dieses scheinbare Gleichgewicht als trügerisch. Die vollkommene Empathie des einen Partners, die jede Regung des Narzissten mitvollzieht, übt gerade durch diese Selbstaufgabe nach einer Weile eine starke Kontrolle aus. Bald wiederholt sich auch eine ähnliche Beziehung, wie die frühere zur Mutter. Das Idealbild engt immer stärker ein.
Dem Narzissten wird immer unerträglicher, dass jemand so sehr in ihn eingedrungen ist, und er versucht sich zu distanzieren, indem er den Partner erniedrigt und verletzt. Der Partner nimmt es hin, mit der Erklärung, dass der Narzisst es im Grunde nicht so meine.
DIE NARZISSTISCHE PARTNERWAHL
Der Narzisst versucht einen Partner zu finden, der keine eigenen Ansprüche stellt, ihn bedingungslos verehrt und idealisiert. Ausserdem sucht er einen Partner, der alles für ihn aufgibt und nur für ihn lebt. So besteht keine Gefahr, dass er sich für seinen Partner einschränken muss.
Von seiner Motivation her entspricht der Komplementärnarzisst diesen Bedürfnissen. Auf den ersten Blick ergänzen sie sich ideal. Der Narzisst erfährt durch seinen Partner die erforderliche Selbstbestätigung, und der Partner ist glücklich, sich mit dem idealisierten Partner identifizieren zu können. Beide fühlen ihre Art der Abwehr durch den Partner gesichert.
"Der Narzisst glaubt, es könne für ihn keine Gefahr eines Selbstverlustes, einer Verschmelzung oder Fremdbestimmung seines Selbst bestehen, da der Partner sich für ihn aufgibt und ihn idealisiert. Der Komplementärnarzisst sieht keine Gefahr, dass er weiterhin unter Minderwertigkeitsgefühlen wegen unerfüllbarer Grössenvorstellungen leiden müsse, weil jetzt der Partner an seiner Stelle diese Ansprüche erfüllen werde".
DER BEGINN DES NARZISSTISCHEN PAARKONFLIKTES
Indem sich der Komplementärnarzisst völlig mit seinem idealisierten Partner identifiziert, nagelt er ihn auch auf ein bestimmtes Bild fest. Da der Narzisst so abhängig in seinem Selbstwert von der Bewunderung seines Partners ist, lässt er sich zunehmend von dem Idealbild bestimmen. Er versucht sich zwar von dem Partner abzugrenzen, gerät aber immer mehr unter den Druck der Idealvorstellungen. Er versucht auszubrechen, indem er den Partner erniedrigt. Er kämpft um die Erhaltung seines Selbst, kann sich aber nicht befreien, da er vom Partner ganz durchdrungen ist. Die Schläge gegen den Partner laufen ins Leere, da dieser ihm nichts als Individuum mit eigener Autonomie entgegenzusetzen hat, sondern nur durch ihn lebt.
"Der Interaktionszirkel lautet jetzt für den Narzissten: , und für den Komplementärnarzissten: " (Willi, 1975, S. 82):
Auch der Komplementärnarzisst ist verzweifelt, da er alles für die Beziehung aufgegeben hat und darauf angewiesen ist, in dem Partner das Ideal-Selbst aufrechtzuerhalten. Daher versucht er in fast wahnhafter Weise, dieses Idealbild immer wieder herzustellen, ohne zu sehen wie der Partner sich fühlt.
"DAS THEMA IN DER ORALEN KOLLUSION"
Die sogenannte orale Kollusion ist getragen von der Vorstellung, der eine Partner habe die Funktion der ...., der andere die des hilflosen .... Damit ist die unausgesprochene Annahme verbunden, die Hilfsbereitschaft des einen sei unerschöpflich und erfordere keine Gegenleistung.
Die früheste Mutter-Kind-Beziehung, die orale Phase, ist von dieser Thematik gekennzeichnet. Unbewältigte Schwierigkeiten in dieser Beziehung, sind der Nährboden für die orale Kollusion in der Partnerschaft.
DIE ORALE KOLLUSION
Hier treffen Partner aufeinander, die sich auf den ersten Blick idealerweise ergänzen. Der eine möchte in der Beziehung alle sein Bedürfnisse befriedigt wissen und passiv sein. Dabei leidet er unter der Angst, der Partner könnte mit dieser aufopferungsvollen Zuwendung aufhören. Er beansprucht für sich Nachholbedarf, entweder weil er in der Kindheit Frustrationen ausgesetzt war, oder weil er durch Verwöhnung in der frühen Kindheit Anspruch auf Wiederholung zu haben meint. "Die für sich abgelehnten Mutterfunktionen werden in idealisierter Weise in den Partner verlegt, der dem Bild einer spendenden Idealmutter zu entsprechen hat" (Willi, 1975, S. 98).
Der Partner in der anderen Position sucht in einer Beziehung jemanden, den er völlig umsorgen kann. Seine Angst ist die, dass der Partner ihn nicht mehr als Pfleger brauchen könnte. Beide steigern in der Beziehung ihren Selbstwert: Der eine durch die Zuwendung, die er bekommt, der andere durch die selbstlose Pflege, die ihm ein klar definiertes Selbstbild vermittelt.
Beide haben eine orale Fixierung. Bei dem einen ist es eine Progression zu umsorgenden Mutterfunktionen, bei dem anderen Partner eine Regression in die kindliche Bedürftigkeit.
DER BEGINN DES BEZIEHUNGSKONFLIKTES
Der Konflikt basiert darauf, dass die verdrängten Konflikte aus der frühen Kindheit wiederkehren. Der umsorgte Partner hat mit immer stärkeren Zweifeln zu kämpfen, ob der Partner der idealisierten Mutterfunktion weiter gerecht werden wird, oder ob er ihn, wie früher seine Mutter, enttäuschen wird. So stellt er dem Partner nun Bewährungsaufgaben, um ihn auf die Probe zu stellen. Ausserdem untergräbt das kindlich bedürftige Verhalten auf die Dauer den Selbstwert. Er ist immer der
Nehmende und gerät in die Position des Schuldners und hat nichts Gleichwertiges zu bieten. Noch dazu wird ihm bewusst, dass ihm vom Partner keine ausser der hilflos-kindlichen Position zugebilligt wird. Er fühlt sich nicht als gleichwertiger Partner angesehen. Da er aber auch selber keine pflegerischen Tätigkeiten übernehmen will, entwickelt er Hassgefühle gegen seinen Partner und versucht ihn mit seiner Gier zu verschlingen.
"Der >Pflegling< regrediert immer mehr auf eine orale Anspruchshaltung, gebärdet sich immer fordernder und unersättlicher und verweigert dem Partner die gerechte Anerkennung für geleistete Dienste, aus Wut über die Schuldnerposition, in die er versetzt worden ist, wie auch aus Angst, dieser könnte bei Dankbarkeitsbezeugungen in seinen Pflegebemühungen nachlassen" (Willi, 1975, S. 99).
Die Aufrechterhaltung der pflegenden Mutterposition ist aus verschiedenen Gründen gefährdet: Die Mutterrolle ist eine Abwehr gegen die Gefahr, selbst in eine abhängige Position zu dem Partner zu geraten. Er fühlt sich aber immer gefährdet, in die kindlich-abhängige Rolle zu verfallen. Diese Gefahr wird dadurch gebannt, dass der Partner in seiner kindlichabhängigen Position gehalten wird. Er wird dem Partner immer in einer Art und Weise helfen, die ihn noch abhängiger und
hilfsbedürftiger macht.
Der pflegebedürftige Partner reagiert auf dieses Verhalten auf die Dauer mit Angst vor totaler Abhängigkeit und vor Enttäuschungen: Er reagiert darauf, indem er den Dank für die Hilfeleistungen versagt, was die einzige Bedürfnisbefriedigung, die sich der pflegende Partner gönnt, darstellt. Dieser beginnt seinerseits mit Klagen und Vorwürfen - was er alles für den Partner getan hat - und versagt die Hilfeleistung. Mit dem Anspruch auf Lob und Anerkennung ist der pflegende Partner genauso masslos wie der gierig Zuwendung fordernde Partner. Er stellt immer masslosere Forderungen an die Dankbarkeit des Partners, bis irgendwann der erwartete Undank folgt.
"Das ganze ursprünglich so verheissungsvolle Abwehrarrangement scheitert daran, dass aus dem individuellen Hintergrund bei jedem Partner ausgerechnet dasjenige Verhalten resultiert, das - statt wie zu Beginn die Abwehr zu sichern - diese gerade untergräbt" (a.a.O., S. 101).
Beide suchen die Schuld beim anderen. Der Pflegebedürftige sieht sich als so unersättlich, dass er den Partner als abweisend und vorwurfsvoll empfindet, der Pflegende sieht sein vorwurfsvolles Verhalten als Resultat der Unersättlichkeit und Undankbarkeit des Partners.
Quellen:
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Geissler, P. (...). Die relationale Psychoanalyse: eine Kurzdarstellung - Brücke zur Säuglingsforschung und zur Gestalttherapie
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Perls, F S, Hefferline, R, & Goodman, P (1979) Gestalt-Therapie — Lebens-freude und Persönlichkeitsentfaltung. Klett-Cotta, Stuttgart
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Yontef G: Beziehungen und Selbstwertgefühl in der gestalttherapeutischen Ausbildung. www.gestaltkritik.de/yontef_beziehungen.html
Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter
"Die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin, New York University, Adorno-Schülerin, Marcuse-Enthusiastin und Feministin, sieht ein „Gefühl sexueller Subjektivität“ im Frauengeschlecht „wie Venus aus dem Meer“ aufsteigen." (SPIEGEL 2/1991, S. 145)
(...) "Aus derselben ideologischen Position, aus der die „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit entstanden, zerfetzte sie in ihrem Buch „Die Fesseln der Liebe“ das klassische psychoanalytische Denken, aber sie erhielt sich die Psychoanalyse als theoretisches Handwerkszeug.
Herrschaft und Unterwerfung begreift sie nicht als „gewachsenen Fels“, wie Freud es tat. Sie akzeptiert aber auch nicht die feministische Unterdrückungs-These, sondern spürt der Frage nach, warum Frauen ihre Unterwerfung lustvoll begehren können bis hin zum Genuß von Schmerz. Sprachdonnernd beschreibt sie, wie „hinter den faszinierenden Sensationen von Macht und Ohnmacht sich die Sehnsucht nach Anerkennung versteckt, daß die entstellten Formen, die unser Begehren oft annimmt, die Folge eines komplizierten, aber letztlich verstehbaren Prozesses sind, eines Prozesses, der erklärt, wie unsere tiefsten Wünsche nach Freiheit und Gemeinsamkeit in Kontrolle und Unterwerfung eingebunden werden.
Aus solchen Wünschen sind die Fesseln der Liebe geschmiedet“.
Aber diese Fesseln sind nach ihrer Ansicht auflösbar, ohne daß sich auch die Liebe auflösen muß. Durch ihr Anspannen dagegen ergibt sich das Schicksal des hegelianischen Herrn, der von seinem Knecht, im Geschlechterverhältnis von seiner Knechtin abhängig wird, während sie „die Fähigkeit verliert, den Sieger auf eine Weise anzuerkennen, die diesen befriedigen könnte“.
Der erregende Charakter einer Herrscher-und-seine-Sklavin-Beziehung verliert sich, wenn die Unterwerfung vollbracht ist. Diese destruktive Unterströmung ist nach Benjamin weitverbreitet in den Bettbeziehungen oder vielmehr in ihrer Öde.
Statt auf das sich selbstzerstörende Dominanz-Spiel kann nach ihrer Vorstellung im Eros auf ein anderes Muster zurückgegriffen werden. Bei der Erforschung der Kindheit zeigte sich, daß schon das Baby nicht als passives Objekt zu verstehen ist, sondern von Geburt an als „aktives Selbst“. Es strukturiert, wie minuziöse filmische Beobachtungen ergaben, das Verhalten seiner Mama ebenso wie sie das seine, manchmal als Crash-Kurs, manchmal als „Tanz der Interaktion, bei dem beide Partner so fein aufeinander eingestimmt sind, daß sie sich ganz im Einklang bewegen“.
Solch frühe Erfahrung dürfte die „emotionale Basis“ für Gefühle des „Einsseins“ und „das Liebesspiel der Erwachsenen“ sein.
Benjamins „intersubjektive Theorie“ hämmert ein, daß es „von Anfang an immer (zumindest) zwei Subjekte gibt“ - eine, wie sie meint, „Herausforderung“ an die traditionelle Logik von Subjekt und Objekt, ein Psychomuster, das Frauen bestärken soll bei der Entwicklung „ihres selbständigen Begehrens“." (SPIEGEL 2/1991, S. 148-149)
(...)"Soll Sex nicht Gymnastik, sondern Eros werden, so müsse, wie die Analytikerin Benjamin erläutert, auf der Psychoebene ein Spiel von „Zerstörung und Ueberleben“ sein - auch das ein frühes Kindheitsmuster.
Jeder kleine Mensch erprobte besinnungslos seine Aggressionen und erfuhr dabei als Kriterium des anderen schlechthin, daß dieser überraschend seine Zerstörungswut überlebte. Das Nachspiel, so Jessica Benjamin, ist aufregend:
"Gewiß ist der Eros nicht frei von allem, was man mit Aggression, Selbstbehauptung, Kontrolle und Herrschaft assoziiert. Aber was Sexualität zu Erotik werden läßt, ist das Ueberleben des anderen in der Zerstörung und trotz der Zerstörung. Eros unterscheidet sich nicht etwa dadurch von Perversion, daß er frei von Macht- und Unterwerfungsphantasien wäre, denn Eros reinigt die sexuellen Phantasien nicht, er spielt mit ihnen.
Der Begriff der Zerstörung erinnert uns daran, daß ein Stück Aggression im Liebesieben notwendig ist. Doch erst das Ueberleben, der Unterschied, den der andere setzt, unterscheidet die erotische Vereinigung, die mit der Dominanzphantasie spielt, von realer Herrschaft. In der erotischen Beziehung ist es möglich, sich zu verlieren und gleichzeitig ganz da zu sein: sozusagen ohne Widerspruch.
Wenn sich in dem spanischen Kultfilm „Matador“ der Stierkämpfer Diego und die Anwältin Maria im Akt umbringen, werden Eros und Aggression ein und dasselbe. Im Leben aber bleiben beide, selbst wenn sie Zusammenwirken im „kleinen Tod“, die großen Antagonisten: „Zum Glück“, so Jessica Benjamin, „trifft die Aggression auf ihren unsterblichen Gegner, Eros, den Lebenstrieb.“
Nun also kommt der ungeheure Pendelschlag, nach der gesellschaftlichen Abwertung der männlichen Aggression die weibliche Aggression herauszukitzeln und ideologisch abzustützen.
Auch die sei schließlich „nützlich“, beschwichtigt die Feministin Sichtermann. Unter dem Gesetz der Sexualität „dient die Aggression unmittelbar dem Frieden (der Befriedigung)“."
Quelle: DER SPIEGEL 2/1991, S. 152-153

Jon G. Allen, Peter Fonagy, Anthony W. Bateman (2013)
Mentalisieren in der psychotherapeutischen Praxis
Ulrich Schultz-Venrath (2013)
Lehrbuch Mentalisieren: Psychotherapien wirksam gestalten
Jon G Allen, Peter Fonagy (2013)
Mentalisierungsgestützte Therapie: Das MBT-Handbuch - Konzepte und Praxis
Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist, Mary Target
Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst
Luise Reddemann (2013, Hrsg.)
Zeiten des Wandels. Die kreative Kraft der Lebensübergänge
Anthony W. Bateman, Peter Fonagy
Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept
Donald W. Winnicott
Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse
Wolfgang Mertens
Psychoanalytische Schulen im Gespräch, Band 3: Psychoanalytische Bindungstheorie und moderne Kleinkindforschung
Daniel N. Stern/The Boston Change Process Group
Veränderungsprozesse: Ein integratives Paradigma
Weiterführende Links:
Netzwerk relationale Psychotherapie und Mentalisieren Schweiz - MBT Schweiz
Mentalisierung_net - Fortbildungsprogramm für klinisch tätige Ärzte und Psychologen in Deutschland
Mentalisieren in der Psychotherapie
Allen, Fonagy, Bateman - Mentalisieren - Systemagazin.de - Buecher - Neuvorstellungen 2011-07
Das Prinzip Anerkennung: Relationale Narzissmus-PT nach Mitchell, Benjamin und Frauchiger
Die Kunst in der Behandlung der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) liegt im Allgemeinen darin, sich nicht von den Ueberkompensationsstrategien den Blick darauf verbergen zu lassen, dass sich dahinter in aller Regel Einsamkeit, Beschämung und sehr viel Leid verbergen.
Wendy Behary, Leiterin des Institutes zur Behandlung der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung in New Jersey und ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet, hat sich einmal folgendermassen ausgedrückt: »Mein Mitgefühl für narzisstische Patienten erwächst aus meinem Eindruck, dass die meisten nicht böswillig verletzend, ichbezogen oder arrogant erscheinen möchten, sondern mehr oder weniger ungeschickt versuchen, sich zu schützen.« (persönliche Mitteilung) Narzissmus in seiner ausgeprägtesten Form verursacht oft ein hohes Maß an Leiden bei allen Beteiligten.
Natürlich primär bei den Betroffenen selbst, die bisweilen erleben müssen, dass sich ihre Umwelt entnervt und ernüchtert von ihnen zurückzieht. Auch können sie bei Versagen ihrer Kompensationsstrategien schwer depressiv werden, was mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen kann (Fiedler 2000). Aber häufig kommen auch Partner, Kinder, Freunde, Kollegen oder Angestellte, die dem oft rücksichtslos, ichbezogenen und unempathisch erscheinenden Verhalten ausgesetzt sind, und nicht zuletzt natürlich Behandler an ihre Grenzen.
Beim Austausch mit Kollegen auf zahlreichen Seminaren und Workshops erhielt ich sehr oft die Rückmeldung, dass sie die Behandlung dieser Patientenpopulation scheuen oder sich nur selten als förderlich erleben. (Dieckmann 2011)
Quelle: Dieckmann, Eva (2011). Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Schematherapie behandeln. Stuttgart: Klett-Cotta
Wie soll nun ausgerechnet mit dieser von vielen KollegInnen als unangenehm erlebten Menschen eine anerkennende, bezogenheitsorientierte Psychotherapie aussehen?
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zum Inhaltsverzeichnis
Literatur:
Markus Frauchiger (1997). Wirkfaktoren der Psychotherapie
Ulrich Schultz-Venrath (2013)
Lehrbuch Mentalisieren: Psychotherapien wirksam gestalten
Martin Miller (2013)
Das wahre Drama des begabten Kindes
Senf/Broda/Wilms (2013)
Techniken der Psychotherapie
Znoj/Berger (2013, Hrsg.)
Kunst und Wissenschaft der Psychotherapie
Senf/Broda (2013)
Techniken der Psychotherapie
Allen Frances (2013)
Normal - Prominente ICD5 Kritik


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Weitere Links:
"Forschung, Integrative Therapie und Gestalttherapie"
"Psychotherapeutische Modelle und ihre Wirkfaktoren"
"Strukturale Analyse Sozialen Verhaltens, SASB"
Homepage des Autors: Markus Frauchiger, CH-3012 Bern