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Falkenweg 8, CH-3012 Bern
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Eine Synthese aus Narzissmus- und Bezogenheitskonzepten in Zeiten des Populismus und der Kommerzialisierung
Materialien und Zitatesammlung zur Enstehung, Diagnostik und Behandlung von narzisstischen Spektrum-Störungen - zusammengestellt und kommentiert von Fachpsychotherapeut FSP Markus Frauchiger in CH-3012 Bern
Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf, Berufliche Biographie des Autors
Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.
Teil I: Drei Zugänge: Esoterik als Imaginäres, als Irrationales und als Narzisstisches
- 1.1. Esoterik als kulturelles und globales Phänomen in individueller Ausprägung: Magie
- 1.2. Esoterik: "Eine Gegenbewegung zur rationalen Welt"
- 1.3. Empirisch-"skeptische" Psychologie: Kognitive Theorien – Dissonanztheorie von Festinger - Der Beitrag der Skeptiker
- 1.4. Placebo-Effekte in der Esoterik: die sog. Alternativ- bzw. Komplementär-Medizin
Teil II: Esoterik 2.0: Perfekte Symbiose von Narzissmus und Kapitalismus - Kommerzielle Esoterik
- 2.1. New cAge - Eso-Marketing in der Esoterik 2.0 - Johannes Fischler
- 2.2. Die Medien, die Esoterik und der Kommerz: ein Traum-Trio des kollektiven Narzissmus
- 2.3. Esoterische Geschäftsmodelle: Mentalisten, Zauberer, Illusionisten, Cold Reader, Hypnotiseure
- 2.4. Spirituelle Führer als moderne Unternehmer: Voggenhuber, Betz, Hellinger, Murphy, Byrne, Franck und Bhagwan "Osho" Shree Rajneesh
TEIL III: Propaganda und Esoterik als Kernelemente von Antisemitismus und Faschismus
- 3.1. Esoterik und Rechtspopulismus - Politische Implikationen narzisstischer Kompensationen und des Falschen Selbst
- 3.2. Antisemitismus und Faschismus: ........................
- 3.3. Die narzisstische Kraft der Medien in Moderne und Postmoderne
TEIL IV: Digitale Propaganda und Facebook-Esoterik als Kernelemente der 'Neuen Rechten'
- 4.1. Virtuelle Erscheinungsformen des Rechtsextremismus: Propaganda 2.0 - Social-Media
- 4.2. Echokammern und Filter-Bubbles
- 4.3. Kommunikationsstrategien der 'Neuen Rechten'
- 4.5. PEGIDA und der "Friedenswinter" 2014/2015
Teil I: Drei Zugänge: Esoterik als Imaginäres, als Irrationales und als Narzisstisches
Drei Zugänge: Esoterik als 'Das Imaginäre' bei Lacan, als Irrationales Ueberzeugungssystem und als narzisstische Selbstwert-Kompensationsmöglichkeit
A. Esoterik als 'Das Imaginäre' bei Lacan
Lacan und die R-S-I-Trilogie auf Esoterik angewendet:
I = Imaginäres = Esoterik
R = Reales = Skepsis
S = Symbolisches = Kritik
Das an Lacan orientierte "Imagination-statt-Symbolisierung"-Konzept
In Anwendung und Erweiterung der in Kapitel 1 und 4 referierten R-I-S-Wirklichkeitsverhältnisse nach Lacan sowie des unten referierten Ueberzeugungssysteme-Modells nach Edgar Wunder verstehe ich esoterische und allgemein propagandistische oder populisitische Umtriebe als aus der Sphäre des Imaginären kommende, direkt ins Reale schiessende Impulse, welche schockartig (gemäss Blumenberg und Benjamin), weil nicht symbolisiert bzw. 'mentalisiert' (vgl.Kap.10), sich insb. im virtuellen Raum sehr schnell und unreflektiert (reflektiert das wäre die Dimension 'S' bei Lacan) sich ausbreiten können und solchermassen sehr effektiv unter Umgehung des "kortikalen Denkens" (sog. 'Schnelles Denken' sensu Kahnemann) direkt und hypnotisierend (McLuhan würde dazu wohl 'narkotisierend' sagen) ihre toxische, weil narzisstische Wirksamkeit und 'Wirklichkeit' (vgl.Abschnitt über Watzlawick in Kap.2) entfalten.
(Politische) Implikationen des Lacan'schen "Imagination-statt-Symbolisierung"-Konzeptes:
Die drei Lacan'schen Zustände R-I-S (vgl. Kap.1) stehen in einem dynamischen Verhältnis, wobei die beiden Pole 'I' und 'R' als jeweils für sich genommen einseitige Extreme fungieren (Esoterik einerseits und Skepsis andererseits) und dann im Sinne einer Dialektik zwischen den beiden Polen Skeptizismus (R) und Esoterik (I), als Synthese zur Kritischen Wissenschaft als 'Symbolisches', d.h. Reflektiertes, Diskutiertes, Eingebettetes an bisherige Theoriebildungen anschlussfähig 'aufgehoben' (i.S. Hegels) werden:
'Kritische Wissenschaft' stellt so verstanden eine symbolisierende, beide Pole integrierende Zusammenschau im Sinne einer quantitativ und qualitative Forschung triangulierenden Meta-Disziplin dar.
B. Esoterik als Irrationales Ueberzeugungssystem

Die 'Edgar-Wunder-Trilogie': Esoterik – Skeptizismus – Wissenschaft
(............)
Weiterführendes zu dieser von mir propagierten Mittelposition zwischen "unglücklichem Bewusstsein" (Wandschneider nach Hegel in Kap.1 und 10) und esoterischer Histerie und Paranoia wie sie in diesem Kapitel beschrieben wird (Esoterik-Lit.siehe ganz unten) findet sich u.a. hier: http://www.skeptizismus.de - http://www.anomalistik.de - http://www.skeptizismus.de/skepreview.pdf - http://www.skeptizismus.de/syndrom.html
Die "harten Skeptiker" ('R' im Lacan-Modell) sind online u.a. auf diesen Websites vertreten: - http://www.skeptiker-blog.ch - http://www.skeptiker.ch - http://blog.gwup.net - http://blog.psiram.com - http://www.hoaxilla.com u.v.m.
C. Esoterik als narzisstische Selbstwert-Kompensationsmöglichkeit zur Behebung eines narzisstischen Ungleichgewichtes
Gemäss meinem am Ende von Kapitel 2 dargestellten Narzissmus-Gleichgewichts-Modell tendieren sowohl Individuen wie auch mehr oder weniger grosse Gruppen dazu, die fehlende narzisstische Besetzung des Selbst irgendwie zu kompensieren, um das Gleichgewicht des Selbstwertes wiederherzustellen.
Kompensierend (d.h. den Selbstwert wiederherstellend) wirken nicht nur psychopathologische Symptome und Syndrome (wie z.B. Grossspurigkeit, Empathiemangel, Machtstreben auf der sog. "Plus"-Seite (siehe Kap. 2) oder aber auf der "Minus"-Seite z.B. Depression, Sucht, Autismus), sondern gerade in den letzten Jahren zunehmend auf der Verhaltensebene Gruppenverhalten in Form von esoterischen oder kommerziellen oder sonstwie radikalen, oft rechtspopulistischen Umtrieben, wie z.B. Ende 2014/Anfang 2015 die sog. Pegida-Bewegung (siehe letztes Unterkapitel weiter unten).
Es entstanden seit dem Zeitalter des Narzissmus (Kap.3) Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre vermehrt Selbtswert-Manko-kompensierende Spielwiesen im Kollektiven mittels Macht- und Gewaltausübung esoterischer, verschwörerischer oder fundamentalistischer Art: Typisch narzisstische Verhaltensweisen (vgl. Kap. 2) wie diverse Manipulationen, Demagogie, Prangermentalität, Extremismus, Rassismus etc. (Stichwort: Projektive Identifizierung, Kap.4) bis hin zu politischer Propaganda z.B. in Form der Neuen Rechten, welche gerade in Europa mit reaktivierten Methoden u.a. der Querfront ("Charme-Offensive" an die Linke, siehe gegen Ende dieses Kapitels) auf sich aufmerksam macht.
Diesen teilweise äusserst gefährlichen Umtrieben und Gruppenbildungsprozessen möchte ich in diesem Kapitel nachgehen.
1.1. Esoterik als kulturelles und globales Phänomen in individueller Ausprägung
Was ist Esoterik überhaupt?
Sehen wir uns als erstes eine Definition von Esoterik an, die aus ihren eigenen Reihen stammt. Ich zitiere den entsprechenden Text zu diesem Stichwort aus dem »New-Age-Wörterbuch« von Elmar Gruber und Susan Fassberg:
»Esoterik (von griech. 'nach innen gerichtet') bezeichnet das in sich gekehrte, >vergeistigte< Wissen. E. ist eine jahrtausende alte Tradition der Menschheit, versucht auf der Ebene der persönlichen Erfahrung (z.B. als 'Initiation'), die Geheimnisse unseres Daseins erlebbar zu machen. Im eigentlichen Sinn kann E. weder gelehrt noch gelernt, sondern allein erlebt und gelebt werden. Deshalb verbindet jede esoterische Tradition, neben den auch nicht Initiierten zugänglichen Schriften (die >exoterisch<, also nach außen gerichtet sind) eine Reihe von Uebungen, Prüfungen und Lebensweisen (etwa Meditation, Askese, Riten usw.), die gerade im rechten Handeln den Gehalt des esoterischen Systems erfahrbar und verstehbar machen. Das 'New Age' wird von vielen Esoterikern als jene anbrechende Zeit angesehen, in der das esoterische Wissen nicht mehr geheimgehalten und allein Ausgewählten zugänglich gemacht werden muß, sondern zu einer allgemeinen Erfahrens- und Lebensform erhoben werden kann. Die Grundprinzipien der E., vor allem der abendländischen, sind in der smaragdenen Tafel des Hermes Tristmegistos enthalten« (Gruber/Fassberg 1986).
Zu diesen »Grundprinzipien« des »dreifach mächtigen« Hermes teilt uns das Wörterbuch weiter mit:
»Smaragdene Tafel. Tafel, auf der Hermes Trismegistos (legendäre Figur des alt. Ägypten, später mit Thot, dem Gott des Wissens identifiziert) die Grundgesetze des Kosmos eingraviert haben soll.
Die Botschaft der S.T. gilt als Grundtext der gesamten abendländischen Esoterik. Sie kann in vier Grundprinzipien zusammengefaßt werden:
1. >Wie oben so unten<
2. Alles in der Welt ist polar
3. Zwischen den Polen herrscht ein Kraftfluß, der ein Neues, ein Drittes entstehen läßt
4. Alles im Kosmos läuft zyklisch, rhythmisch ab und untersteht dem Gesetz der Balance und Ausgewogenheit.«
Diesen vier Punkten lassen sich weitere vier Punkte anfügen:
Erstens: Bei der Esoterik handelt es sich um ein uraltes »Wissen« der Menschheit.
Zweitens: Dieses »Wissen« war für lange Zeit nur wenigen Eingeweihten bekannt und teilte sich auch nur auf Offenbarungsweise mit.
Drittens: Dieses Offenbarungswissen soll jetzt im Zeitalter des Wassermanns allen Menschen mitgeteilt werden.
Viertens: Offenkundig spielt in der esoterischen Tradition des Abendlands die »Smaragdene Tafel« des Hermes Trismegistos eine zentrale Rolle
Letzteres ist eine Einschätzung, die der Esoteriker Hans-Dieter Leuenberger (1986) mit der Aussage bestätigt hat: »Wer den Text der smaragdenen Tafel begriffen hat, hat auch das Universum begriffen.«
Thorwald Dethlefsen, der prominente Münchener Reinkarnationstherapeut, über diese Tafel: auf ihr sei »alles Wissen zusammengefaßt, das den Menschen
jemals zugänglich ist.«
Kurz: wir rücken damit in den Mittelpunkt der Esoterik-Analyse, was die Esoterik selber als ihren Mittelpunkt begreift: die von Hermes Trismegistos ausgehende okkultistische Tradition.
Magischer Allmachtswahn
Wenn wir nun auf die PSI-Gewissheiten dieser Bewegung achten, dann stellen wir fest: Egal, wohin wir auch sehen, egal, in welchen New-Age-Bestseller wir schauen - Esoteriker zu sein, das heisst, an Wiedergeburt zu glauben und damit an die menschliche Unsterblichkeit, heisst, an Präkognition zu glauben und an Telekinese, an Telepathie und Astrologie
kurz:
an Kräfte und Erkenntnisfähigkeiten des Menschen zu glauben, die ihm das Gefühl zurückgeben können, wieder umfassend Herrscher seiner eigenen Geschichte zu sein.
"Unverkennbar: mit dem Glauben an die Reinkarnation bauen wir uns einen Schutzwall auf gegenüber der Todesangst. Mithilfe des Glaubens an Telepathie kehren wir in eine Welt intensivster Verbundenheit mit anderen, zumeist uns nahen Menschen zurück, zu einem Glauben, der das Schreckgespenst deprimierender Isolationserfahrung zu bannen vermag. Mithilfe der Präkognition können wir den Schleier vor der Zukunft zerreißen und deren Gefahren aus dem Wege gehen.
Mithilfe der Astrologie schließlich erfahren wir - in ihrer esoterischen Interpretation - wie wir in unserem Wesen eigentlich gemeint sind, und wir dürfen uns wieder im Mittelpunkt der Weltenkräfte sehen.
Und nicht zuletzt: Mit Hilfe der Telekinese lebt sogar der alte Kinderglaube wieder auf, dank eigener magischer Kräfte die Umwelt aktiv ändern zu können.
Kurz: In den PSI-Gewissheiten der Esoterikbewegung geben sich Unvergänglichkeitswünsche und All-Wissenheitsgefühle ein Stelldichein, der Mensch fantasiert sich, Kindern gleich, in die Rolle des Allesbeherrschers und Alleskönners zurück. Wir haben es mit dem Gegenstück einer Unterwerfungsbereitschaft unter das Schicksal zu tun, mit Grössenideen [wie sie narzisstischer nicht sein könnten, vgl. Kap. 2].
Und das Geheimnis ihrer Anziehungskraft ist, dass angeblich noch jeder über das Geheimnis dieser Kräfte verfügt. So oder so ist »Macht« die geheime Thematik. Doch was verbirgt sich hinter diesem Syndrom? Was bedeutet dieses Denken in politischer und in sozialpsychologischer Sicht?
Quelle: Holdger Platta 'Esoterik und Rechtsextremismus'. In: 'Hinter den Schlagzeilen' vom 15. Juli 2013.
Online: http://hinter-den-schlagzeilen.de/2013/07/15/esoterik-und-rechtsextremismus-13/
1.2. Esoterik: "Eine Gegenbewegung zur rationalen Welt"
I. Selbstwirksamkeit durch Rituale:
"Unser Alltag ist undurchsichtig und wir werden mit Nachrichten über Hunger, Verderben, Verbrechen und Krieg regelrecht bombardiert.
Jeder von uns gewinnt in dieser Szenerie ein Gefühl von Ohnmacht. In der realen Welt bin ich ein Niemand, der nichts verändern kann. In der esoterischen Welt - in der ein Beleg oder Fakten keine Bedeutung haben, sondern nur die Phantasie - werde ich wieder zum Handelnden. Mit magischen Ritualen kann man scheinbar das Schicksal beeinflussen. Das ist ein ganz wichtiger Grund, warum sich die Esoterik so verbreitet".
II. Kognitionen: Narzisstische Komplexitätsreduktion:
"Die Esoterik schaltet das kritische Denken aus. Man muss dem Guru glauben und darf keine Fragen stellen. Das ist die Gefahr der Esoterik. Es geht ausnahmslos um das ICH, die eigene Person. Solidarität und Empathie spielen keine Rolle mehr.
Das ICH rückt in den Mittelpunkt und alles andere wird unwichtig. Man engagiert sich nicht für gesellschaftspolitische Fragen. Solche Gedanken werden in der esoterischen Szene ausgeblendet. Sie wirkt nicht gemeinschaftsbildend".
III. Gesellschaft und Zeitgeist:
"Die Esoterik passt genau in unsere Gesellschaft. Heutzutage ist das Wichtigste, das ICH zu optimieren. ICH muss ins Fitness-Studio gehen, damit mein Körper fit ist, dann muss er operiert werden, damit er dem Schönheitsideal möglichst nahe kommt. ICH muss eine Diät machen, um schlank zu bleiben".
IV. Das Ich und sein Körper:
"Das ICH steht absolut im Mittelpunkt aller Gedanken. Der Körper und seine Gesundheit sind derzeit nahezu religiöse Projektionsflächen. Auch die Esoterik stellt das ICH in den Vordergrund.
ICH muss eine höhere Stufe des Bewusstseins erreichen. ICH kann auswählen, aus einer Palette von Ideen, die MICH ansprechen.
Esoterische Ideen spiegeln die Gesellschaft und waren zugleich immer eine Gegenbewegung zur rationalen Welt, in der bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt werden".
V. Magische Physik:
"Die Esoterik-Szene ist wissenschaftsfeindlich; aber es tauchen gängige physikalische Begriffe wie Felder, Schwingungen, Energie, Kraft oder Quanten in esoterischen Angeboten auf. Sie werden allerdings als Metaphern benutzt. Kein Mensch in der allgemeinen Bevölkerung weiss was z.B. Quanten sind. So geheimnisvolle Reizwörter kann man wunderbar verwenden. Sie haben etwas Numinoses. Und in der Esoterik geht es um das Numinose. Das zieht die Menschen an".
VI. Placebo-Wirkung:
"Auch die Erwartung ist heilsam. Verspricht ein Arzt, dass sein Arzneimittel, das in Wirklichkeit gar keinen Wirkstoff enthält, gegen Schmerzen wirken wird, erzeugt der Körper des Patienten, der dieses Scheinmittel einnimmt, körpereigene Schmerzmittel. So haben alle Plazebos sogar messbare biologische Veränderungen zur Folge. Homöopathie mit ihren Versprechungen ist ein ideales Placebo".
VII. Marketing und Lobbying:
"Bei der Homöopathie ist das Marketing ausgefeilt, wie es besser nicht sein könnte. Das beginnt beim Erfinder, bei Hahnemann vor 200 Jahren und geht bis in die Gegenwart. Massiv wird Lobbying betrieben. Es werden Seminare für Apotheker organisiert und Politiker zu Produktionsstätten eingeladen.
Homöopathen haben Büros in der EU, versuchen bei der EMEA (Europäische Arzneimittel-Agentur) Lobbying zu betreiben. Hersteller von Homöopathika haben einen Journalisten bezahlt, um Kritiker zu diffamieren, Homöopathen decken Kritiker mit Gerichtsverfahren ein, um sie mundtot zu machen".
VIII. Suggestive Verfahren:
"Neuere Studien zeigen, dass Scheinakupunktur den gleichen Erfolg hat [wie die "richtige" Akupunktur]. Hier wird ein Apparat aufgesetzt, bei dem der Patient nur das Gefühl hat, dass eine Nadel in die Haut eindringt. Aber auch stechen der Haut an Nicht-Akupunktur-Punkten hat ähnlichen Erfolg. Es handelt sich wohl um ein sehr suggestives Verfahren".
Quellenangaben: Die Zitate stammen aus einem Interview mit Krista Federspiel von Matthias Winterer in der "Wiener Zeitung" vom 10.11.2014, die Struktur mit den Stichworten stammt von M.F. Online: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/mensch/702579_Eine-Gegenbewegung-zur-rationalen-Welt.html
Fallbeispiel, wie aus einer unbehandelten narzisstischen Persönlichkeit politisch Schwerwiegendes entstehen kann:
In den achtziger Jahren (des 19. Jahrhunderts), als Langbehn einsam und ohne Anerkennung lebte und arbeitete, entwickelte er einen empfindsamen culte du moi, eine Selbstverherrlichung und eine vorgespiegelte Selbstgenügsamkeit.
Zur selben Zeit bildete er seinen habituellen Narzissmus - er konnte stundenlang vor seinem Porträt sitzen und es bewundern - in ein bewusstes Lebensprinzip um. Er wurde in seinem Benehmen immer unausgeglichener, und immer qualvoller empfand er den Abstand zwischen seinem idealen Eigenbild und seinem tatsächlichen Wesen. Ert sehnte sich nach Freunden und nach Liebe - und wies beides zurück, sobald er es gefunden hatte; er suchte Ruhm und Anerkennung - und war dennoch darauf bedacht, sich zu verbergen.
Kraft, Gesundheit und Selbstgenügsamkeit pries er als die erstrebenswerten Eigenschaften, aber andererseits bat er, freilich anmassend, um helfendes Wohlwollen, wurde immer wieder von der krankhaften Angst befallen, seine Feinde würden ihn vergiften, wenn er nicht selbst seine Nahrung einkaufte und eigenhändig zubereitete. Er hatte eine masslos hohe Meinung von seiner eigenen Bedeutung, litt aber unsäglich unter der harmlosesten, meist eingebildeten Geringschätzung. Seine Unbeugsamkeit und sein Mangel an Kompromissbereitschaft bestimmten seinen Umgang mit Menschen wie mit Ideen; bei seinen Beschreibungen und Urteilen gibt es keinerlei Zwischenstufen, keine feine Nuancierung. Entweder unterwarfen sich ihm seine Mitmenschen bedingungslos - oder sie wurden von ihm abgelehnt. (...) Nach und nach versank er in eine von der Realität weit entfernte Scheinwelt; er war, von Büchern, Bildern, Ängsten und Tagträumen umgeben, besessen von Gedanken über sein eigenes Ich.
Zur Person von Julius Langbehn: In seinem Hauptwerk "Rembrandt als Erzieher" (hat mit Rembrandt praktisch nichts zu tun) entwickelt Langbehn den politischen, kulturellen und geistigen Führungsanspruch Deutschlands. Damit wurde er im 20. Jahrhundert für die Nationalsozialisten zu einer programmatischen Leitfigur. Langbehn politisch-gesellschaftlicher Grundraster setzt sich aus einem Anti-Pentagramm zusammen:
anti-demokratisch, anti-kapitalistisch, anti-semitisch, anti-kirchlich und anti-liberal.
Zusammen mit Paul de Lagarde und Möller von den Bruck gehörte er zu den geistigen Wegbereitern des Nationalsozialismus.
Quelle: Fritz Stern, "Kulturpessimismus als politische Gefahr" (Klett-Cotta, 2005) Beschreibung der narzisstischen Aspekte von Julius Langbehn (Seite 152f, Hervorhebungen M.F.)
Esoterik und Irrationalismus in der Postmoderne
Hugo Stamm, seit Ihrer ersten Recherche in den 70er Jahren hat sich Ihr Archiv von rund 60 Dossiers zu Sekten auf über 1000 vergrössert. Weshalb hat sich die Sektenlandschaft ausgedehnt, trotz moderner Medien und zahlreicher Aufklärungsversuche?
"Wissen alleine reicht nicht im Kampf gegen Sekten. Wir Menschen sind nicht Herr über unsere Seele. Vielmehr prägen uns genetische, hormonelle und neurologische Bedingungen. Der Mensch überschätzt sich oft masslos. Wir sind zwar kognitiv stark und haben uns zu einer Hochleistungsgesellschaft entwickelt, doch gleichzeitig leiden wir unter emotionalen Defiziten. Um unser Bewusstsein zu schärfen, müssen wir auch mit unseren Emotionen umgehen können. Deshalb geraten Menschen trotz weltweiter Informationsvernetzung noch immer in die Fänge von Sekten. Es sind meist Leute, die verunsichert sind, sich nach Heil und der Wahrheit sehnen und hoffen, die Sekten würden ihnen alle alltäglichen und übersinnlichen Probleme lösen."
Die Esoterik bezieht einen Teil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen Bedürfnissen: Wer will schon nur ein Lidschlag der Evolution oder ein "Nanopartikel" in einem unbegreiflichen und unendlichen Universum sein, wenn er beispielsweise seine Geburt und sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann?
Sorgen um eine prinzipiell nicht vorhersagbare Zukunft rufen nach einer höheren Instanz, die sagt, wo es langgehen soll. Ein weiterer Teil der Anziehungskraft mag daher kommen, dass die Welt schwer zu verstehen ist und etablierte Wissenschaften kompliziert und anstrengend sind.
Eine Beschäftigung mit Esoterik kann einem dagegen den schmeichelhaften Eindruck vermitteln, alles zu verstehen, zu durchschauen und mit Sinn versehen zu können!
(aus dem Youtube-Video mit Hugo Stamm: "Esoterik und Irrationalismus in der Postmoderne")
Begriffe:
- Sekte ist ein Sammelbegriff für Organisationen - Esoterik ist ein Sammelbegriff für Methoden.
- Beiden gemeinsam ist die Beeinflussung, sowie eine Geisteshaltung, welche je nach Lesart als Glaube oder Ueberzeugung oder Wissen bezeichnet werden kann, vgl. unten bei 'Ueberzeugungssysteme'.
- Ohne Glaube an irgend etwas sind weder Sekten noch Esoterik denkbar: Bei Sekten steht der Glaube an den Guru und dessen Lehre Vordergrund. Bei der Esoterik ist es der Glaube an eine Methode den Denkens oder Handelns.
Beeinflussung:
- Beeinflussung ist zunächst einmal weder schlecht noch gut, fidnet sie doch jederzeit statt, wie Watzlawick uns lehrt: "Man kann nicht nicht kommunizieren" (Axiom 1 von 5).
- Zur Beeinflussung gehören u.v.a. Werbung, Erziehung, Therapie, Gehirnwäsche. Zu den Methoden der Beeinflussung gehören u.a. Belohnung und Strafe. Beides wird auch von Sekten und Esoterik benutzt.
- Sekten und Esoterik sind keineswegs durchweg zu verurteilen oder sozial schädlich. Vieles davon gehört zum Toleranzbereich. Die Beurteilung muss allerdings nach denselben Kriterien vorgenommen werden, die auch sonst gelten.
Beurteilung:
Weisen diese Kriterien in eine sozial oder für den Einzelne problematisch Richtung, gibt es keinen Grund, eine genauere Prüfung nur deshalb zu unterlassen, weil die Begriffe Glaube, Religion, religiös, Wissen, Wissenschaft, alternativ, spirituell oder ähnliche benutzt werden. Es darf keinen Beurteilungs-Bonus für phantasievolle Begriffe geben.
Es gibt auch keinen Grund, notwendige Kritik zu unterlassen, weil auch andere Organisationen in früheren Jahrhunderten grausam und - aus heutiger Sicht - menschenverachtend gehandelt haben. Was als grausam und menschverachtend beurteilt wird, unterliegt dem Wandel. Die katholische Kirche hat seit Luther wegen unzulässiger Methoden der Spendenwerbung ("Ablass") die Hälfte ihrer Anhänger verloren und wegen sich ändernder Ansichten fast ihre gesamte weltliche Macht. Auf heutige Handlungen sind heutige Anschauungen und Gesetze anzuwenden.
Sekten und Esoterik sind oft kommerziell:
- Sekten und Esoterik sind oft getarnte Wirtschaftsunternehmen. Als solche gehören sie zum 'Psychomarkt'.
- Wirtschaftsunternehmen sind Zunächst einmal nichts Negatives; aber ihr Handeln unterliegt sehr konkreten Regelungen.
- Sekten und Esoterik verweigern die Anwendung dieser Regeln, wie u.a. Verbraucherschutz-Gesetze und Konkurrentenschutz-Gesetze.
- Bei Sekten und Esoterik ist die Schädigung von Verbrauchern und Konkurrenten der Normallfall.
Quelle: http://www.agpf.de/Esoterik-Sekten.htm
www.AGPF.de - Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt - AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit - Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V.
zum Inhaltsverzeichnis
1.3. Empirisch-"skeptische" Psychologie: Kognitive Theorien – Dissonanztheorie von Festinger - Der Beitrag der 'Skeptiker'
Esoterik stellt eine Art von kognitiver Konsonanz-Herstellung, d.h. die Reduktion kognitiver Dissonanz, dar (Definition siehe unten):
Konsistenztheorien (vgl. hierzu auch Grawes Psychotherapieansatz wie er in Kap. 6 und 10 beschrieben wird) fassen alle jene psychologischen Theorien zusammen, die der Stimmigkeit, Verträglichkeit oder Harmonie von Kognitionen (z.B. Wahrnehmungen, Erinnerungen, Einstellungen, Urteilen) eine motivierende Rolle zuschreiben.
Historisch gehen die Konsistenztheorien auf die Gestaltpsychologie zurück, in der für die menschliche Wahrnehmung ein Streben nach einem stimmigen, in sich geschlossenen und harmonischen Ganzen nachgewiesen wird. Bedeutende Konsistenztheorien sind zum Beispiel Fritz Heiders Balance-Theorie oder Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz (s.u.).
Auf dem Grundgedanken der Konsistenztheorien beruhen viele intuitiv plausible Annahmen und Vorhersagen, wie z.B.:
- Man kann Personen durch Erinnerung an ihre Einstellungen dazu motivieren, in der Folge ein einstellungskonträres Verhalten zu unterlassen.
- Personen ändern die Richtung, die ihr Verhalten einmal genommen hat, nicht mehr ohne guten Grund. Für die Beibehaltung dieser Richtung braucht es dagegen keine eigenen Gründe mehr (diese Ableitung aus den Konsistenztheorien wird in der sog. "Fuss-in-der-Tür-Technik" (vgl. das Unterkapitel zum 'Cold Reading') genutzt).
Aus Konsistenztheorien lassen sich aber auch Vorhersagen ableiten, die dem Alltagsverständnis zum Teil zuwiderlaufen:
- Einstellungen können sich im nachhinein an ein vorher gezeigtes eigentlich einstellungskonträres Verhalten anpassen. Diese Anpassung ist insbesondere dann zu erwarten, wenn zu dem vorherigen Verhalten ein besonders geringer Handlungsanreiz bestand (hierauf beruht das sogenannte 'forced-compliance-Paradigma' in der Theorie der kognitiven Dissonanz (Dissonanztheorie).
- Positive Rückmeldungen, die zur Aufwertung der eigenen Person genutzt werden könnten, werden oft zurückgewiesen, wenn sie mit dem Selbstbild nicht übereinstimmen. Dies führt zu dem überraschenden Befund, daß Personen mit niedrigem Selbstwert negative aber selbstbildkonsistente Rückmeldungen zu ihrer eigenen Person bevorzugen (um sich so auf tiefem Selbstwertniveau einzupendeln, "Hauptsache Balance", wie es im Narzissmus-Kapitel hiess.
Esoterische und/oder (politisch) extreme Verhaltensweisen und Ansichten erfordern einiges an Gehirnakrobatik. Die im folgenden beschriebene Konzeption der 'kognitiven Dissonanzreduktion' ähnelt stark meiner Konzeption der 'Reduktion des narzisstischen Gleichgewichts' und hat diese auch mitbeeinflusst. Während es bei der Narzissmusreduktion um das Zurechtrücken des Selbstbildes als Ganzes geht, betont die Dissonanzreduktionstheorie den kognitiven Aspekt der Meinungsbildung. Im Zusammenhang mit Extremismus interessant ist v.a., dass es mittels Dissonanzreduktion gelingen kann, auch ganz abwegige und längst widerlegte oder gar verbotene oder gesellschaftlich geächtete Verhaltens- und Denkweisen aufrechtzuerhalten und vor sich selber und in der 'Ingroup' zu der man gehört, sogar als Identitätsmerkmal vor sich herzutragen und sogar missionarisch andere mitüberzeugen zu wollen. In Kombination mit der oben schon angesprochenen kruden national-konservativen Position wie sie die NSDAP und jetzt wieder Pegida und die sog. 'Neue Rechte' in Form der Identitären beispielsweise vertritt sowie mit den weiter unten dargestellten massenpsychologischen 'Drift'-Tendenzen hin ins immer Extremere (sog. 'risky shift'), entsteht durch den an sich simplen Mechanismus der 'Kognitiven Dissonanz' sowie der 'projektiven Identifizierung' (um Feindbilder zu zementieren) eine brandgefährliche Mischung. Doch zunächst zu den Grundlagen von Festingers klassischer Theorie:
"Nach Ansicht vieler Sozialpsychologen ist die Aufrechterhaltung eines stabilen und positiven Selbstbildes ein sehr bestimmendes Handlungsmotiv von Menschen. Sozialpsychologische Theorien der “Kognitiven Dissonanz” beschäftigen sich mit der Frage, was passiert, wenn diese Selbstbild dadurch in Frage gestellt wird, dass Verhaltensweisen bewusst werden, die im Widerspruch zu diesem Selbstbild stehen.
Dabei stehen dann beim Konzept Kognitive Dissonanz zwei Kognitionen in einem Gegensatz:
1.Die Kognition, die zum Selbstbild gehört und
2.die Kognition, die das eigene Verhalten wahrnimmt.
Grundlegend gehen die Ideen zur Kognitiven Dissonanz auf den Sozialpsychologen Leon Festinger zurück. Dieser hatte zunächst aber nur darauf abgestellt, dass Kognitive Dissonanz dann entsteht, wenn zwei beliebige Kognitionen in einen Konflikt geraten. Demgegenüber betont der Sozialpsychologe Elliot Aronson in seinem Standardwerk “Sozialpsychologie”, dass vor allem dann Kognitive Dissonanz eintritt, wenn man gewahr wird, dass die eigenen Verhaltensweisen mit dem eigenem Selbstkonzept nicht mehr übereinstimmen. Aronson geht mit anderen davon aus, dass das Selbstkonzept überwiegend durch die Vorstellung bestimmt ist, dass man als Mensch erfolgreich und integer dabei ist, wenn man sein eigenes Leben gestaltet.
Beispiel: Zum eigenen Selbstkonzept mit Auswirkungen auf Kognitive Dissonanz gehört es, dass ich gesund lebe, regelmässig Sport treibe und auch sonst Exzesse vermeiden. Dazu passt es eigentlich nicht, wenn ich regelmässig Suchtmittel wie Zigaretten oder Alkohol im starken Umfang konsumiere. Wird mir dieser Gegensatz bewusst, dann ist dies eine Kognitive Dissonanz und ich bin bestrebt, diese zu überwinden. Hierzu gibt es unterschiedliche Strategien.
Die meisten Leute haben das Bedürfnis, sich selbst als vernünftig, moralisch integer und intelligent zu sehen. Deshalb führen Kognitionen, die ihnen bewusst werden und die zu diesen Prinzipien im Konflikt stehen, zu einem unguten Gefühl, dass dann von der Sozialpsychologie als Kognitive Dissonanz definiert wird.
Dieses Unbehagen wünscht der Mensch zu reduzieren, so die unterstellte Voraussetzung der Theorie der Kognitiven Dissonanz. Die Sozialpsychologie setzt damit die Kognitive Dissonanz auf die gleiche Stufe wie andere Bedürfnisse, z.B. Hunger und Durst. Dort führt das Unbehagen im Fehlen von Flüssigkeit oder Nahrung zum Streben nach einer Kompensation.
Als Methoden zur Reduktion der Kognitiven Dissonanz werden von der Sozialpsychologie genannt:
- Aenderung der Verhaltensweisen, die der Kognitiven Dissonanz zugrundeliegen
- Aenderung der dissonanten Kognition, also Veränderung der Bewertungen, die für das eigene Verhalten angewandt werden
- Hinzufügen neuer Kognitionen zum Denken, um dem Verhalten einen Rechtfertigungsgrund zu liefern.
Beispiel: Wer also zu viel Drogen konsumiert und dies als Kognitive Dissonanz zu seinem Lebenskonzept sieht, der könnte sein Verhalten ändern und auf Drogenkonsum verzichten. Er könnte aber auch die Bewertung des Drogenkonsums ändern oder neue Sichtweisen auf den Drogenkonsum entwickeln, die letztlich auf eine Aenderung des Lebenskonzeptes hinauslaufen.
Es fällt auf, dass bei den Methoden zur Reduktion der Kognitiven Dissonanz nicht der Punkt Verdrängung als Ueberwindung der Kognitiven Dissonanz angesprochen wird. Obwohl die Theorie der Kognitiven Dissonanz gewisse Anklänge an die Psychotherapie von Sigmund Freund hat, wird dessen Verdrängungs-Konzept nicht angewandt. Als Verdrängung wird in der Freud’schen Psychoanalyse jeder Abwehrmechanismus verstanden, durch den tabuisierte und bedrohliche Inhalte des Denkens und der bewussten Wahrnehmung aus dem Bewusstsein ausgeschlossen werden.
Dass Kognitive Dissonanz meist unbewusst abläuft, wird von den Sozialpsychologen vorausgesetzt, deshalb passt der Begriff Verdrängung nicht in die Theorie der Kognitiven Dissonanz.
Quelle: Online-Journalist und Blogger Rainer Meyer am 15. Aug 2010
Quackwatch-Liste nach Stephen Barrett
1. Denken Sie daran, dass Quacksalberei nur selten verschroben wirkt. Quacksalber drücken sich oft wissenschaftlich aus und zitieren aus wissenschaftlichen Quellen (wenn auch nicht immer richtig). Manche von ihnen haben eine seriöse wissenschaftliche Ausbildung hinter sich, sind dann aber von diesem Weg abgekommen.
2. Hören Sie nicht auf Leute, die Ihnen erzählen, dass die meisten Krankheiten durch falsche Ernährung verursacht werden oder durch die Einnahme von nahrungsergänzenden Stoffen geheilt werden können. Es gibt zwar Krankheiten, die tatsächlich ernährungsbedingt sind, die meisten sind es aber nicht. Zudem sind Krankheiten, bei denen die Ernährung eine Rolle spielt, nicht durch die Einnahme von Vitaminen zu behandeln, sondern durch eine Umstellung der Ernährung.
3. Hüten Sie sich vor Anekdoten, Empfehlungen und Referenzen. Wenn jemand behauptet, durch unorthodoxe Methoden geheilt worden zu sein, dann fragen Sie sich und wenn möglich auch Ihren Arzt, ob es auch eine andere Erklärung für die Genesung geben kann. Die meisten einmalig auftretenden, nicht chronischen Krankheiten vergehen mit der Zeit von selbst, und die meisten chronischen Krankheiten weisen symptomfreie Perioden auf. Die meisten Menschen, die von Krebs geheilt wurden, haben sich sowohl seriöser als auch unorthodoxer Behandlung unterzogen, führen ihre Genesung jedoch auf letztere zurück. Manche Beweise sind reine Erfindung.
4. Hüten Sie sich vor pseudomedizinischer Ausdrucksweise. Anstatt ihre Krankheit zu behandeln, wird Ihnen ein Quacksalber evtl. vorschlagen, Ihren Körper zu "entgiften", ihn "chemisch ins Gleichgewicht zu bringen", seine "nervliche Energie" freizusetzen, ihn "in Harmonie mit der Natur zu bringen" oder angebliche "Schwächen" verschiedener Organe zu korrigieren. Die Anwendung von Methoden, die nicht messbar sind, macht es möglich, von Erfolgen zu sprechen, obwohl tatsächlich gar nichts getan und erreicht wurde.
5. Fallen Sie nicht auf paranoide Behauptungen herein (sog. Verschwörungstheorien, VTs). Nichtkonventionelle Praktiker behaupten oft, dass die Schulmedizin, Arzneimittelhersteller und der Staat sich gegen sie verschworen haben, um alles, was sie vertreten, zu unterdrücken. Für solche Theorien wurde noch nie ein Beweis angetreten. Es widerspricht auch jeglicher Logik, dass eine Vielzahl von Menschen die Entwicklung von Behandlungsmethoden bekämpfen würde, die eines Tages ihnen selbst oder einem geliebten Menschen helfen könnten.
6. Vergessen Sie "Geheimkuren". Echte Wissenschaftler stellen ihr Können als Teil des wissenschaftlichen Fortschritts zur Verfügung. Quacksalber halten ihre Methoden eher geheim, um zu verhindern, dass andere ihre Nutzlosigkeit unter Beweis stellen. Niemand, der tatsächlich eine Heilmethode entdeckt hat, hätte einen vernünftigen Grund dafür, diese geheimzuhalten. Eine wirksame Heilmethode, vor allem für schwere Krankheiten, würde ihrem Entdecker enormen Ruhm, Vermögen und persönliche Befriedigung bringen, wenn er seine Entdeckung mit anderen teilt.
7. Hüten Sie sich vor den Irrtümern der Kräutermedizin. Sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei - das Image pflanzlicher Arzneimittel ist durchweg positiv. Fast zu positiv, meinen viele Apotheker und Aerzte, denn Folge des positiven Bildes ist oft genug eine unkritische Anwendung. Wer die drei häufigsten Irrtümer über pflanzliche Arzneimittel kennt, kann jedoch sicher sein, dass ihm die Medizin aus der Natur nicht schadet:
- Irrtum 1: Pflanzliche Arzneimittel kann jeder nehmen. Falsch. Wer ein Magengeschwür hat oder hatte, für den sind beispielsweise Magenmittel oder Magentees mit Bitterstoffen tabu. Zum Ausschwemmen von Wassereinlagerungen im Gewebe (Oedeme) sind wassertreibende Arzneipflanzen völlig ungeeignet. Hier muss der Arzt verschreibungspflichtige Präparate, sogenannte Diuretika, verordnen.
- Irrtum 2: Alle pflanzlichen Arzneimittel eignen sich gut zur Dauereinnahme. Gegenbeispiele: Pfefferminze kann bei Dauergabe den Magenschließmuskel erschlaffen lassen und dadurch Sodbrennen auslösen. Wacholderbeeren können die Nieren schädigen, wenn sie jahrelang in hohen Dosen genommen werden. So gut diese Heilpflanzen über einen kurzen Zeitraum vertragen werden, für die Einnahme über Jahre sind sie ungeeignet. Tipp: Bedenken Sie, dass auch pflanzliche Präparate echte Arzneimittel sind, die Sie ohne den Rat von Apotheker oder Arzt nicht über längere Zeit anwenden sollten.
- Irrtum 3: Pflanzliche Arzneimittel sind ideal für Schwangere. Gegenbeispiele gibt es viele. Zum Beispiel kann Aloe, die gegen Verstopfung eingesetzt wird, den Blutfluss im Becken erhöhen und so eine Frühgeburt auslösen.
8. Seien Sie kritisch gegenüber Produkten, die eine Vielzahl von Krankheiten bekämpfen sollen, die nichts miteinander zu tun haben, vor allem wenn es sich um schwere Krankheiten handelt. So etwas wie ein Allheilmittel oder eine Wunderkur für jede Krankheit gibt es nicht.
9. Ignorieren Sie Appelle an Ihre Eitelkeit [bzw. Ihren Narzissmus]. Quacksalber rufen ihr Publikum vor allem gerne dazu auf, "selbst zu denken", anstatt den kollektiven Weisheiten der Wissenschaftler-Gesellschaft zu folgen. Ein weiteres ihrer Argumente ist, dass ein Heilmittel, dessen Wirksamkeit bei anderen Menschen noch nicht festgestellt werden konnte, bei Ihnen sehr wohl wirken könne.
10. Lassen Sie ihr Urteilsvermögen nicht durch Verzweiflung trüben! Wenn Sie den Eindruck haben, dass sich Ihr Arzt nicht genug bemüht, oder wenn Sie erfahren haben, dass Ihre Krankheit unheilbar ist und diese Tatsache nicht widerstandslos akzeptieren können, kommen Sie bei ihrer verzweifelten Suche nach einer Lösung nicht vom Weg der wissenschaftlichen Heilkunst ab. Sprechen Sie statt dessen mit Ihrem Arzt über Ihre Gefühle und ziehen Sie die Möglichkeit in Erwägung, einen [anderen] anerkannten Experten aufzusuchen. (Quelle: Psiram.de)
Der Verdacht auf Scharlatanerie bzw. Quacksalberei wird umso wahrscheinlicher, je mehr der folgenden Beschreibungen zutreffen:
Eine Methode bzw. ein Produkt:
1. wird durch Hinweis auf exotische Herkunft (Regenwald, Himalaya u.a.) interessant gemacht,
2. soll Heilung bringen, wenn Schulmedizin in auswegloser Situation versagt,
3. soll durch umfangreiche Erfahrungen "untermauert" sein, ohne dass nachvollziehbare Daten aus kontrollierten klinischen Studien zugänglich gemacht werden,
4. soll gegen eine Vielzahl verschiedener Erkrankungen, die nichts miteinander zu tun haben, universell wirksam sein,
5. soll regelmäßig zum Erfolg führen, wobei Misserfolge der 'Schulmedizin' angelastet werden,
6. ist an einzelne Personen beziehungsweise Institutionen gebunden, die die Therapie entwickelt haben und daran verdienen (extrem hohe Preise), [sehr wichtiger Punkt, vgl. unten: Kommerzielle Esoterik]
7. soll keine Nebenwirkungen haben oder die Nebenwirkung von Verfahren der Schulmedizin reduzieren oder aufheben,
8. ist kompliziert (strenge Diätvorschriften, komplizierte Anwendungsrichtlinien u.a.), so dass Misserfolge auf Anwendungsfehler zurückgeführt werden,
9. soll schon seit Jahren/Jahrzehnten verwendet werden, ohne offiziell anerkannt zu sein,
10. ist den Behauptungen zufolge so gut, dass unverständlich bleibt, warum keine Zulassung als Arzneimittel existiert.
Psiram-Ergänzungen:
- Aufdringliches 'name dropping' durch Nennung von bekannten Personen oder scheinbaren Autoritäten, die angeblich die entsprechende Hypothese stützen.
- Die Erfinder (meist Einzelforscher und sogenannte Privatgelehrte) und hartnäckigen Befürworter schmücken sich gerne mit fragwürdigen oder käuflich erworbenen akademischen Titeln von Title-mills und fälschen gerne ihr Curriculum. Produkte aus dem quacksalberischen Bereich werden häufig mit Betonung der akademischen Grade ihrer Befürworter oder Erfinder beworben.
- Entsprechende fragliche Produkte sind häufig chemisch ungenau definiert, ihre Zusammensetzung wird laufend verändert.
- Der 'Arznei' wird eine intelligente, auswählende Wirkung zugeschrieben. Etwa bei den Schwedenkräutern nach Maria Treben: "Was zuviel ist, lindern sie und was zuwenig ist, ergänzen sie".
- Nennung nicht überprüfbarer Verschwörungstheorien [VTs] um eine angebliche Unterdrückung des Mittels durch staatliche Einrichtungen und im Untergrund agierende heimliche Machthaber, Illuminaten, Reptiloiden und Bilderberger (Beispiele: Germanische Neue Medizin, Miracle Mineral Supplement).
- Nach dem Tode des Erfinders nimmt das Interesse an der Methode stark ab oder die Methode gerät quasi in Vergessenheit.
- Sehr hohe Preise für Mittel, die gleichzeitig im Chemikaliengroßhandel oder als Import aus osteuropäischen Ländern oder Asien zu niedrigen Preisen erhältlich sind.
- Verwendung ungewöhnlicher und/oder verwirrender oder völlig wertloser Einheiten bei Messergebnissen. So ist die esoterische Einheit Bovis nicht exakt definiert und kann beliebig verwandt werden. Auch ist bei pseudowissenschaftlichen Argumentationsversuchen mitunter der Versuch zu beobachten, Messwerte durch überflüssige Verwendung von Multiplikatoren oder Divisoren für Laien als größer oder kleiner erscheinen zu lassen: Missbrauch von Einheitenvorsätzen (Beispiel: Anders Bruun Laursen).
Speziell bei so genannten Kaffeefahrten, beim Versand über das Internet und allen Formen des Multi-Level-Marketings sollten auch folgende Kriterien beachtet werden:
"Der Text sieht aus wie ein Beitrag der Zeitung, oben rechts oder links steht jedoch das kleine Wörtchen "Anzeige". Eine Anzeige dient allein der Werbung. Durch die Gestaltung des Textes soll nahegelegt werden, dass es sich um einen ganz normalen Artikel handelt, in dem objektiv berichtet wird.
Das Produkt hilft angeblich gleichzeitig bei mehreren verschiedenen Krankheiten und Beschwerden schnell und sicher. Kein einziges Produkt wirkt aber z.B. sowohl gegen AIDS, Demenz, Multiple Sklerose oder Neurodermitis. Ziel ist einzig und allein, viele Patienten gleichzeitig anzusprechen.
Es wird mit Fallgeschichten geworben, in denen "geheilte" Patienten - Menschen wie du und ich - schildern, wie das Produkt bei ihnen angeblich die erstaunlichsten Erfolge erzielt hat. Eine solche Werbung mit Krankheitsgeschichten ist nach dem Gesetz verboten. Aus gutem Grund, da solche Einzelfälle die niedrigste Aussagekraft haben, denn für jeden Erfolg werden viele Misserfolge verschwiegen.
Das Produkt hat angeblich keine Nebenwirkungen. Ein solches Produkt steht im Verdacht, überhaupt keine Wirkung zu haben. Jeder Mensch ist anders - bei dem einen tritt eine stärkere Wirkung auf, bei dem anderen gar keine, genauso ist es bei den Nebenwirkungen. Jedes wirksame Arzneimittel hat nicht nur eine Hauptwirkung, sondern oft auch Nebenwirkungen, die sich aber nicht bei jedem zeigen müssen. Nebenwirkungen komplett auszuschließen, ist in jedem Fall unseriös.
Das Produkt soll von Experten, meist Professoren namhafter Universitäten aus den USA, getestet und entwickelt worden sein, die sich ganz begeistert von den erzielten Ergebnissen zeigen. Für einen Professor sind Veröffentlichungen in einer Fernsehzeitschrift oder im Boulevard nicht der geeignete Weg, auf seine Arbeit aufmerksam zu machen. Oft handelt es sich um nicht existierende Personen oder sie wissen oft genug gar nichts von einer Anzeige mit ihrem Namen.
Es wird behauptet, das Produkt sei exklusiv oder nur für kurze Zeit erhältlich. Durch einen Einführungspreis oder einen Rabatt für große Abnahmemengen wird der Eindruck einer einmaligen Gelegenheit vermittelt. Damit soll ausschließlich ein Entscheidungsdruck aufgebaut werden, damit der Kunde kauft, ohne lange nachzudenken. Ein wirklich erfolgreiches Präparat wird immer verfügbar sein.
Der Text ist in einer (pseudo-)wissenschaftlichen Sprache mit vielen Fremdwörtern gehalten. Ein solcher Text dient allein dazu, den Leser zu beeindrucken und soll ihn davon abhalten, das Gelesene kritisch zu hinterfragen.
Das Produkt wird als "Wundermittel", als "wissenschaftlicher Durchbruch" oder als wieder entdecktes Volksmittel einer alten Kultur bezeichnet. Wundermittel gibt es nicht und gab es auch nicht in alten Zeiten in keiner Ecke der Welt. Ansonsten ist die Frage berechtigt, warum dieses Volk den Vorteil ewiger Gesundheit nicht bis heute genutzt hat.
Eine Zulassung als Arzneimittel wird nicht erwähnt und liegt in der Regel auch nicht vor. Geht man aber aktiv auf den Hersteller zu und fordert eine Zulassung ein, wird man ihn häufig gar nicht erreichen. Aber allein die Zulassung als Arzneimittel gibt die Sicherheit, dass das Produkt tatsächlich wirksam ist und keinen Schaden anrichtet. Die oft zu lesende Behauptung, dass die Schulmedizin bzw. die Pharmaindustrie das völlig neuartige Produkt aus Profitgier verhindern wolle, ist völlig aus der Luft gegriffen.
Der Anbieter verspricht eine "Geld-zurück-Garantie". Eine solche "Garantie" soll den Kunden jedoch allein dazu verleiten, im Gefühl falscher Sicherheit zu bestellen, denn scheinbar kann er ja nichts falsch machen. Aber auch wenn das Produkt nicht wirkt, wird es kaum jemand wirklich zurücksenden. Und wenn doch, dann muss man sich auch bei einer Geld-zurück-Garantie auf einen langen Kampf ums Geld einstellen". (Quelle: Psiram.de)
1.4. PLACEBO-Effekte in der Esoterik: die sog. Alternativ- bzw. Komplementär-Medizin
Wunderwerk menschlicher Erwartungshaltung
Die damit erzielten Erfolge übertreffen sogar manche chemische Keule der Schulmedizin. Ihre Wirkungskomponenten sind jedoch weder die patienteneigenen Schwingungen noch gewisse enge oder breite Durchlassbereiche oder gar automatische Frequenzdurchläufe, sondern schlicht und einfach der Therapeut bzw. die Therapeutin selbst.
Es handelt sich hier um eine Art „symbolische Physik“ und nicht um eine konkrete, im physikalischen Sinne messbare Angelegenheit. Es ist der menschliche Geist, der in Verbindung mit den Geräten diese Wunder vollbringt. Das Bewusstsein des Anwenders spielt die entscheidende Rolle, die Geräte selbst besitzen gar keine therapierelevanten Wirkungskomponenten! Sie schaffen jedoch das nötige Vertrauen in die Methode und dienen dem Anwender als Konzentrationshilfe zur Ausrichtung des Bewusstseins (Aktivierung und Fokussierung der geistigen Kräfte). Es sind die in der Außenwelt erforderlichen materiellen Repräsentanten (Symbole) eines geistigen Prinzips, dass durch den Glauben sowie das Ritual der Anwendung in Aktion tritt. Mit anderen Worten: Utensilien für einen Elektronischen Schamanismus. Wirksam werden nicht die an den Geräten vorgenommenen (symbolischen) Einstellungen, sondern nur die im Bewusstsein des Therapeuten vorhandenen subjektiven Vorstellungen über Funktion und Wirkungsweise der angewandten Methode. In der Regel gilt:
"Je klarer und deutlicher die Methode im Bewusstsein des Anwenders verankert und je stärker der Glaube und die Identität mit dem System ist, desto Erfolg versprechender die Therapie!"
Bei diesen Methoden kommt das Phänomen der Rückbezüglichkeit besonders zum Tragen, d.h. die Identität mit der angewandten Methode und das damit einhergehende Vertrauen ist Voraussetzung für den Erfolg, während nur wiederholter Erfolg das notwendige Vertrauen und damit die Identität mit dem System selbst schafft. Damit erklärt sich natürlich auch der vielfältige Wirkungsbereich derartiger Therapien sowie die außergewöhnliche Erfolgsquote von überzeugten Anwendern, aber auch die Misserfolge all derjenigen, die dieser Therapieform skeptisch oder gar ablehnend gegenüberstehen.
Anfangs tritt zwar eine gewisse Abhängigkeit ein, da der Therapeut glaubt, nur über das jeweilige Gerät und dessen Funktionsweise seine Erfolge erzielen zu können, doch in einem späteren Stadium, das durch virtuoses Beherrschen des Instrumentes sowie dem Gewahrwerden des geistigen Wirkprinzips gekennzeichnet ist, kann in letzter Konsequenz sogar auf das Gerät verzichtet werden. Die Beibehaltung des Gerätes ist jedoch trotzdem empfehlenswert, zumal die Trefferquote (durch die Bündelung der geistigen Kräfte) damit weit höher ist, abgesehen davon, dass es auch ein gewisses Faszinosum darstellt, das die Kompetenz der Therapeuten nach Außen bestätigt.
Elektronischer Schamanismus
Diese Phänomene der geistigen Ebene sind natürlich nicht nur an bestimmte Geräte oder Methoden wie die der Bioresonanz gebunden, sondern treten grundsätzlich in der Medizin auf und demnach auch bei allen biophysikalischen Geräten. Dazu gehören u.a. Frequenzgeneratoren, die mit bis drei Stellen hinter dem Komma als besonders wirkungsvoll dargestellt werden oder andere, auf den ersten Blick mehr wissenschaftlich wirkende Verfahren, wie z.B. Magnetfeld, Softlaser oder Farblicht. Wer sich für diese Themen näher interessiert und sich im Detail über die Problematik der instrumentellen Biokommunikation informieren möchte, der sei auf den Beitrag „Im Nirvana der Biophysik“ auf der Webseite des Radionik Verlags verwiesen.
Die Welt will betrogen sein...
Die Frage bleibt jedoch, warum das geistige Prinzip der Methode, das seit Jahrtausenden bekannt und vom Schamanen bis hin zum Medizinmann auf allen Kontinenten praktiziert wird, von den meisten Geräteherstellern und Exponenten dieser Therapien bei uns verschwiegen und geleugnet wird. Bis heute hatte kaum jemand den Mut, sich offen zu den tatsächlichen Gegebenheiten zu bekennen und ein revidiertes Modell vorzustellen, das auch die Rolle des Bewusstseins als aktives Element eindeutig mit einbezieht. Für die meisten scheint der Papst Paul dem VI (1476-1559) zugeschriebene Ausspruch: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur“ (Die Welt will betrogen sein, also betrügen wir sie fein) als Rechtfertigung für ihre unrühmliche Handlungsweise zu dienen. Aber dies ist eben nur ein Aspekt, denn dagegen steht: wer schweigt, gibt sein Einverständnis („Qui tacet, consentire videtur“) und dies gilt für alle, die um diese Dinge Bescheid wissen, auch Therapeuten und Herausgeber von Fachzeitschriften sind hier gefordert.
Wie soll denn eine Methode überhaupt anerkannt werden, wenn bereits das postulierte Modell falsch ist und gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht? Warum denn nicht bewusst und unmissverständlich auf die geistigen Wirkungskomponenten hinweisen und die Schulmedizin mit den tatsächlichen Gegebenheiten herausfordern? Doch dies dürfte schwierig sein, denn den meisten bleibt nichts anderes übrig, als das (falsche) Bild aufrechtzuerhalten und in der einst begonnenen Rolle weiter zu machen. Verständlicherweise, denn wer gibt schon zu, sich über Jahre oder gar Jahrzehnte getäuscht zu haben oder viel schlimmer, bewusst Therapeuten noch immer an der Nase herumzuführen. Ganz abgesehen davon, dass es sich bisher für einige damit auch recht gut leben lässt! Wer sich in diesem Zusammenhang über Ursprung und Hintergründe der Therapie mit patienteneigenen Schwingungen im Detail interessieren möchte, sei auf den Insider-Report des Autors verwiesen, der unter dem Titel „20 Jahre Bioresonanz“ (1977 – 1997) auf der Homepage des Radionik-Verlags zu finden ist.
Quelle: Grösser, Hermann. Physik der Bioresonanz: Irreführung oder Verdummung?
Passend zur wichtigen Unterscheidung von "naiver Esoterik" und Geschäftemacherei im Sinne von Fischler "Esoterik 2.0" (s.u.: 'Kommerzielle Esoterik') genannt, folgender Skeptiker-Beitrag zu Placebo-Effekten:
Hans-Werner Bertelsen: Placebo-Arbeit - immer dieselbe Effekthascherei?
Ueber die Motive, wirkungslose Verfahren chronisch kranken Menschen als sogenannte Alternativmedizin zu verkaufen, gibt es plausible Erklärungsmodelle. Ich habe die Motivlage der Anbieterseite beschrieben (Bertelsen 2013) und die Anbieter in verblendete Selbsttäuscher und Geschäftstüchtige eingeteilt (Bertelsen 2014):
Beide Gruppen teilen sich die Vorliebe für ein gewünschtes Ziel, haben ein gemeinsames Anliegen – sie gieren nach dem „Ich werde gefallen!“, nach dem Placebo-Effekt. An einem Strang ziehen beide, sowohl der verblendete Selbsttäuscher, als auch der Geschäftstüchtige; geht es nach dem Drang nach dem gewünschten Effekt, sind sie also beide Effekthascher im originären Sinne. Die Arbeit, die von beiden Anbietergruppen verrichtet wird, nenne ich daher Placebo-Arbeit. Doch eine Differenzierung der Anbieter, eine Aufteilung nach Selbsttäuscher und Geschäftemacher, macht auch eine Differenzierung des von beiden Gruppen induzierten Placebo-Effektes notwendig. Sowohl die Motivation als auch die Folgeerscheinungen sind unterschiedlich. So ist der Placebo-Effekt, der von einem verblendeten Selbsttäuscher induziert wird, völlig anders zu bewerten, als die von dem Geschäftstüchtigen induzierte Variante.
I. Der benigne Placebo-Effekt – mit Suggestion unterwegs
Betrachten wir zunächst die gutartige Form, ich nenne ihn den benignen Placebo. Die treibende Kraft, die einen benignen Placebo zum Ziel hat, ist die Suggestion. Die Gruppe der verblendeten Selbsttäuscher verwendet die Suggestion als Werkzeug, um zum Ziel zu gelangen. Dies gelingt gut, solange die treibende Kraft auf ein gehöriges Mass an Suggestibilität trifft. Patienten, die kein ausreichendes Mass an Suggestibilität besitzen, kann hingegen auch der naivste Selbsttäuscher nicht erreichen. Beim Versagen der Therapie sind die Folgen harmlos. Die Formulierung: „Wir haben es wenigstens versucht“ versucht, die Gefühlslage beim Versagen einer Therapie zu beschreiben. Es werden keine Schamgefühle beim Versagen einer Therapie induziert. Der Patient kann sich ohne Uebermass an eigener Enttäuschung und ohne Gesichtsverlust auf ein neues Verfahren konzentrieren.
II. Der maligne Placebo-Effekt – mit Manipulation unterwegs
Die weniger erfreuliche Form des Placebo-Effektes nenne ich den malignen Placebo. Die treibende Kraft ist hier nicht die Suggestion, sondern in erster Linie die Manipulation. Die Gruppe der Geschäftstüchtigen bedient sich der Manipulation als Werkzeug. Aengste werden beispielsweise benutzt, um ein Verfahren besser anzudienen. Hoffnungen werden missbraucht, um zu verkaufen. Ein durch Manipulationstechniken induzierter Placebo-Effekt ist aus meiner Sicht daher völlig anders zu bewerten, weil sowohl die Motivlage des Anbieters, als auch die durch die Manipulation beim Patienten hervorgerufenen Folgeerscheinungen völlig andere sind. Das Mass einer Manipulationsbereitschaft ist stark vom Grad der Verzweiflung abhängig. Tumorkranke zeigen ebenso wie depressive Patienten häufig ein großes Maß an Verzweiflung und demzufolge ein hohes Maß an Manipulationsbereitschaft. Der „letzte Strohhalm“ soll Halt bieten. Die entstehenden Folgen, die bei Versagen der Therapie, etwa durch Aufdeckung der Motive des Geschäftstüchtigen, auftreten, unterscheiden sich grundlegend von den Folgen im Bereich des benignen Placebos. Es können negative Gefühle erzeugt werden. Gefühle des eigenen Versagens, die bei Tumorpatienten ohnehin schon häufig zu beobachten sind, können verstärkt werden. Es können massive Schamgefühle erzeugt werden, wenn Patienten erkennen, dass sie dem Typus des Geschäftstüchtigen auf den Leim gegangen sind. Gefühle des Verrats und der Ohnmacht dominieren hierbei. Beides sind stark negativ aufgeladene Gefühle, die den Anforderungen an eine positiv besetzte Gefühlslage für die Heilung von einer Krankheit diametral entgegenstehen.
Online veröffentlicht von Ulrich Berger am April 17, 2014 auf: http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2014/04/17/placebo-arbeit-immer-dieselbe-effekthascherei/
Literatur:
Bertelsen, H.-W. (2013). “Die Attraktivität ‘ganzheitlicher’ Zahnmedizin. Teil 2: Bohren ohne Reue”; Skeptiker 3/2013 S.114-117.
Bertelsen, H.-W. (2014). “Selbsttäuscher und Geschäftemacher”; profil-wissen, 19.03.2014.
Teil II: Esoterik 2.0: Perfekte Symbiose von Narzissmus und Kapitalismus - Kommerzielle Esoterik
"Mit der Esoterikwelle und dem Boom der Alternativmedizin erlebt der Aberglaube eine neue Blütezeit. Viele Menschen sind überfordert von der rasanten Zivilisationsentwicklung und komplexen Realität: Sie fühlen sich fremd in der eigenen Umgebung und sehnen sich nach einfachen Erklärungen und sanften Heilmethoden. Auf der Suche nach der heilen Welt vertrauen sie sich oft Scharlatanen und Verschwörungstheoretikern an, welche die Welt uminterpretieren und simple Rezepte für drängende Fragen in vielen Lebensbereichen haben. Doch ihre Erklärungen und Ideen beruhen auf einem Aberglauben und führen in eine Traumwelt.
Die Gefahren des Aberglaubens werden oft unterschätzt. «Lasst die Sucher doch träumen, wenn es ihnen hilft, das Leben besser zu meistern!», lautet eine Standardantwort. Wirklich?
Ist die Flucht in eine Parallelwelt ein probates Rezept, um die Realität besser zu ertragen? (Hugo Stamm "Aberglaube mit fatalen Nebenwirkungen" im TagesAnzeiger vom 18. Oktober 2014)
Das Unbehagen an der ESOTERIK:
Spirituelle Führer dieser Tage verstehen sich als moderne Unternehmer. In diesem Sinne zielen sie weniger auf die finanzielle Totalausbeutung einzelner Jünger ab, als vielmehr auf die.Erschließung eines größtmöglichen Massenmarkts. Mithilfe des Internets bedient man ein Millionenpublikum mit spirituellen Produkten. Kosten und unternehmerisches Risiko werden dabei minimiert (Fischler 2013 S.63)
Spiritualität als blosses Konsumgut:
Eine Reise in die Welt der Esoterik, die das Internet erobert hat und Menschen mit psychologischen Tricks in ihren Bann zieht
"Wundern Sie sich nicht über den wenig sparsamen Einsatz von blumigen Spitzfindigkeiten. Diese sollen keinesfalls über den offensichtlichen Wahnsinn hinwegtäuschen, doch erträglicher machen sie ihn allemal", schreibt Johannes Fischler. In seinem neuen Buch "New Cage: Esoterik 2.0 - Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt" führt der Psychologe den Leser durch die Welt der Esoterik - und warnt gleich vorweg: Eine "supersachliche Faktensammlung" sei das nicht, denn um sich auf das Thema einzulassen, müsse man sich "wohl oder übel auf die Seite des Phantastischen begeben".
Damit beginnt ein Abenteuer, in dem Engelswelten, Energiesprays, Bewusstseinsstufen, Lichtkörper und Chakren die Hauptrollen spielen: eine Reise in eine sehr strukturierte Parallelwelt, die längst das Internet erobert hat und mit Hilfe von Marketingstrategien und psychologischen Tricks Menschen Schritt für Schritt und Stufe für Stufe in ihren Bann zieht. Der "spirituelle Berufene" ist der "User", der zur "Markentreue" animiert wird. Der "Kaufrausch" diene dabei als "Ekstaseritus der Postmodernen". Damit, schreibt Fischler, wird "Spiritualität zum bloßen Konsumgut".
Quelle: Sophie Niedenzu in "Der Standard" vom 7. Juni 2013
2.1. New cAge - Eso-Marketing in der Esoterik 2.0 - Johannes Fischler
Ein spannender Blick hinter die Kulissen einer Milliarden-Industrie
"Wer Esoterik mit sektenähnlichen Zirkeln alternativer Spinner assoziiert, die sich um einen Guru scharen, ist auf dem Holzweg. Die „Esoterik 2.0.“ ist längst in unserem Alltag angekommen und bedient sich ausgefeilter Werbe- und Geschäftsmethoden. Wie bei großen Markenkonzernen sind Werbepsychologie, internationale Vertriebsstrukturen und Onlinehandel Basis des florierenden Business. Dass sie sich im Schlepptau der allgegenwärtigen Selbstfindungs- und Wellnesstrends durch die „Lifestyle-Hintertür“ einschleicht, macht sie umso gefährlicher.
Diese „neuen Kleider“ ändern nichts daran, dass Esoterik nach wie vor für viele Menschen zu einem Gefängnis wird, aus dem sie sich gar nicht oder nur unter großen persönlichen und finanziellen Verlusten befreien können: eben ein „New Cage“.
Der Psychologe Johannes Fischler fühlt der Marketingdramaturgie der „Esoterik 2.0“ kritisch auf den Zahn und entzaubert so eine Branche, die mit ihrer „Seelenfängerei“ auch in Deutschland und Oesterreich Milliarden umsetzt!
Quelle: Text auf dem Umschlag des Buches 'New Cage'
MULTI-DIMENSION MARKETING
Mir ist es wichtig zu betonen, dass Esoterik nicht nur wie im ersten Teil beschrieben eine strukturelle Angelegenheit (y-Achse im Koordinatensystem aus Kapitel 1) von Glaubenssätzen, Produkten und Praktiken ist, sondern in den letzten Jahren mehr und mehr sich dynamisiert (x-Achse) hat und so ganz legal zu einem gewichtigen Teil des Wirtschaftslebens sich gemausert hat und zu einem Milliardenbusiness geworden ist.
Die 'narzisstische Bedürftigkeit' (Kap. 2) der Menschen und die Neigung des Homo Sapiens zur Projektion von Wünschen (aber auch von Aengsten, vgl. den dritten Teil dieses Kapitels: Antisemitismus) auf 'kryptoreligiöse Fetische' wird hiermit aufs Beste bedient und im wahrsten Sinne des Wortes sehr erfolgreich 'bewirtschaftet'.
Kollege Fischler beschreibt in seinem ironisch und unterhaltsam geschriebenen Buch (s.o.) den "Trip ins Universum" der "Engel und Essenzen" mittels einer sehr dynamischen Raumfahrt-Metapher bzw. 'Rakete-ins-All'-Narration:
Abheben im Business der Esoterik 2.0 - Das Prinzip: "Nimm etwas weniger, aber dafür von vielen!"
Schritt 1: Die Startbasis - Der esoterische Weltenbau und seine Requisiten
I. Fantasy Welt wählen und installieren: 'World of Soulcraft'
"Zuallererst geht es darum, eine [zum Produkt] passende Fantasy-Welt zu installieren. Analog zu erfolgreichen Onlinespielwelten taufen wir diese kurzerhand „World of Soulcraft“ (WoS)".
Schritt 2: Der Astronaut - Das esoterische Heldendrehbuch, der Glamour und seine Tücken
II. User: Helden eines Drehbuchs (vgl. Heldenreise bei Assagioli in der sog. 'Biosynthese')
"In dieser 'WoS' (s.o.) finden sich spirituell Berufene, hier „User" genannt, als Helden eines mitreißenden Filmdrehbuches wieder".
Schritt 3: Die Tankfüllung - Spirituelle Energieträger und fesselndes Marketing
III. Konsumation der passenden Produkte: der Pro-Sumer als aktiver Konsument im inszenierten Phantasma
"Ueber die Konsumation der passenden Produkte kann sich das zahlende Publikum selbst in das Geschehen einklinken.
Angetrieben von allerlei Sehnsüchten und eingewickelt von geschickter Dramaturgie werden die User von diesem inszenierten Phantasma immer abhängiger".
Schritt 4: Die Zündung - Neurochemische Explosionen und die Genese feinstofflicher Sucht
IV. "The Chosen": Auserwählt dank Manipulation -> mehr desselben (im Sinne der Kommunikationstheorie von Watzlawick)
"Je tiefer sie in die Geschichte hineinschlittern, desto auserwählter fühlen sie sich.
Je augenscheinlicher ihre Manipulation zutage tritt, desto massiver ihre Nachfrage nach 'energetischen Palliativen'".
Schritt 5: Das Raumschiff hebt ab - Meister, ihre Ausbildung und ihre Mission: der spirituelle 'Stairway to Heaven'
V. Die Mission: weitere User ins Boot holen -> Schneeballsystem mit leeren Versprechen
"In der Hoffnung, das Unwahrscheinliche dennoch Wirklichkeit werden zu lassen, bemühen sich die Protagonisten, immer weitere User mit ins Boot zu holen".
Schritt 6: Haupttriebwerk und Booster - Der esoterische Verdrängungsmotor steigert Nachfrage und Umsatz
VI. Freiberufliche Vertreter für das Unsichtbare mit eigenem Vertrieb: Internet-Präsenz mit Online-Verkauf
"Sie agieren nun selbst als freiberufliche Vertreter für das Unsichtbare und übernehmen frohen Mutes den Vertrieb".
Schritt 7: Die Schaltzentrale - Die Drahtzieher bleiben im Hintergrund und verdienen an allem kräftig mit
VII. Der Regisseur bleibt unerkannt im Hintergrund
"Der Regisseur des Ganzen kann sich getrost zurücklehnen und hemmungslos abkassieren. Denn er verdient an allem ordentlich mit, [ohne irgendetwas zu tun, denn der Massenmarkt arbeitet für ihn, vgl. Schneeball-Systeme, Schenkkreise etc.] tut aber die ganze Zeit so, als wäre er nur einer von ihnen."
Schritt 8: Das Eintreten in die nächste Dimension - Die Vertriebsstellen vervielfältigen sich von selbst
VIII.................
"Modernes Eso-Marketing setzt auf die Weitergabe des Kultischen durch die User (vgl. den Adepten der weltlichen Firma 'Apple'...]. Diese verwickeln sich in ein Begeisterungsnetzwerk und schaukeln so ihr verzücktes Befinden interaktiv hoch. Je mehr Mitspieler rekrutiet werden, desto eher wird die Matrix der Insider zur gelebten sozialen Wirklichkeit" (S.206)
Schritt 9: Leben in der Raumkapsel - Gefangen im New cAge
IX. Kadavergehorsam bis in den Tod
"Unterstützt durch allerlei Produkte und Rituale werden spirituelle Communities zu nach aussen abgeschirmten Zirkeln. Trügerische Einhelligkeit sowie Fehlentscheidungen sind die Folge. Das Angebot an energetischen Reinigungsmitteln schürt den Verfolgungswahn der Involvierten zusätzlich" (S.239).
Schritt 10: Völlig losgelöst - per Freiflug in die Unendlichkeit - Das Sternenschiff fliegt mit Autopilot
X. ..............
"Die eigenen Eltern erziehen ihre Nachkommen zu Indigokindern und sorgen so für eine neue Käuferschicht spirituell Bedürftiger. Leiter von 'Aufstiegsschulen' [z.B. 'Kryon'] unterstützen diesen Prozess durch ein eigens auf diesen Zweck abzielendes Seminarangebot sowie durch passende Produkte" (S. 248).
Anmerkung: wo nicht anders gekennzeichnet stammen die zitierte Stellen aus dem NewCage-Buch (Fischler 2013, S.56-60), die Ueberschriften in römischen Zahlen stammen von M.F.
Literatur und Links:
Fischler, Johannes (2013). New Cage - Esoterik 2.0" - wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler in den Buchperlen
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im Literaturblog
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler in der "Linzerschnitte"
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im GWUP
Facebook: New Cage - Esoterik 2.0
Facebook: Johannes Fischler
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler Wordpress-Seite
Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im Brightsblog
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im HPD Node
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im "Der Standard"
"Religion ist nicht länger das Monopol der Kirchen, sondern ein durchkommerzialisiertes Angebot spiritueller Meister, Therapeuten, Ausdruckstänzer oder Reiki-Lehrer. Inmitten einer entzauberten, individualisierten Welt boomt das freie religiöse Unternehmertum.
Wer bestehen will, muss drei Dinge im Angebot haben: Sinngebung, Lebenshilfe und Unterhaltung."
(zitiert aus: Katja Thimm: 'Supermarkt der Religionen' in 'DER SPIEGEL' 52-2000, S.125)
2.3. Esoterische Geschäftsmodelle: Mentalisten, Zauberer, Illusionisten, Cold Reader, Hypnotiseure etc. etc.
Am besten geht man esoterisch anmutende Phänomene mit viel Humor und einer guten Portion Skepsis an, sonst ist es schwer auszuhalten...: dann wird das Irrationale schnell einmal rational und ein befreites Lachen vertreibt die "bösen Geister"......
Alleine schon das sozialpsychologische Forschungsergebnis "Cold Reading" erklärt den Grossteil aller "Zaubertricks" eines Pascal Voggenhuber oder auch von ehrlichen Mentalisten wie David Mitterer oder Thorsten Havener.
Der Barnum-Effekt ("etwas für alle") hilft zusätzlich beim Generieren vermeintlicher Treffer und der Streisand-Effekt ("auch Negativ-Propaganda ist gut") hilft sehr beim Verbreiten und beim Marketing von Esoterik 2.0-"Artikeln", siehe oben beim Kollegen Fischler.
Nach langem Durcharbeiten einschlägiger Bücher und viel Internet-Recherche bin ich für mich zum Schluss gekommen, dass folgendes Buch von zwei Komikern (!) m.E. das Beste ist, was zumindest den Bereich des Wü:nschens anbetrifft:
Wünschelwichte
Wunschbullshit im Universum. Diesem Buch gelingt mühelos eine Gratwanderung zwischen ernster und fundierter Betrachtung und Kritik auf der einen und gnadenlos alberner Schreibe auf der anderen Seite. Weitgehend ist es in Dialogform geschrieben, was köstliche Pointen liefert.
Den Begriff Bullshit haben die Autoren aus höchst seriöser Quelle übernommen. Der Philosophieprofessor Harry G. Frankfurt schrieb 1986 sein einflussreiches Essay “Bullshit”. Damit bezeichnete Frankfurt den opportunistischen Umgang mit der Wahrheit, um eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Der Bullshitter wird lügen oder zugleich die Wahrheit sagen. Es ist ihm gleichgültig. Hauptsache, er erreicht sein Ziel. Inzwischen ist “Bullshit” zu einem philosophischen Fachbegriff geworden.
Im Radarschatten der Öffentlichkeit, so die Autoren, hat sich eine neue Bewusstseins-Industrie etabliert: Extrem-Wünsching. In Büchern und DVDs verbreiten Bestseller-Gurus eine verführerische Botschaft: Das Universum ist ein gigantisches Versandhaus und sendet dir alles, was du willst. Egal, ob Autos oder Jobs, Sexpartner oder Krebs weg. Du bestellst, das Universum liefert. Sofort. Mit Garantie. Einziges Investment: der Glaube, dass es klappt. Balder & Dreksler: »Bullshit!«
Eine logische Folge der Extrem-Wünsching-Theorie ist: Auch Krieg oder Krankheit wünscht man selber herbei. Bestseller-Autorin Rhonda Byrne (The Secret - Das Geheimnis): »Sie können sich nichts ‚einfangen’, wenn Sie nicht denken, dass Sie es können.« Aids- oder Krebskranke sind also selber schuld an ihrem Leid, weil sie „falsch gedacht“ haben. Balder & Dreksler: »Bullshit! Fragen Sie mal die Kranken und ihre Aerzte!«
Quellen:
Wunsch-Bullshit ans Universum - Balder und Dreksler - Besser gehts nicht!
Gwup in der Bunten
SKEPTIKER
Skeptiker Schweiz
............
COLD READING
HPD-Node
Brights Deutschland
Ehrliche und transparente Mentalisten vs. Cold Reader welche Spirituelles und Uebersinnliches verkaufsfördernd einsetzen:
David Mitterer:
"Jeder Mentalist hat eine eigene Definition von Mentalismus. Ich persönlich begreife mein Schaffen als eine Kombination verschiedenster Elemente wie Psychologie verschmolzen mit Magie, dem Lesen von Körpersprache oder Hypnose. Andere wiederum sehen ihre Begabung als etwas Uebersinnliches. Bei mir war das eher umgedreht. Ich habe mit einer Begeisterung für das Uebersinnliche begonnen, bin aber durch den Mentalismus zu einem Skeptiker geworden.
Es ist erstaunlich leicht, die Sinne und den Geist zu verwirren, zu beeinflussen oder zu täuschen; ein Phänomen, das wir jeden Tag am eigenen Leib erfahren. Beispiele dafür findet man genügend. ...schon mal darüber gewundert, wieso so viele Produkte es in unseren Einkaufsbeutel schaffen, obwohl wir doch nur schnell Milch kaufen wollten?" (David Mitterer, zit. Homepage, Nov. 2013)
2.4. Spirituelle Führer als moderne Unternehmer: Betz, Voggenhuber, Hellinger, Murphy, Byrne, Franck und Bhagwan "Osho" Shree Rajneesh
2.4.1. Robert Betz
Betz stellt einen besonders trauriger Fall dar, weil er besonders dreist und als Psychologe mit vermeintlich wissenschaftlichem Hintergrund agiert:
"Sehr bedenklich sind die Aussagen von Betz zur Entstehung von Krankheiten. Der Mensch als geistiges Wesen, erschaffe sich Gedanken und Gefühle, wie Angst, Trauer, Wut oder Scham. Diese Emotionen suchen sich einen Platz in unserem Körper, wenn sie nicht bejahend gefühlt werden. Dort empfinden wir dann Schwere, Steifheit, Druck, Enge oder Spannung. Werden diese Empfindungen ignoriert, so entstehen schmerzhafte Zustände und Krankheiten. Aerger, der hinuntergeschluckt wird, führt zu Magengeschwüren, Migräne, Gallen- oder Nierensteinen. Schlimmes widerfährt, wer sein Frau-Sein ablehnt und seinen weiblichen Körper nicht liebt, „dann hören das alle Zellen deiner Brüste, Eierstöcke, deiner Gebärmutter und sie antworten: „Dann können wir ja gehen!“ (Betz 2013 S.109). In einem Vortrag am 6.2.2014 in Bottrop behauptet Betz, dass die Entstehung von Demenz, Alzheimer und auch Krebs als Quittung für das gelebte Leben selbst erschaffen werden. Und er ergänzt, dass wir als Schöpfer der Krankheit diese auch wieder heilen können. Als Medikamente bei Krankheiten empfiehlt Betz vor allem Liebe, Freude und Dankbarkeit.
Problematisch an dieser Theorie zur Krankheitsentstehung ist zum einen, dass AnhängerInnnen dieser Lehre sich möglicherweise ganz auf ihre Schöpferkraft und Selbstheilungsfähigkeit auf geistiger Ebene verlassen und eine notwendige medizinische Behandlung ausschlagen. Zum anderen werden Menschen dazu verleitet, die Schuld für ihre Krankheit ausschließlich bei sich selbst zu suchen und andere Ursachen, wie z.B. Veranlagung oder ungünstige Umweltfaktoren, negieren.
Die meisten Menschen leben laut Betz entgegen ihrer göttlichen Bestimmung ein sorgenvolles, kleinkariertes und langweiliges Leben. Die Ursache für ein unfreies Leben sieht Betz in der Kindheit begründet. Wir seien in ein Leben von Abhängigkeit und Unfreiheit hineingeboren. Liebe, Geborgenheit und Bestätigung seien an Bedingungen geknüpft gewesen. Erziehung sei eine Anleitung zum Unglücklichsein gewesen. Unsere ebenfalls unglücklichen Eltern konnten uns nicht zeigen, wie ein glückliches Leben aussieht. (Betz 2013)
Es wirkt so, als verallgemeinere Betz hier seine eigenen negativen Kindheitserinnerungen und er stellt Erziehung generell als etwas Pathologisches hin. Auch entwertet er die Erfahrungen vieler Menschen, die in ihrem Leben nicht nur Glücksmomente kennen, sondern ein Leben mit all seinen Hochs und Tiefs durchleben. Absolutes Glück wird als einzig erstrebenswertes Ziel postuliert. Wer das noch nicht erreicht hat, hat etwas falsch gemacht.
Um ein glückliches Leben führen zu können, ist es laut Betz notwendig, sich nicht als Opfer wahr zu nehmen. Wer andere verurteilt, die Eltern oder den Expartner verantwortlich macht für sein Unglück, der wird immer wieder Opfer werden. Denn wir sind Schöpfer und Gestalter unseres Lebens (Betz 2013). Voraussetzung für ein glückliches Leben ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Energetische Verstrickungen mit Eltern, aber auch mit Ahnen, führen angeblich zu Konflikten im privaten und beruflichen Bereich.
Die wichtigste Methode der Transformationstherapie zur Aufarbeitung der Vergangenheit ist die Meditation. In den geführten Meditationen geht es vor allem um Versöhnung und Vergebung hinsichtlich vergangener Erfahrungen. Sie heißen „Mir selbst vergeben, mich selbst annehmen“, „Befreie und heile das Kind in dir“, „Befreiende Begegnung mit Urvätern und Urmüttern“, „Die Mutter meiner Kindheit“. Für Robert Betz sind diese Meditationen unabkömmlich für das Erreichen eines glücklichen Lebens. In Vorträgen, Büchern und auf seiner Internetseite werden diese Meditationen sehr massiv beworben. Hier zeigt sich der Werbeprofi und Marketingexperte Betz, der damit für hohen finanziellen Umsatz sorgt.
Eingebettet ist der persönliche Transformationsprozess in einen angeblich Welt umfassenden Transformationsprozess. Laut Betz sind die Jahre um 2012 eine spirituell-geistige Zeit der Transformation. Es zeichnet sich laut Betz im Moment eine Entwicklung ab, die Menschen aufbrechen und ausscheren lässt aus ihrer Misere. „Denn die Spatzen pfeifen es von den Dächern: das Riesenrad des Lebens lädt uns ein, die eckigen Dinge unseres Lebens rund zu machen und einzusteigen in das Rad der Liebe und auszusteigen aus dem unbewusst erschaffenen Hamsterrad der Angst. Es ist jetzt Aufwach- und Aufräumzeit zugleich“ (Betz 2013 S.39f).
Den Teilnehmern wird suggeriert, dass sie Teil einer großen, Welt umfassenden, spirituellen Entwicklung sind, die aus der geistigen Welt gesteuert wird. In den Seminaren vernetzt man sich mit Gleichgesinnten, die spirituell weiter entwickelt sind als die „Normalmenschen“ zu Hause. Aber Vorsicht! Betz warnt: Es gibt Nebenwirkungen. Wer sich auf diesen radikal neuen Weg macht, muss damit rechnen, dass Menschen ihm den Rücken zukehren, ihn kritisieren und ihn nicht verstehen werden. Von Angehörigen und Freunden werde massiver Druck ausgeübt, um ihn auf den alten Weg zurückzuzwingen. (Betz 2013)
Kritische Einschätzung von Robert Betz und der Transformationstherapie
Robert Betz ist Diplom-Psychologe. Dadurch hat er möglicherweise einen Vertrauensvorschuss gegenüber anderen selbsternannten Lehrern und Heilern des esoterischen Lebenshilfemarktes. Der Beruf Diplom-Psychologe, dem ein mehrjähriges Studium vorausgeht, impliziert bei den Lesern und Zuhörern eine Seriosität und Professionalität, die in diesem Fall leider nicht vorhanden ist. Wie viele andere erfolgreiche Esoterikanbieter verfügt Robert Betz allerdings über ein übergroßes Selbstbewusstsein, Charisma und er ist ein guter Redner und Werber in eigener Sache.
Seine Botschaft ist einfach: „Befreit euch aus eurem selbsterschaffenen Leid und werdet endlich glücklich“. Wer sich intensiver auf Betz einlässt und seine Seminare besucht geht ein gesundheitliches Risiko ein. In den Meditationen werden die Teilnehmer in die Kindheit zurückgeführt und mit Erfahrungen konfrontiert, die emotional sehr belastend sein können. Angebliche Rückführungen in frühere Leben, die sich mit etwas Phantasie sehr echt anfühlen, können zu starken Verwirrungen und Ängsten führen. Traumatische Kindheitserlebnisse können in den Meditationen an die Oberfläche gelangen und eine tiefe psychische Krise auslösen. Eine Klientin unserer Beratungsstelle berichtete uns von Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen und massiven Schlafstörungen als Folge mehrer Rückführungsreisen. Die Therapeutinnen seien überfordert gewesen und hätten sie nicht auffangen können. Aufgrund ihrer fehlenden beruflichen Qualifikation sind TransformationstherapeutInnen leider nicht in der Lage, angemessen auf psychische Krisen zu reagieren.
Häufig kommt es vor, dass Klienten sehr verändert von den Seminaren zurückkehren. sie werden als euphorisch beschrieben, aber stark abweisend und verschlossen den Angehörigen gegenüber. Mir berichteten Ehepartner, dass die Kommunikation mit Betz-AnhängerInnen sehr schwierig sei. Konfliktgespräche werden abgelehnt mit der Begründung, dass die spirituell-geistigen Probleme mit sich selbst ausgefochten werden müssen. Die Aussage „Mach deinen selbst kreierten Aerger mit dir selbst aus“ macht jegliche Auseinandersetzung unmöglich.
Eine Teilnehmerin äußerte mir gegenüber, dass es schwierig sei, sich nach einem Transformationsseminar im normalen Leben zu Recht zu finden. Stark emotionsauslösende Methoden, wie die geführten Meditationen bei Betz, die stundenlangen Motivationsvorträge, ebenso wie die euphorisierende Stimmung der Großgruppenseminare können einen Suchteffekt hervorbringen. Das Verlangen steigt, diese intensiven Gefühle immer wieder spüren zu wollen. Die Diskrepanz zwischen den erlebten Glücksgefühlen und der ernüchternden Realität im Alltag kann zu depressiven Stimmungen und sicherlich auch zu zwischenmenschlichen Störungen führen.
Die in den Seminaren aufgetretenen Veränderungswünsche werden in der Realität oftmals mit radikalen Schritten umgesetzt. In vielen Fällen scheint ein extremes Bedürfnis nach mehr Freiheit und eine extreme Ich-Zentriertheit aufzutreten, die häufig zu Partnerschaftsproblematiken, Trennungen, Eltern-Kind-Konflikten und beruflichen Veränderungen führen. Veränderungen im Leben sind häufig sinnvoll. Im Anschluss an Betz-Seminare treten sie allerdings sehr gehäuft, radikal und für andere schwer nachvollziehbar auf. Ein egozentrisches Verlangen nach persönlicher Glückserfüllung tritt an die Stelle verantwortungsvoller Beziehungsarbeit. Es stellt sich die Frage, ob die SeminarteilnehmerInnen nicht zu stark dahingehend 'gepusht' werden, ihr Leben aus den Angeln zu heben. Auch eine professionell durchgeführte Psychotherapie bringt Veränderungen mit sich. Diese entwickeln sich aber in der Regel langsamer und sollten auch Freunden und Angehörigen die Chance geben, den Prozess nachvollziehen zu können.
Robert Betz ist ein recht erfolgreicher, aber unseriöser Anbieter auf dem esoterischen Lebenshilfemarkt. Betz propagiert ein angeborenes Recht auf individuelles Glück, das mit geistiger Hilfe und ohne soziale Verantwortung zurückerobert werden soll. Bei der Transformationstherapie handelt es sich um eine esoterische Pseudotherapie, die nicht zu verwechseln ist mit einer wissenschaftlich fundierten, seriösen Psychotherapie. Transformations-Therapeut kann sich jeder nennen, der einige wenige Seminare bei Robert Betz absolviert hat. Psychologische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Für psychisch labile Menschen kann die Transformationstherapie gesundheitsgefährdend sein, da sie mit stark emotionsauslösenden Methoden arbeitet. In Folge des Besuchs von Betz-Seminaren kommt es gehäuft zu Persönlichkeitsveränderungen, die zu Konflikten im familiären Umfeld führen. Nicht selten werden Partnerschaften beendet und Lebenswege verändern sich in radikaler Weise.
Quelle: Bange, Uta (2013). Robert Betz und die Transformationstherapie - eine esoterische Pseudotherapie im Fokus der Kritik. Online: http://sekten-info-nrw.de/
Literatur:
Betz, R. (2013): Willst du normal sein oder glücklich? Aufbruch in ein neues Leben und Lieben. München: Heyne Verlag
Betz, R. (2009): Raus aus den alten Schuhen! Dem Leben eine neue Richtung geben. München: Integral Verlag
www.robert-betz.com, abgerufen am 8.1 und 22.1 2014
Treichler, J. (2013): Robert Betz – Geschäftsmann oder Heilsbringer? Fachstelle infoSekta. Zürich (www.infosekta.ch)
Hanauer, C. (2013): Robert Betz –„Transformationstherapie“. Erzdiözese München und Freising, Sekten- und Weltanschauungsfragen. (www.weltanschauungsfragen.de)
Robert Betz: Dampfplauderer - Strategie des Zuviel-Redens wirkt wie das Gegenteil, das verlangsamte Reden, auch "Verstand-Umgehend", will heissen: ohne Kortex sind wir mit dem limbischen System und dem Stammhirn ganz billigen Tricks und Beeinflussungen aller Art ausgesetzt (M.F.).
Dieses induktive Moment des Abhängig-Machens, des Verstand-Ausschaltens haben alle Esoteriker drauf, das ist ihr Geschäftsmodell: durch die Hintertüre direkt zum unkritischen "Geist" vorstossen und dort die Botschaft, seien es Engel, Verstorbene oder ganz lapidar irgendein irdisches Produkt, ein-konditionieren, sodass brave Konsumenten und unkritische Ja-Sager entstehen, welche der Wirtschaft viel Freude bereiten - aber leider nichts beitragen zu einer gerechteren, sozialeren und grüneren Welt.
Robert Betz - Brightsblog Esoterik
Robert Betz - NDR Panorama
Robert Betz - NDR Panorama
Jugendsekten vs. Seniorensekten
2.4.2. Pascal Voggenhuber
Eine Zeit lang 'geisterte' (Wortspiel...) ein Dreissigjäriger, altersentsprechend cool und lässig, durchs deutschsprachige Gebiet mit durchaus mentalistischem bzw. schauspielerischem Talent und einer grossen Portion Paranoia, was leicht z.B. aus seiner Biographie "Zwischen zwei Welten" erklärbar wird.
(...........)
Pascal Voggenhuber - Klagandrohung wegen dem Begriff "Scharlatan"...
Pascal Voggenhuber - Skeptiker Blog Folge 25 - Cold-Reading-Analyse
Pascal Voggenhuber - Skeptiker Blog Folge 25
Pascal Voggenhuber - Interview Sonntagszeitung
Pascal Voggenhuber droht mit rechtlichen Schritten
Pascal Voggenhuber - Brightsblog
Sozialpsychologische und neuropsychologische Erklärungen dafür, wie wir uns bereitwillig hinters Licht führen lassen:
Zur Esoterik und Parapsychologie gibt es eine Unmenge von Forschungsbefunden, bisher offenbar keinen einzigen, welcher irgendetwas in diesem Gebiet auf irrationale Weise erklären würde - Rationalität ist also vorhanden, wennauch nicht auf den ersten Blick:
- vom Barnum-Effekt und vom Cold Reading war ja schon die Rede
- in der 3Sat-TV-Sendung "nano" vom 29. Oktober 2013 werden weitere Phänomene wunderbar erklärt:
3Sat-TV-Sendung "nano" vom 29. Oktober 2013
Bernd Kramer, Sozialpsychologe: er kriegte es in einem Selbstversuch hin, eine scheinbar 100%-Trefferquote im Handlesen zu erreichen...
Thomas Grüter, Neuropsychologe: er erklärt zwei Wege der Informationsverarbeitung, wobei der zweite (limbische) der weitaus schnellere und bequemere ist (vgl. auch Kahnemann) - so werden Täuschungen und Abhängigkeiten erst möglich!
Die James-Randi-Stiftung (benannt nach einem berühmten "Magier" der sich ganz der rationalen Aufklärung scheinbar Unerklärlichem verschrieben hat) untersucht seit vielen Jahren 'erfolglos' Heiler, Schamanen, Astrologen, Wünschelrutengänger etc. etc., obwohl ein sattes "Lösegeld" winkt...
Daran erkennen Sie Seelenpfuscher
Der Anbieter...
• verspricht auf irgendeine, auch subtile Art Heilung.
• wirbt mit Krankengeschichten (das ist laut Heilmittelgesetz verboten).
• wertet die wissenschaftliche Psychotherapie oder die Schulmedizin ab.
• verweist auf eigene psychische Beschwerden, die er mit der Technik geheilt habe.
• behauptet, alle körperlichen Krankheiten über die Psyche behandeln zu können.
• macht für Misserfolge den Patienten verantwortlich.
Trifft von diesen Punkten auch nur einer zu, sollten Sie misstrauisch werden
Hilfe für Betroffene
So holt man Betroffene aus der Esoterikfalle:
• So absurd die Technik sein mag: Nehmen Sie Ihren Angehörigen oder Freund ernst.
• Machen Sie keine Vorwürfe, und versuchen Sie, den Betroffenen von Selbstvorwürfen zu entlasten.
• Auch wenn Ihr Angehöriger oder Freund Ihren Rat zunächst abwehrt: Bleiben Sie in Kontakt.
• Suchen Sie Hilfe bei Beratungsstellen, und versuchen Sie, den Betroffenen zu einer Beratung zu motivieren.
• Versuchen Sie (am besten mithilfe eines Beraters) zu klären, warum Ihr Angehöriger oder Freund für das esoterische Angebot so empfänglich ist. Oft suchen Betroffene in einer Krisensituation nach Verständnis, Anerkennung oder Zugehörigkeit.
• Zeigen Sie andere Wege auf, die Situation zu verbessern, etwa eine Paarberatung.
• Akute psychische Probleme wie Suizidgedanken sind ein Fall für den Psychotherapeuten oder Arzt, im Notfall auch für die Notaufnahme der nächsten Klinik.
2.4.3. Bert Hellinger, Joseph Murphy, Rhonda Byrne, Pierre Franck und Bhagwan "Osho" Shree Rajneesh
"Joseph Murphy, Rhonda Byrne oder Pierre Franck – Bestsellerautoren verkaufen Millionen Bücher mit der simplen These, dass wir uns unser Schicksal selbst kreieren und das Begehrte einfach herbeiwünschen können. Die rosa Welt der Positivdenker wirft aber einen beträchtlichen Schatten. Murphy etwa hält Armut für eine «Krankheit des Geistes». Hungernde müssen sich als Negativdenker mit Armutsbewusstsein verhöhnen lassen. Das Positive Denken wurde so zur geistigen Begleitmusik der neoliberalen Ära. Statt Brot und Mitgefühl bekamen Notleidende Belehrungen über versäumte Eigenverantwortung. Was viele schon diffus spürten, hat der systemische Therapeut Mike Hellwig jetzt klar formuliert. In seinem Buch "Wie wir uns vom Positiven Denken heilen" geht er hart mit den Schönfärbern ins Gericht. Der Untertitel heisst "Ueber die Freiheit, alles fühlen zu dürfen". Da liegt der Knackpunkt: Enttäuschung, Leid und Verzweiflung, so Hellwig, gehörten zum menschlichen Leben. In einer Gesellschaft, in der ein Zwang zum Positivsein herrsche, müssten wir diese Regungen aber unterdrücken.
Werde der Schmerz verleugnet, führe dies zur Abspaltung unserer wahren Gefühle. Dem stellt der Autor sein Konzept der «radikalen Erlaubnis» gegenüber. Wenn alle Persönlichkeitsanteile, auch unliebsame, integriert werden, müssen sie nicht gegeneinander kämpfen. Negative Gefühle sollten wir wie Gäste behandeln, sagt Mike Hellwig. Das heisst: Wir geben ihnen Aufmerksamkeit, solange sie da sind. Aber wir sollten auch dafür sorgen, dass sie nicht bei uns wohnen bleiben. (zitiert aus "Zeitpunkt", Sep. 2012, Rezensions-Text: Roland Rottenfusser)
Es gibt in der "Esoterik-Industrie" also auch Menschen, welche auf einem ernsthaften und seriösen Hintergrund ihre Dienste anbieten, wie z.B. ebenMike Hellwig aus Hamburg.
Literaturtip: Hellwig, Mike (2012). Wie wir uns vom positiven Denken heilen – Ueber die Freiheit, alles fühlen zu dürfen. Verlag Herder
Colin GOLDNER ...................
(...............)
SZ-Serie: Alternative Heilverfahren - Ganzheitliche Verschleierungs-Strategien
Hellinger - Familienaufstellungen
Kinesiologie - Diagnose mit dem Muskeltest
zum Inhaltsverzeichnis
Links:
Kumaré - der gespielte Guru - FILM
Geschäftsmodell Mumpitz - Maischberger - TV Kritik in der Sueddeutschen
Dr Radiowissen.de - Making of Ich
Esoterik als blosses Konsumgut im "Der Standard"
Infopartisan Trend
Esoterikseiten in "Sekten.ch"
Psiram - Forum
Esoterik und die Linke in "Kritische Politik"
Robert Betz - Brightsblog Esoterik
Robert Betz - NDR Panorama
Robert Betz - NDR Panorama
Jugendsekten vs. Seniorensekten
TEIL III - Propaganda und Esoterik als Kernelemente von Antisemitismus und Faschismus
3.1. Esoterik "1.0" - Allgemeines zur Esoterik der 80er und 90er Jahre sowie politische Implikationen:
Zu den Esoterik-Hauptinhalten gehören wie erwähnt:
1. Religion/Glaube/Spiritualität — also der Bezug auf eine höhere kosmische Ordnung, die die sogenannte "Ganzheitlichkeit" oder "Einheit" darstellt. Diese soll in der Gesellschaft verwirklicht werden.
2. Biologistisches Denken — also das sich Berufen auf die "Autorität der Natur", um daraus Regeln und Ordnungen gesellschaftlicher Kommunikation herzustellen. Das heisst, biologistisches Denken, genauso wie Glauben und Spiritualität werden oftmals als Wissenschaft ausgeben.
3. Das Verkünden eines neuen Zeitalters, das einerseits durch eine neue kosmische Konstellation, andererseits durch einen Bewusstseinswandel der Menschen anbrechen wird.
4. Frauen bzw. das weibliche Prinzip werden zum welt- und menschheitsrettenden Prinzip erhoben. Die jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen wird in ihr Gegenteil gekehrt — jedoch mehr auf der ideologischen Ebene denn auf der real-materiellen.
Esoterik — ein von Linken ignoriertes Massenphänomen
Die Esoterik-Bewegung stellt ein Massenphänomen dar, das in seiner gesellschaftlichen Bedeutung durchaus mit der 68er-Bewegung zu vergleichen ist. Was jedoch höchst erstaunt, ist, dass die Linke, insbesondere linke kritische Wissenschaft, dieses Phänomen in ihren Analysen weitgehend ausgespart hat (vgl. aber Jutta Ditfurth und Claudia Barth, beide auch in diesem Text weiter unten). Grosse Teile der Linken sind nahtlos zur Esoterik übergewechselt, und die Restlinke hat sie rechts liegengelassen."
Quelle: Marina Wölflingseder: Esoterik und die Linke - http://www.trend.infopartisan.net/trd0401/t070401.html
Hugo Stamm, ein bekannter Schweizer Esoterik-Kritiker, schreibt in seinem Blog am 3. Aug. 2013: "Achtsam sind EsoterikerInnen vor allem sich selbst gegenüber. Sie nehmen für sich in Anspruch, alles holen und nehmen zu dürfen, das ihrer Selbstverwirklichung dient. Als spirituelle Elite, die die Menschheit aus der geistigen Dunkelheit führen muss, gebärden sie sich recht narzisstisch und egoistisch. Ihre Achtsamkeit beschränkt sich oft auf ihre eigene geistige Entwicklung.
Auch bei der Harmonie denken sie vor allem an sich. Harmonisch soll vor allem ihr exoterisches und esoterisches Leben sein. Ihre Energien sollen harmonisch schwingen, sie wollen nicht gestört werden von negativen Kräften der Aussenwelt. Nachrichten von politischen Unruhen, Katastrophen, Epidemien stören ihre Harmonie und bringen sie vom Pfad der Erleuchtung ab. Um soziale oder politische Harmonie kümmern sich viele Esoteriker nicht. Das könnte ihre innere Balance stören."
Auch die Steirische Arbeitskammer hat sich in einer Info-Broschüre dahingehend geäussert:
Die verschiedenen esoterischen Praktiken beziehen sich in erster Linie auf das Selbst (Selbstverwirklichung, Selbstfindung, etc.) und sind somit als egozentrische und grossteils antisoziale Bewegungen zu sehen.
Die Ursachen für individuelles und kollektives Leid wird häufig in zynisch biologistischer Art und Weise als das verdiente „Karma” des Einzelnen und der Lauf der Geschichte als vorherbestimmt angesehen. Hauptsächlich wird mittels esoterischer Praktiken die Flucht der Menschen vor der Realität unterstützt, wobei gleichzeitig neue Abhängigkeiten von selbsternannten und geschäftstüchtigen Gurus bzw. „Seminaritis” geschaffen wird.
Mit der verständlichen und legitimen Sehnsucht der Menschen nach Ruhe und Gelassenheit, Gesundheit und Geborgenheit wird hauptsächlich viel Geld und Geschäft gemacht. Anstatt sich emanzipatorisch – kritisch – analytisch mit den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen auseinander zu setzen, werden die Menschen mittels mystisch-transzendenten Hokuspokus künstlich unmündig gehalten.
Anstatt die immer bedrohlicher empfundene Welt aktiv und pro-sozial zu gestalten, um zu menschenwürdigen und herrschaftsfreien, egalitären Verhältnissen zu kommen, werden in der Esoterikwelt soziale Verantwortungen abgeschoben und mittels irrationalistischen und okkulten Methoden die Profitmaximierung voran getrieben.”
So ähnlich sieht das auch die Schriftstellerin Sibylle Berg - beziehungsweise so hat sie es erlebt:
"Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass Esoteriker, Sichfinder, Erleuchtete eine wirklich unsympathische Menschengruppe sind? Das Bild, das mich in meinen Vorurteilen komplett bestätigte, fand ich in Sri Lanka. Ein Jahr nach dem Tsunami, die Einwohner hockten vor vergammelten Massenlagern, die Ruinen ihrer Häuser standen traurig da, vermutlich lagen auch noch Ueberreste von Tieren, Menschen, Radios herum. Am Strand jedoch war alles schon wieder geputzt.
Eine Gruppe deutscher Sinnsucher war angereist, um Yoga zu machen. Ich hörte ihr Feilschen um Centbeträge im schnell wieder errichteten Spaghetti-Restaurant. Da wollen Sie doch nicht dazugehören, zu diesen Leuten, die fast immer verspannte Mundwinkel haben und jeden Satz mit ICH beginnen…"
Sibylle Berg: "Ich rate Ihnen, brechen Sie schnell jede Beschäftigung mit Esoterik ab! Fast alle Gurus, Rückführungsgruppenleiter, Heiler, Seher, Rutengänger und Feuerspringer sind die Hedgefondsmanager 2.0. Hören Sie bloss auf, sich ständig nur mit sich selbst zu beschäftigen!"
ZEIT: Warum boomt die Esoterik?
Pollack: Weil der Haupttrend in den westlichen Gesellschaften zu einem flexiblen Glauben ohne starke institutionelle Bindung geht, der zu unserer freien Lebensführung passt. Autoritäten sind out. Jeder sucht sich aus, woran er glauben kann. Die Zahlen zeigen es. Während Religiosität sukzessive zurückgeht, wächst das Interesse an sogenannten religiösen Praktiken. Am weitesten verbreitet sind traditionelle Formen des Esoterischen wie Astrologie und Pendeln. Andere Renner sind New Age, Anthroposophie, Zen, Reinkarnation, Tarot…
Max Rauner in "DIE ZEIT":
"Die Esoterik gleicht heute einem Supermarkt. Zur Auswahl steht der Fundus der Weltreligionen: die Engel und die Heiligen aus dem Christentum, Geister und Götter aus dem Hinduismus; die Anthroposophie Rudolf Steiners ist untergemischt sowie eine Mixtur aus Philosophie, Glauben und Aberglauben; dazugerührt das autoritätsstiftende Vokabular der Naturwissenschaft mit ihren "Feldern", "Energien" und "Quanten" (siehe Seite 35). An der Kasse wird alles zum Paket verschnürt und mit dem Etikett "Neu! Ganzheitlich! Spirituell!" versehen."
»Die Esoterik dringt zunehmend in den ganz normalen Alltag ein«, sagt Hartmut Zinser, Professor für Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin.
»Viele nehmen sie schon gar nicht mehr als esoterisch wahr. Und das macht es so problematisch.« Zwar ist nicht jede Wahrsagerei am Küchentisch eine Gefahr für Leib und Leben. Aber die neue Unbeschwertheit alarmiert die Experten.
Linke Gründe für das Massenphänomen Esoterik
Ein wesentlicher Grund für das Massenphänomen Esoterik liegt auch in der Tatsache begründet, dass die Linke heute wenig gesellschaftliche Relevanz hat. Und ein wesentlicher Grund für die geringe gesellschaftliche Relevanz der Linken ist, dass sie keine emanzipatorischen Perspektiven aufzeigt, sondern in historisch Ueberfälligem verhaftet ist. Es greift viel zu kurz, Kapitalismus als Klassen- und Interessensgegensatz anstatt als fetischisierte gesellschaftliche Totalität zu verstehen, in der die sozialen Beziehungen der Menschen nur verdinglichte sein können. Anstatt der defensiven Haltung der Linken sind radikale Analyse, offensive Kritik und systemüberwindende Perspektiven vonnöten. Der kapitalistische Nerv muß getroffen werden — also Wert, Ware, Geld, Lohnarbeit, Staat, Recht, Politik, Nation und Demokratie. Aufklärung und Demokratie sind keineswegs das Ende emanzipatorischer Entwicklung, sondern historische Gegebenheiten, über die hinausgedacht werden muss. Sie können aus historischen Gründen nicht mehr einer Emanzipation dienen. Am deutlichsten wird dies wohl am Beispiel der Lohnarbeit sichtbar."
Quelle: Marina Wölflingseder: Esoterik und die Linke - http://www.trend.infopartisan.net/trd0401/t070401.html
3.2. Selbstgerechtigkeit als Nährboden: nach aussen gerichtete Narzisstische Selbst-Manipulation
Selbstgerechtigkeit bezeichnet den Charakterzug, das eigene Verhalten und die eigenen Wertvorstellungen grundsätzlich für moralisch absolut richtig zu halten. Der Selbstgerechte ist von seiner moralischen Ueberlegenheit gegenüber anderen überzeugt und misst dabei „mit zweierlei Maß“. Kritik am eigenen Verhalten wird prinzipiell zurückgewiesen.
Bei der Selbstgerechtigkeit handelt es sich also um eine Art moralische Selbstgefälligkeit. Sie wird von anderen meist als arrogant und anmaßend empfunden.
Der Begriff wird ausschließlich abwertend gebraucht.
Hier eine noch etwas differenziertere Definition aus kulturkritischer Perspektive:
Wo ein Mensch sich in seinen Produkten zweilsfrei erkennt, wo er also über den Zweifel erhaben ist, ob die von ihm geschaffenen Gegenstände die seinen sind, kann er auch beurteilen, wie ihm diese gelungen, wie richtig oder falsch sie geraten sind. So weiß er auch sich selbst, seine Fähigkeiten und Eigenschaften so gut oder schlecht, so widersprüchlich oder kritikwürdig, wie er sich vergegenständlicht hat. Im Eigenen erkennt das Individuum die Güte und die Mängel seiner Aeußerungen und Erzeugnisse unmittelbar.
Das isolierte Individuum, der Privatmensch, der sich nur über seinen Besitz auf andere Menschen bezieht, der Bürger oder die Bürgerin, erfährt darin zugleich die Ausschließlichkeit seiner oder ihrer Erkenntnisse, die Einzigartigkeit ihrer von allem anderen abgeschiedenen Selbstwahrnehmungen.br>
Darin kann sich nicht die Beziehung zu seinen Sachen bestimmen, sondern nur die zwischenmenschliche Ausschließlichkeit seiner Lebensverhältnisse, die Güte seiner Selbstbezogenheit, die Eitelkeit seines Edelmuts, dem Produkt seiner Selbstveredelung. Schließlich versammeln sich darin die Gewohnheiten seiner Selbstgestaltung, der Wohnraum seiner Selbstgefühle, die nur gut empfunden werden, wo sie sich gegen die Fremdwahrnehmungen behaupten können. Das macht die einzigartige Selbstgewissheit der Egozentrik aus und sucht sich daher auch immer durch die Herabsetzung des Fremden zu ermächtigen.
Nur wo hierduch seine Gefühle objektiv werden können, verbinden und verschließen sie sich in sich selbst wie zu einer inneren "Wahrheit", die in allem anderen nur Unwahrheit erkennen will, Lügen und Monster abgefallener Menschlichkeit. Es emanzipiert sich unaufhörlich nur durch die Behauptung, dass es als Lebensburg gegen das so genannte Böse zu bestehen hat, als Hort eines gütigen Avantgardismus, in dem sich die Avantgardisten der Güte zusammenfinden. Selbstgerechtigkeit sucht ihre Verbindlichkeit durch die Selbstdarstellung der Güte der Selbstgefühle zu verfestigen, also ein allgemeines Selbstgefühl außer sich zu einer notwendigen Allgemeinheit zu bringen, sich in seinem objektiv gemachten Selbstgefühl zu ermächtigen.
Selbstgerechtigkeit ist der Ausdruck eines Selbstgefühls, das sich vollständig objektiviert hat und die Gefühle anderer Menschen hiergegen unterordnet, sich durch sie für sich einrichtet. Ein derart objektives Selbstgefühl sucht seine Stütze und seinen Bestand in jedweder Objektivität und betreibt von daher eine Abschätzung und Abschätzigkeit gegen andere. Die Basis hiervon sind zwischenmenschliche Verhältnisse, in denen die Einverleibung von zwischenmenschlichen Beziehungen Gewohnheit ist. Von daher ist Selbstgerechtigkeit als Ausübung eines Rechts zu verstehen, das sich ausschließlich auf den Ausübenden als Subjekt einer allseitig einverleibten Objektivität, als Subjekt einer objektiven Selbstbezüglichkeit, als allgemein veräußertes Subjekt von Sitte und Moral verhält.
Durch dieses Selbstgefühl, das seine Inhalte nicht mehr fühlen kann, weil sie ihm selbstverständlich sind, ist eine Rechtsprechung beansprucht, eine Theorie, die zu einem Recht wird (wie eine Ideologie), das die Gewohnheit seiner Egozentrik als ihren Selbstwert darstellt, d.h. für sich veräußert. So ist dies eigentlich gar kein Recht, weil es kein Unrecht kennt außer dem, was nicht für sich selbst spricht. Es ist das "Recht" der Selbstbehauptung, das Recht seiner Ausschließlichkeit, das einen Selbstwert bedient, der sich nur in der Person bestärken kann, die sich durch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen zu veredeln versteht. Weil dieser Wert einerseits total auf sich selbst gründet, also auf dem, was der oder die Ausübende für sein bzw. ihr Recht hält und sich in der Beziehung auf andere zugleich als allgemein gültig behauptet, ist es das Recht einer Selbstbehauptung, die allgemein selbstverständlich sein soll - ein Widersinn in sich. Es ist im Grunde der Widersinn eines Selbstverlustes, der eintritt, wo Selbstwert seinen Grund verliert, wo er also kein Selbstgefühl hat, weil es keinen Sinn ausser sich findet, also keinen Sinn empfinden kann. Von daher ist das Streben nach Selbstgerechtigkeit der Notwendigkeit einer Selbstveredelung geschuldet, die in Auflösung begriffen ist.
Man könnte auch sagen, dass dies eine Krisenrektion in Bezug auf Sinnlosigkeitsgefühle ist, die dadurch aber nicht mehr reflektiert und also inhaltlich unkritisierbar gemacht werden. Selbstgerechtigkeit ist von daher die wesentliche Reaktion eines Bewusstseins, des reaktionären Bewusstseins, das seine eigen Kritikunfähigkeit perpetuiert, indem es sich über jede sinnliche Gewissheit dadurch erhebt, dass es sie gegen sich selbst aufhebt, doppelt negiert: dadurch bestärkt, dass es sich selbst (z.B. als eine "höhere Gewissheit") schon als ihr Ueberwinder veräußert und damit Kritik schon allgemein beantwortet, bevor sie überhaupt auftreten könnte.
Es ist der Kampf um die Selbstveredelung, die sich letztlich in der Autorität einer schlechthin gültigen Güte in einem besonderen Edelmut aufheben muss, an dem jegliches Anderssein gemessen wird [vgl. 'der autoritäre Charakter' im Antisemitismus-Kapitel unten], meist indem das Ausgeschlossene als Böses schlechthin zu einem Monster mythologisiert wird [als proijektive Identifizierung].
Selbstgerechtigkeit unterstellt also ein unhinterfragbares (also auch unkritisierbares) allgemeines Recht, das durch sich selbst oder durch die es vertretende Person oder die Lebensverhältnisse selbst schon gegeben ist, sich wie ein hoch veredelter kategorische Imperativ von selbst versteht und worüber daher nur aufgeklärt werden müsse, um es zu befolgen. Sie ist das unmittelbar praktische und sich seines Seins unendlich bestätigende Bewusstsein der Selbstbezogenheit, das diese meist aus einem verallgemeinerten Altruismus heraus affirmiert und sich aus dem Befinden errichtet. Es ist das Selbstbewusstsein des Selbstgefühls, das sich als Gefühl für andere im Einsatz gegen das Schlechte und Böse verwirklicht sehen will, um sich selbst als anderes hiervon bestätigt zu wissen. Die Entdeckung des Bösen ist sein Hauptanliegen, aus dem es seine Kraft schöpft und deshalb oft selbst alles das zum Monster des Unmenschen macht, was sich seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung entzieht. In der Selbstgerechtigkeit ist die Allgemeinheit gedoppelt als eine, die für sich allgemeine Ansprüche und für andere sich selbst allgemein stellt, also eine gegensätzliche Allgemeinheit hat.
Durch Selbstgerechtigkeit setzt sich ein Mensch für die Richtigkeit seiner Selbstwahrnehmung dadurch ein, dass er sie dem allgemeinen Menschsein gleichsetzt, sein Bedürfnis auf Selbstbestätigung als Menschenrecht schlechthin behauptet. Jede Selbstgerechtigkeit hat ihren ideologischen Kern in einer Theorie von einer richtigen, von einer wahren Zwischenmenschlichkeit, meist in der Psychologie, wo sie als Love-Story des Bürgertums firmiert.
Quelle: W. Pfreundschuh in "http://kulturkritik.net/begriffe/begr_txt.php?lex=selbstgerechtigkeit"
Gesellschaftliche Auswirkungen selbstgerechter Esoterik-"Gläubigkeit"
Von der "harmlosen" Esoterik über die Kommerzialiserung hin zu Verschwörungstheorien, Rechtspopulismus und braunem Polit-Sumpf
Um den Schwenk in die aktuelle, reale Welt der Wirtschaft und der Politik zu schaffen, hier vorab ein kritisches Votum von Jutta Ditfurth in der ZEIT vom 9. Juli 2010 "Feigheit vor der Welt":
"Es gibt keinen wirksameren Feind des Humanismus und kein schnelleres Fluchtgefährt aus der sozialen Realität als die Esoterik, den Irrationalismus, den Obskurantismus. So schroff sich esoterische Strömungen unterscheiden mögen, so übereinstimmend sind doch ihre Wesensmerkmale: Alle zementieren die herrschende Ordnung, oben und unten sollen bleiben, wo sie sind – alles Karma, Schicksal. Die umfassende Emanzipation des Menschen? Ein Verstoss gegen die ehernen Regeln irgendwelcher Götter, Geister und Naturgesetze.
Esoteriker propagieren »Eliten«, »Rassen«, Antisemitismus, »höheres« und »minderwertiges« Leben; an vorderster Front steht die Anthroposophie mit ihrer abgrundtief rassistischen »Wurzelrassenlehre«.
3.3. Verschwörungstheorien und -theoretiker - sog. "VT'ler"
Der Psychologe Viren Swami von der University of Westminster in London beschäftigt sich seit einigen Jahren aus wissenschaftlicher Sicht mit dem wild wuchernden Feld der Verschwörungstheorien.
Er definiert sie als "Untergruppe von falschen Ueberzeugungen, in denen die letzte Ursache für ein Ereignis in einem Komplott mehrerer zusammenwirkender Akteure gesehen wird, die in klarer Absicht handeln, oft auch gegen das Gesetz und geheim".
In einer Studie, die er gemeinsam mit Forschern aus Wien und Konstanz konzipiert hat und deren Ergebnisse in der Dezember-Ausgabe 2014 der renommierten Fachzeitschrift "Cognition" erschienen, belegt der britische Forscher nun: "Wer analytisch denkt, ist weniger anfällig dafür, Ereignisse als Ergebnis der Aktivitäten insgeheim miteinander verbündeter Strippenzieher zu sehen".
"Die menschliche Erkenntnistätigkeit hat sich evolutionär in kleinen, überschaubaren, eng kooperierenden Gruppen aus persönlich bekannten Mitgliedern entwickelt, die sich gegenüber anderen Gruppen – oft aggressiv – behaupten und abgrenzen mussten", gibt der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin zu bedenken. Mit vielen komplexen Fragestellungen in unserer globalisierten Welt sei sie schlicht überfordert.
Wo unmittelbare Gefahr droht, ist aus evolutionsbiologischer Sicht schnelles Handeln erforderlich, das wiederum ohne eine blitzschnelle Einschätzung der Situation oft gar nicht möglich ist. Diese Aufgabe übernehmen stammesgeschichtlich alte Strukturen des Gehirns, vor allem im Bereich des limbischen Systems, der Erstinstanz der emotionalen Bewertung. "Wir leben ja nicht nur aus dem Großhirn, unsere rationalen Kontrollfunktionen sind brüchig", sagt Walschburger. Die Emotionen kommen oft im Gewand von Argumenten daher, Verschwörungstheorien sind in dieser Hinsicht oft besonders detailreich und ausgefeilt.
Ihren psychologischen Kern sieht Walschburger jedoch darin, dass eine Gruppe sich in einer schwierigen, sachlich kaum überschaubaren Situation einen Sündenbock oder eine ganze Herde von konspirativen Sündenböcken als personifizierte Verursacher des Uebels sucht, das in aller Regel wesentlich komplexere Verursachungszusammenhänge aufweist. "Ein Grundzug des Menschen, der in seiner zutiefst sozialen Natur begründet ist." Viren Swami weist darauf hin, dass Menschen Verschwörungen anderer für umso wahrscheinlicher halten, je mehr sie dazu neigen, Personen statt äußere Umstände anzuschuldigen. Ein begrüßenswerter Nebeneffekt dieses "Komplott-Verdachts“ könne sein, dass von Politik und Wirtschaft mehr Transparenz eingefordert wird.
(...) Er kann zum Motor für politische und gesellschaftliche Veränderungen, aber auch für solche des persönlichen Lebensstils werden. Dass man nicht durchschaut, wie die Tiere wirklich gehalten werden und wie sie enden, ist zum Beispiel für viele Menschen heute – neben gesundheitlichen Erwägungen – ein starkes Motiv, um weniger oder kein Fleisch zu essen. "Das kann bei einigen Veganern aber auch zu Haltungen beitragen, die ideologische oder fundamentalistische Züge tragen", sagt Walschburger.
Was mit dieser Rigorosität einhergeht, ist dann oft die Ueberzeugung, dass man selbst und eine kleine Gruppe Gleichgesinnter besser lebe als die anderen. Also ein Ueberlegenheitsgefühl, das auch vielen Verfechtern von Verschwörungstheorien eigen ist: Sie glauben schliesslich, von ihrer Warte aus die Dinge besser zu durchschauen als die Mehrheit.
Schon 2500 Jahre vor dem Psychologen Viren Swami hat ein Philosoph gegen diese Haltung in aller Bescheidenheit ebenfalls das analytische Denken empfohlen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß", das war für Sokrates der Ausgangspunkt.
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/der-glaube-an-geheime-machenschaften-ueberall-verschwoerer/11084636.html
3.4. Ljiljana Radonic: Narzisstische Kränkung als Grundlage für deren Projektion auf vermeintlich Schuldige im Antisemitismus
Nach diesen Worten aus der Grundlagenwissenschaft ist es an der Zeit, anhand zwei konkreter Beispiele (zuerst ein historisches: Holocaust, danach ein Aktuelles: Pegida/AfD) das sozialpsychologische Konzept der Verschwörungstheorien mit den tiefenpsychologischen Erkenntnissen der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie kombiniert aufzuzeigen und auch deren erschreckende Aktualität zu beschreiben.
Prof. Ljiljana Radonic beschreibt in einer ihrer zahlreichen Wiener Vorlesungen zum Thema den Befund, dass die "Analysen von Adorno und Horkheimer und anderen kritischen Theoretikern den Ausgangspunkt zum Verständnis dessen bildeten, dass mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auch der moderne Antisemitismus entstanden ist. Dieser schloss an vormoderne Formen der Judenfeindschaft an und übernahm von diesen das Objekt seines Hasses" (Radonic 2009 S.5).
"Der Rückfall in die Barbarei wird als Potential der modernen Welt analysiert, das in Auschwitz und all den anderen Stätten der Vernichtung kulminierte, dessen Grundlagen weiter fortbestehen" (Radonic 2009 S.4).
"Oftmals kommt es mir vor, als wäre das, was wir unterm Aspekt des Proletariats zu sehen gewohnt waren, heute in furchtbarer Konzentration auf die Juden übergegangen" (Adorno in einem Brief an Horkheimer 1940).
"Solange Menschen nicht die Fähigkeiten haben, diese zusätzliche Unterdrückung [im Sinne von Marcuse, s.o.] als solche zu erkennen, solange befinden sie sich im Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit der narzisstischen Aufwertung und der gleichzeitigen permanenten Kränkung des Individuums. Die Umstände seiner Selbsterhaltung sind nun mal prekär, die gesellschaftliche Reproduktion ist für das Individuum nicht durchschaubar und erscheint willkürlich. Die Erfordernisse der Selbsterhaltung erzwingen also aus diesen Gründen eine neue narzisstische Besetzung der eigenen Person, um diesen Kränkungen entgegenzuwirken. Dieser sogenannte sekundäre Narzissmus, also das narzisstische Zurückziehen auf die eigene Person, stellt sich dabei laut Adorno als eine verzweifelte Anstrengung des Individuums dar, wenigstens zum Teil das Unrecht zu kompensieren, weswegen in der Gesellschaft des universellen Tausches keiner je auf seine Kosten kommt – ausgehend von der These, dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht auf die Bedürfnisbefriedigung von Menschen, sondern auf Kapitalakkumulation ausgerichtet ist.
Die Erfahrung der Ohnmacht kann also nicht zugelassen werden. Sie wird zu einem Gefühl der Ohnmacht sedimentiert. Es tritt also das spezifisch Psychologische hinzu, so Adorno, dass nämlich die Individuen ihre Ohnmacht nicht erfahren, ihr nicht ins Auge zu sehen vermögen, sie müssen diese Erfahrung von der Ohnmacht zum Gefühl verarbeiten und psychologisch sedimentieren. Dieses Ohnmachtsgefühl steht aber im Widerspruch zur narzisstischen Besetzung der eigenen Person. Diese Zerrissenheit – und jetzt kommen wir wieder zurück zum Antisemitismus – führt zunächst mal zur Frage, wer daran Schuld ist. Die Antwort steht fest: »Ich nicht!«. Damit ist also zunächst mal erklärt, warum das Individuum das Bedürfnis nach narzisstischer Aufwertung verspürt. Da es aber diese Zusammenhänge zwischen den auf ihn wirkenden Zwängen nicht erfassen kann, sucht es – zunächst mal ganz allgemein formuliert – Schuldige.“ (Radonic 2009 S.8-10)
Kommen wir nun zur eigentlichen Entstehungsdynamik antisemitischer Ressentiments bis heute. Seit ca. 2014 marschiert die Pegida in Dresden wieder und zeigt auf, dass trotz erheblicher Forschungsbemühungen und viel publizistischer, politischer und kultureller Arbeit in den Medien und anderswo die Wurzel des Rassismus und Antisemitismus den "Blumen des Bösen" (Baudelaire) immer wieder zum Aufblühen verhelfen. Das Thema ist also leider aktueller denn je:
"Beim modernen Antisemitismus handelte es sich ursprünglich um eine Reaktion auf die Durchsetzung des Kapitalismus und die damit einhergehenden gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen: Die direkten Abhängigkeitsverhältnisse feudalistischer Gesellschaften wichen einer indirekten, gewissermaßen abstrakten Herrschaftsform, die von Marx als »stummer Zwang der ökonomischen Verhältnisse« umschrieben wurde. Diese Emanzipation der Menschen von den Schranken des Feudalismus ging dann auch bekanntlich mit der Emanzipation der Juden von jahrhundertelanger Ausgrenzung und Diskriminierung einher. Nach den früher als gottgewollt geltenden Prinzipien feudaler Herrschaft fielen also in dieser Umbruchsphase die Mauern des mittelalterlichen Ghettos [damals hatte der aufkommende Kapitalismus noch etwas befreiendes!]. Die Juden bekamen Zugang zu lange versperrten gesellschaftlichen Bereichen sowie die Möglichkeit, in neu entstandenen Berufssparten vor allem in den Städten Fuß zu fassen. In den Augen der traditionell judenfeindlichen christlichen Mehrheitsbevölkerung – zumindest in Deutschland und Oesterreich – erschienen somit die Juden als »Kolonisatoren des Fortschritts«, wie Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung« schreiben. Wie selbstverständlich erschien also die Verknüpfung der Emanzipation der Juden mit der als bedrohlich angesehenen Modernisierung. Als bedrohlich wurden vor allem jene Aspekte empfunden, die dem althergebrachten Leben unter feudalistischen Verhältnissen mit all seinen starren Regeln widersprachen. Der unter dem Diktat der Kapitalakkumulation entfesselten Dynamik moderner Gesellschaften standen große Teile der Bevölkerung gegenüber, die berechtigterweise davon ausgehen konnten, zu den Verlierern der neuen Ordnung zu gehören. Ueber das eigene Leben entschied fortan also nicht mehr das festgefügte Regelwerk traditioneller Prägung, sondern Erfolg oder Misserfolg am Markt. Die Juden wurden also zum Objekt der Auflehnung gegen die unbegriffenen Funktionsmechanismen der warenförmig organisierten Gesellschaft. Der moderne Antisemitismus besteht somit wesentlich in der Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse unter der Herrschaft von Kapital und Staat.
Die »Judenfrage« wurde in der ideologischen Auseinandersetzung zum Kern aller gesellschaftlichen Antagonismen stilisiert. In der antisemitischen Phantasie wurden also alle Widersprüchlichkeiten dieses Zerrbilds vom »Juden« vermittels des Mythos der Weltverschwörung aufgelöst. So gelang es also letztlich, alles Negative in einem übermächtigen Feind zu personifizieren.
Beim modernen Antisemitismus handelt es sich also um eine besonders gefährliche Form fetischistischer Wahrnehmung. Den vermeintlich abstrakten Seiten des Kapitalverhältnisses – Wert, Kapital, Zins etc. – werden die vermeintlich konkreten Seiten – Ware, Arbeit, Produktion etc. – entgegengehalten.
Es entsteht in der Wahrnehmung des Antisemiten die Trennung vom guten, »schaffenden« und bösen, »raffenden« Kapital. Dies findet sich auch in problematischen Tendenzen zum Teil im Ansatz wieder, wenn die Rede ist von »dem Finanzkapital, das wuchert und an allem – insbesondere der aktuellen Wirtschaftskrise – schuld ist«. Der Antisemitismus erweist sich so als eine Form von verkürztem Antikapitalismus. Verkürzt insofern als das er das abstrakte Herrschaftsverhältnis personifiziert und Personen als Schuldige auszumachen versucht. Durch die Beschränkung des Angriffs auf lediglich die abstrakte Seite des Kapitalverhältnisses ist der Antisemitismus also im höchsten Maße auch herrschaftskompatibel. Denn weit davon entfernt, die bestehende Gesellschaft radikal zu kritisieren, verlängert und verfestigt er die von Staat und Kapital erzwungene Unterwerfung der Einzelnen unter die Gesetzmäßigkeiten moderner Gesellschaften (Radonic 2009 S.5-6).
Projektive Vorgänge im Antisemiten [vgl. hierzu Kap. 3: Narzisstische Kränkung und Projektion als gesellschaftliche Phänomene]
"Die auf die Juden projizierten Eigenschaften sind den Antisemiten nur allzu vertraut, handelt es sich dabei doch um ihre eigenen verdrängten, nicht zugelassenen Wünsche und Sehnsüchte. Hier gehen wir also zum ersten Mal in einen Bereich, der psychoanalytisch argumentiert. Was der notwendigen Selbstzurichtung der Subjekte widerspricht, was diese sich selbst nicht eingestehen können und dürfen, wird den Juden als Eigenschaften zugeschrieben, um es an ihnen verfolgen und damit die eigene Selbstzurichtung bestätigen zu können [im Sinne der projektiven Identifizierung nach Melanie Klein]. In einer Gesellschaft der Unterdrückung und Unfreiheit muss der Schein dessen, dass es auch anders sein könnte, verfolgt werden.
Die Juden werden so zu Opfern eines Rituals, das man fast als moderne Form des Exorzismus bezeichnen könnte. Das heißt, im Angriff auf die Juden versichern sich die Antisemiten ihrer Zugehörigkeit zum als naturhaft vorgestellten nationalen Kollektiv, das seine Mitglieder vor den bisweilen katastrophischen Konsequenzen des Lebens in kapitalistischen Gesellschaften schützen soll – oder scheinbar schützt. Die sich der Substanzlosigkeit ihrer Subjektivität bewusst werdenden Subjekte flüchten sich in die vorgestellte Schutzgemeinschaft der Nation. Nationale Aufbrüche sind der erlaubte Ersatz für die Revolution, so Horkheimer in »Die Juden und Europa« (Radonic 2009 S.6-7).
Antisemiten sehen in den Juden immer nur das, was sie zuvor in sie hineingelegt, in sie projiziert haben. In Anlehnung an Kant könnte man also sagen, dass der Antisemitismus das a priori – also das im vorhinein Angenommene – aller möglichen Erfahrungen des Antisemiten bildet. Das erfahrbare Material wird also immer schon in einer bestimmten Art und Weise zugerichtet und verunmöglicht dadurch, dass entgegengesetzte Wahrnehmungen überhaupt gemacht werden können.
Vielleicht ein anderes Beispiel, dass jetzt von der Antisemitismustheorie wegführt, aber ganz gut, glaub´ ich, diesen Mechanismus der pathischen Projektion verdeutlicht: Wenn wir uns Verhörprotokolle von Vergewaltigern anschauen, dann sagen die fast in jedem Fall, die Frau wollte es so. »Sie hat mich dazu aufgefordert, sie hat mich verführt, sie hat alle Signale ausgesendet, die mich dazu eingeladen haben sozusagen, das zu tun.« Und das wäre ein klassischer Fall von pathischer Projektion, dass es jemandem, dessen psychische Struktur so ausgerichtet ist, überhaupt nicht möglich ist, seine eigenen Triebwünsche nicht auf die Frau zu projizieren, sondern: Alle Wahrnehmung geschieht vor dieser Folie sozusagen, dass seine eigenen Triebwünsche auf die anderen projiziert werden.
Ebenso sieht sich dann auch der autoritäre Charakter nicht zuletzt von denjenigen Menschen herausgefordert und gefährdet, die von irrationalen autoritär-repressiven Struktur abzuweichen scheinen.
Den Juden werden Attribute wie Freiheit, Gleichheit und Emanzipation, welche die bürgerliche Gesellschaft nicht verwirklichen konnte, zugeschrieben. Diese narzisstisch gekränkten Individuen müssen sich ja täglich am Arbeitsmarkt im schmerzhaften Bewusstsein ihrer Ersetzbarkeit verdingen. Sie haben Hunderte von Wünschen, durchschauen das System aber zumindest soweit, um zu wissen, dass diese nie erfüllt werden. Sie spüren jedoch tief vergraben im Inneren, dass es da mehr geben könnte, erahnen – wie Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung« schreiben – »die Züge des Glücks ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein«.
Diese imaginierten jüdischen Repräsentanten eines besseren Lebens werden also bis zur Ausrottung wie im Zweiten Weltkrieg vom sadomasochistisch an Herrschaft gebundenen Individuum gehasst, gerade weil sie an sein eigenes Elend gemahnen. Hinter der ewigen Vorstellung des Antisemiten, Juden seien geldgierig und raffend, verbirgt sich unbewusst der Neid auf jene, die frei von den Zwängen der Arbeit zu sein und alles umsonst und ganz ohne Schweiß zu bekommen scheinen, denn die Vorstellung vom Juden, der eben allein durch Geld mehr Geld anhäuft, nicht arbeiten muss usw., ist ja ganz präsent. Dabei kommt zu den Projektionsmöglichkeiten des Rassisten – und ich komme jetzt auf den zentralen Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus zu sprechen –, der den Schwarzen beneidet und hasst, weil er ihn als übersexuell imaginiert, und den Ausländer, weil er nicht arbeiten zu brauchen scheint, kommt beim Juden für den Antisemiten noch die imaginierte Allmacht hinzu. Das ist ein Element, das sich im Rassismus nicht findet. Während also der einzelne Ausländer zwar vielleicht wegen seines Rechts auf Faulheit – wie es dann heißen könnte – beneidet wird, bleibt er auch in der Vorstellung des Rassisten den Verhältnissen gegenüber ebenso ohnmächtig wie der Rassist selbst. Doch der als mächtig, als allmächtig imaginierte Jude hingegen wird auch noch für diese imaginierte Allmacht beneidet und gehasst.
Der autoritäre Charakter
Ein weiterer zentraler Begriff im Zusammenhang mit der kritischen Theorie des Antisemitismus und auch der Gesellschaftstheorie von Horkheimer und Adorno ist der Begriff der konformistischen Rebellion.
Diese real existierenden Unterdrückungsmechanismen, die der Autoritäre nicht durchschauen zu können scheint, führen dazu, dass er seine Hassgefühle eben nicht gegen die realen Zwänge wenden kann. Das heißt, der autoritätshörige Mensch ist zu einem echten Aufstand gegen ihn unterdrückende Autoritäten nicht fähig oder scheint bisher dazu nicht fähig zu sein. Er spaltet also die Autoritäten in geliebte und gehasste. Das Bedürfnis nach Auflehnung gegen die ständigen Kränkungen der kapitalistischen Gesellschaft muss also immer wieder aufs neue weg von den bestehenden Autoritäten kanalisiert werden. Da bietet dann die antisemitische Alltagsreligion – wie Bohleber und Kafka schreiben – schuldige Opfer an, die sich als Opfer dieser konformistischen Rebellion eignen.
Im Gegensatz also zum rassistisch Verfolgten, als minderwertig Imaginierten, scheint der Jude bestens dazu geeignet, aufgrund dieser imaginierten Weltbeherrschungsabsicht und der allmächtigen Bedrohung die Rolle einer negativen Autorität einzunehmen. Das kann also als zentraler Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus betrachtet werden. Zu all den Merkmalen rassistischer Projektion kommt dem Antisemiten zusätzlich noch die Möglichkeit gelegen, Hass gegen Autoritäten ohne Schaden für die Wir-Gemeinschaft auf andere, als negative Autoritäten Imaginierte abwälzen zu können. Es handelt sich aber hierbei – und das sei ausdrücklich betont – nicht um eine bloße Verwirrung der Subjekte. Ihr Hass richtet sich ja nicht aus Unwissenheit gegen die falschen Autoritäten – was man auch dann merkt, wenn man versucht, mit jemandem zu reden und zu sagen: »Ja aber schau doch und der nette Mensch hier ist doch gar nicht so schlimm usw.«, dann merkt man, da beißt man zum Teil auf Granit –, sondern, wie Adorno schreibt, der Autoritäre muss seine Frustration aus innerer Notwendigkeit gegen die Fremdgruppe richten. Er muss es, weniger aus Unwissenheit in Bezug auf die Ursache seiner Frustration, als vielmehr seiner psychischen Unfähigkeit zufolge, Autoritäten der eigenen Gruppe anzugreifen. Hingegen wäre eine Fähigkeit zur Selbstreflexion notwendig, um diese eigene Ohnmacht durchschauen zu können und sich nicht von dieser 'dumm' machen zu lassen.
"Schiefheilung" im Antisemitismus und Rassismus
Besondere Gefährlichkeit erhält diese Art der autoritären Schiefheilung – das ist vielleicht ein ganz brauchbarer Begriff, eine 'Schiefheilung', sprich: etwas, was mir psychische Erleichterung verschafft, ohne mich aber deswegen zu einem Menschen mit einem starken Ich und einem stark ausgeprägten Gewissen zu machen – dadurch, dass sie auch noch zur Massenbildung tendiert, um die narzisstisch gekränkten Einzelnen in der Volksgemeinschaft aufzuwerten. Die Massenpsychologie bezieht ihren Stoff aus der – wie Freud schreibt – Beobachtung der veränderten Reaktion des Einzelnen, sobald dieser Mitglied einer Masse wird. Das heißt, da verändert sich wirklich etwas, wenn Vereinzelte plötzlich in einer Masse gemeinsam auftreten. Dabei wird, wie Freud erkennt, der psychische Oberbau, der sich bei den einzelnen so verschiedenartig entwickelt hat, abgetragen, entkräftet und das bei allen gleichartige unbewusste Fundament wird bloß gelegt.
Massenpsychologie
Stechen also in der Analyse autoritärer Charaktere die verblüffend übereinstimmende Persönlichkeitsmerkmale hervor, so scheinen auch in der Masse alle Individuen gleich. Scheinen, natürlich. Das Individuum in der Masse erlangt also ein Gefühl unüberwindlicher Macht, all das hat natürlich Freud in seiner Schrift »Massenpsychologie und Ich-Analyse« dargelegt. Dieses Gefühl unüberwindlicher Macht gestattet es ihm, Trieben zu frönen, die es allein notwendig gezügelt hätte. Freud diagnostiziert, dass bei der Anonymität, die ein wichtiger Bestandteil der Masse ist, und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse, das Verantwortungsgefühl, welches die Individuen stets zurückhält, völlig schwindet. Es ist dabei die Last der Kultur, so Freud, die beim Eintritt in die Masse abgeworfen wird. Das heißt: Die Massenbildung wirkt befreiend im Sinne der Schiefheilung von vorher. Freuds Feststellung also, dass das Realitätsprinzip für die Masse nicht mehr gilt, spielt auch für die Erklärung des autoritären Charakters eine wichtige Rolle.
Die Masse denkt in Bildern, so Freud, die einander assoziativ hervorrufen. Diese Bilder werden von keiner verständigen Instanz an der Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit gemessen. Wer auf die Massen wirken will, bedarf keiner logischen Abmessung seiner Argumente, er muss in den kräftigsten Bildern malen und immer das gleiche wiederholen, so Freud in seiner Studie über die Massenpsychologie [vgl. oben: Hitlers Propaganda-Empfehlungen in 'Mein Kampf' sowie Bernays und Chomsky].
Aehnlich beschreibt auch Adorno, der 25 Jahre später auf Freuds Erkenntnissen aufbaut, die mit völlig widersprüchlichen Bildern arbeitende faschistische Propaganda: »Die faschistische Propaganda attackiert eher einen Popanz als wirkliche Gegner, das heißt, sie erzeugt Bilder vom Juden und Kommunisten und reißt sie in Stücke, ohne sich sonderlich um den Realitätsgehalt dieser Bilder zu kümmern. […] Sie folgt keiner diskursiven Logik, sondern lässt sich […] eher als eine Art organisierter Gedankenflucht kennzeichnen […], die auf bloßer Aehnlichkeit beruht.« (Theodor W. Adorno: Antisemitismus und faschistische Propaganda, S.153 (in: Ernst Simmel (1993, Hrsg.). Antisemitismus, Frankfurt/Main)). Das heißt, Widersprüche, wie zum Beispiel dass Juden als Kommunisten auf der einen Seite und Kapitalisten auf der anderen Seite ausgemacht werden, stören in dieser Form des Aufgehens in der Masse nicht.
Sie sind leichter zu ertragen, als unzulässige Impulse aus den eigenen Triebbedürfnissen, aus dem Es, wie Freud das genannt hat, ja sie werden nicht im geringsten beachtet, diese Widersprüche. Die Masse ist, so Freud, »impulsiv, wandelbar, reizbar«, kennt also weder Zweifel noch Ungewissheit. Sie »geht sofort zum Aeußersten, der ausgesprochene Verdacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewissheit. Ein Keim von Antipathie wird zum wilden Hass«. Es scheint, als unterliege die Masse der wahrhaft magischen Macht von Worten.
Bei diesem Text von Adorno muss ich immer an Rostock, an das Pogrom von Rostock denken zum Beispiel, wo genau so eine Masse dann halt ein Asylantenheim anzündet. Ja, da kann man sich dieses mit dem impulsiv, wandelbar und reizbar dann ganz gut vorstellen.
Führerkult
Dabei spielt natürlich eine Person im Normalfall eine entscheidende Rolle: Es ist der Führer, welcher sich dieser Macht zu bedienen scheint, in der einen oder anderen Form, eine Art Anführer, Führer oder wie auch immer. Seine Bedeutung für die pathologische Massenbildung kann gar nicht überschätzt werden, so Freud. Für ihn ist die Masse eine folgsame Herde, die nie ohne Herrn zu leben vermag. Sie hat einen solchen Durst, zu gehorchen, dass sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv unterordnet. Die Bindung des Einzelnen an den Führer, manchmal auch durch eine führende Idee substituiert – aber da wird´s dann schon schwierig–, bezeichnet Freud als Idealisierung. Dabei findet also eine Regression auf diese narzisstische Stufe der frühen Libidoentwicklung statt. Der Führer wird so behandelt wie das eigene Ich, und ein größeres Maß narzisstischer Libido fließt auf ihn über. Was heißt das? Der Führer erscheint also wie eine idealisierte Vergrößerung des Subjekts. Um diese Idealisierung und gleichzeitige Identifizierung mit ihm zu ermöglichen, darf der Führer aber nicht bloß als Übermensch erscheinen, sondern muss auch Züge der Durchschnittlichkeit besitzen. Adorno führt zu diesem Punkt aus: »Faschistische Agitatoren betonen vor allem, dass sie selbst bescheidene kleine Leute und gleichzeitig Führer von großem Kaliber sind. Hitler posierte daher«, so Adorno, »als eine Verbindung von King-Kong und Vorstadtfriseur«. (Theodor W. Adorno: Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda, in: Gesammelte Schriften, Band 8 (Soziologische Schriften I), S.420)
Das mit den bescheidenen kleinen Leuten mit diesem »Ich weiß, wo es lang geht und bin aber selbst ein bescheidener kleiner Mann« kann man sich ja
recht gut am mittlerweile verstorbenen Haider anschauen. Als geliebtes Objekt genießt der Führer eine gewisse Freiheit von Kritik. Mit der Verliebtheit versagen die dem Ueber-Ich zugeteilten Funktionen gänzlich. Das heißt, diese Rolle, die das, sagen wir mal, eigene Gewissen hat, versagt in dieser Konstellation gänzlich. Der Führer und seine Wünsche oder Befehle stehen außerhalb des Geltungsbereiches des Gewissens. Zitat Freud: »In der Liebesverblendung wird man reuelos zum Verbrecher« [Freud .......]. Schließlich setzt sich dann das geliebte Objekt – also der Führer – selbst an die Stelle des eigenen Gewissens, welches schlecht verinnerlicht und rigide immer schon das Ich belastete. Statt dieser inneren Autorität – dem rigiden Ueber-Ich oder sagen wir mal 'Gewissen' – bestimmt nun also die äußere Autorität, was erlaubt ist und was nicht. In seiner Eigenschaft als kollektives Ueber-Ich ist der Führer im Stande, die Masse zu einem einzigen Gruppen-Ich zusammenzuschweißen, das je nach seinem Willen emotionale Triebabfuhren entfesselt oder bremst. Damit geht natürlich im Sinne der Schiefheilung [Pseudo-Heilung, weil nur Kompensation = 'Falsches Selbst', Kap. 3] ein enormes Befreiungsgefühl einher.
Aber die Gefühlsbindungen der Massen und Individuen bestehen natürlich nicht nur zum Führer, sondern auch zu anderen Individuen in der Gemeinschaft. Laut Freud ist das Bindemittel der Masse libidinöser Natur.
Die libidinöse Bindung der Massenmenschen untereinander setzt Freud mit der Identifizierung gleich. Grund für diese Identifizierung ist eine Gemeinsamkeit, die Art nämlich der Bindung an den Führer. Durch die Idealisierung des Führers werden die Individuen in der Masse miteinander verbunden. Sie erfahren dadurch auch eine ungeheure narzisstische Aufwertung. Es lässt sich mit Freud also eine Formel für die libidinöse Konstitution der Masse aufstellen. »Eine Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ueber-Ichs gesetzt und sich infolge dessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben« [Freud .......]. Das heißt, es wurde hoffentlich deutlich in dieser Passage, dass der Antisemitismus für den Antisemiten nur in der Masse von Gleichgesinnten funktioniert, weil er die kollektiv narzisstische Aufwertung in der Gemeinschaft braucht. Auch suchen Antisemiten starke Führer, an die sie ihr bedrückendes Gewissen also abgeben können. Der psychische Gewinn stellt sich also erst in der Masse ein. Die Suche nach einem starken Kollektiv ist charakteristisch für den Antisemiten, und genau das ist es, was den Antisemitismus auch so gefährlich macht" (Radonic 2009 S.10-16).
(...) Es lässt sich sagen, dass die Psychoanalyse ein unverzichtbarer Grundpfeiler der Kritischen Theorie war und ist, denn ohne den Begriff zum Beispiel der 'pathischen Projektion' ließen sich die völlig widersprüchlichen antisemitischen Vorstellungen ebenso wenig erklären wie die angesprochene Resistenz der Antisemiten und Antisemitinnen gegen ihr Weltbild widerlegende Erfahrungen. Ich habe davon gesprochen, dass das Problem ist, dass es nicht hilft, einen Antisemiten mit einem netten Juden zusammenzubringen und zu hoffen, dass sie sich dann sinnvoll austauschen und dann das Ressentiment vorbei ist, sondern dass diese Wahrnehmung vor dieser Folie des Antisemitismus geschieht, wo die Realität nur mehr sehr sehr verzerrt wahrgenommen werden kann.
Der Antisemitismus unterscheidet sich vom Rassismus vor allem dahingehend, dass er die Juden als negative Autoritäten imaginiert, die stellvertretend für die als ungreifbar erscheinenden Autoritäten der eigenen Wir-Gruppe und als Personifizierung des abstrakten Kapitalverhältnisses gehasst werden, während sich eben der Rassismus als Welterklärung nicht eignet, sondern »nur« als Gegenmittel zur narzisstischen Kränkung durch die Versicherung der eigenen Ueberlegenheit eignet. Also, wenn man sich in dem Runtermachen, »nach unten Treten« sozusagen, im Rassismus der eigenen Ueberlegenheit versichert, dann ist das eines der Gegenmittel gegen die narzisstische Kränkung, also eines der Mittel zur sogenannten Schiefheilung.
Nach dem Holocaust muss jedoch jede Gesellschaftstheorie berücksichtigen, dass wir in einem post-nationalsozialistischem Land leben, in dem viele Kontinuitäten zu jenem System bestehen, das die Shoa hervorgebracht hat. Ein ihnen vielleicht paradox anmutendes, weil nicht so weit bekanntes Beispiel ist vielleicht der Fall der Sozialpartnerschaft, also die Vorstellung, dass Kämpfe zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht ausgefochten werden, sondern am grünen Tisch konsensual gelöst werden, also diese Vorstellung vom nicht vorhandenen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital ist zum Beispiel etwas, was als Kontinuität zum Nationalsozialismus bezeichnet werden könnte. Auch der Antisemitismus hat nach Auschwitz also bloß eine Adaption erfahren. Durch den Begriff des sekundären Antisemitismus ist es in Anlehnung an die Kritische Theorie also möglich, Phänomene wie die Schlussstrichforderung und die Vorstellung, dass die Juden mit ihren Entschädigungsforderungen nie Ruhe geben werden, bei der sich die Deutschen und Oesterreicher als die Opfer der rachsüchtigen Juden wähnen, zu untersuchen. Wieder kann ich nur an Gerhard Scheit anknüpfen, der auf den kategorischen Imperativ von Adorno zu sprechen gekommen ist, der nämlich lautet: Alles »Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Aehnliches geschehe«. Das ist sozusagen die einzige Handlungsanleitung, die die Kritische Theorie in diesem Sinne aufgrund ihrer Erkenntnisse zur Antisemitismustheorie gibt. (Radonic 2009 S.21-22)
Quelle: Ljiljana Radonic (2009). Vortrag „Ueber die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. Der Antisemitismus als narzisstische Kränkung und pathische Projektion.“ Online: http://lebenimfalschen.blogsport.de/2013/06/16/radonic-narzisstische-kraenkung
3.5. Edward Bernays - Propaganda: Die Kunst der Public Relations
Edward Bernays (1891-1995) gilt als Vater der Public Relations. Mit seinem Buch Propaganda aus dem Jahr 1928 schuf er die bis heute gültige Grundlage für modernes Kommunikationsmanagement.
Der in Wien geborene Bernays war ein Neffe Sigmund Freuds, der sich dessen Erkenntnisse der modernen Seele zunutze machte und sie in den Dienst von Regierungen und Konzernen stellte. Propaganda ist Bernays Hauptwerk. In Propaganda (ein Begriff, den er später selbst in »Public Relations« umbenannte) beschreibt Bernays alle wesentlichen Techniken der Meinungsbeeinflussung wie z.B. den Einsatz von »neutralen Experten«, um eine Aussage glaubhaft erscheinen zu lassen. Für den US-Präsidenten Wilson promotete er den Ersten Weltkrieg, mit den »Fackeln der Freiheit« machte er Zigaretten zum Symbol der weiblichen Emanzipation und brachte die amerikanischen Frauen zum Rauchen.
Er arbeitete für Edison und Ford, aber auch für die CIA: Sie alle ließen sich von Bernays ihr Image aufpolieren oder die Marktchancen ihrer Produkte verbessern. Bernays steht in einer Reihe mit den Strategie-Klassikern Machiavelli und Clausewitz. Knapp 80 Jahre nach dem Erscheinen von 'Propaganda' und knapp ein Jahrhundert nach Entstehen der PR-Industrie erscheint dieses Buch 2011 erstmals auf Deutsch.
»Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltenweisen und Einstellungen der Massen
ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten,
lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land.
Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben.« (Bernays 1929)
"Mit brutaler Offenheit beschreibt Edward Bernays gleich im ersten Kapitel seines Buches [Propaganda, die Kunst der Public Relations, 1929] die wahren Machtverhältnisse in der Demokratie. Es sind nicht die Politiker, sondern die Propagandisten, die bestimmen, wie eine Mehrheitsgesellschaft funktioniert. Nicht Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit sind die entscheidenden Faktoren, sondern die Meinung der Leute, der Bürger, des eigentlichen Souveräns der Demokratie.
Erste wichtige Erkenntnis: Man muss sich nicht damit abfinden, was der Souverän gerade für wichtig hält. Man kann ihn manipulieren, man kann ihm einreden, was er denken soll. Zweite wichtige Erkenntnis: Dieser Appell richtet sich nicht an den Verstand, sondern an das Gefühl. Es sind die Emotionen, die die Welt verändern. Das ist das Neue bei Bernays. Er ist ein rüder Medienmachiavelli, und er kennt keine Skrupel, wenn es darum geht, die Oeffentlichkeit zu beeinflussen. Bei ihm wird die Zigarette zur »Fackel der Freiheit« und Wilsons Kriegseintritt zur nahtlosen Fortsetzung seiner Politik der Neutralität. Bernays entdeckt die Gesetze der Medienwelt: Wer sie ignoriert, kommt darin um. Das gilt bis heute. Er entdeckt verborgene irrationale Kräfte, die Menschen zum Handeln bewegen. Und das ist vielleicht seine wichtigste Erkenntnis: Die Konsumwelt muss revolutioniert werden. Nicht das Notwendige sollen die Kunden kaufen, sondern das Wünschenswerte. Konsequenterweise hat Bernays das amerikanische Frühstück erfunden. Ein Schinkenfabrikant, dessen Umsätze rückläufig waren, hatte ihn um Hilfe gebeten. Bis dahin begnügten die Amerikaner sich mit Kaffee, Toast und Saft. Um den Schinkenumsatz zu steigern, erfand er das »American Breakfast« mit »bacon and eggs«. Ein fulminanter Erfolg bis heute, der zeigt, dass man erfolgreich Wünsche wecken kann.
Ein Auto war bis zu Bernays Entdeckungen nichts weiter als ein Auto - ein Fortbewegungsmittel, kein Statussymbol. Kleider machten nicht Leute, sondern wärmten und schützten vor Kälte. Sie waren praktisch. Das war kontraproduktiv, denn Kleider sollten Lust auf das Ego machen und so Kunden zum Kaufen animieren. Wenn es darum ging zu verkaufen, änderte er die Lebensgewohnheiten seiner Klienten. Das sind heute Allgemeinplätze der Public Relations.
Bernays hat sie entdeckt. Eine seiner spektakulärsten Aktionen war ein neues Image für Präsident Coolidge, der als gnadenloser Langweiler galt. Er empfahl ihm, Hollywoodstars zu Tee und Kuchen ins Weiße Haus einzuladen, und es funktionierte. Coolidge wurde von der amerikanischen Oeffentlichkeit plötzlich als freundlicher Gastgeber wahrgenommen, und Bernays hatte erfolgreich eine Image-Reparatur platziert.
Soweit Bernays Welt - es waren noch die »harmloseren« Zeiten der Propaganda. Die Mediengesellschaft hat sich seit Bernays jedoch dramatisch weiterentwickelt. Internet, Satellitensender, Handys und andere »Propagandawaffen« produzieren die Stoffe, aus denen die Storys der totalen Mediengesellschaft sind. Das haben auch die islamistischen Terroristen begriffen. Sie nutzen das Internet und vor allem arabische Satellitensender, um ihre Botschaften zu verbreiten. Medien machen mächtig. Auch politische Underdogs. Da ihre wirkliche Macht schwer einzuschätzen ist, versuchen die Terroristen sich durch die Produktion von Angst größer zu machen, als sie möglicherweise sind. Bakunin war es, der schon im 19. Jahrhundert den Terrorismus als »Propaganda der Tat« definierte. Die grausamen Verbrechen geschehen vor allem für die Medien. Die Tat selbst ist die Propaganda. Die feindlichen westlichen Medien sorgten auch noch umsonst für die Verbreitung der Bilder. 9/11 und die Zerstörung der New Yorker Türme sind ein schlagender Beweis für die »Propaganda der Tat«.
Der Terrorismus lebt vor allem von der Propaganda. Die wirkliche Macht und der Einfluss der Terrorgruppen sind schwer überprüfbar. So versuchen zum Beispiel die Taliban, den Eindruck zu erwecken, sie seien wieder zur entscheidenden Macht in Afghanistan geworden. Bei jeder Entführung, bei jedem Attentat übernehmen sie sofort die Verantwortung. So wirken sie fast omnipräsent. Das zielt raffiniert auf die westlichen Medien, die diese Nachrichten nicht überprüfen können und so möglicherweise einen falschen Eindruck wiedergeben. Hier geht es nicht mehr wie bei Bernays darum, etwas zu verkaufen, um Public Relations, es geht darum, mithilfe der Propaganda Angst zu schüren und so Politik zu machen. Die Taliban bieten jedenfalls ein aufreibendes Verwirrspiel, das die Bundesregierung zu dem unfreiwilligen Kompliment veranlasste, »sie seien die Zeremonienmeister des Terrors«.
Eine Art Selbsthysterisierung lähmt die westliche Welt. Auch wenn es zynisch klingt: Die Terroristen von al Qaida haben bisher weltweit weniger Menschen getötet, als in Deutschland jährlich durch den Autoverkehr ums Leben kommen. Die Toten auf den Straßen gehören zum Alltag in der Bundesrepublik, sie sind das fast selbstverständliche Opfer für moderne Mobilität. Tote durch Terroristen verbreiten ungleich mehr Schrecken, und aus Angst vor der Schattenmacht des Terrorismus sind Politiker bereit, den Rechtsstaat selbst immer mehr in Frage zu stellen. Aus Angst vor dem Terrorismus begehen die Verunsicherten lieber Selbstmord auf Raten. Ein Triumph für den Terrorismus. Propaganda ist deshalb zur stärksten politischen Macht der Underdogs geworden.
Auch Kriege werden heute nur noch selten auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern in den Medien, durch Propaganda. Und es sind nicht immer die Mächtigsten, die gewinnen. Der Krieg Israels gegen die Hisbollah ist so ein Beispiel. Israel hat bei diesem Abenteuer seinen Mythos der Unbesiegbarkeit aufs Spiel gesetzt. Den Propagandakrieg hat die Hisbollah gewonnen. Die Weltmacht Amerika mit ihrer Hightech-Armee war nicht in der Lage, dem schwachen, aber politisch komplizierten Irak ihren politischen Willen aufzuzwingen. Und selbst die viel gerühmten amerikanischen »Spin-Doktoren« waren ratlos und schafften es bisher nicht, diesen propagandistischen Supergau zu verhindern. Es ist schon erstaunlich: Die gelegentlich archaisch anmutenden Dschihadisten scheinen in Propaganda-Dingen ihren Gegnern überlegen. »Die Propaganda wird nie aussterben«, schreibt Bernays im Schlusskapitel seines Buches. Wie recht er hat.
Ausgerechnet einer, der aussieht wie ein Prophet aus längst vergangener Zeit, ist zum erfolgreichsten Spin-Doktor der Gegenwart geworden: Osama bin Laden. Obwohl es nie mehr als 3.000 Araber in Afghanistan gab, erfand er die Legende, sie hätten die Sowjetunion besiegt. Dieser Mythos übt bis heute eine magische Anziehungskraft auf viele Araber aus. Bin Laden gibt ihnen - was die arabischen Regierungen nicht können - das Gefühl, stark zu sein. Erfolgreiche Propaganda.
Ulrich Kienzle, Rauenthal (Hessen), aus dem Vorwort zu Edward Bernays "Propaganda", im Dezember 2009
Propaganda während der NS-Diktatur
Vergleichen Sie bitte einmal untenstehende Auflistung mit den Listen von Timsit/Chomsky (s.u.) und Bernays (s.o.) und vergegenwärtigen Sie sich den Autor dieser historisch gesehen nach Bernays "ausgedachten" Propaganda-Anweisung: Adolf Hitler. Es gibt erschreckende Gemeinsamkeiten in der Manipulationsstrategie. Joseph Goebbels hat ganze Arbeit geleistet und mittels dieser in "Mein Kampf" (von Bernays abgeschriebenen?) stehenden Grundsätzen die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen können. Monströs mutet es an, dass A.H. in seiner Hetzschrift den Holocaust ziemlich exakt vorausgeplant und danach mit seiner Clique industriell-präzise durchgeführt hat.
NS-Propaganda kurzgefasst:
- Beschränkung auf wenige Themen und Schlagworte
- geringer geistiger Anspruch
- Abzielen auf das gefühlsmäßige Empfinden der Massen
- Vermeidung von Differenzierungen
- und die tausendfache Wiederholung der jeweiligen Glaubenssätze
"Nationalsozialistische Propaganda war auch ein Gegenkonzept zu den Methoden der demokratischen Parteien, deren politische Werbung sich stärker auf rationale Argumentation stützte. NS-Propaganda setzte demgegenüber auf den gewollten Verzicht von Erklärungen, einen Appell an das Irrationale und auf das emotionsgeladene Freund-Feind-Klischee. Die Kundgebungsreden, die bis 1933 das wichtigste Agitationsinstrument der Nationalsozialisten waren, hatten daher nicht die Aufgabe, anhand konkreter Pläne das Wahlprogramm und die politischen Ziele des Nationalsozialismus zu erläutern, sondern es sollte ein – im Einzelnen gar nicht definierter – „allgemeiner Glaube an den Nationalsozialismus“ vermittelt werden. Hinsichtlich möglicher Zukunftsperspektiven verfuhren die Propagandisten nach dem Rezept, allen alles zu versprechen und dabei konkrete Festlegungen zu vermeiden (Quelle: Wikipedia)".
O-Ton aus "Mein Kampf": „Gerade darin liegt die Kunst der Propaganda, dass sie, die gefühlsmässige Vorstellungswelt der grossen Masse begreifend, in psychologischer richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse findet“.
Hitler bekennt sich deutlich zum manipulativen Umgang von Propaganda mit Objektivität und Wahrheit. Propaganda habe „nicht objektiv auch die Wahrheit, soweit sie den anderen günstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinärer Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen“.
Rechtsextremismus als Soziale Pathologie
Wenn eine soziale Pathologie (vgl. Honneth in Kap.9) - und darum handelte es sich zweifellos beim nationalsozialistischen Projekt - nicht aus der Psychopathologie von Einzelnen hervorgeht, wie soll man sich individualpsychologisch dagegen immunisieren?
Nach ihrem Paradigmenwechsel, den man als relational turn oder "intersubjektive Wende" bezeichnen kann, nähert sich die Psychoanalyse solchen Fragen heute anders, als sie das früher getan hat. Verhalten wird nicht einfach durch überdauernde, tief im Innern verborgene seelische Strebungen determiniert. Unsere eigentlichen Handlungsmotive sind nicht bloß sexueller, aggressiver oder narzisstischer Natur. Auch im dynamischen Unbewussten scheint es eine permanente Rückkopplung zwischen der inneren und der äußeren Welt zu geben - eine mentale Austauschbewegung, die bereits mit der frühesten Interaktion zwischen Mutter und Kind einsetzt.
Nicht zuletzt durch die Befunde der Säuglingsforschung sieht sich die moderne Psychoanalyse genötigt, ihre klassisch-internalistische, auf der Trieb- und Strukturtheorie basierende Auffassung aufzugeben, die Adorno noch verteidigte. In ihren relationalen oder intersubjektiven Ansätzen spürt sie der Vernetzung von Seele und Umwelt nach und nimmt dabei die Vermittlungen zwischen individueller Psyche und sozialer Realität in den Blick.
Aus Sicht einer relationalen Psychoanalyse geht Intersubjektivität der Subjektivität voraus. Bereits die primärnarzisstische Erfahrung des Säuglings beruht auf der Versorgung durch eine „hinreichend gute“ Mutter (Winnicott, Kohut vgl. Kap.2 bzw.4), in deren Gesicht er etwas von sich selbst erfährt. Im Unbewussten brauchen wir diese Art von Resonanz, um zu erfahren, wer wir sind: Erst der „Spiegel des Anderen“ gibt uns das Gefühl, lebendig, gegenwärtig und anerkannt zu sein. Deshalb enthält auch die anscheinend
narzisstische Selbstbezogenheit stets einen verborgenen Bezug zur sozialen Umwelt. Unter diesen Annahmen wird die These diskutiert, dass in Analogie zum intersubjektiv „kontaminierten“ Narzissmus des Einzelnen auch der Gruppennarzissmus nicht von innen entsteht, sondern in der unbewussten Spiegelung durch eine Außengruppe, auf die der narzisstische Modus angewiesen ist, um seine identitätsbildende Wirkung zu entfalten.
Quelle: Altmeyer, Martin (2011). Im Spiegel des Anderen - Gruppe, Narzissmus, Gruppennarzissmus. In: Gruppenpsychother. Gruppendynamik 47/2011, 69-93
Faschismus als kollektive Form der Psychopathie
Hier ein guter Text dazu, weshalb faschistisches Denken Dissonanz reduziert (vgl.Kap.5 weiter oben), die Selbstwirksamkeit (vgl. das Therapiekapitel 10 am Ende des Buches) steigert und den Selbstwert erfolgreich reguliert (siehe mein eigenes 'Gleichgewicht-des-Narzissmus-Modell' in Kapitel 2).
"Ziel und Mittelpunkt faschistischer Bestrebungen ist immer ein reaktionär-utopisches Vergemeinschaftungsmodell kleinbürgerlichen Zuschnitts in Gestalt der mythischen Ueberhöhung und Idealisierung eines als organisch-naturwüchsig und bei aller inneren Differenziertheit und Hierarchisierung wesensmässig homogen vorgestellten fiktiven Kollektivs: das „Volk“ und die „Volksgemeinschaft“ ("Was ist Kryptofaschismus?" http://www.antifaschismus2.de/index.php/argumente/gegenargumente/256-was-ist-kryptofaschismus)
Dieser mythische Volksbegriff impliziert eine doppelte identitätsbildende Feindbildbestimmung:
"» Zum einen die Abgrenzung nach außen, gegen andere „Völker“, die mit dem eigenen „Volk“ als nicht dazugehörige äußere Feinde in einem Konkurrenzkampf stehen. (Diese Feinderklärung nach außen kann sich auch nach innen richten, nämlich gegen alle, die sich einer Beteiligung am Kampf ihres „Volkes“, z.B. aus politischen Gründen, entziehen: diese erscheinen nämlich automatisch als objektive Agenten des Feindes im Inneren, die bekämpft werden müssen).
» Zum anderen eine zweifache Abgrenzung nach innen: einerseits nach oben, andererseits nach unten (hier offenbart sich der kleinbürgerliche Ursprung der faschistischen Vorstellungswelt):
Nach oben gegen „die Herrschenden“, die „Etablierten“, die „das Volk“ unterdrücken, und nach unten gegen vermeintlich nicht integrationswillige oder „von Natur aus“ integrationsunfähige Elemente, die die „Volksgemeinschaft“ belasten und ihre Homogenität gefährden. Die „Volksgemeinschaft“ konstituiert sich also über die Ausgrenzung vermeintlich „volksfremder“ oder „volksfeindlicher“ Elemente von oben und unten, die nicht dazu gehören: einerseits die herrschenden Eliten teils als vom „Volk“ losgelöste, egoistische Interessen verfolgende, „entwurzelte“ Kaste, teils als fremde, international organisierte Gruppe (wie die „internationale Hochfinanz“), andererseits die Unangepassten und Asozialen teils als degenerierter, „entarteter“ Bodensatz der Gesellschaft (z.B. sogenannte „Sozialschmarotzer“ oder auch sexuelle Minderheiten), teils als von Außen eingedrungene Fremdkörper (z.B. Migranten).
Dieses „völkische“ Vergemeinschaftungskonzept manifestiert sich in der Regel folgerichtig in entsprechenden Grundhaltungen wie Nationalismus, Rassismus, Elitenfeindlichkeit / Populismus, Antisemitismus" (aus: "Was ist Kryptofaschismus?").
Quellen: http://aluhut-fuer-ken.com/begriff-faschismus.php
"Was ist Kryptofaschismus?" - http://www.antifaschismus2.de/argumente/gegenargumente/256-was-ist-kryptofaschismus
3.6. 10 Strategien der Manipulation – Gehirnwäsche nach Sylvain Timsit bzw. Noam Chomsky
Die '10 Strategien der Manipulation' sind aus zweierlei Gründen für unser Thema bemerkenswert und wichtig: erstens fassen sie Effekte und Methoden gut zusammen, die wir weiter oben bei der Beeinflussung von Individuen bereits kennengelernt haben (Barnum-Effekt, Halo-Effekt usw.), erweitern diese aber auf die kollektive Ebene grosser Gruppen um in der Nachfolge von Bernays und LeBon (s.o.) Propaganda-Tricks darzustellen und zu erklären.
Zweitens stellt die "Entstehungsgeschichte" der '10 Strategien' selber eine Art Manipulation bzw. Propaganda dar: es ist nämlich unklar, ob dieser unten in Auszügen widergegebene Text dem berühmten politisch dem linken Lager zuzuordnenden Linguisten und u.v.a. Occupy-Vordenker Noam Chomsky zuzuordnen ist oder aber dem offenbar mit der 'rechten Szene' Frankreichs sympathisierenden weitgehend unbekannten Autor (?) Sylvain Timsit. Dieses Verwirrspiel das sich in Dutzenden "Kopien" des Textes im Internet zeigt, enspricht in sich bereits einer bewährten Taktik der erfolgreichen Verbreitung politischer Botschaften durch Vernebelung von Quellen und Bezugnahme auf berühmte Persönlichkeiten um sich in deren 'Halo', in deren Heiligenschein sozusagen, zu sonnen und solchermassen präpariert mit grosser Glaubwürdigkeit in Form einer Querfront-Strategie (s.u.) an eine potentiell grosse Leserschaft herantreten zu können. Ich bin diesem Schein nun gewissermassen auch erlegen, begründe die Berücksichtigung dieser 'dubiosen Quelle' aber wie gesagt mit deren grossem Erkenntniswert und griffiger Formulierungsweise.
Einleitend gebe ich ein Statement eines NLP-Autoren wider, der noch eine weitere "Urban Legend" zur weiteren Mythenbildung diese '10 Strategien' betreffend, zum besten gibt:
"Zu den bedeutendsten Arbeiten von Prof. Noam Chomsky gehört unter anderem die Entwicklung der Theorie des Propagandamodells, ein medienwissenschaftliches Modell [hier holpert's sprachlich und inhaltlich ein bisschen...], das den manipulierenden Einfluss der wirtschaftlichen Oberschicht auf die Berichterstattung der Massenmedien in Demokratien beschreibt. Oder auf einfach: Die Manipulation durch die Medien und ihre Strategien als ziel- und zweckdienliches Mittel für die Interessen der Reichen zu fungieren, ohne allerdings dabei Gefahr zu laufen, nicht den demokratischen Konsens zu wahren. Seine gut erforschten und belegten Theorien zur Massenmanipulation fasst Chomsky in einem Ausspruch zusammen: „die Propaganda ist für die Demokratie das, was der Knüppel für einen totalitären Staat ist“ (Chomsky ......... S....-...).
Für einige der zehn Thesen wird ein Manifest als Quelle benannt, das als das Top Secret unter dem Namen: „Silent Weapons for Quiet Wars“ bekannt ist. Der Geschichte nach, soll dieses Papier einmal in einer Mülltonne in einem Flugzeug gefunden worden sein, nach anderen Erzählungen auf einem Flohmarkt irgendwo in den USA. Das Dokument findet bei Freunden der Verschwörungstheorien großen Anklang, ich hingegen habe es ausgebuddelt, weil es tatsächlich ein paar sehr griffige Strategien für effiziente Manipulations-Strategien anbietet" (Rappmund 2014 S.27-28).
Sylvain Timsit (ein französischer Aktivist) und Noam Chomsky zeigen in ihrem Text „10 Strategien der Manipulation” eindrucksvoll auf, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.
In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Timsits Einsichten zu verinnerlichen. Timsit bzw. Chomsky zeigen auf, wie das 'System' beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.
Interessanterweise beruft sich heutzutage auch die 'Neue Rechte' auf diese griffigen "10 Gebote", nachdem diese bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts leider "erfolgreich" angewendet worden waren... Weiter unten gehe ich vertieft auf die Nazi-spezifischen Verschleierungstaktiken ein, wie sie auch an den sog. Pegida-Aufmärschen 2014/15 zu beobachten waren.
1. Kehre die Aufmerksamkeit um
"Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken [schon Marx sprach vom 'Opium fürs Volk' und die alten Römer von 'Brot und Spiele'], um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Aenderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres [hier scheint die typisch biologistische Weltsicht der Konservativen und 'Neuen Rechten' durch].
Gemeint sind hier also Strategien zur Lenkung ganzer Bevölkerungen. Hilfreich dabei ist, dass die Strategien relativ schlicht, plausibel und aus ein wenig Distanz als gut beobachtbar erscheinen.
Gerade Online-Medien laufen Gefahr einseitig und oberflächlich zu werden, mit ihrer meist fragmentierten Themenauswahl und ihrem verkürzten, häufig rahmenlosen Informationsbombardement in Form von Info-Häppchen.
Aus demokratischer Sicht wäre wichtig, dass keine Allein-Herrschaft einer dominanten Gruppe entsteht, sondern dass viele unterschiedliche Akteure, die ihren Einfluss einigermaßen ausgeglichen ausüben, im parlamentarischen Wettstreit um die besten Lösungen ringen und kompromissfähig sich auf Gesetze einigen.
Diese gesunde Konkurrenz der Ideen und Konzepte wird unterlaufen, wenn eine einzelne Partei oder Interessenvertretung mittels Lobbying, Einsatz grosser Geldmittel, einer Dauerpräsenz in den Medien und/oder verzerrter Wiedergabe von Themen mit bewirtschafteten, unlauteren oder unbewiesenen Schein-Zusammenhängen, Manipulationsstrategien anwendet um die Bevölkerung einer Schafherde gleich auf ihre Seite zu ziehen.
2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt [die Psychologie sagt Konditionierung dazu...]. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine Verschärfung der Rechtsnormen und Gesetze auf Kosten der eigenen Freiheit akzeptiert [aktuell zu beobachten in der Türkei: Anschläge auf Kurden um den Wahlkampf in Richtung 'Law and Order' zu beeinflussen]. Oder kreiere eine Wirtschaftskrise um eine radikale Beschneidung der Grundrechte und die Demontierung der Sozialdienstleistungen zu rechtfertigen [hierzu zählen auch die zahlreichen Lockerungen im Online-Bereich, Vorratsdatenspeicherung, um die Bevölkerung besser überwachen zu können unter dem Vorwand erhöhter Sicherheit].
3. Stufe Aenderungen ab
Verschiebe die Grenzen von Aenderungen stufenweise, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr. Auf diese Weise setzte man in den Jahren 1980 und 1990 die neuen radikalen sozio-ökonomischen Vorraussetzungen durch (Neoliberalismus): Ein Minimum an Zeugnissen, Privatisierung, Unsicherheit, und was der nächste Tag bringt, ist Elastizität, Massenarbeitslosigkeit, Einfluss auf die Höhe der Einkünfte, das Fehlen von Garantie auf gerechte Lohnarbeit.
4. Aufschub von Aenderungen
Eine effektive Möglichkeit auf Akzeptanz einer von der Gesellschaft ungewollten Aenderung ist es, sie als „schmerzhaftes Muss“ vorzustellen, damit die Gesellschaft es erlaubt, sie in Zukunft einzuführen. Es ist einfacher zukünftige Opfer zu akzeptieren, als sich ihnen sofort auszusetzen. Zudem hat die Gesellschaft die naive Tendenz negative Veränderungen mit einem „alles wird gut“ zu umschreiben. Diese Strategie gibt den Bürgern mehr Zeit sich der Aenderung bewusst zu werden und die Akzeptanz in eine Art der Resignation umzuwandeln.
5. Sprich zur Masse, wie zu kleinen Kindern
Die Mehrheit der Inhalte, die an die Oeffentlichkeit gerichtet werden, werden durch Art und Weise der Verkündung mißbraucht: Sie sind manipuliert durch Argumente oder sogar durch einen gönnerhaften Ton, den man normalerweise in einer Unterhaltung mit Kindern oder geistig behinderten Menschen verwendet. Je mehr man seinem Gesprächspartner das Bild vor den Augen vernebeln will, umso lieber greift man auf diese Technik zurück. Warum? Wenn du zu einer Person sprichst, als ob sie 12 Jahre alt wäre, dann weil du ihr genau das suggerieren möchtest. Sie wird mit höchster Wahrscheinlichkeit kritiklos reagieren oder antworten, als ob sie tatsächlich 12 Jahre alt wäre.
6. Konzentriere dich auf Emotionen und nicht auf Reflexion
Der Missbrauch des emotionalen Aspektes ist eine klassische Technik um eine rationale Analyse und den gesunden Menschenverstand eines Individuums zu umgehen [hierin waren die NS-Demagogen besonders effektiv]. Darüber hinaus öffnet eine emotionale Rede Tür und Tor Ideologien, Bedürfnisse, Aengste und Unruhen, Impulse und bestimmte Verhaltensweisen im Unterbewusstsein hervorzurufen.
7. Versuche die Ignoranz der Gesellschaft aufrechtzuerhalten
Die Masse soll nicht fähig sein, die Methoden und Kontrolltechniken zu erkennen. Bildung, die der gesellschaftlichen Unterschicht angeboten wird, soll so einfach wie möglich sein, damit das akademische Wissen für diese nicht begreifbar ist.
8. Entfache in der Bevölkerung den Gedanken, dass sie durchschnittlich sei
Erreiche, dass die Bürger zu glauben beginnen, dass es normal und zeitgemäß sei dumm, vulgär und ungebildet zu sein.
9. Wandle Widerstand in das Gefühl schlechten Gewissens um
Erlaube es, dass die Gesellschaft denkt, dass sie aufgrund von zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldigen ihres Nicht-Erfolges sind. Das „System“ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei und mindert damit dessen Selbstwertgefühl. Dies führt zur Depression und Blockade weiteren Handelns. Ohne Handeln gibt es nämlich keine Revolution!
10. Lerne Menschen besser kennen, als sie sich selbst es tun
In den letzten 50 Jahren entstand durch den wissenschaftlichen Fortschritt eine Schlucht zwischen dem Wissen, welches der breiten Masse zur Verfügung steht und jenem, das für die schmale Elite reserviert ist. Dank der Biologie, Neurobiologie und der angewandten Psychologie erreichte das „System“ das Wissen über die menschliche Realität im physischen als auch psychischen Bereich. Gegenwärtig kennt das „System“ den Menschen, den einzelnen Bürger, besser als dieser sich selbst und verfügt somit über eine größere Kontrolle des Einzelnen.
Originalquelle: Sylvain Timsit - Découvrez l’Alchimiste en Vous (Detailangaben s.u.)
Es sind nicht alle beschriebenen Phänomene bewusst und aktiv manipulativer Art, es gibt viel 'strukturelle Propaganda' durch Weglassen bzw. Aufbauschen durchaus wahrer Geschehnisse, die verzerrt wiedergegeben werden Kraft der visuellen Bilder v.a., wie wir weiter unten noch sehen (sic!) werden. Propaganda welche als Struktur in eine Rechtsform (z.B. Verfassungsänderung in der Türkei im Frühjahr 2017) gegossen wird, ist selbstverständlich sehr gefährlich und hat oft zum Ziel autoritäre Machtverhältnisse über Jahrzehnte zu etablieren.
Medienprodukte allesamt als "Lügenpresse" (ein 'Pegida' und NS-Slogan!) zu bezeichnen ist auch hier wiederum zu kurz gegriffen und selber ein Beispiel für Propaganda.
Ich möchte daher unserem Grundschema entsprechend unterscheiden zwischen aktiver, dynamischer Propaganda im Sinne des bewusst-geplanten Lügens und Vortäuschens falscher Tatsachen und passiv-struktureller 'Gewalt' als Manipulation im quantitativen Sinne des Ueberschwemmens mit Werbung, des Einsatzes grosser Geldmittel etc.
So richtig demagogisch und gefährlich für eine Gesellschaft wird es dann, wenn beide Formen zusammen auftreten, also die bewusste Manipulation der Massen z.B. im Bernayschen Sinne (s.o.), kombiniert mit 'schwarzen Kassen' und dem Aufgebot riesiger personeller und materieller Ressourcen, wie es im modernen Wahlkampf leider üblich geworden ist. Letzteres Phänomen trägt laut Crouch stark zur Entstehung von 'Postdemokratie' (Wahlen als reine Unterhaltungs- und Werbeveranstaltung) bei, wie wir im Demokratiekapitel (Kap. 9) noch sehen werden.
Wir dürfen uns im 21. Jahrhundert also nicht in Selbstzufriedenheit zurückziehen, sondern sollten dem Motto "wehret den Anfängen" folgend, aufmerksam bleiben, v.a. wenn es um eine sich anbahnende Kumulation struktureller (Geldmittel, Ressourcen) und dynamischer Propaganda (aktive Verbreitung von falsch dargestellten Inhalten) geht. Wenn eine Partei immer mehr nur noch Themen bewirtschaftet und einseitig monopolisiert statt zu konstruktiven Lösungen beizutragen, gilt es aufzupassen, dass diese Kräfte nicht aus dem demokratischen Prozess hinausfallen und zu entweder vordemokratischen ('Mittelalter') oder aber zu postdemokratischen Gruppierungen (grosse Gefahr der 'Postmoderne') werden, die kraft der Propaganda irgendwann nicht mehr aufzuhalten sind. Um Beispiele solcher Art zu finden muss man gar nicht unbedingt zur NSDAP zurückgehen, es gibt diese Bewegungen weg vom demokratischen Weg aktuell in Ungarn, in Russland oder auch in der Türkei.
"10 Strategien der Manipulation revisited":
In einer genauer ausformulierten Fassung obiger Strategien präsentiert der Telepolis-Journalist Jascha Jaworski Timsits Manipulationsstrategien im, wie er es nennt "eigenadaptierten, mit Beispielen angereicherten Durchlauf" (Jaworski 2013), den ich hier sinngemäss, das obige ergänzend, widergebe:
zu Strategie 2: Der forcierte Zyklus von Problem, Reaktion und Lösung
Wenn jemand das Auto absichtlich zu tanken vergisst, in der Hoffnung, dass so die ungeliebte Verabredung für die Oper ins Wasser fällt, mag von einer Mogelei die Rede sein. Wenn jedoch Gesellschaftsprobleme geradezu fabriziert werden, um in der Bevölkerung ein spezifisches Orientierungsbedürfnis hervorzurufen, das dann eine Lösung in die von Anfang an gewünschte ideologische Richtung ermöglicht, wird ein schweres Verbrechen begangen, besonders dann, wenn sich die Lebensbedingungen der Menschen hierdurch verschlechtern.
Neoliberale Ideenträger sind hierbei sehr begabt, wie sich etwa am Beispiel der staatlichen Finanzierungsbasis zeigen lässt, die zunehmend zerstört wurde, wodurch die öffentlichen Schulden in die Höhe schnellten und unter Schützenhilfe von Medien und Unternehmerlobbies die nötige Angst erzeugten, um falsche Lösungen in Form von Schuldenbremsen durchzusetzen. Diese führen schließlich zu Folgeproblemen (Finanzierungsengpass, Wirtschaftsstagnation, weiterer Staatsschuldenanstieg), die als nachfolgende Lösung dann das altbekannte Privatisierungskonzept revitalisieren, zunehmend jedenfalls das Einflussfeld für das (massiv konzentrierte) Privatkapital stark erweitern dürften.
Das bedeutet: Privatisierung und Deregulierung und ein Kürzen der Staatsausgaben. Widerstand gegen das Abspecken des Staates auf der Ausgabenseite kommt von der Bürokratie und den Subventionsempfängern.
"Naomi Klein hat derartige Vorgehensweisen in ihrem Buch unter dem Titel “The Shock-Doctrine” an zahlreichen Beispielen aufgezeigt. Wer sich nun vor Augen hält, welchen Informationsvorsprung Eliten gegenüber ihren abgelenkten Bevölkerungen haben, besonders wenn Massenmedien als “vierte Gewalt” unter Ressourcenknappheit, sowie Faktoren der Kapitalbindung und unter Gesinnungsgleichklang agieren, braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, wie leicht sich Krisen, Katastrophen und sonstige Probleme in vielen Bereichen verschärfen und nutzen lassen" (Jaworski 2013).
zu Strategie 5: Anrede in Kindersprache
Will man unangenehme Inhalte verkünden, wird in der Politik einerseits gern auf Nullbotschaften zurückgegriffen, in denen verklausuliert und fehlbetont wird, so dass sich Beliebiges in das Gesagte hineindeuten lässt, jedoch ohne gezieltes Nachfragen – das häufig nur durch das Nadelöhr gestattet wird - keine Angriffsfläche für ernstzunehmende Kritik aufkommt.
Wird die Bevölkerung hingegen direkt angesprochen, bietet es sich an, das kollektive Gegenüber in die Kinderrolle zu zwängen, indem eine schlichte Sprache, die auf relevante Details verzichtet, in einen gönnerhaften oder auch fürsorglich-mitfühlenden Ton gekleidet wird. Menschen werden früh daran gewöhnt, bestimmten Rollenmustern zu entsprechen, die durch Umgebungsreize aktiviert werden. Und gerade in einer stark konservativen Gesellschaft, der klare Hierarchien und Verhaltensmuster eingraviert sind, dürfte diese Technik den gewünschten Erfolg in Form von Nicht-Hinterfragung und vertrauensseliger Hinnahme erzielen.
zu Strategie 6: Reflexionen durch Emotionen ersetzen
"Was gemeinhin als "Denken" bezeichnet wird, ist eine Fähigkeit, die evolutionsgeschichtlich recht jungen Datums ist. Der Grundstock des menschlichen Geistes ist ein emotionaler [Stichworte: Limbisches System, Amygdala, Kap.4], der auch über solche Wege zum Urteilsvermögen führt, an deren Toren Wächter der Vernunft ihren Dienst schlicht verweigern [Stichwort: Schnelles Denken bei Kahnemann, vgl.Kap.6].
Wirken die Inszenierung der heilen Familie oder das Dankeswort an die lächelnde Frau samt Kindern in US-präsidentiellen Auftritten dann doch eher plump auf viele Menschen hierzulande [vgl. Meyer-Zitate in Kap.9], so werden das Seriösität ausstrahlende Brillengestell eines Frank-Walter Steinmeier, die mütterliche Physiognomie von Frau Merkel oder auch das mit "Modernität", "Nachhaltigkeit" und "Verantwortung" assoziierte Label der Grünen trotz langfristiger und systematischer Verprellung der Mehrheit leider weiterhin von dieser Mehrheit gewählt.
Hier dürften prähistorische Wesenszüge einerseits und moderne PR- und Markenbildungstechniken andererseits ineinander greifen, so dass in Abstimmungen und an Wahlurnen eigentlich zwei Stimmzettelkästen platziert werden müssten: einer für die Fragestellung, ob Frau Merkel eine irgendwie beruhigend pflichtbewusste Mütterlichkeit ausstrahlt, und einer für die Fragestellung, ob Renten und Sozialleistungen europaweit gesenkt, Ungleichheit und Arbeitslosigkeit rasch zunehmen, "Wettbewerbsfähigkeit" und Bevölkerungskonkurrenz zum obersten Leitmotiv der Menschheit und deutsche Panzerlieferungen an Diktaturen zwecks Aufstandsunterdrückung zum Normalfall werden sollen" (Jaworski 2013).
Quellen:
Bernays, Edward (2011 3te erw.Aufl.). Propaganda: Die Kunst der Public Relations
http://www.heise.de/tp/druck/ob/artikel/39/39675/1.html 25.10.2015
http://le-bohemien.net/2011/06/16/10-strategien-die-gesellschaft-zu-manipulieren/
Chomsky, Noam im französischsprachigen interdisziplinären Journal 'Les cahiers psychologie politique'.
Online: http://lodel.irevues.inist.fr/cahierspsychologiepolitique/index.php?id=1805
Jaworski, Jascha (2013). "10 Strategien der Manipulation revisited". Ein Kommentar im Online-Magazon 'Telepolis' vom 10.08.2013 - https://heise.de/-3400057
Rappmund, Eike (2014). Handbuch und Workbook Manipulation - www.handbuch-manipulation.de
Timsit, Sylvain - Découvrez l’Alchimiste en Vous - http://alchimie.over-blog.com/article-0-58212003.html - Deutsche Erstübersetzung und Korrektur: Patryk Kopaczynski, Eve Bugs
TEIL IV - Digitale Propaganda und 'Facebook-Esoterik' als Kernelemente der 'Neuen Rechten'
In diesem Unterkapitel soll es um die seit ein paar Jahren erst aufgekommenen digital-technischen Möglichkeiten der Information bzw. Desinformation gehen, um Medieneffekte also:
Wie wir in den vorangegangenen Kapiteln erfahren haben, ist
"Die Wirklichkeit nur noch ein Simulakrum, ein reines Trugbild, meint zumindest Jean Baudrillard, der das Reale in Agonie versinken sieht (vgl. Baudrillard 1978).
(...) Das Paradoxe daran: Auf der einen Seite werden wir durch den immensen Ausbau der Massenmedien immer mehr und immer schneller informiert, auf der anderen Seite können wir diesen 'overkill' an Nachrichten und Bildern nicht mehr verarbeiten und werden orientierungslos. Die Information wird zur Desinformation, der Blick auf die Wirklichkeit wird mehr verstellt als erhellt" (Krempl 1996 S.13).
4.1. Virtuelle Erscheinungsformen des Rechtsextremismus: Propaganda 2.0 - Filter-Bubbles - Social-Media - Netz-Hass und Verschwörungstheorien
„Rechtsextremismus ist längst keine Randerscheinung mehr.
Von der Oeffentlichkeit weitgehend unbeachtet sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen.
Der Rechtsextremismus beginnt langsam, die Alltagskultur zu durchdringen.
Es ist eine Graswurzelrevolution, die die Zivilgesellschaft bedroht“
(Bundeszentrale für politische Bildung 2014, Abs.1)
Kein Wunder, bedienen sich Propagandisten jeglicher Couleur verschiedenster Medien, mit Vorliebe den sog. "sozialen" unter ihnen. Dies, weil in diesen bisher ein Wildwuchs an "Alternativen Fakten" (O-Ton der Sprecherin von Donald Trump im Januar 2017, seither ein geläufiger Begriff!) möglich wurde, wie er in den 'alten' Print-Medien nie in diesem Ausmass möglich geworden wäre. Ich werde im folgenden Stimmen aus den letzten Jahren zu Worte kommen lassen um real existierende Gegenwart und mögliche Zukunft in Bezug auf die Verbreitungsmöglichkeiten esoterisch-populistischer bzw. 'neu-rechter' Inhalte etwas zu skizzieren. Die philosophischen und technischen Grundlagen dazu (u.a. Heideggers 'Ge-stell') werden im Technik-Kapitel 7 nachgereicht und vertieft.
Facebook - Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe
Mehr als anderthalb Jahre liess der SZ-Journalist Simon Hurtz (Jg. 1989, Redakteur im Digital-Team) seine selber kreierte Kunstfigur "Tim" als AfD-Sympathisant im Selbstversuch im sozialen Netzwerk Facebook Erfahrungen über das "Emotionale Filter-Bubble-Propagandieren" (M.F.) in neurechten 'Echokammern' (ein Ausdruck von Eli Pariser) sammeln. Ich gebe im folgenden ein paar seiner Erkenntnisse wider:
- Die Themen wiederholen sich
"Fast alle Beiträge in meiner Facebook-Timeline lassen sich auf drei Narrative reduzieren:
- Die Politiker führen uns hinters Licht
- die Medien belügen uns
- die Flüchtlinge nehmen uns zuerst die Arbeitsplätze und dann das ganze Land weg.
Jedes politische Ereignis wird so umgedeutet, dass es in eine dieser Kategorien passt. Die Ausschreitungen beim G-20-Gipfel? Bewusst von der "Systempresse" angestachelt und verharmlost. Die Ehe für alle? Homosexuelle und Muslime haben sich verbündet, um Deutschland endgültig zu ruinieren. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz? Der Versuch von Heiko Maas, Kritiker mundtot zu machen und abweichenden Meinungen zu zensieren.
Einig sind sich Tims Freunde in ihrem Hass auf die Türkei, der sich nicht nur gegen Recep Tayyip Erdogan, sondern auch gegen Deutschtürken richtet, die für ihren Präsidenten auf die Straße gehen. "Abschieben!" ist noch die harmloseste Forderung. Während Merkel, Erdogan und die EU als gemeinsame Feindbilder dienen, gelten Trump und Putin als vorbildliche Staatenlenker. Insbesondere Trumps Versuch, Menschen aus überwiegend muslimischen Ländern die Einreise zu verweigern, stößt auf große Zustimmung.
Auffällig oft sehe ich Beiträge von Tierschutz-Seiten, die gegen rituelle Schächtungen protestieren, wie sie Juden und Muslime praktizieren. Beim Umweltschutz ist Tims Facebook-Blase etwas inkonsequent: Die Angst vor genveränderten Lebensmitteln ist groß, der Klimawandel gilt dagegen gemeinhin als Erfindung von Medien und Politikern.
- Quellen werden nicht hinterfragt
Obwohl ich keine Likes an Seiten verteilt habe, die eindeutige Falschmeldungen verbreiten und bewusst Hass gegen Fremde schüren, tauchen sie regelmäßig in meinem Newsfeed auf. Immer wieder sehe ich etwa Links zu Anonymousnews.ru, den Netzfrauen oder Halle Leaks, die teils erfundene, teils grob verzerrte Meldungen verbreiten. Die meisten Nutzer scheinen nur die Überschriften zu lesen. Kaum jemand bezieht sich auf Inhalte im Text, niemand prüft die Faktengrundlage der Nachrichten oder interessiert sich für Originalquellen.
Weitere wichtige Medien sind etwa das Compact Magazin, RT Deutsch, Sputnik, die Junge Freiheit, Epoch Times, Jouwatch, KenFM, Politically Incorrect und das Portal Unzensuriert.at. Viele dieser Seiten nehmen reale Ereignisse als Anlass, um Stimmung gegen die verhasste "Troika" (Politiker, Medien, Flüchtlinge) zu machen. Wer den Meldungen hinterherrecherchiert, wird schnell skeptisch - für Zweifel oder gar Widerspruch ist in Tims Echokammer kein Platz.
- Geteilt wird, was ins Weltbild passt - inklusive "Lügenpresse"
Menschen fällt es schwer, einmal gefasste Ueberzeugungen anzuzweifeln. Sie tendieren dazu, ihre Weltsicht für die einzig richtige zu halten und blenden Informationen aus, die ihrer Meinung widersprechen. Nachrichten werden so interpretiert, dass sie die eigenen Erwartungen und Vorurteile bestätigen. Psychologen nennen diese Neigung "Confirmation Bias". Sie würden sich über Tims Timeline freuen: Deren Zusammensetzung untermauert die Theorie der Kognitionswissenschaftler eindrucksvoll.
Für Medien wie SZ.de, Spiegel Online oder Zeit Online haben Tims Freunde viele Namen: "Lügenpresse", "Systemmedien", "Propagandaschleudern". Das hindert sie nicht daran, Links zu diesen Seiten zu teilen, wenn diese ins Weltbild passen. Meist sind es nüchterne Meldungen, häufig unveränderte Agenturberichte der dpa, wie sie etwa auf SZ.de automatisch erscheinen. Wenn "selbst die Süddeutsche Zeitung" über Straftaten berichtet, die mutmaßlich von Ausländern begangen wurden, dann könne das ja nur die Spitze des Eisbergs sein, schreiben manche. Vielen anderen fällt die Quelle erst gar nicht auf. Sie lesen die Ueberschrift und teilen die Meldung mit einem wütenden Kommentar.
Auch die AfD selbst verweist überwiegend auf große Medien: Das Projekt "Neurechtewelt" sammelt wöchentlich die beliebtesten Posts auf der Facebook-Seite der AfD. Es dominieren Seiten wie Focus Online und die Welt, die Partei verlinkt aber ebenso auf Spiegel Online, Zeit Online oder SZ.de und erhält dafür Tausende Likes.
Faktenchecks? Unerwünscht. Wut? Ueberall. Die Wirkung? Erschreckend.
- Gegenrede und Richtigstellungen sind zwecklos
"Zur Deeskalation: Hamburger Polizei fährt Atomrakete auf". Das klingt nicht nur wie eine Schlagzeile des Postillon, das ist auch eine. Trotzdem haben am vergangenen Wochenende Dutzende von Tims Freunden die Meldung ernst genommen und geteilt. Selbst auf Seiten wie "Wir für Deutschland" und "Freie Medien", die den Link als Satire kennzeichnen, finden sich etliche Kommentare wie "Schmeisst die politiker ins Gefängnis und wir haben Weltfrieden", "Wo sind unsere Soldaten Panzer los und schießen Feuer frei auf das Pack" oder "Merkel und ihre Brut is wie Honecker. Die würde auch alles niederschiessen lassen um an der Macht zu bleiben. Honecker hat man davon gejegt....Jetzt ist das Volk gefragt. ...".
Vorsichtig versuche ich, Tims Facebook-Bekanntschaften darauf hinzuweisen, dass sie eine Satire-Seite ernst nehmen. Sie ignorieren die Kommentare. Niemand antwortet, niemand löscht den Link. In der Zwischenzeit haben die meisten mehrere andere Meldungen geteilt, längst gibt es neue Nachrichten, über die man sich aufregen kann. Zurück bleibt nur das Gefühl: Das Establishment hat sich gegen das Volk verschworen, wir müssen uns wehren.
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus den vergangenen Monaten. Immer wieder habe ich versucht, eindeutige Falschmeldungen richtigzustellen, etwa Gerüchte über vermeintliche Verbrechen von Flüchtlingen. Dabei ging es nicht um zugespitzte Behauptungen, die auf realen Ereignissen basieren. Ich habe ausschließlich frei erfundenen oder nachträglich korrigierten Behauptungen widersprochen, wie sie sich auch rund um den G-20-Gipfel zuhauf verbreiteten. Die Resonanz auf die Bemühungen: keine.
- Wut und Schadenfreude dominieren
Facebook-Nutzer können mit sechs unterschiedlichen Emojis auf Beiträge reagieren. Neben dem bekannten blauen Daumen sind das ein rotes Herz oder Gesichter, die lachen, weinen, vor Wut rot anlaufen oder erstaunt den Mund aufreißen. Für Liebe ist in Tims Timeline kein Platz. Seinen Freunden reichen meist zwei Emojis: "Haha" oder "Wütend". Wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, antworten viele mit Schadenfreude. Wenn Flüchtlinge Straftaten begehen, drücken sie ihre Wut mit einem Klick auf das zornesrote Gesicht aus. Das sind Extrembeispiele, die aber gut verdeutlichen, nach welchen Mustern die Reaktionen meist ablaufen. Das spiegelt sich auch auf der Facebook-Seite der AfD. Betrachtet man die erfolgreichsten Posts, dominieren lachende und wütende Emojis.
Generell sind Emojis - und Satzzeichen - ein wichtiges Kommunikationsmittel. Tims Freunde unterstreichen ihre Meinung gerne mit vielen Ausrufezeichen. Lange Antworten sind selten, meist hinterlassen sie kurze Kommentare, die sich nur selten aufeinander beziehen ("Gut so!", "Skandal!"). Wenn überhaupt, bestätigen sich die Kommentatoren und schaukeln sich gegenseitig hoch, bis aus einem "Einsperren oder Abschieben!" die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe wird.
Facebook ist sicherlich keine ideale Plattform, um sachlich zu diskutieren. In sozialen Medien zählen Argumente oft weniger als Emotionen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass meine echten Facebook-Kontakte eher am Austausch interessiert sind als die Menschen, mit denen Tim digitale Freundschaft geschlossen hat. Die ersten Kommentatoren geben den Tonfall vor, von da an ist die Richtung klar. Abweichende Meinungen werden ignoriert oder niedergebrüllt. In anderthalb Jahren habe ich keine einzige Diskussion beobachtet, in der eine der beiden Parteien die Meinung geändert oder zumindest die Argumente der Gegenseite anerkannt hätte.
- Ich verstehe, warum Menschen Angst bekommen und wütend werden
Facebook-Nutzer, die Journalisten beschimpfen, Politiker beleidigen und Flüchtlinge eigenhändig umbringen wollen - daran habe ich mich in den vergangenen zwei Jahren gewöhnt. Mittlerweile bin ich abgestumpft, es gibt einfach zu viele dieser Kommentare. Dennoch haben mich die Ausflüge in die rechte Blase verstört. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Wirkung, die Tims Echokammer auf mich ausübt, wenn ich mich längere Zeit darin aufhalte.
"Syrer überfallen Mitschüler", "Ladendiebstahl: Afghanen im Verdacht", "Joggerin von Asylbewerbern belästigt". Mein Newsfeed ist voll mit solchen Meldungen. Anfangs recherchiere ich ihnen hinterher. Manche wurden von der Hoaxmap widerlegt, bei einigen ist die Quellenlage unklar. Der Großteil aber scheint auf realen Vorfällen zu basieren.
Mein Verstand sagt mir: Wenn Hunderttausende, teils schwer traumatisierte Menschen nach Deutschland kommen, sind darunter auch Ladendiebe, Mörder und Vergewaltiger. Insgesamt sind sie aber nur für einen Bruchteil aller Straftaten verantwortlich. Die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik beruhigen meinen Kopf, nicht aber meinen Bauch. Der fragt sich: Und was, wenn die Rechten recht haben?
Meine politischen Ueberzeugungen haben sich nicht geändert. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass es unsere humanitäre und moralische Pflicht als Globalisierungsgewinner ist, Geflüchtete aufzunehmen, und dass "wir das schaffen". Mittlerweile verstehe ich aber besser, warum das viele anders sehen - und warum diese Menschen ihre Ablehnung so lautstark kundtun. Denn sie tauchen nicht nur für wenige Stunden in eine fremde Filterblase ein, ihr Nachrichtenstrom sieht immer so aus. Wer Facebook als repräsentativen Ausschnitt der Realität betrachtet, bekommt fast zwangsläufig Angst vor dieser Welt, die angeblich von kriminellen Migranten, korrupten Politikern und lügenden Journalisten wimmelt. Diese Facebook-Welt ist eine Dystopie. All das ist keine Entschuldigung für Fremdenfeindlichkeit. Facebook verwandelt tolerante Bürger nicht in Rassisten. Mir hat mein Experiment aber gezeigt, wie erschreckend einfach es ist, sich eine Echokammer zusammenzuklicken, in der Hass entsteht. Hier entwickeln Menschen ein "Wir da unten gegen die da oben"-Gefühl - und ich kann nachvollziehen, woher ihre Wut kommt" (Hurtz 2017 auf SZ-Online).
Quellen:
Hurtz, Simon (2017). Facebook - Sieben Dinge, die ich in der rechten Facebook-Echokammer gelernt habe. SZ Online
- Der Facebook-Faktor - Wie das soziale Netzwerk die Wahl beeinflusst (Jannis Brühl, Katharina Brunner und Sabrina Ebitsch)
- Der Facebook-Faktor - Sueddeutsche Zeitung Online Juli 2017
Thema "Facebook" auf Sueddeutsche Zeitung Online
4.2. Echokammern und Filter-Bubbles
Narzisstische Echokammern und die Identitäre Bewegung
Als "Identitäre Bewegung" (IB) wird die Gesamtheit mehrerer lose verbundener Gruppierungen bezeichnet, die von der 'Neuen Rechten' entwickelte Ideen des Ethnopluralismus (s.u.) aufgreifen. Ziel dieser Gruppierungen ist die Aufrechterhaltung einer nationalen und/oder europäischen "Identität", die sie von einer befürchteten "Islamisierung" bedroht sehen. Die Bewegung entwickelte sich als "Bloc identitaire" zunächst in Frankreich, später entstanden Gruppierungen in anderen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland und Oesterreich. Deutsche Aktivisten tragen das Symbol Lambda, die Erkennungsfarben sind Schwarz-Gelb. Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen bezeichnete die Bewegung als "virtuelle Erscheinungsform des Rechtsextremismus" mit "bislang wenig Realweltbezug".
(...........)
Von der Friedensbewegung zur rinks-lechts-Pseudo-Montagsdemo-Bewegung des Jahres 2014 und PEGIDA/AfD in den Jahren 2015 und 2016
In einer komplexen Welt kommen einfache Erklärungsmodelle gut an. Weder die historische NSDAP noch die aktuelle NPD lassen sich ohne ein Grundverständnis von antisemitischen Verschwörungstheorien analysieren. Ein geschlossenes Weltbild und klare Feindbilder haben auch 'Pro NRW' und der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik gemein. Ohne Verschwörungsideologien wäre weder die AfD noch die aktuelle Montagsquerfront möglich.
"Mit strahlenden Augen erzählen mir sympathische Menschen, wie friedlich und voller Licht die Welt doch sein könnte. Immer wieder Montags treffen sich in Hamburg diejenigen die davon überzeugt sind selbst Nazis und Diktatoren friedlich lächeln zu können. Voller positiver Ausstrahlung könne man die Welt friedlich revolutionieren, wenn die Menschheit nur endlich aufwache. Nur die FED, ja die FED will das irgendwie nicht. Wie, die Fed, das Zentralbank-System der USA ist der Ursprung aller negativen Energien in der Welt? Ich der fragt, stehe plötzlich als der da, der negative Energie einbringt. Plötzlich krampft sich mein Magen. Alle die sympathischen Menschen Anhänger einer Sekte? Wo ich vor wenigen Sekunden noch positiv mitgerissen war, warnt mich jetzt meine innere Stimme."
Quelle: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2014/04/24/von_der_verschwoerungsideologie_zur_politischen_bewegung_15730
Während es für eine Protestbewegung aber wichtig wäre, sich der vollen Komplexität der Lage zu stellen, erliegen die Teilnehmer der neuen „Montagsdemos“ der populären Versuchung, die multiplen Krisen der Gegenwart als Folge des Handelns weniger, bösartiger Mächtiger zu begreifen. Viele Redner auf den Kundgebungen vermitteln den Eindruck, es sei leicht, Schuldige für Krieg und Krise auszumachen: korrupte Politiker, „die Medien“, gierige Banker und ihre Zinsen, vor allem aber die Nato und die USA.
Diese simple Weltsicht schleicht sich oft dort mit ein, wo vermeintlich unpolitische Bürger für den Frieden und eine gerechtere Welt demonstrieren. Wie schnell eine naive, pseudo-rebellische und unterschwellig ressentimentgeladene Weltsicht in Verschwörungsdenken und Antisemitismus kippen kann, zeigt sich bei den aktuellen Mahnwachen, bei denen selbst die krudesten Ansichten über die Macht der Federal Reserve Bank, den angeblich mit sogenannten Chemtrails vergifteten Himmel oder sogar „die Rothschilds“ und ihren „zionistischen“ Einfluss auf die Presse Zustimmung finden. Wer so redet, darf sich nicht wundern, wenn Neonazis und Reaktionäre aller Couleur zuhören wollen. (Hanning Voigts in der Frankfurter Rundschau vom 4. Mai 2014)
“... über Facebook erfuhr ich nun, dass die Freunde meiner Freunde überzeugt waren, dass gefährliche Giftstoffe sich als weisse Streifen am Himmel niederschlügen [sog. ChemTrails], reptilienartige Aliens in Menschengestalt uns beherrschten, es in Wahrheit gar keine Bundesrepublik gäbe sondern das III. Reich fortbestünde und die „FED“, also das amerikanische Zentralbanksystem, seit mehr als 100 Jahren das Weltgeschehen steuere, für alle Kriege verantwortlich sei und letztlich – wie fast alle anderen Zentralbanken der Welt – von der Familie Rothschild und wenigen anderen beherrscht würde [letzteres ein klassisches und alt"bewährtes" faschistisches Propaganda-Bauteil].”
Quelle: Andreas Hallaschka - Friedensdemo sorgt für Unfrieden
Verschwörungsideologie: Hier wird keine Theorie mehr in die Diskussion eingebracht, die ich hinterfragen und gegebenenfalls mit einer Antithese widerlegen kann, sondern ein geschlossenes Weltbild: Entweder man ist deren Meinung oder man steht auf der Seite des Feindes. Hier haben wir den zweiten Ansatz von Verschwörungsideologien neben dem einfachen Weltbild: Das Feindbild. Aus Verschwörungstheorien und Zentralsteuerungshypothese schmilzt eine neue Ideologie zusammen, die Sündenböcke klar benennt oder diese neblig umschreibt. (Roland Sieber im Zeit-Störungsmelder, s.o.)
Verschwörungstheorien (VT)
Verschwörungsideologien konstruieren über ihr Freund/Feind-Schema und ein dualistisches Weltbild eine solidarisierte Gruppenidentität für die „ingroup“ der „guten“ Nichtverschwörer gegen die „outgroup“ der vermeintlichen „bösen“ Verschwörer. Aufgestaute Aggressionen werden mittels Verschwörungstheorien auf einen ideologischen Sündenbock, das einheitliche Feindbild, gesteuert. Aehnlich wie religiöse oder esoterische Weltanschauungen bieten Verschwörungsideologien durch ihre Integrations- und Abgrenzungsfunktion einen Orientierungsrahmen und stiften Ueberlegenheitsgefühle, welches das Selbstwertgefühl gegenüber den „Feinden“ und Nicht-Gläubigen steigert.
»Die Kategorisierung nach dem Gut-Böse-Schema war in der kulturellen Evolution der Menschheit gegenüber Alternativmodellen mit deutlichen Selektionsvorteilen verbunden. Kulturen, die „die anderen“, „die Fremden“, „die Abweichler“ mit dem Signum des Bösen versahen, konnten sich im globalen Wettstreit besser durchsetzen (das heißt: ihre Meme erfolgreicher kopieren) als jene, die mehr oder weniger unvoreingenommen auf Fremde zugingen. […] Der in der Geschichte wirksam gewordene Selektionsvorteil des Gut-versus-Böse-Komplexes ist darauf zurückzuführen, dass er mit zwei miteinander verzahnten Wirkungen verbunden ist: Erstens grenzt er den empathischen Eigennutz auf Ingroup-Mitglieder ein, was den Gruppenzusammenhalt stärkt. Zweitens setzt er das Empathievermögen gegenüber Outgroup-Personen“ herab, sodass diese auch entmenschlicht werden können (siehe Beispielsweise Reptilienmenschen-Verschwörungstheorien).
Wohin es im Extremfall führen kann wenn man eine bestimmte Menschengruppe als das personifizierte Böse – in seiner Extremform bis zur Entmenschlichung - darstellt, das wissen wir aus der deutschen Geschichte nur allzu gut. »Die Eliminierung „des Juden“ erscheint aus der Perspektive des antijüdischen Memplexes, der die Vorstellungswelt Hitlers prägt, als die entscheidende Maßnahme zur Sicherung des Friedens und zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit: Die Entfernung des „im Juden“ verkörperten „radikal Bösen“ gilt ihm als Schlüsselweg zum Sieg „des Guten“«. (Michael Schmidt-Salomon: Jenseits von Gut und Böse)
Und letztendlich sind Verschwörungsideologien auch immer Mittel zum Zweck um Eigenverantwortung abzugeben. Terry Pratchett schreibt in seinem Roman 'Fliegende Fetzen' über die fingierte Verschwörung:
»Es war viel einfacher, sich Männer in irgendeinem verrauchten Zimmer vorzustellen, von Privilegien und Macht um den Verstand gebrachte Personen, die voller Zynismus steckten und beim Brandy Intrigen spannen. An einem solchen Vorstellungsbild klammerte er sich fest. Sonst musste er sich der unangenehmen Tatsache stellen, dass schlimme Dinge passierten, weil ganz gewöhnliche Leute – Menschen, die den Hund bürsteten und ihren Kindern Gutenachtgeschichten erzählten – fähig waren, auf die Strasse zu gehen und Schreckliches mit anderen ganz gewöhnlichen Leuten anzustellen. Ja, es war viel einfacher, Verschwörern die Schuld zu geben. Wie deprimierend, in diesem Zusammenhang “Wir” zu denken. Wenn Sie dahinterstecken - dann trifft uns überhaupt keine Schuld. Aber wenn das Wir der Wahrheit entspricht - Was bedeutet das für das Ich? Immerhin gehöre ich zu den Wir. Es käme mir nie in den Sinn, mich für einen von Ihnen zu halten. Niemand glaubt, einer von Ihnen zu sein. Jeder von Uns ist ein Teil des Wir. Für die schlimmen Dinge sind Sie verantwortlich (Pratchett).«
Die sog. 'Friedens-Mahnwachen' der Jahre 2015/15 sind ein Hort für Verschwörungsideologien verschiedenster Couleur. Die Anzahl an Feindbildern von Illuminaten über Freimaurer und „Zionisten“ bis zu Reptilienmenschen ist kaum noch zu überblicken. Gemeinsam haben all diese Feindbilder, dass sie in den Augen der Verschwörungideologen das absolute Böse repräsentieren und sich für alles Schlechte der Welt verantwortlich zeichnen. Die Fiktion „des Bösen“ reduziert die komplexen Ursachen der Entstehung von Uebeln auf die Wirkmacht einer einzigen diabolischen Kraft, konstruiert Zusammenhänge, wo keine vorhanden sind, und schafft so den Nährboden für Verschwörungstheorien jeglicher Art.
In verschwörungsideologischen Argumentationen steht der Täter in der Regel schon vor der Prüfung der Sachlage fest. Man verfährt hier quasi nach dem Sündenbockprinzip. Die Schuldigen bzw. die Täter stehen von vornherein fest und man spinnt Verschwörungstheorien als vermeintliche „Beweisführungen“. »Es wird ein strikt dualistisches, schwarz-weisses Weltbild mit klarer Rollenverteilung zwischen Gut und Böse gezeichnet: „die Mächtigen“ gegen „das Volk“, „die da oben“ gegen den „kleinen Mann“, das herrschende Unheil gegen das verlorene Heil. Die mit berückender Einfachheit scheinbar alles kohärent erklärende Kraft dieses mythischen Deutungsmusters bietet einen Ausweg aus der frustrierenden Mühseligkeit und Unzulänglichkeit rationaler Erklärungsversuche angesichts einer zunehmend unübersichtlichen und undurchschaubar erscheinenden Welt.«
Links und Quellen:
Wie faschistisch sind die Infokrieger?
Pietsch, Carsten (2004). Zur soziologischen Topographie von "Verschwörungstheorien" und "Verschwörungstheoretikern" unter besonderer Berücksichtigung der Anschläge vom 11. September. Online: http://www.carsten-pietsch.de/verschwoerungstheorien.pdf
Troll-Studie: Sadistisch-narzisstische Netzpsychopathen. Sie sind die Lieblinge eines jeden Online-Redakteurs: Trolle im Netz setzen auf Provokation – eine Studie geht ihrem Naturell nun auf den Grund. 04.03.2014, von FLORIAN SIEBECK
Esoterik als Produkt des neoliberalen Post-Kapitalismus
Es gibt auch Autoren die dem deregulierten Wirtschaftssystem die "Schuld" am Wiederaufflammen antisemitischer und rassistischer Bewegungen geben. Obwohl ich selber eher die Linie eines digital-medial getriggerten Neo-Nazismus vertrete, möchte ich im folgenden den politisch antikapitalisitsch orientierten Stimmen das Wort geben, weil deren Beitrag mir auch wichtig erscheint zur Erklärung dieses hochkomplexen und leider sehr aktuellen Themas der politischen, gesellschaftlichen und medialen Verrohung sowohl auf Seiten der westlichen wie auch der östlichen Extremismen und deren Aktivisten.
Parallelen des religiösen Fundamentalismus und des wirtschaftlichen Neoliberalismus
"Die Attentate in Europa und Amerika sollen den Westen als solchen treffen, seine Lebensart, seine säkulare Kultur. Also kommt der Westen nicht umhin, auch sich selbst zu prüfen" - mit diesen Worten leitet Andreas Zielcke in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 5. April 2016 einen Artikel über die Hintergründe der zunehmenden Gewalt in Europa ein.
„Der fundamentalistische islamische Terror wurzelt nicht darin, dass die Terroristen von ihrer eigenen Ueberlegenheit überzeugt wären, im Gegenteil... Im Unterschied zu wahren Fundamentalisten sind die terroristischen Pseudofundamentalisten vom sündigen Leben der Ungläubigen zutiefst umgetrieben, fasziniert, bezaubert. Man spürt, wie sie ihre eigene Versuchung bekämpfen, wenn sie den sündigen anderen bekämpfen.“ (Slavoj Žižek in 'Die Zeit' vom ... 2015)
„In gewissem Sinn sind die Mörder von heute frustrierte Leute, die unter einer unterdrückten Sehnsucht nach dem Westen
leiden und von ihr gesteuert werden. Sie stellen sich vor, von der antiwestlichen Leidenschaft ergriffen zu sein, sind aber lediglich ein nihilistisches Symptom der unfassbaren Leere des globalisierten Kapitalismus.“ (Alain Badiou 2014 in seinem Buch 'Kapitalismus abschaffen' S.xy)
„Der islamische Fundamentalismus ist eine regressive, gewalttätige Form der Glaubensüberzeugung, die gegen den westlichen Hedonismus und Materialismus gerichtet ist. Im Liberalismus verschwindet der Feind, an seine Stelle tritt der ,Konkurrent‘, der keine Identität zu stiften vermag. Die existenzielle Leere aber, die der globale Neoliberalismus verursacht, lässt den Feind wiederkehren. Sowohl Pegida als auch radikale Muslime teilen die 'Sehnsucht nach dem Feind'. Bei den Islamisten ist der Feind der Westen; bei den ‚patriotischen Europäern‘ von Pegida heißt er Islam.“ (Byung-Chul Han in 'Die Zeit' vom ... 2015)
Quellen:
Badiou, Alain (20xy). .........................
Andreas Zielcke (20xy). ....................................................
Han, Byung-Chul (20xy). 'Sehnsucht nach dem Feind' - in Sueddeutsche Zeitung vom ....
Zizek, Slavoj (20xy). ..........................
Zur Verbindung von Kommerz und Rechtsaussen-Esoterik:
Aluhut für Ken - Sehr gute Linksammlung zu den Montagsdemos 2014
Kersten Artus - Gefährliches Marketing mit dem Protest
:
"Mein Eindruck ist: Jebsen, Mährholz und andere nutzen ihre Fähigkeiten – Reden schwingen, Events organisieren, publizieren, Meinung machen – um über ihre Plattformen und ihre Medien zu füllen und “Traffic zu generieren” – und damit ihren Bekanntheitsgrad und ihren Marktwert zu steigern. Und sie fischen in Milieus, wo Ressentiments gegen Banken und das böse Geld undifferenziert mit dem gesellschaftlich immer noch tief verwurzeltem Judenhass schnell greifen. Ich erinnere mich an die Bewegung, die Helga Zepp-LaRouche initiierte.
Mein Fazit: Ganz grosses Marketing mit dem Protest ist das. Populismus und Verschwörung funktionieren im Kombi-Pack immer noch glänzend, um Menschen emotional zu mobilisieren und zu begeistern. Ich kann nach allem, was ich gelesen habe, und was mir meine politische Erfahrung sagt, nur vor diesen Leuten warnen.
Das ist eine gefährliche Mischung, die da als Gedankengut verbreitet wird. Und ganz offensichtlich wird sie noch nicht ernst genug genommen. Das passiert wahrscheinlich erst, wenn sich eine neue, rechtspopulistische und antisemitische Partei gründen sollte. Dann fragt sich der Mainstream, wie es soweit hatte kommen können."
Formation einer Bewegung - Vom Netz auf die Strasse
Kommerz und Narzissmus - interner Link auf ein anderes Kapitel dieses Buches
4.3. Kommunikationsstrategien der sog. "Neuen Rechten"
Die ‘Neue Rechte’ hat den Rechtsextremismus auch im Bereich der Strategie modernisiert. Statt offen ihre Absichten und Ansichten kundzutun, verklausuliert sie sie oder wendet andere strategische Mittel an.
(Quelle: http://wirwollenkeinenkrieg.wordpress.com/2014/04/10/die-neue-rechte-hat-den-rechtsextremismus-auch-im-bereich-der-strategie-modernisiert-statt-offen-ihre-absichten-und-ansichten-kundzutun-verklausuliert-sie-sie-oder-wendet-andere-st/)
Der folgende Ausschnitt fasst die Strategien der Neuen Rechten zusammen. Die Aufzählung versteht sich natürlich nicht als abgeschlossen. Diese Auflistung stammt ursprünglich aus Natascha Strobls (2012) Diplomarbeit zur 'Neuen Rechten':
"Die ‘Neue Rechte’ hat den Rechtsextremismus auch im Bereich der Strategie modernisiert. Statt offen ihre Absichten und Ansichten kundzutun, verklausuliert sie sie oder wendet andere strategische Mittel an. Die folgende Auflistung versteht sich als Ueberblick über die verschiedenen Strategien. Sie versteht sich nicht als erschöpfend. Die Strategien werden nicht tief gehend und im Detail behandelt, da bei der schieren Mengen der unterschiedlichen strategischen Mittel der Platz nicht ausreichen würde" (Strobl 2012).
1. Mimikry
Mimikry ist ein Verbergen der tatsächlichen Absichten beziehungsweise, wie Aftenberger es beschreibt, keine Selbstverleugnung, sondern die Strategie, bewusst Konzepte nur selektiv auszusprechen, so dass sie an einen gesellschaftlichen Diskurs andocken können (Aftenberger 2007 S.200). Ein Beispiel für rhetorisches Mimikry ist eine Aussage Thora Ruths in der rechtsextremen Zeitschrift der Deutschen in Argentinien La Plata Ruf von 1973:
"Wir müssen unsere Aussage so gestalten, daß sie nicht mehr ins Klischee der ‘Ewig-Gestrigen’ passen. Eine Werbeagentur muß sich auch nach dem Geschmack des Publikums richten und nicht nach dem eigenen. Und wenn kariert Mode ist, darf man sein Produkt nicht mit Pünktchen anpreisen. Der Sinn unserer Aussage muß freilich der gleiche bleiben. Hier sind Zugeständnisse an die Mode zwecklos. In der Fremdarbeiter-Frage etwa erntet man mit der Argumentation ‘Die sollen doch heimgehen’ nur verständnisloses Grinsen. Aber welcher Linke würde nicht zustimmen, wenn man fordert: ‘Dem Grosskapital muss verboten werden, nur um des Profits willen ganze Völkerscharen in Europa zu verschieben. Der Mensch soll nicht zur Arbeit, sondern die Arbeit zum Menschen gebracht werden. Der Sinn bleibt der gleiche: ‘Fremdarbeiter Raus!’ Die Reaktion der Zuhörer wird aber grundverschieden sein" (Feit 1987 S.25).
2. Insinuation
Insinuation heisst, etwas andeuten, so dass alle beziehungsweise die, die es sollen, ganz genau wissen was gemeint ist, ohne es zitierbar wiederzugeben.
Die Methode der Insinuation beruht auf dem Prinzip, etwas in der Sache zu behaupten, ohne es in der Form beweiskräftig behauptet zu haben. Die Eingeweihten wissen, was gesagt werden soll. Gegen jeden Aussenstehenden kann das Gemeinte mit Verweis auf den nackten Wortlaut, wo es angebracht erscheint, bestritten werden (Meyer 1995 S.18).
Die Strategie der Insinuation ist gerichtlich schwer bis nicht zu ahnden (Cremer 1998 S.74). Dementsprechend wird sie verwendet, um verbotene oder gesellschaftlich sanktionierte Inhalte zu transportieren. Empören sich andere darüber, kann auf den reinen Wortlaut verwiesen werden. Besonders die FPÖ wendet diese Methode gerne an. FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl zum Beispiel sagte im österreichischen Nationalrat bei einer Debatte zum Pensionssystem, dass PensionistInnen höhere Pensionen bekommen sollten, da sie das Land aufgebaut hätten. „Sie sind nicht davongelaufen, so wie andere aus aller Herren Länder, die sie verhätscheln“, so Kickl weiter (Empörung über Aussagen von FPö-Generalsekretär Kickl 2011). Im reinen Wortlaut kann Kickl darauf verweisen, dass er ‘nur’ die heutigen Flüchtlinge gemeint habe (was auch eine rassistische und despektierliche Aeusserung wäre). Im Zusammenhang mit den PensionistInnen, die das Land aufgebaut hätten, kann auch der Schluss gezogen werden, dass es sich bei den ‘Davongelaufenen’, um Flüchtlinge zu Zeiten des Nationalsozialismus handelt.
3. Anspielungen
Eine beliebte Strategie ist auch, bestimmte Inhalte nur anzudeuten. Durch Codes und Chiffren werden die Aussagen weniger angreifbar, auch wenn das Publikum genau weiß, was damit gemeint ist (Aftenberger 2007 S.205). Die Strategie der Anspielungen erweitert somit das Feld des Sagbaren auf verdeckte und unterschwellige Art und Weise (Jäger/Jäger S.98).
Der Antisemitismus der ‘Neuen Rechten’ wird nicht offen ausgesprochen, sondern über Codes und Chiffren angedeutet (Aftenberger 2007 S.64). Diese Strategie funktioniert ähnlich wie Insinuation. Hier werden Dinge zwar ausgesprochen, aber durch Codes ersetzt. So ist ‘Ostküste’ ein antisemitischer Code für ‘jüdisches Finanzkapital’ (Bergmann 2005). Dieser Code gilt für die gesamte rechtsextreme Szene.
4. Semantisches Verwirrspiel
Eine weitere Strategie der ‘Neuen Rechten’ ist es, eine Umwertung von Begriffen vorzunehmen. Anstatt einen Begriff (oft der politischen GegnerInnen) völlig zu verbannen, wir dieser mit neuem Inhalt (der durchaus völlig konträr zu dem ursprünglichen steht) gefüllt. Sie bemühen sich, Definitionsmacht über bestimmte Begriffe zu gewinnen und sie in ihrem Sinne umzudeuten (Aftenberger 2007 S.197).
Das geschieht zum Beispiel mit dem Demokratie-Begriff, der identitär umgedeutet wird (Pfahl-Traughber 1998b S.86). Auch der Begriff ‘Gleichberechtigung’ wird umdefiniert anstatt bekämpft. Gleichberechtigt sei eine Frau, wenn sie gemäss ihrer fraulichen Eigenschaften handeln könne und das heisst Mutter sein (Brauner-Orthen 2001 S.64).
Im Sinne des Ethnopluralismus versucht die ‘Neue Rechte’ auch die Begriffe ‘Rassismus’ und ‘Antirassismus’ neu zu besetzen. Rassistisch sei es, Menschen zur Assimilation und überhaupt zum Verlassen ihrer Heimatländer zu zwingen. Antirassistisch sei es, die Leute wieder zurück in ihre Herkunftsländer zu bringen, wo sie ihre Kultur leben könnten (Aftenberger 2007 S.156).
5. Salonfähigkeit
Ein erklärtes Ziel der ‘Neuen Rechten’ ist es, die Grenzen zwischen Rechtsextremismus und demokratischen Meinungen aufzulösen, wie es der Verfassungsschützer Wolfgang Cremer ausdrückt (Cremer 1998 S.73). Dazu zählt es, Gäste aus dem konservativen und liberalen Bereich auf Veranstaltungen einzuladen oder als GastautorInnen zu gewinnen. Die Junge Freiheit wendet diese Strategie erfolgreich bei ihren Kampagnen und Petitionen an, wie zum Beispiel bei jener für Pressefreiheit 1994 (Aftenberger 2007 S.203).
Benthin attestiert der ‘Neuen Rechten’ mit dieser Strategie die Schaffung einer Teilöffentlichkeit, was für die rechtsextreme Szene tatsächlich neu ist. Damit sorgt sie für einen stärkeren Einfluss auf Diskurs und allgemeine Oeffentlichkeit (Benthin 2004 S.234). Günther Nenning ist ein Beispiel für die ‘neu-rechte’ Strategie der Salonfähigkeit. Als vermeintlicher Grüner oder Linker publiziert er rege in vielen ‘neu-rechten’ Magazinen und gibt ihnen somit einen Anstrich von Seriosität (Perner et al. 1994 S.50).
Ein anderes Beispiel ist der Sammelband 'Multikultopia' (1990) des Junge Freiheit-Redakteurs Stefan Ulbrich. Auch Heiner Geissler steuerte, wohl aus Unwissenheit, einen Beitrag dazu bei (Terkessidis 1995 S.82).
6. Querfront
Mit einer Querfrontstrategie versucht die ‘Neue Rechte’ an linke Diskurse und Themen anzuschließen und einen Weg zu finden, wie sich diese Konzepte miteinander (scheinbar) vereinen lassen (Aftenberger 2007 S.201). Um den Anschluss an linke Diskurse zu schaffen, wurde schon in der Beginnphase der ‘Neuen Rechten’ Entwicklungshilfe als Kulturimperialismus und Kolonialismus gebrandmarkt, wie Günter Bartsch beschreibt (Bartsch 1975 S.47). Günther Nenning und seine Publikationen in der 'Aula' werden von rechter Seite als leuchtendes Beispiel der ‘Neuen Rechten’ für eine erfolgreiche Querfrontstrategie in Oesterreich beschrieben (Perner und Purtscheller 1994 S.77).
7. Den Rahmen des Sagbaren erweitern
Eine beliebte Strategie ist die sogenannte 'Salami-Taktik', bei der die Grenzen des Sagbaren nach und nach erweitert werden (Jäger/Jäger S.114). Die ‘Neue Rechte’ versucht, das Sag- und Akzeptierbare immer mehr zu erweitern. Das heisst, Aussagen werden nicht offen rassistisch formuliert, sondern gerade so, dass sie sich innner- oder gerade außerhalb eines akzeptierten Rahmen befinden, so dass dieser erweitert wird (Aftenberger 2007 S.195). So ist der von der FPÖ häufig verwendete Begriff ‘Ueberfremdung’, der direkt an den Nationalsozialismus anschliesst, wieder fest im politischen Diskurs verankert, nachdem er anfangs noch für Empörung gesorgt hat (Dokumentationsarchiv Österreichischer Widerstand 1999).
8. Kein links, kein rechts
Eine weitere Strategie ist es zu behaupten, dass die ‘Neuen Rechten’ fernab eines links-rechts-Konzeptes stehen und von beiden Anleihen nehmen. Damit wollen sie sich aus dem rechtsextremen Eck herausnehmen und sich selbst einen offenen und pragmatischen Anstrich geben (Aftenberger 2007 S.195–196). Ein Beispiel hierfür ist die Extremismustheorie. So fordern etwa Uwe Backes und Eckhard Jesse als Anhänger der Extremismustheorie, dass der Staat eine ‘Aequidistanz’ zu Links- und Rechtsextremismus halten soll. Gerade diese beiden Wissenschaftler publizieren selbst gerne in ‘neu-rechten’ Zeitschriften (Terkessidis 1995 S.227–228).
9. Kulturrevolution von rechts
Alain de Benoist, als Theoretiker dieses Modells, beruft sich in seiner Konzeption von kultureller Hegemonie auf den marxistischen Theoretiker Antonio Gramsci, der seine Gefängishefte im Gefängnis des Mussolini-Regimes schrieb. Die ‘Neue Rechte’ versuchte und versucht sich seine Theorie für ihre Zwecke nutzbar zu machen, indem sie essentielle Teile einfach ignoriert, wie die ökonomische Basis und deren Entwicklungen, die bei Gramsci eine entscheidende Rolle spielen (Aftenberger 2007 S.92). Gramscis Theorie besagt, dass in westlichen Ländern nicht analog zu Russland eine Revolution stattfinden könne, da es eine Zivilgesellschaft gäbe. Diese besteht aus Kirchen, Gewerkschaften, Medien, Vereinen und so weiter. Diese halten den Konsens der Herrschaft aufrecht. Erst wenn diese gewonnen werden, bricht der Konsens und damit die aktuelle Herrschaft, die sich dann nur noch mit Zwang als letztem Mittel behelfen kann. Für eine wahre Revolution bedarf es also intellektueller Vorarbeit. Gramsci lehnte dabei aber keineswegs, wie von Benoist behauptet, das marx’sche Basis-Ueberbau-Modell ab, sondern suchte die dogmatische Betonung der ökonomischen Basis als alleinigen entscheidenden Faktor zu brechen (Pfahl-Traughber 1998a S.6). Die von Benoist geforderte ‘Metapolitik’ will eine Machtübernahme im vorpolitischen Raum. Es geht dabei eben nicht um Parteienpolitik, sondern darum, den Konsens einer Gesellschaft nach rechts zu verschieben (Müller 1995 S.17). Dabei entzieht er Gramsci jegliche marxistische Grundlage. Benoist ignoriert die ökonomische Basis komplett, was Gramsci so nicht getan hat. Gramsci ging es auch nicht um einen bloßen instrumentellen Nutzen. Er wollte am Alltagsverstand der Menschen andocken, um sie moralisch und intellektuell in Erwägung der eigenen sozialen Situation vom Sozialismus überzeugen zu können (Pfahl-Traughber 1998a S.5). Benoist zielt hingegen in einer elitären Strategie auf intellektuelle und mediale Eliten und MultiplikatorInnen, nicht aber auf die ArbeiterInnen wie Gramsci, ab.
10. EntlastungszeugInnen
Eine weitere Strategie ist es, EntlastungszeugInnen für die eigene Aussage anzugeben, die über Zweifel erhaben zu sein scheinen. Aussagen von Juden und Jüdinnen oder MigrantInnen geben scheinbar oder tatsächlich den Ausführungen der ‘Neuen Rechten’ recht. Dadurch müssen diese, nach deren Logik, wahr und immun gegen Kritik sein (Aftenberger 2007 S.203–204). Jäger und Jäger illustrieren diese Strategie mit einem Beispiel, in dem Hans Schirmer in der 'Deutschen Stimme' (der NPD-Zeitung) einen amerikanischen Professor zitiert, der den Deutschen einen ‘Hitler-Komplex’ attestiert, das die Deutschen daran hindere, mit dem Nationsgedanken ins Reine zu kommen (Jäger/Jäger S.75).
11. Relativieren
Die ‘Neue Rechte’ verfolgt nicht mehr die Strategie der Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere der Shoah, sondern versucht, diese zu relativieren. Dies tut sie zum Beispiel, indem sie die Gedenkkultur und Vergangenheitsbewältigung als Strategie zur Selbstgeißelung und zum Kleinhalten der Deutschen sieht, die von den Siegesmächten von 1945 aufoktroyiert worden sei (Weber 1997 S.70). Die Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus passiert dann aber ganz im Stil der Alten Rechten, wie Iris Weber aufzeigt (Weber 1997 S.72).
Eine wichtige Initiative initiierte die ‘Neue Rechte’ am 8. Mai 1995, als sie unter dem Schlagwort „Wider das Vergessen“ den Tag der Kapitulation Deutschlands zu einem Gedenktag für die deutschen ‘Vertriebenen’ umfunktionieren wollte. Viele Persönlichkeiten aus dem konservativen und bürgerlichen Lager unterschrieben den Aufruf zusammen mit ProtagonistInnen der ‘Neuen Rechten’ (Brauner-Orthen 2001 S.29).
12. Delegitimation
Das gezielte Lächerlichmachen der gegnerischen Ideologie, der Institutionen sowie der Symbole ist eine wichtige Strategie der ‘Neuen Rechten’ (Pfahl-Traughber 1998b S.86). Klaus Kunze beschreibt in seinem programmatischen Aufsatz „Wege aus der Systemkrise“, dass die Delegitimation des demokratischen Prinzips die wichtigste Aufgabe der Rechten sei. Tabubruch und gezieltes Lächerlichmachen seien die integralen Bestandteile dieser Delegitimationsstrategie (Pfahl-Traughber 1998a S.9–10). Ein Beispiel dafür ist, dass 'Political Correctness' mit übertrieben religiösen und ethischen Metaphern bedacht und damit auch die Aussage dahinter, also dass Menschen sprachlich nicht diskriminiert werden sollen, delegitimiert wird (Auer 2002 S.295).
13. Erosion
Zielobjekt der ‘Neuen Rechten’, die Baumann im rechtsextremistischen Bereich ansiedelt, ist der innere Rand des Verfassungsbogens. Mit dieser Strategie zielen sie auf eine Erosion zwischen dem Spektrum, das noch im Verfassungsbogen liegt und jenem ausserhalb ab (Baumann 1998 S.101). Es geht also darum, die Grenzen zwischen den verschiedenen Spektren zu verwischen. Diese Strategie baut direkt auf jener der ‘Salonfähigkeit’ auf. Zunächst versuchen sich die ‘Neuen Rechten’ als legitime DiskurspartnerInnen darzustellen, dann wollen sie zeigen, dass ihre Ansichten quasi ident mit jenen des bürgerlichen Spektrums sind, um so immer weiter in dieses vorzudringen. Der Verfassungsschutz warnt insbesondere vor dieser Strategie (Pfeiffer 2003 S.7). Dies schliesst ein, eine ganz klare Unterscheidung von Rechtsextremismus und wertkonservativem Spektrum zu treffen. In Deutschland gibt es den politischen Konsens aller Parteien, mit rechtsextremen Parteien auf keiner Ebene gemeinsame Sache zu machen. Dieser organisatorische Konsens hält. Dies sagt aber nichts über die ideologische Nähe des wertkonservativen Flügels der CDU/CSU zur ‘Neuen Rechten’ aus. Initiativen wie „Wider das Vergessen“ zeigen besagte Erosion sehr anschaulich (Brauner-Orthen 2001 S.29). In Osteuropa, aber auch in Oesterreich, wie die Regierungsbeteiligung der FPÖ ab 2000 zeigte, gab es eine Abgrenzung von konservativen Kräften zu rechtsextremen und nationalistischen nie, demzufolge kann es auch nicht zu einer ‘Erosion’ kommen (Schiedel 2011 S.21).
14. Retorsion
Retorsion bedeutet, dass sich die „ethnische Mehrheit an der Macht […] mit der Position der machtlosen Minderheit [bewaffnet] und sich gegen diese [wendet].“ (Terkessidis 1995 S.67). Terkessidis beschreibt dies am Beispiel der 'Black Power' Bewegung und einer Ableitung der ‘Neuen Rechten’ zu White Power. Wer für die Emanzipation der Black Community in den USA sei, müsse auch gleichzeitig für die Freiheit der Weißen kämpfen (Terkessidis 1995 S.67). Machtgefälle und Unterdrückung werden nicht wahrgenommen, sondern die Rolle der UnterdrückerInnen und der Unterdrücker wird einander gleichgestellt oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Diese Strategie findet oft beim Thema Feminismus Anwendung, bei dem sich die ‘Neue Rechte’ permanent in der Opferrolle sieht. Der Feminismus sei der eigentliche Sexismus und dazu da, Männer zu verfolgen (Brauner-Orthen 2001 S.62–63).
Quelle:
Strobl, Natascha (2012). Strategie und Ideologie der ‘Neuen Rechten’ am Beispiel des Funken. Diplomarbeit Universität Wien.
http://schmetterlingssammlung.net/2013/04/16/kommunikationsstrategien-der-neuen-rechten-2
Literaturangaben zu "Strategie und Ideologie der Neuen Rechten"
- Aftenberger, Ines (2007) - Die Neue Rechte und der Neorassismus, Band 14 - Graz: Leykam Verlag:
"Unter dem Begriff „Neue Rechte“ trat in den 70er und 80er Jahren eine moderne Fraktion innerhalb des Rechtsextremismus an die Oeffentlichkeit. Die vorliegende Darstellung verfolgt in einem ersten Teil die ideologische Entwicklung sowie die politischen Konzepte dieses sehr heterogenen Netzwerks und untersucht dabei die Grenzziehungen gegenüber der traditionellen Rechten. Im zweiten Teil wird das wohl erfolgreichste „neurechte“ Projekt der letzten Jahre analysiert: der neorassistische Diskurs als ein „Rassismus ohne Rassen“. Mit dieser Positionierung ist der „Neuen Rechten“ die Anknüpfung an den gesellschaftlichen Konsens gelungen."
- Jäger, Margarete und Jäger, Siegfried (2007) - Deutungskämpfe: Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse
- Bücher zum Thema Rechtsextremismus - www.stopptdierechten.at
4.4. PEGIDA und der "Friedenswinter" 2014/2015
Nachdem die Montagsdemos - Montagsmahnwachen des Frühjahrs langsam abebbten kam im November '14 scheinbar aus dem Nichts eine viel besser organisierte und weitaus "erfolgreichere" Bewegung an die Oberfläche der Gesellschaft: die Abkü-Nazis haben PEGIDA und Ableger aus der Taufe gehoben.
Es ist zu befürchten, dass diese Rechtsaussen-Bewegung im Verbund mit der AfD und anderen relativ etablierten Kräften nun vollends zur Querfront-Strategie ansetzt: nachdem in einem ersten Schritt Rechts und Links verbündet wurden an den Montagsdemos und im Friedenswinter, sieht es nun danach aus, als dass auch die vielzitierte "Mitte der Gesellschaft" mit rechtspopulistischem und national-bürgerlichem Gedankengut überzogen werden soll.
Sascha Lobo hat im SPIEGEL dazu folgendes geschrieben:
(...)
Vielmehr kommt mit Pegida ein neuer politischer Bürgertypus auf die Bühne - der unbewusst Rechtsextreme oder Latenznazi.
Also Leute, die rechtsextreme Positionen vertreten, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, dass sie rechtsextrem sind. Und deren Vorahnung, ihre Haltung könnte problematisch sein, eben nicht dazu führt, die Haltung zu überdenken, sondern sich vorauseilend durch bloße Behauptung zu distanzieren. Ohne aus den eigenen Worten auch nur die geringsten Konsequenzen zu ziehen. Man erklärt, für das Asylrecht zu sein, aber verdammt zugleich "Asylanten". Genau diese Realitätsverdrängung ist ein Grund zu größter Besorgnis, dahinter steht ein Problem bestürzenden Ausmaßes.
(...)
Denn nicht die Dummheit ist das hervorstechende Merkmal der Pegida-Anhänger, sondern das hermetische Weltbild und die damit einhergehende Abkopplung von jeder Kausalität. Und verstörenderweise neigen auch Leute zu dieser Abkopplung, die nicht hauptberuflich dumm sind, zum Beispiel ist dieses Denkmodell auch in der ehemaligen Professorenpartei AfD bis in den Vorstand verbreitet. Und weit darüber hinaus. Solche Leute wollen sich von nervigen Fakten nicht ihre gefühlte Wahrheit verderben lassen. Deshalb ist es folgerichtig, dass die Proteste gegen Islamisierung in Dresden stattfinden, wo es einen kaum mehr messbaren Anteil muslimischer Einwohner gibt.
(...)
Mit Pegida geht eine Saat auf, die seit vielen Jahrzehnten in Deutschland gesät wurde, auch in Westdeutschland. Denn gerade was Ausländerfeindlichkeit angeht, ist die Entkopplung der eigenen, lautstark erklärten Haltung von den daraus folgenden Taten Standard.
Das politische Gelaber, dass Deutschland ein "weltoffenes und gastfreundliches Land" sei, quoll aus Hunderten Mündern in Tausende Mikrofone, während auch durch die politischen Beschlüsse deutscher Regierungen an Europas abgeriegelten Grenzen Tausende zerschellten oder ertranken. Politische Stunts wie die "Ausländer-Maut" oder der alltägliche, absurde, menschenverachtende Umgang mit Flüchtlingen sind der ständige Beweis, dass der gleiche Mechanismus wie bei Pegida funktioniert, auch ohne dumm oder ungebildet oder Nazi zu sein: aus dem eigenen Gelaber keinerlei Konsequenzen zu ziehen. Wir haben uns in einer Gesellschaft der Realitäts- und Ressentimentverleugnung eingerichtet, und Pegida ist die unappetitliche Folge davon.
Pegida ist ein Symptom für die jahrzehntelange Verleugnung von Ressentiments quer durch die Gesellschaft.
--> "McPolitik als Geschäftsmodell" - Die "professionelle Unprofessionalität" von Pegida - DIE ZEIT 04 2015
Quellen:
Lobo, Sascha (2014). Pegida: Nichts sehen, nichts hören, viel sagen - Eine Kolumne, 17.12.2014
Die narzisstische Kraft der Medien in Moderne und Postmoderne
Politiktheater, Symbole, Inszenierungen und Mythen
Politiker richten sich also besonders gerne in einer mythischen Welt ein, sie finden dort „einen immer präsenten Fundus für Erklärungen komplexer Phänomene“ (Wesel 1991, 71). Sie können die in dieser Welt vorgesehenen Rollen, wie die des Führers, des Retters oder des Helden, spielen, das Volk in die diametrale Rolle eines unkritischen Gefolges versetzen und so ihre eigenen Interessen umso besser durchsetzen. Und wenn mal etwas schief gehen sollte und die Leute doch von den Problemen der komplexen Wirklichkeit nicht loskommen, dann liegt das eben an dunklen Verschwörungsmächten, die am Regieren hindern. Wir werden noch sehen, daß gerade Berlusconi eine solche mythische Welt aufgebaut und meisterhaft in Szene gesetzt hat. Allerdings neigen neben ihm auch viele andere Politiker zu mythischen Welterklärungen:
Claude Lévi-Strauss hat darauf hingewiesen, daß „nichts den Mythen der Gesellschaften, die wir exotisch oder schriftlos nennen, mehr gleicht, als die politische Ideologie unserer eigenen Gesellschaften“ (1980, 96).
Die Mythen der Politik manifestieren sich in einem sie verstärkenden, ritualisierten Sprachstil, mit dem der Führer sich als einzige Alternative zum Chaos und allein vertrauenswürdig exponiert. Edelman sieht vor allem in der „hochtönenden Rede, die von einprägsamen, aber zweideutigen Wendungen nur so strotzt“ ein beliebtes Mittel, die Zuhörer mit schillernder und in den Ohren schallender Rhetorik anzufüllen, „die von ‚Augenmaß‘ und Entschlossenheit zeugen soll“ (1976, 163). Dazu trete „die öffentliche Ermahnung der Sünder, sich zum Guten zu bekehren“, so daß die Redekraft letztlich eine Prüfung an der gelebten Wirklichkeit ersetze (ebd. 164). Mythen können deswegen durch explizit-rationale Argumentation kaum widerlegt werden.
Polit-Marketing kann zu einem Hauptmittel der strategisch geplanten symbolischen Politik werden, die Medien und Werbung gezielt zur Verbreitung ihrer Scheinhandlungen einspannt.
Politik hat schon immer auf Symbole zurückgegriffen, um die Wirklichkeit zu strukturieren und politische Realität zu veranschaulichen. Ritualisierte Sprechweisen, Metaphern, Mythen und Schlagwörter waren bereits lange vor der Zeit unserer heutigen Berufspolitiker Mittel in der Hand der Herrschenden, mit denen sie ihre Untergebenen zur Gefolgschaft aufriefen. Allerdings hat sich der Einsatz von Symbolik mit dem Aufkommen der Massenmedien und vor allem seit der massenhaften Verbreitung des Bildmediums Fersehen stark vermehrt. Denn seitdem können Politiker nicht nur ideologische Sprachtäuschungen produzieren, sondern auch einen rein auf Bilder gestützten symbolischen Handlungsschein erzeugen, der eine große Zuschauermenge zuhause
vor dem Fernsehsessel, also eingebettet in die Alltagswelt, erreicht. Sie können sich selbst als Personen mit ihrem Privatleben in den Mittelpunkt stellen, verpackt nach den Regeln des Polit-Marketings, das ihnen hilft, Kompetenz zu fingieren oder Souveränität und Glaubwürdigkeit auszustrahlen. Die Transformierung der Politik (vgl. a. Meyer 1994) in ein Medium der Massenmedien und des Marketing ist in vollem Gange.
Mit diesen Transformationsprozessen beschäftigt, vergessen Politiker allzuoft Politik zu machen. Die Entpolitisierung des politischen Bereiches ist so weit fortgeschritten, daß zukunftsweisende Entscheidungen hinter den aktuellen Problemen und Bedürfnissen sowie hinter einem Berg von Symbolismen völlig verschwinden. Politik wird zum „Problemlösungssurrogat“, das von den Medien unters Volk gebracht wird. Denn die vielfach vorarrangierte und inszenierte Medienwirklichkeit erlaubt „den als Medienpublikum verstandenen Bürgern die alltägliche symbolische Teilhabe am politischen Prozeß oder besser an einem medieninszenierten Ausschnitt desselben“ (Sarcinelli 1987 S.242f).
Der Kreislauf der Symbole erstreckt sich so von den symbolisch agierenden Politikern über die Symbolismen der Medien hin zum symbolisch partizipierenden Publikum. „Symbolische Politik ist eine kriegswissenschaftlich erdachte Strategie der Kommunikation gegen die Adressaten. Sie höhlt die politische Kultur von innen aus“ (Meyer 1992, 190).
Allerdings sind die Wähler und Regierten nicht vollkommen hilflos den Inszenierungen der Politiker ausgeliefert. Was für die Wirklichkeit insgesamt gilt, ist auch für die politische Realität von Bedeutung: Gegenüber aller Symbolik ist der Mensch gefeit, wenn er sich auf die Erfahrung der Alltagswelt beruft. Denn dann kann er die leeren Versprechungen von Politikern als vollkommen irreal erkennen. Und er kann sehen, wie Politik sich eben gerade von der eigenen normalen Welt abzusetzen und durch Inszenierung zu blenden versucht.
„Die Tünche, die der inszenierte Schein über die Korruption der politischen Kultur in der Demokratie legt ist dünn“ (Meyer 1992). Auch wenn die Zuschauer in zahlreiche ideologische und augenscheinliche Schleier eingehüllt werden, bleibt doch der Blick auf die Alltagsrealität nicht vollkommen versperrt. Vor allem wenn gesellschaftliche Krisen sich durch den Orientierungsschein der Politiker nicht wegzaubern lassen und es an die materielle Existenz der Bürger geht, zerreißt die Alltagswelt alle Trugbilder.
Bis es allerdings soweit ist, bleibt den Politikern oft freie Hand in ihrer Machterweiterung. Und da sie mit den Medien immer in irgendeiner Weise zusammenspielen, dauert es oft lange, bis der Schein tatsächlich durchsichtig wird. „Symbolische Politik ist eine Hinterlist ... Da sie einen Schein produziert, der mit der Macht des Selbst-Gesehenen schon die Sinne blendet, und nicht erst den Verstand verführt, der flüchtig amüsiert, statt hartnäckig zu plädieren, ist sie in den Mediengesellschaften der Gegenwart eine Macht sondergleichen“ (ebd., 191).
Und wer diese Macht in seinen Besitz bringt, der kann es in der Politik weit bringen. (Krempl 1996, S. 81f.)
Quellen:
Krempl, Stefan (1996). Das Phänomen Berlusconi - Die Verstrickung von Politik, Medien, Wirtschaft und Werbung, hier:S.51. Frankfurt: Peter Lang Verlag
http://www.nexttext.de/Berlusconi/Berlusconi.pdf
Meffert, Heinz (1989): Marketing, Wiesbaden.
Meyer, Thomas (1992): Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt am Main.
Meyer, Thomas (1994): Die Transformation des Politischen, Frankfurt am Main.
4.5. Visuelle Medien: Historische und aktuelle Bedeutung und Dominanz
Um den Anschluss an den visuellen Narzissmus wiederherzustellen, möchte ich als Abschluss des Esoterik/Populismus/NS-Kapitels den Bogen zurück und nach vorne schlagen zur Entstehung des Narzissmus bei Lacan (und implizit auch McLuhan) einerseits und zur Medien- bzw. Kulturtheorie andererseits. Ausgehend von der NS-Ausgrenzung durch oberflächliche Sichtbarmachung von Stigmata ('Judenstern') sowie von scheinbar natürlichen Körpermerkmalen, skizziert Christina von Braun eine aktuelle und immerwährende Gefahr einer Diskriminierung durch Sichtbarkeit, durch gewaltevozierende Transparenz letztlich, wie wir im Demokratie-Kapitel bei Byung-Chul Han und anderen noch lesen werden:
"Die »unsichtbare Religion« der Moderne ist eine Religion der Sichtbarkeit, und sie verkündet ihre Heilsbotschaft auf sehr unterschiedliche Weisen. Im deutschen Sprachraum fand sie u.a. in der Entwicklung der antisemitischen Rassenlehren ihren Ausdruck. Durch die Abgrenzung gegen das Gegenbild eines physiologisch definierten »Juden« versuchten die Rassentheoretiker, dem »arischen Volkskörper« - also dem phantasmatischen Selbstbild - den Anschein biologischer Wirklichkeit zu verleihen (vgl. von Braun 1990).
Statt einer geistigen und religiösen, wiesen sie dem christlichen Feindbild des »Juden« eine rassische - also sichtbare - Andersheit zu. (Das geschah in einer Zeit, in der dank der Assimilation alle sichtbaren Merkmale jüdischer »Andersheit«, wie der »gelbe Fleck« oder der Kaftan ihrerseits verschwunden waren oder verschwanden.) In anderen Ländern - vor allem Frankreich - trug die neue »Religion des Sichtbaren« eher zur Entwicklung der technischen Sehgeräte bei. Mit anderen Worten: Es erscheint mir nicht ein Zufall zu sein, daß das kollektive Phantasma eines »nationalen Volkskörpers« oder das einer »arischen Rasse« in eben jenem historischen Moment auftauchte, in dem auch die Photographie geboren wurde (vgl. David Green (1985). Veins of Resemblance: Photography and Eugenics. In: The Oxford Art Journal 7 no.2 S.5-16).
In dieser Epoche, so könnte man sagen, entsteht in allen nachchristlichen Gesellschaften ein Kult des Sichtbaren, das auf die eine oder andere Weise die Erbschaft des Christentums antritt. Für die antisemtischen Rassenlehren ist das evident. Daß es auch für die Entwicklung der modernen Sehtechnologien gilt, werde ich darzustellen versuchen.
Die Selbst- und Frembilder des kollektiven Imaginären üben einen prägenden Einfluß auf das Selbst- und Fremdbild des einzelnen aus: zunächst deshalb, weil sich das individuelle Ich nur in der Erkenntnis von der Existenz des anderen als existent (damit freilich auch als »unvollständig«) erfährt. So bieten die Bilder des kollektiven Imaginären vom »Wir« und von den »anderen« dem Individuum die Möglichkeit, das eigene (als sterblich erlebte) Ich in ein anderes, imaginäres (und eben deshalb unsterbliches) Ich einzubinden. Die Möglichkeit einer Ueberlagerung von Ich und Wir hat sich mit den neuen Medien verstärkt, weil diese andere Formen psychischer Einbindung des einzelnen in das kollektive Ich schufen.
Zwischen dem Subjekt und den Phantasmen des kollektiven Imaginären besteht eine ähnliche Wechselwirkung, wie Jacques LACAN sie für die Individualpsychologie beschrieben hat [vgl. Kap. 1, 2 und 4]: LACAN unterscheidet zwischen den Strukturen des Imaginären und des Symbolischen. Mit dem Imaginären bezeichnet er das Verhältnis des Individuums zur Umwelt, in dem es keinen Unterschied zwischen dem Ich und dem Du macht; das sprachlose Kleinkind identifiziere sich mit der Gestalt des anderen - zumeist der Mutter -, die es deshalb auch gar nicht als »verschieden« wahrnehme.
Nun besteht laut LACAN die Faszination des 'Ich' für den 'anderen' aber gerade in dessen ganzheitlicher körperlicher Geschlossenheit: Die eigene ganzheitliche Geschlossenheit, die als Gefühl von Unversehrtheit oder Allmacht erfahren wird, findet im anderen einerseits ihr Spiegelbild, wird von diesem andererseits aber auch in Frage gestellt. Somit wird in der Ganzheitlichkeit des anderen die eigene Unvollständigkeit sichtbar - eine Erfahrung, die auch der Erkenntnis der Geschlechterdifferenz dient. Zu einem sexuellen Subjekt - zu einem Subjekt überhaupt - kann das Individuum, laut LACAN, deshalb erst werden, wenn es die eigene Endlichkeit (in jedem Sinne des Wortes) anzunehmen fähig ist, ein Prozeß, der niemals vollständig gelingt und der nur dank der Sprache ertragen werden kann. LACAN spricht deshalb vom Eintritt in die »symboblische Ordnung« [vgl.Kap.1 und 4]" (von Braun 1995 S.128-129).
Quellen:
Von Braun, Christina (1990). '... Und das Wort ist Fleisch geworden'. In: Der Ewige Judenhass (Hrsg.: dies., Ludger Heid). Stuttgart/Bonn: Burg Verlag.
Von Braun, Christina (1995). Die »Dunkle Kammer« und der »Helle Kontinent«. Geschlechterbilder und visuelle Medien. In: Ueber Liebe und Krieg: psychoanalytische Zeitdiagnosen (Hrsg. Christa Rohde-Dachser). Göttingen/Zürich: Vandenhoeck und Ruprecht S.125-151.
Literatur und weitere Quellen zu Rechts-Esoterik und Populismus:
Linklisten zur "Querfront-Wahnmache" in Deutschland
der-also-doch-faktor-und-die-leichtglaeubigen
Kersten Artus - Gefaehrliches Marketing mit dem Protest
Literatur und weitere Quellen zum Themenkomplex Esoterik, Sekten, Narzissmus und Gesellschaft:
Frank Schirrmacher (2013)
EGO: Das Spiel des Lebens - Homo oeconomicus 2.0 trifft Big Data!
Johannes Fischler (2013)
New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt
Colin Goldner
Die Psycho-Szene. Guter, kritischer Ueberblick über esoterische Angebote
Claudia Barth
ESOTERIK - Die Suche nach dem Selbst - Einzelfallstudien!
zum kompletten Literaturverzeichnis
Blog - Leben im Falschen
Blog - Narzissmus und Entgrenzung
Blog - Narzissmus und Entgrenzung
- Beck, Ulrich (1999). Schöne neue Arbeitswelt - Vision Weltbürgerschaft, Campus Verlag Frankfurt/New York.
- Heitmeyer, Wilhelm (2002). Süchtig nach Anerkennung - Wer nicht auffällt, wird nicht wahrgenommen. Die ZEIT, 19/2002.
- Nuber, Ursula (1996). Die Egoismus-Falle. Warum Selbstverwirklichung so oft einsam macht, Kreuz Verlag Stuttgart.
- Postel, Gert (2001). Doktorspiele - Geständnisse eines Hochstaplers, Eichborn Verlag Frankfurt.
Schäfer, Bodo (1998). Der Weg zur finanziellen Freiheit - In sieben Jahren die erste Million, Campus Verlag Frankfurt/New York.
- Scheich, Günter (2001). Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen, Eichborn Verlag Frankfurt am Main.
- Schwertfeger, Bärbel (2002). Die Bluff-Gesellschaft - Ein Streifzug durch die Welt der Karriere. WILEY-VCH Verlag
- Sennett, Richard (1998). Der flexible Mensch - Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin Verlag Berlin.
Quellenangaben und Literaturverzeichnis