Markus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8, CH-3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39

e-mail:
praxis-frauchiger@bluewin.ch

Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

Das doppelte Selbst und die Agonie des Realen

Vom digitalen Narzissmus zum analogen Selbst - eine Synthese aus Narzissmus-, Resonanz- und Bezogenheitskonzepten

Materialien und Zitatesammlung zur gesellschaftsbedingten Entstehung, zur Diagnostik und zur Behandlung von Störungen des narzisstischen Spektrums - zusammengestellt und kommentiert von Fachpsychotherapeut FSP Markus Frauchiger in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf und Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

- EINLEITUNG: Dialektische Einführung ins Koordinatensystem "Struktur & Dynamik"
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- BEZIEHUNG: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren anerkennender, dialektischer Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher

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7. TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum und digital-visueller Narzissmus

TEIL I: Technokratie oder das Ge-stell

TEIL II: Digital-visueller Narzissmus

TEIL III: Das digitale Zeitalter - Dataismus, Big Data, Spieltheorie und Algorithmen

TEIL IV: Das Post-Digitale Zeitalter: Psychopolitik, Superintelligenz und 'Homo Deus'

TEIL V: KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus

»Ich stelle nur aufgrund von Naturbeobachtungen eine Theorie auf. Diese Theorie schreibe ich in der Sprache der Mathematik nieder und erhalte mehrere Formeln.
Dann kommen die Techniker. Sie kümmern sich nur noch um die Formeln. Sie stellen Maschinen her, und brauchbar ist eine Maschine erst dann,
wenn sie von der Erkenntnis unabhängig geworden ist, die zu ihrer Erfindung führte. So vermag heute jeder Esel eine Glühbirne zum Leuchten bringen – oder eine Atombombe zur Explosion.«
Friedrich Dürrenmatt "Die Physiker"

Hinführung I: Vom 'Homo Faber' zum 'Homo Creator'

Hinführung II: Von der beschleunigten Zeit zur erdrückenden Aufgabenlast

Hinführung III: Von der smarten Technologie zum 'Homo Deus'

TEIL I: Technokratie oder das 'Ge-stell'

7.1.1. Die Menschheit schafft sich ab - Die Erde im Griff des Anthropozän

Harald Lesch hat sein 2016 erschienenes Werk "Die Menschheit schafft sich ab" mit einem launigen Vorwort versehen, dessen Form mit dem Inhalt beängstigend kontrastiert: In einem Gedankenexperiment lässt uns Lesch daran teilhaben, wie zukünftige (Lebe?)-Wesen sich staunend über archäologische Fundstücke beugen werden: Lesch, Harald, Kamphausen, Klaus (2016). Die Menschheit schafft sich ab - Die Erde im Griff des Anthropozän. München: Komplett Media

7.1.2. Prometheus und das "prometheische Grauen"

Im Tschernobyl-Jahr 1986 hat der bekannte Soziologe Ulrich Beck (19xy-2015) ein Buch mit dem programmatischen Titel "Risikogesellschaft" geschrieben. Darin erklärt er den Umgang mit der Angst zur anthropologischen Schlüsselqualifikation (ähnlich: Bude 2016, s.u.) unserer Zeit: Heiner Legewie schriebt im Vorwort zum Sammelband "Mensch-Natur: zur Psychologie einer problematischen Beziehung" (Seel 1993 S.11): Quellen:
Seel, Hans-Jürgen et al. (1993 Hrsg.). Mensch-Natur - zur Psychologie einer problematischen Beziehung. Opladen: Westdeutscher Verlag.

7.1.3. Herbert MARCUSE: Der eindimensionale Mensch - Frühe Technikkritik als Technokratiethese

"Herbert Marcuse (1898–1979), ein wichtiger Vertreter der Kritischen Theorie (vgl. Kap. 3), aber ganz maßgeblich durch Heidegger, seinen akademischen Lehrer in Freiburg, geprägt, formuliert in [seinem] Buch aus dem Jahr 1964 die These, dass wir auf dem Weg in eine „eindimensionale Gesellschaft“ seien – in eine vollständig integrierte und kontrollierte Gesellschaft ohne wirksame Opposition. Dass er diese totalitäre Gesellschaft explizit als „technologische Gesellschaft“ (Marcuse 1994 S.18) bezeichnet, ist konsequent, weil er (...) davon ausgeht, dass in der Technik selbst schon der Wille zur Unterwerfung steckt. Technik wird – entsprechend der Technokratiethese – als technische Rationalität verstanden: All unser Denken und Handeln unterliegt demnach einem „technologischen Apriori“ (Marcuse), es ist also immer schon „technisch“ präformiert.
Die Technik ist für Marcuse keinesfalls ein politisch neutrales Instrument – einerseits. Andererseits aber spricht Marcuse davon, dass die Technik „politischen Zwecken gegenüber indifferent ist“ (ebd. S.168). Erklärbar wird diese Diskrepanz nur dann, wenn man den kapitalismuskritischen Impuls Marcuses berücksichtigt. Weil Marcuse davon ausgeht, dass sich die Macht des Kapitalismus ganz wesentlich auf die Instrumentalisierung der Technik stützt, ist er gezwungen, die Technik als „an sich“ neutral zu verstehen.
Damit gerät er in einen unauflöslichen Widerspruch: Die Technik erscheint gleichzeitig als neutrales Mittel und als nicht-neutraler Zweck. Worin besteht nun die politische Instrumentalisierung der Technik?
Marcuse argumentiert, dass es der Kapitalismus aufgrund des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und entsprechender Wohlstandszuwächse geschafft habe, den Menschen an technisch zu befriedigende Bedürfnisse zu gewöhnen.
Die Technik – obgleich so weit entwickelt, dass die Ueberwindung des Kapitalismus möglich wäre – wird zur Legitimationsgrundlage des Kapitalismus und damit zur Ideologie.
An diesen zweiten Argumentationsstrang Marcuses hat der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas (geb. 1929) mit seiner Studie über „Wissenschaft und Technik als ‚Ideologie‘“ (1969) angeschlossen. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Beobachtung, dass Wissenschaft und Technik, vormals – Stichwort Aufklärung – als genuine Gegenspieler von Dogmen und Ideologien gehandelt, im Spätkapitalismus selbst zur Ideologie werden. (Die Ideologie erscheint im Buchtitel allerdings in Anführungszeichen, weil Technik, so Habermas, nicht nur ein Machtmittel kapitalistischer Politik, sondern auch der zentrale Motor des Wirtschaftswachstums und damit Grundlage allgemeinen Wohlstands ist.)
Wie kam es dazu? Habermas’ Argumentation liest sich wie ein „links gewendeter“ Schelsky [ein konservativer Soziologe der 50er Jahre], sie lautet: Der sich krisenhaft entwickelnde Kapitalismus erfordert den interventionistischen Staat (Wohlfahrtsstaat). Das Ziel der Staatstätigkeit beschränkt sich darauf, das Funktionieren des Systems zu garantieren, also das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, den Wohlstand zu sichern und gegen Risiken vorzusorgen. Die Folge ist: Statt praktischer Gestaltungsfragen treten administrative Fragen der Risikominimierung und des technischen Funktionierens in den Vordergrund. Für die administrativ lösbaren, technischen Fragen aber wird das Expertenwissen allein maßgeblich, eine Beteiligung der Oeffentlichkeit ist nicht erforderlich. Der schleichende Prozess der Entpolitisierung wird durch den Verweis auf technische Sachzwänge legitimiert. Das kapitalistische Politik- und Fortschrittsmodell wird mit der Zeit zu einem – gegen alle Kritik immunisierten – Selbstläufer. Habermas’ Warnung lautet: Ein Staat, der zu Legitimationszwecken auf die Perfektionierung der Technik angewiesen ist, trägt zur Aushöhlung der demokratischen Fundamente bei.
Man sieht: Sowohl für Schelsky als auch für Habermas wird die Technik zum Schicksal der Politik. Beiden scheint ihre Gegenwart durch die Herrschaft „technischer Sachzwänge“ charakterisiert. Schelsky kann dies als Rationalisierungsgewinn abbuchen, weil für ihn ohnehin keine Alternative zum technischen Staat mehr denkbar ist. Begründet ist dies durch seinen Glauben an die Allmacht einer monolithischen technischen Rationalität.
Habermas dagegen kritisiert den Rekurs auf technische Sachzwänge als Demokratieverlust. Dahinter steht die feste Ueberzeugung, dass es Alternativen zum technischen Staat gibt. Grund für diesen Optimismus ist Habermas’ Distanz zur Diagnose einer technologischen Gesellschaft. Für Habermas ist das Signum moderner Gesellschaften nicht die totale technische Vernunft, sondern vielmehr der Widerstreit zwischen einer zweckinstrumentellen Vernunft und einer kommunikativen Vernunft, eine Differenz, die er 1969 noch in den Begriffen von Arbeit und Interaktion beschreibt.
Mit diesen Grundbegrifflichkeiten wird er in den 1970er-Jahren daran gehen, die Logik der Gesellschaftsentwicklung in kritischer Absicht aufzuschlüsseln. Seine Studie zu „Wissenschaft und Technik“ lässt sich daher als Fingerübung zu seiner umfassenden „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) verstehen. Eine Zeitdiagnose im klassischen Sinne ist sie nicht (...). Schliesslich zeichnet sich hier bereits der Versuch ab, die Gesellschaft auf Basis einer Differenzierung von Vernunftformen zu erklären" (Bogner S.74-76).

Habermas: ......................

(...)

7.1.4. Martin HEIDEGGER: Das Ge-stell

Der von mir sehr geschätzte Berner Physiker und Philosoph Eduard Kaeser beschreibt in seinem Werk "Der Körper im Zeitalter seiner Entbehrlichkeit" eine "Anthropologie in einer Welt der Geräte" und führt im darin enthaltenen Essay "Die Last der Entlastung" sehr passend in das Mensch-Maschinen-Verhältnis und die Geist-Seele-Problematik ein, welche uns in diesem Kapitel zuvorderst beschäftigen werden: "Wohl kein Philosoph hat sich in diesem Jahrhundert radikaler auf diese Problematik [s.o.] hinausgelassen als Martin Heidegger, der die Geschichte der westlichen Philosophie seit den Vorsokratikern als Aufstieg der Metaphysik interpretierte, welche schliesslich in der Technik gipfelt" (Kaeser 2012 S.83).

Poiesis und 'techné'

- I. Poiesis: Der Handwerker stellt aber seine Produkte in Uebereinstimmung mit den natürlichen Möglichkeiten des Materials her. Das bedeutet, dass der Produktionsprozess nicht durch strikte Regeln Schritt für Schritt festgelegt ist. Der Handwerker weiss, was er produzieren will, aber er muss sich sein Material anschauen, und sich von dessen Möglichkeiten leiten und inspirieren lassen. Das bringt mit sich, dass er in einen Dialog mit dem Material tritt, wobei Möglichkeiten Eindruck machen können und ein Eindruck zum Ausdruck kommen kann [vgl. das Resonanz-Kapitel 8]. Damit wird das Werk, das Produkt, ein Ausdruck für eine Bedeutung des Produktionszusammenhanges, die sich nicht auf bloss subjektive Absicht oder traditionelle Vorstellung reduzieren lässt. Das Produkt wird ebenfalls ein Ausdruck einer naturgegebenen Möglichkeit, nicht nur einer von einem Menschen gehegten Absicht. Und das heisst, dass diese Möglichkeit nicht nur als die eine oder andere denkbare Möglichkeit gegeben ist, sondern als eine Möglichkeit, die „sich aufdrängt“ in dem Zusammenhang und zum Ausdruck kommen darf. Damit ist die Produktion des Handwerkers 'poiesis', d.h. ein Hervorbringen von etwas Innerem und Wirksamem, wie auch das Werk des Dichters Ausdruck eines inneren Zusammenhanges ist und die Phänomene der Natur immer aus sich selbst erscheinen [Das Wort 'poiesis' ist griechisch und kann mit Produktion oder Resultathervorbringung übersetzt werden. Heideggers Punkt ist also, dass 'poiesis' im griechischen Denken ein Prozess ist, in dem ein Produkt auf natürliche Weise entstehen kann].- II. Techne: In den modernen Technologien gilt es, alles auf seinen richtigen Platz zu stellen gemäss einem im Voraus bestehenden und festgelegten Plan. Dieses 'auf-seinen-Platz-Stellen' nennt Heidegger Gestell (oder Ge-stell), ein Festgelegtsein, das als das Wesen der modernen Technologien zum Ausdruck kommt [Fusszeile: Gestell bedeutet für gewöhnlich so etwas wie Stativ. Heidegger gibt dem Wort eine eher ungewöhnliche Bedeutung, indem er mit der Bedeutung des Verbums stellen spielt. Damit spielt er auf das Wort Gesetz an, welches das Verbum setzen beinhaltet].

Alexander Bogner (2015, 2te Aufl.): Die technologische Gesellschaft, Kapitel 4 über Technokratie, S.63-86

(...)
Quelle: Bogner, Alexander (2015, 2te Aufl.): Gesellschaftsdiagnosen - ein Ueberblick. Weinheim: Beltz Juventa.

Heidegger: Ein anderes Naturkonzept

"Die Wissenschaft fasst die Natur als „einen berechenbaren Kräftezusammenhang“ (Heidegger) auf. Ohne messbare und damit technisch ausbeutbare Wirkungen der Natur gibt es keine Natur. Diese Vorstellung ist in der Moderne hegemonial geworden:
Was wir Natur nennen, ist ein messtechnisch konstruiertes Korrelat von Natur. Unsere Natur ist also nicht die „eigentliche“ Natur, sondern die Natur der Physik. Seinem Bremer Publikum hat Heidegger dies im Jahre 1949 in folgenden Worten nahegebracht: Das Vorstellen ist gleichbedeutend mit einem Herstellen, mit der Konstruktion von Natur. Es sind demnach nicht irgendwelche „ehernen“ Gesetze der Natur, die uns eine bestimmte Naturauffassung aufzwingen, sondern umgekehrt: Der moderne, auf Berechenbarkeit und Beherrschung ausgerichtete Naturentwurf macht uns die Existenz von Naturgesetzen plausibel.
Heideggers Verdacht lautet dementsprechend, dass eine andere Naturvorstellung zwangsläufig auch andere Naturgesetze zur Folge hätte. Aber das muss Hypothese bleiben. Denn Heideggers irgendwie anderes Naturkonzept würde letztlich auf ein neues Denken hinauslaufen, ein Denken, das die moderne Wissenschaft als esoterisch abhakt" (Bogner 2015 S.78).

7.1.5. Norbert BOLZ (2012): Das Gestell. München: Wilhelm Fink.

Im ersten Kapitel seines Heidegger-Buches schreibt Bolz über die "Rhetorik der Technik": Im Kapitel "Lebensdesign" schreibt Bolz: Technologie bedeutet gemäss Bolz: Operatives Tun ohne zu denken!
Die moderne, mathematisch formalisierte Wissenschaft bildet das innere Formgesetz des Ge-stells und An die Stelle des Denkens tritt also das Rechnen. Und Rechnen heisst Simulieren. Die Rechenmaschine ersetzt das Denken durch Simulationen: „Eine Maschine muss nicht denken und verstehen, wenn sie sich nur im Turing-Test bewährt“ (Bolz 2012 S.84). Die Menschen wiederum werden auf diese Weise vom eigentlichen Denken entlastet, was allerdings schon eine längere, hinter die Computer zurückreichende Kulturgeschichte hat, wie z.B. Marshall McLuhan bereits in den 1960ern erkannte. Denn das, was die Moderne Denken nannte, wurde schon vorher, am Vorbild der Naturwissenschaften, mit mathematisierbaren Naturprozessen gleichgesetzt: Das Gestell ‚denkt‘ also nicht. Außerdem kommuniziert es nicht, denn Maschinen-‚Kommunikation‘ besteht nur im Austausch von Informationen: Der Informationsaustausch bildet einen mathematisch formalisierten Prozeß der Wenn-Dann-Verknüpfung von Zahlen. Nichts anderes meint das Wort ‚Algorithmus‘. Wir haben es also nicht mit Sätzen zu tun, in denen Wörter in eine S/P-Struktur gebracht werden, also Subjekte und Prädikate bilden:
Norbert Bolz zeichnet an verschiedenen Stellen seines umfangreichen Werkes ein relativ optimistisches Bild was unser Zusammenleben in der Mensch-Technik-Schnittstelle anbetrifft - ich möchte diese Grundhaltung mithilfe einer Rezension zu Bolz '"Das Gestell" (2012) seinen Faden weiterspinnen. Das Buch beginnt aber erst mal kritisch-pessimistisch bevor im Schlussteil geradezu euphorische Töne angeschlagen werden:
"Man muss sich fragen, ob der menschliche Geist das beherrschen kann,
was er geschaffen hat."
(Paul Valery)

Technokratie und Digitalisierung: "Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt"


Eduard Kaeser - Artfremde Subjekte

Letzterer Punkt, quasi das "Wettrennen von Mensch und Maschine", wird im dritten Unterkapitel dieses Kapitels weiter ausgeführt. Als Vorbereitung dazu sei nochmals Kaeser zitiert, wie er die Dialektik von tierischer und maschineller Evolution aufzeigt: So, nun haben wir den Turning Point langsam erreicht (vgl. hierzu den 'Chiasmus' in McLuhans Triade-Modell, Kap.1), den Punkt an dem sich quasi spiegelbildlich ein Parallelität von 'natürlicher' und technischer Entwicklung zeigt - mehr noch: anstatt den Menschen im Sinne Gehlens als "Mängelwesen" zu verstehen, kann umgekehrt die technische Entwicklung vom Menschen und von der Natur her gedacht werden, wie folgender Abschnitt darlegt:

Vom Werkzeug zur Maschine

Der Mensch ist künstlich

Roboter im Kontext des Alltags

Es liesse sich aber auch das Szenario denken, in dem wir uns immer mehr dem Roboter anpassen. Schon heute fin den wir uns vielfältig in Kommunikationsnetze hineingeschaltet, in denen wir oft nicht unterscheiden können, ob wir es m it Personen oder mit 'Personoiden' - künstlichen Subjekten - zu tun haben. Spike Jonzes erzählt in seinem neuesten Film «Her» eine Geschichte, in der die Grenze zwischen Person und Personoid verwischt ist. Theodore Twombly verliebt sich in ein Sprachprogram m , das weitaus raffinierter ist als die heute verfügbaren, etwa Siri von Apple oder Cortana von Microsoft. «Samantha» - so nennt sich die Software - ist intelligent, zeigt Em otionen, ist anschmiegsam , lustig, reagiert sensibel auf kleine Spässchen. Theodore lebt getrennt von seiner Frau Catherine und arbeitet für das Online-Unternehmen 'BeautifulHandwrittenLetters.com' als Ghostwriter. Sein Job besteht darin, herzenswarme Briefe für eine Klientel zu schreiben, die sich nicht als fähig oder willens erweist, solches selbst zu tun. Bei allem Expertentum im rom antischen Briefschreiben bleibt Theodore freilich ungesellig, emotional abgestumpft - ein Nerd eben. Beziehun gen zu Frauen, die sich nicht nach einem vorgegebenen Skript abspielen, irritieren ihn, und er bricht sie ab.
Sam antha ist da ganz anders: perfekt abgestimmt auf seine Bedürfnisse, seine Gefühlslagen und Absichten. Was er primär will, sind Bequem lichkeit und Wohlgefühl. Dazu braucht er eine Partnerin, die seine spricht und nichts sonst, eine Quasi-Person, die das Skript nicht stört, das in seinem Schädel implementiert ist. Man kann in Theodore durchaus den Typus des (neurotischen?) Mannes sehen, der eigentlich nur m it einem Phantasma der Frau leben kann. Ein altbekannter Topos.
Man ken nt Beziehungen zu Dialogprogram m en seit ELIZA von Joseph Weizenbaum . Der Mensch ist offen bar ein Wesen, das von Maschinen getäuscht werden will. Die Ironie der Geschichte liegt auf der Hand: Theodore simuliert Gefühle für seine Kundschaft und verliebt sich ausgerechnet in eine Simulation. Dass ihn ein Laptop etwas sozialkom petenter macht, wirft ein Licht auf eine Homo-Robo-Gesellschaft, in der das Simulieren immer mehr zur Norm alität wird. Seien wir uns dabei im Klaren: die Romanze - das Dating - ist imm er kulturell überformt; ein Ritual, das oft strengen, festgelegten Regeln folgt und insofern einen gewissen programmierten Charakterzug aufweist. Man denke nur an all die Ratgeber, wie man erfolgreich Frau oder Mann angelt. Ich zweifle n icht daran, dass es Leute gibt, die eine Romanze als ein - im Prinzip - technisch Problem betrachten, das an den Computer delegiert werden kann. Die neuen technischen Hilfsmittel versprechen blühende Marktnischen: Apps für das Dating; Plattform en für den erotischen Chat; Roboter für Sex. So gesehen bietet «Her» die Aussicht auf eine Gesellschaft voller sozialer, technisch arm ierter Monaden, in der man auch Liebeswerben und Flirten - also letztlich ein elementares Stück Humanität - automatisiert und 'outsourct'. Dass Theodore sich in einen Computer verknallt, wird von ihm nicht als defizitär empfunden. Kaum verwunderlich, denn von Entfremdung oder gar Pathologie zu reden erübrigt sich, wo sie gesellschaftsfähig geworden ist". (Kaeser 2015 S.140-141). Quellen:
http://kaeser-technotopia.blogspot.ch

Dieses Kapitel abschliessend, seien mit dem "Technik-Philosophen" Klaus Erlach noch einmal zusammenfassend die wichtigsten Gedanken zusammengetragen:

'Homo technicus' - Die Geburt der Technik aus dem menschlichen Körper

Die Natur des Menschen (1): Der Mensch als Mängelwesen?

Die mangelhafte Ausstattung des menschlichen Körpers gefährdet das Ueberleben des Menschen. So wird Technik zur Kompensation der im Vergleich zum Tier grundsätzlich mangelhaften natürlichen Ausstattung des Menschen erforderlich. In diesem Sinne folgert Arnold Gehlen: „Der Mensch ist also organisch ‚Mängelwesen’ (Herder), er wäre in jeder natürlichen Umwelt lebensunfähig, und so muss er sich eine zweite Natur, eine künstlich bearbeitete und passend gemachte Ersatzwelt, die seiner versagenden organischen Ausstattung entgegenkommt, erst schaffen“. Diese recht weit verbreitete zoologische Bestimmung lässt den Menschen als 'homo inermis' erscheinen, der schutz- und wehrlos ist, weil er nackt und unbewaffnet ist. Angesichts dieser eklatanten Unzulänglichkeiten sind die technischen Artefakte eine Existenzbedingung zur Sicherung des schieren Ueberlebens.

Der Status der Technik (1): Prothesentechnik!

Die Funktionalität des Menschen wird ergänzt und verstärkt, indem ihm Hilfsmittel vorangesetzt werden. „Voransetzen“ heißt im Griechischen p??t?es?? - der Mensch wird also durch Prothesen ergänzt und dabei schrittweise komplettiert. Die Prothetik ist damit Urbild allen technischen Agierens. Technische Objekte erweisen sich als Organ-Prothesen, mit deren Einsatz der Mensch seinen schlecht ausgestatteten Körper optimieren kann. Die Ausrüstung des Mängelwesens erfolgt nach Maßgabe einer Prothesentechnik. Der promethëische ist also eigentlich ein prothetischer Mensch – er ist 'homo protheticus'.
Diese Prothesentechnik nun gleicht nach Arnold Gehlen Organmängel des Menschen aus. Die fortlaufende Ueberbietung der eigenen Organe im Zuge gesteigerter Technisierung bei zunehmender Verwendung anorganischer Materialien und Energiequellen führt schließlich dazu, dass sich der Organersatz zum Ersatz des Organischen überhaupt wandelt. Der Mensch und seine Prothesen bilden eine funktionale Einheit, deren Bestandteile – mangelhafte Organe und perfektionierbare Prothesen – beliebig austauschbar sind. Die technische Verbesserbarkeit und Ersetzbarkeit körperlicher Funktionen des Menschen bis hin zu den Vorstellungen des Transhumanismus sind Konsequenz dieses Technikbildes.
Die These vom technisch ausstaffierten Mängelwesen erscheint verführerisch einleuchtend. Es gibt jedoch bei genauerer Betrachtung zahlreiche Einwände, die dieses Technikbild naiv und verfehlt erscheinen lassen. Damit lösen sich auch etwaige Rechtfertigungsstrategien auf, die Prothetisierung abhängig vom jeweils technisch Möglichen mit Notwendigkeiten begründen wollen. Es bleibt auch völlig offen, wie es das organische Mängelwesen eigentlich schafft, zu seiner glanzvollen, überlebenssichernden Prothetik zu kommen.

Die Natur des Menschen (2): Der technische Trieb

Eine biologische Begründung der Technikentwicklung muss einen entsprechenden technischen Trieb postulieren. Ernst Kapp postuliert mit der Projektionstheorie eine unbewusste Selbstentäußerung der Art, „dass der Mensch in die ursprünglichen Werkzeuge die Formen seiner Organe verlegt oder projiziert hat“. Technikentwicklung kann dann keine bewusste erfinderische Handlung des Menschen sein. In diesem Sinne führt André Leroi-Gourhan die Entwicklung prähistorischer Werkzeuge gerade nicht auf eine intellektuelle Leistung zurück. Ihm „erscheint das Werkzeug geradezu als eine anatomische Konsequenz, als einziger Ausweg für ein Wesen, das in seiner Hand und seinem Gebiss vollständig waffenlos dasteht und dessen Gehirn in einer Weise organisiert ist, die es zu komplexen manuellen Operationen befähigt“. Leroi-Gourhan verknüpft hier also das Mängeltheorem mit manueller Kompetenz derart, dass beide einander bedingen. Betrachtet man Fossilien der ersten Zweifüßer (Anthropinen) und ihre Steinwerkzeuge gemeinsam, dann "drängt sich der Gedanke einer synchronen Evolution der Werkzeuge und der Skelette auf". Die Technizität des Menschen wäre dann in ihrem Ursprung als ein zoologisches Phänomen anzusehen. Das Werkzeug als „ausgeschwitzte Absonderung“ ist kein intellektuelles, sondern ein biologisches Produkt des Menschen im Naturzustand 'homo natura'; uns hinterlassen als externes Skelett.

Der Status der Technik (3): Der Mensch als Technit bewohnt das Technotop

Die Projektionstheorie liefert jedoch nur eine bloße Verdopplung des organischen Vorbildes – beispielsweise der Stab als projizierter Unterarmstumpf. Meist liegt jedoch im Grunde keine Projektion eines Organs als solchem, sondern die Projektion einer Geste des Organs vor – im Fall des Hammers die Faust. Da nun aber die Handhabung des Werkzeuges wiederum einer Geste bedarf, erfolgt eigentlich eine Hintereinanderschaltung von einerseits Geste der Hand sowie andererseits projizierter Geste der Hand (= Werkzeug). Der eigentlich interessante Punkt ist dann aber in der Art und Weise der Hintereinanderschaltung, d.h. der Gestik, und weniger in der materialisierten Projektion selbst zu finden.

Es ist die Hand, die technisches Handeln ermöglicht, indem sie Werkzeuge nutzt. Sie gleicht aber keinen Organmangel aus, sondern nutzt im Gegenteil eine besondere Organeignung, worauf bereits Aristoteles hingewiesen hat: „Demjenigen Wesen nun, welches für die meisten Kunstfertigkeiten befähigt ist, gab die Natur die Hand, die unter allen Werkzeugen für das meiste brauchbar ist“. Der Mensch hat – dies ist hier die Wendung in das Gegenteil des Mängeltheorems – mit der Hand das technisch brauchbarste Organ überhaupt. Aristoteles zieht folgendes Fazit: „Die Hand aber scheint nicht ein Werkzeug zu sein, sondern viele, denn sie ist gewissermaßen ein Werkzeug, welches Werkzeuge ersetzt“ (687a) und – so ist hier zu ergänzen – Werkzeuge anwendet. Diese aristotelische Auslegung der Hand als „Werkzeug der Werkzeuge“ charakterisiert sie als ein multifunktionales Universalwerkzeug.
Als manuell agierender Technit ist der Mensch in anthropologischer Perspektive 'homo idoneus', d.h. der infolge natürlicher Eigenschaften zum technischen Handeln geeignete Mensch. Nicht die existentielle Not führt zur technischen Tugend, sondern Technik ist die Tugend des Menschen. Damit aber ist für das Technische ein Argumentationsraum in der Weite aufgespannt, die nötig ist, um die Bedeutung des Technischen als Lebenspraxis des Menschen adäquat zu fassen. Es ist die Natur des Menschen, Techniker zu sein. Dieser 'homo technicus' richtet sich seine Welt mit technischen Artefakten ein. Diese vom Menschen bewohnte, technomorph ausgestaltete Region kann man als Technotop bezeichnen. Fragen von Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltbarkeit stellen sich nun mehr in Kategorien der Wohnlichkeit, sprich Wünschbarkeit, als in denen angeblicher Notwendigkeiten. Der „intrinsische“ Wert des Menschen ist dann aber gerade das scheinbar Aeusserliche des jeweils technisch Möglichen.

Quellen:
Bolz, Norbert (2012). Das Gestell. Paderborn: Fink
Bolz, Norbert (1992). Die Welt als Chaos und als Simulation. München: Fink
Böhme, Hartmut (1996). Zur Theologie der Telepräsenz. In: Hager, Frithjof (Hg.): KörperDenken. Aufgaben der historischen Anthropologie; Berlin, S.237–249.
McLuhan, Marshall / Powers, Bruce R. (1995). The Global Village - Der Weg der Mediengesellschaft in das 21. Jahrhundert. Vorw. v. Dieter Baacke, Paderborn: Junfermann.
Kollek, Regine (1994). Der Gral der Genetik - Das menschliche Genom als Symbol wissenschaftlicher Heilserwartungen des 21. Jahrhunderts; in: Mittelweg 36 3.Jg. Feb/März S.1-14. – auch in: Biotech 02.02.1995 S.4–17.


TEIL II: Digital-visueller Narzissmus

7.2.1. Vom Analogen ins Digitale - vom Echten zum Falschen?

Der Manipulationsverdacht

    "Was machen die Medien mit den Leuten? Das ist die Frage nach der Medienwirkung - und man vermutet Manipulation.
    Zu Zeiten der Aufklärung war es der Verdacht gegen das Geheimnis - alles mußte demaskiert werden. Im 19. Jahrhundert schlug der Verdacht nach innen, und man unterstellte sich selbst Klassenbewußtsein oder unbewußte Motive. Und heute nähren die Mahner den Manipulationsverdacht gegen die Medien.
    Dabei genießen sich die Kritiker in dem Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen. Aber das ist nur eine Wahrnehmungstäuschung.
    Denn in der Medienwirklichkeit ist das kritische Bewußtsein selbst der Mainstream. Seit den Tagen der Studentenbewegung tarnt sich der Konformismus als sein Gegenteil — nämlich als Kritik. Damals rastete der Automatismus des Hinterfragens ein; heute trägt man stereotyp Bedenken oder stilisiert sich als Opfer.
    Es ist aber sinnlos, den Massenmedien Manipulation vorzuwerfen. Sie interessieren sich nämlich nicht für die Wirklichkeit an sich, sondern dafür, wie die Wirklichkeit von anderen gesehen wird.
    Deshalb muß, was sich ereignet, damit es sich ereignet, mediengerecht sein. Massenmedien berichten nicht, was geschieht, sondern was andere für wichtig halten. Sie beziehen sich in erster Linie nicht auf die Welt, sondern auf sich selbst. Das gelingt gerade dadurch, daß sie Störungen von „dort draußen" verarbeiten.

    Nun ist die Geschichte der Manipulation so alt wie die Geschichte der Medien selbst. Fälschung gab es schon immer, aber Digitalität ist das Reich der spurlosen Fälschung. Hier gibt es kein Wasserzeichen der Echtheit mehr. Wenn das White House als Hintergrundbild eines Live-Kommentars ein paar Meter zu breit ist, kann man sie ohne weiteres aus dem Computerbild herausrechnen. Wenn die amerikanische Fernsehgesellschaft CBS ein Bild vom Times Square zeigen will und sich dabei vom riesigen Logo des Konkurrenten NBC gestört fühlt, ersetzt sie es einfach durch das eigene - digitale Manipulation macht's möglich, und zwar live.
    Der Glaube an die Redlichkeit der Bilder geht auf die Technik einer Photographie zurück, die ihr Erfinder Fox Talbot als 'pencil of nature' bezeichnen durfte. Die Natur schreibt sich selbst auf - als Foto. Diesem Vertrauen hat die digitale Bildtechnik den Boden entzogen. Jetzt ist jedes Bild nur noch das Resultat von Rechnungen.
    Ein neues digitales Alphabet gilt heute für Bilder, Worte und Klänge gleichermaßen. Die Pixelkonfigurationen der errechneten Bilder kennen, außer den technischen Standards, prinzipiell keine Grenze der Gestaltwerdung und Bildmanipulation.
    An dieser logischen Grenze von Unterscheidbarkeit überhaupt, dem Pixel, bilden sich heute die errechneten Bilder.
    Man kann hier nicht mehr von Abbildung sprechen, weil jedes Pixel auf dem Bildschirm einzeln berechnet und manipulierbar wird. Als die Fernsehbilder vom Mond kamen, mußten die Daten erst verarbeitet werden, um Sichtbarkeit zu erreichen.
    „Picture processing" nennt man diese digitale Nachbearbeitung fototechnisch schwacher Funkbilder. Das ist eine Technik der spurlosen Fälschung: Funkbilder und Fotos werden mit einem Scanner abgetastet und in digitaler Form, d.h. als diskrete Zahlenreihe, im Computer gespeichert. Nun kann man retuschieren, ohne daß Spuren bleiben, denn die Pixel des Monitors sind kleiner als die Film-Körnung. Man kann es auch so sagen: Daß jedes Bild als Matrix von Codes manipuliert werden kann, hat den Effekt, daß es keine ,Effekte' mehr gibt. Am Endpunkt dieser Entwicklung wird die Kamera durch die direkte Video-Synthese numerischer Bilder ersetzt werden.

    Elektronische Bildverarbeitung korrigiert und verknüpft digital gewandelte Bilder von jedem einzelnen Pixel aus. Techniken wie die Fourier-Analyse ermöglichen eine Bildnachbearbeitung, die etwa Satellitenbilder überhaupt erst interpretierbar macht. Die Photographien werden gleichsam gesäubert, ihre Datenstruktur optimiert. Oberflächen erscheinen dann geglättet, Kanten scharf konturiert. Bei dieser elektronischen Nachbearbeitung von Bildrohdaten verliert der Begriff Manipulation seinen kritischen Sinn. Weil elektronische Bildverarbeitung immer Manipulation ist, wird es in Zukunft kaum mehr technische Möglichkeiten des Echtheitsbeweises von Photographien geben. Uns bleibt nur, wie schon Ted Nelson mutmaßte, das Vertrauen in den, der das Photo geschossen hat. Es gibt in der Welt elektronischer Dokumente eben kein Aequivalent zum Wasserzeichen, keine Marke der Echtheit.
    Gerade im Internet stellt sich das Problem der Glaubwürdigkeit des Wissens in aller Schärfe. So scheint unsere Kultur schon längst auf Wahrheit verzichtet zu haben. An ihre Stelle ist das Vertrauen in den Wettbewerb der Informationsquellen getreten. Wer heute online geht, setzt sich einer Anarchie der Information aus, in der es keine Kontrollmöglichkeiten mehr gibt — hilfreiches Wissen und Paranoia gedeihen hier in friedlicher Koexistenz nebeneinander.
    Und weil für einen modernen Menschen ganz selbstverständlich die Kommunikationswahrnehmung an die Stelle der Weltwahrnehmung tritt, kann man auch nicht mehr auf eigene Faust die von den Medien angebotenen Informationen an der „Wirklichkeit" messen. Denn wo sollte eine Wirklichkeit hinter den Medien sein?
    Natürlich haben wir längst eine Lösung für das Glaubwürdigkeitsproblem des Wissens gefunden: Wir lesen den Spiegel und die FAZ, hören Radio und sehen uns die Tagesthemen an.
    Oder um es wissenschaftlich spröde, aber genau zu sagen: Wir erreichen Verläßlichkeit durch Redundanz. Der Wettbewerb der Informationsquellen läßt uns vertrauen in das, was wir zu wissen bekommen.
    So wie es für uns keine Alternative dazu gibt, den Massenmedien zu vertrauen, so setzen diese ihr Vertrauen in Quellen, z.B. „gewöhnlich gut unterrichtete Kreise". Das verführt zu Manipulationen, und sei es auch nur zur Fälschung von Statistiken, von denen Zyniker ja immer schon vermutet haben, dass sie überhaupt nur in gefälschtem Zustand existieren. Es liegt auf der Hand, daß hier ständig manipuliert wird. Aber unser Vertrauen in die Massenmedien ist trotzdem alternativlos.
    Es macht nämlich lebenspraktisch keinen Sinn, dem reißenden Strom der Neuigkeiten mit einem Manipulationsverdacht entgegenzutreten. In der modernen Welt fehlt einfach die Zeit, den Bericht über die Wirklichkeit mit dieser selbst - was immer das sein mag — zu vergleichen.
    Es geht also nicht ohne Vertrauen; doch das kann enttäuscht werden. Je perfekter die Medientechniken werden, desto riskanter wird der Ritt über den Bodensee, den wir Welterfahrung nennen. Deshalb läßt sich unsere Kultur heute von der Unterscheidung „Simulation vs. Authentizität" faszinieren [wie auch dieses Buch zeigt: "Fake vs. Real"].
    Gerade weil jeder spürt, daß die Medien mit ihrer Inszenierungsmacht immer tiefer in die Wirklichkeit eindringen, wächst die Sehnsucht nach dem „wirklich Wirklichen" — und die wird dann natürlich von den Medien befriedigt. Das ist das einfache Erfolgsgeheimnis von Reality TV, Shockumentaries und Voyeur-Fernsehen wie „Big Brother": In der Welt der Simulation wird das Reale zur Obsession.
    Es ist sicher kein Zufall, daß im Zeitalter der Massenmedien die eigentliche Wirklichkeit, Echtheit und Wahrheit auf der Straße gesucht werden. „Wirkliche" Wirklichkeit ist aber immer das Resultat einer Mystifikation. Tatsächlich ist „street credibility" mittlerweile ein bedeutsames Marketing-Instrument.
    So ist etwa das Schlauchboot von Greenpeace auf die Fernsehberichterstattung berechnet - Prime Time Activism hat Ch. Ryan das genannt. Wer spontan seinen Protest bekundet, muß darauf achten, daß die Mikrophone eingeschaltet sind. Auch die Revolte braucht Marketing als Kampf um die Wahrnehmung. Und es gab sie natürlich auch schon früher, die mediengerechten Artisten der Revolte: Langhans, Uschi Obermaier, Dutschke. Ihre Bilder und Sprüche werden in Erinnerung bleiben, wenn nur noch ein paar Historiker erklären können, was einmal mit der Legitimationskrise des Spätkapitalismus gemeint war.
    Quelle: Bolz, Norbert (2007). Das ABC der Medien, Fink-Verlag, S. 47-50

7.2.3. Aesthetischer Narzissmus

"Warum werde ich nicht satt?" - dieses Statement als rhetorische Frage, in einen wütenden Punk-Rock-Song gepackt von der deutschen Gruppe "Die Toten Hosen" und diesem Buch als Zitat vorangestellt beschreibt in aller Kürze und Prägnanz das Dilemma in dem wir und die Welt seit Jahrzehnten stecken: "Warum ist Genug nie genug?" (in Anlehnung an den Liedermacher Konstantin Wecker).

Stichworte zum zweiten Teil dieses Kapitels:
- Kapitalismus der Verpackung, des Designs und der glatten Oberfläche
- 'Bildbeweis': "mit eigenen Augen gesehen" - die erstaunliche Glaubwürdigkeit (gefälschter) Bilder - "Visual FAKE"
- Gesundes Mass finden und Zufriedenheit erlangen: Mittelmass kann sexy sein
- dem Wachstumsdiktat entkommen, aber wie?
- "Oberflächentechniker" als postmoderner "Beruf"
- Falsches Selbst und tertiärer Narzissmus
- nicht-nährende Inputs und Glücksversprechen
- konditioniertes "Nie-Genug" und ewiges "Haben-Wollen"

Bereits der Neo-Psychoanalytiker und Mitbegründer der "Kritischen Theorie" (sog. 'Frankfurter Schule') Erich Fromm hat in seinen visionären Schriften das Phänomen des nimmersatten Konsumenten mehrfach und eindringlich beschrieben (s.u.). Er wollte uns damit aufrütteln und den Leser, die Leserin seiner Bücher vom Haben-Modus wegführen und zu einem Modus des Seins hinführen (u.a. in Bestsellern wie "Haben oder Sein" und "Die Kunst des Liebens"):
    "Fromms Herleitung des Marketing-Charakters aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang des Konsumkapitalismus wird durch empirische Daten bestätigt. Eine repräsentative Untersuchung der Universität Hohenheim ergab, dass 1991 erst ein Prozent der Ostdeutschen kaufsüchtig war. 2001 waren es bereits sieben Prozent. Ganz eindeutig ist Kaufsucht also gesellschaftlich verursacht.
    Verfehlt ist es daher, Kaufsucht als Erkrankung einzelner Individuen anzusehen. Besser wäre es, danach zu fragen, in welchem Ausmass unsere ganze Kultur erkrankt ist. Die Gier nach Besitztümern hat uns alle ergriffen. Sie wird systematische stimuliert und ist als Systemkonstante in die neoliberale Gesellschaft eingebaut.
    Die „Kaufsuchtstudie“ der Universität Hohenheim drückt es so aus: „In unserer heutigen Konsumgesellschaft spielt Konsumieren und Kaufen eine zentrale Rolle. Zugleich sind die Konsumgüter stark symbolisch überhöht. Durch Werbung werden wir zur Kompensation und Problemlösung mit Hilfe von Gütern erzogen (...). Die ‚kontrollierte Kaufsucht’ gilt als Normalität, während andere Süchte wie Nikotin- oder Alkoholsucht gesellschaftlich diskriminiert werden.“ (Waldrich, Hans-Peter (2009). Der Konsum ruft. In: FREITAG 17.9.09. Online: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-konsum-ruft)
Leider sind seine Aufrufe und die vieler anderer (wie Dennis Meadows "Club of Rome: Die Grenzen des Wachstums" etc.) bisher ohne grosse Resonanz verklungen und haben ihren Niederschlag in lokalen Aktivitäten gesellschaftlicher Randgruppen zwar gefunden, aber der grosse Durchbruch einer Philosophie des "guten Lebens" (Aristoteles s.u.) blieb bisher leider aus.

Ich erhoffe mir mit meinem bescheidenen Beitrag der in die gleiche Richtung geht und den ich bereits im zweiten Kapitel als "Tertiären Narzissmus" eingeführt und beschrieben habe, einen erneuten Anstoss zum Umdenken und zur Besinnung zu einem massvollen und die Ressourcen schonenden, glücklichen und 'guten' Leben zu geben. Vielleicht wird diese Haltung eines Tages auch politisch sich als mehrheitsfähig erweisen und die bisherigen Bemühungen wie z.B. die Energiewende oder den biologischen Landbau um eine Haltung des "Gesunden Masses" ergänzen wird und so auch als Philosophie vom Guten Leben (Aristoteles, Sokrates, Konfuzius; Nussbaum, Han u.v.a.m., s.u.) breit etablieren und so das glückliche Weiterleben auf diesem Planeten ermöglichen wird. Um all diese Fragen soll es in diesem siebenten Kapitel gehen.

Tertiärer Narzissmus reloaded

Wie im Narzissmus-Kapitel 2 bereits beschrieben, "handelt sich hierbei um eine von mir und anderen postulierte Zunahme narzisstischer Selbstwertprobleme aufgrund eines unreflektierten und unbewussten "immer mehr"-Gefühls, einem geheimnisvollen Zwang zum unersättlichen Konsum im deregulierten "Turbokapitalismus" des 21. Jahrhunderts" (Frauchiger 2017, S....). Und weiter:
    "Diesem Wachstumszwang kann sich kaum einer entziehen - er erfasst auch Menschen die weder regressiv im primären noch reaktiv im sekundären Narzissmus sich befinden - das ist der Grund weshalb m.E. eine dritte Kategorie der narzisstischen Störung, des narzisstischen Ungleichgewichts hergeleitet und beschrieben werden muss, weil es sich eben nicht um einen "pathologischen Entwicklungsnarzissmus" [vgl. Kap. 4: Entwicklung] handelt, sondern um einen durch Werbung und Propaganda hervorgerufenen konditionierten (!) Narzissmus des Kollektivs [es sei an die kapitalismuskritischen Konzepte von Lasch, Sennett, Ehrenberg u.a. aus dem 3. Kapitel erinnert sowie an den politisch induzierten Narzissmus der NS-Zeit in Kap. 5], welcher sich tertiär im Erwachsenenalter bislang unauffälliger Individuen manifestieren kann und zu einem suchtartigen Konsum- und Leistungs-Rausch führen kann.
Den Mechanismen dieses nicht mehr individualpsychologisch sondern ökonomisch und medial erzeugten Narzissmus wollen wir in diesem Kapitel also nachgehen. Hier sei nochmals auszugsweise ein ausgezeichneter Text des Kulturphilosophen Philipp Tingler zum Thema zitiert:
    Was ist ästhetischer Kapitalismus? Und: Wie schön muss der Mensch als Ware sein?
    Wir leben in der spätmodernen, postindustriellen Gesellschaft (...), Identität wird nicht zuletzt durch Dingwelten konstruiert; die Sachen, mit denen man sich umgibt. Eine Kultursoziologie der Dinge beschäftigt sich mit derartigen Identitätskonstruktionen sowie symbolischer Formen sozialer Inklusion und Exklusion über Konsum und Besitz. Klingt beeindruckend, ist aber im Grunde das, was uns Thorstein Veblen schon vor über 100 Jahren mit seinem Konzept des «Geltungskonsums» serviert hat: Dinge geben Auskunft über den gesellschaftlichen Status und das kulturelle Bezugssystem ihrer Besitzer.

    Neu ist allerdings die überragende Wichtigkeit und Dominanz des Aesthetischen bei dieser symbolischen Funktion und Bewertung von Dingen. Bereits Sigmund Freud verdanken wir (in seiner Schrift «Das Unbehagen in der Kultur») den Hinweis auf den «Narzissmus der kleinen Differenzen», also Distinktion durch Details, – und ebendas scheint heute das Konsumdogma breitester Kreise zu sein: Distinktion, also Abhebung durch den richtigen Schmortopf, die richtige Reisetasche, den richtigen Nachttisch. «Richtig» heisst dabei eben auch – und vor allem – richtig aussehend; ästhetische, nicht praktische Details stehen im Zentrum der Distinktionsbemühungen beim Konsum von Dingen, Räumen und Ereignissen.

    Neu ist ausserdem die Qualität der Dinge überhaupt. Die Welt der Sachen hat sich gewandelt und wandelt sich. Einerseits werden immer mehr immaterielle Phänomene käuflich und damit verdinglicht. Zum Beispiel das reine Gewissen, früher Ergebnis einer moralischen Handlung, heute zum Beispiel die mutmassliche Folge des sogenannten nachhaltigen Konsums. Andererseits werden die Dinge zunehmend anthropomorph: der spätmoderne Mensch ist umgeben von technischen Artefakten, die bisweilen aufgeladen sind mit immenser Identifikation und Personalisierung und Potenz. Dinge können, was früher nur Menschen konnten. Und der Mensch? Verdinglicht sich selbst. Etwa als Paket auf Dating-Apps oder in sozialen Netzwerken.

    Der Soziologe Heinz Bude weist in seinem Buch «Gesellschaft der Angst» darauf hin, dass die spätmodernen Datingmärkte, also die kommerzialisierte Beziehungsanbahnung vor allem über Websites und Apps, ihren Benutzern bzw. Kunden eine Illusion andrehten: die Illusion der Wahlfreiheit. Wie als Konsument auf dem Markt. Und wie auf dem Markt, so ist die Präsentation wichtig; wie das Ding, so soll der Mensch ästhetisch ansprechend sein: Männliche Amerikaner, die in ihrem Profilbild nicht direkt in die Kamera schauen, haben beispielsweise eine höhere Erfolgsquote auf Tinder.

    Und dann erfolgte gerade der vielkommentierte tränenreiche Rückzug der 19-jährigen Australierin Essena O’Neill von Instagram, die ihren 745’000 Followers beichtet, dass die Kleider auf ihren Selfies gesponsert waren, dass sie für Bilder mit flachem Bauch hungern und sich ihre Akne überschminken musste. «Sie beschrieb also in etwa das Jobprofil, das Heidi Klum ihren Kandidatinnen umreisst, wenn sie das nächste Topmodel werden wollen», stellte die «Süddeutsche Zeitung» dazu völlig zutreffend fest, und zitierte dann Ramón Reichert, Professor für digitale Medienkultur an der Universität Wien, mit folgenden Worten: «Das Problem bei Mädchen wie O’Neill ist, dass ihr Celebrity-Status vor allem auf dem Exhibitionismus ihrer körperlichen Selbstinszenierung beruht.» Naja. Für diese Einsicht brauchen wir keinen Professor. Aber auch das gehört zur Diskursästhetik.

    Quelle: Philipp Tingler (2015). 'Was ist ästhetischer Kapitalismus? Und: Wie schön muss der Mensch als Ware sein?' Online: http://blog.tagesanzeiger.ch/blogmag/index.php/39737/was-ist-aesthetischer-kapitalismus/

Digitale Entfremdung und Oberflächentechnik

Tingler und Thomas Macho äussern sich zum Thema in den Sternstunden Philosophie des Schweizer Fernsehens vom xy. Okt. 2014 wie folgt [eigene Transkription]:
"Das Bild ersetzt das Leben"
Vorbilder werden vermehrt
Körper selbst werden zu Bildern
Selbst-Design als Seelenersatz – Flucht in die Bilder, weil da ist alles perfekt. Die Wirklichkeit wird als Kränkung gesehen, weil sie ist nicht so glatt und harmonisch proportioniert ist wie die perfekt inszenierten technisch hergestellten, virtuellen Bilder. In dieser so entstehenden Parallelwelt designen sich immer mehr v.a. junge Menschen in einem virtuellen bildhaften Abbild ihrer selbst [bzw. ihres Ideal-Ichs] und kommen in grossen Stress, weil sie mit dem virtuell produzierten Abziehbild [als Ebenbild missverstanden, vgl. Schirrmacher] das sie selber veranstalten nicht mehr mithalten können... (Min. 4-6)

Selfies sind Fake-spontan, weil bearbeitet und technisch optimiert – das Bild ist nur das Bild, verweist auf nichts Transzendentes (sagt Tingler), Resonanz ist auch nur scheinbar da, Spiegel statt Gemälde, Glätte statt Tiefe. Intention und Absicht statt spontanem Prozess und Geschehenlassen.

Kulturelle Verflachung, weil Oberfläche des Bildes der Tiefe des Geistes gegenübersteht.

Visualität und Aesthetik: Sein und/oder Schein bzw. "Vom Sein zum Design"

Das Visualitätskapitel einführend und einen Bogen zum Narzissmus-Kapitel schlagend, möchte ich kurz auf den Aspekt des Sehens in der originalen Narziss-Erzählung bei Ovid zu sprechen kommen und zeigen, dass die heute extrem gelockerte Art des tabulosen Sehens und Zeigens in Werbung und in den Medien sowie die Hypertrophie an Bildmaterial (welche bis zur absoluten Gewöhnung und Abstumpfung sowie Indifferenz den grausamsten Darstellungen gegenüber geht), in der Antike aufgrund der damaligen Bilderarmut (v.a. weil deren technische Reproduktion und Darstellung noch sehr limitiert war), zwar noch nicht in diesem (Ueber-)Mass und in dieser Explizitheit stattfinden konnte, aber Ovid weist dennoch bereits auf die Gefahren des Sehens hin. Es geht ihm in der Narziss-Sage auch um eine Warnung der Verführungskraft und um das Täuschungspotential, welches beim Sehen auf uns Menschen einwirkt und uns 'narzisstisch' zu 'verbrennen' droht:
    "Ovids Narcissus-Erzählung ist keine moralisierende Abhandlung über die Gefahren der Selbstliebe oder gar des Narzissmus und auch kein Rührstück über eine unerfüllte Liebe. Sie will auch nicht daran erinnern, dass man der Nemesis nicht entgehen kann. Sie ist vielmehr eine Studie über die katastrophalen Folgen des Sehens. Echo schaut den schönen Narcissus an (aspicit, 356) und ist hingerissen. Sie sieht ihn, entbrennt zunehmend in Liebe und verfolgt ihn (vidit et incaluit, 371). Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Narcissus sieht sein Spiegelbild (visae correptus imagine forma, 416). Er sieht (spectat, 420) seine Augen, seine Haare, ... seinen Mund. Was er wirklich sieht, weiß er nicht, aber was er sieht, setzt ihn in Flammen (430). ... Durch seine Augen geht er zugrunde (440)".
    Ovid hat diese Studie im dritten Buch der Metamorphosen in eine Reihe von Erzählungen gestellt, denen das „Motiv des verhängnisvollen Sehens“ oder auch des „verbotenen Sehens“ gemeinsam ist (Cancik 1967, S.46-48): Cadmus erlegt einen Drachen und gründet Theben (3, 1-137). Er hört eine Stimme, die zu ihm sagt: „Was siehst du den erlegten Drachen an? Du selbst wirst später als Drache erscheinen “ (vgl. Metam. 4, 563-603). Die Göttin Diana verwandelt Actaeon in einen Hirsch, weil er sie im Kreis ihrer Nymphen nackt gesehen hatte (3, 173-205). Er wird von seinen eigenen Hunden gehetzt und zerfleischt (206-252; Michaela Hellmich: Actaeon. Ein Comic als Ovid-Schullektüre, in: AU 4+5/2013, S.60-73.). Ovid reflektiert den Vorgang in den Tristien (2, 103-106) und bezieht ihn auf sich selbst. Anscheinend hatte er auch etwas Verbotenes gesehen. Pentheus (3, 511-731), der Tiresias verachtet und sich dem Bacchuskult widersetzt, beobachtet verbotenerweise die heiligen Handlungen und wird von seiner eigenen Mutter mit dem Speer getroffen, die ihn für einen Eber hält, und dann von den rasenden Mänaden zerrissen.
    Narcissus steht also in einer Reihe mit anderen Akteuren des verhängnisvollen Sehens – Cadmus, Actaeon und Pentheus – im dritten Buch der Metamorphosen. Dadurch fällt auf die Prophezeiung des Tiresias ein anderes Licht. Narcissus wird ebenso wie die anderen vernichtet, weil er etwas sieht, was er nicht hätte sehen dürfen. (Mitteilungen des Niedersächsischen Altphilologenverbandes (2015). Online: http://mitteilungen.navonline.de/archiv/2015/heft-2/narcissus-und-narzissmus-ovid-metamorphosen-3-339-510, Zitate: zuunterst im Anhang, Quellenangaben am Schluss dieses Kapitels)

Verbotene, verführende und täuschende Bilder in der Postmoderne

Ich bemühe hier nochmals den streitbaren (und streitlustigen) neoliberalen Medienwissenschaftler und Philosophen Norbert Bolz, erstens um nicht nur Autoren aus dem linken politischen Spektrum zu Worte kommen zu lassen und zweitens weil er zur Visualität und zur Dominanz der Bilder in der Postmoderne (Prisching würde "zweite Moderne" dazu sagen) bereits in den 90er Jahren Wichtiges und Wertvolles geschrieben hat, so u.a. folgende Hinführung zum Buch "Riskante Bilder" aus dem Jahre 1996:
    Riskante Bilder - "Verzeichnungen" in der Medienwelt
    Wir gehen von zwei fundamentalen Sachverhalten der postmodernen Welt aus: Was man von ihr weiß, weiß man zumeist durch technische Bilder, und was mein in ihr tut, steht im Zeichen des Risikos. Risiko nennt man den kalkulierten Umgang mit dem Wagnis; es normalisiert die Gefahr. Das heißt aber auch, daß heute alles riskant ist.
    Und gerade der läuft das größte Risiko, der Risiken scheut - er riskiert nämlich, nicht mehr mitzukommen. Auch Bilder normalisieren die Gefahr; sie präsentieren uns den Schrecken des Realen - also das, was Hans Blumenberg einmal den Absolutismus der Wirklichkeit genannt hat - zunächst einmal in ästhetischer Distanz. Doch es ist charakteristisch für die Bilderwelt unserer riskanten Postmoderne, daß sie die kontemplative Stabilität dieser ästhetischen Distanz nicht mehr gewähren will: Bilder springen uns an, wollen verführen und betäuben.

    Indem wir von riskanten Bildern sprechen, schlagen wir ein Kriterium der Unterscheidung in der Bilderflut vor: Bilder unterscheiden sich heute dadurch, wie sie mit der Riskanz unserer Welt umgehen. Riskante Bilder tauchen als bedeutungsvolle Einzelbilder aus der Bilderflut empor. Das ist zunächst einmal höchst unwahrscheinlich, und wir müssen fragen: wie ist es möglich? Denn in den großen Bildwelten von Reportage, Werbung und Kunst droht ständig das Verschwinden des prägnanten Einzelbildes in der Indifferenz, Beliebigkeit und Allgegenwart der „visuellen Kommunikation". Im Kampf um Aufmerksamkeit wird der Einsatz ständig erhöht. Hier kann das Risiko der Bilder sogar in Gefahr Zurückschlagen, ja das Leben kosten - man denke nur an die Frontberichterstattung von den zahlreichen Schauplätzen des Weltbürgerkriegs.
    Wir meinen nun aber, daß beim kalkulierten Einsatz von Schockbildern und visuellen Tabubrüchen keine riskanten Bilder entstehen. Hier verschiebt sich lediglich die Grenze des Darstellbaren weiter nach vorne. Dem Schock folgt die Gewöhnung, dem Tabubruch die Lockerung des Tabus und damit die Unwirksamkeit der Grenzüberschreitung. Gerade diese plakativen Formen des Bilderstreits verdecken subtile Dispositive und Verteilungsmechanismen, die die Wirksamkeit der Bilder steuern. Das heißt aber auch: Erst der Kontext eines Bildes definiert seine Riskanz. Auch das kann man von der Benetton-Kampagne lernen: Nicht das „journalistische“ Schock-Bild selbst war der Skandal, sondern sein Eintritt in die Sphäre der Werbung.

    Zur näheren Bestimmung des Begriffs „riskantes Bild“ knüpfen wir an den von Hermann Sturm entfalteten Begriff der „Verzeichnung“ an, der es ermöglicht, das Risiko der Bilder durch Bedeutungs-, Kontext- und Formverschiebungen zu charakterisieren.

    Der Begriff „verboten" verweist auf ein politisches Risiko, „verschwunden“ auf ein mediales und „verschoben“ auf ein modales Risiko.

    Das Verbot ist die offenkundigste Markierung hinsichtlich einer Grenzüberschreitung, es läßt die Existenz und Funktionsweisen von Tabus sichtbar werden. In Deutschland zeigt sich dies immer noch am deutlichsten im Umgang mit dem Bildrepertoire des Nationalsozialismus. Der Gebrauch dieser „verbotenen“ Zeichen garantiert Provokationseffekte - so provozieren Neonazi-Kostümierungen die bilderlose Staatsgewalt dazu, sich zu zeigen, sichtbar zu werden. Das Unbehagen, das das Spiel mit diesem Bildrepertoire in der Kunst oder im Film auszulösen vermag, verweist auf eine „unbewältigte Vergangenheit“. Es verweist aber auch auf den virulenten Glauben, daß im Bild das Ding selbst präsent sei, daß sich das Böse selbst in den Bildern manifestiere.
    Die Betrachtung von Denkmälern und Geschichtsmythen zeigt darüber hinaus, daß ein Bild wie ein Verbot oder ein Tabu wirken kann, indem es die Wahrnehmung des Widersprüchlichen und Komplexen verhindert; indem es sich also an die Stelle anderer möglicher Bilder setzt, diese bis zur Auslöschung überdeckt oder als Deckerinnerung fungiert. Man kann also etwas durch Bilder zum Verschwinden bringen.
    Und das gilt gerade auch für die neue Medienwirklichkeit. Daß Gestaltung und Wahrnehmung von Bildern in der Autopoiesis der technischen Bilderflut untergehen, ist längst ein Gemeinplatz der Kulturkritik.
    Quelle: Bolz, Norbert (1996). Riskante Bilder S. 7-8

Vom Wesen des Scheins

    Schein ist eine Suggestion von Wirklichkeit. Er trügt über das, was der Fall ist. Was aber ist der Fall? Wo ist der archimedische Punkt, auf dem der Blick in Stellung gebracht werden muß, damit er erkennen kann, was der Fall ist, und was er bloß zu sein scheint? Der Blick auf die gegebenen Bilder, die keiner gemacht zu haben scheint, wenn wir uns mühen, die Interpretation beiseite zu lassen, die über sie im Umlauf sind, ist es nicht. Nichts ist trügerischer als das vermeintliche Bild an sich. Es gibt den Zusammenhang nicht optisch preis, den es zum Ausdruck bringt. Die Reinigung des Gedankens von den Spuren der Bilder ist es auch nicht. Sie führt uns um so weiter in scheinbare Welten, je besser sie zu gelingen scheint. Alles wird möglich und alles zugleich, auch wenn es zugleich gar nicht möglich wäre.
    Wir sehen die Bilder, die wir sehen können, immer schon im Licht der Sprache, die wir sprechen. Wir berufen uns beim Sprechen über das, was in der Sprache umstritten ist, auf die Bilder, die wir sehen können. Und wir haben beide, die Bilder und die Sprache, nur in der sozialen Lebenspraxis, in der wir stehen. Wenn Heidegger meinte, die Sprache sei das Haus des Seins, dann sind die gegebenen Bilder der Welt seine Fenster, ohne die es drinnen finster wäre.
    Kant hat uns die Augen geöffnet für die unauflösliche Verschränkung von Verstand und Sinnen, Wittgenstein für die Einbettung beider in die Sprache einer Lebensform. Was außerhalb der Sprache dieser Lebensform wirklich der Fall wäre, läßt sich nicht sagen. Aber wir können in der Sprache einer Lebensform das Bild von der Welt, das sie überliefert, und die Lebensform selbst, die sie stillschweigend rechtfertigt, widerlegen und neu entwerfen.
    Das Haus des Seins ist kein Gefängnis, das viele Mauern hätte, aber keine Fenster. Wirklichkeit ist nichts Gegebenes, sondern der Prozeß der kritischen Vergewisserung dessen, was sie ist. Gerade darum ist sie nichts Beliebiges, sondern das Bild von der Welt, das sich in diesem kulturellen Prozeß zeigt. Zu ihm tragen die Kräfte, die hinter ihm wirksam sind, ebensoviel bei wie die sozialen Mächte, die Lebensformen prägen, den Umgang mit der Natur regeln und die Regeln für die Darstellung beider in Kraft setzen. Wahrheit ist daher weder im unverstellten Bild noch im zwingenden Gedanken. Sie ist eine regulative Idee, die uns sagt, wie die Diskurse geführt werden müssen, um die Verzerrung im Bild von der sozialen und natürlichen Welt zu überwinden. Sie wird möglich, wenn ein wahrhaftiger Austausch aller Argumente im Lichte aller Bilder, Erfahrungen und Wahrnehmungen geschieht, in dem sich immer mehr zeigt, was nur der Macht der Ueberlieferung, der Gewalt von Gruppeninteressen oder der Täuschung vereinzelter Wahrnehmungen entspringt.
Ideologie und Schein
    Das Bild der Wirklichkeit, das in diesem kulturellen Prozeß erzeugt wird, ist wahr. Es zeigt unsere Wirklichkeit. Sie ist nie die Wirklichkeit an sich. Sie bleibt immer kulturanthropologisches Produkt. Jedes Bild, jedes Argument, jedes Sprachspiel, in denen sie sich ausdrückt. Der Umkehrschluß ist, bis hinein in die Sozialwissenschaften, oft zu hören. Dann sei eben jedes kulturanthropologische Produkt, sei es in anderen Gesellschaften, sei es in der eigenen, als Wirklichkeit gleich gültig. Es gibt aber zwei Grundformen der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit, deren Unwahrheit sich zeigen läßt, wenn die Regeln der Wahrheitsfindung zur Geltung gebracht werden. Ideologie und Schein. Zwei spezifische Verzerrungen der Wirklichkeit, die mit der Macht ausgestattet sind, nicht nur einzelne in die Irre zu führen, sondern viele zu narren. Ideologien können große Mehrheiten erfolgreich täuschen, auch wenn sie widerlegt sind. Der Schein kann sie blenden, auch wenn er längst durchschaut ist.
    IDEOLGIEN sind Weltbilder, die eine Sicht der Dinge liefern, in denen sich soziale Teilinteressen erfolgreich als allgemeine Erkenntnisinteressen tarnen. Sie werden als Alltagstheorien oder wissenschaftliche Theorien wirksam, als Sprachmuster, Sichtweisen, Schlagwörter. Ideologien sind falsches Bewußtsein in der Form diskursiver Weltbilder, theoretischer Erklärungen. Sie sind falsches Bewußtsein nicht gemessen an einer Wahrheit als Gewißheit, über die irgendeiner verfügte, sondern weil sie die Interessen, die sie leiten, der Diskussion entziehen.
    SCHEIN ist ein falsches Bild von der Welt als irreführende Wahrnehmung. Der Schein stellt keine Behauptungen auf, entwirft keine Erklärung, er ist nicht diskursiv. Er zeigt etwas und er zeigt es so, daß es ein Bild der Welt zu sein scheint, aber nicht ist. Der Schein ist eine Irreführung der Wahrnehmung, keine irreführende Argumentation. Eine Scheinargumentation ist eine, bei der Behauptungen als Argumente wahrgenommen werden, die keine sind, nicht eine solche, in der falsche Argumente auftreten, die widerlegt werden.
    Schein entsteht, wenn Formen, Bilder, Konfiguration die Wahrnehmung beherrschen, über die die Erkenntnis schon hinweggegangen ist. So wie uns die Sonne auch nach Kopernikus noch aufzugehen scheint. Und so wie sich uns der Himmel, auch nach Galilei, am Horizont noch über der Erde zu runden scheint. Oder so, wie jemand durch ein gewinnendes Auftreten eigentlich ganz nett scheint, auch wenn wir wissen, wozu er fähig ist. Oder eben so, wie ein Politiker kinderlieb zu sein scheint, der sie zu herzen beginnt, wo immer sie zugleich mit einer laufenden Kamera greifbar sind. Auch so wie eine Regierung tätig zu werden scheint, die ein Gesetz in Gang bringt, das außer der Wahrnehmung der Tatsache seiner Verabschiedung nichts bewirken kann.
    Im Ausdruck »es scheint« ist noch offen, ob nähere Prüfung einlösen wird, was die Wahrnehmung zeigt. »Schein« ist eindeutig. Was sich zeigt ist ein falsches Bild. Sei es eines, das in den Gewohnheiten unserer Wahrnehmung stehengeblieben ist, während der Erkenntnisprozeß seine Suggestion enthüllte. Sei es eines, das einen Ausschnitt der Welt so zeigt, daß er der Gesamtheit der Bilder oder guten Argumente nicht standhält. Sei es eines, das eine Geschichte erzählt, die nicht stattgefunden hat.
    Das macht den Schein um so viel verführerischer als jede Ideologie und seine Resistenz gegen Argumente um so viel härter, weil er ja nichts zu behaupten scheint, sondern nur zeigt, was sichtbar ist. Er hat daher - prima vista - und nicht selten auch als letztes Wort der Sinne die Ueberzeugungskraft der Wahrnehmung für sich, die keine Beglaubigung durch weitere Beweise zu bedürfen scheint. Der Schein ist für die Anschauung, was die Ideologie für den Diskurs ist, aber als unmittelbare Gewißheit, nicht als Behauptung.

Handlungsschein, Augenschein, Sprachschein

    Der Begriff des Scheins ist kein Monopol der Optik. Vorspiegelung kann auch Sprache leisten, durch Begriffe ebenso gut wie durch Informationen.
    Die Bilder einer Handlung, wo doch nur Informationen über Meinungen verbreitet wurden, entstanden in der Wahrnehmung der Adressaten nicht zufällig. Aus einer Reihe vager Argumente, die sich im späteren Präzisierungsversuch beinahe verflüchtigten, war durch die Art ihrer Auswahl und Zuspitzung ein allegorisches Schlachtenbild entstanden. Die Nachrichten lasen sich, um gelesen zu werden, wie ein Drehbuch, damit sich der Leser sein Bild mache.
    Handlungsschein ist etwas anderes als Scheinhandlung. Diese ist wirkliche Aktion, deren Wirkung allein der Schein sein soll. Die Erklärung von Smogalarm ohne Handlungsfolgen, das Erscheinen des Ministerpräsidenten am Unfallort, das Gesetz gegen Witwenverbrennung. Handlungsschein ist ein Erzeugnis der Dramaturgie personalisierter Informationen in den Medien. Eine Allerweltsinformation wie die, man sollte über Arbeitszeitverringerung ohne Lohnausgleich nachdenken, mobilisiert eine Lawine von Vorstellungen und Nachrichten über Interessen, Konflikte, Positionen, die unabhängig von dem, was wirklich geschieht und selbst unabhängig von dem, was in Wahrheit gesagt wurde, den Schein dramatischer Verwicklung entstehen läßt.
    Der allegorische Kampf der Parolen in den Werbefeldzügen der Parteien ist auf solche Personalisierung weder angelegt noch angewiesen.
Allegorien und Metaphern Freiheit statt Sozialismus. Wir oder das Chaos. Deutschland oder der Ausverkauf. Die Metaphern erzeugen einen kognitiven Schein, der wie anschauliche Information wirkt, wo er bloß Täuschung ist. Die Sprachsymbole selbst gewinnen anschauliche Gestalt, ohne zum Bild zu werden, wie Kälte und Wärme, Dummheit und Klugheit, Bescheidenheit und Arroganz. Der Anschein präsentiert sie wie Handlungsmächte, die einander befehden und Gewalt über die Menschen haben.
Die Metaphern mögen noch so gegenstandslos sein. Die Arena, die sie bevölkern, und die Schlachten, die sie lenken, gewinnen Realität. Das Möbiusband schließt sich auch hier. Am Ende reden die Parteigänger miteinander und sehen einander so, wie das Spiel der Metaphern es Vormacht, und jeder weiß es im Grunde besser. Nun reden auf einmal vertraute Nachbarn in Stadtrat, Kleinstadtkneipe oder am Gartenzaun, die die Botschaft ihrer Parteizentralen empfangen haben, miteinander, als wären sie nicht mehr sie selbst, sondern die Abziehbilder realexistierender Metaphern.
Die Verführung zur Scheinpolarisierung in der politischen Debatte wächst, während die sachlichen Differenzen schwinden. Sie erscheint den Regisseuren der Inszenierung, die den öffentlichen Diskurs ins Bild bringen, als letzter Weg, im wuchernden Dschungel von Information und Meinungen ein wenig Aufmerksamkeit, Engagement, Klarheit, Parteinahme doch noch zu ergattern.
Selbstgefertigte Zerrbilder des Gegners gewinnen ein Eigenleben, wo Realkonflikte fehlen oder verschwiegen werden.
Sprache erzeugt in der Strategie der falschen Polarisierung, die normaler Ritus von Wahlkampfinszenierungen wird, einen kognitiven Schein. Metaphern fechten als überpersönliche Mächte um Wohl und Wehe der Gemeinschaft.
Sinnfälliger als all das ist die Inszenierung des Scheins durch den Augenschein von Handlung. Das Kind auf der Schulter von Johannes Rau, Reagan auf dem Lehrerpult im Gespräch mit der ganzen Klasse, Wörner im Pilotendreß, Töpfer im Rhein, Blüm in der Höhle des Löwen, oder was sonst auf den Plakatwänden, Bildschirmen und Zeitungsseiten ins Bild kommt, erscheinen wie Erfahrung mit der Beglaubigung der unverfälschten Sinne. Wenn irgend etwas in der ganzen Unübersichtlichkeit, sollte doch das real sein, was wir wahrnehmen, wenn wir unsere fünf Sinne beieinander haben. Was nur gestellt wurde, um das Bild zu machen, gewinnt im Abbild den Anschein wirklichster Wirklichkeit. Die Hand malt die Hand, die die Hand malt.

Augenscheinlich

    Die abgründige Doppeldeutigkeit des Wortes »augenscheinlich« birgt ein Geheimnis und enthüllt es zugleich. In seinen unterschiedlichen Verwendungen bezeichnet es zwei entgegengesetzte Behauptungen, und zwar beide Male in starker Form.
    Das eine Mal sprechen wir von einem Beweis durch den Augenschein. Wir glauben dann, einen stärkeren Beweis für das Bestehen eines Sachverhaltes, für die Wahrheit einer Behauptung, als den der eigenen Augen könne es gar nicht geben. Was die eigenen Augen geschaut haben, wissen wir sicherer als alles, was wir sonst zu wissen meinen. Bei Gericht ist eine Sprache üblich, die den Quantensprung in den Graden der Sicherheit des Wissens so klassifiziert: durch Augenschein beweisen, durch bloßes Hörensagen erfahren, also gerüchteweise.
    Das andere Mal fließt Skepsis ein und der Wortbestandteil Schein nimmt sich sein Recht. Spätestens seit der kopernikanischen Wende wissen wir sicherer, als es die Augen im Schein ihrer unmittelbaren Bilder je könnten, daß nichts so trügerisch sein kann wie Augenschein.
    Die Sprache hat diesem kleinen Wort die ganze Last der Zwiespältigkeit des Bildereindruckes aufgelastet. Seit dem Beginn der Moderne, seit dem Triumphzug der systematischen Naturwissenschaft wissen wir ja, beides ist wahr. Klarste Beweise und trügerischster Schein, beides können die Augen uns liefern. Es kommt darauf an, was wir mit ihnen machen.
    Noch heute, wo das kopernikanische Weltbild in jede Kinderstube dringt, fällt es uns schwer, gegen den Augenschein anzudenken. Die Augen haben wir seither in Verdacht, zugleich Quelle der unbezweifelbarsten Gewißheit und Lieferanten verschrobenster Halluzinationen zu sein. Durch Augenschein dem Zweifel entzogen. Aus bloßem Augenschein.
    Dies ist, wie es scheint, die unaufhebbare Dialektik des wahrgenommenen Bildes, dem die Vorlagen in unserer Wahrnehmung ebenso gehorchen wie die Abbilder. Alle Bilder sind wirklich. Alle Sätze sind wirklich. Das ist nicht dasselbe. Bilder scheinen als Fakten wirklich zu sein, Sätze nur als Behauptungen über Fakten.
    »So weist z.B. Noelle-Neumann auf eine Erhebung hin, in der 50% der Bevölkerung der Bundesrepublik das Fernsehen als das glaubwürdigste Medium einstufen. Die Tageszeitung wurde zum Vergleich nur von 14% der Bevölkerung als am glaubwürdigsten bezeichnet. In den USA ließ sich ebenso aus verschiedenen nationalen Umfragen die überragende Bedeutung des Fernsehens gegenüber den Zeitungen erkennen. Dem Fernsehen wird mehr geglaubt als den Zeitungen. Die Erhebungsfragen, die in den Umfragen verwendet werden, sind freilich nicht unkritisiert geblieben. Mit einer anderen Frageform, die auf eine Einzelbeurteilung der verschiedenen Medien abzielte, konnte aber die überragende Glaubwürdigkeit des Fernsehens nicht in Frage gestellt werden.« So wird der Stand der empirischen Medienwirkungsforschung referiert (Schenk S.80). Natürlich, wie immer in solchen Fällen, säuberlich abgestuft nach Alter, Geschlecht und Bildung, aber insgesamt eben so.
    Bei dieser Feststellung über die Wirkung von Bildern geht es zunächst nicht um Verstehen oder Erinnern. Es geht um Vertrauen, um die Tatsache, daß dem Bildmedium allein wegen des Bildes überlegene Glaubwürdigkeit zugesprochen wird. »Selbst wenn wir beim Fernsehen denken - sehr wenig meist -, rutschen die Bilder dennoch durch« (Mander S.224). Das als Abbild auftretende Bild hinterläßt immer den überragenden Eindruck von Authentizität, während noch der stärkste Beweis die Schwächen bloßer Behauptung nicht abstreifen kann.
Sprache und Bild
Sprache und Bild haben in unserer Wahrnehmung nicht denselben ontologischen Rang. Neil Postman hat dieser Differenz seinen kulturkritischen Essay 'Wir amüsieren uns zu Tode' gewidmet, weil sie für die Grammatik der öffentlichen Diskurse ausschlaggebend ist.
Für die fotografischen Konstruktionen, die wir im Fernsehen als Abbilder sehen, trifft seine Beschreibung das Bild. Für Bilder ist es ein Leichtes, sich gegen Worte durchzusetzen. Filmbilder, das weiß jeder Fernsehproduzent, rechtfertigen sich selbst. Während wir Wörter verstehen müssen, brauchen wir Bilder nur zu erkennen (S. 128, 93).

--> Wasserfall, M.C. Escher, 1961
--> Hand mit Spiegelkugel, M.C. Escher, 1935

Das Wort bedarf der Rechtfertigung durch viele Worte, die der Rechtfertigung bedürfen. Das Bild ist, wo es als Abbild erscheint, seine eigene fraglose Beglaubigung. Worte, erst recht Sätze, sind Konzeptionen, die immer mehr umfassen, als sich einlösen ließe. Bilder erscheinen als das Einzelne, an dem sich am Ende alle Konzeptionen bewähren müssen. Wer argumentiert, setzt den Zweifel voraus. Wer Bilder zeigt, baut auf die metaphysische Gewißheit des Augenscheins.
Bilder scheinen für sich selbst nicht nur zu stehen, sondern ebenso zu sprechen. Worte verweisen auf Zusammenhänge, Voraussetzungen und Urheberschaft. Die Sprache der Bilder ist nicht die Sprache. Die Rede von einer »Logik«, »Grammatik« oder »Syntax« der Bildsprache hebt die entscheidende Differenz nicht auf. Das Abbild verschweigt seinen Urheber, das Wort verweist auf ihn. Das Abbild tritt auf, als kopierte sich die Welt der Objekte in der technischen Apparatur selbst. Die Sprache kann niemals umhin, auf den zu verweisen, der sich ihrer bedient [sie ist gewissermassen 'relational' (waagrecht in unserem Modell), während das Bild 'autoritär', also senkrecht ist].
Wer hat das gesagt? Wer außer versierten Artisten würde das Abbild je fragen. Wer hat das gezeigt? Das Sagen wirkt unvermeidlich wie etwas, das zwischen uns und die Sache tritt [Sprache ist überdies triangulierend, vermittelnd und dialektisch]. Das Zeigen wirkt, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Beim ersten Vorgang kommt alles auf den Urheber an, beim zweiten spielt er keine Rolle. Der ontologische Vorrang der Bilder erzeugt ihre überlegene Glaubwürdigkeit, auch wenn sie lügen wie gedruckt.
Visuelle Fakten, Abbilder so gut wie Bilder, Grafiken so gut wie Zeichnungen, haben zwei weitere überlegene Eigenschaften. Sie erschließen, wenn sie dafür nutzbar gemacht werden, leichter Verständnis. Sie bleiben klarer und länger im Gedächtnis haften. Das ist eine jüngere Erkenntnis in Pädagogik und Medienforschung. Die Medien leben von ihr. Die pädagogische Praxis nimmt sie selten zur Kenntnis.
Experimente mit der Wirkung von Medien haben den Beweis erbracht. Die Bildwelt des Fernsehens ist am einprägsamsten. Sie erzeugt eine stärkere Gefühlsbindung an das Erfahrene. Sie bleibt am längsten haften (Schenk, S.78ff.).
In der Lerntheorie gilt eine Formel aus dem Boxsport: Ein Schlag aufs Auge ist mehr wert als drei aufs Ohr. Oder auch: Wenn ich es höre, vergesse ich es, wenn ich es sehe, erinnere ich mich daran. Was einer nur gehört hat, behält er auf die Dauer im Durchschnitt zu nur zwanzig Prozent. Was er nur gesehen hat, zu dreißig, was er gesehen und gehört hat, zu fünfzig, was er aber gehört, gesehen und besprochen hat, zu siebzig Prozent. Eindrücklichkeit, Nachdrücklichkeit und Gefühlsbindung, kein Informationsmedium sonst kann das bieten.
Medienwirkungsuntersuchungen haben auch gezeigt, im Falle von Divergenz und Widerspruch in den Audiovisionen des Fernsehens überrennt das Bild mühelos den Ton. Reagans Medienprofis pflegten sich folgerichtig auch für Verrißsendungen zu bedanken, wenn nur die Bilder stimmten. Und die stimmten bei Reagan immer.
Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand somnambul am Fluß eines endlosen Bilderstromes dahindämmert oder in einer eingerichteten Lernsituation einer wohlsortierten Auswahl optischer Konstruktionen ausgesetzt wird. Der ontologische Vorrang des optischen Eindrucks ist aber immer wirksam. Er kommt dem Medium Fernsehen vor allen Inhalten systematisch zugute. Er zeichnet noch die durchsichtigste Scheinhandlung mit einer Authentizität und Nachdrücklichkeit aus, die lange wirkt, auch wo sie längst durchschaut ist. Noch gegen den dümmsten Augenschein müssen wir nachhaltig anreflektieren. Der Erfolg bleibt stets mäßig, die Wirkung fast immer prekär. Auch das widerlegte Bild scheint wie ein Erlebnis immer wieder in uns auf. Wir drehen auch im vierten Jahrhundert nach Kopernikus abends nicht weg. Die Sonne geht dem Auge, dem Weltbild und dem Gemüt immer noch unter. Bilder lügen nicht, meint unser Gedächtnis, auch wenn der Verstand es besser weiß. Wie gedruckt lügen, nicht wie gezeigt oder gesehen. »Die westliche Gesellschaft mit ihrer Ueberbetonung der objektiven geistigen Erfahrungsweisen neigt nicht nur zur Blindheit gegenüber der Macht der Bilder, sondern auch zur Blindheit gegenüber der Tatsache, daß wir gegen sie fast wehrlos sind.« (Mander S. 23)
Darum ist die Inszenierung des Scheins der Konstruktion von Ideologien turmhoch überlegen. Sie muß nichts behaupten und ist doch unwiderleglich. Sie kann zeigen, was nicht ist, ohne lügen zu müssen. Sie prägt sich als Erfahrung unvergeßlich ein, auch wenn der Verstand später die Täuschung durchschaute. Das Interesse, die Macht, der fremde Wille überreden nicht mehr, sie zeigen uns nur die Welt.
Quelle: Meyer, Thomas (1992). Die Inszenierung des Scheins, S.36-49
Als Lösung aus der "Bilder-Hypnose" schlägt Meyer den 'zweifachen Blick' und 'Politische Kulturarbeit' vor:
    "Es geht um das Erlernen der Angewohnheit des zweifachen Blicks, der mit den Bildern immer auch den Regisseur sieht, der sie ihm bereitet, damit er dessen Absichten nicht wehrlos zum Opfer fällt.
    Es wäre zu empfehlen, die Fernsehgeräte aus den Wohnzimmern zu entfernen. Stünden sie statt dessen in einem von der alltäglichen Lebenswelt gesonderten Kultraum, der nur zu bestimmten Zeiten vielleicht mit einer besonderen Kopfbedeckung, nach einer besonderen Verneigung und einer Formel, die das kommende Erleben vom Alltagsleben scheidet, betreten werden darf, so könnte kaum der Irrtum überleben, zwischen der alltäglichen Erfahrung gegebener Bilder der Lebenswelt und der täglich neuen Erfahrung, der von fremder Hand entworfenen, gemachten Bilder der Nachrichtenwelt bestünde eine Kontinuität des Sinnes, der Authentizität und des Ursprungs.
    So könnten wir vielleicht wieder veranlaßt werden, wie beim Lesen eines Gedichts, bei der Betrachtung eines Bildes im Museum oder beim Lesen geheiligter Texte zu entziffern, was der Sinn des Willens ist, der sie entworfen hat.
    Könnte es gelingen, ein geistesgegenwärtiges Bewußtsein zu schaffen, das angesichts der gemachten Bilder nie vergißt, nicht Unmittelbarkeit zu erleben, sondern ein geplantes Artefakt, dessen Gehalt sich erst in der kritischen Interpretation erschließt, so müßte Autonomie der Welt des inszenierten Scheins nicht vollends zum Opfer fallen".
    Quelle: Meyer, Thomas (1992). Die Inszenierung des Scheins, S.198f

7.2.4. Narzisstisches Scheinen in der darstellenden Kunst

Narzisstische Kollusion - Von Kunst zu Kommerz - Susanne Petersen

"John Miller erforscht mit seiner Kunst, aber auch in seiner Tätigkeit als Kritiker, Schriftsteller, Musiker und Lehrer Themenbereiche wie die Rolle der Medien, Privatheit und Öffentlichkeit, Interaktion zwischen Individuen und Gruppen, Sexualität und nicht zuletzt die Instrumentalisierung von Kunst. Dafür nutzt Miller so unterschiedliche Medien wie Fotografie, Installation, Assemblage, Video oder Malerei.
In seiner Installation Echo and Narcissus (1990) präsentiert uns Miller die beiden mythologischen Figuren als standardisierte Schaufensterpuppen in John Miller-Braun1 gekleidet: Narziss eingehüllt in billige Meterware, Echo in zeitloser Sportbekleidung. Fest auf beiden Beinen steht Narziss vor einem mannshohen, an der Wand lehnenden Spiegel, den linken Arm zum Gruß erhoben. Doch grüßt er weder den Betrachter noch Echo, sondern sein Spiegelbild. John Miller zeigt uns einen Narziss, der trotz selbstbewusster Geste Mitleid erregt. Ist es doch eine Herrscherpose, die niemandem gilt - er allein betrachtet das Bild seiner selbst im Spiegel. Echo dagegen schaut Narziss an. Ihr Schritt geht dabei zur Seite, so als ob sie Narziss umkreisen wolle, um als Spiegelbild in seine Wahrnehmung treten zu können.
Mit Echo and Narcissus liefert uns John Miller, bekennender Lacan-Anhänger und Kenner der Psychoanalyse, die Aufstellung einer Paarbeziehung. Innerhalb dieser Konstellation hat Narziss den regressiven Part, ist seine eigene Welt, während Echos Welt aus Narziss besteht. Die Verbindung scheint perfekt. Der Analytiker Jürg Willi nennt diese Form der Beziehung eine „Narzisstische Kollusion"2: Narziss, der der Bewunderung des Anderen bedarf, und Echo, die Komplementärnarzisstin, die eigene Bedürfnisse zugunsten des Partners aufgibt. Denn auch Echos altruistische Haltung kann als narzisstisch entlarvt werden: Wo idealisiert und bewundert wird, deutet dies auf eine als mangelhaft empfundene eigene Persönlichkeit hin. Das Idealselbst wird vom Komplementärnarzissten im Anderen gefunden. Narziss wird zu Echos Spiegel. Die gegenseitige Abhängigkeit ist damit zementiert. Die Psychoanalyse nennt für beide Ausprägungen dieselben Gründe: Andauernde Kränkungen durch Verlassenwerden und das Nicht-Geliebt- oder Entwertetwerden von Bezugspersonen in der Kindheit. Die Art der Abwehr gegen diesen Mangel ist allerdings jeweils ein andere: Eine Form der Selbstliebe etabliert sich beim Narzissten, die Gefühle zu anderen Personen unmöglich werden lässt und sie stattdessen auf das eigene Selbst richtet. Der Komplementärnarzisst hingegen glaubt auf sein Idealselbst keinen Anspruch zu haben und versucht es daher im Anderen zu finden.

Miller hält uns den Spiegel vor: Schaufensterpuppen als Träger von käuflichen Statussymbolen lassen Besitzwünsche entstehen und wecken Begierden; die Werbung propagiert Selbstverwirklichung und Individualität als käuflichen, erstrebenswerten Lifestyle, für den der Markt die passenden Produkte bereithält. Unsere Konsumkultur, als Ersatzbefriedigung für unerfüllte seelische Bedürfnisse, ist ein herausragendes Phänomen unserer Zeit. Narziss ist ihr bester Konsument, Echo ihr stetiger Antrieb.
Auch der Kunstmarkt ermöglicht den Erwerb von Prestige und gleichzeitig die Partizipation an einer Art Hochkultur. John Miller kommentiert diese, indem er den Schaufensterpuppen-Narziss, die Antike zitierend, in eine Art Toga wickelt. Durch die Verwendung eindeutig merkantiler Materialien wird Hochkultur in ihr Gegenteil verkehrt, als bigott entlarvt und der Lächerlichkeit preisgegeben.4 Auf diesen Aspekt zielt auch die Verwendung des Fäkalien-Brauns ab - die enge Beziehung von Geld und Kot. Diese Assoziation, die durch Sigmund Freud zur Berühmtheit gelangte, nutzt Miller in seinen Arbeiten ganz gezielt.
John Miller spiegelt mit Echo and Narcissus einen aktuellen Zustand unserer Gesellschaft. Gleichzeitig beschreibt er auf ironische, fast sarkastische Weise ein noch immer bestehendes Phänomen der Kunstwelt: Am Markt orientierte Kunstproduktion wird durch Spitzenpreise in ihrem Wert bestätigt;6 gekauft von einer neuen Sammlergeneration, die durch Teilnahme (oder Teilhabe?) an Hochkultur ihr Selbst aufzuwerten wünscht und dabei, nicht zufällig, eine Form der Geldanlage etabliert. Der Hunger Echos bleibt ungestillt. In Sportkleidung entfernt sie sich im Lauf immer weiter von ihrem Ziel. Echo and Narcissus, nicht Narziss und Echo. Weil es Echo bedarf, damit Narziss existiert.
(vgl. Jürg Willi (1975). Die Zweierbeziehung, Reinbek 1975, S. 65-82.)

Sigmund Freud, „Charakter und Analerotik", in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 7, Wien 1908, S. 203: „In Wahrheit ist überall, wo die archaische Denkweise herrschend war oder geblieben ist, [...] das Geld in innigste Beziehungen zum Drecke gebracht." Freud knüpft damit an eine kulturübergreifende Assoziation an: Schon in der altbabylonischen Lehre ist vom Gold als dem Kot der Hölle - Mammon = ilu manman - die Rede.
Vgl. Gespräch zwischen John Miller und Tony Conrad, „Art Schools, the Internet, and Violin-playing Mermaids", URL: http://www.moussemagazine.it/articolo.mm?id=676, Stand Oktober 2012.


7.2.7. Das Selfie und die 'Oekonomie der Aufmerksamkeit' (Georg Franck 2000)

"Wer Selfies veröffentlicht, den treibt nicht allein seine innere Selbstverliebtheit, der wird auch von außen getrieben. Menschen in den USA, Europa oder Asien, wo die meisten Selfies gemacht werden, leben heute de facto in von Leistungsdruck und Gewinnstreben geprägten Gesellschaften, in denen immer stärker um immer weniger Ressourcen (v.a. Jobs, siehe Arbeitslosenraten in Südeuropa) konkurriert wird. Der Narzissmus, den wir in den Millionen Selfies sehen, hat seine Wurzel im Kapitalismus. “Gier ist ein zentrales Symptom der narzisstischen Bedürftigkeit der meisten Bürger der westlichen Konsumgesellschaften. Besonders ausgeprägt ist sie bei den Trägern gesellschaftlicher Macht anzutreffen: bei Politikern, Managern und Stars”, schreibt etwa der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in seinem Buch “Die narzisstische Gesellschaft”.

Oekonomie der Aufmerksamkeit

Im Kapitalismus, oder sagen wir Marktwirtschaft, das ist leichter verdaulich, steht das Streben nach Gewinn an erster Stelle. Die Profilseiten auf Social-Media-Diensten, die von der staatlichen Behörden über Arbeitgeber bis zu Lehrern permanent gescreent werden können, werden von immer mehr Menschen als ihre Visitenkarte im Netz angesehen und dementsprechend gestaltet. Gut geführte Profile bei Facebook, Twitter oder Instagram sind Tools, mit denen der Einzelne versucht, aus der Masse zu stechen, indem er Reichweite (viele Follower, Fans, Freunde etc.) aufbaut und sich seine Ich-Marke im Netz schafft. Die Botschaften, die dann via Selfie verbreitet werden können, lauten nicht: “Seht her, wie schön ich bin!”, sondern: “Seht her, wie fleißig/erfolgreich/zielstrebig ich bin!” In Jobanzeigen wird das, wofür Selfies im Digitalen stehen, meist implizit gefordert, (kommunikativ, ausgezeichnetes Netzwerk, einwandfreies Auftreten, etc.), die Nachrichtenseite 'Stern.de' hat das bei der Suche nach neuen Online-Journalisten Anfang des Jahres sogar explizit gemacht:
“Sie wollen in einer Redaktion arbeiten, in der Kreativität, Experimente, humorvolle und unkonventionelle Zugänge zu Themen und Projekten erwünscht statt verboten sind? In der Ihr Instagram-Kanal, Ihr Blog oder Ihre Twitter-Credibility mehr zählen als Ihr formeller Lebenslauf? In der Ideen und Engagement wichtiger sind als Hierarchien?”

Der Einzelne und die Masse

Damit sind Selfies wichtiger Teil einer Maschinerie, die über Erfolg und Nichterfolg entscheidet. Im Online-Journalismus, etwa bei 'Stern.de', ist eigene Social-Media-Reichweite bereits Grundvoraussetzung, um einen Job zu bekommen, und beim Online-Journalismus wird es nicht bleiben. Ueberall dort, wo Menschen mit anderen Menschen zu tun haben, wird Social-Media-Reichweite Teil des Humankapitals, vom Bankangestellten bis zum Kellner. Und damit haben Selfies ihre Wurzel nicht bloß im Narzissmus, sondern sind Vehikel zur Selbstvermarktung in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der sich der Einzelne gegen die Masse durchsetzen muss.
Machen wir ein Gedankenexperiment: Würden wir morgen jedem Nordkoreaner, die in einem Land leben, in der der Einzelne nichts zählt und der Staat alles, ein Smartphone in die Hand drücken – würden sie überhaupt auf die Idee kommen, ein Selfie von sich im Internet zu veröffentlichen?
Quelle: Selfies: Jakob Steinschaden (2014). 'Smartphone-Selbstporträts haben mehr mit Kapitalismus zu tun als mit Narzissmus' - Online: http://www.jakkse.com/selfies-smartphone-selbstportraets-haben-mehr-mit-kapitalismus-zu-tun-als-mit-narzissmus/

Narzissmus, Echo, Narziss, Narcissus, Narcissism, Spiegel, Schmuck, Michelangelo, Caravaggio, Ovid, Mythos, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Aggression, Verhalten, Erleben

"Den Königsweg der Sachen und Zeichen ins subjektive Erleben stellt das Versprechen dar, dass ihr Konsum die Person unwiderstehlich macht. Es versteht sich, dass in einer Gesellschaft, in der das Einkommen an Aufmerksamkeit in den Vordergrund rückt, der Konsum im Sog der Selbstwertschätzung steht. Konsum im Sog der Selbstwertschätzung bedeutet, dass das Konsumieren zur Arbeit an der Attraktivität der Person wird. Diese Arbeit eröffnet der Werbung (...) die Rolle einer Lebensberatung in Sachen Attraktivität. (...). Der Kult um die Attraktivität der eigenen Person ist das, was der Sozialpsychologe Christopher LASCH als die Kultur des Narzissmus beschreibt." (Georg Franck (2003). Mentaler Kapitalismus)

"(...) Nur auf mangelnde Aufmerksamkeit reagieren wir empfindlich. Wir halten es einfach nicht aus, keine Rolle im Seelenleben anderer zu spielen. Die Menschenseele fängt schon an zu leiden, wenn sie keine erste Rolle in einer anderen spielt. Und sie nimmt bleibenden Schaden, wenn sie kein Mindesteinkommen an Zuwendung bezieht. Der Entzug kann sogar tödlich sein. Kinder sterben an mangelnder Zuwendung, Erwachsene erleben die Isolation als Folter. Die Seele bedarf der Zuwendung ihresgleichen wie der Leib seiner körpereigenen Morphine.
So ist denn auch kein Kult über Zeiten und Völker so verbreitet wie der um die Attraktivität der eigenen Person. Nichts und niemandem huldigen die Menschen mit solcher Hingabe wie ihrer Anziehungskraft auf fremde Aufmerksamkeit. Alles Predigen wider die Gefallsucht, alles Wettern gegen die Eitelkeit blieb vergebens. Die Eitelkeit hat all die höheren Werte, in deren Namen sie verdammt wurde, glänzend überlebt. Aufklärung und Modernisierung haben ihr nur gutgetan. Die Säkularisierung hat sie befreit, statt untergraben. Je weiter Brauchtum und Religion zerfallen, um so unverhohlener rückt der gesellschaftliche Ehrgeiz ins Zentrum der Lebensinhalte. Je reicher und offener die Gesellschaft, um so offener und aufwändiger wird der Kampf um die Aufmerksamkeit ausgetragen. Nicht der sorglose Genuss, nein, die Sorge, dass die andern auch schauen, wird zum tragenden Lebensgefühl in der Wohlstandsgesellschaft. (Franck 2003 S.8f)
    "Das gesellschaftliche Subsystem, das Flexibilisierungsforderungen wie kein zweites vorantreibt, ist die zunehmend globalisierte kapitalistische Oekonomie. Sie sucht durchzusetzen, dass die Logik des Marktes die Psychologie der Gesellschaftsmitglieder bestimmt. Deshalb lässt sich dem „außen geleiteten“ Sozialcharakter [Riesman, Kap.3] eine „Marketing-Orientierung“ (Fromm 1999, S. 50) attestieren, zu der in der (späten) Moderne maßgeblich eine aggressive Konkurrenz um Aufmerksamkeit gehört. Aufmerksamkeit ist ein äußerst knappes Gut (Franck 1998): Wem es gelingt, selbst Aufmerksamkeit zu erregen, ohne dass die eigene Aufmerksamkeit gefesselt wird, hat entscheidende Vorteile (Rolf Haubl (2008). Die Aufmerksamkeits- und/oder Hyperaktivitätsstörung als kulturgeschichtliches Phänomen. In: 'Psychotherapie Forum' 16, S.85–91).

Der Oberflächenzusammenhang bei Haubl, LeBon, Walter Benjamin, Kracauer und Freud

"Damit die Geschichte sich darstelle, muß der bloße Oberflächenzusammenhang zerstört werden, den die Photographie bietet" (Kracauer 1927: Die Photographie).
"Es verwandelt die Menschen der Informationsgesellschaft angesichts der Springflut kommerzieller Bilder zu Bildersüchtigen, die es lernen, sehenden Auges zu träumen" (Haubl 1991, S.881).
Kracauer, S. (1971). Geschichte - Vor den letzten Dingen. In: Ders., Schriften hg. v. K. Witte, Bd. IV. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 202.

Die massenpsychologische Relevanz von Bildern ist treffend bereits von Gustav Le Bon erkannt worden, der in der Tradition der Stoa dazu anregt, sie zur Lenkung der Massen einzusetzen: Le Bon, Gustav: Psychologie der Massen (1873). Stuttgart: Kröner.

Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen. Nur diese schrecken oder verführen sie und werden zu Ursachen ihrer Taten“ (S. 44). „Werden sie kunstgerecht angewandt, so besitzen sie wirklich die geheimnisvolle Macht, die ihnen einst die Adepten der Magie zuschrieben. Sie rufen in der Massenseele die furchtbarsten Stürme hervor und können sie auch besänftigen. Die Macht der Worte ist mit den Bildern verbunden, die sie hervorrufen, und völlig unabhängig von ihrer wahren Bedeutung.“ (S. 71f.) „Die Bilder, die in ihrem [der Massen, M.F.] Geist durch eine Person, ein Ereignis, einen Unglücksfall hervorgerufen werden, sind fast so lebendig wie die wirklichen Dinge. Für die Massen, die weder zur Ueberlegung noch zum logischen Denken fähig sind, gibt es nichts Unwahrscheinliches.
Vielmehr, die unwahrscheinlichsten Dinge sind in der Regel die auffallendsten. Daher werden die Massen stets durch die wunderbaren und legendären Seiten der Ereignisse am stärksten ergriffen. Das Wunderbare und das Legendäre sind tatsächlich die wahren Stützen der Kultur. Der Schein hat in der Geschichte stets eine größere Rolle gespielt als das Sein. Das Unwirkliche hat stets den Vorrang vor dem Wirklichen.“ (S. 43f.)

Literatur zu Bildtheorie und Kulturwissenschaften: Boehm, Gottfried (2006, Hrsg. 4teAufl.): Was ist ein Bild? München: Fink Verlag.
Latour, Bruno (ZKM Karlsruhe) (2002): Iconoclash oder Gibt es eine Welt jenseits des Bilderkrieges? Berlin: Merve.
Majetschak, Stefan (2002): »Iconic Turn«. Kritische Revisionen und einige Thesen zum gegenwärtigen Stand der Bildtheorie. In: Philosophische Rundschau: eine Zeitschrift für philosophische Kritik, Band 49. Tübingen.
Majetschak, Stefan (2005): Bild-Zeichen: Perspektiven einer Wissenschaft vom Bild. München.
Mirzoeff, Nicholas (2001): An introduction to visual culture. London.
Mirzoeff, Nicholas (2005): Watching Babylon: the war in Iraq and global visual culture. New York.
Mitchell, Thomas W.J. (1995): Picture Theory. London.
Römer, Stefan (2001): Künstlerische Strategien des Fake: Kritik von Original und Fälschung.
Virilio, Paul (1989): Die Sehmaschine. Berlin
Auswahl von Internetseiten mit aktuellen Artikeln, Interviews etc.: http://www.iconic-turn.de
Eikones – Bildkritik: http://www.eikones.ch/startd.html
http://Bildwissenschaft.org
http://www.bildwissenschaft.org/VIB/index.php?menuItem=0
Bild, Schrift, Zahl: http://www2.rz.hu-berlin.de/kulturtechnik/bsz.php
International Visual Sociology Association - Herausgeber der Zeitschrift Visual Studies:
http://www.tandf.co.uk/journals/titles/1472586X.asp
http://visualsociology.org/
Kultbild, Universität Münster: http://www.uni-muenster.de/Kultbild/
Das technische Bild: http://www2.rz.hu-berlin.de/kulturtechnik/dtb.php?show=startseite
Virtual Studies and Virtual Environments, Furtwangen: http://isic.dm.fh-furtwangen.de/index.php?article_id=1
Zentrum für Bildwissenschaft: http://www.donau-uni.ac.at/de/studium/fachabteilungen/kultur/zentren/zbw/index.php



7.2.5. Politisches Handeln – politisches Scheinen: Symbolische Politik

Schein ist ein falsches Bild von der Welt als irreführende Wahrnehmung. Der Schein stellt keine Behauptungen auf, entwirft keine Erklärungen, er ist nicht diskursiv. Er zeigt etwas und er zeigt es so, daß es ein Bild der Welt zu sein scheint, aber nicht ist“ (Meyer 1992 S.38).
Ein Mittel zur Inszenierung des Scheins ist die Sprache, wenn ihr die Argumente ausgehen, wenn sie Bilderwelten entstehen lässt, die keine Entsprechungen in der Alltagswelt der Menschen haben. Eine wirksamere Methode ist aber symbolisches Handeln, das sich nur an die Augen der Zusehenden wendet. Denn der Augenschein, der die Ueberzeugungskraft der Wahrnehmung für sich hat, "scheint" (sic!) besonders glaubwürdig.
Worte sind dabei eher störend, da sie als reine Behauptungen aufgedeckt werden können, während sich die Scheinbilder einfach als Abbilder der Realität ausgeben. Bilder behaupten nichts, sie sind einfach. Sie zeigen, was man sehen kann. Auch wenn es ein falsches Bild ist. Wir hatten bereits vom Vorrang der Bilder in der menschlichen Wahrnehmungsweise gehört, von ihrer authentischen Wirkung, die auch dann gilt, wenn Bilder virtuell sind oder rein inszenierte Handlungen zeigen. (Krempl 1996 S.54)
So verwandelt sich Politik mit Symbolen in symbolische Politik. Denn dass Politiker zur Vereinfachung auf Symbole angewiesen sind, ist nicht das eigentliche Problem.
Die eigentliche Täuschung stellt sich erst dann ein, wenn sich hinter symbolischem Handeln keinerlei Gehalt mehr befindet. „Symbolische Politik ist symbolisches Handeln zu politischen Zwecken. Aber nicht das Handeln mit Symbolen, sondern als Symbol... Im kritischen, wenn auch häufigen Grenzfall stellt symbolische Politik ein Handeln zur Schau, das nichts Wirkliches verdichtet und auf nichts Wirkliches verweist“ (Meyer 1992 S.62). Die Symbolik wird selbstreferentiell, denn sie bezieht sich ausschließlich auf ihre eigene symbolische Wirklichkeit.
Eine "Autopoiesis" (Krempl a.a.O.) der Politik, die sich ihre Wirklichkeit durch Symbole selbst schafft. Ein Spiel mit sich selbst und dem Zuschauer, das neue Realitätsebenen gebären soll. Symbolische Politik als „Placebo-Politik“, als „Politik der leerlaufenden Symbolik ohne Realbezug“ (Krempl S.62).

Politik als reine Inszenierung: Das Beispiel Reagan

    "Am Beispiel Reagans läßt sich die Inszenierung des Scheins wie im Labor studieren. Reagans Amtsführung ist beispielhaft, nicht nur, weil der gelernte Schauspieler die Kunst am besten beherrschte und in der amerikanischen Mediengesellschaft am ausgiebigsten zur Geltung bringen konnte. Darin war Reagan seiner Zeit, den Fertigkeiten seiner Kollegen wo immer in der Welt und im eigenen Land eine Generation voraus. Das betrifft die Bilder auf der Bühne.
    Der Fall Reagan ist auch beispielhaft, weil die Absicht und die Kunst der Inszenierung, wie sie sich hinter der Bühne darstellen, vom Drehbuch über die Auswahl der Kulissen bis zur Regieanweisung der Kameraführung und dem besten Augenblick für das Spektakel von Wegbegleitern analysiert und von Mittätern delikat enthüllt worden sind.
    Als Reagan die Bühnen wechselte, von Hollywood nach Holly- wood-East, wie Washington seither auch hieß, hatte die Kunst der symbolischen Inszenierung durch Talente wie Kennedy und Strategen wie Nixon schon beträchtliche Fortschritte gemacht. Der amerikanische Reporter Hendrik Smith hatte den Präsidenten auf der Bühne beobachtet. In seinem Buch 'The Power Game' (1989) hat er, als der Vorhang für den großen Kommunikator gefallen war, untersucht, wie die Bilder entstanden, die die Macht zwei Amtsperioden lang trugen.
    Das Ganze war ein einziger Glücksfall von Anfang an. Mit dem gelernten Schauspieler, der gewohnt und geübt war, sich sicher auf wechselnden Bühnen zu bewegen, vorbereitete Texte zu sprechen und Gags zu spielen, als drängten sie in diesem Augenblick aus tiefster Seele hervor, hatten die Medienberater des Weißen Hauses das perfekte Medium für ihren Krieg der Bilder gegen die Urteilskraft der Bürger in die Hand bekommen.
    Der öffentliche Teil dieser Präsidentenschaft war eine ununterbrochene, allgegenwärtige Inszenierung. Er war die fortlaufende Produktion von sorgfältig vorgeplanten Schnappschüssen, »durchkomponierte Spontaneität« in so gut wie jedem öffentlichen Auftritt, und war es nur eine scheinbar zufällige Geste am Rande des Geschehens. Eine »Schnappschußpräsidentenschaft«. Es ging stets um das knappe, eindrückliche Bild, das dem Auge unwiderleglich mit einem einzigen Blick alles zu sagen schien, was die Regisseure mitteilen wollten. Der Medienberater Deaver hat das und die gesamte Strategie offenherzig, mit Stolz auf die perfekte Leistung, enthüllt: »Wir suchen immer nach dem Bild, das für sich, selbst spricht. Das Bild erzählt die ganze Geschichte, egal was Ronald Reagan sagt«. Ein einziges Bild mußte die Eindrücke hervorrufen, auf die alles ankam. Was nicht ins Bild zu bringen war, wurde gemieden oder zugerichtet.
    Reagan war in der bildhaften Darstellung meisterhaft, aber in der politischen Sachkenntnis unzuverlässig. Darum wurden die Pressekonferenzen minimiert und die Bilder maximiert. Die Pressekonferenzen, die blieben, wurden wie Bühnenauftritte tagelang geprobt, bis in die Gesten und scheinbaren Zufallsbemerkungen am Rande hinein. Ausgetestete Kommunikationstheorien wurden zugrunde gelegt, Medienberater von Format engagiert.
    Reagans Bereitschaft, sich ihrer Herrschaft rückhaltlos zu unterwerfen, hat seine Amtszeit zur vermutlich ersten reinen Medieninszenierung in der Geschichte der Politik gemacht. Dieses erfolgreiche Verfahren wird, wo die Voraussetzungen verfügbar sind, allen seine Gesetze aufzwingen, die den Erfolg nicht fahrlässig verspielen wollen.
    Die Planer der Inszenierung holte Reagan aus der Werbung. Sie hatten bewiesen, daß sie sich auf das Handwerk verstanden. Sie beherzigten und beherrschten alle Gesetze der visuellen Logik und wußten, wie ihnen Geltung zu verschaffen war. Bob Haldeman hatte die Grundlage geschaffen. Der optische Eindruck ist stärker als der akustische, das Auge siegt über das Ohr, Bild schlägt Ton. Auf kritische Nachfragen Hendrik Smiths zu den Widersprüchen von Taten und Eindrücken, Politik und Inszenierung erwiderte ein Mitglied der Reagan-Administration lachend: »An was wollen Sie glauben, an Fakten oder an Ihre Augen?«
    So wurden stets zuerst die Bilder entworfen, die den gewünschten Eindruck hervorrufen sollten und dann das Drehbuch für den Darsteller. Eine Hauptrolle spielte bei all dem die Oekonomie der Medienzeit. Wann mußte die Inszenierung erfolgen, um breit zu wirken? Wann war die Zeit der größten Wahrscheinlichkeit, um schlechte Nachrichten untergehen zu lassen? Das Negative am Freitagnachmittag, wenn die Einschaltquoten des Fernsehens gering waren. Das Positive zur besten Zeit live.
    Die Regie war so perfekt, daß sogar befreundete Staats- und Regierungschefs als Statisten mitspielten, ohne es zu merken. Die ganze Welt als zugerichtete Bühne. Als Mitterrand zum 40. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie Reagan vor Ort empfangen wollte, schrieben dessen Medienberater ein besseres Drehbuch. Reagan landete in aller Herrgottsfrühe allein an der Pointe de Huc, wie es die Sendezeiten zu Hause geboten. Als der Präsident vom Genfer Gipfeltreffen mit Gorbatschow heimkehrte, legte er einen Zwischenstopp in Brüssel ein, damit die Ankunftszeit zu Hause die höchsten Einschaltquoten traf. Den Nato-Chefs, die er in Brüssel versammelte, um die Zeit zu füllen, wurde mitgeteilt, der Präsident sei nach Brüssel geeilt, um sie als erste über das Gipfelergebnis zu informieren.
    Die Auftritte im einzelnen vorbereitet, ausgeführt, inszeniert wie Werbespots. Ein Besuch in Korea 1984 in der entmilitarisierten Zone, auf Sichtweite zur kommunistischen Herrschaft. Ort der Handlung: der am weitesten nördlich gelegene amerikanische Bunker Guardpost Collier. Auf Einsprüche der Sicherheit hin werden 30 km lang an eigens errichteten Telefonmasten Tarnnetze aufgespannt. Ein Unterstand für Kameraleute wird gebaut, die Reagan hinter der drapierten Kriegskulisse aus Sandsäcken aufnehmen sollen. Eine weitere Kamera wird in Stellung gebracht, die Reagan über die Schulter schaut, wenn erden Blick mit dem Fernglas ins Feindesland richtet. Die Sandsäcke werden niedriger, als wenn sie wirklich schützen müßten, aufgetürmt, damit der Präsident von der Gürtellinie an voll im Blick ist. Er trägt eine Armeejacke mit kugelsicherer Weste. Mit roten Klebestreifen wird genau markiert, wo Reagan zu stehen hat, um das künstliche Bild mit Leben zu erfüllen.
    Nichts von dem, was er zu sagen hatte, zählte. Es kam nur auf ein Bild an, das die ganze Botschaft enthielt. »Genau das wollten wir: ein Bild vom obersten Befehlshaber an vorderster Front gegen den Kommunismus«, erläuterte ein Berater.
    Das waren Bilder, die nicht fern waren von dem, was der Präsident wirklich dachte und tat. Wo es geboten schien, ging es auch anders. 1983 wurde eine Bilderreise durchs Land inszeniert, um Reagans Interesse an Bildung zu dokumentieren. Er hatte soeben den Bildungsetat gekürzt. Nun kam es auf Bilder an, die das überspielten. Der Präsident setzte sich in Klassenzimmer und ließ Kameras seine Gespräche mit Lehrern und Schülern beobachten. Seine Sorge um das Bildungswesen wurde glaubhaft. Seine Entscheidungen verschwanden im öffentlichen Bewußtsein hinter dem symbolischen Schein.
    Der Wahlkampf 1986 war ein Gefecht plausibler Bilder auf beiden Seiten. Im Panzer, im Gespräch mit Schwarzen, ein Ohr für die sorgengeplagten Farmer, beim Fitneßtraining, zum Beweis der besseren Kondition. Es ging nicht um Argumente oder Absichten. Es ging um bildgestützte Eindrücke, die stärker wirkten als Argumente und Tatsachen. In diesem Metier war der große Kommunikator unschlagbar.
    Er siegte nach dem Gesetz, nach dem er angetreten war: Verbreitung einer bildhaften Atmosphäre von Kompetenz, Besorgtheit, Selbstsicherheit und Würde. Die Selbstinszenierung der Person als Programm. Issueless Politics. Damals, 1980, vermied er die politischen Kontroversen. Er begann seine Kampagne am La- bour Day bei laufenden Kameras unter der Freiheitsstatue in New York in Anwesenheit des Vaters von Lech Walesa. Die Bilder hatten gewirkt. Der Mangel an Sachwissen, schlüssiger Argumentation, an instrumenteller Kompetenz hat Reagan nie geschadet, auch wenn sich die Presse darüber hermachte, sobald Situationen der Planung entglitten waren.
    Der Planer politischer Inszenierung im Konrad-Adenauer-Haus, Peter Radunski, hat das Geschehen kennerisch analysiert. »Im Zentrum der Kampagne stand der ruhig, selbstbewußt und sympathisch auftretende Kandidat.« Soweit Themen ins Spiel kamen, wurden sie als Kulissen in die Bildregie übernommen. Nicht um sie ging es schließlich. »Sie wurden weniger im Sinne einer differenzierten und umfassenden politischen Auseinandersetzung von Reagan behandelt, sondern in seiner Kampagne nur als Beigabe oder Unterstreichung seines Anspruchs auf die politische Führung angesehen« (Peter Radunski 1988, S. 318).
    Quelle: MEYER, Thomas (1992). Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, S. 92-96

Polit-Marketing: Marketing und Macht in der "Reklamokratie"

Radunski bezeichnet den Wahlkampf in diesem Sinne als „moderne Managementaufgabe wie andere auch“ (1980, 7).
Marketing hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Gestaltungsmacht entwickelt, ohne die kaum noch ein Unternehmen Bestand hat. Aber Marketing-Methoden werden auch verstärkt auf andere soziologische, kulturelle und politische Bereiche übertragen. Marketing wird zum Konzept für alle zielorientierten gesellschaftlichen Austauschprozesse. „Es fusst auf der Annahme, dass öffentliches kommunikatives Handeln begreifbar, erfassbar und vor allem auch steuerbar ist, besonders bei der Propagierung von Werten“ (Kloepfer/Landbeck 1991, 65). Marketing will durch Kommunikation gemeinsame Welten schaffen und dem Marketingsubjekt die Herrschaft über diese Welten verleihen (Krempl 1996, S. 71).

Public Relations: PR als besonders narzisstisches Element im Polit-Marketing

Meffert bezeichnet Public Relations (PR) als „die planmäßige, systematische und wirtschaftlich sinnvolle Gestaltung der Beziehung zwischen der Betriebswirtschaft und einer Oeffentlichkeit, mit dem Ziel Vertrauen zu gewinnen bzw. auszubauen“ (Marketing, Wiesbaden 1989, S. 493). Der PR kommt also, neben der Werbung, die wichtigste Funktion beim positiven Imagebuilding zu.
Für Parteien ist ein vertrauenswürdiges Image besonders von Nutzen, da es ihnen ohne genaue Kenntnis und Prüfung ihrer Ziele eine treue Gefolgschaft sichert. PR übermittelt ein solches Image, allerdings nicht als offene Beeinflussungsmaßnahme wie die Werbung, sondern sie sendet ihre Botschaften über die Redaktionskanäle der Medien. Sie gestaltet eine reine Medienkampagnen, die sich mehr oder weniger subversiv an die Rezipienten wenden. Ihr größter Vorteil dabei ist, dass die Medien oft auf Informationen der Politiker angewiesen sind und deswegen gezielt auf die immer professioneller verfassten PR-Texte von Parteistellen zurückgreifen. PR ist daher der Ort der größtmöglichen Nähe in der Politiker-Medien-Symbiose. Vorteile hat natürlich ein Politiker, der sich ihm ergebene Medienwerkzeuge geschaffen hat oder gar selbst Medienbesitzer ist [wie z.B. Silvio Berlusconi]. (Krempl 1996, S.79)

Quellen:
Stefan Krempl (1996). Das Phänomen Berlusconi - Die Verstrickung von Politik, Medien, Wirtschaft und Werbung. Frankfurt: Peter Lang Verlag
MEFFERT, Heinz (1989): Marketing, Wiesbaden.
MEYER, Thomas (1992): Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt am Main.
MEYER, Thomas (1994): Die Transformation des Politischen, Frankfurt am Main.


Ulrich BECK: Individualisierung als zutreffende Zeitdiagnose um die Jahrtausendwende, nicht aber für heute

Der Individualisierungsbegriff wurde in den 1980er Jahren durch den im 2015 verstorbenen "Star-Soziologen" Ulrich Beck (1983, 1986) in die neuere soziologische Debatte um gesellschaftliche Modernisierungsprozesse eingeführt. Eingang in den öffentlichen Diskurs fand der Begriff erst Ende der 1980er Jahre.
Seine Popularität verdankte er der sozial- und bevölkerungspolitischen Debatte um die Krise der Familie, die Mitte der 1990er Jahre ihren ersten Höhepunkt erlebte. Im Rahmen der öffentlichen Debatte um die "Homo-Ehe" zeichnete sich ums Jahr 2000 herum eine Renaissance individualisierungstheoretischer Argumentationen ab.
Mit Individualisierung wird von Ulrich Beck dreierlei bezeichnet:

1) Die Menschen werden aus traditionellen Klassenbindungen und Versorgungsbezügen der Familie herausgelöst und auf ihr individuelles Arbeitsmarktschicksal verwiesen (Freisetzungsdimension). In diesem Sinne kann man auch vom Single als "Pionier der Moderne" sprechen.
2) Mit der Auflösung der industriegesellschaftlichen Lebensform Kleinfamilie geht ein Verlust traditionaler Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen einher (Entzauberungsdimension).
3) Gleichzeitig erfolgt jedoch eine neue Art der sozialen Einbindung (Kontroll- und Reintegrationsdimension): Die freigesetzten Individuen werden arbeitsmarktabhängig und damit abhängig vom Bildungssystem, Beschäftigungssystem, Sozialstaat und der Dienstleistungsgesellschaft. Die öffentliche und innersoziologische Kontroverse hat sich vor allem an der These von der Auflösung der Kleinfamilie entzündet. Beck spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Trend zur Single-Gesellschaft. Ein Indiz für diesen Trend sieht er in der veränderten Zusammensetzung der Haushalte.

"Immer mehr Menschen leben allein" ist der Standardsatz, der seitdem den statistischen Beweis für die Richtigkeit der Individualisierungsthese erbringen soll. Auf dem 25. Soziologentag 1990 prognostizierte Beck für die nahe Zukunft einen Anstieg der Einpersonenhaushalte, in Grossstädten auf 70% und provozierte damit eine langanhaltende Debatte. Zehn Jahre danach stagnieren die Zahlen eher. Sie bewegen sich annähernd auf dem gleichen Level wie Anfang der 1990er Jahre.
Empirische Untersuchungen seit Mitte der 1990er Jahre zeichnen zudem ein differenzierteres Bild von der gesellschaftlichen Entwicklung, die Becks Individualisierungsthese weitgehend relativieren. Ausserdem wird die Rede über die Krise der Familie zunehmend selbst zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht. Dabei wird zwischen zwei Ebenen unterschieden, die in der öffentlichen und wissenschaftlichen Individualisierungsdebatte selten getrennt wurden. Zum einen geht es um das Familienleitbild bzw. um Familienideale und zum anderen um die Familienrealität bzw. empirisch auffindbare Familienformen.

weiterführende Literatur:
BECK, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a/M: Suhrkamp
BECK, Ulrich (1987): Die Zukunft der Familie, in: Psychologie Heute, November, S.44-49
BECK, Ulrich/BECK-GERNSHEIM, Elisabeth (1990): Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt a/M: Suhrkamp
BECK-GERNSHEIM, Elisabeth & Ulrich BECK (1990): Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und soziale Lebens- und Liebesformen, in: Frankfurter Rundschau v. 27.03.BECK, Ulrich (1994): Phänomen mit Ueberlebungschancen. Zum statistischen Ringkampf um die Familie, in: Süddeutsche Zeitung v. 13.01.
BECK, Ulrich (1995): Solidarischer Individualismus, in: Süddeutsche Zeitung v. 02.03.

Bastelexistenzen der zweiten Moderne


Klaus Theweleit: Identität im digitalen Zeitalter

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/identitaet-im-digitalen-zeitalter-13597214.html

Wer sind wir noch? Neueste Nachrichten von der Ich-Front

Wie viele Identitäten bekommen wir zusammen – abseits von sozialen Netzwerken und mittendrin? Ueber die Erfindung des einheitlichen Bewusstseins im europäischen Roman und über sein Ende in den Zeiten des Internets.
Klaus Theweleit in der FAZ vom 26.05.2015

Die „Süddeutsche Zeitung“ vermeldet, dass bei Facebook unter „Geschlecht“ jetzt neben „Frau“ und „Mann“ fünfzig Möglichkeiten von Identität abgebildet werden. Das muss man sich mal vorstellen! Die Amerikaner trauen sich zu, mit so vielen unterschiedlichen Identitätswahrnehmungen klarzukommen, und bei uns sind die Chefs schon durch zwei überfordert. „Ueberfordert“ meint, dass die Chefs bei der Frauenquote nicht bis zwei zählen könnten, konkret: der ehemalige Chefredakteur des „Spiegels“, Wolfgang Büchner. Der habe sich für fifty-fifty in der Redaktionsleitung ausgesprochen, dann aber „eine Chefetage mit fünf Männern und einer Frau“ installiert.

Jüngste einschlägige Zeitungsschlagzeilen legen sowieso nahe, von der Frau-Mann-Dichotomie abzusehen. Tatsächlich (womöglich) noch existierende Zweierbeziehungen firmieren in solchen Texten eher unter Krankheiten. Modernes Viel-Ich, gesundes Viel-Ich schläft längst mit allen Geschlechtern. Zwischenzeitlich hat Facebook erhöht auf mehr als siebzig.

Das Gespenst der Schizophrenien und der Paranoia
„Ihr seid wie Gespenster, jongliert eine Vielzahl eurer Ichs durch den Lärm - das Ich, das ihr auf Facebook seid, auf Twitter, Tumblr, Tinder, wo auch immer - in eurem Job, den ihr nachts macht, in eurem Hobby, eurer Beziehung, eurer Sexfreundschaft, eurer erstaunlichen Palette an ausserschulischen Aktivitäten“, schreibt der britische Oekonom Umair Haque, Direktor der Havas Media Labs in London, gerichtet an seine sich elektronisch vervielfältigenden Schüler.
Nicht dass solche Aufspaltungen ganz neu wären: Das „Multitalent“ oder die besonders „vielseitige Person“ sind alte Bekannte. Aber niemand wäre noch vor einem Jahrzehnt auf die Idee gekommen, von einer „Vielzahl eurer Ichs“ zu sprechen, die man durchs moderne Leben „jongliert“, wenn es sich bloss um den Betätigungswechsel etwa von Twitter zu Facebook handelt.
Daran ist zuerst abzulesen, wie psychische Spaltungen - und ihr Ausgleich untereinander - in der Entwicklung des euroasiatischen sowie des euroamerikanischen Menschentyps im Lauf der jüngeren Geschichte immer sozialverträglicher geworden sind; psychiatrisch nicht auffällig und kein Gegenstand von Aengsten. Um 1900 dagegen bezeichnete das Wort „Spaltung“ (bezogen auf „Spaltungen des Bewusstseins“) einen zentralen pathologischen (drohenden oder tatsächlichen) Zustand der betroffenen Menschen. Das Gespenst der Schizophrenien und der Paranoia hing über den Häuptern sowohl der adligen wie der bürgerlichen herrschenden Kasten und Klassen; „Persönlichkeitsspaltung“ und „Doppelgängerwesen“ bestimmten die Literatenängste und Schreibmoden vor und nach dem Ersten Weltkrieg wie auch Teile des frühen Kinos. Objekt einer Ich-Spaltung zu sein war ein angstbesetzter Befund; gekoppelt mit Panik und vorgebracht unter höchstem Leidensdruck.

Die normale Ich-Vielheit
Auch für Sigmund Freud bestand kein Zweifel am pathologischen Charakter der Spaltungs-Phänomene, bestimmt von „Abwehr“ und von „Verdrängung“, zwei psychischen Mechanismen, die er begrifflich zu diesem Zeitpunkt ungefähr gleichsetzte. Und das galt so ähnlich um 1920, 1940, und noch 1960. Die Spaltung grenzte jeweils ans Irrenhaus oder ans Gefängnis.
Was dagegen haben wir heute? Wenn man in die Diskussion bringt, der heutige „Normal-Mensch“ (oder auch Norm-Mensch) sei in der Lage, zwischen verschiedenen Verhaltensweisen und Tätigkeiten in kürzester Zeit hin- und herzuschalten, ohne dass der jeweils verlassene, kurzfristig abgespaltene Zustand das Verhalten im neu eingeschalteten Zustand groß beeinträchtigen würde, bekommt man die eher unerstaunte Antwort: „Klar ist das so. Wo ist das Besondere?“ Ich sind viele.
Als normale Ich-Vielheit würde also etwa dies durchgehen: Ein Mitmensch - bekannt vom Arbeitsplatz, aus der Nachbarschaft, aus dem öffentlichen Leben, ein Er oder eine Sie mittleren Alters, mittelständisch - kann vom Frühstückstisch die Kinder freundlich auf den Schulweg bringen, den (Ehe-)Partner mit Kuss verabschieden, auf dem Weg zur Arbeit ein Date mit anderem Liebespartner vereinbaren, um 10.20 Uhr im Büro ein Aktiengeschäft tätigen, das seine Rendite auch durch Waffenproduktion einfährt; um 10.30 Uhr für hungernde Kinder in Indien spenden sowie für eine Institution, die sich um Kindersoldaten im Kongo kümmert, um 11.30 Uhr einen Untergebenen zur Sau machen wegen lascher Arbeitsauffassung; in der Mittagspause nett zu allen Mitspeisenden sein (für deren Entlassung er in der Sitzung um 14.30 Uhr plädiert, da notwendig im Sinne der Firma); zwischendrin das Blatt lesen, das alle Kriege und soziale Ungerechtigkeiten geißelt; in der Diskussion für eine Partei eintreten, die seine steuerlichen Bedürfnisse am besten bedient (obwohl diese Partei in allen anderen Punkten seinen „Ansichten“ widerspricht).

Das mögliche Viel-Ich
Der Mitmensch mit den vielen Ichs kann in einer Kirche sein oder auch nicht und gewisse damit verbundene Rituale ausüben (ohne dass dies seine übrigen alltäglichen Verhaltensweisen tangieren würde), er kann am Morgen eine Stunde religiös sein und am Abend wieder eine Stunde, eine Stunde Pazifist und Kinderhelfer, eine Stunde Kriegsunterstützer, dazwischen die anstehenden Anwaltstermine wahrnehmen zur „Vermittlung“ einiger dieser Bereiche untereinander und als entschiedener Gegner der Massentierhaltung doch ein Stück Supermarktpute zu sich nehmen bei der Einladung zum Abendessen bei Freunden.
Lauter Dinge also, die als Handlungen eines integralen „Ichs“ ziemlich unmöglich wären, zumindest aber als höchst widersprüchliche erscheinen müssten - sowohl diesem Ich selbst wie auch allen äußeren Betrachtern. Genau dies ist aber bei der Mehrzahl der Heutigen nicht der Fall. Beide spalten den jeweils verlassenen Zustand ab. Sie agieren konzentriert im nächsten Zustand, in angemessener Erfüllung der jeweils zugehörigen Notwendigkeiten. Der vorherige Zustand ist aber, wenn verlangt, sogleich wieder einschaltbar, abrufbar, samt allen zugehörigen Inhalten und Verfahrensweisen. Ohne dass eine Wand dafür überwunden werden müsste. Es geht mit einfachen Türen. „Ich“ bewohnt viele Räume. Und „Ich“ vollzieht die Raumwechsel so, als handelte es sich um eine jeweils andere Person, mit der man eben noch zu tun hatte, obwohl sie dem Augenschein nach in Körperlichkeit, Aussehen und Kleidung noch ganz dieselbe ist.
Dies mögliche Viel-Ich war in den sechziger Jahren schon einem Scharfseher wie Arno Schmidt aufgefallen. Sein Leben sei „nicht bloß durch Tag und Nacht in weiße und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tag ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; „Herr Landrat“ sagt; that’s me!): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“ Dies befindet die Hauptfigur von Schmidts Roman „Aus dem Leben eines Fauns“ über sich selbst: Auseinanderfallender Fächer „Ich“.

Was Sigmund Freud dazu sagt
Das Ich als topische Instanz, das Freud 1923 in den Mittelpunkt seiner zweiten Theorie des psychischen Apparats stellt, ist von Anfang an auch als eine Art Abwehrbollwerk gegen das anbrandende Gespaltenheits- und Gespensterwesen konstruiert. So folgerichtig wie paradox kommt Freud, um es für diese Aufgabe mehrschichtiger Konfliktlösungen tauglich zu machen, nicht darum herum, es selbst aufzuspalten: „Die am Konflikt beteiligten Systeme, das Ich als Abwehr-Ort, das Ueber-Ich als Verbotssystem, das Es als Triebpol, werden jetzt zur Würde von Instanzen des psychischen Apparates erhoben“, betonen Laplanche und Pontalis in ihrem „Vokabular der Psychoanalyse“ von 1976 und fügen sogleich hinzu: „Der Uebergang von der ersten zur zweiten Topik schliesst nicht ein, dass die neuen ,Provinzen‘ die vorhergehenden Begrenzungen zwischen Unbewußt, Vorbewußt und Bewußt ungültig machen.“
Das 1923 neu aufgerichtete Freudsche Gesamt-Ich dient also sechs Unter-Instanzen als Herberge beziehungsweise als körperliche Hülle. „Das Ich ist vor allem ein körperliches“, hat Freud für die 1927 erschienene Uebersetzung von „Das Ich und das Es“ in den englischen Text eingefügt. Folgende Sätze stehen bis heute nur in der englischen Ausgabe seiner Werke: „Das Ich ist in letzter Instanz von den körperlichen Empfindungen abgeleitet, vor allem von denen, die von der Oberfläche des Körpers herrühren. Es kann also als eine seelische Projektion der Oberfläche des Körpers betrachtet werden neben der Tatsache, daß es die Oberfläche des seelischen Apparates ist.“ Das sind Sätze, die sehr in die Nähe dessen führen, was Antonio Damasio gut achtzig Jahre später von der Neurobiologie her formuliert: Das Gehirn „kartographiere“ körperliche Vorgänge und bilde sich nach ihnen aus.
Das Ich wird von Freud einerseits konstruiert als ein die verschiedenen Instanzen ausbalancierender Agent des Realitätsprinzips, als vorwiegend bewusste Instanz also. Es steuert aber auch die unbewussten Abwehrmechanismen: Verdrängung, Regression, Reaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen, Projektion, Introjektion, Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Sublimierung. Das ist ein solcher Sack schwergewichtiger Tätigkeiten für die einzelne arme Ich-Instanz, dass sie darunter doch schier zusammenbrechen müsste.

Verliebtheit als Wahn
Damit nicht genug. Auch der zentrale psychische Vorgang der Identifizierung obliegt dem „Ich“. Soll heißen, ohne Identifizierung (mit einem der Elternteile) gibt es keine Lösung des Oedipus-Komplexes. „Ich“ bildet sich also immer auch aus nach dem Vorbild eines Anderen und ist auch von daher immer schon angelegt auf (mindestens) zwei.
Das Ich kann sich selbst aber auch noch anders spalten. Es wird nicht mehr als die einzige personifizierte Instanz im Inneren der Psyche verstanden. Bestimmte Teile können sich durch Spaltung trennen, besonders die kritische Instanz oder das Gewissen: Ein Teil des Ichs stellt sich einem anderen gegenüber, beurteilt es kritisch, nimmt es sozusagen als Objekt. So zerfällt „Ich“ auch noch in einen Teil, der handelt und empfindet, und in einen anderen Teil, der dies beobachtet und unter Umständen kritisiert.
Die Möglichkeit, darüber hinaus das eigene Ich zum Liebesobjekt zu nehmen, hat Freud 1914 in „Die Einführung des Narzißmus“ hinzugefügt. „Ich“ kann sich selbst lieben. Mindestens zwei „Ichs“ in einem also auch hier, wobei zu diskutieren wäre, wie viele Ueber-Ichs und Es-Instanzen an solcher „Objektwahl“ beteiligt sind. Wir kommen auf leicht sechs psychische Instanzen, die sechs bis zehn andere psychische Instanzen (mindestens) „lieben“ würden. Wobei Freud den Zustand der Verliebtheit grundsätzlich als eine Art „Wahn“ betrachtet: Die Verliebten wären also von sich entfremdet, alles andere als gerade sie „selbst“.

Prügel als Abhärtung
Es wirkt also etwas martialisch - wie mit einer Machete im Unterholz hantierend -, wenn Laplanche und Pontalis in ihrem „Vokabular der Psychoanalyse“ unterstreichen: „Im Vergleich mit dem anarchistischen und zerstückelten Funktionieren der Sexualität, das den Autoerotismus charakterisiert, wird das Ich als eine Einheit definiert.“
Meine Skepsis gegenüber der Freudschen Konstruktion des Instanzen-Ichs ist somit nicht allein in Freuds theoretischer Konzeption begründet als vielmehr in der Wahrnehmung, dass dieses Ich in der Wirklichkeit der Menschen nur sehr selten oder sogar gar nicht anzutreffen ist.
Die Figur des „Nicht-zu-Ende-Geborenen“, die ich dagegengestellt habe, leitet sich her aus negativ erfahrenen symbiotischen Verbindungen in der Dual-Union Mutter-Kind; aus dem Fragment-Körper von Kindern, die sich ausgesetzt fanden in einem angstbesetzten Körper, dem eine libidinöse Besetzung seiner Peripherie (lustvolle Besetzung seiner Hautzonen) - als Voraussetzung der Ich-Bildungsprozesse, wie Freud sie postuliert -, nie gelang. Nie gelingen konnte wegen zu widriger körperlicher und psychischer Umstände: Vernachlässigung, Strafen, Drohungen, Prügel; Prügel wegen Bettnässens, nächtlichen Schreiens, Prügel wegen allem, Prügel als Abhärtung.

Der Dichter als gespaltenes Ich
Das Nicht-zu-Ende-geboren-Werden zeigt sich in negativen Symbiosen, die, um das Leben erträglich zu machen, umgewandelt werden in eine zwanghaft hierarchische Ordnung der Welt; letztlich durchgeführt im militärischen Drill, der das symbiotische Nicht-Ich umwandelt in ein muskuläres Körper-Ich ohne innere psychische Integrationsinstanzen von Wirklichkeitsformen, die von der eigenen abweichen: der politische Faschist als Resultat dieses Körpers des Nicht-zu-Ende-Geborenen. Er ist angewiesen auf Formen des Kommandierens und Gehorchens, wobei der eigene Körper, um nicht in unintegrierbaren Formen der Affekte unterzugehen - verschlungen zu werden etwa vom erotischen „Weiblichen“ - sich selbst zunächst in die Kommandoposition phantasiert und sich dann in politischen Gewaltaktionen auch körperlich-institutionell dahin katapultiert. Unter den tatsächlichen Menschen dominierten das zwanzigste Jahrhundert hindurch Borderliner, „Psychotiker“, Menschen mit fragmentierenden Körpern, ständig bedroht von massiver Destabilisierung.
Im Unterschied dazu gehört heute eine gewisse Menge von Abspaltungen zum Repertoire des „Normalen“. Der rasend mordende „Fragmentkörper“ der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist weitgehend einem „demokratisch ausbalancierten“ gewichen; wobei „demokratisch“ heißt: Unintegrierbare oder miteinander unkompatible Ich-Teile oder Ich-Zonen müssen nicht unbedingt miteinander vermittelt werden. Sie bestehen wie verschiedene Parteigebilde mit verschiedenen Namen nebeneinander; sie können sich bekämpfen. Sie können auch miteinander koalieren oder sich ignorieren; ihre Bedeutung kann zu- oder abnehmen, je nach den persönlichen und sozialen Lagen dieses Mehrfach-Ichs, das „ich“ stattdessen Segment-Ich nennen würde. Das Wirken des Segment-Ichs ist zu betrachten im Körper all jener Personen, die in unserer Sozialität als „Gesunde“ gelten, also an jedem von uns.
Dem Dichter werden von Freud Spaltungen seines Ichs zugestanden, weil er in der Lage ist, aus dem, was beim „Normalmenschen“ eine Bewusstseinsstörung wäre - eine Art Wahnsinn -, Kunst herzustellen; auf welchen Wegen auch immer, jedenfalls aber mit Hilfe von Ab-Spaltungen, die über Selbstbeobachtung laufen.

Ursprung des Ichs im Roman
Diese Formulierung führt zu einer Wahrnehmung, die im Jahr 2011 der Literaturwissenschaftler Benjamin Bennett aus Charlottesville seinen Lesern unterbreitet, wenn er diagnostiziert: Das „Ich“ im Freudschen beziehungsweise im Kantschen Sinn sei eine Erfindung des europäischen Romans, einsetzend mit den Personenentwürfen Samuel Richardsons und Jean-Jacques Rousseaus von etwa 1740 an, also mit Entwicklungen innerhalb der werdenden bürgerlichen Gesellschaft, die später unter dem Begriff Aufklärung gefasst werden. Vorher, so Bennett, gebe es dieses Ich nicht.
Das „Ich“ ist also eine durch und durch historische Konstruktion, vorgetragen und verfestigt in einer schon vor Freud gut 160 Jahre andauernden Reihung von Erziehungs- und Bildungsromanen. Die Meilensteine dieser mit Samuel Richardsons „Pamela“ 1740 in England einsetzenden Kette sind so oft angepeilt worden, dass eine Liste ihrer Namen und Titel ausreicht, um als literarische Fundamente für Freuds Theorie der Person gelten zu können: Nach Richardsons nächstem Modell-Ich Clarissa kam Henry Fieldings Tom Jones (Geschichte eines Findelkindes), Rousseaus Julie oder die neue Heloise über Goethe, Jean Paul, Balzac, Dickens, Flaubert, Fontane, Thomas Manns Zauberberg bis hin zu den heutigen eher zahllosen Biopics - eine Sequenzierung immer gleicher Erfahrungs- und Psychoelemente, dann aber unterbrochen von Musil und Joyce, in denen Bennett dieses Ich-Konstrukt „überwunden“, abgelöst sieht durch Konfigurationen, die Freuds beziehungsweise Kants spezifische Subjektkonstruktion wieder auflösen.
All dies wirft nicht nur ein besonderes Licht auf Freuds bekannte Nähe zur Literatur. Es besagt, dass die Figur Freud ohne die vorangehende Instanz des Romans als Instanzen-Konstrukteur eines euroamerikanischen Ichs gar nicht hätte entstehen können, weder in Wien noch anderswo. Die Helden der bürgerlichen Geburts-Instanz heißen nicht Herakles, nicht Helena, nicht Odysseus. Sie heißen Émile, Julie, Pamela, Clarissa, Tom oder Wilhelm. Romane, bevölkert von (ehemals göttlichen) Frauen, die - erstmals in der Geschichte - nichts Anderes und Schöneres kennen und wollen, als bürgerliche Menschen zu werden, bürgerliche „Ichs“.

Der Schritt zum Mehr-Ich
Die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ setzt den historischen Vorgang „Alle Götter werden Menschen“ voraus. Dass alle Traumfiguren Teile des Träumers selbst repräsentieren würden, ist eine Erkenntnis Freuds. Das Gleiche lässt sich sagen vom Roman: All seine Figuren sind (mehr oder weniger) abgespaltene Teile des Ichs des Romanhelden (der Romanheldin). Alle bilden Facetten von deren „Ich“, dessen Neubau am Ende triumphieren soll. Die bürgerlichen Romane sind in aller Regel keine Tragödien.
Arthur Rimbauds von allen Seiten immer wieder angeführter Satz vom Ich, das „ein Anderer“ sei - die Phase des Konstruktionsaufbaus des neu-europäischen Ichs entschlossen hinter sich lassend -, ist nicht gelesen worden als die Intervention in das Wesen des Romans, die der Satz tatsächlich ist. „Ich ist ein Anderer“ ist der Aus- und Einspruch eines Lyrikers, gezielt auf das Wesen der Institution Roman. Er ist formuliert am 13. Mai 1871 in einem Brief an Georges Izambard, dem Rimbaud hier eröffnet: „Ich habe mich als Poet erkannt.“ Als solcher erklärt er: „Es ist falsch zu sagen: ICH denke: man müsste sagen: ES DENKT MICH.“ Das Ich des Lyrikers ist somit erklärtermaßen nicht das der nach Einheit und Realitätskontrolle ringenden bürgerlichen RomanheldInnen. Man suche Freud nach Lyrikern ab - weitgehend Fehlanzeige, bis auf ein paar Schnipsel Heine.
Kurz: Der Schritt vom „Ich ist ein Anderer“ zum Mehr-Ich, zum zersprengten Ich, vollzieht auch einen Genrewechsel; zunächst durch Lyriker wie Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud, Verlaine, Rilke, Benn, Ezra Pound, T. S. Eliot, Paul Valéry, schließlich auch bei Romanciers wie Joyce, Céline oder Henry Miller und setzt sich fort in der Behauptung, körperlich-existentiell gar kein Ich zu repräsentieren wie bei Musils oder Kafkas „eigenschaftslosen“ Figuren, Männern wie Frauen.

34 Gespräche in sechs verschiedenen Medien
Aus Zustandswechseln - der heute offenbar geläufig gewordenen Kulturtechnik sequentieller Ich-Spaltungen - dürfte die Flexibilität des modernen (West-)Menschen in seinem Alltagsverhalten resultieren, seine multiplen Verhaltensweisen, die nicht von einem „integrierenden Ich“ umfasst sind, nicht von einem solchen „zusammengehalten“, also auch nicht von ihm behindert werden. Der „fragmentierende Körper“ heute löst seine psychophysischen Probleme eben nicht mehr mit der motorischen Muskelarbeit des Drills; auch nicht mit der Phantasie eines überwölbenden Großkörpers unter dem Oberbegriff „Charakter“ und auch nicht durch den sportiven Ersatz-Drill im Trainingscenter. Er löst sie in der Regel durch seine Aufspaltung in verschiedene gut funktionierende Subsysteme; er löst sie durch seine Multifunktionalität.
In einem Buch von Nicholas Carr über die Auswirkungen des Internets auf unsere Hirnstruktur finde ich die hier beschriebene Entwicklung parodiert in einem speziellen Gebrauch des Begriffs „multitasking“. Das Netz, so zitiert Carr dessen Propagandisten, führe vielleicht zu einem Verlust an Konzentrationsfähigkeit; dafür würden wir neue Fähigkeiten erwerben, etwa die, „34 Gespräche gleichzeitig zu führen in sechs verschiedenen Medien“. Die amerikanischen Studenten, die ich danach frage, zögern einen Moment, dann kommt: „„Ja, vier bis fünf Gespräche gleichzeitig“ würden sie schaffen, mittels ihrer diversen verfügbaren Medien.

Den Bedürfnissen dieses Segment-Ichs ist die heutige innere Organisation demokratisch-technologischer Gesellschaften angepasst. Da ein normensetzendes Zentral-Ich als verbindliche Verhaltensinstanz zwar noch gefordert, aber nicht mehr durchgesetzt werden kann, sehen sich heutige Verhaltenslehre und die Rechtsprechung gezwungen, mehr und mehr gesellschaftliche Spielräume zu öffnen oder zu legalisieren, die bis vor kurzem noch als verbotene galten. Heute ist so gut wie alles erlaubt, was nicht allzu auffällig die geforderten Arbeits- und Wohnabläufe des sogenannten Normalbürgers stört. Die entscheidende Einschränkung lautet: Es muss in Enklaven passieren, in jeweils eigens errichteten gesellschaftlichen Spezialräumen, die nicht jedem zugänglich sind. Man könnte auch sagen: in Parzellen oder Milieus, Communities, Clubs oder Privatstaaten. Das gilt für so gut wie jede Sexualitätsform wie für die diversen Formen des Drogengebrauchs. Der hyperliberale Schnack von „jedem nach seiner Fasson“ - dem preußisch-königlichen Staatsterroristen Friedrich „dem Großen“ zugeschrieben und da allein auf die Ausübung religiöser Rituale beschränkt - ist seit den achtziger Jahren zunehmend materielle Realität geworden unter der Einschränkung: jeder in seiner Enklave.
So hat die gesellschaftsorganisatorische Moderne der technologischen Kulturen die Aktionsspielräume für das segmentierte Ich erheblich erweitert und dehnt sie ständig weiter aus; nicht nur in den Bereichen, die noch kurz zuvor als verbotene galten. Die ganze Gesellschaft wird zunehmend segmentiert in Spezialbereiche, Spezialistenbereiche. In der heute mittelständisch vorherrschenden Personenstruktur erscheinen wir seitdem als Funktionalitäten solcher Aufspaltungen. Die Aufspaltung der Gesellschaft in organisierte Spezial-Enklaven bedient ein Bedürfnis, und sie schützt zugleich. In der Parzelle brauchen wir nur die Parzelle zu denken. Würden wir an alles andere auch dauernd denken, es wäre unaushaltbar.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung x.y.2015
Zum Autor: Klaus Theweleit ist Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker. Zuletzt erschien von ihm „Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm der Tötungslust“, St. Pölten 2015. Der abgedruckte Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, der auf der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in Berlin gehalten wurde.

Vom Bastler zum Androiden

Il ne faut donc jamais conclure de l'oeuvre à un Homme
- mais de l'Oeuvre à un Masque - et du Masque à la Machine
Paul Valery, Bd. II 581

Norbert Bolz - WAS KOMMT NACH DEM MENSCHEN

"Die Geschichte der Neuzeit ist eine Geschichte der narzisstischen Kränkungen des Menschen [vgl. Kapitel 1]: Kopernikus ließ die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt ins marginale X rollen, Darwin erniedrigte den Menschen auf das Niveau der Tiere, Freud demonstrierte, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, und Turing hieß Maschinen denken. Mit den ersten drei Kränkungen haben wir uns arrangiert. Große Schmerzen bereitet aber noch das Faktum Computer. Um sie zu verwinden, müsste man den von Michel Serres gewiesenen Denkweg gehen: vom Mann ohne Eigenschaften zum Mann ohne Fähigkeiten. Hinter dieser Formel steht eine Theorie der Entlastung: der Mensch gewinnt, nämlich Möglichkeiten, indem er verliert, nämlich Fähigkeiten.

Was auch immer mit Künstlicher Intelligenz gemeint sein mag - stets geht es um die Konstruktion von Maschinen, deren Leistung als funktionales Äquivalent für menschliche Intelligenz akzeptiert werden kann.
Und die Schlüsselattitüde dieses Projekts läßt sich genau bestimmen:
Künstliche Intelligenz subsumiert Mensch und Computer unter informationsverarbeitenden Systemen. In ihrer noch jungen Geschichte lassen sich immerhin schon drei entscheidende Etappen markieren:
- Die Universalmaschine Alan Turings ist die prinzipielle Konstruktion eines »mind«, eine Imitation der Funktionsprinzipien des menschlichen Geistes; es geht also nur um Software.
- Der Konnektionismus macht dann ernst mit der Einsicht, daß wir zwar linear denken, das Gehirn aber parallel prozessiert. Deshalb versucht er, ein »brain« zu modellieren, d.h. die Schaltungen des menschlichen Gehirns zu imitieren; es geht also um hard wiring, um Hardware.
- Die Robotik ist die neueste Variante der Kritik des Leib-Seele-Dualismus. Nicht das Wissen, sondern das Verhalten ist entscheidend. Der Roboter soll nicht primär denken wie ein Menschengeist oder funktionieren wie ein Gehirn, sondern eine »illusion of life« stabilisieren; es geht also letztlich um 'Wetware'.
Quelle: Bolz, Norbert (2003, Hrsg.). Was ist der Mensch? S. 201

Beispiel: FORTPFLANZUNGSMEDIZIN

Unheimliche Enkel - Ulrich Bahnsen in der ZEIT vom 19. März 2015

Wenn Gentechniker vor Gentechnik warnen, sollten wir auf sie hören. Sonst könnte es zu spät sein

Wir müssen reden! Selten wendet sich die Wissenschaft so eindringlich an die Oeffentlichkeit wie in diesen Tagen. Im Fachblatt 'Nature' warnen ausgerechnet Genforscher vor einer historischen Zäsur in der Genforschung:
Die Technik sei reif, das Erbgut menschlicher Embryonen gezielt zu verändern. Experimente dazu würden bereits durchgeführt, fürchten die Reproduktionsmediziner. Sie wollen den unmittelbar bevorstehenden Tabubruch verhindern:
Eingriffe ins Erbgut, die an alle folgenden Generationen weitervererbt würden. Die Manipulation der sogenannten Keimbahn. Die Uebernahme der Regie bei unserer eigenen Evolution.
In Forscherkreisen kursieren Berichte über bereits erfolgte Manipulationen an menschlichen Embryonen, über gezielte Veränderungen von Eizellen und Spermien. Die Hinweise kommen aus den USA und China, wo solche Arbeiten – anders als in Deutschland und anderen europäischen Staaten – nicht ausdrücklich illegal sind.
Bis heute sind die Forscher den Warnungen vor einem ethischen Dammbruch mit einem schlichten Argument begegnet: Selbst wenn man die Technik beherrsche, wisse man ja gar nicht, wozu man sie einsetzen solle. Das ist offensichtlich nur noch eine Schutzbehauptung.
Die Werkzeuge zur Menschenzüchtung sind bereits in aller Welt verbreitet. Was wir sicher wissen: Die rasante Entwicklung der Gentechnik macht solche Eingriffe möglich.
In den Labors der Welt verbreitet sich ein gentechnisches Werkzeug, das Umbauten am Erbgut mit unerhörter Präzision erlaubt. Es trägt den kryptischen Namen Crispr, und man kann es sich so ähnlich vorstellen wie ein Textverarbeitungsprogramm für Gene: Ganze Sätze oder Wörter kann man damit aus dem Bauplan des Lebens entfernen, man kann sie einfügen, ersetzen oder korrigieren. Es gibt – zugegeben – noch einige Sicherheitslücken. Doch auch die sind überwindbar.
Darum gibt es längst sehr konkrete Ideen für den Einsatz der Technik: Ein einziger Austausch im Erbgut könnte Menschen für immer vor HIV und Aids bewahren. Eine einzige Genkorrektur würde uns effektiv vor Alzheimer schützen.
Ganze Familien könnten von erblichen Leiden befreit werden, die sie seit Generationen heimsuchen. Das ist keine Fantasie – Forscher wissen sehr genau, welche Genvarianten sie dafür bearbeiten müssten.
Warum sollten wir nur einen Menschen heilen, wenn wir die künftige Menschheit von solchen Krankheiten befreien könnten? Warum soll das Tabu der Keimbahntherapie weiterhin gelten?
Wir kennen inzwischen eine neue Wahrheit über die Keimbahn – und sie ist bei genauem Hinsehen ziemlich ernüchternd. Die Natur behandelt unsere genetische Blaupause nicht im Entferntesten ehrfürchtig. Sie experimentiert mit uns in jeder Generation, in jedem neu gezeugten Menschen: Die deutliche Mehrzahl aller befruchteten Eizellen stirbt als misslungenes genetisches Experiment der Natur. Wir, die Lebenden, haben bloß Glück gehabt.
Wenn unsere Erbanlagen von Natur aus so instabil sind, erscheint die Vorstellung, wir könnten in diesem Glasperlenspiel der Natur mitmischen, nicht mehr ganz so vermessen.
Es gibt aber auch gute Gründe, die menschliche Keimbahn sakrosankt zu stellen: Wenn nach der Befruchtung der Embryo entsteht, bilden sich rasch jene Zellen, die später in Eierstock oder Hoden des erwachsenen Körpers die Geschlechtszellen hervorbringen. Sie sind die physischen Glieder jener Kette, die sich seit Millionen Jahren durch die Generationen zieht. Diese Keimbahn verbindet jeden lebenden Menschen mit dem Beginn des Lebens auf der Erde. Unabhängig von der Weltanschauung, ob entworfen in einem Schöpfungsakt oder geformt in Millionen Jahren Evolution: Ehrfurcht sollte die Keimbahn in jedem Fall gebieten.
Ihr gegenüber steht die Faszination einer machtvollen Technologie. Crispr stellt uns vor ein besonders großes Dilemma: Nutzen wir es als sehr scharfes Skalpell, um etwa die Blutzellen von Immunschwäche-Patienten zu heilen oder um Leberzellen bei Stoffwechselleiden punktgenau zu therapieren: Applaus.
Zur Waffe wird das Skalpell aber ganz leicht, wenn man mit ihm in das Schicksal ferner Generationen eingreift. Weil Kinder, Enkel und Urenkel mit manipuliertem Erbgut keine natürlich geformten Individuen mit Stärken und Schwächen wären, sondern Erzeugnisse einer wahnwitzigen Technologie.
Wir würden künftige Generationen den vermeintlich pragmatischen Erfordernissen der Gegenwart unterordnen. Mehr noch, der Uebergang vom therapeutischen Einsatz zur gefälligen Optimierung ist fließend. Der Abgrund der neuen Technik ist der Mensch, der sich nach eigenem Gutdünken umbaut. Crispr wird also zu einem Synonym werden: entweder für unsere endgültige Emanzipation von der Natur – oder für ein Vergehen des Menschen gegen die Schöpfung und sich selbst.
Verbote, Empörung, Beschwörungen werden das Problem nicht mehr lösen. Wir müssen einen neuen Rubikon definieren.
Die Werkzeuge zur Menschenzüchtung sind bereits in aller Welt verbreitet – und sie zu beherrschen ist leicht erlernbar. Mit der Begrenztheit unserer technischen Möglichkeiten können wir uns nicht mehr herausreden. Wir haben mit der Natur gleichgezogen.
Quelle: Unheimliche Enkel - Ulrich Bahnsen in der ZEIT vom 19. März 2015

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Das SELBST - Die MASKE - Der BLUFF - Manfred PRISCHING

    Wer bin ich? Das ist eine alte philosophische Frage. Mittlerweile ist es eine zentrale Frage für Jugendzeitschriften, Frauen- und Männermagazine, für Manager-Ratgeber, Psycho-Experten und sonstige Identitätsberater. Die Frage nach Identität und Individualität gehört zu den Selbstverständlichkeiten der Gegenwart, der sich alle zu stellen haben: Man hat sich zu entfalten. Zu finden. Zu gestalten. In seiner Besonderheit, seiner Einzigartigkeit, als Unikat. Das schafft Stress, Verunsicherung, Angst; aber auch Nihilismus und Narzissmus.
    Diese Individualisierungsbotschaft ist eine Uebertreibung: Ueberall originelle, authentische Personen? Schon die äußeren Erscheinungsformen sind ähnlich: Moden und Styles. Auch die Meinungen sind meist nicht sonderlich originell. Das führt zum zweiten Stichwort: die Maske. In Wahrheit ist es eine konformistische Individualität. Das 'Menschenmaterial' muss sozialtherapeutisch 'hergerichtet' werden, ohne es zu merken. Die Widersprüche führen zum dritten Stichwort: dem Bluff. Bewusste, gewollte Individualität und unbewusste, gelebte Konformität? Diese Kluft ist schwer zu überbrücken. Man braucht Ideologie, Heuchelei, Inszenierung, Ueberredung, Theaterspiel. In vielen Lebensbereichen lässt sich zeigen: Der Bluff-Gehalt der Gesellschaft ist im Steigen.
    Quelle: Prisching, Manfred (2009). Das Selbst, die Maske, der Bluff - über die Inszenierung der eigenen Person. Wien: Molden, S.7-8

ich, Ich, ICH: – über die Inszenierung der eigenen Person

Es gehört zum Selbstverständnis der späten Moderne: Es sei die wichtigste und vornehmste Aufgabe des Menschen, sich selbst zu entfalten; seine Einzigartigkeit zu suchen und zu entwickeln; seine Authentizität zu leben; sein Leben spontan, erlebnisreich und freudvoll zu gestalten. Wozu sonst wäre man auf der Welt?

Dieser Auftrag ist nicht leicht zu erfüllen, und in Wahrheit schafft er mehr Enttäuschung als Zufriedenheit. Denn die Individuen sind schon dadurch überfordert, dass kaum noch äußerliches, gültiges, geltendes „Material“ vorhanden ist, an dem man sich orientieren könnte. Für immer mehr Menschen besitzen das Christentum und die Aufklärung, der Sozialismus und der Fortschritt - oder was immer auch - nicht jene Überzeugungskraft, dass man darauf vertrauen kann. Also ist man auf sich selbst verwiesen, ganz allein, mit der Bastelaufgabe, die eigene Identität zusammenzuflicken.

Natürlich scheitert man am Vorhaben, die Originalität der Person zu konstruieren. Man möchte ja schließlich nicht gänzlich aus der Gesellschaft hinausfallen, man muss ja „anschlussfähig“ bleiben, verständlich für die Mitmenschen – und Individualität soll auch als Erfolgsressource dienlich sein. Also muss man auch das Wesen der eigenen Persönlichkeit auf eine Weise signalisieren, dass die anderen verstehen, wie individuell man ist - das heißt mit jenen Mustern und Accessoires, mit denen alle, die ihre Einzigartigkeit signalisieren wollen, ihre Einzigartigkeit signalisieren.

Das entspricht unserem praktischen Erleben: Die spätmoderne Gesellschaft ist in Wahrheit von einem weitgehenden Konformismus geprägt. Es ist ein unhinterfragter Gehorsam gegenüber den Geboten des Zeitgeistes, der Peer groups, der Medien, der Lifestyle-Zeitschriften, ein Gehorsam des Stils ebenso wie des Denkens, ein Phrasen-Geplappere unter Originalitätsanspruch.

Aber das fügt sich gut zusammen, denn in einer narzisstischen Gesellschaft achtet ohnehin ein jeder nur auf sich selbst - und der stete Blick auf die eigene Seele lässt gar nicht mehr wahrnehmen, dass die Entfaltung der eigenen Person in Wahrheit immer nur in einer „gemeinschaftlichen Gesellschaft“ stattfinden kann, in der man – mit wachem Geiste – lebt und mit der man sich – in kritischer Loyalität – solidarisch fühlt.

Der Existenzbastler - Ronald Hitzler

Der österreichische Wirtschaftsphilosoph Manfred Prisching schreibt in einem Artikel zu Ehren des renommierten Kollegen Prof. Ronald Hitzler in Auszügen folgendes:

Postmoderne Menschen strampeln sich ab zwischen Individualisierung und Vergemeinschaftung, und in diesem Terrain strampelt sich auch Ronald Hitzler in seiner wissenschaftlichen Arbeit ab. Es ist die Enträtselung der Moderne und ihres Prozesses der Individualisierung (Beck 1986): Der Einzelne1 kann, will und muss zum „Original“ werden, zum „Einzelstück“; er ist auf einer ständigen „Ich-Jagd“ (Gross 1999).
Individualisierung heißt Freisetzung: einerseits Befreiung, Abstreifen der Zwänge; andererseits ein Herausschleudern aus den Sicherheiten der Herkunftsmilieus und der Sinnwelten. Die Menschen werden Konstrukteure ihres Ichs, Designer ihrer Lebenswelt, Gestalter ihrer Zukunft – aber eigentlich doch nicht: Es reicht nicht zum selbstbewussten Konstrukteur, zum kühnen Daseins-Architekten. Die Individualitätssucher sind – nach Hitzlers Bezeichnung – bloße „Existenzbastler“. Sie fühlen sich dabei nicht sonderlich wohl, sie suchen, nach dem Verlust aller anderen Einbettungen und Sinnstiftungen, zumindestens nach „temporären“ beziehungsweise „posttraditionalen Vergemeinschaftungen“. (Prisching, Manfred (2010). Beipackzettel für Bastelexistenzen. In: Honer/Meuser/Pfadenhauer. Fragile Sozialität, S. 179).

"Jeder ist auf sich allein gestellt, um mit dem zuhandenen Material zurechtzukommen: als Hobby-Tüftler, beim Verfertigen der „bricolage“, beim Fabrizieren der jeweils eigenen „Bastelexistenz“.
Diese Begriffe, „Existenzbastler“ und „Bastelexistenz“, haben in den allgemeinen Sprachgebrauch der Zeitdiagnostiker Eingang gefunden (Hitzler 2001, 2006; Hitzler/Honer 1994). Der Identitätsbastler sieht zu, was kulturell gerade zur Verfügung steht und sich ohne allzu hohe Kosten besorgen lässt, und er stückelt zusammen, was ins eigene Konzept passt. Das Daseinsbewältigungsvermögen des Existenzbastlers ist das eines genuss-souveränen Multioptionalisten, eines egozentrischen Angebots-Surfers und Unterhaltungs-Spaß-Zerstreuungs-Flaneurs. „Jeder will tun, was ihm gefällt. Jeder will, dass andere tun, was er will, dass sie tun“ (Hitzler 2006: 262). Das bedeutet einerseits Selbstbewusstsein und Durchsetzungswillen, andererseits aber auch Borniertheit, Anmaßung und Dreistigkeit. Es besteht das Bedürfnis, frei, aber dennoch nicht allein zu sein (Hitzler 2003). Da wird die Ich-Bastelei zum Problem; denn zur unbegrenzten Freiheit gehört die Bindungslosigkeit, und das Problem von Verortung, Zugehörigkeit und Gemeinschaftlichkeit macht den Menschen zu schaffen." (Prisching 2010 S. 180).

Im folgenden gibt Prisching augenzwinkernd sieben "Montagetipps" zur Anfertigung eines postmodernen Selbst:

- Montagetipp 1: Typenfindungstests
- Montagetipp 2: Individualitätsinszenierung - "Individuell ist man, wenn man so ist, wie alle sind, die individuell sein wollen; und dies differenziert sich natürlich je nach Bezugsgruppe".
- Montagetipp 3: Vergemeinschaftungsdrang
- Montagetipp 4: Generationenbewusstheit
- Montagetipp 5: Lebensstilangepasstheit
- Montagetipp 6: Szeneneinbettung
- Rezept 7: Konsumspontanismus - "Wer ein kaufen kann, der ist auf dem besten Wege, ein Individuum zu werden.

Das vervollständigt die Gleichung für das postmoderne Leben.
Erstens: Identität und Individualität sind nur durch Typisierung und Stilisierung fassbar - Verfahren, die den Originalitätsgehalt individualisierter Personen beträchtlich reduzieren. Die Flickschusterei an der Bastelexistenz richtet sich nach den Beipackzetteln und ihren Montageanleitungen.

Zweitens: Die Inszenierung der eigenen Person erfordert eine strikte Einhaltung von Mustern und Regeln, mithilfe derer Individualität gebastelt und dargestellt werden kann; und verschiedene Formen der posttraditionellen Vergemeinschaftung verlangen ebenso die Einhaltung zahlreicher innerer und äußerer Normierungen durch die Akteure.

Drittens: Existenzbastelei dieser Art ist in einer vermarktlichten Gesellschaft auf das Engste mit konsumistischen Mitteln verknüpft.
Quelle: Prisching, Manfred (2010). Beipackzettel für Bastelexistenzen. In: Honer/Meuser/Pfadenhauer. Fragile Sozialität, S.179-193


"Ich kaufe, also bin ich"

„Der Konsumismus ist die in den westlichen Ländern gegenwärtig vorherrschende Lebensweise, bei der Waren nicht mehr der einfachen Bedürfnisbefriedigung dienen, sondern eine quasi-religiöse Dimension angenommen haben. Die Konsumprodukte stehen immer mehr für Erlebnisse, Werte, Sinnangebote und Ideen, die beim Käufer eine Veränderung hervorbringen wollen.“
Alexander Meschnig / Mathias Stuhr, Wunschlos unglücklich. Alles über Konsum, 2005, S.9



Inszenierung und Optimierung des Selbst

Norbert Ricken schreibt zu den "Grenzen des Selbst" im Sammelband obigen Titels (Mayer, Thompson, Wimmer 2013, S. 242):
"So geht es in der durch Disziplin und Verbot geprägten Gesellschaft darum, dass das Selbst sich herauszubilden, zu verwirklichen und zu ergreifen lernt auch durch Ueberschreitung der Grenzen des Erlaubten, durch Tabubruch und Enttraditionalisierung, was dann zwangsläufig - entlang der Selbstbefragung "Was darf ich tun?" (Ehrenberg 2011, S.17) - das durch Scham und Schuld gekennzeichnete 'neurotische Selbst' als Schatten eines jeden Selbst nach sich zieht und in gewisser Weise im Protest-Selbst der 1960er Jahre deutlich geworden ist.
Dieser Subjektivierungsmechanismus ändert sich in einer durch emphatisch aufgeladene Autonomie und Identität geprägten Gesellschaft, die nun nicht mehr das Verbotene und Erlaubte voneinander trennt und insofern nach dem 'Dürfen' fragen lässt, sondern die nun das Selbst als eine andere Art der Ueberschreitung, als Verschiebung des Unmöglichen zugunsten des Möglichen fasst und insofern die Frage "Kann ich es überhaupt? Besitze ich die Fähigkeit es zu tun?" (ebd.S.17) provoziert - mit dem Effekt, dass die Leistungsverbesserung als neuer Heilsweg aufscheint und nun mit (fast) allen Mitteln der Optimierung auch begangen wird, während auf der Rückseite die Diagnose der eigenen Unzulänglichkeit, und mit ihr die der Depression, an Häufigkeit zunimmt."

Mit der Charakterneurose wird ein Zwischenstadium der 1960er und 1970er Jahre markiert, die anstelle des ödipalen, gegen die Vaterautorität gerichteten neurotischen Selbst nun das narzisstische Selbst in den Vordergrund spielt, das nach den Bedingungen des Selbstseins und seiner Spiegelung in den anderen neurotisch fragen lässt - u.a. auch nach den Quellen der hinreichenden Anerkennung des Selbst durch die anderen (und sich in Buchtiteln niedergeschlagen hat wie z.B. "Ich bin OK und Du bist OK" (Harris 2009).
Quelle: Norbert Ricken (2013). An den Grenzen des Selbst. In: Ralf Mayer, Christiane Thompson, Michael Wimmer (Hrsg.). Inszenierung und Optimierung des Selbst - Zur Analyse gegenwärtiger Selbsttechnologien. Wien: Springer VS.


TEIL III: Das digitale Zeitalter - Medien, Dataismus, Big Data, Spieltheorie und Algorithmen

In der Phylogenese des Homo Sapiens mit grossen Schritten voranschreitend möchte ich im folgenden Abschnitt einen ontologischen Zwischenstopp einlegen und mit dem katholisch-konservativen Philosophen Robert Spaemann die Grundlage legen zur danach folgenden kontrversen Diskussion zu Wirklichkeitsverhältnissen:

Robert Spaemann - Wirklichkeit als Anthropomorphismus

    "Als wir Kinder waren, gab es einen Augenblick, wo wir, wenn uns eine Geschichte erzählt wurde, die Frage stellten: "War das mal wirklich?" Wir erwarteten auf diese Frage eine schlichte Antwort, also nicht eine Antwort, die den Umfang des Begriffs "wirklich" so lange dehnte, bis auch Märchen und Träume darunter subsumiert werden konnten. Träume waren ja gerade das, was wir mit unserer kindlichen Frage ausschließen wollten. Wer nach Wirklichkeit fragt, will immer etwas ausschließen. Wirklichkeit ist ja nicht ein Merkmal, das zu dem, was es gibt, noch etwas hinzufügt. Das Wirkliche unterscheidet sich vom Unwirklichen, und wenn wir wissen wollen, was jemand meint, wenn er nach dem fragt, was wirklich ist, müssen wir wissen, was er als unwirklich ausschließen will. Das Ausgeschlossene kann viele Namen haben: Traum, Fiktion, Lüge, Schein, Einbildung, Konstrukt, virtuelle Realität usw. Die Unterscheidung von Sein und Schein ist die erste und fundamentalste Unterscheidung, mit der die Philosophie beginnt... Allerdings erhob sich auch schon in den Anfängen der Philosophie, bei den Eleaten, Widerspruch gegen diese Unterscheidung. Deren Argument war einfach: Das Nicht-Wirkliche, also das Nicht-Seiende ist nicht, per definitionem. Es gibt nicht das, was es nicht gibt. Der Traum ist ebenso eine Wirklichkeit wie das Wachen, und das Geträumte ebenso wie wie das im Wachen Erlebte. Was immer die virtuelle Realität von der nichtvirtuellen unterscheiden mag, sie heißt schließlich ebenso wie diese "Realität".

    Ja, haben wir denn überhaupt etwas anderes als virtuelle Realität? Mit dieser Verblüffungsfrage werden wir heute immer häufiger konfrontiert. Wenn der Gegensatz von Schein und Sein verschwindet, ist es gleichgültig, ob wir sagen, alles sei wirklich oder alles sei Schein. "Esse est percipi", sagte Berkeley. Und David Hume: "We never advance one step beyond ourselves". Wenn wir etwas erleben, dann ist es eben etwas von uns Erlebtes. Es spielt sich in uns ab. Falls es irgendwie von aussen verursacht ist, können wir das nicht wissen. Ja sogar der Gedanke eines Aussen ist wiederum nur ein Gedanke, der seine Metaphorik uns bekannten räumlichen Verhältnissen entleiht. Und auch der Gedanke eines Anderen unserer selbst, der Gedanke von etwas, was jenseits unseres Denkens ist, bleibt doch unser Gedanke. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts hat diese Reflexion bis zum Exzess durchgespielt.
    Die Entwicklung der Technik am Ende des 20. Jahrhunderts vollzieht diese Reflexion in der Praxis nach. Technische Simulation verdrängt nicht mehr nur die Wirklichkeit, sie gibt vor, deren Wesen zu enthüllen. Die kybernetischen Konstrukte ahmen nicht mehr nur das Lebendige nach, sie beanspruchen uns zu erklären, was Leben ist. Es ist nichts als diese Simulation. Onanie, Cybersex ist nicht mehr bloß Ersatzbefriedigung. Es präsentiert sich als die Sache selbst. We never advance one step beyond ourselves. Zwar sind wir so konstruiert, dass wir den Anderen zu unserem Glück brauchen. Aber wie für jede funktionale Interpretation, so gilt auch für diese: sie eröffnet den Spielraum für funktionale Aequivalente. Eine Simulation des Anderen tut es auch. Wenn sie perfekt ist, ist sie der Andere".

I. Ein Kriterium für das Wirkliche?

    "Aber ist sie es wirklich? Gibt es kein Kriterium, um das Wirkliche vom Unwirklichen zu unterscheiden? Gibt es keinen Unterschied? Doch, natürlich gibt es einen Unterschied, und es ist sogar der wichtigste aller Unterschiede. Aber ein Kriterium? Nein, das gibt es nicht. Denn Wirklichkeit ist, wie gesagt, keine Eigenschaft. Max Scheler meinte, das Wirkliche mache sich für uns durch Widerständigkeit bemerkbar. Wirklichkeitserfahrung sei Widerstandserfahrung. Aber das stimmt nicht. Auch im Traum erfahren wir Widerstand, Bedrohung, Ueberwältigung. Und es gibt Träume, in denen wir das reflexe Bewusstsein haben, nicht zu träumen, ja wo wir uns durch empirische Experimente davon überzeugen, dass wir nicht träumen. Und darin wachen wir auf, und es war doch ein Traum. Manchmal ist sogar das Aufwachen geträumt. Wir träumen, dass wir geträumt haben und nun aufwachen. Kein Kriterium, sondern nur das nochmalige Aufwachen gibt uns die kriteriumslose Gewissheit, jetzt wirklich wach zu sein. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass wir im Traum die gleiche Gewissheit hatten. Der Zweifel, den wir daraus ableiten, bleibt rein theoretisch. Das heißt, er ist gar kein Zweifel, sondern nur die Feststellung, dass unsere Gewissheit sich nicht auf ein Kriterium stützt.
    Uebrigens gibt es auch das Umgekehrte, nämlich den Zweifel an der Wirklichkeit des Geträumten im Traum selbst. Als Fünfjähriger wurde ich im Traum von einer Hexe verfolgt. Sie rannte auf einer Dorfstraße hinter mir her. Ich rannte um mein Leben. Der Abstand verringerte sich ständig. Plötzlich fiel mir ein: Meine Mutter hatte mir gesagt: es gibt keine Hexen. Meine Mutter sagte immer die Wahrheit. So glaubte ich ihr mehr als dem Augenschein, und meine Schlussfolgerung war: die Hexe muss geträumt sein. Es kann sich nun nur darum handeln aufzuwachen, ehe die Hexe, deren Atem ich schon spüre, mich packt. Im Vertrauen auf das Wort meiner Mutter warf ich mich auf die Straße, wälzte mich hin und her und wachte auf. Es war kein empirisches Kriterium, aufgrund dessen die Hexe unwirklich war. Es war ein Glaubensakt, der mich das Risiko eingehen ließ, sie für unwirklich zu halten" (Spaemann 2008 S.13-15).

II. Die wirkliche Welt als gemeinsame Welt

    "Aber was heißt hier: wirklich? Wann ist etwas nicht geträumt? Heraklit sagte: "Im Traum hat jeder seine eigene Welt. Im Wachen haben wir eine einzige und gemeinsame Welt". Wenn ich mit einem Freund eine Bergwanderung mache und unterwegs bei einem Hüttenwirt einkehre, und es stellt sich später im Gespräch mit dem Freund heraus, dass er mit mir eine solche Wanderung nicht gemacht hat, und im Gespräch mit dem Hüttenwirt, dass bei ihm niemand eingekehrt ist, der mir oder meinem Freund ähnlich sah, dann muss ich die Wanderung wohl geträumt haben.
    Dass die wirkliche Welt die gemeinsame Welt sei, kann missverstanden werden. Es kann so verstanden werden, als sei nur dasjenige wirklich, was von allen als wirklich erlebt und anerkannt wird. Das kann nicht sein. Denn es gibt bekanntlich Menschen, die vor der Wirklichkeit ihre Augen verschließen. Und es gibt, zum Beispiel in der Astrophysik, kontroverse Auffassungen über das, was es gibt und nicht gibt. Irgendwann entsteht vielleicht aufgrund neuer Beweise ein Konsens. Aber wir würden doch nicht sagen, dass die Wirklichkeit erst mit dem Konsens über sie entsteht. Nicht faktischer Konsens, sondern universelle Konsensfähigkeit ist charakteristisch für wahre Aussagen über das Wirkliche. Und wir halten etwas auch nicht deshalb für wahr, weil wir es für konsensfähig halten, sondern wir halten es für konsensfähig weil es wahr ist, also weil zum Beispiel ein Satz einer Wirklichkeit entspricht. Von neuem entgleitet uns also, was wir mit wirklich meinen bzw. was wir damit ausschließen wollen.
    Ausschließen wollen wir zunächst den Traum und die Einbildung, also jene Seinsweise einer Sache, die sich nur endogen, also aus einer subjektiven Veranlagung dessen erklären lässt, der die Sache oder dem Sachverhalt vorstellt, also dasjenige, dessen Sein in seinem Objektsein aufgeht. Bloße Objekte sind auch dann, wenn über sie Konsens besteht, nicht wirklich.

    Stellen wir uns einen Menschen vor, der auf dem Sterbebett liegt. Er ist unfähig, noch irgendwelche Aeusserungen von sich zu geben, die auf das schliessen lassen, was in ihm vorgeht. Um ihn herum steht ein Aerztekonsortium. Aufgrund medizinischer Messdaten sind sich die Aerzte in der Ueberzeugung einig, dass der Patient keine Schmerzen hat und dass er nicht mehr hört, was um ihn herum gesprochen wird. Der Patient hat indessen wohl Schmerzen und er hört auch, was die Aerzte über ihn sagen. Er weiß also, dass sie sich irren, aber er kann das nicht äußern, ehe er stirbt. Nehmen wir an, der Fall dieses Patienten beschäftige weiterhin die medizinische Wissenschaft. Die Daten werden mehrfach neu analysiert, aber am Ende kommt die 'scientific community' zu dem Schluss, der Mensch sei tatsächlich nicht mehr imstande gewesen zu hören und Schmerzen zu empfinden zu dem Zeitpunkt, als das Konsortium sich mit ihm befasste. Unter den lebenden Menschen und insbesondere den Wissenschaftlern herrscht also einstimmiger Konsens. Aber es ist ein Konsens über das Falsche. Denn was wirklich stattfand, wusste allein derjenige, der jetzt nicht mehr lebt. Es gibt also die Wahrheit, aber niemand weiß sie mehr. Die Tatsache, dass nur ich meine eigenen Schmerzen erlebe, bedeutet nicht, dass es nur für mich wahr ist, dass ich Schmerzen habe. Wenn jemand sagen würde: "Ich erlebe dich anders, als du dich erlebst. Für mich hast du keine Schmerzen", so würde ich ihm antworten: "Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie du oder sonst jemand mich erlebt oder welche wissenschaftlichen Feststellungen jemand über mich trifft. Die Wahrheit über meine Schmerzen kann nur ich wissen. Aber diese Wahrheit ist deshalb nicht eine Wahrheit nur für mich, sondern für jeden". Man könnte einwenden, dass diese Situation, wo ein seiner selbst bewusstes Subjekt sich als Gegenstand des Wissens Anderer weiss, ein Grenz- und Ausnahmefall ist, der nicht als Modell für unser Verhältnis zur Wirklichkeit dienen kann. Ich möchte die Gegenthese vertreten: Dieser Fall ist das Paradigma unseres Wirklichkeitsverhältnisses und unseres normalen Begriffs von Wahrheit (...)" (Spaemann 2008 S.15-19).

III. Subjekte und Objekte

    "Die Rede von Subjekten und Objekten als zwei prinzipiell entgegengesetzten Seinsbereichen geht an der Wirklichkeit vorbei. Genauer gesagt: Diese Sicht bringt so etwas wie Wirklichkeit überhaupt zum Verschwinden. Objekte, die nur Objekte sind, haben nur subjektives Sein. Es macht keinen Unterschied, ob sie geträumt oder dem Wachbewusstsein gegeben sind, da sie ja nichts jenseits ihres Gegebenseins sind. Aber können wir umgekehrt so etwas wie reine Subjektivität wirklich nennen? Das cartesische Cogito ist inhaltsleer weil es nur instantan ist. Die absolute Selbstgewissheit des Bewusstseins ist nur ein punktuelles, ausdehnungsloses "Ich denke jetzt". Und schon dies kann nicht ausgesprochen werden, denn wenn es ausgesprochen wird, ist bereits Zeit vergangen. Ich müsste also sagen: "ich habe gedacht". Aber diese Erinnerung ist nicht mehr unmittelbares Selbstbewusstsein, sondern bereits eine Selbstvergegenständlichung. Und diese Vergegenständlichung der eigenen Subjektivität in der Erinnerung ist die Voraussetzung dafür, dass Subjekte einander objektiv werden können, und zwar als Subjekte. Nicht das punktuelle, inhaltslose, instantane Cogito ist wirklich. Wirklich sind Subjekte nur als zeitübergreifende objektive Subjekte, das heißt als Personen, als Personen mit einer Biographie, die sich konstituiert sowohl aus der eigenen Erinnerung als auch aus der Erinnerung anderer. Personen sind nicht instantane Subjektivitätspunkte. Das instantane Selbstbewusstsein ist vielmehr erst das Resultat der Reflexion eines Subjektes, das Resultat einer Rückkehr aus den vielen erlebten Inhalten zu sich selbst. Primär ist, wie Leibniz bemerkte, nicht das Cogito des Descartes, sondern primär ist das Erlebnis: "varia a me cogitantur".

    Wie kommen wir dazu, dem, worüber wir sprechen, ein Sein zuzusprechen, eine Wirklichkeit jenseits dessen, was das Begegnende für uns ist und als was wir es erfahren? Gibt es dafür noch einmal eine Basis in der Erfahrung selbst? Es gibt eine solche Basis, und das ist die Kommunikation von Personen. Personen geben einander zu verstehen, dass sie selbst noch etwas jenseits dessen sind, als was sie sich zeigen. Der Schmerz des Anderen ist nicht mein Schmerz. Zu einer absoluten Gewissheit aber wird uns diese Differenz dort, wo wir selbst diejenigen sind, zu denen und über die gesprochen wird. Mir scheint, dass die Pluralität von Personen mindestens drei Personen erreichen muss, damit die Subjektivität objektiv, das heißt Person wird. Im Gespräch zu dritt kann jeder jederzeit überwechseln vom Partner zum Gegenstand des Gesprächs. Und er kann selbst wieder Stellung nehmen zu dem, was die beiden anderen über ihn gesagt haben. Jeder aber ist sich bewusst, dass er selbst etwas jenseits dessen ist, was die beiden anderen über ihn meinen. Ich mag mir einbilden, der Andere sei nur mein Traum. Ich kann von mir nicht denken, ich sei nur der Traum eines Anderen. Dieses Bewusstsein liegt jeder Anerkennung von Wirklichkeit jenseits der Gegenständlichkeit zugrunde. Es lag auch dem kantischen Begriff eines Dinges an sich zugrunde, der in der Kritik der reinen Vernunft zwar leer bleibt, in der Kritik der praktischen Vernunft aber einen konkreten Inhalt gewinnt, und der kann kein anderer sein als: personale Freiheit. Dieser Schritt von unserer Selbsterfahrung zur Wirklichkeitserfahrung überhaupt ist uns am unmittelbarsten verständlich, wo es sich um höher entwickelte Tiere mit zentralem Nervensystem handelt. Wir billigen diesen Tieren Subjektivität zu. Darum reden Menschen zu Tieren, und darum gibt es Tierschutzgesetze, die der rücksichtslosen Objektivierung von Tieren Grenzen setzen. Wir betrachten sie als "wirklich", wir billigen ihnen "Sein" jenseits ihres Objektseins zu. Wir beanspruchen nicht, wissen zu können, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Aber wir setzen voraus, dass es irgendwie ist, eine Fledermaus zu sein, während es nicht irgendwie ist, ein Auto zu sein. Das heißt, wir erkennen der Fledermaus "Sein" zu. Dieses Sein, das sie mit uns gemeinsam hat, heißt "Leben". "Leben", schreibt Aristoteles, "ist das Sein der Lebewesen". Leben, wie wir es selbst erfahren, ist nicht ein bestimmter komplexer Zustand von Materie. Ich erfahre mich nicht als Zustand von etwas, das nicht Mensch ist. Der Mensch ist, um mich wieder aristotelisch auszudrücken, lebendige Substanz, also eigentliche und primäre Wirklichkeit, von der vielerlei Zustände existieren können, die aber selbst nicht Zustand, sondern basaler Träger und Inbegriff von Zuständen ist. Und so auch, nehmen wir an, die Fledermaus. Wir billigen ihr Leben, also Selbstsein zu.
    Sein im Sinne von Wirklichkeit ist nicht ein empirisches Datum. Es zwingt sich nicht auf. Es gibt kein zwingendes Kriterium für die Wirklichkeit von Subjektivität. Wohl gibt es gute Gründe dafür, solche anzunehmen, das heißt, nicht uns allein für lebendig zu halten, und es gibt deshalb eine moralische Missbilligung derer, die die Anerkennung von Lebendigem als lebendig verweigern. Ontologie und Ethik sind nicht zu trennen. Liebe und Gerechtigkeit sind nicht möglich unter der Annahme, dass die anderen Menschen und die anderen Lebewesen nur meine Träume sind. Menschlichkeit und Freude im Umgang mit Tieren ist nicht möglich, wenn Tiere nicht leben und erleben, das heißt wenn es nicht irgendwie ist, ein Tier dieser oder jener Art zu sein" (Spaemann 2008 S.15-22).

IV. Anthropomorphismus [statt] Anthropozentrismus

Spaemann versucht hier der Enfremdung des Menschen durch Empirik und Technik dadurch zu entgehen, dass er eine radikal menschliche Sicht auf die Dinge postuliert um dem naturwissenschaftlichen Anthropozentrismus einen geisteswissenschaftlichen Anthropomorphismus entgegenzuhalten. Diese Ver-Subjektivierung nicht-menschlicher Wesen zu Subjekten (Tiere, Pflanzen und Maschinen (!)) bezeichnet Eduard Kaeser im Schlusskapitel seines Buches "Artfremde Subjekte" als "Der anthropomorphe Rest" welcher durch eine Subtraktion mit Rest entsteht, "sozusagen unter sukzessivem Abzug unserer selbst" (Kaeser 2015 S.150).
    "Der bekannte Einwand lautet, man dürfe aussermenschliches Leben nicht 'anthropomorph' betrachten. Meine Antwort darauf lautet: wir müssen es anthropomorph betrachten, wenn wir ihm gerecht werden wollen. Nur im Ausgang von bewusstem Leben, das wir selbst sind, können wir adäquat sprechen von nichtbewusstem Leben, von außermenschlichem Leben. Wir haben zu diesem Leben keinen direkten Zugang. Wir können es nur wie bewusstes Leben abzüglich des Bewusstseins betrachten. Descartes meinte: abzüglich des Bewusstseins ist Leben nichts. Die Cartesianer quälten Tiere und hielten deren Schmerzäußerungen für mechanische Reaktionen. Aber das entspricht nicht unserer Erfahrung. Wenn wir uns dessen bewusst werden, dass wir in heiterer Stimmung sind, dass wir Hunger oder leichte Kopfschmerzen haben, erleben wir diese Stimmung, diesen Hunger oder diese Kopfschmerzen als etwas, das wir schon hatten, ehe es uns zu Bewusstsein kam. Gefragt, was denn der Hunger war, ehe er uns bewusst wurde, können wir natürlich nicht antworten. Denn nur der bewusste Hunger ist uns bewusst. Und doch ist es Teil dieses Bewusstseins, dass der Hunger schon vorher da war und dass er durch das Bewusstwerden erst in ein neues Stadium eintritt. Vorher war er etwas ähnliches wie der bewusste Hunger, also der bewusste Hunger abzüglich des Bewusstseins. Und so ist es richtig und die einzige Möglichkeit, über wirkliches, nicht menschliches, nicht bewusstes Leben anthropomorph zu sprechen und sich dieses Anthropomorphismus zugleich bewusst zu sein.

    Die Alternative zu dem so geschmähten Anthropomorphismus in der Biologie ist der Anthropozentrismus. Die moderne Welt ist wie keine zuvor anthropozentrisch [vgl.oben: Anthropozän]. Auch das neue Umweltbewusstsein ändert nichts daran. Im Gegenteil: indem alles außermenschliche Seiende als Umwelt definiert wird, wird es radikal auf den Menschen bezogen. Artenschutz hat mit Umweltbewusstsein etwas zu tun, weil die natürlichen Arten zum Reichtum unserer Welt gehören. Tierschutz hat damit im Grunde nichts zu tun, weil es in ihm um die Tiere selbst geht. Die moderne Wissenschaft ist anthropozentrisch. Sie fragt nicht nach dem, was wirklich ist und was deshalb den Charakter des Mitseins mit uns hat, sondern sie fragt danach, wie es uns als Objekt erscheint und wie es von uns manipulierbar ist. Eine Sache erkennen heißt, so schrieb schon einer der Väter des anthropozentrischen Denkens der neuzeitlichen Wissenschaft, Thomas Hobbes, "to know what we can do with it when we have it". Um zu wissen, was ich mit einer Sache machen kann, muss ich nicht wissen, was sie wirklich als sie selbst ist. Ich kann deshalb auf den Anthropomorphismus zugunsten der Anthropozentrik verzichten. Die Dinge, insofern sie pure Objekte sind, stehen dem Subjekt gegenüber, sie haben nichts mit ihm gemeinsam. Die Wirklichkeit als sie selbst verstehen wollen, heißt, sie unter dem Aspekt größerer oder geringerer Aehnlichkeit mit uns zu betrachten. Die objektivierende Wissenschaft kennt am besten das uns Entfernteste, das Verhalten der einfachsten Elemente der unbelebten Materie [hier trifft sich konservative Technik-Kritik mit Entfremdungs-Kritik z.B. der 'Kritischen Theorie', vgl.Kap.1+3]. Und sie versucht, das uns Nächste und uns selbst als komplexe Kombination aus diesen Elementen zu verstehen. Je komplexer, desto schwieriger ist dieses Verstehen. Wie aus einer solchen Kombination sich ein Streichquartett von Beethoven oder die Formeln der Relativitätstheorie ergeben haben sollen, liegt in undurchdringlichem Dunkel. Wenn wir nicht objektive Bestände aufnehmen, sondern Wirklichkeit verstehen wollen, liegt die Sache genau umgekehrt: Wir verstehen das Streichquartett oder die Relativitätstheorie besser als wie es ist, ein Bakterium zu sein, falls es überhaupt irgendwie ist. Wenn nicht, dann können wir hier gar nichts mehr verstehen, sondern nur noch objektive Daten registrieren.

    Denn auch für die uns ferne unbelebte materielle Welt gilt: sie als wirklich betrachten, ihr so etwas wie Selbstsein zuerkennen heißt, sie unter dem Aspekt der Aehnlichkeit mit uns, also anthropomorph betrachten, nicht als Objekt, sondern als Mitsein. Der Versuch, darauf zu verzichten, hat eine lange Geschichte. Sie beginnt mit dem programmatischen Verzicht auf jede Teleologie in der Naturbetrachtung, also auf jeden Gedanken einer Zielgerichtetheit natürlicher Prozesse. Bacon erklärte, solche Betrachtungen seien unfruchtbar wie gottgeweihte Jungfrauen. Zielgerichtetheit setzt, so heißt es von Johannes Buridan bis zu Wolfgang Stegmüller, Bewusstsein voraus. Unbewusste Tendenzen soll es nicht geben können. Was übrig blieb, war ungerichtete Kausalität, Wirkursächlichkeit. Aber auch diese enthüllte sich als Anthropomorphismus. Was eine Ursache ist wissen wir primär aus der Erfahrung unseres eigenen Handelns. Wir bewegen unseren Arm, und die Kugel rollt. Bertrand Russell forderte deshalb, auch den Begriff der Ursache fallen zu lassen. Was es gibt, sind Bewegungsgesetze der Natur. Aber schließlich zeigte sich, dass auch Bewegung ein anthropomorpher Begriff ist. Der neuzeitlichen Physik ist es gelungen, Bewegung mit Hilfe der Infinitesimalrechnung zu vergegenständlichen. Aber das geschah um den Preis, dass sie als Bewegung verschwindet und aufgelöst wird in eine unendliche Folge stationärer Zustände. Leibniz, einer der beiden Erfinder der Infinitesimalrechnung, wusste das übrigens genau. Er wusste, dass die physikalische Vergegenständlichung der Bewegung nur ein Konstrukt zum Gegenstand hat. Wirkliche Bewegung kann nur verstanden werden, wenn wir ihr einen 'Conatus', ein Streben zugrunde legen. Aber was Streben heißt, wissen wir wieder nur aus unserer Selbsterfahrung. Wenn wir diese nicht ins Spiel bringen, kommen wir nicht bis zur Wirklichkeit der Bewegung" (Spaemann 2008 S.19-25).

V. Das Verschwinden der Person

    "Und dasselbe gilt schliesslich für das Bewegte. Bewegt sind Körper, Dinge als mit sich über eine gewisse Zeit hin identische Einheiten. Nietzsche war wohl der erste, der darauf hinwies, dass auch die Idee solcher Einheiten, also die Idee von Dingen, ein Anthropomorphismus ist. Wir sind es, die sich als Einheiten erleben, als Einheiten, die über die Zeit hinweg ihre Identität bewahren. Wir erleben uns als Subjekte des Wollens und Handelns, die für ihre Handlungen Verantwortung tragen. Kinder schlagen den Tisch, wenn sie sich an ihm gestoßen haben. Aber wir tun dies in gewisser Weise alle, solange wir überhaupt von Dingen reden. Der Gedanke des Seins von Etwas ist unzutrennlich von dem Gedanken der Identität dessen, was ist. Und genau dieser Gedanke ist, wie Nietzsche meinte, ein fundamentaler Anthropomorphismus.
    Wenn wir ihn allerdings einmal mit Bezug auf die Dinge verabschiedet haben, dann müssen wir ihn schließlich auch mit Bezug auf uns selbst verabschieden. Der Abschied vom Anthropomorphismus ist am Ende ein Abschied vom Menschen selbst, das heißt von der menschlichen Betrachtung des Menschen. Der Mensch wird sich selbst zum Anthropomorphismus. Er ist das letzte Ding, das sich auflöst. Das Resultat ist eine subjektlose, gleichgültige Welt von Gegenständen, die niemandes Gegenstände mehr sind. Der Gedanke der Wirklichkeit verschwindet. Nietzsche hat Humes Ueberzeugung zur Vollendung gebracht: We never do one step beyond ourselves. Nur zeigt sich, dass der Gedanke des Selbst seinerseits schon einen Schritt über das Selbst hinaus voraussetzt, also Selbsttranszendenz. Das hat übrigens Hume auch schon gesehen. Er erklärt offen, dass er sich nicht zu den Menschen rechnen könne, die sich eines Ich erfreuen. Und zwar deshalb nicht, weil Selbstsein kein Zustand, keine empirische Eigenschaft, sondern dasjenige ist, oder besser derjenige bzw. diejenige, die sich in bestimmten empirischen Zuständen befinden. Für den Empirismus gibt es aber nur diese Zustände.
    Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die Befürworter des Selbstmords, des assistierten Selbstmords und der Euthanasie in der Regel aus dem Bereich des Empirismus kommen. Für sie gibt es nur Zustände, wünschenswerte und nicht wünschenswerte. Die nicht wünschenswerten, also Zustände des Leidens, sind zu beseitigen, und wenn das nicht anders möglich ist, dann durch die Beseitigung dessen, der leidet. Denn: der Leidende hat nicht eigentlich eine Wirklichkeit, ein Sein, das etwas anderes wäre als die Gesamtheit der Zustände, in denen er sich befindet. Er ist nicht eigentlich jemand, der leidet, sondern er ist Leiden, das dahin tendiert, nicht zu sein. Und der Zustandskomplex tendiert kategorisch dahin, wenn das Leiden nicht aufgewogen wird durch Annehmlichkeiten. In diesem Fall ist es sinnvoll, den ganzen Zustandskomplex zu beseitigen. Täuschen wir uns nicht. Die Konsequenzen dieser Auffassung mögen noch auf instinktive Abwehrreaktionen stoßen. Die Auffassung selbst findet inzwischen breite Akzeptanz. Aber wer sich selber nicht wirklich ist, dem ist nichts wirklich. Es gibt für ihn nur Zustände, nicht Sein. Dem entspricht eine Gesellschaft, wie sie der amerikanische Neopragmatist Richard Rorty propagiert, eine Gesellschaft, in der nichts wichtiger ist als Lust und Schmerz. Tatsächlich sind Lust und Schmerz Erscheinungsweisen der Wirklichkeit des Lebens, das sich verwirklicht und steigert oder das bedroht und gefährdet ist. In diesen Erscheinungsweisen erlebt sich Leben. Platon hat ausführlich die Dekadenz einer Zivilisation analysiert, in der diese Erscheinungsweisen von dem abgekoppelt werden, was in ihnen zur Erscheinung kommt, also einer Erlebnisgesellschaft, in der es nur noch um die Herstellung von Erlebnissen geht und nicht um das, was erlebt wird, nicht um Wirklichkeit. Eine solche Zivilisation tendiert zur Selbstzerstörung. Sie bringt nämlich die Person zum Verschwinden und lässt nur abstrakte Erlebnissubjekte übrig, Subjekte ohne zeitliche Dimension, ohne biographische Identität" (Spaemann 2008 S.22-28).

VI. Der intentionale Charakter der Gefühle

    "Die Fixierung auf den eigenen angenehmen Zustand, auf das eigene Gefühl verkennt nicht nur den funktionalen Sinn dieser Zustände, sie verkennt vor allem den intentionalen Charakter der Gefühle, also die Wirklichkeit, die sich im Gefühl offenbart. Das Wohlbehagen, die Lust dessen, dem es nur um das angenehme Gefühl geht und nicht um irgendetwas, an dem man seine Freude hat, illustriert Sokrates einmal mit dem Vergnügen dessen, der die Krätze hat und sich infolgedessen immer kratzen kann. Direkt intendieren können wir überhaupt nur körperliche Lustzustände, die insofern die niedrigsten sind als sie mit Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Depression durchaus zusammengehen. Auch mit dem was man Spaß nennt, kann man sich von Gefühlen innerer Leere ablenken. Es ist kein gutes Zeichen, dass das Wort "Spaß" derartig im Vordringen ist, dass sogar Gottesdienste damit empfohlen werden, dass sie Spaß machen. Freude ist etwas anderes als Spaß. Freude hat einen Inhalt und variiert mit ihren Inhalten. Die Freude über einen Frühlingsmorgen ist nicht dieselbe wie die Freude an einer Bach-Partita, und diese nicht dieselbe wie die Freude an einer anderen Bach-Partita. Freude ist immer Öffnung für Wirklichkeit.
    Diejenige Öffnung für Wirklichkeit, die der Wirklichkeit vollständig adäquat ist, nennen wir Liebe. Liebe ist das Wirklichwerden des Anderen für mich. In jener Liebe, die in der Sprache der Tradition amor benevolentiae hieß, hört der Andere auf, Umwelt für mich zu sein, also ein vielleicht wichtiger Gegenstand, an dem ich hänge und der für mich große Bedeutung hat. In der Liebe realisieren wir, dass der Andere ebenso wirklich ist wie wir selbst, und wir lernen uns selbst als Teil der Welt des Anderen sehen so wie er Teil unserer Welt ist".

VII. Das Mitsein der materiellen Welt

    "In diesem letzten Sinne wirklich können uns nur Personen werden. Aber ich habe darauf hingewiesen, dass das Sein, die Wirklichkeit von Personen nicht Bewusstsein, sondern Leben ist und dass uns deshalb nicht nur alles Bewusste, sondern alles Lebendige als wirklich gelten muss. Die cartesische Zweiteilung der Welt in Bewusstsein und Materie, die durch Ausdehnung definiert ist, diese Zweiteilung hat zur Entwirklichung der Wirklichkeit geführt, weil in ihr das Zwischenglied verschwunden ist, das seit Platon das Reden über Wirklichkeit bestimmte: Leben. Sein, Leben, Denken war die klassische Trichotomie. Leben aber war das eigentliche Paradigma des Seins. Bewusstsein galt als Steigerung von Leben. "Wer nicht erkennt," schreibt Thomas von Aquin, "der lebt nicht vollkommen, sondern hat nur ein halbes Leben". Bewusstes Leben ist volles Leben, also volle Wirklichkeit. Unbewusstes Leben behält ein Moment von Unbestimmtheit so wie unbewusste Gefühle, von denen es Sinn hat zu sagen, sie seien weniger wirklich als deutlich bewusste und sogar ausgesprochene. Es gibt Grade der Wirklichkeit.

    Wie aber verhält es sich mit Sein unterhalb des Lebens? Solches Sein kommt zunächst innerhalb des Lebenszusammenhangs vor, als Umwelt, als Nahrung, als Teil unserer Nahrung, als Material für die Herstellung einer Welt des "Zuhandenen", wie Heidegger es genannt hat. Und es kommt vor als Gegenstand der Physik und Chemie. Hat es Sinn, von einer Wirklichkeit dieser unbelebten Materie jenseits dessen zu sprechen als was sie sich uns zeigt, also jenseits ihrer Gegenständlichkeit? Heideggers Sein und Zeit kennt dieses Jenseits nur als defiziente Form von Zuhandenheit. Was aus allen Lebensbezügen herausgefallen ist, ist das "nur noch Vorhandene". Die Kategorie des Mitseins scheidet hier aus. Aber ist das berechtigt? Das archaische Denken betrachtet die unbelebte Welt immer auch anthropomorph, also nach Analogie der belebten. Wasser und Feuer werden in den Psalmen zum Lob des Schöpfers aufgefordert, der Hl. Franziskus spricht von Brüdern und Schwestern, wenn er die Elemente anspricht. Übrigens geht es immer um Elemente, um natürliche Dinge, nicht um Artefakte. Artefakte sind Objekte, nicht Mitgeschöpfe. Es ist nicht irgendwie ein Auto zu sein, darum kann das Auto Gott nicht loben. Der Mensch kann höchstens dafür danken. In der Liturgie der katholischen Kirche wird in der Osternacht bei der Weihe des Taufwassers eine lange Rede gesungen, in der das Wasser angeredet wird. Ist das ein infantiles Relikt? Es ist ein solches Relikt, wenn wir uns entschließen, die unbelebte Materie für unwirklich zu halten, also für etwas, das darin aufgeht, für Lebewesen zuhanden oder aber Gegenstand der Wissenschaft zu sein. Wenn wir dem materiellen Sein Wirklichkeit in dem hier entfalteten Sinn zusprechen, dann sprechen wir ihm Mitsein zu und müssen auch ihm gegenüber neben der anthropozentrischen Rede die anthropomorphe als die wesentlichere zulassen.

    Der wohl bedeutendste Metaphysiker unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts, der englische Mathematiker und Physiker Alfred North Whitehead, hat auf höchstem Abstraktionsniveau eine solche anthropomorphe Redeweise entwickelt. Er begnügte sich nicht mit den unbewussten und unfreiwilligen Anthropomorphismen, die wir jederzeit anwenden wenn wir von Dingen, von Identität, von Ursachen, von Möglichkeit, von Bewegung oder von Trägheit sprechen, das heißt also wenn wir überhaupt sprechen. Er wusste, dass wir nur per analogiam sprechen können, wenn es sich um außermenschliche Entitäten handelt, sei es um Tiere, sei es um Quanten. Je weiter von uns weg, um so weniger können wir sagen, was das andere Glied der Analogie an sich selbst ist. Aber schon die Tatsache, dass wir von einem "an sich selbst" sprechen, ist ein Beispiel für analoges Reden. Wir wissen schon nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Wie es ist, ein Elementarteilchen zu sein, wissen wir noch weniger. Aber Whitehead geht davon aus, dass es irgendwie sein muss, falls wir berechtigt sind von Wirklichkeit zu sprechen. Wirklichkeit ist nie nur Objektivität für Subjekte und nie bloß inhaltslose Subjektivität. Wirklich nennen wir etwas nur, wenn es eine, wenn auch noch so rudimentäre Art von Subjektivität hat, und wenn diese Subjektivität einen objektiven Gehalt hat, wenn sie etwas "erlebt". Ausdrücke wie "Tendenz", "Erfüllung", ja sogar "Freude" mit Bezug auf die elementaren wirklichen Entitäten oder Ereignisse, die actual entities, wie Whitehead sagt, müssen natürlich so verstanden werden, dass alles im engeren Sinne Psychologische aus ihnen ferngehalten wird, alles, was wir mit bildhaften Vorstellungen füllen können. In einem ähnlich abstrakten und formalisierten Sinne hatte aber schon Leibniz den Monaden der untersten Art "Perzeptionen" zugesprochen und diese unterschieden von bewussten Apperzeptionen. Was heißt das? Apperzeptionen sind erlebte Einwirkungen. Aber was überhaupt Einwirkungen von etwas auf etwas sind, können wir nur denken, wenn wir von erlebten Eindrücken ausgehen und dann das Erleben abziehen. Wenn wir unbelebtem Seienden Wirklichkeit zusprechen wollen, dann können wir das nur, indem wir das Sein dieses Seienden als etwas dem Leben Ähnliches bestimmen, von dem wir bestimmte für Leben charakteristische Phänomene wie den Stoffwechsel abziehen, so wie wir Leben verstehen müssen als bewusstes Leben, von dem wir das Bewusstsein abziehen. Wirkliches Sein ist Mitsein oder es nicht wirklich" (Spaemann 2008 S.28-31).

VIII. Die Beziehung als eigentlich Wirkliches

    "Darin liegt nun ein Paradox. Bisher schien es so, dass das ontos on, wie die Griechen sagten, also das wirklich Seiende, dasjenige ist, was etwas als es selbst und für sich selbst ist, also jenseits seiner Gegenständlichkeit für anderes. Das Paradigma für solche Jenseitigkeit war unsere Selbsterfahrung. Nun hat es schon hiermit einen Haken. Es ist nämlich nicht so, dass wir selbst immer am besten wissen, wer wir sind. Andere können und müssen uns häufig über uns selbst aufklären, angefangen damit, dass sie uns von unserer Geburt erzählen, dass sie uns an Ereignisse erinnern, die wir selbst erlebt, aber vergessen haben, bis hin zu Deutungen unseres Verhaltens, in denen wir nicht umhin können, uns wieder zu erkennen, obwohl es uns vielleicht unangenehm ist. Vor allem aber: jenes Selbstbewusstsein, das es uns erlaubt, uns von allem zu distanzieren, als was wir anderen erscheinen, ist selbst nicht denkbar ohne eben jene anderen. Erst durch andere Personen lernen wir unser eigenes Personsein aktualisieren. Erst mit Hilfe der Sprache entsteht Selbstbewusstsein, und erst durch die Anerkennung als "jemand" durch andere "jemand" gewinnen wir elementare Selbstachtung bzw. jene natürliche und fundamentale Selbstliebe, ohne die es keine Liebe geben kann. Das heißt, nur durch den Blick anderer werden wir uns selbst sichtbar und wirklich. Das Wirkliche ist also nicht das Beziehungslose, es ist nicht das aus jeder Beziehung herausgelöste, isolierte Glied einer Beziehung. Das Wirkliche gibt es nur in dieser Beziehung selbst. Die Beziehung ist das eigentlich Wirkliche. Alle wirklichen Entitäten stehen in Wechselwirkung. Sie rezipieren und werden rezipiert. "Alles, was rezipiert wird, wird auf die Weise des Rezipierenden rezipiert", sagt ein scholastisches Adagium. Das heißt aber nicht, dass das Rezipierte in der Rezeption "verändert" wird. Das Wort verändern suggeriert, eine Sache sähe schon vor ihrem Wahrgenommenwerden anders aus als in der Auffassung des Wahmehmenden. Das aber setzt voraus, die Sache sähe vor aller Wahrnehmung und unabhängig von ihr überhaupt irgendwie aus. Aussehen ist aber wesentlich auf Sehen bezogen. So hätte es keinen Sinn, von Gestalten, von Körpern, von Mustern zu sprechen, wenn es nicht so etwas wie Gestaltwahrnehmung gäbe. Gestalten, aber auch die Muster auf der Oberfläche von Reptilien, Fischen und Vögeln, denen Adolf Portmann solche Aufmerksamkeit schenkte, sind daseinsrelativ auf mögliche Wahrnehmung. Es hat keinen Sinn zu sagen, es gäbe sie auch jenseits und unabhängig davon. Umgekehrt ist aber auch die Sinnesorganisation von Lebewesen darauf hingeordnet, etwas als Gestalt wahrzunehmen".

IX. Das Eigentümliche des Menschen

    "Es wäre nun ganz falsch, diese Daseinsrelativität relativistisch zu interpretieren, also so, als ob Gestalten etwas, wie man sagt, "nur Subjektives" seien, etwas von Wahrnehmenden Konstruiertes. Was es gibt, sind Gestalten und deren Wahrnehmung, Farben und deren Wahrnehmung, Zahlen und deren Gedachtwerden, Werte und deren Gefühltwerden. Beide Seiten aber haben ihre Wirklichkeit jeweils nur in dieser Beziehung aufeinander. Es hat deshalb ebenso wenig Sinn zu sagen, die Gesetze der Mathematik und der Logik seien Produkte der menschlichen Psyche, wie es Sinn hat zu sagen, diese Gesetze würden auch dann existieren, wenn es überhaupt kein Denken gäbe. Wirklich ist jeweils das Ganze dieser polaren Struktur. Wirklich sind Farben und Töne, weil Sehen und Hören wirklich sind, aber Sehen und Hören sind nur wirklich, weil Farben und Töne wirklich sind. Wirklich ist jedes noch so ephemere Ereignis der 'oikeiosis', der Aneignung eines objektiven Gehaltes durch einen subjekten Pol. Das verkennt der Reduktionismus. Er reduziert die eine Seite der polaren Struktur auf die andere. Er ist monistisch. So glaubt er zum Beispiel, eine evolutionstheoretische Erklärung könne uns sagen, was Bewusstsein und Erkenntnis sind. Aber solche Erklärungen sind immer zirkulär. Sie setzen Gestalten voraus, zum Beispiel die des tierischen und des menschlichen Gehirns, sie setzen Kausalität voraus. Mutation und Selektion sind ja kausale Prozesse. Und dann nehmen sie diese Kategorien in Anspruch, um mit ihrer Hilfe Gestaltwahrnehmung und das Entstehen der Kategorie der Kausalität zu erklären. Aus der Wirklichkeit einer Beziehungsstruktur von Gestalt, von Bild und Wahrnehmung wird ein reduktionistisches Verfahren, indem die eine Seite dieser Beziehung zum Epiphänomen und die andere allein als wirklich erklärt wird. Aber der Preis für diesen Reduktionismus ist die Zirkularität, die stillschweigende, unbewusste Voraussetzung dessen, was man beweisen wollte. Die Glieder dieser Beziehung sind relativ aufeinander. Aber die Beziehung selbst ist das Wirkliche. Und sie als das Wirkliche, also Wirklichkeit als Wirklichkeit auffassen zu können, ist das Eigentümliche des Menschen. Es ist die höchste Form von geistiger Aktivität, Selbsttranszendenz. Es ist ein ganz falscher Gedanke, etwas werde umso adäquater erkannt, je passiver der Erkennende sich verhält. Wir wissen das doch aus dem gegenseitigen Verhältnis von Menschen. Ich kann nicht hoffen, dem Wesen eines anderen Menschen näherzukommen, wenn ich von mir selbst nichts investiere. Ich bleibe dann ganz an der Oberfläche. Wenn ich aber etwas investiere, wenn ich mich selbst in diese Beziehung einlasse, dann trägt die Erkenntnis natürlich die Spuren des Erkennenden, sie ist eine sehr persönliche. Aber anders ist Erkenntnis von Wirklichkeit nicht zu haben.
    Dieser Sachverhalt wird und heute besonders deutlich, weil wir durch die moderne bildende Kunst darauf aufmerksam gemacht werden. Seit dem 16. Jahrhundert war die europäische Kunst Illusionskunst. Entscheidend war die Einführung der Zentralperspektive in der Malerei. Das gleiche gilt auch für die Architektur und die Bildhauerei. Die Säulen unserer Barockkirchen sind in der Regel nicht aus Marmor, sonden sie sollen so aussehen, als wären sie aus Marmor. Und die Skulpturen, die so lebendig wirken, sind oft hohl und haben keine Rückseite. Die Kunst war es, die den Weg zur Virtualisierung der Realität gebahnt hat. Aber die Kunst ist es nun auch, die als erste aus auf diesem Weg Verlorene, die Wirklichkeit zu erinnern beginnt. In einer immer virtueller werdenden Welt übernimmt sie es, die Kostbarkeit des Seins darzustellen. Was bedeutet es, wenn in der Zeit der Reproduzierbarkeit des Kunstwerks, wo das Original von der Simulation immer weniger unterscheidbar ist, die Authentizät des Originals eine geradezu magische Bedeutung gewinnt, eine Bedeutung, die nur mit der "Gültigkeit" von Sakramenten vergleichbar ist. Diese Gültigkeit beruht ja auf der sinnlichen Realität einer Berührung, die auf der lückenlosen Folge von Handauflegen bis hin zum Stifter beruht. Die Authentitzität des Kunstwerks beruht auf der originalen Berührung dieses Stückes Leinwand durch diesen Künstler. Bei der zu einem Osterhasen umgeschmolzenen Kaiserkrone von Beuys hängt alles daran, dass sich diese Geschichte wirklich zugetragen hat. Denn ansehen kann man sich den Hasen nicht. In einer immer mehr den Schein kultivierenden Welt übernimmt die Kunst in Umkehrung des traditionellen Verhältnisses die Rolle der Repräsentation der Wirklichkeit, des Seins, das sich in die Unsichtbarkeit zurückgezogen hat.
    Beim verchromten Stab von ca. 100 m Länge, den Walter de Maria anlässlich einer Kasseler Dokumenta in die Erde versenkt hat, sieht man die Schnittfläche des Stabes, eine kleine silberne Scheibe auf dem Boden. Nicht was man sieht, ist das Wesentliche, sondern worauf es ankommt ist, von der Wirklichkeit des versenkten Stabes zu wissen, die durch diese kleine Scheibe repräsentiert wird. Worauf es ankommt ist, die Aktivität des Betrachters, der sich das, was er nicht sieht, ausdrücklich zu Bewußtsein bringt. Auch hier übernimmt die Kunst eine quasi sakramentale Funktion" (Spaemann 2008 S.31-35).
Quellen: Spaemann, Robert (1996). Personen - Versuche über den Unterschied zwischen 'etwas' und 'jemand'. Stuttgart: Klett-Cotta.
Spaemann, Robert (2000). Wirklichkeit als Anthropomorphismus - Vortrag am 8. Februar 2000 vor der Bayerischen Akademie der schönen Künste. In: R.S. Was heißt „wirklich“? Unsere Erkenntnis zwischen Wahrnehmung und Wissenschaft (= Sonderdruck der Vortragsreihe in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste), Waakirchen-Schaftlach, 13-34.
Spaemann, Robert (2008). Wirklichkeit als Anthropomorphismus, erweiterte Fassung des Vortrages vom 8.2.00. In: Nissing, H.G. (Hrsg). Grundvollzüge der Person - Dimensionen des Menschseins bei R.S. München: Institut zur Förderung der Glaubenslehre, S.13-35.

7.3.1. Wie wirklich ist die Wirklichkeit I - Strukturalismus und Semiotik

"Medien verschärfen die Frage nach den Beziehungen zur Wirklichkeit. Vier Wirklichkeitsverhältnisse sind zu unterscheiden [nach Blumenberg, s.u.]:
I. eine in momentaner Evidenz erfahrene Realität
II. ein durch vermittelnde Instanzen garantiertes Verhältnis zu ihr
III. Wirklichkeit als im Prozeß hergestellter, stimmiger Kontext von Elementen
IV. eine von Subjekt als nicht mehr verfügbar erlebte Wirklichkeit" (Karpenstein-Essbach 2004 S.176).

"Medien erzeugen künstliche Welten, wobei die Beziehung zur Realität jeweils unterschiedlich ausfällt [nach Baudrillard, s.u.]:
  • Fiktionen sind gegenüber der realen Welt autonome Darstellungen eines scheinhaften Als-ob.
  • Virtualität eröffnet Möglichkeitsräume, in die wir überwechseln können wie in eine andere Welt (z.B. Cyberspace).
  • Simulationen zielen, anders als Fiktionen, auf eine Nähe zur Realität und eine eigene Realitätserfahrung" (Karpenstein-Essbach 2004 S.188).

    ad IV.: "Unverfügbare Wirklichkeit wird medial erfahren als Schock, als unwahrscheinliches Ereignis, als Angst vor Illusion und als unbegrenzbare Kontextualisierung von Informationspartikeln z.B. im Internet. Wirklichkeit erscheint als Zufälligkeit eines 'atomic fact'" (Karpenstein-Essbach 2004 S.181).

    Umberto Eco, Roland Barthes - Semiotik

    --> ECO: Zusatz zum "Name der Rose"
    --> Barthes: Symbole des Alltags
    --> Flusser: ............
    "Der Code ist, anders als das Zeichen, nicht symbolisch, sondern operational. Er ermöglicht das Entwerfen von Modellen, aus denen das Reale als Reproduziertes hervorgeht" (Karpenstein-Essbach 2004 S.166).

    Strukturalismus und Poststrukturalismus

    --> Catherine Belsey (2013). Poststrukturalismus. Stuttgart: Reclam
    --> UTB Reader zum Strukturalismus
    --> Zweibändiges, historisches zum Strukturalismus
    --> Derrida: Dekonstruktion

    Literatur:
    Blumenberg, Hans (...). Höhlenausgänge. .........
    Boehm, Gottfried (1997). Was ist ein Bild? München: Fink.
    Böhme, Gernot (1997). Atmosphäre - Essays zur neuen Aesthetik. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2.Aufl.
    Böhme, Gernot (1998). Der Typ Sokrates. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2.Aufl.
    Böhme, Gernot (2004/1999). Theorie des Bildes. München: Fink, S.7
    Eco, Umberto (1977). Zeichen - Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt/M.: Suhrkamp
    Gehlen, Arnold (19...). ......................
    Karpenstein-Essbach, Christa (2004). Einführung in die Kulturwissenschaft der Medien. München: Wilhelm Fink.
    Plessner, Helmuth (1981). ........................
    Platon .........................

    Die poststrukturalistischen Theorien von Jean Baudrillard - Leben und Arbeit:

    Jean Baudrillard ist 1929 geboren und ist französischer Soziologe und Philosoph. Seit 1966 lehrt er am soziologischen Institut der Université de Paris Nanterre. Sein Soziologielehrer war Henri Lefebre, der ihn mit den Lehren von Karl Marx und Friedrich Nietzsche vertraut machte.
    Bekannt wurde Baudrillard durch seine Untersuchungen zur Bedeutung des Symbolsystems der modernen Gesellschaft. 1968 erscheint Baudrillards erstes Buch "Le Système des Objets". Darin übt er starke Kritik an der Nachkriegskonsumgesellschaft.
    Einige Kapitel aus diesem Buch lauten: * Die Sprache der Gegenstände * Der subjektive Ausdruck * Gadgets und Roboter * Gegenstände und Verbrauch * Vor einer neuen Definition des „Verbrauchs“ - Seitdem gilt er als einer der schärfsten Kulturkritiker der Konsumgesellschaft.
    1968 ist das Jahr der Studentenbewegung, die sich gegen veraltete Zustände im Hochschulsystem, im Staat und in der Gesellschaft wendet. Baudrillard trägt diese mit und er kennzeichnet den Studentenaufstand als "Implosion des Sozialen". 1981 kommen die Sozialisten an die Macht. Inzwischen steht Baudrillard der Linken kritisch gegenüber, diese "Salonlinken" scheinen seine These vom Ende der Geschichte zu bestätigen.
    Weitere Bücher von Baudrillard sind: * Der symbolische Tausch und der Tod * Laßt Euch nicht verführen * Die fatalen Strategien * Die Göttliche Linke * Die Transparenz des Bösen
    Die Diagnose der "Sättigung des Systems" ist zentraler Bestandteil des Denkens von Baudrillard.
    Betrachtet wird auch der Zeichencharakter der Warenwelt im Zusammenhang mit Sozialisierungsmechanismen innerhalb der Moderne und Postmoderne, ein "Komplexerwerden" der Objekte gegenüber einer zunehmenden Vermassung des Subjekts.
    Zitat Baudrillard: „der Mangel ist niemals dramatisch, es ist die Sättigung, die fatal wirkt: denn sie führt gleichzeitig in den Prozeß eines Starrkrampfes und in die Bewegungslosigkeit.“
    Für die Gesellschaft und den Einzelnen resultieren daraus: Gleichgültigkeit, Ekel, Erstarrung und eine "Beschleunigung im Leeren"
    Baudrillard findet hierzu zahlreiche Analogien zum Wuchern eines Krebsgeschwüres, welches gekennzeichnet wird durch das ungerichtete Auftreten und einen Prozeß bildet, der das normale Funktionieren eines Organismus oder Systems unterbricht, indem etwas parasitär dessen Gesetze benutzt. Die Bezeichnung der Virulenz des Systems im Sinne von Baudrillard ist gekennzeichnet.
    Baudrillard prägt auch den Begriff "nach der Orgie" (*1) . Das meint die explosionsartigen Bewegungen der Moderne in puncto Befreiung auf allen Gebieten.
    Die politische Befreiung, die sexuelle Befreiung, die Befreiung der Produktions- und Destruktionskräfte, die Befreiung der Frau, des Kindes und der unbewußten Triebe, die Befreiung der Kunst. Alle Zwecksetzungen der Befreiung liegen hinter uns.
    Baudrillard versteht seine Schriften hierbei nicht als Theorie oder These, die die Sachverhalte aus der Distanz beschreiben, erklären oder rekonstruieren, da diese keinen Anspruch auf Wahrheit haben, sondern als Intervention oder Anschlag; sie wirken sozusagen durch Provokation und Baudrillard selbst ist der "theoretische Terrorist".

    Nach dem Buch „Der symbolische Tausch und der Tod“ gibt Baudrillard die Tradition der Theorie ganz auf. Er schreibt also aus der Dynamik des eingeschlagenen Weges; er schreibt und formuliert hyperreal. "Baudrillards Sprache ist poetisch-verführerisch. Wilde Metaphern und Wortschöpfungen ziehen den Leser in ihren Bann und bieten Ansichten, die – versuchsweise eingenommen – großes intellektuelles Vergnügen bereiten. Ein Vergnügen, das allerdings so mit Blicken in Abgründe versetzt ist, daß die Auseinandersetzung mit den Texten Baudrillards einer geistigen Achterbahnfahrt eher gleichkommt als einer philosophisch-besinnlichen Lektüre." (Zitat Florian Rötzer)
    Das stimmt im weitesten Sinne auch; er formuliert extrem deterministische bzw. fatalistische Theorien. Immer wieder läßt er durchblicken, daß wir uns nicht kurz vor der Katastrophe befinden, sondern daß wir längst mittendrin, bzw. schon darüber hinaus sind.
    Wie Walter Benjamin erklärt Baudrillard die alltägliche Norm zur Katastrophe, doch gibt es für ihn keine "kleinen Sprünge" mehr, die die Rettung bedeuten könnten. Jedoch schafft Baudrillard durch seine innere Distanz und stellenweise auch durch seinen vorzüglichen Humor einen Ausgleich und eröffnet dadurch auch Wege bzw. eine geistige Haltung, wie man mit den Resultaten dieser von ihm proklamierten Katastrophe leben könnte.

    7.3.1. Wie wirklich ist die Wirklichkeit II - Jean Baudrillard: Simulakra und Simulation

    Um den Anschluss an unser Hauptthema des doppelten Selbst und die damit verbundene Frage nach dem Echten und dem "Fake", dem Simulierten zu finden, versuche ich im folgenden auch wieder eine 'Engführung des Doppelgängers' vorzunehmen und fahre mit der berühmten Simulationstheorie von Jean Baudrillard weiter:

    Die drei Simulakren
    In der vorzüglichen und umfassenden Arbeit von Karpenstein-Essbach zur "Kulturwissenschaft der Medien" (2004, S.163) steht:
      "Simulakren heissen Ordnungen im Gebrauch von Zeichen zum Zweck des Darstellens und Abbildens.
      Zu unterscheiden sind drei [bzw. vier] Simulakren:
    • die Imitation (mit Beziehung auf Analogie/Aehnlichkeit)

    • die Produktion (mit Beziehung auf serielle Herstellung = Aequivalenz)

    • die Simulation (mit der Beziehung auf Modelle und die Operationen des Codes)"

    • die Hyper-Simulation (s.u.)"
    Erstmals finden sie Ausdruck in dem 1976 erschienen Buch "Der symbolische Tausch und der Tod". Jean Baudrillard unterteilt die Geschichte der Menschheit seit der Renaissance in drei Stadien, die er als die "Drei Ordnungen der Simulakren" bezeichnet. Die Simulakren sind hierbei gleichbedeutend mit einem abstrakten System von Zeichen, die in einem bestimmten Verhältnis zur materiellen Welt stehen und so ein jeweils unterschiedliches Modell der Realität darstellen. Ein solches Modell sei für die Menschen generell unerläßlich, denn nur so können sie die Welt verstehen, deuten, reproduzieren und manifestieren. Die Simulakren selbst sind im Lauf ihrer Geschichte einer strukturellen Evolution unterworfen, die ihre Erscheinungsform, Funktion und theoretische Bedeutung verändert.
    I.) Die erste Ordnung der Simulakren befindet sich noch in direkter Korrespondenz mit der Realität. Hier könnte man als Beispiel eine normale Landkarte nennen, die im verkleinerten Maßstab ein Territorium zeigt.
    II.) Wird etwas Reales praktisch im Maßstab 1:1 kopiert (wie beispielsweise ein wertvolles Exponat in einem Museum), ist es also tauglich das Reale zu ersetzen, so ist es ein Simulakrum zweiter Ordnung. Es imitiert nicht mehr nur, sondern betreibt den Vorgang der identischen Reproduktion.
    III.) Die dritte Ordnung führt in eine selbstreproduzierende Welt, die nicht mehr auf Reales verweist, sondern immer nur auf sich selbst. Das "reale" Territorium ist in diesem Fall von der (begehbaren) "Karte" nicht mehr zu unterscheiden (ähnlich der holografischen Simulation in den Holodecks der Star-Trek-Filme).
    Nach Auffassung Baudrillards beeinflussen die Simulakren die Realität, doch genauso beeinflusse selbige auch die Simulakren bis schließlich beide zur Hyperrealität verschmelzen würden. Bis dahin sei die Beziehung reziprok, also wechselseitig. Die erste Ordnung der Simulakren bezeichnet Baudrillard auch als Zeitalter der Imitation, die zweite als Zeitalter der Produktion und die dritte als Zeitalter der Simulation (s.o.).

    Simulakrum I: Imitation
    Situiert zwischen Renaissance und industrieller Revolution. Im Feudalismus waren die Anzahl und Art der Distinktionszeichen noch beschränkt. Der Zugang zu ihnen sei zum einem stark reglementiert und vom Status der Personen abhängig gewesen, die diesen Zugang erwünschten, zum anderen sei die Verletzung dieser Regeln als eine Uebertretung der gezogenen Grenzen verstanden und somit als Angriff auf die herrschende Ordnung und dementsprechend bestraft worden. Dadurch seien die Zeichen eindeutig gewesen und kaum interpretierbar. Dies habe eine Sicherheit geschaffen, die aber nur aufgrund dieser qualitativen und quantitativen Beschränkungen funktioniert habe.
    In dieser Zeit verfügten beispielsweise lediglich die staatliche und die kirchliche Gewalt über Bilder, die sie gezielt zur Repräsentation und Festigung ihrer Macht einsetzten.
    Zu Beginn der Renaissance habe sich das Prinzip des Status zu einem Prinzip der Nachfrage entwickelt. Die Exklusivität der Zeichen sei aufgebrochen worden, sie seien frei interpretierbar und kombinierbar und auch abbildbar geworden. S ie waren Imitationen der Originale, artifizielle Nachbildungen. Die Zeichen hätten eine Welt repräsentiert, die noch nicht von den Menschen manipuliert worden sei, deren Durchleuchtung aber hier ihren Anfang genommen habe. Das Streben des Menschen, sich neues Wissen anzueignen, äußere sich in dieser Zeit in dem Streben nach Universalität und dem Versuch "den Dingen ihre natürliche Beschaffenheit auszutreiben".
    All diese Zeichen waren aber immer noch der Natur oder dem Realen entlehnt. Als Beispiel sei hier der Stuck in den Häusern der Bourgeoise genannt, der es ermöglichte Natürliches durch Künstliches zu ersetzen. Die Renaissance simuliert in ihrer Formensprache die Antike. Es entsteht die Mode.
    "Fälschungen" aller Art profilieren (Falsche Hemdfronten, Barocke Architektur, Entstehung utopistischer Vorstellungen etc.). Die Zeichen reflektieren nicht mehr eine grundlegende Realität, sondern pervertieren und maskieren eine grundlegende Realität.

    Simulakrum II: Produktion
    Durch die industrielle Revolution ist eine neue Klasse von Zeichen entstanden. Diese Zeichen hätten nicht mehr die Natur imitiert und bilden somit einen radikalen Gegensatz zur Theatralik der Renaissance.
    Die neuen Zeichen, hergestellt durch mechanische Reproduktion und Fließbänder, hätten die Referenzsysteme Natur und Vernunft verloren.
    Die Beziehungen zwischen Signifikat und Signifikant, also dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten, wird hierbei gelöst, was eine Implosion von Bedeutungen auslöst.
    Unter diesen Voraussetzungen entsteht die Massenkultur, die als Zugangsberechtigung zu den einzelnen Zeichen nur noch das Geld kennt und deren neue Realität auf dem ökonomischen Prinzip gründet. Damit einher geht die Entzauberung des metaphysischen Glaubens an die Zeichen. Die Simulakren der zweiten Ordnung hätten eine Realität "ohne Echo, ohne Bild, ohne Schein" erzeugt, und weiter "so ist die Maschine, so ist das gesamte System der industriellen Produktion." Nicht zufällig ist das Aufkommen der Fotografie als Massenmedium in dieser Zeit zu situieren. Plötzlich steht eine sehr wirkungsvolle Methode einer breiten Masse zur Verfügung, beliebige Situationen einzufangen, abzubilden und zu vervielfältigen. Es herrsche eine beliebige Austauschbarkeit der Waren, des Geldes, eine grenzenlose Konvertierbarkeit und Indifferenz. Die Zeichen, produziert aus der Maschine, seien ohne Tradition. Die Anzahl der Objekte werde beliebig und die Objekte seien ununterscheidbar geworden und dadurch auch der Mensch. Während er im Zeitalter der Imitation noch ein aktives und kreativeres Wesen gewesen sei, werde der Mensch nun passiv.
    Er richtet sich nach den Laufzeiten der Fließbänder, nach den Vorgaben der Maschinen und den Standorten der Fabriken, erkennbar zur Zeit der industriellen Revolution im Pauperismus, in der Landflucht und damit zusammenhängend im Zusammenbruch der sozialen Netze der Dorfgemeinschaften und der Anonymisierung in den Städten, nicht nur bedingt durch das Zusammentreffen sich unbekannter Menschen aus zum Teil ganz unterschiedlichen Regionen, sondern auch durch die Unmöglichkeit des Aufbaus neuer sozialer Netze bei Arbeitszeiten von 15 Stunden und mehr täglich.
    Statt der Theatralik der Imitation nun die Nüchternheit der Produktion, der Beginn der "Mensch-Maschine" (Wolfgang Pirscher).
    Hier erwähnt werden sollte auch der grundsätzliche Gegensatz der klassischen Automaten der Antike, die als autark existierend, als "deus ex machina" verstanden wurden und der modernen Apparate bzw. Roboter, die ihre Bestimmung finden, als vom Menschen geschaffene und beherrschbare Prothesen zur Vervielfältigung oder Erweiterung der menschlichen Eingeschränktheit.
    Baudrillard: "Der Roboter (als Ideal) ist im Grunde immer ein Sklave. Er kann alle Eigenschaften besitzen, außer der einzigen, die gerade die Souveränität des Menschen ausmacht: er hat kein Geschlecht" (*1).
    Allerdings sollte hier noch erwähnt werden, daß Geschlecht und Fortpflanzungsorgan nicht zu verwechseln sind, denn zweiteres besitzt der Roboter im Menschen selbst.
    Trotz dieser einschneidenden Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur und im menschlichen Zusammenleben bezeichnet Baudrillard das Zeitalter der Produktion als relativ unbedeutende Phase in der menschlichen Entwicklung, denn unbegrenzte Reproduzierbarkeit sei vielleicht quantitativ eine beeindruckende Leistung, doch qualitativ eine eher dürftige Lösung zur Beherrschung der Welt.

    Simulakrum III: Simulation
    Die Grundidee der Virtualität und Virtualisierung ist keineswegs neu. Gestaltete Entwürfe, die unsere Welt in Form von Sprach-, Musik-, Text-, und Bildcodes modellieren, gibt es seit Beginn der Menschheit. "Sie finden sich als wegweisende Artefakte in Kunstwerken, in Büchern, auf Bildern und Plänen, im Film, in Kompositionen, in Maschinen, in Bauwerken. Immer wieder ergeben sich neue, aufregenden Kombinationen von Elementen der drei Universa des semiotischen Dreiecks: Realität, Mentalität, Symbolik."
    (*2) Durch die Revolution im Bereich der Informationstechnik werden die Grenzen, die es für die mechanische Reproduktion gab, aufgelöst. Wissen, Daten und Kultur können nun durch den digitalen Code und die Erfindung des Computers beliebig oft und schnell verarbeitet, verbreitet und kopiert werden.
    Damit verschwinde auch das letzte Referenzsystem Raumzeit. Dieses neue Zeitalter ermögliche die Erschaffung digitaler Welten und eine Dematerialisierung der vorhandenen Welt sowie die Verdrängung der Realität aus der Sinneswahrnehmung.
    Die Simulation verwische den Unterschied zwischen Imaginärem und Realität.
    Damit seien sowohl die physischen als auch die metaphysischen Referenzsysteme verschwunden. Die Zeichen verweisen also nicht mehr länger auf Inhalte und Ursachen, sondern nur noch auf Oberflächen und sich selbst.
    Dadurch verschwänden Bedeutungen und Differenzen, Kritik, Vernunft und Gut und Böse. Die Trennung zwischen Signifikat und Signifikant ist hiermit als absolut vollzogen anzusehen. Einschränkend stellt Baudrillard fest, daß es zwar noch reale Ereignisse gebe, diese aber hätten aufgrund ihrer Referenzlosigkeit ihren realen Bezugsrahmen verloren. In dieser referenzlosen Welt, in der es keinen Unterschied mehr gäbe zwischen Realität und Fiktion, entstehe die Hyperrealität. Dieser Begriff ist wohl am engsten mit Baudrillard verbunden.

    Simulakrum IV: Hyperrealität IV
    "Umberto Ecos Hyperrealitätsdefinition ist eine Beschreibung des „Ueberrechten”. Doch bleibt seine Hyperrealität stets durchschaubar, stets erkennbar und immer als Kopie entlarvbar, wenn auch als Kopie, die sich ihrer Wahrnehmung her paradoxerweise „vor” das Original schiebt oder sich mindestens im Wettstreit mit ihm befindet."
    Baudrillard radikalisiert die Definition der Hyperrealität und bezeichnet sie als "...Generierung eines Realen ohne Ursprung in der Realität". Somit bedeutet für ihn das Hyperreale den totalen Verlust der wahrnehmbaren Differenz zwischen Kopie und Original und Auflösung allen Greifbaren, Referentiellen.
    Eine Referenz ist wie eine Art Rücklage, etwas worauf man zurückgreifen kann, ein Zeichen, welches sich auf etwas Reales bezieht. Im Verständnis der Moderne könnte man beispielsweise sagen, jede Form, jeder Quadratmeter in einem Gebäude hat seine Verankerung in der Funktion. Die Form ist somit Zeichen und die Funktion die Realität. Form follows Funktion - das Zeichen folgt der Realität. Im Verständnis der Hyperrealität ist das aber nicht so (...die Zeichen flottieren frei...), das Zeichen ist losgelöst von der Realität, somit folgt die Form der Fantasie, der Selbstdarstellung oder der Selbsterfindung. Baudrillard meint dazu, der Begriff der Referenz, also der Bezug zum Realen spielt im Hyperrealen keine Rolle mehr. Wir leben also in einer Welt, die es uns beinahe unmöglich macht, jenseits von Repräsentationen, Modellen und Simulationen der Darstellung so etwas wie Realität auszumachen.

    Bilder der Simulation
    Zentral in Baudrillards Denken ist zudem die Vorstellung, daß sich im Signifikantenapparat des Kapitalismus und seiner Medienwirklichkeit die Aussage immer mehr von Wahrheitskriterien trennt, so daß eine umfassende Manipulation (das Ritual der "Verführung") des Konsumenten durch die permanente Simulation möglich wird.
    Laut Baudrillard verdrängt der gegenwärtige Umgang mit Medien und Konsumgütern die menschliche Interaktion, was folglich dazu führt, daß die Bedürfnisse der Konsumgesellschaft durch die Medien kontrolliert und manipuliert werden.
    Die Faszination, die Bilder in uns auslösen, sieht Baudrillard begründet in ihrer Asexualität und Unsterblichkeit in einer Zeit in der die Bedeutung des Geschlechts und des Todes immer mehr zurückweicht. Die Bilderflut, die die Medien erzeugen, sei nicht länger visuell, sondern taktil.
    Taktil deshalb, da der passive Nutzer oder Zuschauer ständig verschiedener "Tests" unterzogen wird. Diese Tests werden aber gar nicht ausgewertet; können sie auch gar nicht, da es die Bandbreite der Medien nicht zulässt, die Ströme der Information auch in eine andere Richtung fließen zu lassen.
    Es erfolgt also kein Feedback vom Zuschauer; vielmehr würden die Tests Verwendung finden um (politische) Meinungen oder Nachfrage (nach Produkten) zu modulieren, da jede Frage auch gleich die Antwort impliziere.
    Ausserdem würden die ständigen Tests den Zuschauer betäuben, da sie in ihrer Fülle und ihrer Schnelligkeit überhaupt nicht mehr zu differenzieren seien.
    Auf dem Hintergrund dieser radikalen Einstellung kann Baudrillard auch das "Stattfinden" des Golfkrieges anzweifeln. Er zweifelt hierbei nicht an der historischen Tatsache des Konfliktes, sondern an der Hyperrealität der Berichterstattung in den Medien.
    Der eigentliche Kriegsschauplatz sei nicht der Irak, sondern das Medium, welches virtuelle Bilder einer Kriegssimulation gleich gesendet habe. Es verschwinde die Vorstellung von Zeit und Raum, selbst der eigene Tod werde hyperreal, da der Mensch durch die Echtzeitübertragungen die Möglichkeit erhalte, seinen eigenen Tod zu beobachten, etwa dann, wenn er die Bilder der raketeneigenen Kamera in seinem Fernseher sieht und erkennt, daß diese Rakete auf sein Haus zu rast und ihn töten wird.
    Während des Golfkrieges dominierte in den Medien eine äusserste Bilderflut, bei der kaum zu zwischen computersimulierten Bildern, Bildern von Waffenübungen und "echten" Bildern aus dem Konflikt zu unterscheiden war. Die Bilderflut verschleierte gleichermaßen das reale Ausmaß des Konflikts.
    Im krassen Gegensatz hierzu sei der Afghanistan-Konflikt zu erwähnen bei dem kaum Bilder die Oeffentlichkeit erreichten, dafür aber immer und immer wieder die traumatischen Bilder des 11. Septembers in den Medien präsent waren. Die Flut der Bilder lässt es nicht mehr zu, sich und anderen Fragen zu den Inhalten zu stellen. Baudrillard dazu: "das Blatt hat sich also gewendet und die Medien haben unsere Rolle übernommen." Nicht mehr wir schaffen mit unseren visuellen bzw. sinnlichen Wahrnehmungen und unserem Verstand aus Umwelt Realität, sondern die Medien haben ein Eigenleben entwickelt und erzeugen Hyperrealität.
    Nur die Ereignisse, die in den Medien stattfinden, finden wirklich statt.
    Ereignisse werden im Hinblick auf die Medien erzeugt. Weitergehend sei an dieser Stelle Joseph Weizenbaum, emerierter Prof. am MIT, erwähnt; in diesem Zusammenhang über das Medium Internet: "das Internet ist stark wertend, da es nur den Dingen Existenzberechtigung einräumt, die es zum Inhalt hat".
    Marshall McLuhans Vorstellung "Medium is Message" verkommt also zu Medium ist Massage. Statt der Tatsache, daß sich jedes Individuum die Informationen, die es braucht besorgt und diese Möglichkeit auch nutzt entwickelt sich ein Stadium, in dem es keinerlei Kommunikation gibt.
    Die "magischen Kanäle" (McLuhan) verlaufen meist in einer Einbahnstraße. Die Indifferenz und Inhaltslosigkeit äußert sich desweiteren in dem Simulakrum der Wahlen und Umfragen. Auch hier liege, genau wie bei der Vielzahl der Radio- und Fernsehsender, die Täuschung einer Wahlmöglichkeit vor.
    Aufgrund der Indifferenz der Parteien, Institutionen, Interessengemeinschaften und Organisationen manifestiere das Trugbild der freien Meinungsäußerung die Unfreiheit. Bei einer Bundestagswahl hat der Bürger nur die Möglichkeit eine Partei zu wählen, welche in diesem System und von dieser Gesellschaft als demokratisch zugelassen ist (im Gegensatz zur Weimarer Zeit, welche laut Baudrillard vor dem Zeitalter der Simulation existierte) und unterstütze somit ganz unabhängig von seiner letztendlich getroffenen Wahl doch das Bestehende. Möchte er gegen diese Beschränkung klagen, kann er dies nur bei einem Gericht dieses Systems und spricht somit selbigen eine Legitimation aus, durch die er es wiederum manifestiert und reproduziert.

    Verschwinden
    Letztendlich löse sich der Mensch in der Hyperrealität ganz auf. Der Mensch wird reduziert auf die Funktion eines Werkzeuges und tritt nicht mehr visuell wahrnehmbar in Erscheinung. Baudrillard in diesem Zusammenhang über verschiedene Geräte:
    "der Anrufbeantworter, der für uns das Telefonieren übernimmt, oder der Videorecorders, der für uns die Filme schaut. Es scheint fast so, als ob wir ein schlechtes Gewissen hätten, uns dem System und den Medien zu entziehen und so elektronische Geräte zwischenschalten" (Baudrillard 1968). Ein Symptom dieses Zustandes können wir bei der Technik des Motion Capture für die Herstellung voll-digitaler Filme erkennen. Dabei wird ein Schauspieler mit Referenzpunkten ausgestattet, die ein Computer erkennen und auswerten kann.
    Der Mensch "leiht" seinem digitalen Gegenspieler, dem Avatar seine sichtbare Körperfunktion, also seine gesamte körperliche Motorik, seine Gestik und seine Mimik, er selbst tritt aber in den Hintergrund, wird in diesem Falle von der "Maschine" im Baudrillardschen Sinne verdrängt. Ob das nun zum gängigen Mittel in der Filmindustrie wird, bleibt abzuwarten. Ich denke es wird eher als substituierendes Mittel weiterhin perfektioniert Verwendung finden.

    Fazit
    Der entscheidende Unterschied zwischen Simulation und Hyperrealität besteht meiner Meinung nach, darin, daß die Simulation in der Realität verankert ist, sie liefert eine Ersatzwirklichkeit. In der Hyperrealität jedoch steht nichts Ursprüngliches oder Reales mehr hinter dem Zeichen. Somit liefert diese Form der Repräsentation keine Ersatzwirklichkeit mehr, sondern entwickelt eine eigene Wirklichkeit - eine Hyperrealität.
    Ob das nun das "schlechte Gewissen" ist, wenn der Mensch Apparate zwischenschaltet, um der sozialen Interaktion zu entgehen ist dabei ziemlich fraglich.
    Fest steht, daß der Mensch sich schon immer über seine Fähigkeit definiert hat, Zeichen aufzunehmen, zu interpretieren und in einem neuen Zusammenhang zu reproduzieren. Das scheint essentiell wichtig zur Wahrnehmung der eigenen Existenz. Das reproduzierte Zeichen als Spiegel des eigenen "Sein" äußert sich im inneren Drang, Gegenstände zu beleben,sie mit einer "Seele" (Charakter, Intelligenz, etc.) zu versehen, also in diesem Sinne antropomorh zu gestalten.
    Komplexe Strukturen, wie wir sie in Maschinen und Wesen "einpflanzen", repräsentieren das Bild des Menschen selbst. Momentan stehen dafür so viele Mittel zur Verfügung wie noch nie in der Geschichte zuvor und diese reichen mittlerweile nicht nur an die Fähigkeiten des Menschen, sondern könnten diesen auch ersetzen (Klonen). Zumindest wäre die Gentechnik als logische Vollführung des Gedankens des "Schaffens" anzusehen.
    Im technischen Sinne ist ja heute schon alles denkbar und alles was denkbar ist, wird wohl früher oder später auch in die Tat umgesetzt werden.
    In der Hyperrealität macht es keinen Sinn mehr, zwischen inszenierten und authentischen Erfahrungen zu unterscheiden. Hyperreal bedeutet soviel wie realer als real. Realität ist unwichtig - ich bin realer. Eines möchte ich auswertend zu den genannten Beispielen noch sagen, inwieweit sich das Wahrheitsgehalt der Zeichen in Bezug auf die Realität in der heutigen Zeit schon verflüchtigt hat, mal mehr, mal weniger, mal noch völlige Zukunftsfiktion, eines ist klar, die Simulationen werden besser, die Verführung wächst und die Modellvorstellungen der Dinge, jede Illusion, jede aus heutiger Sicht noch so entfernte Fantasie, kann durch immer perfektere Simulationen hyperrealisiert werden.

    Quellennachweis:
    Baudrillard, Jean (1968). "Der Symbolische Tausch und der Tod", 1976, Merve-Verlag und in "Das System der Dinge", 2001, Frankfurt am Main, Campus Verlag GmbH
    Baudrillard, Jean (1992). Transparenz des Bösen : ein Essay über extreme Phänomene. Berlin: Merve.
    Baudrillard, Jean (1989). Cool memories : 1980 - 1985 / München : Matthes & Seitz.
    Baudrillard, Jean (2001). Das System der Dinge : ueber unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. Frankfurt: Campus, 1991 .
    Baudrillard, Jean: Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Berlin : Merve-Verl. , 1978.
    Baudrillard, Jean: Die fatalen Strategien. München: Matthes&Seitz, 1985 .
    Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod / Anh.: Baudrillard und die Todesrevolte / von Gerd Bergfleth. München: Matthes&Seitz, 1982.
    Baudrillard, Jean: Agonie des Realen / aus d. Franz. übers. von Lothar Kurzawa . Berlin: Merve, 1978.
    Baudrillard, Jean: Amerika / aus dem Franz. übers. von Michaela Ott. München: Matthes&Seitz, 1987.
    Baudrillard, Jean: Das perfekte Verbrechen / Aus dem Franz. übers. von Riek Walther München: Matthes und Seitz, 1996.
    Bohn, Ralf und Fuderer, Hrsg.: Baudrillard. Simulation und Verführung. München: Fink ,1994
    Hammel, Eckhard, Heinz, Rudolf (1993). Jean Baudrillard: Der reine Terror. Gewalt von rechts. Wien: Passagen Verlag, 1993.
    Hegeler, Malte (1996). Das soziologisch-philosophische Werk von Jean Baudrillard. München: GRIN Verlag. Online: http://www.grin.com/de/e-book/95880/das-soziologisch-philosophische-werk-von-jean-baudrillard

    Karpenstein-Essbach, Christa (2004). Einführung in die Kulturwissenschaft der Medien. München: Wilhelm Fink.

    Kellner, Douglas: Baudrillard: a critical reader / Oxford [u.a.] : Blackwell , 1995 . - IX
    Kreye, Adrian: "Amok in Suburbia" / Südeutsche Zeitung, Feuilleton.
    Lemke, Claudia: Der Weg zur Hyperrealität bei Jean Baudrillard / http://kunst.erzwiss.uni-hamburg.de/Meyer/Hypermed/Baudril.htm

    Osswald, Stefan (2001). Jean Baudrillard - Belegarbeit Designgeschichte II - mail: osswald@burg-halle.de - URL: www.burg-halle.de/~osswald
    Peter, Dietrich (2001). "Metasimulation und Hyperrealität". In: Carolo-Wilhelmina 1/2001
    Preiss, Karina (2001). "Orte des Vergnügens – Von Orten, Nicht-Orten und Simulationen". Vortrag an der Bauhaus-Universität Weimar 10/2001
    Weizenbaum, Joseph (2001). Vortrag auf dem Symposium "Netz und Netzwerke", organisiert von der Bauhaus-Stiftung und dem Ulmer Museum HfG-Archiv, 2001, Rotis

    7.3.1. Wie wirklich ist die Wirklichkeit III - Hans Blumenberg: Wirklichkeitsverhältnisse

    Als Abschluss dieser "Wirklichkeitstrilogie" lasse ich den Philosophen Hans Blumenberg wiederum in der Interpretation von Karpenstein-Essbach zu Worte kommen, weil dieser früher als Baudrillard eine nur in Teilen andere Sichtweise der von ihm so genannten "Wirklichkeitsverhätnisse" hat und enorm prägend ist v.a. für die literarische Interpretation von Texten und Erzeugnissen der bildenenden Kunt allgemein:
      "Mit [Hans] Blumenberg lassen sich vier verschiedene Wirklichkeitsverhältnisse voneinander unterscheiden. Sie bilden zwar eine historische Sequenz, doch lassen sie sich noch wiederfinden in den medialen Vermittlungen von Wirklichkeiten, die solche divergierenden Verhältnisse implizieren oder reaktivieren. Vom generellen Verschwinden des Realen in Medien kann hier keine Rede sein" (Karpenstein-Essbach 2004 S.172).

      I. Evidenz des Wirklichen im Moment: Wirklichkeit als Realität momentaner Evidenz (Antike)

      Blumenberg bezeichnet den ersten Wirklichkeitsbegriff als Realität der momentanen Evidenzt. Als Beispiel für einen solchen Wirklichkeitsbegriff führt er Plato an [vgl.Kap.2:Höhlengleichnis], der „ohne Zögern davon ausgehen kann, daß der menschliche Geist beim Anblick der Ideen sofort und ohne Zweifel erfährt, daß er hier die letztgültige und unüberschreitbare Wirklichkeit vor sich habe“, und der zugleich wußte, „daß die Sphäre des empirisch-sinnlich Gegebenen eine solche Wirklichkeit nicht war und auch nicht sein kann“ (Blumenberg 1969 S.10). Obwohl Plato also wußte, daß empirische und ideale Gegebenheiten im Sinne von objektiven Ideen nicht dasselbe sind, führte ihn dieses Wissen nicht in eine Spaltung des Wirklichkeitsbewußtseins, die wir heute sogleich befürchten würden.
      Der antike Wirklichkeitsbegriff setzt voraus, „daß das Wirkliche sich als solches von sich selbst her präsentiert und im Augenblick der Präsenz in seiner Ueberzeugungskraft unwidersprechlich da ist“ (Blumenberg 1969 S.10f). Hier ist für die Vermutung, Befürchtung oder Unterstellung einer Illusion überhaupt kein Platz. Der Wirklichkeitsbegriff der spontanen Evidenz schließt augenblickliches Erkennen und Anerkennen von letztgültiger Wirklichkeit ein. Er ist am Sehen [vgl.Kap.2:Mimesis]in seinem Selbstverständnis orientiert, und zwar gerade im Moment, im ruhenden Sehen und im Sehen des ruhend Gegebenen. Die Gegebenheit des Wirklichen für das Sehen konstituiert sich hier nicht in der Zeit bzw. in einem Prozeß. Es geht allein um die momentane Evidenz, der man hier allerdings noch vertrauen kann" (Karpenstein-Essbach 2004 S.172-173).

    II. Realitätserkenntnis durch vermittelnde Instanzen: Garantierte Realität (Mittelalter)

      "Von diesem ersten Wirklichkeitsbegriff unterscheidet sich der der garantierten Relität. Mit ihm beginnt die Geschichte der neuzeitlichen Philosophie. Die gegebene Realität präsentiert sich hier nicht mehr von sich aus, sondern sie wird „erst verlässlich durch eine Garantie, deren sich das Denken in einem umständlichen metaphysischen Verfahren versichert, weil es nur so den Verdacht eines ungeheuerlichen Weltbetruges, den es aus eigener Kraft nicht zu durchschauen vermöchte, eliminieren kann“ (Blumenberg 1969 S.12). Für das Mittelalter ist Gott der verlässliche Bürge für die Zuverlässigkeit der menschlichen Erkenntnis, er ist das Schema der dritten Instanz, die das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit, es garantierend, regelt. Bei Rene Descartes ist nicht mehr Gott die einzige, dritte Instanz, sondern hier vergewissert sich das Denken seiner selbst, um daraus Merkmale der Klarheit und Deutlichkeit zu gewinnen, die ihm Erkenntnis garantieren können. Dazu bedarf es nun einer Systematik als Instanz für garantierte Realität. Bei Descartes ist diese Systematik metaphysisch verankert bzw. gesichert; dies ist von Bedeutung, weil man die Systematik, die Erkennen garantiert, sonst ja auch als paranoischen Zusammenhang qualifizieren könnte. Garantierte Realität fußt darauf, daß in das Verhältnis von Subjekt und Objekt eine vermittelnde Instanz eingebaut ist [vgl.Kap.10:Triangulation]. Der einfache Dualismus von subjektiv und objektiv, der oft so voreilig ins Feld geführt wird, um zu behaupten, wir könnten keinen erkennenden Zugang zur Wirklichkeit finden, ist schon seit mehreren Hunderten von Jahren denkgeschichtlich überwunden.
      Den Wirklichkeitsbegriff der garantierten Realität mit einer vermittelnden Instanz kennen wir heute noch, wenn wir uns der Klarheit und Deutlichkeit unseres Denkens vergewissern und die Merkmale dafür systematisieren. Ein Beispiel hierfür ist ebenso die Arbeit des Detektivs, wie sie aus Kriminalromanen bekannt ist. Es gibt bestimmte Schemata, die in der Recherche des Detektivs immer wieder verwendet werden, damit seine Ermittlungen - Er-Mitt-lungen - erfolgreich sind.
      Zum Tragen kommt das Wirklichkeitsverhältnis der garantierten Realität auch im ästhetischen Bereich; dann nämlich, wenn wir versuchen, die Wahrheit künstlerischer oder medialer Artefakte dadurch zu sichern, daß wir nach einem zugrunde liegenden Erlebnis oder nach der psychologischen Aufrichtigkeit dessen fragen, der sie hervor gebracht hat. Wir schieben dann jeweils eine vermittelnde Instanz zwischen unser Erkennen und die Wirklichkeit, eine Instanz, die uns Realität garantiert, so daß die Welt zuverlässig begriffen werden kann" (Karpenstein-Essbach 2004 S.173-174).

    III. Wirklichkeiten als hergestellte Kontexte: Realität als Resultat von Realisierungen (Moderne)

      "Während der zweite Wirklichkeitsbegriff sich auf die in der Einheit der Vernunft verbürgte Vermittlung stützt, d.h. sich auf einen immer schon vergangenen Grund rückbezieht, der Realität garantiert, kennt der dritte Wirklichkeitsbegriff eine solche vorgängige Bürgschaft nicht mehr. Neu an diesem Wirklichkeitsbegriff ist, daß er ein anderes Verhältnis zur Zeit impliziert. Darin liegt der Unterschied zum zweiten, aber auch zum ersten Wirklichkeitsbegriff. Wirklichkeit als Evidenz ist ganz auf den Moment bezogen [I]; ebensowenig kann die in der verbürgten Vermittlung garantierte Realität in zeitliche Prozesse eingelagert werden, denn die Bürgschaft verlöre durch Zeitabhängigkeit ja ihren garantierenden Charakter [II].
      Die dritte Form des Wirklichkeitsverhältnisses, die „Realisierung eines in sich stimmigen Kontextes“ ist hingegen prozessural zu fassen. Realität wird als etwas verstanden, das sich sukzessiv in der Zeit konstituiert, ist das „Resultat einer Realisierung“, eine im Ablauf der Zeit „sich konstituierende Verläßlichkeit, als niemals endgültig und absolut zugestandene Konsistenz, die immer noch auf jede Zukunft angewiesen ist, in der Elemente auftreten können, die die bisherige Konsistenz zersprengen und das bis dahin als wirklich Anerkannte in die Irrealität verweisen könnten“ (Blumenberg 1969 S.12f).
      Für den Wirklichkeitsbegriff der garantierten Realität konnte es nichts wirklich Neues oder Unvertrautes geben, weil die Sum­ ma des Erkennbaren von der garantierenden Instanz schon festgelegt war. Nun aber kann auch Neues auftreten, ohne daß dies suspekt sein muß. Im Gegenteil, das Neue interessiert, denn es fügt dem Alten weiteres hinzu oder revidiert es sogar, so dass ein neuer, stimmiger Kontext gebildet werden muss, um Wirklichkeit zu erklären. Wirklichkeit wird damit in einer Hinsicht unverfügbarer, weil sie nicht unter der Prämisse vorgängiger Versicherungen erscheint. Aber in anderer Hinsicht wird sie verfügbarer, weil nun auch die Phänomene Aufmerksamkeit erhalten, die vorgängige Konsistenzen sprengen und damit etwas als Illusion oder Selbsttäuschung erkennbar werden lassen.
      In diesem Verhältnis zur Wirklichkeit spielt das Ereignis eine hervorgehobene Rolle. Im ereignishaften Bruch mit bisherigen Konsistenzen, Selbstverständlichkeiten oder geglaubten Gewißheiten erscheint das Neue, „news“, das Interessante, das alte Wirklichkeitsverhältnisse in andere, neue transformiert. Von daher gibt es auch nicht die Wirklichkeit, sondern alle Subjekte haben ,ihre’ Wirklichkeit, die sie aus ihrer Perspektive als in sich stimmigen Kontext realisieren, und zwar sukzessiv, niemals auf einen Schlag. Wirklichkeit gewinnt hier den Aspekt einer perspektivischen Position, von der aus ein solcher Kontext hergestellt wird. Das bedeutet, daß Wirklichkeit im gleichsam emphatischen Sinne als etwas verstanden wird, das sich in der idealen Gesamtheit der Subjekte als Kontext konstituiert. Damit ist ,Wirklichkeit’ der Grenzbegriff für die Realisierung stimmiger Realität durch alle Subjekte; er ist „ein Bestätigungswert der in der Intersubjektivität sich vollziehenden Erfahrung und Weltbildung“ (Blumenberg 1969 S.13).
      Ueber „news“ und neue Kontextualisierungsprozesse bildet sich gleichsam die ideale Kommunikationsgemeinschaft im Sinne von Habermas (Habermas 1981 bes.Bd.I S.114ff)" (Karpenstein-Essbach 2004 S.175-176).

    IV. Wirklichkeit: Widerstand und Störung - Die unverfügbare Wirklichkeit (Postmoderne)

    Die Abfolge dieser Wirklichkeitsbegriffe ist mit einem Prozess zunehmender Komplexität verbunden. Zunächst zeigte sich Wirklichkeit als das, was im Moment in Erscheinung trat, ohne Riß zwischen dem empirisch Gegebenen und der Objektivität der Idee von ihm. Dann wurden Instanzen notwendig, die zwischen dem zu Erkennenden und dem erkennenden Subjekt vermitteln.
    Solche Instanzen werden problematisch, wenn Stimmigkeit erst hergestellt werden muß und das Verhältnis zur Wirklichkeit als das Ergebnis einer Realisierung zu begreifen ist. Die Bewegung dieser Realisierung wird nun genau an der Stelle zum Anlaß weitreichender Probleme, wo sich die Kontextualisierbarkeit als unbegrenzt eiweist; der Kontext wird zu einem eigenen Problem. Dem entspricht ein Wirklichkeitsverhältnis, das an der Erfahrung des Widerstandes orientiert ist:
    Wirklichkeit ist weder evident, noch garantiert, noch realisiert, sondern ungefügig, widerspenstig, entzieht sich den Realisierungen im Kontext, ist ohne Sinn, bloss Störung, Rauschen, eine kontextlose Umwelt. Realität ist das, was ins System nicht mehr integriert werden kann. Wirklichkeit hat keine Anschlusstelle mehr (vgl. Vaihinger 2000).
    Die aktive Haltung der prozessuralen Realisierung von Kontexten kommt hier nicht vor, weil die Realität selbst nun zu etwas dem Subjekt nicht Gefügigen geworden ist, ihm Widerstand leistet. Realität wird der mehr oder minder große Rest, der noch bleibt und sich der Logik des stimmigen Anschlusses entzieht. Eben dies ist auch die Diagnose, die Jean Baudrillard anläßlich unseres gegenwärtigen Wirklichkeitsverhältnisses formulierte. Wenn unter den Bedingungen des Simulakrums der Simulation Verdopplung und Reproduktion nach Modellen vorherrschend geworden sind, so muß entweder alles in die Logik des verdoppelnden Hyperrealismus eingehen können, oder es fällt als Störfall aus der dem Code entsprechenden Kompatibilität heraus (Baudrillard 1982 S.116, Baudrillard 1978). Dies „Reale“ unterhalb der Verdopplung ist dem unverfügbaren Wirklichen Blumenbergs, dem, was sich dem Kontext als Ordnungsstruktur entzieht, vergleichbar. Zwei Theoretiker, die aus sehr unterschiedlichen Bezügen und Traditionszusammenhängen kommen, finden zu sehr vergleichbaren Aussagen und sind mit ihren Analysen im gleichen Denk- bzw. Problemraum angesiedelt. Unverfügbarer Rest an Störung, Widerstand, Enttäuschung: in diesem Wirklichkeitsbegriff treffen sich Blumenberg und Baudrillard" (Karpenstein-Essbach 2004 S.177-178). Quellen:
    Baudrillard, J. (1978). ...................
    Baudrillard, J. (1982). ...................
    Blumenberg, H. (1969). ........................
    Karpenstein-Essbach, Christa (2004). Einführung in die Kulturwissenschaft der Medien. München: Wilhelm Fink.

    Vaihinger (2000). .........................

    7.3.7. Baudrillard II: Die Konsumgesellschaft - Ihre Mythen, ihre Strukturen

    Henri Lefebvre, Baudrillards "Doktorvater", diagnostiziert in seinem Buch „Das Alltagsleben in der modernen Welt“ aus dem Jahre 1968, daß eine Semiotisierung des Konsums längst die Regel ist:
      "Es gibt weder Spaltung noch Bruch zwischen dem Konsum des Objekts und dem der Zeichen, Bilder, Vorstellungen, von denen das Objekt die fühlbaren Mittel und Träger liefert. Der Konsumakt ist sowohl ein imaginärer wie auch ein wirklicher Akt.
      Imaginärer Konsum, Konsum des Imaginären — die Reklametexte [sowie die Bilder der Reklame, M.F.] - und wirklicher Konsum haben keine Grenzen, die sie sondern. Wenn man will, haben sie eine bewegliche und unaufhörlich überschrittene Grenze; nur die Analyse unterscheidet Niveaus. Die Zeichen umgeben die Güter mit einem Nimbus, und die Güter sind nur „Güter“, wenn sie mit Zeichen versehen sind, aber der größte Konsum betrifft die Zeichen der „Güter“ ohne diese Güter".
      "Wer heute den Fernseher einschaltet, ist vermutlich hin und her gerissen zwischen zwei sich widersprechenden Erfahrungen. Immer wieder scheint inmitten des dicht geknüpften Bilder- und Sprachgewebes der Massenmedien einmal etwas durch, das den Blick fesselt und auf eine außerhalb des Apparates liegende politische und soziale Wirklichkeit verweist:
      Aufstände, Revolutionen, Naturkatastrophen, Ereignisse im starken Sinne des Wortes. Sie sind es, die uns bei der Stange halten und das Gegengewicht zu jener zweiten Erfahrung bilden, die uns die Massenmedien vermitteln.
      Denn die meiste Zeit über erschöpft sich das Sperrfeuer der Zeichen in einer eher unwirklich daherkommenden Mischung aus Politikersprech, Werbespots, modernen Gladiatorenspielen und Konservengelächter. Dazu der seltsame Anblick einer ganzen Klasse von Menschen, die vor den Augen der Kameras ein zweites Leben führen, das längst ihr erstes geworden scheint:
      Menschen, deren Lebenszweck vornehmlich darin besteht, dass sich ein Publikum um sie schart, sei es in der Seifenoper, im Reality-TV, im Sport, im Musikantenstadl, in der Politik oder in der Mode. Auch für die Konsumenten selbst ist die massen-mediale Bilderwelt zur eigentlichen Welt avanciert, in der freilich umso weniger passiert, je wilder geschossen wird.
      Mitten im Zentrum unserer Kultur fliesst ein referenzloser Zeichenstrom, dessen unaufhörliche Kreisbewegung jedes Ereignis zu verschlucken oder bereits im Vorfeld zu unterbinden sucht.
      Es ist die zweite dieser sich widersprechenden Erfahrungen, die den französischen Soziologen und Philosophen Jean Baudrillard (1929–2007) beschäftigt hat. Baudrillard ist der Theoretiker der modernen (oder postmodernen) Mediengesellschaft schlechthin: Diagnostiker einer gleichermaßen aus den Fugen geratenen wie ereignislosen Gesellschaft, die in selbstgeschaffenen Welten lebt und sich in ihnen verloren hat. Er ist der Denker der ›Simulation‹ und der ›Simulakren‹, ein Soziologe des Konsums, ein Philosoph des Endes der Geschichte, aber auch ein Metaphysiker des Ereignisses – und nicht zuletzt ein Kritiker der kapitalistischen Oekonomie in ihrem höchsten, dem ›transökonomischen‹ Stadium.
      Weitgehend unstrittig gilt Baudrillard als einer der wichtigsten und profiliertesten Vertreter jenes ›französischen Denkens‹ der letzten Jahrzehnte, das außerhalb Frankreichs unter dem Etikett des ›Poststrukturalismus‹ gehandelt wird. Trotzdem, oder gerade deshalb, polarisieren nur wenige Denker die intellektuelle Landschaft so stark wie er. Für die einen ist Baudrillard »derjenige Theoretiker der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, der den Diskurs über den Einfluss der Massenmedien auf höchstem Niveau vorangetrieben hat« (Horacek 2000: 156), für andere dagegen gilt er als »Leitfigur des diffusen, Differenzen löschenden Postmodernismus« (Welsch 1986: 153). In jedem Fall hat sein Denken hohe Wellen geschlagen: Der Soziologe Zygmunt Bauman (1992: 181) bezeichnet ihn als denjenigen »Theoretiker, von dem man seit einem oder zwei Jahrzehnten am meisten spricht«. Wie kaum ein anderer Denker der letzten Jahrzehnte hat Baudrillard das Lebensgefühl seiner Epoche geprägt; bis weit in die Populärkultur hinein – man denke nur an den Spielfilm 'The Matrix' (1999), in dem ein ausgehöhltes Buch Baudrillards als Geheimversteck dient – haben seine Ideen intellektuellen Nachhall gefunden".
      Quelle: Strehle, S. (2012). Zur Aktualität von Jean Baudrillard. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften S.9-10

    MEDIEN - Der Glaube an die Wirklichkeit des Fernsehens

    VISUALITÄT - Optische "Oberflächentechnik" befördert Narzissmus

    Eine meiner Thesen in diesem Buch lautet ja: Wenn wir "das Wahre" von "dem Falschen" unterscheiden wollen, müssen wir den Narzissmus, die Inszenierung des "Unechten" in erster Linie in den elektronischen visuellen Medien und Darstellungen suchen, also in Film und Fernsehen.

    Die beiden Autoren Dr. Stefan Krempl einerseits sowie Prof. Thomas Meyer andererseits beschreiben diese auch von mir postulierte "visuelle Logik der Verführung" wie folgt:

    Der Grund für die Attraktivität des Mediums Fernsehen liegt in einem Mythos begründet, in der Fabel von der authentischen Wirkung des Bildes: „Die besondere Wirkung des Fernsehens beruhte schon immer darauf, daß es den Eindruck der Authentizität, der Augenzeugenschaft – synthetisch – hervorrufen kann“ (Schulz 1993, S. 21). Während sprachlich geführte Argumentation oft noch so viele Beweise erbringen kann, um dann doch nur als bloße Behauptung abgetan zu werden, reicht oft ein einziger Blick auf wenige Bilder, um Menschen zu überzeugen. Thomas Meyer spricht in diesem Zusammenhang von der „metaphysischen Gewißheit des Augenscheins“ und dem „ontologischen Vorrang der Bilder“ (1992, S. 47f). Bilder können sich nämlich auf eine ältere Tradition bei der Vermittlung von Wirklichkeit berufen als die Sprache:
    In der Menschheitsgeschichte steht die Stufe der Anschauungen und des Imaginierens vor dem Niveau des Begreifens und Erzählens mit Hilfe von Texten (vgl. Flusser 1985, 10); die Macht der Bilder ist deshalb älter und stärker als die Macht des Wortes.
    Die Bildwelt des Fernsehens ist besonders einprägsam, zeichnet sie sich doch aus durch eine starke Gefühlsbindung an das Erfahrene und befriedigt zahlreiche Zuschauerbedürfnisse (vgl. McQuail/Blumler/Brown 1976):
    Zunächst und vornehmlich natürlich die Unterhaltungslust der Rezipienten. Fernsehspaß definiert sich mehr oder weniger über Entertainment, das alles – wenn schon nicht in Reinform, so doch wenigstens als Infotainment – beherrscht. Unterhaltung ist zur „Superideologie des gesamten Fernsehdiskurses“ aufgestiegen (Postman 1985, 110). Zudem dient Fernsehen auch dem kleinen Zeitverteib, der Ablenkung vom harten Alltag, erlaubt Eskapismus. Die Möglichkeit der „parasozialen Interaktion“ tut ihr übriges: Liebhaber und Verbrecher, Moderatoren und Politiker – das ganze Karussel der Fernsehgestalten bietet sich zur Identifikation für die gesamte Familie in der guten Stube an und „hilft“ bei der Identitätsfindung. Daneben verkommen Gratifikationen wie Bildung und Wissensförderung zur Sekundärgarnitur.
    Das Paradox mit der Einprägsamkeit und Glaubwürdigkeit ist, daß gerade das Fernsehen wesentlich mehr Raum zur Manipulation bietet als andere Medien: Bilder können lügen wie gedruckt, besser: wie gefilmt. Denn das Fernsehen unterliegt nicht nur den Kriterien der Medienökonomie und der Selektion wie alle anderen Massenmedien auch, sondern es bietet spezifische Möglichkeiten zur Interpretierung der Wirklichkeit. Zunächst kann man mit Hilfe von szenischen Mitteln, etwa einer besonders schmeichelnden Ausleuchtung oder einem besonders aparten Setting, der Realität ein bißchen auf die Sprünge helfen.
    Ein Ereignis kann sogar ganz oder teilweise inszeniert bzw. nachgestellt werden (man denke nur an Sendungen wie „Notruf“ oder in abgeschwächter Form an „Aktenzeichen XY ungelöst“). Dabei kann tatsächliches, inszeniertes oder frei erfundenes Geschehen zu einer virtuellen Sicht auf die Wirklichkeit vermengt werden. Außerdem kann die post-production, der Schnitt nach einer Aufnahme, viel bewegen. So ist es ohne weiteres möglich, Teile und Szenen aus verschiedenen, räumlich und zeitlich getrennten Ereignissen neu zusammenzusetzen" (Krempl 1996 S. 25.
    "Trotzdem ist das Fernsehen mit seiner visuellen Logik nach wie vor für viele das glaubwürdigste Medium und bestimmt die Wahrnehmung der Welt. „Die Art, wie das Fernsehen uns die Welt zeigt, wird zur Art, wie wir die Welt sehen - Die Optik triumphiert“ (Meyer 1992, S. 108/110). Auch hier stossen wir also auf die Tatsache, daß die Form wichtiger ist als der Inhalt, der Eindruck wichtiger als die Argumente, daß das wie über das was siegt.
    Die angebliche Glaubwürdigkeit der Bilderwelten im Fernsehen und ihre bequeme Lieferung ins Wohnzimmer hat zusammen mit der weitgehenden Erfüllung von Zuschauerbedürfnissen insgesamt eine verstärkte Zuwendung des Publikums zum Fernsehen verursacht. Gleichzeitig werden die Presse und das Buch, auch die rhetorische Kunst des Überzeugens, ja die gesamte Logik des Begreifens mittels des Wortes zurückgedrängt. Damit stehen zwei Technologien, zwei kulturelle Leitmedien im Konflikt miteinander: „Auf der einen Seite die Welt des gedruckten Wortes mit ihrer Betonung von Logik, Folgerichtigkeit, Historie, gegeliederter Darstellung, Objektivität, Distanz und Disziplin.
    Auf der anderen Seite die Welt des Fernsehens mit ihrer Betonung der Bildlichkeit und des Anekdotischen sowie von Augenblicklichkeit, Gleichzeitigkeit, Intimität, unmittelbarer Befriedigung und schneller emotionsloser Reaktion“ (Postman 1992, 24).

    Quellen: Stefan Krempl (1996). Das Phänomen Berlusconi - Die Verstrickung von Politik, Medien, Wirtschaft und Werbung. Frankfurt: Peter Lang Verlag - online: http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~sk/Berlusconi/Berlusconi.pdf
    MEFFERT, Heinz (1989): Marketing, Wiesbaden.
    MEYER, Thomas (1992): Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt am Main.
    MEYER, Thomas (1994): Die Transformation des Politischen, Frankfurt am Main.

    Pierre Bourdieu: Soziologie als Kampfsport - Anerkennung vs. Narzissmus in der Soziologie

    Seite 9: "Für manchen unserer Philosophen (und Schriftsteller) ist Sein: im Fernsehen wahrgenommen werden", erklärt er beispielsweise in seinen berühmten Vorträgen "Ueber das Fernsehen". "Der Bildschirm wurde auf diese Weise eine Art Spiegel des Narziss." (ÜdF: 16f.).

    Seite 10: Das Fernsehen, das "ein hervorragendes Instrument direkter Demokratie hätte werden können", verwandle sich "in ein Mittel symbolischer Unterdückung" (ÜdF:13).

    Seite 13: Das Problem der Uebermittlung: Was geht verloren, wenn man seine Gedanken für die Medien zusammenkürzt? Könnte es womöglich unterkomplex sein, alle Sozialisten und Sozialdemokraten als verkappte Neoliberale zu verteufeln?

    Vom Zwang Dazuzugehören
    „Erlebe dein Leben!“: So hat der Soziologe Gerhard Schulze einmal den Kernbefehl der Postmoderne auf den Punkt gebracht, in seinem Buch Erlebnisgesellschaft, das auch schon wieder zwei Jahrzehnte alt ist. Schulzes These, brutal verkürzt: Ausgerechnet die so genannten 68er haben der ganzen Konsummechanik einen gehörigen Auftrieb gegeben. Sie glaubten an den Postmaterialismus – an eine Gesellschaft, in der Geld, Besitz, Status nicht mehr so viel zählen und in der es stattdessen um Zufriedenheit, Freundschaft, Liebe und Selbstverwirklichung geht. Das sozioökonomische Panel, für das regelmässig rund 12.000 Haushalte in Deutschland zu ihren Haltungen und Einstellungen befragt werden, zeigt, dass die Werte sich exakt in diesem Sinne gewandelt haben: Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland hängt die Mehrheit längst einem postmaterialistischen (Wunsch-)Denken an.
    Ueber die „Langen Nächte“ – der Museen, der Theater etc. – sagte der Soziologe Horst W. Opaschowski einmal: „(Es) wird versucht, den Daheimgebliebenen ein schlechtes Gewissen einzureden, nach dem Motto: Alle waren da, nur du nicht.“ Unser Tipp: Lassen Sie sich auf gar keinen Fall etwas einreden! Bleiben Sie einfach genauso, wie Sie sind – faul und muffelig, verschnupft, dröge und stark! (Katja Kullmann (2014). "Bleiben Sie muffelig!" - In: Der Freitag 30.4.2014 Rubrik: Die Konsumentin)

    Literatur:

    Pierre Bourdieu (1998). Ueber das Fernsehen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.

    Pierre Bourdieu (1979). Die feinen Unterschiede, deutsch 1982. Suhrkamp, Frankfurt a.M.


    BRAVE NEW WORLD - Götz Eisenberg

    Neue Ueberwachungssysteme machen die „Herrschaft geschmeidiger“ schreibt Götz Eisenberg in seinem neusten Buch (Eisenberg 2015, S.12) und führen dazu, dass „die Menschen das Bewusstsein ihrer Entfremdung“ (S.12) einbüssen. „Brüderlichkeit und Solidarität entstehen nur von Angesicht zu Angesicht, nicht in der Einsamkeit der Tastatur oder dem Touchscreen.“(S.14/15). Die digitale Generation scheint immerzu auf der Suche nach elektronischen Belegen für die eigene Existenz (S.153). Computer werden zu Selbstwertprothesen. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche führt zu immer mehr sozialer Kälte und Entsolidarisierung, zu einer „wahrheitsvergessenen Spaßkultur“ (S.36), die dem Anerkennungswahn unterliegt, in der Annahme aus dem Nichts einen Jemand zu machen.
    Letztendlich entsteht eine asoziale Individualität, die einhergeht mit einer Apparate-Moral, die Ich-Leistungen und Gewissensentscheidungen outsourct (S.53). Der US amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle sagte unlängst in einem Stern-Interview anlässlich seines neuen Romans „Hart auf Hart“: „Je mehr Individualismus, desto weniger Gerechtigkeit - für eine derart kapitalistische Gesellschaft wie unsere stimmt das auf jeden Fall.“

    Alles wird zur Ware, die Persönlichkeit, die menschlichen Bedürfnisse, das Vergnügen etc. Gelegenheit für „Social Sponsoring“, der „zeitgenössischen Form des Ablasshandels“(S. 26), der nur möglich wird, da der Staat sich immer mehr aus der öffentlichen Daseinsvorsorge zurückzieht. Wer soziale Netzwerke benutzt ist nicht Kunde, sondern Ware. Soziale Verhältnisse werden virtualisiert. „Die Anarchie des Marktes legt die Axt an die Wurzel des Staates.“ (S.280)
    Quelle: magazin-auswege.de – 14.2.2015 Rezension zu Götz Eisenberg (2015). Zwischen Amok und Alzheimer: Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus

    BIG DATA, Spieltheorie, Algorithmen - Frank SCHIRRMACHER: EGO - Das Spiel des Lebens

    In „Ego – Das Spiel des Lebens“ verbindet und vergleicht [der leider viel zu früh verstorbene FAZ-Mitherausgeber, M.F.] Frank Schirrmacher „drei grosse Maschinen, die die Welt bis heute bestimmen: das Militär, den Markt und den Computer“.
    Neoklassische Ökonomen hätten die Programme für diese Maschinen geschrieben – und „dort angesetzt, wo Menschen am verführbarsten sind: bei der Chance, Profite zu machen. Profite im grossen Spiel des Kalten Krieges, Profite im Leben.“ (Thomas Kramar in "Die Presse" vom 15.2.2013)

    Schirrmacher-Interview im SPIEGEL 7-2013:
    Spieltheorie: "Sie müssten sich als Erstes überlegen, was in diesem Interview mein absolutes egoistisches Eigeninteresse ist. Da ich dieses vor Ihnen zu verbergen suche, dürfen Sie nichts von dem, was ich sage oder tue, als das nehmen, was es zu sein scheint. Alles steht unter dem Vorbehalt der Verstellung, angefangen von der Mimik, die Sie in die Irre leiten soll. Das wäre dann der spieltheoretische Ansatz für unser Gespräch."
    Dieses Buch [Titel: "EGO, das Spiel des Lebens"] erzählt davon, wie nach dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird. Es ist die Geschichte einer Manipulation: Vor sechzig Jahren wurde von Militärs und Ökonomen das theoretische Model eines Menschen entwickelt. Ein egoistisches Wesen, das nur auf das Erreichen seiner Ziele, auf seinen Vorteil und das Austricksen der anderen bedacht war: ein moderner Homo oeconomicus. Nach seiner Karriere im Kalten Krieg wurde er nicht ausgemustert, sondern eroberte den Alltag des 21. Jahrhunderts. Aktienmärkte werden heute durch ihn gesteuert, Menschen ebenso. Er will in die Köpfe der Menschen eindringen, um Waren und Politik zu verkaufen. Das Modell ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Der Mensch ist als Träger seiner Entscheidungen abgelöst, das grosse Spiel des Lebens läuft ohne uns.
    Frank Schirrmacher zeichnet in seinem bahnbrechenden und visionären letzten Buch die Spur eines monströsen Doppelgängers nach und macht klar, dass die Konsequenzen seines Spiels das Ende der Demokratie sein könnte, wie wir sie heute kennen.

    Quellen und Links:

    Vorgefiltertes Web: Die ganze Welt ist meiner Meinung - Konrad Lischka im SPIEGEL

    Facebook-Experiment: Die Macht der besten Freunde - Holger Dambeck im Spiegel Online vom 12.9.2012

    Manipulierte Newsfeeds: Facebook, das permanente Psycho-Experiment - Ein Kommentar von Holger Dambeck im Spiegel Online vom 30.6.2014

    Spieltheorie und Verhaltensökonomie

    "Die Spieltheorie ist eine Theorie von Konflikt und Kooperation, und zwar eine mathematische Theorie, die es uns gestattet, mathematische Modelle aufzustellen für Situationen, in denen Konflikt und Kooperation eine Rolle spielen. Durch die Analyse dieser Modelle lernen wir, das Verhalten von Menschen, zum Teil auch von Tieren, und Organisationen besser zu verstehen", sagte Selten nach Erhalt des Preises. Gleichzeitig räumt er aber ein, dass die Theorie nur in sehr geringem Masse konkrete "Rezepte" liefern könne. "Die Hauptsache ist, dass man das, was geschieht, besser versteht", so der Nobelpreisträger.

    Homo oeconomicus: "John Kells Ingram (1888) wurde zum Rollenmodell der neoklassischen Wirtschaftstheorie, die vom Menschen nur eines zu wissen glaubt: dass er seinen Nutzen zu maximieren trachtet. Sie beschreibt ihn als Egoisten. Dadurch werde er erst zum Egoisten, meint Schirrmacher: „Sie machen den Menschen überhaupt erst zu dem, als den sie ihn beschreiben.“
    MF: Die uralte Huhn-Ei-Frage: was war zuerst: die Theorie oder das Phänomen?

    Kramar: "Es gibt in der neueren Verhaltensforschung hübsche Experimente, die zeigen: Die Idee von Geld allein, den Versuchspersonen per Video in den Kopf gesetzt, macht sie egoistischer, weniger kooperativ." -> FEHR, FREY, beschrieben in Precht XY

    Thomas Kramar in "Die Presse" vom 15.2.2013:
    Kapitalismus und Freie Marktwirtschaft als totalitäres System: "Doch Schirrmacher sieht im Neodarwinismus eine wichtige Hilfswissenschaft für die Durchsetzung der neoliberalen Theorien. Sie halfen ihnen, so Schirrmacher, „das Geschäftsmodell von Egoisten mit den Investment-Strategien von Genen zu begründen“.
    Schirrmacher meint sogar, „in der Rückschau“ zu erkennen, dass „Das egoistische Gen“, dieses teuflische Dawkins-Buch, „nichts Geringeres als die biologische Grundlegung roboter- und algorithmusgesteuerter Finanzmärkte und Gesellschaften“ sei. Dabei hat Dawkins, beileibe kein Neoliberaler, schon 1976 geschrieben, wir Menschen könnten uns „als einzige Lebewesen auf der Erde gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen“.

    Fast scheint es, als ob das Land, das der Geburtsort des Idealismus war [Deutschland], nun mit einem neuen Realismus ein Gegengewicht bilden könnte zu der ,Oekonomie des Geistes‘.“ Die, so Schirrmacher, ansonsten den „öffentlichen Notstand“, die Kapitalisierung des Sozialen vorantreiben werde.

    Definition "Tertiärer Narzissmus" (Strukturmodell als Ergänzung zum dynamischen “Tacho”-Modell):

    Stichworte: Big Data, NSA, Ueberwachung, Homo oeconomicus, Nummer Zwei, Falsches Selbst, Google, Oekonomie der Aufmerksamkeit, Werbung, PR, Marketing

    FAZ - Ueberwachung - Identitaetsmanagement - das neoliberale SelbstFAZ -
    FAZ - Enzensberger bei Beckmann - der Mann mit dem Füller
    FAZ - Ueberwachung - Ideologie des Datenkonsums - der Preis der Heuchelei

    “Kollektiver, durch die Oekonomisierung aller Lebensbereiche (ab 1990) bedingter hysterisch-exhibionistischer “positiver Narzissmus” (vgl. Tacho-Modell) mit stark (asperger-)autistischen Zügen bei glztg. rücksichtslosem Geltungsdrang bis hin zur Soziopathie und zum Empathieverlust (“homo oeconomicus”).”

    Synonyme zum “Nummer Zwei”-Modell nach Schirrmacher (= Falsches Selbst):
    - Homo oeconomicus (Wirtschaftswissenschaften, Spieltheorie)
    - Falsches Selbst: Winnicott, Miller, Masterson
    - Sekundärer Narzissmus: Kernberg
    - Imago: Jung
    - Pseudo-Selbst/Kunst-Ich (populär)
    - Als-ob-Persönlichkeit
    - Projektive Identifizierung (Anna Freud, Objektbeziehungstheorien)
    - Bewunderung vs. “wahre Liebe”: soziale Medien wie Facebook und Twitter
    - Boulevardisierung und Empörung: statt Tiefe werden schnell wechselnde Eye-Catcher “verspammt”
    - Leistungsorientierung vs. “So-Sein-Dürfen” (Pädagogik)
    - Haben oder Sein (Erich Fromm)
    - Seele verkaufen (Goethes Faust)
    - Zauberlehrling (Schiller-Gedicht)

    - Oekonomie der Aufmerksamkeit (Georg Frank)
    - Mentaler Kapitalismus (Georg Frank)
    - Alles Ware (Robert Misik)

    LITERATUR zu Narzissmus Kollektiv:
    - Schirrmacher, Frank: Ego - Das Spiel des Lebens
    - Graebner: Schulden, die nächsten 5000 Jahre
    - Vogl, Joseph: Das Gespenst des Kapitals
    - Müller, Dirk: Crashkurs / Cashkurs / Buch2013
    - PAECH, Niko: Befreiung vom Ueberfluss
    - Welzer, Harald: Kursbuch 2013
    - KURZ, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus
    - Misik, Robert: Alles Ware / Das Kultbuch
    - Streeck, Wolfgnag: Die gekaufte Zeit
    - Bourdieu, : Ueber das Fernsehen
    - Precht: Die Kunst kein Egoist zu sein
    - Zeyer, René: Banker und Bankrott
    - Suter, Martin: Das Bonus-Prinzip - Kolumnen
    - Wagenknecht, Sarah: Kapitalismuskritik
    - Balint, Michael: Regression / Primäre Liebe
    - Pohlen, Manfred: Eine andere Psychodynamik
    - FRANK, Georg: Oekonomie der Aufmerksamkeit
    - Binswanger, Matthias: ...
    - FRANK, Georg: Mentaler Kapitalismus
    - Heinzlmaier: Jugendkultur heute
    - Kernberg, Otto F.: Narzissmus (2006)
    - Petzold, Hilarion: Drei Baende




    TEIL IV: Das Post-Digitale Zeitalter: Psychopolitik, Superintelligenz und 'Homo Deus'

    Byung-Chul HAN: Psychopolitik und Kritik des Neoliberalismus

    Wir wollen gesund, fit, schön und leistungsstark sein, wir wollen im Job weiter kommen und im Privatleben glücklich sein. Die Losung heisst nicht mehr: Sei Du selbst, akzeptiere Deine Grenzen und Schwächen, sondern: Werde immer besser! Die moderne konsumistisch-kapitalistische Gesellschaft basiert auf einem endlosen Perfektionierungsmuster, das psychische Gefahren mit sich bringt. Byung-Chul Han, geboren in Südkorea, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, beschreibt die Mechanismen der Selbstausbeutung in Zeiten des Neoliberalismus.

    Hans Universaldeutung der zeitgenössischen Lebenswelt lautet:
    - Die Gesellschaft ist müde. Das Leistungssubjekt wird depressiv, Herrschaft manipulativ, Fremdausbeutung zur Selbstausbeutung, Freiheit zur Illusion (Psychopolitik, 2015).
    - Entfremdung heißt nun Selbstverwirklichung. Der Klassenkampf wird innerseelisch geführt. Der Einzelne attackiert sein eigenes Nervensystem (Müdigkeitsgesellschaft, 20..).
    - Gewalt verlagert sich „vom Sichtbaren ins Unsichtbare, vom Direkten ins Diskrete, vom Physischen ins Psychische, vom Martialischen ins Mediale und vom Frontalen ins Virale“ (Topologie der Gewalt, 2011).

    Der Gesellschaftskritiker Byung-Chul Han im Artikel "Wir Facebook-Kapitalisten" von Björn Hayer im Spiegel Online vom 30. Juli 2014:
    "Das Individuum wird zum Geschlechtsteil des Kapitals": Der Philosoph B.-C. Han lässt in seinem jüngsten Buch wenig Gutes am Neoliberalismus. Seine These: Die Freiheit wird missbraucht - um uns alle auszubeuten.

    Im Tagesanzeiger vom 25.7.2014 lesen wir:
    "Der «Exzess der Leistungssteigerung» führe «zum Infarkt der Seele». Im «neoliberalen Regime» sieht Han eine nivellierende, normbildende Kraft, welche die Transparenz der Bürger vorantreibt, um sie dem Markt auszuliefern.
    Sein Denken, das in der marxistischen Tradition steht, führt das von Michel Foucault initiierte Projekt einer Biopolitik weiter und erweitert es um die Dimension der Psyche. Seine neueste Publikation heisst denn auch «Psychopolitik».

    Transparenz und Neoliberalisms

    "Das neoliberale Regime verwandelt die Fremdausbeutung in die Selbstausbeutung", schreibt Han. Wir sind auf ständige Selbstoptimierung getrimmt und treiben Raubbau am eigenen Geist und Körper. Für die Profiteure mag dies weitaus effizienter sein als jener Klassenkampfkapitalismus, den noch Marx beschwor" (Hayer 2014).

    Was hilft gegen die Psychopolitik des Kapitalismus?

    Wie der in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han in seinem soeben erschienenen, luziden wie düsteren und doch auch inspirierenden Buch zeigt, ist das neoliberale Regime derzeit damit beschäftigt, das Ideal der (ersten) Aufklärung zu tilgen. Ging diese noch davon aus, dass die Selbstermächtigung des Menschen zu einem Leben in Freiheit und Würde das Ziel einer von Vernunft geleiteten Entwicklung sei, so hat die von den Interessen des Kapitals diktierte «Psychopolitik» nicht weniger im Sinn als die Versklavung des Individuums.
    Nicht Terror, Gewalt oder Gefängnisse sind hierfür die Mittel.
    Die Tücke der «smarten Macht» liegt vielmehr in der verführerischen Fülle von «Big Data» und in dem selbst gewählten Verzicht auf individuelle Souveränität.
    Wie andere vor ihm, sieht auch Han die «Vereinzelung des sich selbst ausbeutenden Leistungssubjekts», das sich im Fall seines Versagens auch noch selbst schuldig spricht, als Ausgangspunkt der sich abzeichnenden totalen Kontrolle und Ausbeutung.
    Denn die «smarte Macht», die wir gedankenlos und willfährig mit der Bekundung all unserer Vorlieben pausenlos auf dem Laufenden halten, «liest und wertet unsere bewussten und unbewussten Gedanken aus. Sie setzt auf freiwillige Selbstorganisation und Selbstoptimierung.» Han verweist mit grosser Plausibilität auch auf das derzeit absehbare Ziel dieser Entwicklung: «Aus Big Data lässt sich nicht nur das individuelle, sondern auch das kollektive Psychogramm, womöglich das Psychogramm des Unbewussten herstellen. Dadurch wäre es möglich, die Psyche bis ins Unbewusste auszuleuchten und auszubeuten».

    Was folgt daraus? Han beschreibt – durchaus überzeugend – das Ende der gefühlten, der erzählten Zeit. An ihre Stelle treten mehr und mehr Affekte und Emotionen [keine Gefühle mehr, M.F.], das Diktat des Zählens und Vermessens.
    Was wäre dieser Entwicklung entgegenzusetzen? Die Einübung in die Kunst der Widerständigkeit, meint Han. Auf dem Weg in die «dritte Aufklärung, die uns darüber belehrt, dass die digitale Aufklärung in die Knechtschaft umschlägt», könnten die Suche nach einem «ganz Andern», wie sie der Idiot beherrscht, oder die Einübung der (ihrem Wesen nach) stets zweckfreien Kunst die Richtung weisen.
    Quelle: Walter Spielmann aus «Pro Zukunft», der Zeitschrift der Robert-Jungk-Stiftung. www.jungk-bibliothek.at

    Pornographie und der Verlust der Erotik

    Die Transparenz ist ein systemischer Zwang, der die gesamten gesellschaftlichen Prozesse erfasst und sie einer gravierenden Veränderung unterwirft. Das gesellschaftliche System setzt heute all seine Prozesse einem Transparenzzwang aus, um sie zu operationalisieren und zu beschleunigen. Der Imperativ der Transparenz macht uns außerdem zu Sklaven der Sichtbarkeit. Die Transparenzgesellschaft ist eine pornografische, ausgestellte Gesellschaft. Sie manifestiert sich gleichzeitig als eine Kontrollgesellschaft. Das Internet als Raum der Freiheit erweist sich als ein digitales Panoptikum. Hans Essay "Transparenzgesellschaft" geht den Illusionen und Gefahren nach, die mit dem Paradigma der Transparenz verbunden sind.

    (.............)

    Positivität vs. Negativität

    Derzeit vollzieht sich unbemerkt ein Paradigmenwechsel. Die Gesellschaft der 'Negativität' weicht einer Gesellschaft, die von einem Uebermaß an 'Positivität' beherrscht ist. Ausgehend von diesem Paradigmenwechsel zeichnet Han die pathologische Landschaft der heutigen Gesellschaft, zu der neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Borderline oder Burnout gehören (Buchklappentext zu "Müdigkeitsgesellschaft").
    Das entgrenzte Können ist das positive Modalverb der Leistungsgesellschaft. Sein Kollektivplural der Affirmation ‚Yes, we can’ bringt den Positivitätscharakter der Leistungsgesellschaft zum Ausdruck. An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation. Die Disziplinargesellschaft ist noch vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor.“ (Byung-Chul Han 2012. Müdigkeitsgesellschaft, S. xy).
    Vergleiche auch die Ausführungen von und über Alain Ehrenberg, Richard Sennett und Christopher Lasch zur depressiven bzw. narzisstischen Gesellschaft im 2. Kapitel dieses Buches.

    Beschleunigung, Konformität und konsumierbare "Oberflächentechnik"

    Han beschreibt eine Gesellschaft, die ihr Sensorium für Intimität, Geheimnis und allen voran innere Besinnung verloren hat. Darin flottieren Informationen immer seichter. Wissen wird häppchenweise konsumierbar und derartig geglättet, dass es problemlos durch die digitalen Kanäle gejagt werden kann, wodurch unsere Gegenwart immer mehr an Beschleunigung gewinnt. Die Folge: Geistige Verarmung und eine allgemeine Konformisierung der Menschen. Wissen hebt uns nicht mehr ab, sondern ordnet uns ein in eine Herde blinder Wiederkäuer. Wer sich dem entzieht, den treffen sogleich Denunziation und Ausgrenzung (Hayer 2014).

    Allen voran der "Like"-Button auf Facebook, von dem doch scheinbar so viel demokratischer Glanz ausgeht, lässt uns zu Objekten einer subtil agierenden Informationsindustrie verkommen, da Big Data-Unternehmen jedwede Bewertung und Kundgebung zu sammeln und anschließend als Konsumentenprofile zu verkaufen wissen. "Der Neoliberalismus ist der Kapitalismus des Gefällt mir".

    Müdigkeitgesellschaft: Optimierung des "falschen Selbst" macht schlapp...

    Im Sinne des formal gesehen viel vorsichtiger und weitaus weniger polemisch schreibenden Charles Taylor nimmt Han immer wieder "starke Wertungen" vor (vgl. Kapitel XY in diesem Buch) und rüttelt damit auf, löst im Leser "Resonanzen" (vgl. Kap. XY) aus:
    "Mit teils polemischer Verve dekliniert Han durch, wie anstelle der körperlichen Kraft die Lenkung der Psyche zur wichtigsten Ressource im Produktionsprozess des 21. Jahrhunderts avanciert. So müssen sich Aerzte zunehmend als Optimierungshelfer und Manager als Motivationstrainer verstehen" (Hayer 2014).

    "Die Erschöpfungsmüdigkeit ist eine Müdigkeit der positiven Potenz. Sie macht unfähig, etwas zu tun. Die Müdigkeit, die inspiriert, ist einen Müdigkeit der negativen Potenz, nämlich des nicht-zu. Heilig ist nicht der Tag des um-zu, sondern der Tag des nicht-zu, ein 'Tag, an dem der Gebrauch des Unbrauchbaren möglich wäre. Er ist der Tag der Müdigkeit." (Buchrücken zu "Müdigkeitsgesellschaft")

    In dem kurzen Manifest von Byung-Chul Han zur "Müdigkeitsgesellschaft" (Han 2010) hat diese Diagnose nun noch eine weitere Steigerung erfahren, deutet er doch die Zunahme von Erschöpfung und Depression als Indikatoren eines weit umfassenderen Gesellschaftswandels - in Kurzform: vom "immunologischen Zeitalter" (ebd.: 6) zum neuronalen Zeitalter, das gerade nicht mehr durch Ansteckung, also dem Eindringen eines feindlichen Außen in ein Inneres, sondern durch Infarkt, also durch Zusammenbrüche durch ein Zuviel, gekennzeichnet ist.

    B.C. Hans Diagnose ist sehr süffig - auch weil sie grossflächig und abstrakt ist; dabei knüpft sie zunächst an viele Beobachtungen Ehrenbergs an: "Die Disziplinargesellschaft ist noch vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor" (ebd.: 18). An anderer Stelle formuliert er: "Die Leistungsgesellschaft als Aktivgesellschaft entwickelt sich langsam zu einer Dopinggesellschaft".

    (...) Als ihre Kehrseite bringt diese Leistungs- und Aktivgesellschaft eine exzessive Müdigkeit und Erschöpfung hervor. (...) "Der Exzess der Leistungssteigerung führt zum Infarkt der Seele" (ebd. 54f.). Dass Han dann aber in der Müdigkeit auch noch jene - geradezu hegelianische - Dialektik am Werke sieht, in der nicht nur das Ende des Selbst deutlich wird, sondern auch bereits dessen Ueberwindung sich ankündigt, insofern Müdigkeit - so Han im Rekurs auf Peter Handkes 'Versuch über die Müdigkeit' (Handke 1989) - selbst die Bedingung anderer Aufmerksamkeit, die Bedingungen eines anderen Selbst in Form eines "Mehr des weniger Ich" (Han 2010, S. 56) darstellt, markiert seinen spezifisch anderen Einsatz, der in zwei Punkten über Ehrenbergs Arbeit von 1998 hinausgeht und einen interessanten Bezug zum Problem des Selbst herstellt:

    Es ist erstens nicht nur ein einfaches Zuviel, an und in dem das Selbst zusammenbricht; es ist v.a. ein Uebermass an Positivität, ein Zuviel von etwas, das auch ein Zuwenig an Negativität - sei es als Zwang zur Positivität bzw. zur Positivierung, sei es als Negation der Negativität (ebd. S. 5, S. 10 u.a.) - kennt. Dabei verbindet Han Negativität mit Andersheit und Fremdheit, die er als Anfechtung, Heraus-Forderung und Ent-Eignung interpretiert; mir scheint es daher fruchtbar zu sein, der Assoziation einer unglückseligen Positivierung der Negativität nachzugehen und (an späterer Stelle) danach zu fragen, was denn an Negativität auch Bedingung des Selbstseins ist.
    Und zweitens: Seine Gesellschaftsdiagnose hat eine machttheoretische Seite, wird doch in der Steigerungslogik des Selbst auch dessen Isolation und Vereinzelung, also dessen leichtere Regulierbarkeit aufgrund mangelnder Kooperation und Verbindung mit anderen, betrieben (z.B. ebd. S. 20). Es ist dieser Gedanke, der es erlaubt, die derzeitigen Strategien des Umgangs mit Differenz und Heterogenität auch anders in den Blick zu nehmen und als Regierungs- bzw. Regulationsstrategien durch funktionale Kontrollen zu lesen, die nicht mehr über Normalitätsentwürfe und Bestrafung von Abweichung sich vollziehen, sondern auf Einschluss und Ausschluss, Zugang und Sperre setzen (vgl. auch Deleuze 1993).
    Quelle: Norbert Ricken (2013). An den Grenzen des Selbst. In: Ralf Mayer, Christiane Thompson, Michael Wimmer (Hrsg.). Inszenierung und Optimierung des Selbst - Zur Analyse gegenwärtiger Selbsttechnologien. Wien: Springer VS, S. 243f.

    Verinnerlichter Leistungs- und Perfektionierungs-Druck

    Zitate aus dieser Quelle: Beat Metzler im zürcher Tages-Anzeiger vom 3. Januar 2015

    (...) Es ist ein paradoxer Befund: Die gesündesten, sportlichsten und zufriedensten Menschen fühlen sich gleichzeitig am häufigsten depressiv und erschöpft. Während der Körper gestählt wird, erschlafft die Psyche.
    Deutungshilfe bietet der kontrovers debattierte deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Laut Han hat sich der Westen von einer Kontroll- in eine Leistungsgesellschaft umorganisiert. Bis Ende des 20. Jahrhunderts richtete sich die Politik nach den Bedürfnissen der Industrie. Die Menschen mussten als Arbeiter funktionieren, dazu drillte und gängelte man sie. Wer nicht spurte, wurde bestraft oder eingesperrt.
    Der digitale Dienstleistungskapitalismus, so Han, habe begriffen, dass Selbstmotivation effizienter wirkt als Drohungen und Druck. Heute zählt nicht mehr das Müssen, es geht um das Können. Aus eigenem Willen wollen wir kreativ sein, leistungsfähig, gut gelaunt. Hören wir auf, an unserer Perfektionierung zu arbeiten, fühlen wir uns als Versager; als Menschen, die ihre Fähigkeiten vergammeln lassen.

    Der äussere Befehl ist innerer Wunsch geworden

    Fitnesscenter und Weiterbildungen haben die Drillanstalt abgelöst. Was wir als freie Selbstentfaltung verstehen, ist in Wahrheit Selbstknechtung, schreibt Han.
    Dazu komme das «Uebermass an Positivität», dem moderne Menschen ausgesetzt sind: das Verarbeiten ständig neuer Eindrücke, Multitasking, ein Sich-Verlieren im Informationsgewirr. Diese Reiz-Uebersättigung und der Zwang zur Selbstoptimierung lösen laut Han die typischen Krankheiten der Gegenwart aus: Depression, ADHS, Persönlichkeitsstörung, Burn-out.

    Byung-Chul Han rät, durch «kontemplatives Verweilen» und «Nicht-Vernetzung» eine neue «Lebenskunst» zu entwickeln.

    (.........)

    Seidl / Zahrndt (Hrsg.) - Postwachstumsgesellschaft
    Sehr gute Einführung in die komplexe Thematik der sog. Décroissance
    Tim Jackson - Wohlstand ohne Wachstum
    Das scheinbar Unmögliche möglich gemacht !
    Christian Felber - Die Gemeinwohl-Oekonomie
    Das Wirtschaftsmodell der Zukunft
    Hans-Christoph Binswanger - Vorwärts zur Mässigung: Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft
    DER linke Schweizer Oekonomie-Professor mit der Quintessenz seines langen Forscherlebens
    Robert Kurz - Schwarzbuch Kapitalismus
    Der Klassiker zur Kapitalismukritik - aktueller denn je!
    Nouriel Roubini - Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft
    Die wohl beste Faktensammlung über die Weltwirtschaftskrisen 2008/2011
    Paul Krugman - Die neue Weltwirtschaftskrise
    Der sympathische Nobelpreisträger erklärt uns leicht verständlich die aktuelle Weltlage





    Die neuen Spiesser - Rückzug ins Private: Die Welt ist mir zuviel

    Während 2014 die Auflagen der Tageszeitungen weiter sanken und auch Spiegel, stern, Focus und die ZEIT um Leser kämpften, wussten die Macher der Wohlfühlzeitschriften nicht, wohin mit ihrem Glück.
    Flow – Das Magazin für Achtsamkeit, Positive Psychologe und Selbstgemachtes aus dem Verlag Gruner + Jahr hat gerade die Auflage auf 220.000 Hefte erhöht. My Harmony – Das Magazin für gute Ideen und schöne Gedanken erscheint jetzt mit 100.000 Exemplaren. Und auch die Emotion Slow – Motto: Mehr Zeit fürs Wesentliche – die der relativ kleine Emotion Verlag herausgibt, hob gerade die Auflage zur zweiten Ausgabe auf 60.000 Hefte. Sinja Schütte, Chefredakteurin von Flow, sagt: "Als uns die Hefte derart aus der Hand gerissen wurden, war ganz schnell klar, dass da etwas Grosses brodelt, dass sich da draussen wirklich etwas tut, dass es ein Trend ist, der weit über die Flow hinausgeht." Sie meint: Der Verkaufserfolg der Magazine sei bloss die Spitze des Eisbergs. Unter der Oberfläche verberge sich weit mehr: ein neuer Zeitgeist.
    Tatsächlich neu? Wer sich in die Magazine vertieft, fühlt sich zurückversetzt – in ein Mädchenzimmer aus früheren Zeiten. Alles wirkt sanft und lieblich, viel Handgezeichnetes, kleine Bildchen, Drucke von Blättern und Wolken. Dazwischen Sätze, die aus einem Teenagertagebuch stammen könnten und Seite um Seite Wohlfühlmomente heraufbeschwören: "Man bückt sich nebenbei nach Kastanien und fühlt, wie sie den Händen schmeicheln. Man sammelt Herbstmomente, wenn man Kastanien sammelt." (My Harmony) "Wenn das Feuer im Ofen knistert und wir spüren, wie die Wärme in Wellen auf uns ausstrahlt. Wenn die Pferde auf der Wiese zufrieden schnauben." (Emotion Slow) "Seit ich mir die Zeit nehme, wirklich hinzusehen, fühlen sich so viele Momente, Beziehungen und Dinge anders an. Bedeutungsvoller. Schöner. Entspannter." (Flow)

    Gibt es wirklich eine solche neue Jugendbewegung – raus aus der Welt, ins kuschelige Heim?
    Verwundert trenne ich kleine Beigaben heraus: ein Ausmalbuch für Erwachsene, darin "zarte Blumen, ein Fink oder gestempelte Sinnsprüche", Postkarten mit Fotos von Luftballons, Papierdrachen und Teetassen, ein Set aus Mach-dir-keine-Sorgen-Karten für den Nachttisch. Eine heile, warme, ängstliche, ganz und gar apolitische Haltung kommt mir da entgegen. Gibt es wirklich eine solche neue Jugendbewegung – raus aus der Welt, ins kuschelige Heim?
    "Eindeutig", bestätigt Klaus Hurrelmann. Er ist Soziologe und seit zwölf Jahren Autor der Deutschen Jugendstudie. "Die Sehnsucht nach einem Rückzugsort, nach Halt, ist ein Charakteristikum der jüngeren Generation. Die jungen Menschen sind einerseits hypermodern, flexibel und leistungsbereit. Gleichzeitig hat eine Mehrheit dieser Generation den tiefen Wunsch nach Erdung." Der Bausparvertrag, sagt Hurrelmann, sei unter Jüngeren wieder extrem beliebt. "Wenn wir nach dem Grund fragen, hören wir: Ich möchte später ein Häuschen mit Garten, eine Familie, einen kleinen Hund. Alles sehr biedere Sehnsüchte."

    Das Psychologenteam des Forschungsinstituts Rheingold aus Köln hat kürzlich in 100 zweistündigen Interviews junge Erwachsene nach ihren Wünschen und Ueberzeugungen befragt. Das Ergebnis: "Angesichts einer als zerrissen und brüchig erlebten Lebenswirklichkeit sehnt sich die Jugend nach Stabilität. Sicherheit und Kontrolle findet sie in der Flucht in eine abgesteckte, verlässliche Biedermeier-Welt." Ob Schrebergarten, Schrankwand oder Beamtenlaufbahn: "All das, was die Jugendlichen der siebziger Jahre noch aufbrachte, was ihnen Symbol einer bornierten, betonierten Welt war, wirkt in den Augen der Jungen heute begehrenswert." Das sagt der Studienleiter Stephan Grünewald. "Das Lebensgefühl, mit dem die Jüngeren aufgewachsen sind, ist ein ganz anderes: Früher wirkte die Welt vernagelt, heute ist sie instabil."
    Nicht nur die Jugend, auch die Aelteren zwischen 40 und 60 Jahren fühlen sich bedrängt von den globalen Schrecken. Die Zeitschrift 'Landlust' – sozusagen das Zentralorgan der Eskapisten – hat in den vergangenen fünf Jahren an Auflage zugelegt wie kein Blatt sonst. Im dritten Quartal 2014 verkauften sich pro Ausgabe 1.011.802 Hefte. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Plus von 87,3 Prozent. Auch in 'Landlust' dreht sich alles um Garten, Küche und Natur. Die Sprache ist freundlich, Konflikte gibt es nicht.

    Die Achtsamkeitswelle

    In den USA ist Mindfulness eine grosse Sache. Google gilt als Vorreiter, bietet den Mitarbeitern seit Langem ein Programm an, in dem sie im Innern nach Antworten suchen können. Search Insight Yourself heisst der Achtsamkeitskurs der Firma. Die Mindfulness-Programme verbreiten sich auch ausserhalb des Silicon Valley: Goldman Sachs, Nike oder die Supermarktkette Target lehren ihre Mitarbeiter, innezuhalten, Luft zu holen. Das Marine Corps der U.S.Army will Soldaten auf diesem Wege beibringen, die Welt für Momente zu vergessen.

    Jetzt ist die Achtsamkeitswelle auch bei uns angekommen. Die Nachfrage nach Kursen ist enorm. Seit Kurzem unterrichtet Hassine auch Grundschulkinder. In ihr Acht-Wochen-Programm "Mindfulness-Based Stress Reduction" kämen vor allem junge Frauen, Ende 20, Anfang 30. Zuerst schreiben sie auf Zettel, warum sie hier sind: "Ich suche Klärung und Orientierung." – "Ich hoffe, Strukturen und Menschen weniger ausgeliefert zu sein." – "Ich brauche klare Gedanken, weniger innere Unruhe." Ueber Generationen kämpften die Jungen dafür, frei zu sein. Heute scheinen sie der zahllosen Optionen müde (vgl. Peter Gross weiter oben). Ueberdrüssig einer Welt, in der alles geht und alles sie treibt.

    Der Soziologe Klaus Hurrelmann sagt, diese Generation fühle sich "in keiner Weise verpflichtet, öffentliche Aufgaben zu übernehmen und das Gemeinwesen mitzugestalten". "Sie geht auch deutlich seltener wählen. Sie meidet Parteien und Gewerkschaften, eigentlich alle politischen und öffentlichen Organisationen, auch Jugendorganisationen von Verbänden und Vereinen." Dabei, ergänzt Hurrelmann, seien die Jungen keinesfalls unengagiert oder desinteressiert, aber eben in erster Linie fokussiert auf das eigene Umfeld, auf Familie und Freunde.

    Der Befund ist klar – bloss um die Interpretation zanken sich die Soziologen. Ist der Rückzug der Jungen eine Flucht aus der Verantwortung? Oder ist es ihr Weg, die Mängel der Welt zu beheben? Ist es tatsächlich ein neuer Biedermeier oder im Gegenteil der Beginn einer gesellschaftsverändernden Bewegung?

    Vom Burnout zu Weltflucht/Eskapisms und "Minimalismus"

    (...) Das Leben in der Selbstversorger-Siedlung ist ihr finaler Schritt aus der Gesellschaft, Laura Roschewitz hat in jeder Hinsicht reduziert: Sie arbeitet 20 Stunden in der Woche in einer Schule, muss deshalb mit 1.100 Euro im Monat auskommen. Sie hat ihr Smartphone abgeschafft. Sie geht nicht shoppen. Sie schläft viel. Und wenn sie Urlaub macht, fliegt sie nicht mehr nach Marokko oder Portugal wie früher, sie fährt zum Camping an die Ostsee.
    Ihr Rückzug war Notwehr. Ihr übervolles Leben hatte sie krank gemacht. Laura Roschewitz ist gelernte Industriekauffrau und arbeitete im Controlling, von 2010 an studierte sie, die Karriere fest im Blick, Wirtschaftspsychologie an einer Privatuniversität. Um das Studium bezahlen zu können, jobbte sie zwei Tage pro Woche in ihrer alten Firma – alles in allem ein sportliches Pensum. Aber es war okay. Dann trennte sie sich nach acht gemeinsamen Jahren von ihrem Freund. Und weil das Alleinsein ihr Angst machte, rannte sie wie von Sinnen von Party zu Party: feierte, trank, traf Leute. "Ich hatte Spass", sagt sie. Bis ihr innerer Motor verreckte. "Mir wurde plötzlich extrem schwindelig, wie im Karussell. Ich konnte nichts mehr entscheiden. Ich war erschöpft und wollte nur noch schlafen."

    Das moderne Leben kommt ihr vor wie eine gigantische Beschäftigungsmassnahme, die die dröhnende Leere im Inneren der einzelnen Individuen überbrüllen soll. Unsere Welt sei krank, findet Laura, und sie weiss, dass inzwischen viele denken wie sie. "Die Klamotten, die wir tragen, die Autos, die wir fahren, die Dinge, die wir essen, die Berufe, die wir erschaffen haben, Berufe, in denen man 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet und dann kein normales Leben mehr meistert. Weshalb man die Wäsche in die Wäscherei bringt, das Essen nur noch to go holt, die Wohnung von der Putzfrau sauber machen lässt." Wer diese Welt verändern will, findet Laura, muss sich zwangsläufig von ihr entfernen.

    Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht. Die Sehnsucht nach Meditation in allen Ehren – es ist zynisch, den Opfern von Gewalt vorzuhalten, sie mögen doch aufhören, uns mit ihrem Sterben zu belästigen? Ist es nicht wie bei Kindern, die die Augen zudrücken und hoffen, die Schrecken mögen verschwinden? Wer auf diesem Globus jenseits der Landesgrenzen von Lummerland/Deutschland kann sich eine solche Realitätsverweigerung erlauben? Und was nützt jenen Menschen, deren Länder gerade implodieren, sich auflösen oder von der Landkarte getilgt werden, eine Zwei in Erdkunde?

    Es wird nicht funktionieren. Das Bedrohliche wird seinen Weg auch in das Leben der Abgeschotteten finden: Die Verzweifelten kommen mit Booten übers Meer, die Panzer formieren sich im Osten, der Wasserspiegel steigt auch an der Nordseeküste. Und wer sich weigert hinzusehen, könnte dereinst selbst zu denen gehören, die in Lumpen auf der Flucht sind.

    Es gibt also kein Entkommen. Vielleicht sollten daher die Abgeschotteten es lieber mit Martin Luther halten, der sich sein Leben lang am Abgrund wähnte, die Apokalypse vor Augen, und trotzdem nicht aufhörte, zu kämpfen, sich aufzuregen, einzugreifen. Niemals liess er der Resignation Raum. "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge", soll er gesagt haben, "würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Und damit meinte der Reformator sicher nicht die Gartenarbeit auf der eigenen Scholle.
    Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/01/entschleunigung-biedermeier-handarbeit-stressabbau


    Rolf Haubl - Die Angst, persönlich zu versagen oder sogar nutzlos zu sein – Leistungsethos und Biopolitik

    Der neoliberale Umbau der modernen Gesellschaft bringt einen neuen Sozialcharakter hervor.
    Manifest zeigen Menschen, die diesen Charakter haben, eine aussergewöhnliche Leistungs- und Konkurrenzbereitschaft. Gleichzeitig leiden sie aber latent unter der ständigen Angst, die eigenen hohen Ansprüche nicht erfüllen zu können und dadurch ihren sozialen Status zu verlieren.
    Es lässt sich vermuten, dass dies eine Situation ist, in der ein Griff zu psychopharmakologischen Mitteln der Leistungssteigerung besonders nahe liegt, um die Aengste zu besänftigen. Generell ist zu beobachten, dass die Leistungsgesellschaft den Traum einer biopolitischen Perfektionierung des Menschen träumt [im Sinne Foucault's und Han's, s.u.]. Die Realisierung dieses Traumes wirft schwierige ethische Probleme auf, denen sich alle Humanwissenschaften stellen müssen.
    Quelle: ..............

    Mario Erdheim: «Der Konsumwunsch erwächst aus den kapitalistischen Arbeitsbedingungen»

    WOZ-Interviewer: Herr Erdheim, was kennzeichnet die Lage der Individuen in unseren Gesellschaften, in der Schweiz, in Deutschland? Gibt es da einen roten Faden?
    Mario Erdheim: Zentral ist die Emanzipation, die Ablösung des Individuums von Stand, Kirche, Traditionen; die Menschen wurden aus allem, was die Gesellschaft lange Zeit ausmachte, hinausgeschleudert.

    Fühlen sich die Menschen deshalb bis heute orientierungslos?
    Der Bruch mit dem Alten hat die bisherigen Orientierungen aufgeweicht. Im «Kommunistischen Manifest» von 1848 haben Karl Marx und Friedrich Engels das sehr eindrücklich beschrieben. Die engen und einengenden familiären Bindungen wurden abgestreift, alles Ständische und Beharrende verdampfte, alles Heilige schien entweiht. Heute können sich die Leute gar nicht mehr vorstellen, wie wenig Raum das Individuum einst hatte. Wir haben jetzt eine Gesellschaft der Individuen und nicht mehr eine Gesellschaft der Gruppen – und das ergibt eine andere Dynamik.

    Ueberfordert uns diese Autonomie?
    Der Mensch ist das überforderte Wesen schlechthin. Das war schon immer so. Er war auch von der Feudalgesellschaft überfordert, da war nicht nur geruhsames Dasein. Aber: Ich rede von Individualismus, nicht von Autonomie. Autonomie heisst ja, dass man selber die Gesetze macht. Individuen sind wir alle, ob wir autonom sind oder nicht. Individualismus hingegen bedeutet, dass wir die Folgen des Handelns immer nur in Bezug auf das Individuum beurteilen.

    Sind wir also zunehmend bindungslose, überforderte Individuen?
    Sicher ist die Bindung an Institutionen fragwürdiger und lockerer geworden. Man kann sagen, die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert haben den Institutionen ihre Unschuld geraubt. Sie geben keinen Halt mehr, weil sie an Autorität und Glaubwürdigkeit verloren haben. Aber die Individuen können gar nicht leben, ohne Bindungen einzugehen.

    Was die moderne westliche Gesellschaft seit den fünfziger Jahren kennzeichnet, ist die Wunschexplosion. Die Menschen müssen nicht mehr zurückhaltend und bescheiden sein, niemand zwingt sie zur Askese; Fastenmonate und Opfer haben ihre Bedeutung verloren. All diese Rituale der Bescheidenheit, die ja auch stark religiös fundiert waren, wurden buchstäblich weggeschwemmt. Gesagt wird: Du hast Wünsche, und die sollen in Erfüllung gehen. Darin besteht deine Autonomie.
    Die alten Märchen erzählten ja immer: Das Wünschen bringt Unglück, bescheide dich mit dem, was du hast. Und plötzlich wird das aufgehoben. Alles, was man will, wird angeboten, man kann es kaufen, man muss es nicht einmal selber produzieren. So mündet jeder Wunsch nach und nach in einen Warenkauf. Damit werden alle Objekte letztlich in Waren verwandelt.

    Der Konsumwunsch erwächst aus den unbefriedigenden kapitalistischen Arbeitsbedingungen. Allerdings läuft das nicht gleichzeitig ab. Zuerst glaube ich ja wirklich, dass die neuen Turnschuhe unglaublich befriedigend sind; sie wurden mir ja von der Werbung angepriesen. Es braucht einen Lernprozess, bis das Individuum erkennt: Nein, das ist es nicht. Und Verlauf und Ergebnis dieser Lernprozesse hängen wiederum von meinen Beziehungen ab. Die depressive Stimmung setzt oft dann ein, wenn ich merke: Ich kann zwar meine Wünsche befriedigen, aber es fehlt immer noch etwas. Was das Fehlende jedoch ist, lässt sich nicht fassen, also versuche ich es mit einem neuen Konsumobjekt.

    Man sieht daran den durchschlagenden Erfolg des Kapitalismus, der die Arbeitskraft zur Ware gemacht hat. Es ist alles so eingepackt, es kommt einem gar nicht mehr in den Sinn, dass es noch andere Konnotationen gibt. Die «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss beschäftigt sich ja auch mit diesem Thema. Dort wird nicht nur der Widerstand beschrieben und seine Einbettung in die Kultur, dort wird auch beschrieben, wie die Arbeit aus der Kultur herausgelöst und ins rein Ökonomische verlagert wird. Noch etwas weiter gefasst: Seit die Oekonomie aus dem Gesellschaftlichen herausgelöst und als eigene Sphäre definiert wurde, kommen wir gar nicht mehr auf die Idee, dass Arbeit etwas anderes ist als blosse Oekonomie.

    Man hat Angst, man müsste zu viel ändern und lieb gewordene Gewohnheiten aufs Spiel setzen. Die Arbeit zum Beispiel müsste in unserem Leben eine neue Bedeutung bekommen. Wir müssten uns auch mit den Enttäuschungsspiralen auseinandersetzen, die sich aus dem Konsum ergeben, und Konsequenzen daraus ziehen. Stattdessen greifen wir auf etwas so Anachronistisches wie den Fremdenhass zurück und konzentrieren uns darauf, unsere Festung besser auszubauen.

    Ich vermute, es geht vor allem darum, die bestehenden Machtverhältnisse nur so weit zu verändern, dass die Macht sich weiterhin in der Oberschicht ansammeln kann.
    In der Folge des Ersten Weltkriegs entstanden überall in Europa autoritäre Regimes. Diese Gefahr bestand auch in der Schweiz. Worauf beruht die Bereitschaft, sich Autoritäten, Führern, Duces und Generälen zu unterwerfen? Dass es diese Bereitschaft gab, ist umso merkwürdiger, als der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die völlige Unfähigkeit der herrschenden Schichten, die politische sowie die militärische Lage adäquat einzuschätzen, offenbart hatte. Eine Konsequenz daraus hätte sein können, allen Autoritäten gründlich zu misstrauen. Aber das war bekanntlich nicht der Fall.
    Stattdessen breitete sich eine verleugnende Haltung aus: Schuld seien die anderen Völker. Die Deutschen klagten die Franzosen an, die Franzosen und die Engländer hielten Deutschland für schuldig. Damals war nicht möglich, was dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, in Gang kam – die sogenannte Aufarbeitung der Vergangenheit. Das war eine ausserordentliche geistige Leistung, und umso bedenklicher ist, dass sie heute infrage gestellt wird und der Ruf nach Mythen und Legenden neu erschallt. Demokratie ist auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte angewiesen. Kann diese nicht in der Bevölkerung verankert werden, dann steht die Demokratie auf schwachen Füssen.

    WOZ-Interviewer: Wenn es Krisen gibt, wird der Ruf nach Alternativen lauter. Westeuropa ist in der Krise, aber die Linken werden nicht stärker. Warum?
    Erdheim: "Das ist eine Spätfolge des Siegs des Kapitalismus von 1989. In den jüngsten Feiern zum Jubiläum des Mauerfalls wurde die weitgehende Entwertung linken Gedankenguts genüsslich zelebriert. Zwar rutschte der Kapitalismus selber in neue Krisen, und es müsste allen klar sein, dass das Ende der Geschichte noch nicht festgeschrieben ist. Aber das führt nicht zu einem verbreiteten Bewusstsein, dass kapitalistische Entwicklungen katastrophische Folgen haben können.
    Was allerdings vorhanden ist, sind die Ängste. Diese Ängste versucht ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung dadurch zu beruhigen, dass er auf eine Rückkehr zu Vergangenem als Lösung der heutigen Probleme hofft. Dabei spielt die Fremdenangst eine wesentliche Rolle, nach der Devise: Sind die Fremden einmal weg, dann werden sich die alten idyllischen Verhältnisse wie von selbst wieder herstellen. Die Angst vor der Zukunft ist so gross, dass man die Zukunft nur als Vergangenheit zu denken wagt.
    In einer solchen Situation haben linke Alternativen keine guten Chancen. Man kann auch noch annehmen, dass die linken Utopien, die um Russland und China kreisten, durch den Zusammenbruch des Ostblocks völlig diskreditiert wurden. Der Kapitalismus kann, weil er überlebte, mehr Argumente für sich anführen als der Sozialismus, der so vieles tut, um sich möglichst schnell dem Kapitalismus anzugleichen. Dabei wird oft vergessen, dass die Geschichte von 1917 bis 1989 wesentlich davon geprägt wurde, dass der Kommunismus den Kapitalismus zwang, Reformen einzuführen, um den politischen Einfluss der Roten abzuweisen. Es wäre ein interessantes Denkexperiment, der Frage nachzugehen, wie sich der Kapitalismus ohne den Einfluss des Kommunismus entwickelt hätte.

    Es stimmt zwar, dass man verdrängt, weil man sich nicht sicher fühlt, aber das geht nie ganz auf. Das Individuum ahnt ja, dass es mit etwas Wesentlichem nicht fertig wird, und so muss es immer neue Verdrängungsschübe auslösen, das heisst die gefährlichen Stellen immer weiter umfahren. Aber dadurch wird die Welt auch immer unübersichtlicher, also noch angsterregender. Damit will ich sagen, dass es das Individuum durchaus erleichtern kann, endlich die eigentlichen Gefahren beim Namen genannt zu bekommen. Die Medien rechtfertigen ihre boulevardistische Informationspolitik ja oft damit, dass es die Medienkonsumenten so wollen. Wer so argumentiert, verachtet die Mehrheit der Menschen und sieht sich als Teil einer Elite. Aufgrund dieser Konstruktion Elite–Masse rechtfertigt man die Notwendigkeit von Spaltung und Projektion: Die Masse will in ihren Illusionen bestätigt werden, und diese hat man zu produzieren und zu bedienen. Ich teile diese Ansichten nicht und nehme an, dass es dem Menschen zumutbar ist, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, auch wenn sie angsterregend ist.

    (...) Und so versuchen die Menschen, Orte zu finden wie Facebook, wo das Imaginäre ganz ausdrücklich eine grosse Rolle spielt. Die Wirklichkeit ist dort nicht so wichtig. Ob jene, mit denen sie da kommunizieren, Phantome sind, ob es sie wirklich gibt, das ist kein Thema. «Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein» – wie Goethes Faust, nur eben nicht beim Osterspaziergang, sondern auf Facebook.

    Pit Wuhrer (WOZ) zu Erdheim: «Was es heisst, Schweizer zu sein, wird einem erst klar, wenn man das Fremde verstehen möchte und auf die eigenen Schranken stösst», schrieb Erdheim – anknüpfend an die Forschungen von Paul Parin, Goldy Parin-Matthèy und Fritz Morgenthaler – in seinem Grundlagenwerk «Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozess» (Suhrkamp Verlag, 1988). Die Besonderheiten von Kulturen, so Erdheims These, träten nur durch die Gegenüberstellung mit anderen hervor: Erst in der Begegnung mit dem Fremden bekämen Erkenntnisse einen Wert.

    Quelle:
    Interview mit Mario Erdheim: http://www.woz.ch/1521/weiter-denken-anders-handeln-9/der-konsumwunsch-erwaechst-aus-den-kapitalistischen
    Ganzes Themendossier: http://www.woz.ch/d/weiter-denken-anders-handeln


    DER PREIS DES GEWISSENS

    Ernst Fehr im Zeitpunkt 110
    Ich zahle, also bin Ich.
    Auch wenn der Mensch eigenständig über den Preis einer Ware entscheiden kann, will er gerecht handeln. Damit bleibt das Gleichgewicht, das universelle Prinzip des Gebens und Nehmens gewahrt.

    Die unternehmerischen Vorteile des freien Preises (PWYW) haben wir im letzten Heft vorgestellt. Nun wechseln wir die Seite. Auch beim Zahlungsverhalten des Konsumenten ist das Gewissen die letzte Instanz. Würden wir den Predigern der Marktwirtschaft glauben, wäre das System der freien Bezahlung bereits gescheitert, bevor es richtig begonnen hat. Denn einem rationalen und gewinnorientierten Homo Oeconomicus bietet sich hier die beste Gelegenheit, das System zu seinem persönlichen Vorteil auszunutzen. Aber diese Rechnung wurde ohne das Gewissen gemacht.

    Die Mehrheit der Menschen handelt nicht egoistisch. Der Sozialökonom und Leiter des "Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung" der Universität Zürich, Prof. Dr. Ernst Fehr, untersuchte 2004 anhand von Spielsituationen die Zahlungsmoral: Etwa die Hälfte der Menschen verhält sich kooperativ und gibt bereitwillig Geld für einen gemeinschaftlichen Zweck - auch ohne beobachtet oder sanktioniert zu werden: Nur dreissig Prozent verhalten sich ausschliesslich egoistisch. Das ändert sich sofort, wenn sie beobachtet werden: Kaum etwas ist so schlimm wie soziale Missbilligung. Werden die Sanktionen noch konkreter, etwa mit Bussen, verhalten sich beinahe alle kooperativ. In der Praxis ist die Lage noch erfreulicher: Forscher um Ju-Young Kim von der Goethe-Universität in Frankfurt erhoben 2009 in Deutschland die bezahlten Beträge, wenn die Kunden frei über den Preis des Essens oder des Haarschnitts entscheiden konnten. Kein einziger Konsument hat gar nichts bezahlt, obwohl dies möglich gewesen wäre. Warum bloss? Das Vertrauen des Verkäufers verwandelt die ursprünglich ökonomische Beziehung zwischen ihm und dem Kunden in eine soziale.

    Wer etwas bekommt, möchte auch etwas zurückgeben. Der Konsument ist gewissenhaft bestrebt, einen fairen Preis zu bezahlen und damit das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zu erhalten, in der Soziologie Reziprozität genannt. Die Studien von Fehr oder Kahneman et al. (1986) bestätigen, dass die Mehrheit der Menschen sogar lieber einen Verlust auf sich nimmt, als eine ungleiche Verteilung zu akzeptieren. Ist der Wert eines Gutes nicht bekannt, braucht der Mensch Hilfe:
    «Ich habe beobachtet, was die anderen bezahlt haben.» Die Zirkusleute des Cirque de Loin (ehem. Zirkus Chnopf) erwähnen nach der Vorstellung, welcher Beitrag ihre Kosten decken würde. Eine Zuschauerin über die Hutkollekte: «Wenn ich genug Geld bei mir habe, gebe ich auch mehr und wenn ich mal weniger dabei habe, werde ich trotzdem nicht von der Show ausgeschlossen.»

    Wie das Gewissen rechnet
    Der freie Preis ist komplexer, als nur eine Gewissensangelegenheit, Was bei freien Preisen bezahlt wird, setzt sich gemäss Ju-Young Kim von der Goethe-Universität Frankfurt aus folgenden Faktoren zusammen:
    1. Fairness: Die Idee des Fairnessgleichgewichts geht davon aus, dass Menschen denjenigen helfen, die ihnen freundlich gesonnen sind und die Unfreundlichen bestrafen.
    2. Altruismus: Die Erkenntnis, dass Menschen auch ohne Gegenleistung geben, lässt darauf schliessen, dass reiner Altruismus tatsächlich existiert, aber individuell unterschiedlich ausgeprägt ist.
    3. Loyalität: Die Beziehung zu einem Verkäufer wirkt sich meist auch auf den bezahlten Preis aus. Stammgäste gäben durchschnittlich 1,05 Prozent mehr Trinkgeld.
    4. Preisbewusstsein: Konsumenten auf Schnäppchensuche geben bei PWYW tendenziell weniger aus.
    5. Einkommen: Wer mehr hat kann auch mehr geben und umgekehrt.
    6. Zufriedenheit: Gefällt dem Kunden das Produkt oder die Dienstleistung, so ist der Wille gross, dies auch finanziell zu vergüten.
    7. Interner Referenzpreis: Wen Konsumenten unsicher über den Wert einer Ware sind, lassen sie sich yon bereits gemachten Preiserfahrungen ähnlicher Produkte leiten.


    TEIL V: KONSUM - Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus

    Als Einleitung zum abschliessenden Teil 5 möchte ich an den Anfang des Kapitels zurückkommen und Heideggers Technik- und Bildkritik in Erinnerung rufen und diese mithilfe des Physikers und Philosophen Eduard Kaeser in die heutige Zeit weiterdenken:
      "Martin Heidegger spricht von der Technik als vom «Gestell». Damit ist nicht eine fertige Konstruktion gemeint, sondern eine Tätigkeit des Stellens. Moderne Technik ist für ihn die Kulmination der «Eroberung der Welt als Bild». Das Wort «Bild» bedeutet für Heidegger: «das Gebilde des vorstellenden Herstellens» – einer Aktivität «der Berechnung, der Planung und der Züchtung aller Dinge» (Heidegger "Holzwege" S.87). Die Gesamtheit dieses vorstellenden Herstellens, eben das Gestell, ist selbst nichts Technisches, sondern ein – schicksalhaftes – Verhältnis des Menschen zu seiner Welt und zu sich selber. Im Stellen und Bestellen der Natur, so Heidegger, macht der Mensch sie zum «Bestand». Wälder, Kohleflöze, Oelquellen, Erzminen gehören zum Material- und Energiebestand der Erde.

      Ins Netz stellen

      Heute, liesse sich – daran anknüpfend – sagen, verwandelt sich der Mensch immer mehr in Datenbestände. Und dass er sich – oder das, was er für sich hält – ins Netz stellt, gehört schon zur emblematischen Grundhandlung unserer Zeit. 1949 diagnostizierte Heidegger am Beispiel des Radios: «Die Menschen sind jetzt nicht nebenbei auch Bestand-Stück des Rundfunks. Sie sind in ihrem Wesen schon auf diesen Charakter, Bestand-Stück zu sein, gestellt.» Als Datenbestände sind wir «Bestand-Stücke» des digitalen Gestells. Im Gestell ist alles Stückwerk, verfügbar und auswechselbar.
      Das erinnert unweigerlich an die Welt heutigen Konsums, zu der Heideggers Position den denkbar schärfsten Kontrast markiert. Heidegger führt ein scheinbar banales Neutrum ins Treffen: das Ding. «Ding» bedeutet seinem alten Wortsinn nach Zusammenkunft, eine Gerichtsversammlung (althochdeutsch: «thing»), bei der über eine Sache verhandelt wird. Heidegger bringt das Beispiel des Kruges. Der Krug «dingt» uns. Das heisst, wenn wir aus ihm Wein trinken, dann bringt dies nicht nur Menschen zusammen, sondern ein Vierfaches: Himmel und Erde, Göttliche und Sterbliche. Einer solchen Feier des Kruges beizuwohnen, mag Heutige doch etwas gestrig anmuten. Dennoch spricht Heidegger den Gegensatz zweier Haltungen an, der sich als durchaus zeitgemäss herausstellt: den Gegensatz von Sammeln und Zerstreuen. Am «Weihevollen» des Kruges könnte man hervorheben, dass er in gewissen Momenten als Vehikel der Sammlung dient – nicht nur des Weins, sondern unserer Aufmerksamkeit auf den Wein. Und so gesehen schärft er den Kontrast zum zerstreuenden Charakter eines anderen Gefässes, des Wegwerfbechers. Dabei meint «Zerstreuung» jetzt die alles durchdringende Tendenz, unsere täglichen Arbeiten, Aufgaben, Problemlösungen, Bedürfnisbefriedigungen in Prozeduren und Module zu zerlegen und damit das Leben im technischen Kontext immer mehr in Wartungs-, Bedienungs- und Reparaturfunktionen zu zerlegen – bis zum Akt des Wegwerfens. Die totale Vernetzung, in die uns neue «Körperteile» wie Smartphones, Google-Brillen oder Oculus-Headsets verstricken, kann durchaus als neueste Variante des Gestells angesehen werden.
      Heideggers Beispielvorrat mutet in der modernen Lebenswelt angestaubt an. Eine praktikablere Fassung Heideggerscher Technikphilosophie stammt vom amerikanischen, im deutschen Sprachraum viel zu wenig bekannten Philosophen Albert Borgmann. Geboren in Freiburg im Breisgau, hörte er Vorlesungen Heideggers und doktorierte bei Max Müller, dessen Denken stark von Heidegger beeinflusst war. Die Rolle des Gestells übernimmt bei Borgmann das «Paradigma des Geräts» («device paradigm»); damit verbunden ist eine Haltung, welche die Welt dem Gesichtspunkt des leicht Verwendbaren, Verfügbaren, Konsumierbaren unterordnet. Gerät kann alles sein, dann nämlich, wenn ich es als «Zeug zu ...» behandle. In diesem Sinne sind nicht nur technische Objekte Geräte, sondern etwa auch Häuser, Nahrungsmittel, Landschaften, Tiere, der eigene Körper, andere Personen. Ein Haus kann Zeug zum Wohnen, ein Wein Zeug zum Trinken, ich selbst Zeug zum Selfie sein. Eine solche konsumptive Geräte-Haltung führt tendenziell zur Ablenkung von uns selber, zur Zerstreuung unserer Aufmerksamkeit, zur Verkümmerung unserer alltäglichen Fertigkeiten und Fähigkeiten.
      Ihr stellt Borgmann eine «fokale» Haltung gegenüber. Fokale Praktiken definieren buchstäblich Herde – der lateinische «focus» ist die «Feuerstelle» –, Herde eines anderen, nichttechnischen Umgangs mit Dingen, zumal auch mit technischen Objekten. Fokale Praktiken involvieren stets den Körper wie etwa Musizieren, Gärtnern, Essen und Trinken, Laufen und Gehen, aber auch etwa Motorradfahren. Sie lassen sich durchaus als «Künste» des Alltags auffassen, als Umgang mit Dingen, der auf den, der ihn pflegt, zurückwirkt, der ihn in Anspruch nimmt, ihn bildet.

      Lernen und verlernen

      Nehmen wir als Beispiel den modernen Umgang mit Distanzen (schon Heidegger verweist darauf). Distanzen sind heute vornehmlich «Zeug» zum Zurücklegen. Es gibt Abfahrts- und Ankunftsort, dazwischen ist buchstäblich – nichts. Wir sind durch die Verkehrsmittel einander ohne Nähe nah. Wir messen Entfernungen in der abstrakten Metrik von Zahlen, und nicht in der physischen Metrik von Schritten. Darin äussert sich auch die Verdrängung unseres Körpers aus den Distanzen. Ein fokales Verhältnis zur Distanz zu entwickeln, bedeutet daher umgekehrt, dass wir sie mit unseren Füssen messen. Und auf diese Weise können wir, wenn wir nur wollen, eine Intimität der Entfernung zurückgewinnen, die ja eigentlich jedem Spaziergänger und Wanderer vertraut ist. Eine Nähe zu Orten und Dingen, die uns – für eine gewisse Zeit – aus dem Gestell der technischen Verkehrsmittel herauslöst.
      Aehnliches liesse sich von den Kommunikationsmitteln sagen, generell von aller Technik, die uns immer schon «bestellt». Nur sollte man dies ausdrücklich nicht als Technikfeindlichkeit interpretieren. Anders als eine geläufige Kritik, die sich auf die Risiken von technischen Objekten konzentriert, sensibilisieren uns Heidegger und Borgmann mit ihrer aktuell-antiquierten Technikphilosophie für ein ganz anderes Risiko. Es liegt nicht im Gebrauch der Technik, sondern in der Technik als Brauch – als Lebensform, die uns immer schon «hat». In der «trostlosen Raserei der entfesselten Technik» (Heidegger) verlernen wir, Technik als Option zu begreifen: als die Wahl zwischen Zeug und Ding. Wir können nach wie vor selber wählen, welchen Weg wir nehmen, wie wir uns fortbewegen wollen. Zählen wir dieses Wählenkönnen zur 'Condition humaine', dann folgt daraus, dass Menschsein etwas ist, das man verlernen kann" (Kaeser 2014).
      Quellen:
      Heidegger, Martin (19....) Holzwege - Gesamt-Ausgabe, Band 5
      Kaeser, Eduard (2014). ..................... NZZ

    Konsum und Konsumismus

      "Konsum – der Kauf von auf dem Markt angebotenen Waren und Dienstleistungen – ist eine Voraussetzung für das Funktionieren des Wirtschaftskreislaufes. Um diesen in Gang zu halten, gilt es, beständig (neue) Interessen, Bedürfnisse und Wünsche zu wecken. Die Finanzkrise bzw. die Anstrengungen von Politik und Wirtschaft, diese zu bewältigen, führen es vor Augen: Damit die Menschen weiter konsumieren können, pumpt der Staat Geld in einen Kreislauf, der ins Schlingern oder Stocken zu geraten droht. Beispiel dafür ist die offiziell „Umweltprämie“ genannte staatliche Abwrackprämie für mindestens neun Jahre alte PKWs.
      Die „Konsumgesellschaft“ ist immer auch eine „Wegwerfgesellschaft“, in der Müllberge ebenso schnell wachsen, wie sich Warenlager füllen. Kritiker beklagen die schädlichen Wirkungen unreflektierten Ressourcenverbrauchs für Gesellschaft und Umwelt; sie sprechen von einer Täuschung der Käufer: Je weniger die produzierten Waren noch für die Befriedigung der Grundbedürfnisse erforderlich seien, desto mehr werde auf ihren Imaginations- und Inszenierungswert gesetzt. Befürworter des Konsumismus weisen den impliziten Vorwurf der Lüge zurück. Neben den Gebrauchswert sei ein Fiktionswert getreten: in Gestalt von Angeboten, die auf die Gefühlswelt der Konsumenten zielten, sie von Stress befreiten oder „fitter“ machten" (Katharina Belwe 2009 im Editorial der bpb-Broschüre 'Konsumkultur').

    Kulturindustrie: Popular- und Massenkultur

      "Popularkultur ist der Teilbereich der materiellen und ideellen Gesamtkultur der spätbürgerlichen Gesellschaft, den die kapitalistische Kulturindustrie zum Konsum anbietet. Das primäre Interesse dieser Industrie ist Profit. Deshalb betreibt sie eine nach dem Prinzip effektiver Kapitalverwertung organisierte, mithin serielle Produktion von Kulturgütern, die dadurch zu Kulturwaren werden. Ihre Distribution strebt eine permanente Ueberschreitung regionaler Grenzen an, da letztlich der Erfolg auf dem Weltmarkt Ziel ist. Die Erreichung dieses Zieles aber setzt eine Internationalisierung der im Kapitalismus herrschenden Konsumgewohnheiten voraus.
      Die Kulturindustrie ist Bewusstseinsindustrie, die in die Selbstauslegung der Gesellschaftsmitglieder, die ihre Waren konsumieren, massenmedial eingreift. Mehr noch: In dem Maße, wie dieser Eingriff „verwissenschaftlicht“ und infolgedessen wirkungspsychologisch raffinierter wird, entwickelt sie sich zur Bedürfnisindustrie, was der kulturpessimistischen Diagnose von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zufolge einen „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ bedingt, „in dem die Einheit des Systems sich immer fester zusammenschliesst“.
      Popularkultur und Massenkultur sind nicht zwangsläufig identisch. Denn der Begriff der Massenkultur, bereitet man ihn gemäß der psychoanalytischen Massenpsychologie auf, enthält eine semantische Komponente, die über den Begriffsumfang von Popularkultur hinaus weist. In der Tradition der Psychoanalyse wird der Begriff der Masse nicht demographisch verengt und also auf die Bedeutung einer zahlenmäßig unübersehbaren Menge einander fremder Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft reduziert; vielmehr dient er zur Kennzeichnung eines regredierten Bewußtseinsniveaus, dem eine Ich-Schwäche korrespondiert, in deren Folge die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt schwindet und damit auch die Unterscheidung von Phantasie und Realität.
      Demnach tendiert die Popularkultur in dem Maße dazu, Massenkultur zu werden, in dem sie Kulturwaren anbietet, die - sei es in manipulativer Absicht oder aber auch nur als verharmloste und deshalb hingenommene Nebenfolge - im Erleben ihrer Konsumenten eine solche Regression und deren Fixierung begünstigt".
      Quelle: Haubl, Rolf (1991, Band II). Unter lauter Spiegelbildern. Frankfurt a.M.: Nexus, S. 902

    Wolfgang Fritz Haug (1971): Kritik der Warenästhetik

    Haug hat bereits 1971 das heutzutage grassierende Phänomen des narzisstisch aufgeblähten marktschreierischen 'Kulturkapitalismus':
      "Haugs Analyse eröffnet – dem eigenen Anspruch nach – einen Zugang zur subjektiven Seite in der politischen Oekonomie des Kapitalismus, soweit das Subjektive zugleich Resultat und Voraussetzung für das Funktionieren dieser Oekonomie darstellt (1971, S.10). Haug hielt sich dabei eng an die Grundbegriffe, die Marx im Kapital niedergelegt hat:
      "Warenästhetik – ein „Komplex dinglicher Erscheinungen und davon bedingter sinnlicher Subjekt-Objekt-Beziehungen“ – resultiert aus dem Widerspruch im Tauschverhältnis. Aus dem Widerspruch zwischen Tauschwert und Gebrauchswert entwickelt sich danach die Verdoppelung des Gebrauchswerts in Gebrauchswert und Gebrauchswertversprechen. Der Gebrauchswert wird zum Köder.
      Die Ware wird ästhetisch herausgeputzt, um dem Käufer Gebrauchswert zu signalisieren, ihn zu faszinieren und schließlich zum Kauf zu veranlassen. Ob der versprochene Gebrauchswert dann im Konsum tatsächlich realisiert werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Ueber die ökonomische Funktion hinaus leistet die Warenästhetik durch die Faszination, die sie hervorruft, einen Beitrag zur Ideologiebildung und zum Erhalt des Kapitalismus. Sie signalisiert eine Fülle von Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung, ferner Reichtum, Wohlgefühl, Identität und soziales Ansehen. Dabei verdeckt sie den Blick auf die Bedingungen, unter denen Waren produziert werden".
      Haugs Analyse untermauert die Skepsis der Sozialphilosophie gegenüber dem unmittelbar erscheinenden Bedürfnis: Mit Hilfe von Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie demonstriert sie die Reichweite objektiver gesellschaftlicher Bestimmungen bis in das unmittelbare Handeln und Erleben der Individuen.
      In einer früheren Entwicklungsphase der Haug´schen Kritik der Warenästhetik, vor der Beschränkung auf politisch ökonomische Denkmuster (1971, S.9), wurden freilich gerade für die Psychotherapie relevante Gesichtspunkte einbezogen: der regressive Gehalt, die latente Infantilisierung und Inbetriebnahme subjektiver Bedürfnisstrukturen durch warenhaft gestaltete Sozialbeziehungen. Da war noch von Angst, Sexualität und Herrschaft im Zusammenhang mit Warenästhetik die Rede (Haug 1972)." (zitiert nach Schuch, Waldemar: online-Artikel auf Linkedin, März 2016

    Allokation – Distribution – Stabilisierung

    Konsumkritik aus Sicht des Finanzwissenschaftlers Richard Musgrave

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    Quellen:
    http://www.juergen-paetzold.de/stabpol/Allokation%20Distribution%20und%20Stabilisierung%20EF.html


    Werbung und Propaganda

      Consumo ergo sum: Zweckrationale Produktion irrationaler Gebrauchswertversprechen

      In der spätbürgerlichen Gesellschaft ist Werbung zweifellos der erfolgreichste Bereich der Popularkultur. Sie liefert deshalb auch zunehmend das Handlungsmuster, an dem die anderen Bereiche ihre Beeinflussungsstrategien schulen. Provokant formuliert: Es ist gerade die Werbung, die - eingedenk der Dialektik der Aufklärung - das Projekt der Moderne zu Ende führt. Indem sie strikt „davon aus(geht), daß menschliche Bedürfnisse formbar sind und sich ebenso produzieren lassen wie Glasaugen, Kühlschränke oder Autos“, erweist sie sich nämlich als lautstarkes Sprachrohr des modernen Glaubens an die uneingeschränkte Verfügungsgewalt des Menschen über die Natur, einschließlich seiner eigenen.
      Die Selbsterzeugung der menschlichen Gattung, die ihrem Wesen nach das ist, was sie wird, vollzieht sich, wie von der Aufklärung propagiert, tatsächlich immer rationaler. Die dominierende Zweckrationalität, die den Zweck sozialen Handels ins Belieben setzt, führt dabei zu Effekten, die zwar paradox erscheinen, tatsächlich jedoch zweckrational sind: nämlich Irrationalität zu stärken, solange dies einer Optimierung der Zweckerreichung dient. Die zweckrationale Produktion von Irrationalität aber ist das Geschäft, auf das sich die Werbung erfolgreich spezialisiert hat.
      Gerade dieses Erfolges wegen bleibt das gesellschaftliche Ansehen der Werbebranche aber gering. In der Abwertung der beteiligten Berufsgruppen schwingt freilich das Unbehagen von Homo consumens mit, in eine libidinöse Komplizenschaft mit seinen „geheimen Verführern“ verstrickt zu sein. Die notwendige Einsicht in diese Verstrickung bescheinigt der Branche keineswegs moralische Unbedenklichkeit. Sie beugt aber dagegen vor, daß sich Homo consumens als Opfer stilisiert und dadurch im Schutze wohlfeilen Selbstmitleides vorschnell seiner Verantwortung enthoben zu sein glaubt.
      Indessen ist die Kritik an der Werbung tatsächlich nicht ohne eine Selbstkritik zu haben, die von Homo consumens verlangt, sich seine eigene Verführbarkeit vor Augen zu halten. Womöglich will er sich in gewisser Weise sogar betrügen lassen. Denn die meisten Rezipienten von Werbung, so Daniel J. Borstin, „spielen stets ein Spiel mit sich selbst. Einen Augenblick lang genießen sie die angenehme Illusion, daß sich eine überspannte Erwartung erfüllt. Dann genießen sie die Entdeckung, daß sie die Illusion durchschauen“ - und sind der Werbung verbunden, weil sie sich von ihr nicht manipuliert, sondern gut unterhalten fühlen.
      Quelle: Haubl, Rolf (1991, Band II). Unter lauter Spiegelbildern. Frankfurt a.M.: Nexus, S. 912

    Entfremdung und Selbst-Design

    Die Autoren Rainer Funk, Gerd Meyer und Helmut Johach haben im Jahr 2000 - anläßlich Fromms 100. Geburtstag - einen Sammelband 'Erich Fromm - Zur Aktualität seines Denkens', herausgegeben. Rainer Funk schreibt darin über Fromms Bedeutung für die Gegenwart. Dessen Diagnose der Moderne, die Marketing-Orientierung, ist Funks Hauptuntersuchungsobjekt (hierzu Weiterführendes in den Kapiteln 7 und 9). Er bezeichnet sie als eine moderne Gesellschafts-Krankheit, die sich an der „Verkaufsstrategie“ — was mit Marketing gemeint ist — ausrichtet: Verpackung, Aussehen, Image, Showeffekt, Vermittlung, Performance, Outfit, Inszenierung. Der Mensch identifiziert sich mit der „ökonomischen Erfordernis kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Produktionsweise“:
    "Er erlebt sich selbst, seine Persönlichkeit, als eine Ware, die es zu verkaufen gilt" (ebd. S.37). Als Charakterzüge, die sich daraus entwickeln, nennt Funk unter anderem Flexibilität, Mobilität, Bezogensein ohne emotionale Bindung, Coolness, effektives Funktionieren und Leistungswille.
    Die menschlichen Eigenschaften werden in der Marketing-Orientierung auf die Produkte und Waren projiziert, was dem Vorgang der Entfremdung entspricht:
    "Nicht mehr der Mensch ist zärtlich, sondern der Weinbrand. Die Werbung spiegelt dabei nur die bei der Marketing-Orientierung praktizierte Wirklichkeitsverdrehung" (ebd. S.41).
    Die innere Leblosigkeit wird durch eine „inszenierte Wirklichkeit“ aufgefüllt und stimuliert.
    Der Werbespot erzeugt eine Welt von Erlebnis oder süßem Traum oder faszinierend schöner Welt, in der die Sehnsüchte der Menschen verwirklicht sind und zugleich der Joghurt oder das Bier zu Hause sind (ebd. S.43).
    Es werden also „Pseudo-Wirklichkeiten“ erzeugt, in der sich zwar Millionen treffen und sich normal fühlen, die aber doch einer „Borderline-Pathologie“ oder gar einer Schizophrenie entspreche (Zitate aus: Funk, R., Johach, H., Meyer, G. (2000, Hrsg.). Erich Fromm heute - Zur Aktualität seines Denkens).

    In den Jahren von 1961 bis 1978 veröffentlichte Erich Fromm mehrere Aufsätze und Reden, die in dem Sammelband "Humanismus als reale Utopie" herausgegeben wurden. Die Entfremdung ist nach Fromm die Krankheit des modernen Menschen. Der Mensch wird zum Götzendiener, der das Werk seiner eigenen Hände anbetet. Er ist nur noch damit beschäftigt zu arbeiten, um konsumieren zu können. Er möchte viel haben, statt viel zu sein. Machtstreben, Vergnügungssucht und Besitz verdrängen Liebe, Freude und persönliches Wachstum.
    Aengstlichkeit verbindet sich mit der Unfähigkeit, zu lieben. Der moderne Mensch flieht in ein leeres Geschäftigsein. An die Stelle der traditionellen Werte des Guten, Schönen und Wahren, die der Entfaltung des Menschen dienten, ist der technologische Wert getreten: Das technisch Mögliche wird zum Selbstzweck; ist etwas technisch möglich, dann wird es auch getan. Nach Fromm soll man sich der humanistischen Alternative bewusst werden. Der Humanismus geht vom fühlenden, lebendigen, leidenden und denkenden Menschen als der zentralen Kategorie aus. „Bei diesem Bezugsrahmen besteht der Sinn des Lebens in der völligen Entwicklung der menschlichen Eigenkräfte, insbesondere in der von Vernunft und Liebe, im Transzendieren der Enge des eigenen Ichs und in der Entwicklung der Fähigkeit, sich hingeben zu können, in der vollen Bejahung des Lebens und von allem Lebendigen im Unterschied zur Anbetung von allem Mechanischen und Toten.“ (Frommm (xyxy). Humanismus als reale Utopie, S......)

    Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflußt werden kann. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen, ohne daß man Gewalt anwenden müßte, die sich ohne Führer führen lassen und die kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen. […] Jeder glaubt sich dann in Sicherheit, wenn er möglichst dicht bei der Herde bleibt und sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln nicht von den anderen unterscheidet. (Frommm (xyxy). Die Kunst des Liebens, S......)

    Die in der Werbung und der politischen Propaganda angewandten hypnoseähnlichen Methoden stellen eine ernste Gefahr für die geistige und psychische Gesundheit, speziell für das klare und kritische Denkvermögen und die emotionale Unabhängigkeit dar. Ich bezweifle nicht, dass durch gründliche Untersuchungen nachzuweisen wäre, dass der durch Drogenabhängigkeit verursachte Schaden nur einen Bruchteil der Verheerungen ausmacht, die durch unsere Suggestivmethoden angerichtet werden, von unterschwelliger Beeinflussung bis zu solchen semihypnotischen Techniken wie ständige Wiederholung oder die Ausschaltung rationalen Denkens durch Appelle an den Sexualtrieb. Die Bombardierung durch rein suggestive Methoden in der Werbung, vor allem in Fernsehspots, ist volksverdummend. Dieser Untergrabung von Vernunft und Realitätssinn ist der einzelne tagtäglich und überall zu jeder Stunde ausgeliefert: viele Stunden lang vor dem Bildschirm, auf Autofahrten, in den Wahlreden politischer Kandidaten etc. Der eigentümliche Effekt dieser suggestiven Methoden ist ein Zustand der Halbwachheit, ein Verlust des Realitätsgefühls. (Frommm (xyxy). Haben oder Sein, S......)

    Was sind denn die »Meinungen«, auf denen die Umfragen basieren, anderes als die Ansichten von Menschen, denen es an ausreichender Information und der Gelegenheit zu kritischer Reflexion und Diskussion fehlt? Außerdem wissen die Befragten, daß ihre »Meinungen« nicht zählen und somit ohne Auswirkungen bleiben. Solche Meinungen stellen nur die bewußten Ideen eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt dar; sie sagen uns nichts über die in tieferen Schichten vorhandenen Tendenzen, die unter veränderten Umständen zu den entgegengesetzten Meinungen führen könnten. Der Befragte hat ein ähnliches Gefühl wie der Wähler in einer politischen Wahl, der genau weiß, daß er in Wahrheit keinen weiteren Einfluß auf die Ereignisse nehmen kann, sobald er einem Bewerber zu einem Mandat verhelfen hat. In mancher Hinsicht werden politische Wahlen unter noch ungünstigeren Umständen durchgeführt als Meinungsumfragen, da die semihypnotischen Wahlkampftechniken das Denkvermögen beeinträchtigen. Die Wahlen werden zu einem spannungsträchtigen Melodrama, bei dem es um die Hoffnungen und Ambitionen der Kandidaten, nicht um Sachfragen geht. Die Wähler können an dem Drama mitwirken, indem sie dem von ihnen favorisierten Bewerber ihre Stimme geben. Wenn auch ein großer Teil der Bevölkerung auf diese Geste verzichtet, ist doch die Mehrheit von diesem römischen Spektakel fasziniert, bei dem Politiker statt Gladiatoren in der Arena kämpfen. Um zu echten Ueberzeugungen zu kommen, bedarf es zweier Voraussetzungen: adäquate Informationen und das Bewußtsein, daß die eigene Entscheidung Folgen hat. Die Meinungen des machtlosen Zuschauers drücken nicht dessen Ueberzeugungen aus, sondern sind so unverbindlich und trivial wie die Bevorzugung einer Zigarettenmarke. Aus diesen Gründen repräsentieren die in Umfragen und Wahlen geäußerten Meinungen die niedrigste, nicht die höchste Ebene menschlicher Urteilsfähigkeit" (Frommm (xyxy). Haben oder Sein, S......).

    Konsumismus und „Marketing-Charakter“ als Pseudoreligion

    Ein Beispiel dafür zeigt sich in dem Phänomen, das als Konsumismus beschrieben worden ist. Für Norbert Bolz, der darin ein „Immunsystem [... ] gegen den Virus der fanatischen Religionen“ sieht (2002, 16), trägt der Konsumismus klare Züge einer universalen Weltreligion, da er alltägliche Waren mit einem spirituellen Mehrwert versieht und damit die Unterscheidung zwischen dem Sakralen und dem Profanen in die Warenwelt implementiert (Bolz 2002, 114 ff.). Der Konsum wird zur spirituellen Begegnung und Vereinigung mit der Ware, die dadurch die Rolle des Sakralen annimmt, aber im Unterschied zum echten Sakralen natürlich handhabbar und beherrschbar bleibt. Aus dieser mystischen Vereinigung geht der Kunde scheinbar gestärkt und mit einer höheren Identität hervor. Er wird durch die Ware scheinbar in einen anderen verwandelt. Marken und Warenzeichen verheißen Erlösung durch Verwandlung zu einem neuen Menschen. Wer Markenwaren am Leibe trägt oder Prestigemarken in der Garage hat, ist mit einer neuen Identität, der Markenidentität, ausgestattet. Das Konsumgut, das er besitzt, zeigt ihm, wer er ist. So wird der Fahrer eines Motorrads der Marke Harley Davidson zum Easy Rider, zum Menschen, der von den Qualen und Erniedrigungen des Lebens erlöst ist. Ein anderes Beispiel sind Geländewagen, die von ihren Haltern niemals im Gelände gefahren werden (können).
    Sie vermitteln das Lebensgefühl von Freiheit und Ungebundenheit und damit wiederum auf eine andere Weise die Erlösung von den Erniedrigungen des Alltags.
    In beiden Fällen wird das dadurch erreicht, dass die Ware nicht nach ihrem realen Gebrauchs- und Verbrauchswert beurteilt und benutzt wird, sondern nach eben jenem spirituellen Mehrwert, den die Gläubigen in ihr sehen.
    Der Konsumismus scheint wie die Religion über unsichtbare metaphysische Quellen zu verfügen, aus denen er Heil spenden, Bedeutung generieren, Lebenssinn vermitteln und mit Identität und Zugehörigkeit locken kann. Jutta Heinz meint, sowohl die metaphysische Hinterwelt der Götter und Ideen als auch die kapitalistische Scheinwelt der Waren und Marken zehre grundsätzlich von der gleichen Substanz, nämlich der Sinn- und Glücksbedürftigkeit der Menschen. Beide verführten auf ähnliche Weise, indem sie unsichtbare, nicht-greifbare, spirituelle Werte anböten, die das Heil versprächen (Heinz 2009 S.24). Augenscheinlich wird das etwa an dem Phänomen der Jugendweihe, wie sie insbesondere in Ostdeutschland angeboten und von breiten Schichten der Bevölkerung angenommen wird. Dabei soll es sich um ein sogenanntes Uebergangsritual handeln, mit dem der Uebergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter feierlich angezeigt werden soll. Die Jugendweihe ist stark am Vorbild der protestantischen Konfirmation orientiert. An der Stelle, wo im Rahmen des Konfirmationsprozesses eine zweijährige Vorbereitungszeit steht, die der Einweihung und Einübung in den Glauben der Kirche dient, dem zuzugehören die Konfirmanden schließlich bestätigen sollen, tritt bei der Jugendweihe ein (nicht verpflichtendes) Programm, das wesentlich aus Modeberatung, Discoveranstaltungen, sexueller Aufklärung und Fahrstunden besteht (Döhnert 2003, 63). Höhepunkt der eigentlichen Jugendweihefeier ist die Uebergabe eines „Gedenkbuches“, bei dem es sich um ein Lexikon „Deutschland – so schön ist unser Land“ oder ein Reiselexikon mit Autoatlas handeln kann (Mueller 2003 S.97).

    Bei allen äußerlichen Aehnlichkeiten geht das Streben des Konsumisten im Unterschied zu echter Spiritualität und Mystik allerdings nicht dahin, leer zu werden und durchlässig für die Welt des Sakralen, sondern es geht ganz im Gegenteil gleichsam darum, voll zu werden und damit gleichsam sperriger und undurchlässiger, um den Fluten und Orkanen Gottes besser Widerstand leisten zu können. Das Sakrale soll ausgesperrt bleiben. Ihm wird mit Widerstand begegnet. Der Konsum als Strategie des Sich-Einverleibens will das Entsetzen und die Furcht vor dem Sakralen dadurch bewältigen, dass sie ihm etwas entgegenhält, das, weil es einverleibt ist, dem Konsumenten nicht weggenommen werden kann (Fromm 1984 S.37). Diese Strategie beruht aber notwendigerweise auf einer Unterschätzung. Das Sakrale ist zu gewaltig, um sich von einem konsumierenden Individuum aufhalten zu lassen.
    Deshalb muss der Konsumist immer größere Barrieren bauen, immer aufwändiger seinen Widerstand organisieren und damit immer mehr einem besinnungslosen Konsum verfallen. Diese Entwicklung findet ihr natürliches Ende nicht in irgendeinem Zustand der Befriedigung und der Ruhe, sondern letztlich nur in einem völligen Zusammenbruch, der eintritt, wenn die ökonomischen Ressourcen verbraucht oder einfach nicht stark genug sind, um das Sakrale wirksam abzuwehren. Konsumismus führt deshalb in ein Stadium der Selbstentfremdung und zutiefst neurotischer oder psychotischer Störungen.
    Die letzte Uebersteigerung des Konsumismus besteht darin, nicht mehr nur die eigene Umwelt als der eigenen Macht und dem eigenen Besitz unterworfene tote Objekte zu betrachten, um deren Einverleibung es geht, sondern darin, sich selbst zur Ware zu machen, also zu etwas, das nicht mehr Subjekt, sondern Objekt des Konsums ist. Erich Fromm (1984, 141) hat dies den Marketing-Charakter genannt. Der Marketing-Charakter hat die Vergeblichkeit der zwanghaft hortenden Haltung des Habens erfahren. Er begreift seinen eigenen Wert nur noch als Tauschwert, also mit den Augen eines Konsumenten, dem er sich einzuverleiben bereit ist. Der Marketing-Charakter transzendiert sich in gewisser Weise dadurch, dass er sich nicht mehr um seine eigene Widerständigkeit gegen das Sakrale kümmert, sondern um seine optimale Verkäuflichkeit, durch die er Teil eines anderen wird und sich auf diese Weise vor dem Sakralen zu verstecken hofft. Ein solcher Mensch schützt sein Ich vor der Bedrohung durch das Sakrale, indem er sich selbst aufgibt und zu einem konsumierbaren Teil eines anderen wird. Sein Lebensprinzip ist, wie Fromm (1984, 142) sagt, in dem Satz beschrieben: Ich bin so, wie du mich haben willst. Die Aufgabe der eigenen Identität und das Einswerden mit einer Firma, bzw. mit der abstrakten Idee irgendeiner Firma sieht der mystischen Selbstaufgabe sehr ähnlich, ist aber doch fundamental von ihr unterschieden. Die Unio Mystica erstrebt die Selbsterhaltung durch Vereinigung mit dem Sakralen, der Marketing-Charakter erstrebt die Selbstvernichtung, um sich so der befürchteten Vernichtung durch das Sakrale zu entziehen.

    Definitionen:
    - Ein Konsumist ist jemand, für den Konsum eine ersatzreligiöse Funktion erfüllt
    - ein Konsument hingegen ist jemand, der gelegentlich zur Befriedigung seines Bedarfs als Nachfrager auf dem Markt auftritt.
    Quelle: Paul Tiedemann (2012). Religionsfreiheit – Menschenrecht oder Toleranzgebot?

    Dieser Aspekt des Marketing-Charakters (Erich Fromm) wird im Kapitel "Esoterik" näher und konkreter ausgeführt



    Beispiele eines "gelungenen" (aus Sicht der kommerziellen Welt, der Wirtschaft also) Zusammenwirkens von individuellem und kollektivem Narzissmus

    - BIO 2.0: Perfekte Symbiose von Narzissmus und Kapitalismus

    Greenwashing - Manifest gegen Nachhaltigkeit
    br> Beispiel Greenpeace - Umwelt Business

    (...)
    (...)
    (...)
    zum Inhaltsverzeichnis


    Das 'wahre' und das 'falsche' Selbst oder inneres und äusseres Selbst

    Wahres Selbst: woran erkennt man dieses bei sich und anderen ?

    - Bescheidenheit ist viel mehr als eine Zier, sie ist Ausdruck des wahren Selbst
    - Demut und Dankbarkeit
    - Bewahrung der Schöpfung: Oekologisches Handeln als humanistische Konsequenz

    Was klingt wie eine Sonntagspredigt, ist für mich selber und viele andere befreiend erlebte Realität:

    Abschied aus dem Hamsterrad des "immer mehr" und Zufriedenheit mit inneren, wahren, meistens nichtmateriellen Werten: Innerer statt äusserer Reichtum !

    Das Falsche Selbst zeigt sich umgekehrt v.a. in zwei Bereichen:
    - Streben nach immer mehr Materiellem, nach mehr Lohn, nach Status Symbolen etc. - im Konsumverhalten zeigt sich die wahre Selbstsicherheit und das Selbstwertgefühl am besten. Je unsicherer (eine "Qualität" des falschen Selbst) eine Person, desto mehr erliegt sie dem Konsumrausch, seien es materielle (Luxus-)Güter oder auch Konsum im Suchtbereich: Drogen, Alkohol und andere Abhängigkeiten
    - Streben nach immer mehr Aufmerksamkeit, meistens in Form von Leistung, v.a. Anerkennung dieser Leistung: Aufstieg im Beruf, dauernde Aus- und Weiterbildungen, Karrierestreben etc.

    Nun ist es durchaus so, dass auch vermögende und "berümte" Menschen aus dem wahren Selbst heraus leben können - nur ist es viel schwieriger als wenn man unbekannt und mit weniger Geld ausgestattet ist.
    Umgekehrt ist es für Menschen welche aus der Unterschicht stammen oder z.B. aus Schwellenländern nach Europa oder in die USA emmigriert sind, auch schwierig, den Verlockungen der Konsumgesellschaft zu widerstehen und ganz bei sich zu bleiben und auch nach der Immigration ein bescheidenes Leben weiterzuführen.
    Oft muss das Materielle ausgekostet werden, bevor man mit der Zeit zu einem postmaterialistischen, an inneren Werten orientierten Leben findet - das war bei uns in Europa oder den USA/Kanada nicht anders: vom Materialismus zum Postmaterialismus (vgl. georg Franck 2000 und 2003). Es ist also m.E. unsere Aufgabe hier im reichen Westen, freiwillig zu den wahren, sprich: inneren, Werten zurückzukehren, bevor wir dazu gezwungen werden, weil der Planet Erde uns quasi abschüttelt, weil wir seit Jahrzehnten Raubbau mit seinen Ressourcen (Wasser, Luft, Oel, Gas etc.) betreiben. Ich bin sicher, dass der Planet Erde uns Menschen auf jeden Fall überleben wird, wir aber nicht ihn...

    (............)



    Décroissance und Kapitalismuskritik: Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz



    "Décroissance bedeutet Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzdiktatur. Deshalb ist die Bewegung gegen die so genannte freie Marktwirtschaft, also letztlich gegen den Kapitalismus. Es geht ihr aber nicht nur um die Ueberwindung eines Wirtschaftssystems, das auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. Es geht ihr um die Überwindung des Denkens in bloss ökonomischen Kategorien und des Handelns nach bloss ökonomischen Kriterien. Es geht ihr um die Ueberwindung des Machtstrebens, das untrennbar zum ökonomischen Denken gehört. Das bedeutet einen Mentalitäts- und Gesellschaftswandel, der schon vor – und natürlich auch nach – dem Uebergang in ein postkapitalistisches System wirken kann. Deshalb lautet die ganze Antwort:
    Décroissance ist zwar antikapitalistisch. Sie ist aber nicht nur sinnvoll im Hinblick auf eine künftige – und ungewisse – Ueberwindung des Kapitalismus, sondern auch als Mentalitätswandel innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Die Radikalität des Décroissance-Gedankens lässt vermuten, dass eine Vereinnahmung der Bewegung durch den Kapitalismus weniger leicht ist, als dies bei früheren alternativen Bewegungen der Fall war, zum Beispiel bei den Achtundsechzigern oder den Grünen.
    Die Begriffe und Werte, mit denen diese Bewegungen arbeiteten (Freiheit, Autonomie, Schonung der Umwelt usw.), lassen sich leicht im Interesse des Kapitalismus uminterpretieren. Das dürfte bei den Grundwerten der Décroissance schwieriger sein. Abgesehen von ihren ungewissen Erfolgsaussichten, ist sie deshalb ein Störfaktor für das Funktionieren des Kapitalismus." (Decroissance - Die Mutmacherin).

    Mainzer-Thesen, These 5: Das Gesundschrumpfen der Wirtschaft und die deutliche Verringerung des Konsums sind mindestens in den reichen Ländern unvermeidlich.
    Eine Oekonomie, die zu deutlichem „Gesundschrumpfen“ gezwungen sein wird, um letztendlich einen nachhaltigen Gleichgewichtszustand zu erreichen, stellt Wirtschaftssystem und Politik vor nie gekannte Herausforderungen. Dieser Wandel der Oekonomie wird politisch nur dann durchsetzbar sein, wenn Reichtum umverteilt und soziale Gerechtigkeit hergestellt wird.

    Bereits ein Blick auf die Müllhalden der Welt zeigt, dass wir derzeit eine reine Verschwendungs-Wirtschaft, zelebrieren, die zwingend zum globalen Kollaps führen muss.
    Durch die drohenden Ressourcen-Engpässe werden wir wahrscheinlich schon in den nächsten Dekaden gezwungen werden, mit deutlich weniger Energie- und Rohstoff-Verbrauch auszukommen als bisher. Das bedeutet ein deutliches Schrumpfen der Real-Ökonomie und damit des materiell definierten Lebensstandards gegenüber dem heutigen Niveau, - zumindest in der „Ersten Welt“. Eine schrumpfende Ökonomie wird keine Spielräume mehr haben, wie in der Vergangenheit soziale Benachteiligung über ein höheres Wirtschaftswachstum auszugleichen und soziale Konflikte zu entschärfen Im Gegenteil, jede Verringerung des Konsums verstärkt die Bedeutung der Verteilungsfrage: Wer darf wie viel in Anspruch nehmen und warum? Daraus ergibt sich, dass wirksame Begrenzung nur mit einer als gerecht empfundenen Verteilung gelingt. Falls diese gerechte Verteilung nicht gelingt, dann werden sich die sozialen Kämpfe in einer kaum vorstellbaren Weise zuspitzen.
    In unserem Wirtschaftssystem haben sich inzwischen wenige, transnationale Unternehmen die Energie- und Rohstoff-Ressourcen gesichert; die Verteilung wird über den Markt bestimmt.
    Es stellt sich nun die Frage: Kann ein allein vom Markt geprägtes Wirtschaftssystem eine gerecht empfundene Verteilung sichern?
    Wir stehen wahrscheinlich vor folgenden Alternativen: Eine gegen die Bevölkerungsmehrheit durchgesetzte post-kapitalistische Raubtier-Ökonomie in einer „re-feudalisierten“ Gesellschaft („Barbarei“) oder ein halbwegs geordnetes Schrumpfen durch volkswirtschaftliche Pläne bei starker Zurücknahme des Rechts Einzelner, sich natürliche und gesellschaftliche Ressourcen privat unbegrenzt anzueignen.



    René Zeyer hat nach seinen Bestsellern «Bank, Banker, Bankrott» und «Zaster und Desaster» wieder zugeschlagen.
    Der Journalist («Geo», «FAZ», «Stern», «Blick») weiss als Kommunikationsberater in der Finanzbranche, wie grandios da gelogen wird. Sein neues Buch «Cash oder Crash» ist bei Orell Füssli erschienen.

    Das gefährliche Geheimnis des Hebels

    KLARTEXT: Autor René Zeyer hilft, die Finanzakrobatik der Euro-Retter auf Deutsch zu übersetzen.

    Alle reden derzeit von einer Wunderwaffe gegen die Eurokrise – dem Hebel! Was aber ist dieser neuste finanztechnische Scherzartikel?
    René Zeyer erklärt es uns in seiner soeben erschienen Gebrauchsanweisung «Cash oder Crash» so:
    Ein finanzieller Hebel funktioniert so – einfach erklärt am Beispiel der Bank «Gier & Söhne». Die verfügt über ein Eigenkapital von 100 Euro und kann sich zum Zinssatz von 0 Prozent bei der staatlichen Notenbank Geld dazuleihen.
    Nimmt «Gier & Söhne» nur die 100 eigenen Euro in die Hand und wettet darauf, dass der Kurs des Euro gegenüber dem Schweizer Franken um 3 Prozent sinken wird, dann verdient die Bank an dieser Wette genau 3 Franken, wenn das passiert.
    Leiht sie sich hingegen 900 Franken dazu und die Wette geht auf, dann hat sie einen Gewinn von 30 Franken. Das wäre eine Hebelwirkung von 10, im modernen Banking werden gerne Hebel vom Faktor 40 und mehr eingesetzt.
    Bei 100 Franken eigenem Geld und geliehenen 3900 Franken steigt der Gewinn auf 120 Franken. Allerdings jubiliert «Gier & Söhne» nur, wenn die Zukunft ihr den Gefallen tut, sich so zu verhalten, wie sie es prognostiziert hat.
    Sollte der Eurokurs sich gegenüber dem Franken nicht verändern, wurde ein Nullsummenspiel betrieben. Ist der Euro so gemein, um 3 Prozent zu steigen statt zu sinken, und hat die Bank ein übliches Leverage von 40 eingesetzt, dann muss sie einen Verlust von 120 Franken verbuchen.

    Einfacher ausgedrückt: Die Bank ist blank, pleite, bankrott. Wäre «Gier & Söhne» jedoch eine systemrelevante Bank, dann wird dieser Verlust vom Staat übernommen – es zahlen also die Steuerzahler bis zum Sankt Nimmerleinstag. Nur gut, dass Zeyer uns auch Weiteres verrät – in einfachen Worten.

    Virtuelles Geld: Ich nehme 100 Taler und leihe die einem von mir selbst hergestellten Klon. Dann bitte ich den Klon, mir die 100 Taler wieder zurückzuleihen.
    Damit habe ich 200 virtuelle Taler hergestellt, zusätzlich zum real existierenden Geldschein. Diese verwende ich nun als Sicherheit für eine Kreditaufnahme von weiteren realen 100 Talern. Zusätzlich schliesse ich eine Versicherung darauf ab, dass der Kredit über 100 Taler tatsächlich bedient wird. Und so weiter.
    Alle Beteiligten wissen dabei, dass es sich hier um eine reine Luftnummer handelt – an der in Form von Gebühren, Kommissionen, Kick-backs Geld verdient werden kann.
    Angeschmiert ist nur der Dumme, der reales Geld geliefert hat. Aber der reicht seinen Verlust an den Staat weiter, der ihn mit einer weiteren Luftnummer begleicht.

    Am Ende ist der Steuerzahler der Depp. Dem Hebel sei Dank


    DICHTUNG UND WAHRHEIT - oder eine kleine Uebersetzungshilfe für jedermann:
    «Ich habe hier eine persönliche Empfehlung speziell für Sie.»
    Ich muss dieses Produkt allen meinen Kunden verkaufen.

    «Ich sehe grosses Potenzial.»
    Ich sehe überhaupt nichts, aber unsere Analysten behaupten das.

    «Ich habe ein auf Sie massgeschneidertes Anlagemodell.»
    Ich habe in eine 08/15 Schablone Ihren Namen und Ihre Zahlen eingesetzt.

    «Die Börse ist ja etwas volatil.»
    Ich habe keine Ahnung, wo die Reise hingeht.

    «Wir sollten auch an Steueroptimierung denken.»
    Ich will Ihr Schwarzgeld nicht verlieren.

    «Ich berate nur, die Entscheidungen müssen Sie treffen.»
    Ich lehne jede Verantwortung oder Haftung ab.

    «Vertrauen ist der höchste Wert für mich.»
    Glücklicherweise hat Vertrauen keinen Wert.

    «Ich arbeite nur in Ihrem Interesse.»
    Ich arbeite nur für mich und meinen Bonus.

    «Haben Sie schon an eine aktive Bewirtschaftung Ihres Vermögens gedacht?»
    Unsere Fondsmanager brauchen neues Spielgeld.

    «Ich verstehe, dass Sie von der Entwicklung Ihres Portfolios etwas frustriert sind.»
    Ihr Gezeter geht mir auf den Keks.

    «Wir sollten das objektiv sehen.»
    Hören Sie endlich auf, mich anzujammern.

    «Sie können mich jederzeit anrufen.»
    Bloss nicht!

    Narzissmus IV: Fairness, Egoismus, Altruismus und Empathie (Ernst Fehr, Jeremy Rifkin und Richard David Precht)

    Narzisstisches Zeitalter?
    - Entfremdung durch Kapitalismus --> vgl. Kap.3: Riesman, Putnam, Marcuse, Fromm, Ehrenberg, Han

    - Faszination der Oberflächen/des Oberflächlichen --> vgl. Kap. 2: Visueller Narzissmus und Wahrnehmung

    - Entkörperung durch virtuellen Raum (Internet): Sherry Turkle u.a.
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    Mässigung, Balance, Toleranz

    Der Siegeszug des Kapitalismus und seine baldige Explosion?
    "Früher lüpfte man den Hut vor Professoren und Philosophen, doch in den Achtzigern setzte ein Wertewandel ein. Warum ist intellektuell heute ein Schimpfwort? Weil keinen Wert mehr hat, was nicht verkauft - und die obszönen Superreichen zum kollektiven Vorbild geworden sind."

    "Der Kapitalismus hatte mit dem Zusammenbruch der verzagten Gegenversuche endgültig gewonnen, und befand sich auf der Geraden zur eigenen Explosion, die in Kürze bevorsteht. Gesellschaftlich respektiert werden unterdes nur noch Menschen, die es zu was, sprich: zu Geld gebracht haben. Die kollektiven Vorbilder sind Superreiche, und deren durch die Inflation der Yellow Press für alle erreichbar scheinenden Lebensmodelle, die Helikopter, goldene Wasserhähne und Speedboote beinhalten."

    "Was nicht verkauft, hat keinen Wert. Der Erfolg gibt ihnen recht, das ist eines der blödesten Sprichworte unserer Zeit, die hoffentlich bald zu einem universellen Kollaps führen wird, zu einer grossen Pulverisierung von allem, was wir kennen, um der Verblödung ein erfreuliches Ende zu bescheren."(Sibylle Berg im Spiegel-Online Mai 2011)

    Kapitalismus- und Medienkritik: eine Utopie - was kommt nach dem Kapitalismus

    Ent-Kapitalisierung der Kunst?
    Flatrate als schon fast sozialistisches Instrument der Gerechtigkeit!
    "So ist es naheliegend, auch die Kopiererei im Netz - zumindest, soweit es um anderweitig bereits vermarktete Werke geht - vom grossen Verbot des Urheber-Eigentumsrechts zu befreien und stattdessen nach einer schlanken Vergütungslösung zu suchen."(Spiegel 21/2012 und Spiegel-Online: http://www.spiegel.de/spiegel/urheberrecht-a-833984-4.html)

    Eine spannende Diskussion ist entstanden, ein Disput nämlich zwischen der von der Deutschen Piratenpartei vorgetragenen Urheberrechts-Kritik und den Künstlern sowie deren ...verwertern auf der anderen Seite.
    Wenn Nestlé einerseits immer mehr das Wasser, was bisher Allgemeingut war, monopolisiert und Geld für dessen Gebrauch verlangt (Kapitalisierung eines bisher kostenlosen Gutes, siehe den schockierenden Dok-Film ...), gibt es hier bei den Kunstwerken (v.a. Musik, Film, Buch) eine gegenteilige Tendenz: die Oeffnung der Märkte bis hin zu einem freien Zugang zu diesen künstlerischen Produkten.
    Aus technischen Gründen (wieder mal ist "das Internet" Schuld...) ist es zu dieser "Enteignung" gekommen - obwohl immer mehr Anwaltskanzleien den zumeist jugendlichen "Downloadern" und "Sharern" nachzustellen und diese mit Klagen eindecken, gelingt es nicht, diese Konsumenten zurück an den Konsens-Tisch des Kaufen-Müssens zu bringen.
    Robert Misik - Alles Ware
    Konsumkritik vom Feinsten
    Robert Misik - Genial dagegen
    Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore

    Was Robert Misik in seinen Büchern "Alles Ware - Das Kultbuch" (2007) und "Genial dagegen" (2005) als Kapitalisierung der Kunst, bzw. als "Lifestyle-Kapitalismus" bzw. Kulturkapitalismus beschreibt, scheint möglicherweise schon wieder abgelöst zu werden von einer Gegenströmung, dem frei zugänglichen Kulturgut, welches auf anderen Wegen (z.B. durch staatliche Förderung oder Abgaben auf leeren Datenträgern etc.) Geld für den Künstler generiert als über den Einzelverkauf von z.B. CDs oder DVDs oder Büchern.
    Hier sehe ich optimistisch eine Abnahme der in fast allen Bereichen zunehmenden Kommerzialisierung und Kapitalisierung von bisher frei zugänglichen Gütern.
    "Ganz grundsätzlich: "Warum Urheberrecht?", lautet der provokante Titel eines Werkes von Gerd Hansen. Er erklärt: Das Urheberrecht könne seine "Legitimationskrise" nur überwinden, wenn es eine neue "Balance" zwischen dem öffentlichen Interesse des Publikums an Kultur und dem berechtigten Wunsch der Kulturschaffenden an der Finanzierung ihrer Arbeit finde. Sogar die Politik stimmt zu, ein Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion, das in der vergangenen Woche verbreitet wurde, spricht vom nötigen Ausgleich der Interessen." (Spiegel 21/2012 und Spiegel-Online: http://www.spiegel.de/spiegel/urheberrecht-a-833984-4.html)

    Die Piratenpartei ist da zusammen mit z.B. dem Initiativkommitee für eine Bedingungsloses Grundeinkommen meines Erachtens auf einem sehr guten Wege einer sanften Revolution, weg vom verschleissenden kommerziellen Kampf ums individuelle Ueberleben in eines sozialdarwinistisch gewordenen Geld-Welt.
    Quellen:
    Das Urheberrecht muss sich ändern! - Spiegel 21/2012 und Spiegel-Online

    Burnout - als Resultat von "modernem Sozialdarwinismus"?
    Burnout und andere Verschleisskrankheiten werden immer mehr zunehmen, wenn dem Konkurrenzdenken und -druck nicht bald einmal ein Gegenmodell des friedlichen Miteinanders entgegengestellt wird!
    "Mit der Oekonomisierung unserer privaten Lebenswelt geht ein krank machender Verlust ethischer Werte und des Lebenssinns einher. Eine Abkehr vom Nützlichkeitsdenken, fordert Toni Brühlmann.
    Burnout ist keine Krankheit, sondern eine gesellschaftlich mitbedingte Fehlentwicklung des Einzelnen, die dann in Krankheiten hineinführen kann. Die gesellschaftlichen Faktoren, die das Ausbrennen bewirken können, sind einerseits die Stresszunahme und anderseits der Ethikverlust. Ökonomisierung, Globalisierung und digitale Vernetzung bewirken eine Hektik und Erreichbarkeit, denen der Einzelne ständig ausgesetzt ist. Die Managerhaltung ist längst von der Berufswelt auf die ganze Lebenswelt übergeschwappt. Alles muss nützlich und effizient sein, nutzlose Musse ist nicht mehr tolerabel. Man ist zum Unternehmer seiner selbst geworden." (Toni Brühlmann in der NZZ vom 20. Mai 2012, meine Hervorhebungen)

    Und weiter: "Der Burnout-Patient ist Opfer ungesunder gesellschaftlicher Imperative, gleichzeitig aber auch Täter an sich selbst. Er ist aktiv mitbeteiligt an seiner ungesunden Stressverarbeitung und seinem persönlichen Sinnverlust."
    Hier wird zusätzlich der ethisch-moralische Aspekt miteinbezogen, die Möglichkeit eines Aussteigens aus den "Tretmühlen des Glücks" (Buchtitel von Mathias Binswanger) angesprochen.
  • Toni Brühlmann - Die moderne Lebenskrise


  • Piratenpartei u.a.: Vom Besitzen zum Teilen!
    - Schwarmintelligenz
    - Liquid Democracy
    - "Der Marktliberalismus ist tot, wir sind die Gesellschaftsliberalen" (Pirat aus dem Saarland)


    zum kompletten Literaturverzeichnis

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    Linke und wissenschaftliche Wachstums- und Systemkritik

    ... "Viel wichtiger ist allerdings, dass Keynes bei seinen Ausführungen nicht zwischen Bedürfnissen und Begierden unterschied: also dem, was objektiv für ein bequemes, gutes Leben notwendig ist, und dem, was lediglich im Kopf existiert und sich unendlich ausweiten lässt, wie schon Epikur wusste. Mit anderen Worten: Das Wirtschaftswachstum endet nicht automatisch, sondern erst dann, wenn wir uns entschieden haben, nicht mehr zu wollen, als wir brauchen." (aus: http://minimalismus21.de/2013/06/02/wie-viel-ist-genug)

    NIKO PAECH - Postwachstumsgesellschaft

    "... Wir sind wie im Endstadium einer Heroinsucht: Der Süchtige hat seine klaren Momente, in denen ihm bewusst ist, dass er sich zugrunde richtet; aber dann wird das Verlangen wieder übermächtig.
    Moderne Konsumgesellschaften sind unfähig zur vorsorglichen Transformation. Das einzige Korrektiv ist die Krise. Und seit der Krise 2008 gibt es immerhin ein Unwohlsein. Neue Diskurse, neue Formen von Gesellschaftskritik wurden eröffnet, und Pioniere eines anderen Lebensstils probieren bereits, wie ein Umbau gehen könnte. Wenn dann neue Krisen kommen, werden wir froh sein über diese Avantgarde und ihre Rettungsboote.

    "Dieses System verschleisst immer mehr Menschen. Insbesondere die Selbstverwirklichungszwänge im Konsum und in der Mobilität, zu denen sich dann noch der berufliche Stress gesellt, überfordern uns."
    Wir müssen uns mit Strukturen anfreunden, die ohne Wachstum auskommen, denn nur so werden sie stabil sein können. Das Motto lautet: Kleiner und weniger global.

    Paech, Niko (2012). "Befreiung vom Ueberfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie"

    Noch ist die Welt nicht bereit, von der Droge "Wachstum" zu lassen. Aber die Diskussion über das Ende der Masslosigkeit nimmt an Fahrt auf. Der Umweltökonom Niko Paech liefert dazu die passende Streitschrift, die ein "grünes" Wachstum als Mythos entlarvt. Nach einer vollen Arbeitswoche möchte man sich auch mal etwas gönnen: ein neues Auto, ein iPad, einen Flachbildfernseher. Ruckzuck steckt man im Teufelskreis aus Konsumwunsch und Zeitmangel. Und nicht nur das: der stete Ruf nach "mehr" lässt Rohstoffe schwinden und treibt die Umweltzerstörung voran. Dabei gelten "grünes" Wirtschaftswachstum und "nachhaltiger" Konsum als neuer Königsweg. Doch den feinen Unterschied hier "gutes", dort "schlechtes" Wachstum hält Niko Paech für Augenwischerei. In seinem Gegenentwurf, der Postwachstumsökonomie, fordert er industrielle Wertschöpfungsprozesse einzuschränken und lokale Selbstversorgungsmuster zu stärken.
    Das von Paech skizzierte Wirtschaften wäre genügsamer, aber auch stabiler und ökologisch verträglicher. Und es würde viele Menschen entlasten, denen im Hamsterrad der materiellen Selbstverwirklichung schon ganz schwindelig wird.

    Postwachstum und "Peak everything"

    Birgit Mahnkopf - Peak Everything – Peak Capitalism? Folgen der sozial-ökologischen Krise für die Dynamik des historischen Kapitalismus

    "Working Paper 02/2013" der "DFG-KollegforscherInnengruppe Postwachstumsgesellschaften":
      "diskutiert [wird] die Frage, ob der Kapitalismus, der seit seinem Entstehen immer auf die Oeffnung und Plünderung von biophysikalisch reichem „Neuland“ angewiesen war, auch dann seine dynamische Fähigkeit zur Selbstreproduktion erhalten kann, wenn sich alle wichtigen Produktionsinputs (Energie, Rohstoffe, Wasser, Land) verteuern und (in Folge steigender Lebensmittelpreise) der Druck auf den Preis für menschliche Arbeit steigt.

      Herausgearbeitet wird, dass der Charakter der gegenwärtigen Krise sich besser verstehen lässt, wenn der Kapitalismus im Anschluss an Jason Moore als ein “ökologisches Weltsystem“ verstanden wird, welches im erdgeschichtlichen Zeitalter des Anthropozäns sowohl an biophysische wie an systemspezifische Grenzen stößt.
      Die Autorin argumentiert, dass ökologische Grenzen und der physische Mangel an Produktionsinputs, die mit einer vergleichsweise geringen Menge an Kapital und im Rückgriff auf billige Arbeitskräfte angeeignet werden können – darauf verweist die im Titel formulierte These von absehbaren Scheitelpunkten („peaks“) bei den für die kapitalistische Produktions-und Lebensweise elementaren Energieträgern und Stoffen – auch einen Scheitelpunkt in der Geschichte des historischen Kapitalismus markieren.
      Denn durch die Einbeziehung nahezu aller Regionen der Welt in den durch technische und mentale Infrastrukturen enorm beschleunigten Verwertungszusammenhang des Kapitals wurde eine entscheidende Voraussetzung der Akkumulationsdynamik unterminiert: bio-physisch leicht zugängliche, sehr ergiebige und durch wenig Kapital erschließbare „frontiers“ sind bereits geplündert.
      Wenn dieses Problem systemkonform, also über höhere Preise für die knappen Produktionsinputs gelöst wird, dürfte nicht nur die Verwertungsmaschinerie leicht ins Stocken geraten.
      Die so erzeugte Knappheit würde sich für Millionen von Menschen in existentiell bedrohlichen Mangel übersetzen und soziale Konflikte auslösen, die die politische Stabilität von Gesellschaften gefährden.
    Grundzüge einer Postwachstumsökonomie
    Als „Postwachstumsökonomie“ wird eine Wirtschaft bezeichnet, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile, wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende Versorgungsstrukturen verfügt. Die Postwachstumsökonomie grenzt sich von landläufigen, auf Konformität zielende Nachhaltigkeitsvisionen wie „qualitatives“, „nachhaltiges“, „grünes“, „dematerialisiertes“ oder „decarbonisiertes“ Wachstum ab. Den vielen Versuchen, weiteres Wachstum der in Geld gemessenen Wertschöpfung dadurch zu rechtfertigen, dass deren ökologische „Entkopplung“ kraft technischer Innovationen möglich sei, wird somit eine Absage erteilt.

    Entstehungsgeschichte:
    Das Konzept der Postwachstumsökonomie orientiert sich an einer Suffizienzstrategie und dem partiellen Rückbau industrieller, insbesondere global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgungsmuster. Enthalten sind zudem Ansätze der Geld- und Bodenreform.
    Die Grundidee wurde an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg entwickelt und 2007 im Rahmen der Auftaktveranstaltung des Archivs für Geld- und Bodenreform“ (Archiv Geld- und Bodenreform) erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Daran anknüpfend wurde eine seither regelmässig stattfindende „Ringvorlesung zur Postwachstumsökonomie“ www.postwachstumsoekonomie.org ins Leben gerufen, die inzwischen zu einem europaweiten Forum und Netzwerk interessierter Personen aus Wissenschaft und Gesellschaft gediehen ist. Dieser Prozess wird von den beiden Oldenburger Oekonomen Niko Paech und Werner Onken moderiert. Darüber hinaus konnte das Konzept auf zahlreichen Konferenzen und Tagungen zur Diskussion gestellt werden.

    Gründe für die Alternativlosigkeit einer Postwachstumsökonomie:
    1. Die Möglichkeit, in Geld und über Märkte transferierte Wertschöpfung systematisch von ökologischen Schäden zu entkoppeln, entbehrt jeder theoretischen und empirischen Grundlage.
    2. Nach Erreichen eines bestimmten Niveaus bewirken Zunahmen des Einkommens bzw. Konsums keine weitere Steigerung des individuellen Wohlbefindens (Lebenszufriedenheit oder sog. „Glück“), vgl. auch Proff. Bruno S. Frey, Ernst Fehr, Richard David Precht u.v.a.m.
    3. Die soziale Logik des Wachstumsimperativs, wonach Hunger, Armut oder Verteilungsungerechtigkeit durch ökonomische Expansion zu beseitigen sei, ist hochgradig ambivalent. Das Eintreten kontraproduktiver sozialer Effekte des wirtschaftlichen Wachstums ist nicht minder wahrscheinlich.
    4. Wirtschaftswachstum stösst an ökonomische Grenzen. Das als „Peak Oil“ apostrophierte Phänomen einer zu erwartenden Ressourcenverknappung weitet sich absehbar dergestalt aus, dass von einem herannahenden „Peak Everything“ auszugehen ist. Insbesondere die explosionsartige Nachfragesteigerung von Aufsteigernationen wie China und Indien führt zu einer entsprechenden Verteuerung jener Ressourcen, auf deren bislang vermeintlich unbegrenzter Verfügbarkeit der materielle Wohlstand basierte.

    Umsetzung:

    Der Weg zur Postwachstumsökonomie fusst auf fünf Entwicklungsschritten, die sich auf einen Wandel von Lebensstilen, Versorgungsmustern, Produktionsweisen und auf institutionelle Innovationen im Bereich des Umgangs mit Geld und Boden beziehen:

    1. Entrümpelung und Entschleunigung. Es entspricht ökonomischer Logik in Reinform, sich klug jenes Ballasts zu entledigen, der Zeit, Geld, Raum und ökologische Ressourcen beansprucht, aber nur minimalen Nutzen stiftet. Eine solchermassen begründete Suffizienzstrategie konfrontiert die Suche nach weiteren Steigerungen von Güterwohlstand und Komfort mit einer Gegenfrage: Von welchen Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken liessen sich übervolle Lebensstile und schliesslich die Gesellschaft als Ganzes befreien?

    2. Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung. Wer von monetär basierter Fremdversorgung abhängig ist, verliert seine Daseingrundlage, wenn die Geld speiende Wachstumsmaschine ins Stocken gerät. Sozial stabil sind nur Versorgungsstrukturen mit geringerer Distanz zwischen Verbrauch und Produktion. Dazu zählt die Reaktivierung von Kompetenzen, manuell und kraft eigener Fertigkeiten Bedürfnisse jenseits kommerzieller Märkte zu befriedigen. Durch eine Umverteilung der Erwerbsarbeit liessen sich Selbst- und Fremdversorgung so kombinieren, dass die Geld- und Wachstumsabhängigkeit sinkt. Eigenarbeit, (urbane) Subsistenz, Community-Gärten, Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Verschenkmärkte, Einrichtungen zur Gemeinschaftsnutzung von Geräten/Werkzeugen etc. würde zu einer graduellen De-Globalisierung verhelfen.

    3. Regional-Oekonomie. Viele Bedarfe liessen sich durch regionale Märkte, verkürzte Wertschöpfungsketten bis hin zu Konzepten wie Community Supported Agriculture (CSA) befriedigen. Regionalwährungen könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalisierten Transaktionen abkoppeln. So würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung weiterhin genutzt, jedoch innerhalb eines ökologieverträglicheren und krisenresistenteren Rahmens.

    4. Stoffliche Nullsummenspiele. Konsumansprüche, die sich nicht entrümpeln oder durch lokale/regionale Versorgungsstrukturen substituieren lassen, bilden die weiter zu minimierende Restgrösse an industrieller und ggf. globalisierter Produktion. Die damit korrespondierenden Produkte und Infrastrukturen liessen sich über noch weitgehend unausgeschöpfte Möglichkeiten der Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungsintensivierung dergestalt optimieren, dass anstelle zusätzlicher materieller Produktion die Instandhaltung und Aufwertung bereits vorhandener Artefakte träte.

    5. Institutionelle Innovationen. Zur Milderung systemimmanenter Wachstumszwänge ist eine Boden- und Geldreform nötig. So könnten Regionalwährungen mit einer zinslosen Umlaufsicherung versehen werden. Weiterhin wäre die noch immer fehlende Abschätzung, Zurechnung und Deckelung von Umweltbeanspruchungen dadurch zu beheben, dass der dehnbare Nachhaltigkeitsbegriff durch individuelle CO2-Bilanzen konkretisiert wird. Jede Person hätte ein Anrecht auf dasselbe jährliche Emissionskontingent (ca. 2–3 Tonnen), das allerdings handelbar wäre. Die Summe aller Kontingente dürfte höchstens der globalen Gesamtbelastung entsprechen, die mit der Einhaltung des Zwei-Grad-Klimaschutzziels vereinbar wäre.

    Weitere Forschung:
    Den erweiterten Kontext einer wissenschaftlichen Analyse aller Fragestellungen und Begründungszuammenhänge rund um eine Oekonomie ohne Wachstum bildet die „Postwachstumsökonomik“, deren Objektbereich neben einer Fundierung der Postwachstumsökonomie auch die Erforschung relevanter Wachstumstreiber umfasst.

    Was kann fast jede Person machen, um einfach heute schon mit der Postwachstumsökonomie anzufangen?
    NP:
    1. Orientierung an einem individuellen CO2-Budget von 2,7 Tonnen pro Jahr,
    2. Flugreisen vermeiden,
    3. ohne Auto leben,
    4. Arbeitszeit verkürzen, so dass im Lebensdurchschnitt ca. 20 Stunden pro Woche herauskommen,
    5. weniger tierische Produkte,
    6. Produkte mit anderen teilen,
    7. Gebrauchsgüter achtsam nutzen und so weit möglich selbsttätig pflegen/reparieren,
    8. Nahrungsmittel selbst oder mit anderen anbauen und zubereiten,
    9. Bank wechseln und Regiogeld nutzen,
    10. Einwegverpackungen meiden,
    11. politischen Widerstand gegen die Kohle-, Flug- und Agrarindustrie etc. organisieren oder unterstützen.

    Quelle:
    Experiment Selbstversorgung - 11 Schritte zu einer Wirtschaft ohne Wachstum

    SUFFIZIENZ

    .. heisst das Zauberwort...
    Glück verschleisst - Glück kann man inflationieren! Dadurch, indem man die vermeintlich glücksstiftenden Elemente immer mehr werden l&uauml;sst, bis man unter einer Lawine versinkt.
    Um ein Konsum-Burnout zu vermeiden, müsste man die Kunst des suffizienten Konsumierens erlernen.
    Suffizienz bedeutet, Masslosigkeit abzuschütteln, und zwar nicht im Sinne einer Verzichtsleistung, sondern im Sinne des Selbstschutzes. Und Suffizenz bedeutet v.a. NICHT aufzuhören mit dem Konsumieren, sondern die Menge der Konsumgegenstände zu reduzieren auf ein Niveau von dem sich sagen lässt, dass ich jetzt den Ueberblick behalte und jetzt in der Lage bin meine knappe, nicht vermehrbare Aufmerksamkeit jedem einzelnen übriggebliebenen Objekt so zu widmen, dass ich es ausschöpfen kann.
    Niko Paech Transkript aus der WDR-TV-Dokumentation "Macht Besitz glücklich? - Unterwegs in einem reichen Land"

    Vom Glück der Genügsamkeit

    Suffizienz ist die Kunst des genügsamen Lebens. Ohne zu sparen, denn Sparen ist eine Sünde, die zum Stillstand führt. Genügsamkeit zelebriert die Lust am Verzicht – für das Glück nach innen und aussen. Teilen und genügsam konsumierte Energie sind die ersten Vorboten der Suffizienz. Viele Wege führen dazu.
    Einige Denkanstösse.

    Teilen ist angesagt. Wer gibt, dem wird gegeben: Diese Weisheiten repräsentiert der «Share»-Button wie kein anderes Symbol der «Sharity»-Gesellschaft – so bezeichnet das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) das Zeitalter der Social-Media-Plattformen. Hier wird nebenbei auch noch die Privatsphäre «geteilt».
    Die «Generation Y» (soziologische Bezeichnung für Menschen, die im Jahr 2000 Teenager waren) teilt, tauscht und vermietet. Sie verzichtet auf die steile Karriere, arbeitet Teilzeit, kümmert sich lieber ums Kind als um den Chef oder organisiert unter dem Hashtag #offlineDay (Twitter) internetfreie Tage.
    Das richtige Mass finden: Der Trend zum Teilen ist ein Vorbote der Suffizienz, der Lust auf das einfache Leben. «Share Economy» wurde als Begriff bereits in den opulenten 80er-Jahren durch einen Harvard-Ökonomen geprägt. Sein Leitsatz:
    «Der Wohlstand in einer Gesellschaft erhöht sich, je mehr geteilt wird.»
    Und es wird geteilt. Und damit auch Geld verdient. In Secondhandläden genauso wie in Tauschbörsen für Musik und Filme oder in der Cloud, wo man sich Prozessorleistung und Speicher teilt. Neuerdings gibts auch Jobs, Werkzeuge, Ideen, Geld, Parkplätze und vieles andere mehr, das man gemeinsam nutzen kann, gesteuert und verwaltet von Apps.

    Der Trend zu dezentraler Energieproduktion ist auch ein Trend des Teilens: Was man nicht selbst verbraucht, fliesst in das Verteilnetz – smarte Netze mit intelligentem Lastmanagement, sprich Verteilintelligenz, sind ein wesentlicher Pfeiler der Energiewende.
    Ressourcen optimal nutzen, massloses Wachstum verhindern, Unnötiges vermeiden und teilen, teilen, teilen, das sind die wesentlichen Eigenschaften der Suffizienz. Das Wort kommt von lat. sufficere (ausreichen) und bedeutet ungefähr «Genügsamkeit». Anders als Energieeffizienz, die sich mit technischen Mitteln herstellen lässt und messbar ist, bedeutet Suffizienz für jeden Menschen etwas anderes. Architektin Katrin Pfäffli, die Verfasserin einer Suffizienz-Studie für die Stadt Zürich, sagt, es gehe dabei nicht primär um Sparen, sondern darum, «Bedingungen für den Verzicht zu schaffen». Oder anders gesagt:
    nur so viel Ressourcen zu verbrauchen, wie man gerade zum Glücklichsein benötigt. Mass halten, ohne zu sparen. Sparen, ohne sein Leben einzuschränken.

    Das funktioniert: Entschleunigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und Entrümpelung – das sind laut Suffizienzforschern die wesentlichen Komponenten der Mässigung – sind in vielen Aspekten des Lebens möglich. Forschende der Universität Bern überprüfen dies bis 2016 in einem Projekt.

    Ihre Kernfrage: Was bedeuten suffiziente Lebensstile für ein gutes Leben?
    Die vielen Gestalten der Suffizienz Suffizienz ist keine Askese. Sondern die ständige Frage nach dem Nötigen. Ist es nötig, Wohnfläche zu verbrauchen, die normalerweise für zwei oder drei Familien reicht?
    Ist es sinnvoll, ein Smartphone und einen MP3-Player zu besitzen? Denn Letzterer ist auch im Ersteren enthalten. Die Technologie bietet viele Ansätze zur Suffizienz, sie ist gar die Voraussetzung für das Teilen mit der Masse der Internetnutzer.
    Bei Lebensmitteln suffizient zu handeln, heisst: besser essen, gesünder essen und energieärmer essen durch saisonalen Konsum, Selbstversorgung und Einkauf in der Region. So vermeidet man das «Ernten der Biosphäre», wie es Vordenker Vaclav Smil nennt. Anspruchsvoll ist es, sich jedes Mal zu überlegen, mit welchem Transportmittel man sinnvollerweise von A nach B fährt. Und überhaupt: Bringt das Streben nach immer mehr wirklich auch einen Mehrwert?

    Wer seinen Lebensstil hinsichtlich Suffizienz optimiert, erfährt kaum Einbussen seiner Lebensqualität – der Beitrag ist dennoch enorm: So verbrauchen laut Studien Mietende durch eine Optimierung des Wohnflächenverbrauchs und ihrer Mobilität 10 bis 20 Prozent weniger Energie.

    Die geteilte Zukunft
    Suffizienz hat jedoch einen Haken. Fachleute sprechen vom sogenannten «Rebound»: Die eingesparte Energie wird anderswo wieder produziert und neu verbraucht. Etwa weil das beruhigte Gewissen bei gewissen Produkten und Leistungen blind für die Verschwendung macht. Oder weil durch die sinkende Nachfrage nach Energie die Preise sinken.
    Wenn alle ihren Pizzateig selbst machen und belegen, sinkt der Preis für Tiefkühlpizza so weit, dass der günstige Preis zum bestimmenden Kaufanreiz wird. Ein Effekt, der sich nur vermeiden lässt, indem wir uns von einer verschwenderischen zur suffizienten Gesellschaft wandeln. Die politische und wissenschaftliche Diskussion hat gerade erst begonnen. Pioniere leben Suffizienz vor. Im Kleinen ändert sich mit der Vereinfachung des Lebens und mit dem Teilen des Besitzes vor allem dies: Man wird glücklicher. Noch sind es Vereinzelte wie Reto Weishaupt und Lea Zobrist, die suffizient leben. Sie verspüren das Glücksgefühl der Genügsamkeit.


    Niko PAECH: Postwachstumsökonomie

    Das Konzept der Postwachstumsökonomie basiert auf folgenden Prämissen:
    1. Eine ökologische Entkopplung wirtschaftlichen, in Geld gemessenen Wachstums ist nicht in Sicht. In einer expandierenden Ökonomie bewirken „Bumerangeffekte“, dass Fortschritte an De-Materialisierung oder Ökologisierung durch Zuwächse der Nachfrage kompensiert werden. Dramatisch wird es, wenn (vermeintliche) Nachhaltigkeitsinnovationen ihrerseits zusätzliche Energie- und Materieströme auslösen. Damit wird die nächste Modernisierungswelle notwendig, um die unbeabsichtigten Umweltfolgen der jeweils vorherigen zu beseitigen... Aus den viel beachteten Untersuchungen des Global Carbon Project geht zweierlei hervor:

    1. Selbst während vergangener Phasen, als immerhin eine Entkopplungstendenz feststellbar war, wurde diese vom Effekt des ökonomischen Wachstums dergestalt überkompensiert, dass die globalen CO2-Emissionen permanent zunahmen. Seit neuestem hat sich die Entkopplungstendenz wieder umgekehrt: Die CO2-Intensität der Wertschöpfung steigt momentan im globalen Massstab sogar an!
    2. Ein wichtiger Befund der sogenannten „Science of Happiness“ besagt, dass eine Steigerung des über Geld vermittelten materiellen Reichtums ab einem bestimmten Niveau das subjektive Wohlbefinden nicht weiter erhöht. Viele Konsumaktivitäten sind symbolischer Art, zielen auf soziales Prestige oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder „Szene“. Innovationen schaffen neue Angebote der materiellen Selbstinszenierung, die von Pionieren aufgegriffen werden. Wer nicht mitzieht, verliert den Anschluss. Folglich ist ein immer höherer Konsumaufwand nötig, um die soziale Integration zu verteidigen. Insoweit die Auswahl an Konsumoptionen geradezu explodiert, der Tag aber nach wie vor nur 24 Stunden hat, wird die minimal erforderliche Zeit zum Ausschöpfen konsumtiver Optionen zum Engpassfaktor. Das Viel-Haben tritt in Widerspruch zum Gut-Leben.

    - Glücksforschung/Fairness - Verhaltensökonomie: Prof. Dr. Ernst Fehr, Prof. Dr. Frey, beide ETH Zürich

    - Bescheidenheit, Demut, Würde, Selbstbewusstsein: Prof. Dr. Peter Bieri, TU Berlin

    Bescheidenheit ist mehr als die sprichwörtliche Zier. Wer bescheiden lebt, lebt nicht arm, sondern ist sich stets bewusst, wie sich das eigene Verhalten auf Umwelt und Gesellschaft auswirkt.

    - David Bosshard: The Age of Less

    «Letztlich hilft nur die Motivation» - Suffizienz unter Zwang funktioniere nicht: David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts, über seine persönliche Genügsamkeit.

    Interview im "1to1 energy Forum" 1-2014:
    "In Ihrem Buch «The Age of Less» plädieren Sie für den Umstieg ins Zeitalter der Genügsamkeit. Wie genügsam sind Sie?"
    David Bosshart: Es geht nicht um Verzicht. Dazu können Sie Menschen langfristig nicht motivieren. Es geht für mich um einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen – um «Nachhaltigkeit» also, wie man das ja gerne nennt. Weniger Abfall zu produzieren, bringt da zum Beispiel schon viel.
    "Welches sind Ihre Suffizienzsünden?"
    Als international tätiger Referent reise ich mehr als der durchschnittliche Schweizer.
    "Wenn wir alle weniger konsumieren – macht uns das nicht unglücklicher?"
    Nochmals: Wir müssen auf nichts verzichten.
    "Der Wohlstand sinkt nicht?"
    Wohlstand wird zu häufig mit dem Bruttoinlandprodukt gleichgesetzt. Das ist absurd, denn soziale oder ökologische Folgekosten sind im BIP eingeschlossen. Jeder Krankheitsfall wirkt sich aus und erhöht das BIP. Insofern orientieren wir uns besser an Zufriedenheit, und die entsteht durch Anerkennung und eine sinnstiftende Beschäftigung.
    "Aber Konsum macht uns doch glücklich!"
    Konsum macht uns nur ganz kurz glücklich. Nach dem Kauf, das zeigt die Forschung, stellt sich dann oft Enttäuschung ein. Wir müssen uns im Uebrigen darauf einstellen, dass bezahlte Arbeit seltener wird. Das wird sich im Konsum niederschlagen, ob wir’s wollen oder nicht.
    "Sie schlagen ein neues ökonomisches Modell vor. Wie führen wir es ein?"
    Zwang funktioniert nicht, zumindest nicht langfristig – das hat die Geschichte oft genug gezeigt. Was hilft, ist letztlich nur die Motivation. Hier bietet die Verhaltensökonomie derzeit die vielversprechendsten Rezepte: beobachten, wie die Menschen ticken, und sie dann sanft in die richtige Richtung begleiten.






    Fünf Schritte zur Postwachstumsökonomie: Reduktion und Umbau




    (Linke) Kapitalismus- und Systemkritik

    Der gescheiterte Kapitalismus - Die Botschaft des linken Ökonomen Thomas Piketty - TAZ am 22.04.2014

    BLACKROCK

    ARD-Reportage: "Die Story im Ersten - Geld regiert die Welt"

    Wie global vernetzte Finanz-Giganten wie Blackrock (eine sog. Schattenbank wo der allseits geschätzte Schweizer Ex-Notenbanker Hildebrand arbeitet...) nationale Gesetze umgehen und die "verkauften" (weil nach der Krise 2007 alle Daten zur Analyse an private Firmen gingen, weil der Staat ja beinahe pleite war...) Politiker vor sich her treiben.

    Quelle:
    Blackrock-Chef Laurence Fink - Dieser Schattenmann regiert mit vier Billionen Dollar die ganze Welt



    Esoterische und rechtspopulistische Kapitalismus-, Wachstums- und Systemkritik

    vgl. auch Kap. X

    Anti-Zensur-Vereinigung
    Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten - Hugo Stamm am Samstag den 31. Oktober 2009:
    Hugo Stamm - Das Klassentreffen der unheimlichen Patrioten

    Weiteres im Kapitel "Gesellschaftliche Implikationen individueller Esoterik Gläubigkeit"


    Occupy, Décroissance und Kapitalismuskritik: Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz

    Décroissance und Downsizing: die politische und weltanschauliche Dimension
    "Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappsten Ressourcen aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit.
    Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen.
    Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit Glück." (Niko Paech in der Zeitschrift "Zeitpunkt" 112)

    Analog zur individuellen Rückbesinnung auf das Wesentliche im Leben ist auch ein Runterfahren unserer hochtourigen Wirtschaft vonnöten - denn sonst kommen die Individuen immer wieder ins Hamsterrad des "immer mehr" zurück. Nebenbei gesagt ist Sparen und Kürzertreten auch wegen der Umwelt nötig. Hier treffen sich zwei meiner Haupt-Anliegen: der Ökologie-Gedanke und die Suche nach dem wahren Selbst.

    "Unsere Welt ist heute mehr als je zuvor eine Welt in der Krise. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Energiekrise, Klimakrise, Hungerkrise.
    Die Folgen davon sind Krieg, Arbeitslosigkeit, Not und Elend.
    Die Antwort der politischen und wirtschaftlichen Eliten auf diese Katastrophen ist – mehr vom Gleichen: stärkere Banken, mehr Wirtschaftswachstum, mehr Energieproduktion und -verbrauch, die endgültige Verökonomisierung des Klimas durch CO2-Handel, und Nahrungsmittel als Treibstoffe für Autos. Alle Vorschläge, die uns von den Regierenden als Lösungen präsentiert werden, beruhen auf der Annahme, dass durch eine Zunahme der Produktivität, des Handels, kurz: des Wachstums, sämtliche Probleme gelöst werden.
    Die Erfahrung und die Vernunft sagen das Gegenteil. Das Wachstum kann in den Ländern des Nordens nicht die Lösung sein, der Wachstumszwang ist vielmehr das Hauptproblem. Die systemische Verpflichtung zum immer Mehr, immer Grösser, immer Schneller ist der blinde Fleck im Auge der EntscheidungsträgerInnen, der sie daran hindert, neue Ansätze zu verfolgen. Es ist offensichtlich, dass nur eine Ökonomie, welche die Bedürfnisse der Menschen nach Freiheit, sozialer Geborgenheit und einem würdevollen Leben ins Zentrum stellt, einen Beitrag zu einer friedlicheren, besseren Welt leisten kann.
    Dass trotzdem das Wirtschaftswachstum das allererste Kriterium ist, das sämtlichen Regierungsprogrammen zugrunde liegt, kommt daher, dass das kapitalistische System mit seinen Macht- und Besitzverhältnissen zwingend auf Wachstum angewiesen ist. Dies spricht aber nicht für die Vernünftigkeit des Wachstumsdogmas, sondern vielmehr für die Notwendigkeit, den Kapitalismus ein für allemal zu überwinden und eine solidarische, selbstverwaltete, wirklich nachhaltige Oekonomie und Gesellschaft an seiner Stelle aufzubauen." (Philipp Zimmermann im Editorial "Decroissance - Die Mutmacherin").

    "Die Katastrophe ist nämlich nicht unvermeidlich. Homo sapiens ist nicht am Ende, wohl aber Homo oeconomicus. Die soziale und ökologische Verelendung der Menschheit ist nicht in der Evolution festgeschrieben.
    Unbegrenzter Reichtum ist kein Menschenrecht, so wenig wie unbegrenzter Individualismus. Lebensfreude und Verzicht lassen sich vereinbaren. Ein Ausweg aus unserer Zivilisationskrise ist möglich.
    Wir können ihn finden, wenn wir den Mut haben, uns vom Wachstumsdogma zu verabschieden. (Ernst Schmitter in "Decroissance - Die Mutmacherin")

    "Selbstbegrenzung ist ein Gegenbegriff zur Masslosigkeit, die unsere Gesellschaft in vielen Bereichen prägt. Anstelle der Bewegung zu «immer mehr, besser, grösser, schneller, reicher», die als vorbildlich gilt, wirbt Décroissance für «gut, zufrieden, massvoll, bescheiden, solidarisch»." (Decroissance - Die Mutmacherin).

    Kapitalismuskritik:
    Nach Lektüre von Dutzenden Büchern und Hunderten von Zeitungsartikeln zum Thema Finanz- und Wirtschaftskrise fassen m.E. die folgenden Regeln aus Ulrich Schäfers ausgezeichnetem Buch "Der Crash des Kapitalismus" das Thema sehr gut zusammen (den mehrseitigen Auszug finden Sie hier):

    Regel 1: Der Staat darf Banken nur dann herauskaufen, wenn er diese anschliessend einer schärferen Regulierung unterwirft.

    Regel 2: Das Schatten-Bankensystem muss zerstört werden.
    Für alle Kredite, egal wo sie verbucht werden, müssen die Banken die gleichen Reserven vorhalten. Die Regel muss von allen Industrienationen und Schwellenländern akzeptiert werden. Auch von den USA.

    Regel 3: Hedgefonds brauchen eine scharfe Kontrolle.

    Regel 4: Besonders riskante Finanzprodukte müssen verboten werden.
    Nobelpreisträger David McFadden und Joseph Stiglitz fordern solch eine Zulassungsbehörde, ebenso der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn und Altkanzler Helmut Schmidt. Zudem sollte der Staat dafür sorgen, dass Derivate nur an der Börse gehandelt werden, also an einem öffentlichen Marktplatz. Derzeit werden 84 Prozent aller Derivate ausserhalb der Börse verkauft, weshalb niemand den Markt durchschaut. Die Preise werden freihändig festgelegt.

    Regel 5: Die Ratingagenturen müssen zerlegt werden.
    Die Ratingagenturen und ihre Auftraggeber müssen zudem alle Informationen offenlegen, die für ein Rating erforderlich sind. Dann kann jederzeit eine andere Agentur die Noten überprüfen und eigene, abweichende Bewertungen veröffentlichen.

    Regel 6: Die Gehälter der Banker müssen begrenzt werden.
    Wer als Investmentbanker arbeitet, profitiert immer: Steigt der Gewinn, wachsen die Gehälter ins Unermessliche und die Boni auf 20, 30 oder gar 40 Millionen Euro. In schlechten Jahren müssen sie nichts zurückzahlen und erhalten weiter ihr Grundgehalt.

    Regel 7: Die Finanzmärkte brauchen eine globale Aufsicht.
    Weil: Wer die Finanzmärkte bändigen will, muss sich auch jene Länder vorknöpfen, die die Regeln der anderen unterlaufen und dadurch Anleger und Finanzkonzerne anlocken: die Steuerparadiese.



    Umverteilung von oben nach unten statt wie seit der Wende von unten nach oben!

    - Kritik von Rechts (Vorsicht bei Popp, Jebsen, Elsässer, Mährholz etc.: Rechtsesoterik, Neue Rechte, siehe Kap. X): Dirk Müller (Mister DAX), Wirtschafts-Prof. Höhrmann, Wien: vom Staatsinterventionismus bis zur Abschaffung des Zinssystems!

    Das absurde Geldsystem: wortwörtlich aus der Luft gegriffene Kredite!

    - Sarah Wagenknecht und die Deutsche Linke: Freiheit statt Kapitalismus



    Decroissance, Mässigung, Downsizing und weitere neuere und eher linke Strömungen

    "Décroissance bedeutet Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzdiktatur. Deshalb ist die Bewegung gegen die so genannte freie Marktwirtschaft, also letztlich gegen den Kapitalismus. Es geht ihr aber nicht nur um die Ueberwindung eines Wirtschaftssystems, das auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. Es geht ihr um die Überwindung des Denkens in bloss ökonomischen Kategorien und des Handelns nach bloss ökonomischen Kriterien. Es geht ihr um die Ueberwindung des Machtstrebens, das untrennbar zum ökonomischen Denken gehört. Das bedeutet einen Mentalitäts- und Gesellschaftswandel, der schon vor – und natürlich auch nach – dem Uebergang in ein postkapitalistisches System wirken kann. Deshalb lautet die ganze Antwort:
    Décroissance ist zwar antikapitalistisch. Sie ist aber nicht nur sinnvoll im Hinblick auf eine künftige – und ungewisse – Ueberwindung des Kapitalismus, sondern auch als Mentalitätswandel innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Die Radikalität des Décroissance-Gedankens lässt vermuten, dass eine Vereinnahmung der Bewegung durch den Kapitalismus weniger leicht ist, als dies bei früheren alternativen Bewegungen der Fall war, zum Beispiel bei den Achtundsechzigern oder den Grünen.
    Die Begriffe und Werte, mit denen diese Bewegungen arbeiteten (Freiheit, Autonomie, Schonung der Umwelt usw.), lassen sich leicht im Interesse des Kapitalismus uminterpretieren. Das dürfte bei den Grundwerten der Décroissance schwieriger sein. Abgesehen von ihren ungewissen Erfolgsaussichten, ist sie deshalb ein Störfaktor für das Funktionieren des Kapitalismus." (Decroissance - Die Mutmacherin).

    Mainzer-Thesen, These 5: Das Gesundschrumpfen der Wirtschaft und die deutliche Verringerung des Konsums sind mindestens in den reichen Ländern unvermeidlich.
    Eine Ökonomie, die zu deutlichem „Gesundschrumpfen“ gezwungen sein wird, um letztendlich einen nachhaltigen Gleichgewichtszustand zu erreichen, stellt Wirtschaftssystem und Politik vor nie gekannte Herausforderungen. Dieser Wandel der Ökonomie wird politisch nur dann durchsetzbar sein, wenn Reichtum umverteilt und soziale Gerechtigkeit hergestellt wird.

    Bereits ein Blick auf die Müllhalden der Welt zeigt, dass wir derzeit eine reine Verschwendungs-Wirtschaft, zelebrieren, die zwingend zum globalen Kollaps führen muss.
    Durch die drohenden Ressourcen-Engpässe werden wir wahrscheinlich schon in den nächsten Dekaden gezwungen werden, mit deutlich weniger Energie- und Rohstoff-Verbrauch auszukommen als bisher. Das bedeutet ein deutliches Schrumpfen der Real-Ökonomie und damit des materiell definierten Lebensstandards gegenüber dem heutigen Niveau, - zumindest in der „Ersten Welt“. Eine schrumpfende Ökonomie wird keine Spielräume mehr haben, wie in der Vergangenheit soziale Benachteiligung über ein höheres Wirtschaftswachstum auszugleichen und soziale Konflikte zu entschärfen Im Gegenteil, jede Verringerung des Konsums verstärkt die Bedeutung der Verteilungsfrage: Wer darf wie viel in Anspruch nehmen und warum? Daraus ergibt sich, dass wirksame Begrenzung nur mit einer als gerecht empfundenen Verteilung gelingt. Falls diese gerechte Verteilung nicht gelingt, dann werden sich die sozialen Kämpfe in einer kaum vorstellbaren Weise zuspitzen.
    In unserem Wirtschaftssystem haben sich inzwischen wenige, transnationale Unternehmen die Energie- und Rohstoff-Ressourcen gesichert; die Verteilung wird über den Markt bestimmt.
    Es stellt sich nun die Frage: Kann ein allein vom Markt geprägtes Wirtschaftssystem eine gerecht empfundene Verteilung sichern?
    Wir stehen wahrscheinlich vor folgenden Alternativen: Eine gegen die Bevölkerungsmehrheit durchgesetzte post-kapitalistische Raubtier-Ökonomie in einer „re-feudalisierten“ Gesellschaft („Barbarei“) oder ein halbwegs geordnetes Schrumpfen durch volkswirtschaftliche Pläne bei starker Zurücknahme des Rechts Einzelner, sich natürliche und gesellschaftliche Ressourcen privat unbegrenzt anzueignen.




    Narzisstisches Zeitalter?

    - Entfremdung durch Kapitalismus

    - Faszination der Oberflächen/des Oberflächlichen

    Georg Franck u.a.
    - Entkörperung durch virtuellen Raum (Internet)

    Sherry Turkle u.a.

    Pathologie der westlichen Gesellschaft

    Pathologien des Sozialen (Axel Honneth)




    Der Siegeszug des Kapitalismus und seine baldige Explosion?
    "Früher lüpfte man den Hut vor Professoren und Philosophen, doch in den Achtzigern setzte ein Wertewandel ein. Warum ist intellektuell heute ein Schimpfwort? Weil keinen Wert mehr hat, was nicht verkauft - und die obszönen Superreichen zum kollektiven Vorbild geworden sind."

    "Der Kapitalismus hatte mit dem Zusammenbruch der verzagten Gegenversuche endgültig gewonnen, und befand sich auf der Geraden zur eigenen Explosion, die in Kürze bevorsteht. Gesellschaftlich respektiert werden unterdes nur noch Menschen, die es zu was, sprich: zu Geld gebracht haben. Die kollektiven Vorbilder sind Superreiche, und deren durch die Inflation der Yellow Press für alle erreichbar scheinenden Lebensmodelle, die Helikopter, goldene Wasserhähne und Speedboote beinhalten."

    "Was nicht verkauft, hat keinen Wert. Der Erfolg gibt ihnen recht, das ist eines der blödesten Sprichworte unserer Zeit, die hoffentlich bald zu einem universellen Kollaps führen wird, zu einer grossen Pulverisierung von allem, was wir kennen, um der Verblödung ein erfreuliches Ende zu bescheren."(Sibylle Berg im Spiegel-Online Mai 2011)

    Mässigung, Balance, Toleranz

    Kapitalismus- und Medienkritik: eine Utopie - was kommt nach dem Kapitalismus

    Ent-Kapitalisierung der Kunst?
    Flatrate als schon fast sozialistisches Instrument der Gerechtigkeit!
    "So ist es naheliegend, auch die Kopiererei im Netz - zumindest, soweit es um anderweitig bereits vermarktete Werke geht - vom grossen Verbot des Urheber-Eigentumsrechts zu befreien und stattdessen nach einer schlanken Vergütungslösung zu suchen."(Spiegel 21/2012 und Spiegel-Online: http://www.spiegel.de/spiegel/urheberrecht-a-833984-4.html)

    Eine spannende Diskussion ist entstanden, ein Disput nämlich zwischen der von der Deutschen Piratenpartei vorgetragenen Urheberrechts-Kritik und den Künstlern sowie deren ...verwertern auf der anderen Seite.
    Wenn Nestlé einerseits immer mehr das Wasser, was bisher Allgemeingut war, monopolisiert und Geld für dessen Gebrauch verlangt (Kapitalisierung eines bisher kostenlosen Gutes, siehe den schockierenden Dok-Film ...), gibt es hier bei den Kunstwerken (v.a. Musik, Film, Buch) eine gegenteilige Tendenz: die Oeffnung der Märkte bis hin zu einem freien Zugang zu diesen künstlerischen Produkten.
    Aus technischen Gründen (wieder mal ist "das Internet" Schuld...) ist es zu dieser "Enteignung" gekommen - obwohl immer mehr Anwaltskanzleien den zumeist jugendlichen "Downloadern" und "Sharern" nachzustellen und diese mit Klagen eindecken, gelingt es nicht, diese Konsumenten zurück an den Konsens-Tisch des Kaufen-Müssens zu bringen.
    Robert Misik - Alles Ware
    Konsumkritik vom Feinsten
    Robert Misik - Genial dagegen
    Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore

    Was Robert Misik in seinen Büchern "Alles Ware - Das Kultbuch" (2007) und "Genial dagegen" (2005) als Kapitalisierung der Kunst, bzw. als "Lifestyle-Kapitalismus" bzw. Kulturkapitalismus beschreibt, scheint möglicherweise schon wieder abgelöst zu werden von einer Gegenströmung, dem frei zugänglichen Kulturgut, welches auf anderen Wegen (z.B. durch staatliche Förderung oder Abgaben auf leeren Datenträgern etc.) Geld für den Künstler generiert als über den Einzelverkauf von z.B. CDs oder DVDs oder Büchern.
    Hier sehe ich optimistisch eine Abnahme der in fast allen Bereichen zunehmenden Kommerzialisierung und Kapitalisierung von bisher frei zugänglichen Gütern.
    "Ganz grundsätzlich: "Warum Urheberrecht?", lautet der provokante Titel eines Werkes von Gerd Hansen. Er erklärt: Das Urheberrecht könne seine "Legitimationskrise" nur überwinden, wenn es eine neue "Balance" zwischen dem öffentlichen Interesse des Publikums an Kultur und dem berechtigten Wunsch der Kulturschaffenden an der Finanzierung ihrer Arbeit finde. Sogar die Politik stimmt zu, ein Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion, das in der vergangenen Woche verbreitet wurde, spricht vom nötigen Ausgleich der Interessen." (Spiegel 21/2012 und Spiegel-Online: http://www.spiegel.de/spiegel/urheberrecht-a-833984-4.html)

    Die Piratenpartei ist da zusammen mit z.B. dem Initiativkommitee für eine Bedingungsloses Grundeinkommen meines Erachtens auf einem sehr guten Wege einer sanften Revolution, weg vom verschleissenden kommerziellen Kampf ums individuelle Ueberleben in eines sozialdarwinistisch gewordenen Geld-Welt.
    Quellen:
    Das Urheberrecht muss sich ändern! - Spiegel 21/2012 und Spiegel-Online

    Burnout - als Resultat von "modernem Sozialdarwinismus"?
    Burnout und andere Verschleisskrankheiten werden immer mehr zunehmen, wenn dem Konkurrenzdenken und -druck nicht bald einmal ein Gegenmodell des friedlichen Miteinanders entgegengestellt wird!
    "Mit der Oekonomisierung unserer privaten Lebenswelt geht ein krank machender Verlust ethischer Werte und des Lebenssinns einher. Eine Abkehr vom Nützlichkeitsdenken, fordert Toni Brühlmann.
    Burnout ist keine Krankheit, sondern eine gesellschaftlich mitbedingte Fehlentwicklung des Einzelnen, die dann in Krankheiten hineinführen kann. Die gesellschaftlichen Faktoren, die das Ausbrennen bewirken können, sind einerseits die Stresszunahme und anderseits der Ethikverlust. Ökonomisierung, Globalisierung und digitale Vernetzung bewirken eine Hektik und Erreichbarkeit, denen der Einzelne ständig ausgesetzt ist. Die Managerhaltung ist längst von der Berufswelt auf die ganze Lebenswelt übergeschwappt. Alles muss nützlich und effizient sein, nutzlose Musse ist nicht mehr tolerabel. Man ist zum Unternehmer seiner selbst geworden." (Toni Brühlmann in der NZZ vom 20. Mai 2012, meine Hervorhebungen)

    Und weiter: "Der Burnout-Patient ist Opfer ungesunder gesellschaftlicher Imperative, gleichzeitig aber auch Täter an sich selbst. Er ist aktiv mitbeteiligt an seiner ungesunden Stressverarbeitung und seinem persönlichen Sinnverlust."
    Hier wird zusätzlich der ethisch-moralische Aspekt miteinbezogen, die Möglichkeit eines Aussteigens aus den "Tretmühlen des Glücks" (Buchtitel von Mathias Binswanger) angesprochen.
  • Toni Brühlmann - Die moderne Lebenskrise




  • "Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung"

    vom Propaganda-Marketing und "Impression Management" zur würdevollen Integration in die real existierende Gesellschaft

    Literatur und Links zu Décroissance und Kapitalismuskritik:

    integral.blog - Sinnvoll Wirtschaften ist möglich
    Postwachstumsgesellschaft

    Prof. Niko Paech - Grundzüge einer Postwachstumsoekonomie
    ARD Dokumentation - Macht Besitz glücklich?
    ARD Dokumentation (Mediathek) - Macht Besitz glücklich?




    Ein Klassiker - E.F. Schumacher:
    Tim Jackson - Wohlstand ohne Wachstum: Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt:

    Gemeinwohl-Oekonomie:





  • Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung. Hamburg: Murmann Verlag. ISBN 978-3-86774-072-2
  • Daly, H. (1999): Wirtschaft jenseits von Wachstum, Salzburg/München.
  • Daly, H. (2009): Steady-State-Ökonomie – Ein Wirtschaftssystem des langfristigen Gleichgewichts, in: Zeitschrift für Sozialökonomie 162./163. Folge, S. 39 – 42.
    www.sozialoekonomie-online.de
  • Georgescu-Roegen, N. (1971): The Entropy Law and the Economic Process, Cambridge.
  • Gronemeyer, M. (1988): Die Macht der Bedürfnisse, Reinbek.
  • Illich, I. (1980): Selbstbegrenzung, Reinbek.
  • Knolle, Helmut (2010). Und erlöse uns von dem Wachstum, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn.
  • Kohr, L. (2002): Das Ende der Grossen – zurück zum menschlichen Mass, Salzburg.
  • Gasche, Urs P., Guggenbühl, Hanspeter (2010). Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich.
  • Onken, W. (2004): Geld- und bodenpolitische Grundlagen einer Agrarwende, Kiel.
  • Paech, N. (2005): Nachhaltigkeit zwischen Dematerialisierung und Ökologisierung: Hat sich die Wachstumsfrage erledigt?, in: Natur und Kultur 6/1, S. 52 - 72.
    www.umweltethik.at
  • Paech, N. (2008): Regionalwährungen als Bausteine einer Postwachstumsökonomie, in: Zeitschrift für Sozialökonomie (ZfSÖ) 45/158-159, S. 10 – 19.
    www.sozialoekonomie-online.de - Teil I
  • Paech, N. (2009): Die Postwachstumsökonomie – ein Vademecum, in: Zeitschrift für Sozialökonomie (ZfSÖ) 46/160-161, S. 28 - 31.
    www.sozialoekonomie-online.de - Teil II
  • Paech, N. (2009): Wachstum light? Qualitatives Wachstum ist eine Utopie, in: Wissenschaft & Umwelt Interdisziplinär 13, S. 84 - 93.
    freiealtenarbeitgoettingen.de
  • Sachs, W. (1993): Die vier E's : Merkposten für einen mass-vollen Wirtschaftsstil, in: Politische Ökologie, 1993, 33, S. 69 - 72.
  • Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg. ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Staud, Toralf (2009). Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen – Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln. ISBN 978-3-462-04106-4.



    Literatur zu Décroissance und Kapitalismuskritik (kleiner Auszug):

  • Binswanger, Mathias (2009). Tretmühlen des Glücks
  • Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung. Murmann Verlag, Hamburg. ISBN 978-3-86774-072-2
  • Knolle, Helmut (2010). Und erlöse uns von dem Wachstum, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn.
  • Gasche, Urs P., Guggenbühl, Hanspeter (2010). Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich.
  • Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg. ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Staud, Toralf (2009). Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen – Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln. ISBN 978-3-462-04106-4.

    Nouriel Roubini - Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft
    Die wohl beste Faktensammlung über die Weltwirtschaftskrisen 2008/2011
    Paul Krugman - Die neue Weltwirtschaftskrise
    Der sympathische Nobelpreisträger erklärt uns leicht verständlich die aktuelle Weltlage
    Tim Jackson - Wohlstand ohne Wachstum
    Das scheinbar Unmögliche möglich gemacht !
    Christian Felber - Die Gemeinwohl-Oekonomie
    Das Wirtschaftsmodell der Zukunft
    Robert Kurz - Schwarzbuch Kapitalismus
    Der Klassiker zur Kapitalismukritik - aktueller denn je!


    Hans-Christoph Binswanger - Vorwärts zur Mässigung: Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft
    DER linke Schweizer Oekonomie-Professor mit der Quintessenz seines langen Forscherlebens
    Urs P. Gasche, Hanspeter Guggenbühl - Schluss mit dem Wachstumswahn
    Das überzeugende Schweizer "Plädoyer für eine Umkehr"
    Seidl / Zahrndt (Hrsg.) - Postwachstumsgesellschaft
    Sehr gute Einführung in die komplexe Thematik der sog. Décroissance
    Robert Misik - Alles Ware
    Konsumkritik vom Feinsten
    Robert Misik - Genial dagegen
    Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore




    Weiterführendes findet sich hier: Konzepte zu "Psychotherapie in Zeiten des Narzissmus"



    Klassiker der Downsizing-Bewegung:

    Gorz, André, Auswege aus dem Kapitalismus, Beiträge zur politischen Ökologie, Rotpunktverlag, Zürich 2009 Enthält Texte aus den Jahren 1975-2007.

    Illich, Ivan, Selbstbegrenzung, eine politische Kritik der Technik, Rowohlt, Reinbek 1980

    Jonas, Hans, Das Prinzip Verantwortung, Insel, Frankfurt/M. 1970/Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M. 1984

    Neue wachstumskritische Bücher und Zeitschriftennummern (aus: "Décroissance - Die Mutmacherin"):

    TIPP: Bestes Buch über Décroissance seit Jahren:

    Wer sich ernsthaft über verschiedene Aspekte der Décroissance-Bewegung informieren möchte, sollte sich folgendes Werk nicht entgehen lassen:

    Denis Bayon, Fabrice Flipo, François Schneider: La Décroissance - 10 Questions pour comprendre et en débattre, éditions La Découverte, Paris, Juni 2010.

    Es gibt nur wenige so seriös gemachte Bücher über das Thema. Es ist zu hoffen, dass das Werk bald in einer deutschen Uebersetzung greifbar ist. Sie würde eine seit Jahren bestehende Informationslücke füllen.


    Adler, Frank und Schachtschneider, Ulrich, Green New Deal, Suffizienz oder Ökosozialismus? Konzepte für gesellschaftliche Wege aus der Ökokrise, Oekom Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86581-213-1. (-> Rezension PDF)

    Bennholdt-Thomsen, Veronika, Geld oder Leben - Was uns wirklich reich macht, Oekom Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86581-200-1.

    Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung, Murmann Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-86774-072-2.

    Binswanger, Mathias (2010). Sinnlose Wettbewerbe - Warum wir immer mehr Unsinn produzieren, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, ISBN 978-3-451-30348-7.

    Busse, Tanja, Die Ernährungsdiktatur - Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt, Blessing Verlag, München 2010, ISBN 978-3-89667-420-3.

    Gasche, Urs P. und Guggenbühl, Hanspeter, Schluss mit dem Wachstumswahn - Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich 2010, ISBN 978-3-7253-0965-8.

    Gensichen, Hanspeter, Armut wird uns retten - Geteilter Wohlstand in einer Gesellschaft des Weniger, Publik-Forum Edition, Oberursel 2009, ISBN 978-3-88095-192-1.

    Gorz, André, Auswege aus dem Kapitalismus - Beiträge zur politischen Ökologie, Rotpunktverlag, Zürich 2009, ISBN 978-3-85869-391-4.

    Kaufmann, Stephan und Müller, Tadzio, Grüner Kapitalismus - Krise, Klimawandel und kein Ende des Wachstums, Karl Dietz Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-320-02211-2.

    Hänggi, Marcel, Wir Schwätzer im Treibhaus - Warum die Klimapolitik versagt, Rotpunktverlag, Zürich, 2. Auflage, 2009, ISBN 3-85869-380-4.

    Hänggi, Marcel, Ausgepowert - Das Ende des Oelzeitalters als Chance, Rotpunktverlag, Zürich 2011, ISBN 978-85869-446-1 (-> Rezension PDF)

    Hopkins, Rob, Energiewende, das Handbuch - Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen, Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 2010, ISBN 978-3-86150-882-3.

    Knolle, Helmut, Und erlöse uns von dem Wachstum - Eine historische und ökonomische Kritik der Wachstumsideologie, Pahl-Rugenstein Verlan, Bonn 2010, ISBN 978-3-89144-3.

    Multiple Krise - Ende oder Anfang für eine gerechte Welt? Politische Ökologie, Nr. 118/2009, Oekom Verlag, München 2009, ISBN 978-3-86581-190-5.

    Nach dem Wachstum, Politische Ökologie, Nr. 121-122/2010, Oekom Verlag, München 2010, ISBN 978-3-86581-227-85.

    Nachhaltiges Wachstum? Wissenschaft und Umwelt interdisziplinär, Nr. 13/2009, Forum Wissenschaft und Umwelt, Wien 2009, ISBN 978-3-902023-14-8.

    P.M., Neustart Schweiz - So geht es weiter, Edition Zeitpunkt, Solothurn, 2. Auflage, 2010, ISBN 978-3-033-01779-5.

    Rätz, Werner, von Egan-Krieger, Tanja u.a. (Hrsg.), Ausgewachsen!, Verlag VSA, Hamburg 2011, 192 Seiten / € 15.80, SFR 24.50, ISBN 978-3-89965-430-1 (-> Rezension PDF)

    Rosa, Hartmut, Beschleunigung, Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin 2010, ISBN 3-518-29360-5.

    Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika, Postwachstumsgesellschaft - Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg 2010, ISBN 978-3-89518-811-4.

    Staud, Toralf, Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen - Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2009, ISBN 978-3-462-04106-4.



    Weiterführendes findet sich hier: Konzepte zu "Psychotherapie in Zeiten des Narzissmus"



    LINKS zu Konsum- und Kapitalismuskritik, Downsizing und Nachhaltigkeit: - zeitpunkt.ch
    - Decroissance-Bern.ch

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