Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben Markus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39
e-mail: praxis-frauchiger@bluewin.ch
Homepage: http://www.psychotherapeut-bern.ch

Das doppelte Selbst und die Agonie des Realen

Vom digitalen Narzissmus zum analogen Selbst - Wirklichkeitskonzepte für Psychotherapie und Gesellschaft

Materialien und Zitatesammlung zur Enstehung, Diagnostik und Behandlung von narzisstischen Spektrum-Störungen - zusammengestellt und kommentiert von Fachpsychotherapeut FSP Markus Frauchiger in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf, Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.


- EINLEITUNG: Dialektische Einführung in die beiden Koordinaten
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- MARKETING: "Haben-wollen" und das Ich-Ideal im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- RELATION: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren anerkennender, relationaler Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher


6. RELATION: Empathie und Bezogenheit - Tribalismus, Dialog, Kommunikation, Kongruenz und Echtheit

"Selbst-sein, Subjektivität basiert also auf der Bezogenheit auf den Anderen
und realisiert und entwickelt sich immer im Bezug auf ihn oder sie.
Umgekehrt wird natürlich der Andere, der aus seiner Perspektive seinerseits ein Selbst ist,
ebenfalls nur im Austausch mit dem Gegenüber zu dem, der er oder sie ist.
Das Selbst und der/die Andere existieren nur in Gegenseitigkeit: "In den Blicken des Du,
einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht,
werde ich meiner nicht nur als eines erlebenden Subjekts überhaupt,
sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst".
Frank-M. Staemmler


»Wer sich selbst nur immerzu als Opfer sieht, kommt sich selbst nie
auf die Schliche, und das ist nicht gesund.
Ursache und Wirkung sind nie in zwei Personen getrennt, schon gar nicht
in Mann und Frau, selbst wenn es zuweilen so aussehen mag.«
(Max Frisch (1973): Stiller S.133)

Stammeskultur im Netz, Re-Tribalisierung und die flüchtige Moderne

Posttraditionale Gemeinschaften tragen durch die Erschaffung ortsgebundener Utopien mit eigenen Mythen und Ritualen zur Wiederverzauberung der Welt bei, so der französische Soziologe Michel Maffesoli.

Das 'Triumvirat', die 'Dreieinigkeit' meiner Narzissmus-Konzeption als Zusammenspiel dreier Sichtweisen aus drei ganz verschiedenen Fachrichtungen:
Medientheorie (I), Soziologie (II) und Psychologie (III).

I. Narzissmus als "Extension of Man" (McLuhan)
II. Narzissmus als "Agonie des Realen" (Baudrillard)
III. Narzissmus als "Spiegelstadium als Bildner des Ich" (Lacan)
im R-I-S


Diese drei Theorien bilden den Kern meiner Narzissmus-Konzeption:
LACAN – Kap 2 und 4 - Baudrillard – Kap 3, 5, 7 und 9 - McLuhan – Kap 6 und 8

a) Lacan: Das Symbolische (Sprache, Diskussion, Dialog, Kultur etc.) wird immer mehr abgelöst/ersetzt vom Imaginären (Bilder, Filme, Mythen, Werbung, Propaganda, Parolen, Regressives wie Tribalismus, Hooliganismus, Pegida etc.) – damit entfernt sich die Gesellschaft noch mehr vom Realen als es durch die Symbolisierungsfähigkeit (heute: Mentalisierung) sowieso gegeben ist durch die seit dem Spiegelstadium gegebene Ver-kennung und Ent-fremdung der Teilnehmer des Sozialen.

b) Baudrillard: anstelle von Simulationen sind Simulakra getreten, der Uebergang von der ersten Ordnung der Simulakra zur dritten wird gerade vollzogen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

c) McLuhan: durch die Dominanz des Visuellen, des Linkshemisphärischen und damit des Digitalen gegenüber dem Analogen (wo das Auditive überwog) entstand in der Tetrade eine Einseitigkeit, welche nun allmählich Chiasmus-bedingt in seiner Positiv-Utopie durch einen Umschlag in eine erneute Tribalisierung und Oralität einer Integration und Synästhesie der Sinne den Boden bereitet wo im ‘Global Village’ jeder mit jedem verbunden ist.

McLuhan - Retribalisierung:

Genau wie das Tattoo und das Piercing, wie Kleidung, Frisuren und Schminkstile, ist auch der Shitstorm Ausdruck der Re-Tribalisierung der sich abzeichnenden, nächsten Gesellschaft. Jemand beginnt die Buschtrommel zu schlagen und schon strömen die Stammesmitglieder zum Lagerfeuer — eine Rolle, die heutzutage bspw. von Facebook eingenommen wird — und tanzen sich in Trance.
Quellen: www.slow-media.net/tag/retribalisierung
http://netzoekonomiecampus.com/2015/06/21/marshall-mcluhan-metallica-und-die-wiedergeburt-alter-fahigkeiten-in-neuer-qualitat


Das Konzept der Posttraditionalen Gemeinschaften

Das Konzept der Neo-Tribes

Neo, Tribalismus, Maffesoli, Keller, McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Postmoderne, Strukturalismus, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies

'Digital Tribes' - Digitaler Neo-Tribalismus

Quellen:
Allcott/Gentzkow (2017). Social Media and Fake News in the 2016 Election - https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jep.31.2.211
Berkman Center (2017). Partisanship, Propaganda and Disinformation: Online Media and the 2016 U.S. Presidential Election - https://cyber.harvard.edu/publications/2017/08/mediacloud
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Schmehl, Karsten (2017). DIE PARTEI legt AfD-Spitzenkandidat Gauland dieses Hitler-Zitat in den Mund, aber es ist frei erfunden - https://www.buzzfeed.com/karstenschmehl/satire-und-luegen-sind-nicht-das-gleiche?bftwdenews&utm_term=.relgPQzB6#.dgbOgvyQw
Walter, René (2017). Sifftwitter - Mit den Trollen ums Datenfeuer tanzen - http://www.nerdcore.de/2017/05/09/sifftwitter-mit-den-trollen-ums-datenfeuer-tanzen


Rauschhafte Vergemeinschaftung - Der soziale Kitt entsteht heute vor allem durch ritualisierte Volksfeste

Yvonne Niekrenz: Rauschhafte Vergemeinschaftungen - eine Uni-Rezension
„Die Geräusche von der Straße, die populären Gassenhauer, die aus den Bistrots dringen, das Gemurmel und die Wutausbrüche, die aus den offenen Fenstern einer Wohnung entweichen, der Duft der heißen Kastanien im Winter, der von Erdnüssen oder Eis an schönen Tagen, das alles konstituiert diese kleinen ‚Momente des Nichts‘, welche das Gesamt unserer Existenz ausmachen“ (Uebersetzung von Maffesoli 1979 S.181 in: Keller 2006 S.27).
Quellen:
magazin-auswege.de – 24.7.2013 Rauschhafte Vergemeinschaftung
Maffesoli, Michel (1993). The Time of the Tribes – The Decline of Individualism in Mass Society.
Niekrenz, Yvonne (2011). Rauschhafte Vergemeinschaftungen - Eine Studie zum rheinischen Straßenkarneval. Wiesbaden: VS Springer.
Pressemitteilung der Universität Rostock vom 15.7.2013 - PM_Uni-Rostock_Rauschhafte-Vergemeinschaftung_2013-07-24.pdf - http://idw-online.de



Kommunikationstheorien und die Kritik der alten "Kanaltheorie"

In diesem Kapitel soll es um 'Relationalität' gehen, um 'alles was mit Beziehungen zu tun hat' gewissermassen... Um etwas Ordnung in dieses sehr grosse Feld der Bezogenheiten zu bringen, möchte ich auch hier wiederum historisch beginnen und zunächst die klassische Kommunikationstheorie und zugleich deren Kritik vorstellen. Pate stehen mir meine KollegInnen Dr. Maja Storch und Prof. Wolfgang Tschacher, welche sehr schön und eingängig in ihrem 2014 erschienen Buch 'Embodied Communication' mit dem saloppen Untertitel "Kommunikation beginnt im Körper - nicht im Kopf" sich zunächst ebendieser 'Kanaltheorie' annehmen:

Definitionen:

Homöostase ist die Tendenz eines Organismus oder Systems, einen ausgeglichenen und konstanten inneren Zustand aufrechtzuerhalten. Beim Menschen ist damit die Regulation aller Bereiche der Körperchemie gemeint, wie z.B. die Regulierung des Blutzuckerspiegels.
Homöostase ist ein für alle Lebewesen geltendes Prinzip, um das z.B. gegenüber sich verändernden Lebensbedingungen erreichte Gleichgewicht zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Das gilt auch im übertragenen Sinne als die Tendenz des Organismus, psychische Spannungen selbsttätig bzw. selbstregulierend auszugleichen (Dissonanztheorie).

1. Definition
Aus dem Lateinischen: homoios= gleich; stasis= bleibender Zustand. Die Homöostase beschreibt einen Prozess, der das konstant Bleiben eines bestimmten inneren Zustandes gewährleisten soll. So ein Prozess kann zum Beispiel die Regulierung der Temperatur oder des Wasserhaushalt im Körper sein. Vergleichen kann man die Homöostase mit einem Thermostat, das sowohl an eine Klimaanlage, als auch an eine Heizung gekoppelt ist. Das Thermostat schalltet die Heizung ein, wenn die Temperatur abfällt. Bei einem Temperatur Anstieg wird dementsprechend die Klimaanlage eingeschaltet (vgl. Smith, Nolen-Hoeksema, Fredrickson & Loftus 2007, S.466f).

2. Definition
„Homöostase bezeichnet die Erscheinung, dass lebende Systeme gewisse Parameter konstant halten und diese nach Störung wieder einregulieren in einer Weise, die nicht allgemeinen physikalischen Gesetzten entspricht, sondern diesen oft zuwiderläuft“ (zit. Ritter 1974, S.1184f).

3. Definition
Homöostase ist ein Prozess lebender Organismen bzw. organischer Regelsysteme der im Wesentlichen daraus besteht, physiologische Größen konstant bzw. innerhalb bestimmter zulässiger Grenzen zu halten. Diese konstante Haltung bestimmter Größen erfolgt durch einen einfachen oder komplexen Regelkreis (vgl. Klaus 1967, S.254).

4. Definition
Homöostase ist eine physiologische Bezeichnung für einen Prozess, der einerseits für die Erhaltung des Gleichgewichts im Körperhaushalt, andererseits für den weiter bestand, der für die Erhaltung des Gleichgewichts beteiligten Mechanismen bzw. Reaktionen zuständig ist (vgl. Fröhlich 1994, S.205).

5. Definition
Homöostase (engl. Homoeostasos) beschreibt den durch physiologische Kreisprozesse erzielten Gleichgewichtszustand der Organismen. Diesen Zustand benötigen sie zur Erhaltung ihres Daseins (vgl. Brockhaus 1969, S.656).

Verwendete Literatur:
Fröhlich, W.D. (1994). Wörterbuch zur Psychologie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
Klaus, Prof. Dr., G. (1967). Wörterbuch der Kybernetik. Berlin: Dietz Verlag.
Ritter, J. (1974). Wörterbuch der Philosophie Band 3. Basel: Schwabe & Co Verlag.
Smith, E. Nolen-Hoeksema, S. Fredrickson, B.L. & Loftus, G. R. (2007). Atkinsons und Hilgards Einführung in die Psychologie. Berlin-Heidelberg: Springer Verlag.
Verschiedene (1969). Brockhaus Enzyklopädie Band 8. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG

Quelle: http://lexikon.stangl.eu/30/homoeostase/

Homöostase in der Biologie und Physiologie

"Das Nervensystem besteht aus zentralen und peripheren Anteilen. Das periphere Nervensystem besteht aus einem somatischen und einem autonomen Anteil. Die afferenten Bahnen des somatischen peripheren Nervensystems leiten Informationen der Haut, der Muskeln, der Gelenke, der Augen und der Ohren an das ZNS, während efferente Bahnen vom zentralen Nervensystem zum Körper führen. Damit ist das somatische Nervensystem der Teil, der mit der Umwelt interagiert.
Das autonome oder auch vegetative Nervensystem ist als Teil des peripheren Nervensystems für die Regulation des inneren Gleichgewichts der Körpersysteme verantwortlich.
Das autonome Nervensystem sorgt dafür, dass unser Organismus sich an wechselnde Bedingungen anpasst und die Homöostase des Gesamtsystems erhalten bleibt. Das autonome Nervensystem hat zwei efferente Subsysteme, das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Vereinfacht dient das sympathische Subsystem der Mobilisierung des Organismus bei Bedrohung und Stress, während das parasympathische Subsystem der Erholung und dem Aufbau von Reserven dient".
Quelle: Reimer, ...................

Homöostase in der Kybernetik und in Wolfgang Tschachers "Prozessgestalten"

Prinzip der ?Stabilität, des dynamischen (nicht: thermodynamischen!) Gleichgewichts. Der Begriff Homöostase stammt aus der Physiologie, wo er für die Konstanthaltung des inneren Milieus steht (also für einen Punktattraktor). Allgemein können als homöostatisch auch kompliziertere Formen attrahierenden (asymptotisch stabilen) Verhaltens bezeichnet werden.
Quelle: Tschacher, W. (1997). Prozessgestalten. Hogrefe, S. 254 - Weiteres dazu siehe Kapitel 8!

--> Bertalanffy etc................

Das „homöostatischen Prinzip“ bei Sigmund Freud

„Homöostase" ist die „Bezeichnung für die Erhaltung des Gleichgewichts im Körperhaushalt und die an der Erhaltung des Gleichgewichts beteiligten (homöostatischen) Mechanismen bzw. Reaktionen“ (Drever/Fröhlich: dtv-Wörterbuch zur Psychologie. München 1972. Stichwort: Homöostase.).
Dieses ursprünglich nur physiologisch gemeinte Prinzip der Homöostase übertrug Freud in den Bereich der Psychologie. Von daher versteht er die „Absicht“ des „psychischen Apparates“ als den permanenten Versuch, „die von außen und innen an ihn herantretenden Reizungen und Erregungsgrößen zu bewältigen und zu erledigen“ (S. Freud (1917). Allgemeine Neurosenlehre. S. 349.).
Der Mensch ist demnach ein triebhaftes Wesen, das danach strebt, seine Bedürfnisse zu befriedigen, d.h. die durch sie verursachten Spannungen zu vermeiden und das gestörte Gleichgewicht (wieder-)herzustellen.

Kritik am homöostatischen "Lust-Unlust-Prinzip"
Freuds Lustprinzip ist deshalb für Frankl eine bloße Modifikation des biologischen Homöostase-Prinzips, und das bedeutet für ihn: Wenn der Mensch beschrieben wird als ein Wesen, dem es letztlich um die (Wieder-)Herstellung intrapsychischer Zustände geht — sei es durch Versöhnung, sei es durch Befriedigung der Triebansprüche des Es oder des Uberich53, nicht aber um das Ausgerichtetsein auf Welt und Werte —, dann wird aus Anthropologie „Monadologie“.
Frankl weist jedoch darauf hin, daß das Homöostase-Prinzip selbst in der Biologie nicht mehr gelte, seit von Bertalanffy nachgewiesen habe, daß Phänomene wie Wachstum und Fortpflanzung keineswegs homöostatisch erklärbar seien.
Und der Hirnpathologe K. Goldstein habe für den Bereich der Neurologie und Psychiatrie zeigen können, daß erst das geschädigte Gehirn darauf aus sei, Spannungen zu vermeiden [s.u.]. Deshalb fragt Frankl, ob nicht schon allein das heute um sich greifende Phänomen der Langeweile die Behauptung widerlege, die totale Homöostase bedeute als vollendete Befriedigung von Bedürfnissen Lebenserfüllung.
Und wir fragen, ob nicht die Tatsache, daß in den letzten Jahren auch und gerade in der Analyse Frcudschcr Prägung die Frage nach dem Sinn n a c h Abschluß der Behandlung mit Vehemenz gestellt wird, die Frankls Frage implizierende Antwort rechtfertige.
Frankl: Grundriß der Existenzanalyse. S. 681. Vgl. dazu auch Frankl: Der Mensch auf der Suche nach Sinn. S. 87 f.

Homöostase in der Familientherapie

"Der aus der Physiologie (W. Cannon) stammende Begriff wurde erstmals von D.D. Jackson (1968) auf Familiensysteme angewandt und bekam in der strategischen und strukturellen Familientherapie die Bedeutung von Gleichgewichtszuständen in Systemen. Positive Rückkoppelungsmechanismen (? Feedback aus systemischer Sicht) führen zu Ungleichgewicht, während negative Feedback-Prozesse auf Stabilität in Beziehungsgefügen abzielen. In einer Familie mit einem funktionalen „homöostatischen Plateau“ findet ein harmonisches Wechselspiel zwischen Stabilität und Wandel statt. Eine „rigide“ Familie kann oft nur über die Symptombildung eines Mitglieds (? identifizierter Patient) ihre Homöostase aufrechterhalten. Bei jedem Symptom läßt sich also fragen, welche Funktion es zur Aufrechterhaltung des familiären Gleichgewichts erfüllt.
Stumm/Pritz (2007). Wörterbuch der Psychotherapie

- Elkaim M (1980) Von der Homöostase zu offenen Systemen. In: Duss von Werdt J, Welter-Enderlin R (Hg), Der Familienmensch. Stuttgart, Klett-Cotta, S 150–155
- Jackson DD (1968) Family interaction, family homeostasis and some implications for conjoint family psychotherapy. In: Jackson DD (Ed), Therapy, communication and change. Palo Alto, Science and Behavior Books, pp 121–163

"Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile; jedes Teil ist nur im Kontext des Ganzen zu verstehen; eine Veränderung in irgendeinem Teil wirkt sich auf alle anderen Teile aus; das Ganze reguliert sich durch eine Folge von Rückkoppelungsschleifen, die kybernetischen Schaltkreise. Innerhalb dieser Rückkoppelungsschleifen wandern die Informationen hin und her und bewirken so die Stabilität bzw. Homöostase des Systems". (Papp 1983/1989, S. 18).
Quelle: Papp, ..................

Homöostase in der Gestaltpsychologie und Gestalttherapie

Kurt Goldstein, ein bekannter Vertreter der Gestaltpsychologie,

Modelle der narzisstischen Homöostase und Gefühlsregulation

Narzisstische Homöostase





"Relation und Vernetzung" als Zeitdiagnose für das frühe 21. Jahrhundert

Hier folgen Martin Altmeyers Postulate zu einer postulierten Nach-Narzissmus-Aera: Intersubjektive Wende - Theorie und Praxis der relationalen Psychoanalyse:

Zuerst aber ein kurzer Rückgriff auf Altmeyers allgemeine Narzissmus-Definition, welche im zweiten Kapitel bereits ausführlich dargestellt wurde:
Traditionell wird unter Narzissmus Selbstliebe und Ich-Bezogenheit verstanden. Dieser Lesart eines zentralen psychoanalytischen - und inzwischen auch umgangssprachlichen - Begriffs setzt Martin Altmeyer eine intersubjektive Definition entgegen: "Der Narzissmus thematisiert das Grundbedürfnis, von anderen Menschen gesehen, beachtet, anerkannt und geliebt zu werden. Der Narzissmus ist gerade nicht die einsame Selbstbespiegelung. Im Spiegel der Umwelt bildet sich das Selbst. Wir wissen, dass der primäre Narzissmus des Säuglings auf die Haltefunktion der Mutter und das Lächeln in ihrem Blick angewiesen ist. Wir erleben, dass das narzisstische Kind Aufmerksamkeit und Bewunderung sucht. Wir sehen, dass die Selbstinszenierung des Medienstars den Beifall des Publikums braucht. Und wir ahnen, dass auch die narzisstische Störung einen stillen oder lärmenden, aber immer verzweifelten Kampf um intersubjektive Anerkennung bedeutet." (Martin Altmeyer (2000). Narzissmus und Objekt, S....)

Altmeyers weitere Positionen folgen hier wiederum als Abfolge von Zitaten aus einem Vortrag des Autors aus dem Jahre 2002:

"Die Erfolgsgeschichte des psychoanalytischen Narzissmusbegriffs hatte in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht. Die Psychoanalyse, damals auf dem Gipfel ihrer gesellschaftlichen Anerkennung, hatte eine neue Strömung hervorgebracht, die als eine Art erweiterte Narzissmustheorie mit dem Namen Kohut eng verbunden und heute als Selbstpsychologie etabliert ist. Im zeitdiagnostischen Diskurs hatte die narzisstische Persönlichkeit die autoritäre als vorherrschenden Sozialcharakter abgelöst und galt in der kritischen Pädagogik gar als „neuer Sozialisationstyp“ (Ziehe 1975). Der Narzissmus war als „protestantische Ethik von heute“ (Sennett 1983) zur Signatur einer ganzen Epoche erklärt geworden."(aus: Altmeyer, Martin (2002). „Video(r) ergo sum (Ich werde gesehen, also bin ich)“ - Vortrag im Rahmen der 52. Lindauer Psychotherapiewochen 2002 (www.Lptw.de)

"Dieses Modell der narzisstischen Vereinzelung, das die sozialwissenschaftlichen Analysen einer in unverbundene Individuen zerfallenden Single-Gesellschaft begleitete, hat im Zeitalter des digitalen Kapitalismus offenbar ausgedient. Eine Generation später taugt es womöglich nicht mehr für eine allseitig vernetzte Welt, in der es um Verbindung untereinander geht. Es scheint, als ob die Beziehung zum Anderen, auch wenn sie virtueller Natur ist, ein Revival erlebt. Interaktion ist der Schlüsselbegriff des beginnenden 21. Jahrhunderts, wie wir am Siegeszug der neuen Medien sehen. Die diskursive Hochkonjunktur des Narzissmus zumindest ist vorbei." (ebenda)

"Die Verbindung von Metapsychologie und Zeitdiagnose, die ich Ihnen aufzeigen möchte, liegt in einer intersubjektiven Reformulierung des psychoanalytischen Narzissmusbegriffs (vgl. Altmeyer 2000). Erst ein solcher definitorischer Kunstgriff gestattet uns, charakteristische Erscheinungen des Zeitgeists als verdeckte Suche nach spiegelnder Anerkennung zu deuten, in denen sich das bildet, was ich postmoderne Identität nenne. Um es pointiert auszudrücken:
Im grassierenden medialen Narzissmus kommt eine Basisinteraktion der Menschwerdung zum Vorschein, in der sich das Selbst nicht etwa selbstbespiegelt, sondern sich im Spiegel des Anderen erkennt."

"Das interaktive Medienspiel um das eigene Bild sagt uns etwas Anderes über den Narzissmus, als das, was wir gewohnt sind, wenn wir von der Selbstverliebtheit reden. Ich werde gesehen, also bin ich! Dieses narzisstische Muster der Identitätsfindung scheint sich heute universell etabliert zu haben. Die Spiegelfunktion des Narzissmus, einst eine Domäne von Kleinkindalter, Pubertät und Adoleszenz, ist in einer Welt penetranter Medialisierung derart sozialisiert, dass wir nicht mehr unterscheiden können: Hat hier ein Infantilisierung der Gesellschaft stattgefunden, die im Gegenzug die Kindheit als abgegrenzte Phase zum Verschwinden bringt; oder sollen wir von einer kollektiven Regression unter der totalisierenden Herrschaft der Warenproduktion sprechen sollen, welche auch das Selbst noch zur Ware macht, die verkauft werden muss. Das Videor ergo sum ist gewissermassen das geheime Mantra einer narzisstischen Phantasie, die in den Kapriolen der zeitgenössischen Lebenswelt immer wieder aufs Neue inszeniert wird". (ebenda)

Kernbefund: Nicht mehr Sexualität, sondern Identität sei das seelische Hauptproblem unserer Zeit.

Literatur:
Mitchell S.A. (2003) Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Giessen

Sennett, R. (1976, 1986): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Fischer Frankfurt.
Singer, W. (1998): Die Entwicklung und Struktur von Repräsentationen im Gehirn. Vortrag im Frankfurter Psychoanalytischen Institut am 8.5.1998
Winnicott, D.W. (1965, 1974): Reifungsprozesse und fördernde Umwelt, München.
Winnicott, D.W. (1971, 1995): Vom Spiel zur Kreativität. Klett-Cotta Stuttgart.
Ziehe, T. (1975): Pubertät und Narzissmus. Frankfurt – Köln.
Zizek, S. (2000): "Die Kamera liebt dich". Unser Leben als Seifenoper. Süddeutsche Zeitung v. 28.3.2000.

In Kapitel 2 wurden die Narzissmus-Theorien auf der Ebene der (Kleingruppen-)Beziehungen in chronologischer Reihenfolge bereits definiert und erläutert.

»Videor, ergo sum! Ich werde gesehen, also bin ich« - das ist unter Anspielung auf und im Widerspruch zu Descartes der Nenner, auf den Martin Altmeyer (2003, 261) das Konzept und die Haltung der Intersubjektivität bringt: Das Selbst ist sowohl entwicklungspsychologisch als auch prinzipiell gesehen immer sekundär; der/die Andere ist immer primär: »Der Mensch wird am Du zum Ich«, formulierte bereits Martin Buber (1936, 36), der/die/das Andere ist somit immer schon im Selbst enthalten.

Selbst-sein, Subjektivität basiert also auf der Bezogenheit auf den Anderen und realisiert und entwickelt sich immer im Bezug auf ihn. Umgekehrt wird natürlich der Andere, der aus seiner Perspektive seinerseits ein Selbst ist, ebenfalls nur im Austausch mit dem Gegenüber zu dem, der er ist. Das Selbst und der/die Andere existieren nur in Gegenseitigkeit: "In den Blicken des Du, einer zweiten Person, die mit mir als einer ersten Person spricht, werde ich meiner nicht nur als eines erlebenden Subjekts überhaupt, sondern zugleich als eines individuellen Ichs bewusst.
"Die subjektivierenden Blicke des Anderen haben eine individuierende Kraft" (Jürgen Habermas 2005, S. 19).



Einführung: Relationale Psychotherapie und intersubjektive Psychoanalyse im 21. Jahrhundert

Wenn man den psychotherapeutischen Dialog im Paradigma der Intersubjektivität als eine gemeinsame Schöpfung von TherapeutIn und KlientIn betrachtet, dann hat das natürlich weitreichende Konsequenzen für die Behandlungspraxis: Der Analytiker/Psychotherapeut muss sich auf eine mehr oder weniger gleichrangige Ebene mit dem Patienten begeben, damit der Dialog gelingt.
Das bedeutet, dass er/sie die Freudsche Abstinenz im Sinne der „Spiegelhaltung“ und die Position des Wissenden weitgehend aufgibt und zum Mitgestalter wird - zwar stets um Verstehen bemüht, aber doch immer aus der Teilhabe am Gesamten heraus
.
Er/Sie weiss nicht (und schon gar nicht von vorn herein) alles, sondern beide Beteiligte bringen gemeinsam in Erfahrung, welche Botschaft – welche intersubjektive Wahrheit - die analytische Situation hervorbringt. Das ist ein Prozess in Worten und in Inszenierungen aus dem prozeduralen Wissen heraus, der sich erst auf der affektiven Ebene von Uebertragung und Gegenübertragung erschliesst.
Der Göttinger Psychoanalytiker Michael Buchholz beschreibt dies in einer Würdigung des leider viel zu früh verstorbenen Stephen Mitchell so: „Hier wird gelitten und nach Worten gerungen, hier wird gekämpft, geweint, getrotzt, verführt und beeinflusst. Das alles geschieht, geschieht und geschieht, und am Ende steht manchmal eine Einsicht, eine hilfreiche Klärung, manchmal aber auch nur ein beruhigendes Wort.“ (Buchholz M (2003). Vorwort zur deutschen Ausgabe von Stephen Mitchells „Bindung und Beziehung“, Psychosozial-Verlag, Giessen, S. 9).

Natürlich ist der Analytiker auf Grund seiner/ihrer spezifischen Ausbildung und Kenntnisse, ihres theoretischen Wissens immer auch in einer Sonderrolle. Die analytische Beziehung ist daher zugleich symmetrisch und asymmetrisch. Das ist das Paradox, das in der Behandlung ertragen werden muss.
Die psychoanalytische Behandlung zielt im Kontext der intersubjektiven Psychoanalyse darauf ab, subjektive Bedeutungen zum Tragen kommen zu lassen, die zwischen Patient und Analytiker ausgehandelt werden, und im Hier und Jetzt zu ergründen. Die Uebertragung spielt dabei insofern eine besondere Rolle, als sie die emotionale Anknüpfung an früh verschüttete Erlebnisstränge erlaubt und damit neue Entwicklungen in Gang setzt. An frühere Erfahrungen anzuknüpfen wird dabei zu einer Quelle neu belebter Vitalität. Diese Uebertragungsfunktion ist den Intersubjektivisten wichtiger als die Rekonstruktion von Erfahrungen als Quelle von Einsicht.
Die Begegnung/Beziehung im Hier und Jetzt dominiert also die Beobachtung und die Wahrnehmung, wogegen die Bezugnahme auf die Entwicklung, also auf die Biografie, keine grosse Rolle mehr spielt.
Ein Wesensmerkmal dieser Behandlungstechnik ist die selektive Offenlegung persönlicher Erfahrungen und Gefühle, also selektive Mitteilungen nach sorgfältiger Reflexion der Gegenübertragung.
Dieses Mittel der Behandlung erzeugt ein Klima von beteiligtem Miteinander. Es ist jedoch etwas völlig anderes als eine unkontrollierte Selbstenthüllung. Es ähnelt dem „Prinzip Antwort“ in der interaktionellen Methode, die etwas früher in Deutschland von Annelise Heigl-Evers und Franz Heigl beschrieben worden ist.
Selektiv heisst, dass der Analytiker nicht unkontrolliert seine/ihre eigene Beteiligung preisgibt, sondern nur in dem Masse, wie er/sie es nach Beurteilung der Gesamtsituation für nützlich bzgl. des/der PatientIn hält. Die Idee dahinter ist, dass auf diese Weise neue Beziehungskonstellationen erfahren und verinnerlicht werden können und der Patient an der Begegnung reift.
Michael Ermann (2011) erläutert dies an einem kleinen Beispiel aus einer Supervision:
"Ich riet einer Kollegin, die sich entschieden hatte, sich nach jahrelanger Behandlung erschöpft aus einer Borderline-Therapie zurückzuziehen, mit ihrer Patienten etwa Folgendes zu besprechen:
- dass sie tatsächlich nach all der Zeit erschöpft sei;
- dass sie spüre, die Grenzen ihrer Möglichkeiten erreicht zu haben;
- dass sie das erkläre, damit die Patientin sich orientieren könne und verstehen könne, warum sie die Behandlung nicht mehr weiterführen könne;
- dass sie der Patientin damit nicht Schuldgefühle machen wolle;
- dass sie auch spüre, dass die Patientin noch weiter Behandlung brauche,
- und dass es ihr sehr, sehr leid tue, dass sie selbst diese Behandlung nicht mehr anbieten könne;
- und schliesslich: dass es schmerzlich für sie sei, ihr – der Patientin – damit weh zu tun.

Und noch ein kleines Beispiel aus Ermanns Praxis:
Als ich vor einiger Zeit meinen Behandlungsraum aus der Klinik in meine neue Privatpraxis verlegte, geriet einer meiner Analysanden in eine Krise, machte mir wütende Vorwürfe und nannte mich rücksichtslos. In seiner Wut über meine Praxisverlegung wollte er die Analyse abbrechen. Schließlich sagte ich ihm nach langem Zuhören und nachdem er ein wenig Abstand zu seiner Wut bekommen hatte: “Es tut mir aufrichtig leid, dass ein Ereignis, das in meinem Leben eine so große Bedeutung hat und an dem ich nichts ändern kann, Ihnen so viel Kummer bereitet.“ (Michael Ermann 2011: Von der Abstinenz zur Solidarität - Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse)




Relationale und entwicklungsorientierte Ansätze in anderen Psychotherapie-"Schulen"

Die Gestalttherapie hat mit ihrem Feldmodell den Organismus als grundlegend eingebettet und in wechselseitiger Bezogenheit mit der Umwelt verstanden und geht hier Hand in Hand mit modernen Objektbeziehungstheoretikern und SelbstpsychologInnen. Einer der konsequentesten von psychoanalytischer Seite ist der „relationale Ansatz“.
Dabei gibt es auch innerhalb der relationalen Autoren nicht zu allen Fragen Einigkeit. So steht Sullivan (1950), der auf sprachliche Genauigkeit grössten Wert legt, mit seiner Ansicht, die Sprache sei gleichzusetzen mit dem Beginn der Menschwerdung, der Meinung Mitchells (2003, S. 41) und der Gestalttherapie (vgl. Staemmler 2003a) gegenüber, die – sich auf Stern berufend – in der Sprache ein zweischneidiges Schwert sehen. Sullivan glaubt, Wörter verkörpern die Besonderheiten eines ursprünglichen Zusammenhanges, weshalb alle Eltern so aufgeregt seien, wenn ihr Kind zum ersten Mal „Mama“ oder etwas Ähnliches sagt. Aber es habe seinen Sinn, wenn die „parataktischen“ Eigenschaften verloren gehen, denn erst dann könne Sprache wirklich benutzt werden, so dass andere Kommunikationsteilnehmer sie genau verstehen. Ueberreste des ursprünglichen „parataktischen“ Kontextes bleiben nach Sullivan nur als eine Art Privatsprache erhalten – eine Art „autistische Residuen“ im Sinne nichtsprachlicher Reste, welche die Möglichkeiten der Sprache grundsätzlich aber schmälern.
Mitchell sieht das mit Stern entschieden anders. Denn „es gibt auch Bereiche unseres Erlebens, die wir mit anderen Menschen weniger leicht teilen können und die uns selbst nicht unmittelbar zugänglich sind, weil die Sprache sich dem entgegenstellt. Sie treibt einen Keil zwischen zwei simultane Formen interpersonalen Erlebens: die Form, wie Interpersonalität gelebt, und die Form, wie sie verbal dargestellt wird. Das Erleben in den Bereichen der auftauchenden, der Kern- und der intersubjektiven Bezogenheit, die ungeachtet der Sprache weiterhin erhalten bleiben, kann der Bereich der verbalen Bezogenheit nur sehr partiell mit einschliessen. Und in dem Masse, in dem das Geschehen im verbalen Bereich als wirkliches Geschehen betrachtet wird, unterliegt das Erleben in den anderen Bereichen einer Entfremdung. (Sie können zu „niederen“ Erlebnisbereichen herabsinken.) Die Sprache bewirkt also eine Spaltung im Selbsterleben. Überdies verlagert sie die Bezogenheit von der persönlichen, unmittelbaren Ebene dieser Bereiche auf die ihr selbst inhärente, unpersönliche, abstrakte Ebene (Stern 1992, S. 231f.).

Mit anderen Worten: Die reichsten Formen des Erlebens entstammen der prä-verbalen Entwicklungsphase mit ihren dichten kreuzmodalen Sinneserfahrungen – man kann das Erleben des Säuglings und kleiner Kinder durchaus als zutiefst sinnlich bezeichnen. Andacht fühlen, Ergriffensein, still staunendes Wahrnehmen – diese Affektbereiche bilden sich in der Persönlichkeitsentwicklung früh heraus und sind bei Kindern als Erlebnisbereiche nachfühlbar (vgl. dazu auch Hoffmann-Axthelm 2003). Die sinnliche Intensität geht mit dem Aufkommen der Sprache verloren. Es ist ein Verdienst all jener psychotherapeutischen Ansätze, die explizit an und mit dem Körper arbeiten, auf den emotionalen Reichtum dieser vorsprachlichen „Domäne“ aufmerksam zu machen.

Dieser Auffassung schliesst sich auch der in der psychotherapeutischen Literatur zu wenig beachtete Analytiker Loewald, ein Analysand und Schüler von Sullivan und zugleich Student bei Heidegger an. Während Freud der Ansicht war, es geben ein klar definierbare Kluft zwischen vorsprachlichem und sprachlichem Bereich, zwischen Primär- und Sekundärprozess, die auch das Traumerleben prägt (damit die unbewusste infantile Triebstrebung im Traummotiv das Bewusstsein erreichen kann, muss sie sich an Worte heften, die aus den Tagesresten stammen), bezweifelt Loewald (1977) genau diese Trennung. Für ihn sind vielmehr die Arbeitsweisen der Sprache auf allen Entwicklungsebenen der seelischen Struktur bedeutsam. Schon wenn die Mutter zum Säugling spricht, ist ihre Sprache ein wesentliches Transportmittel ihrer Person – durch ihren Sprachfluss, den Klang der Stimme, den Rhythmus der gesprochenen Worte – und dies sogar schon vorgeburtlich. Loewald muss daher auch als Wegbereiter einer seriösen pränatalen Psychologie betrachtet werden. Für ihn ist weniger die Unterscheidung zwischen „verbal“ und „präverbal“ von Bedeutung, sondern zwischen einer Entwicklungsphase, bei der Wort und Klang in der Dichte eine ganzheitlichen Erlebens aufgehen, und einer späteren Phase, wo die semantischen gegenüber den sinnlich-affektiven Eigenschaften der Sprache Vorrang erhalten.

Stephen Mitchell (2003, S. 53f.), der sich in wesentlichen Aspekten auf Loewald beruft, liest sich beinahe schon körperpsychotherapeutisch, wenn er über die affektiv-sinnliche Wirkung von Worten Gedanken macht. Er ist an Klängen von Worten interessiert, genauso wie Loewald, und an der physikalischen Erfahrung bei Aussprechen von Worten – z.B. am Wort „dig“ (dt.: schürfen):
„Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr der aggressiv-durchdringende Klang des Wortes... zu seiner Bedeutung passt... Um das Wort auszusprechen, muss man die Zungenspitze gegen den Daumen drücken und die Lippen leicht von den Zähnen zurückziehen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schien mir, dass die Bedeutung, der Klang und die physische Aktivität, die man brauchte, um das Wort zu formen, dass alle diese Komponenten zusammen daran beteiligt waren, einen seelischen Zustand zu erzeugen und eine besondere Form der Bezogenheit... herzustellen.“

Mitchell kommt etwas später zu dem Schluss (und schliesst hier wiederum an Loewald an), dass ein wesentliches Element dieser frühen und sinnlichen Entwicklungsphase der Affekt Freude/Spass ist. Eine Sprache ist für ihn eine „verbundene Sprache“, wenn ihr affektive Qualitäten in breiten Variationen und insbesondere die affektive Qualität der Freude im Gesprochenen mitschwingen kann. Damit befindet sich Mitchell sowohl im Einklang mit der Gestalttherapie, die eine lebendige „Kontaktsprache“ an die Stelle reinen „Verbalisierens“ setzen will (vgl. Perls et al. 1979; Staemmler 2003a), als auch mit analytischen Körperpsychotherapeuten, die sowohl auf die Wichtigkeit sprachlicher Verbundenheit mit basalen Erlebensmodi (Berliner 1994) als auch auf die Bedeutung der Freude explizit aufmerksam machen (Heisterkamp 2000). Mitchell (2003 S. 54) betont, dass es ihm wesentlich um die „Tiefendimensionen“ des Erlebens geht – um einen ganzheitlichen Erfahrungsmodus, gekennzeichnet durch ein Verschwimmen der Unterscheidung von Selbst und Anderem, von Innen und Aussen, von Fantasie und Wahrnehmung – einem Erlebensmodus, der in unserer vorsprachlichen Entwicklungsperiode seine Blüte erlebt - aber das ganze Leben lang bestehen bleibt, wenn auch im Hintergrund! Wichtig: Dieses Erleben sei aber vom Wesen her nicht illusorisch, sondern ganz wirklich, ganz real! Hier spürt man Mitchell die Kritik an einem grundlegenden Freud'schen Paradigma, das im frühen kindlichen Erleben halluzinativ-illusorische Momente betont. Auch aus der Sicht der modernen Säuglingsforschung besteht an der realen Erfahrung des Säuglings im Grunde kein Zweifel.

Mitchell geht damit genauso wie Loewald sogar über Winnicott einen entscheidenden Schritt hinaus, denn für Winnicott hatten die Fantasien einen sehr wichtigen Platz - aber eben als illusionärer Uebergangsraum. Beide befassen sich auch mit Körpererinnerungen, mit Kinogrammen (Downing 1996) – beide unterstreichen, dass nicht immer Erinnerungen als Bild abgespeichert werden, sondern als kinästhetische Erinnerungen. Diese Ansicht steht ganz im Einklang mit der mo-dernen Traumaforschung. Beide stellen Ueberlegungen zur grundlegenden These der Kleinianer über frühe introjektive und projektive Mechanismen an, in denen Substanzen und Körperteile gleichsam über die Grenze zwischen innen und aussen hin- und herbewegt werden. Beispiel: „Wenn ich mich also dabei ertappe, im Ärger über meine Tochter genau die gleichen Ausdrücke zu verwenden, die mein Vater mir gegenüber verwendet hat, dann bin ich mit einem väterlichen Introjekt identifiziert, das zum Zwecke einer omnipotenten Kontrolle in mir aufgerichtet worden ist“ (Mitchell 2003, S. 61). Sie kommen zu einer von den Kleinianern abgrenzbaren, anderen Hypothese: „Die Worte meines Vaters (sind) nicht in mich hinein gebracht worden, sie sind ich“ (ebenda). Es aktualisiert sich eine frühe Erfahrung, für die kennzeichnend ist, dass der Unterschied zwischen „innen und aussen“ noch keine wesentliche Rolle spielt. Diese Erfahrung tritt im genannten Moment in den Vordergrund.


Die Liebe haftet dem Ich nicht an, sodass sie das Du nur zum Inhalt
zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du.
(Martin Buber)


Das psychotherapeutische Bündnis: Vertrauen – Hoffnung – Kreditierung

Quellen:
- Boothe B, Grimmer B (2005). Die therapeutische Beziehung aus psychoanalytischer Sicht. In: Rössler W. (Hrsg). Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin Heidelberg New York Tokio, S 37–58
- Boothe B, Heigl-Evers A (1996) Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung. Ruprecht, München
- Boothe B, Hermann M-L (2011) Beziehungen, die Mut machen: Kreditierung in der Psychotherapie mit Aelteren. Psychotherapie Alter 8:203–216
- Hermann, Marie-Luise, Dürler, Nicole, Rohrer, Gila, Boothe, Brigitte (2013). Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. In: Der Psychotherapeut 58, S.56–62
- Grimmer, Bernhard (2006). Psychotherapeutisches Handeln zwischen Zumuten und Mut machen - Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. Kohlhammer, Stuttgart
- Rössler, W. (2005). Die therapeutische Beziehung. Wien: Springer.

Ausgehend von der "klassischen" Sichtweise erarbeite ich im folgenden langsam eine eigene, dem relationalen Paradigma verpflichteten, Philosophie und Praxis der Psychotherapie.
Im Uebergang zwischen "Freudscher Klassik und Benjaminscher Postmoderne" befindet sich u.a. die Position der Zürcher Psychotherapie-Forschergruppe um Brigitte Boothe und Bernhard Grimmer u.a.:

"Vor allem aufgrund der Ergebnisse der empirischen Psychotherapieforschung wird heute in der Qualität der hilfreichen Beziehung zwischen Therapeut und Patient der wichtigste und grundlegende Wirkfaktor jeder Psychotherapie gesehen (Strupp 2000; Luborsky 1995; Frank 1997). Eine solche Beziehung wird immer von beiden, Therapeut und Patient, gestaltet. Im Laufe ihrer Interaktion entwickeln sie ihre eigene Form der Kommunikation und eine gemeinsame Beziehungsgeschichte. Jede therapeutische Dyade ist deshalb einzigartig und nur bedingt vergleichbar. Das Zusammenpassen [sog. "Matching", M.F.] von dem spezifischen Therapeuten mit dem spezifischen Patienten ist somit ein wesentlicher Faktor für ein gelingendes Zusammenspiel und einen erfolgreichen therapeutischen Prozess (Kantrowitz 1998).
Die therapeutische Beziehung ereignet sich in einem institutionalisierten und formalisierten Kontext. Der Therapeut als professioneller Helfer befindet sich in einer bestimmten Rolle, die sich u.a. in einer zugewandten und zugleich neutralen und distanzierenden Haltung zeigt. Es entsteht eine sehr persönliche Beziehung, die dennoch zeitlich, örtlich und in ihrer Nähe und Intimität begrenzt ist. Es ist eine ungleiche Beziehung, in der nur die Geschichten und die Geschichte des Patienten Beachtung finden, während der Analytiker als private Person weitgehend anonym bleibt. Diese Ungleichheit ermöglicht, dass der Patient wirklich zur Geltung kommen kann, ist aber für viele Patienten gerade in der Anfangsphase nicht leicht zu ertragen. Im Laufe einer psychoanalytischen Behandlung ist es unvermeidlich, dass von Zeit zu Zeit auch die reale Person des Analytikers, seine Werte und Vorlieben jenseits seiner professionellen Haltung für den Patienten spürbar werden. Diese Momente einer authentischen persönlichen Begegnung [vgl. Stern's Konzept der "Gegenwartsmomente", Kap. XY], in der die gewohnte professionelle Haltung des Therapeuten aufbricht, beleben die Beziehung und werden von Patienten im Rückblick auf ihre Therapie als eine ganz eigene und wesentliche Qualität hervorgehoben (Senf u. Schneider-Gramann 1990). (zit. nach Boothe B, Grimmer B (2005), S. 44-45)

Die "klassischen" Beziehungs-Wirkfaktoren

Die therapeutische Beziehung stärkt das Ich und mobilisiert Ressourcen der Explorations- und Selbstwahrnehmungskompetenz:
-> Der Psychotherapeut unterstützt den Patienten dabei, dass er sich selbst genauer wahrnimmt und besser versteht.
-> Das geschieht durch Ermutigung zu Selbstwahrnehmung, Selbstexploration und unbeschönigter Selbstmitteilung.
-> Die Arbeit des Analysanden, sich unzensiert mitzuteilen, findet in Auseinandersetzung mit dem Uebertragungsgeschehen statt. Es handelt sich um einen Prozess der Artikulation, eine Aktivität der Gestaltgebung des psychischen Lebens, für die der Dialogpartner als Zeuge und wohlwollender Begleiter von grosser Bedeutung ist.
-> Selbstkenntnis und das Bemühen um selbstexploratives Sprechen stehen in unmittelbarer Verbindung. Die ungeschönte Selbstmitteilung hat zunächst das Ziel, sich selbst dem Gegenüber zu zeigen und kenntlich zu machen. Dieser beziehungsgebundene Prozess des Sich-zu-erkennen-Gebens schafft Vertrauen und Nähe, Anerkennung und nicht-illusionistisches Selbstbewusstsein.
-> Der Patient identifiziert sich dabei mit einer von seiten des Analytikers erfahrenen Haltung nicht-wertender Aufmerksamkeit, respektvollem Wohlwollen und nicht-manipulativen Umgangs mit dem Beziehungspartner.
-> Selbstexploration bringt Anerkennung und Selbstanerkennung. In dieser Position zunehmender Belastungstoleranz ist die Offenheit für die Rekonstruktion maligner psychischer Prozesse und korrigierender Beziehungserfahrungen sowie der Erprobung von Handlungsalternativen optimal gegeben.
(Boothe B, Grimmer B (2005), S. 53-54)

TherapeutInnen-Beziehungs-Variablen
Inzwischen weiss man, dass häufig schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt einer Therapie die Weichen dafür gestellt werden, ob die Beziehungsaufnahme gelingt und sich eine produktive Zusammenarbeit entwickeln kann oder nicht (Strupp 1996, 2000). Vom ersten Kontakt an beginnt ein wechselseitiger Zuschreibungs- und Einschätzungsprozess, begleitet und vorgeformt durch basale Gefühle der Zu- oder Abneigung. Der Therapeut macht sich ein Bild vom Patienten, er nimmt eine Einschätzung der Ziele des Patienten, seiner Persönlichkeit und Entwicklungsmöglichkeiten vor. Diese Bewertung wirkt wiederum auf sein therapeutisches Handeln zurück (Sandler u. Dreher 1998). Die initiale Einstellung des Therapeuten scheint von bemerkenswerter Konstanz zu sein und häufig über die Dauer der Therapie unverändert zu bleiben (Strupp 1996).

PatientInnen-Beziehungs-Variablen
Auch der Patient macht sich ein Bild: Er schätzt die Vertrauenswürdigkeit und insbesondere die Fähigkeit des Therapeuten ein, ihm zu helfen, anfangs oft beeinflusst vom Vertrauen in die professionelle Kompetenz des Therapeuten und in dessen therapeutische Rituale (Frank 1997). Der Therapeut muss sich jedoch auf die Dauer in seinem Handeln bewähren, um das Vertrauen des Patienten zu bestätigen und zu vertiefen.

Die therapeutische Dyade und die triadische Dynamik

Eine erste, implizite Integration von eben beschriebener Kreditierungskonzeption und der in Kap. XY bereits breit diskutierten Anerkennungstheorie sensu Jessica Benjamin und Axel Honneth findet sich in folgendem Beitrag von Boothe und Grimmer aus dem Standartwerk Rössler (2005, Hrsg), "Die therapeutische Beziehung":

"Die psychotherapeutische Beziehung ist zwar eine zwischen zwei Personen, aber sie ist in psychoanalytischer Perspektive nicht als abgeschlossene Dyade zu verstehen. Die beiden Partner sind zwar intensiv aufeinander bezogen, aber sie sind einander nicht genug. Sie schaffen einen Erfahrungsraum, exklusiv für sie beide, aber er öffnet sich notwendig auf ein Drittes hin. Das ist zunächst einfach der Umstand, dass der Patient die Welt draussen in seinen Einfällen und Erzählungen mitbringt und dass seine Situation in der Welt draussen für den therapeutischen Erfolg von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Da ist ausserdem die Tatsache, dass auch der/die TherapeutIn in relevanten Aussenbeziehungen steht, beispielsweise zu Krankenkassen und Supervisoren, und dass Patienten bestimmte Bezugspersonen, die der Therapeut im professionellen und privaten Rahmen hat, interessant finden. Darüber hinaus findet ein systematischer Einbezug des Dritten in einem weiteren Sinn statt: Im aktuellen Beziehungshandeln in der therapeutischen Situation entwickelt sich, psychoanalytisch betrachtet, eine individuelle und wechselnde Dynamik in Auseinandersetzung mit dem dritten Objekt.
Diese Dynamik wird wirksam in den jeweiligen aus infantilen Wünschen, Aengsten und Abwehrbewegungen gespeisten Uebertragungsbeziehungen. Zwei grobe Beispiele: Mutter und Vater unterscheiden sich nicht. Sie lieben mich beide, und ich bin die einzig wichtige Beziehung für sie. So könnte sich die Wunschphantasie eines Patienten anhören, der die Position des ausgeschlossenen Dritten verleugnet. Ein solcher Patient präsentiert sich in der Uebertragungsbeziehung als kindlicher Hoffnungsträger, als messianische Figur vielleicht, auf den alle gewartet haben und dessen Erscheinen in der Tat – vergleiche die Geburt Christi im Neuen Testament – nicht mit einer exklusiven relevanten Beziehung der Eltern verbunden ist. Es ist Aufgabe des Therapeuten, die übertragene Beziehungsdramaturgie des Patienten mit zu durchleben, mitzugestalten, wahrzunehmen und in der Bearbeitung von Abwehr als triadische Dynamik in Kooperation mit dem Patienten weiterzuentwickeln.
(...)
Aber so, wie die Selbstinszenierung als kindlicher Hoffnungsträger einen prekären Preis hat, nämlich auch im reifen Erwachsenenalter immer nur als künftige Verheissung aufzutreten und von einem wohlwollenden Mentor abhängig zu sein, ist für Hänschen die Nähe zur Mutter, die ihn zu brauchen scheint, ein zweifelhaftes Glück. Es hat den Preis des Weltverlustes, eines Gebundenbleibens an die Heimatbasis, [was einer narzisstischen Kränkung gleichkommt, M.F.].
Therapeutischer Fortschritt kommt in diesem Fall zustande durch die Ausgestaltung und Reflexion der Uebertragungsbeziehung, durch die Analyse von Schuld- und Verpflichtungsgefühlen, durch die Ermutigung der Zuwendung zur weiten Welt und durch das Lebendigwerden eines väterlichen Beziehungspartners.
Die psychotherapeutische Beziehung in psychoanalytischer Perspektive soll dazu beitragen, dass im Prozess des Erlebens und Reflektierens inneres [narzisstisches, M.F.] Gleichgewicht wiederhergestellt und in Begleitung eines Gegenübers ein Zuwachs an innerer Freiheit erfahren werden kann.
Für das Verständnis der hilfreichen Beziehung und ihrer variantenreichen Entwicklung im Verlauf einer individuellen psychoanalytischen Behandlung ist das Denken in triadischen Konfigurationen besonders nützlich und aufschlussreich. Die produktive psychoanalytische Triade ist so zu charakterisieren:
- Der Patient erlebt und artikuliert einen spezifischen Konflikt, der Therapeut unterstützt diesen Prozess der inneren Exploration, Klärung und Bewusstmachung, und vermittelt den Bezug auf das Dritte. (Boothe B, Grimmer B (2005), S. 53-54)

Das Kreditierungskonzept

Mit Hilfe des Kreditierungskonzepts (Grimmer 2000, 2006; Boothe u. Heigl-Evers 1996) können die verschiedenen Erkenntnisse zur Bedeutung von Zuversicht, zur Einstellung des Therapeuten und zur Motivierung des Patienten als Merkmale einer Kreditierungsbeziehung verstanden werden: Der Therapeut muss dem Patienten zunächst einmal einen Kredit für sein Anliegen in der Therapie geben. Er muss überzeugt sein, dass der Patient über Ressourcen verfügt, die ihm eine Lösung seiner Probleme und eine Entwicklung und Veränderung in der Zukunft ermöglichen. Er setzt auf das Potential des Patienten.
Damit einher geht aber eine bestimmte Haltung ihm gegenüber: Der Therapeut begegnet ihm/ihr als einen potentiell machtvollen Akteur und vermittelt ihm sein Zutrauen. Diese Vermittlung erschöpft sich nicht im blossen verbalen Zuspruch (»das wird schon«, »Sie werden das schaffen«), sondern zeigt sich in der gesamten Beziehungsgestaltung.
Der Therapeut mutet dem Patienten in der gemeinsamen Arbeit etwas zu, konfrontiert ihn mit neuen und unangenehmen Sichtweisen. Eine kreditierende Haltung wirkt der häufig zu Beginn einer Therapie beobachtbaren Selbstwahrnehmung und Selbstpräsentation des Patienten als bedauernswertes Opfer einer versagenden Umwelt entgegen und fördert dessen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Akteur, [er/sie verlässt somit mehr und mehr eine Opferhaltung].
Eine solche Bewegung weg von der Wahrnehmung als passives Opfer hin zur Erkenntnis eigener Aktivität ist ein häufig zu beobachtendes Merkmal eines erfolgreichen psychoanalytischen Prozesses (Lear 1999). Ein kreditierender Beziehungsmodus ist als nicht wegzudenkende Form Entwicklung fördernder Kommunikation zwischen Eltern und Kindern von Boothe u. Heigl-Evers (1996) beschrieben worden, [vgl. das Entwicklungs-Kapitel in diesem Buch].
In der Psychotherapie ist er aufgrund der empfundenen Hoffnungslosigkeit und mangelnden Kompetenzerwartung des Patienten besonders wichtig. Die Kreditierung des Patienten durch den Therapeuten ist sicherlich vorrangig, umgekehrt muss aber auch der Patient dem Therapeuten Kredit geben, z.B. im Sinne des oben beschriebenen Vertrauensvorschusses in dessen Kompetenz." (Boothe B, Grimmer B (2005), S. xx-xx)


Die therapeutische Grundhaltung einer Relationalen Psychoanalyse bzw. intersubjektiven Psychotherapie

Otto F. Kerbergs in Kap. XY und bereits etwas intersubjektiver Boothe/Grimmers oben beschriebene Haltung bzgl. der Beziehung und deren Gestaltung entprechen zwar noch weitgehend einer klassischen, eher autoritativen (vgl. Kap. XY: Entwicklungspsychologie) Experten-Kunden-Beziehung.
Seit dem "relational turn" Ende des letzten Jahrhunderts hat sich die Beziehungsgestaltung auch in Richtung einer partnerschaftlich-suchenden Unterstützung und Begleitung entwickelt.
Sehr treffend hat dies Martin Altmeyer im letzten Abschnitt seiner Standortbestimmung "Soziales Netzwerk Psyche" im Forum für Psychoanalyse (2011), Nr. 27, S. 107-127, beschrieben:

"Die „Revolution“ der Psychoanalyse sieht Stephen Mitchell (2003), [der "Wiederentdecker" der Relationalen Psychoanalyse, Anm. M.F.], auf beiden Seiten der psychoanalytischen Beziehung:
Der Patient brauche heute weniger das, was ihm die klassische Psychoanalyse [vgl. erstes Kapitel in diesem Buch, Einschub M.F.] angeboten bzw. abverlangt habe, also Aufklärung über die eigene Triebwelt, Verzicht auf infantile Wunschbefriedigungen, Anpassung an soziokulturelle Anforderungen, und erwarte vielmehr Unterstützung bei seiner individuellen Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Authentizität und Vielfalt, nach persönlicher Identität ohne Identitätszwang.
Der Analytiker wiederum besitze weder objektives noch exklusives Wissen über die Psyche seines Patienten; statt nach biografischer Wahrheit suche er gemeinsam mit dem Patienten nach den Bedeutungen, die in dessen Interaktionsgeschichte und Beziehungserfahrungen verborgen sind, einschliesslich der Bedeutung der analytischen Beziehung selbst, und nach neuen Lebensentwürfen (Mitchell 1993, 2005).
Weil diese Suche ein gemeinsames Unternehmen ist, komme es darauf an, die analytische Beziehung von autoritären Mustern zu befreien, sie egalitärer zu gestalten, ohne freilich deren Asymmetrie in der Rollenverteilung zu bestreiten, und den Patienten an der Deutungsarbeit zu beteiligen.

Dazu muss der Analytiker sich als lebendiger, interessierter, engagierter Partner verstehen, der die klassische Position des neutralen Beobachters verlässt, seine theoriebewaffnete Objektivität zugunsten einer Selbstreflexivität und persönlichen Offenheit aufgibt, die mit privater Enthüllung nichts zu tun hat. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass der Patient sich in einem „glatten Spiegel“ der therapeutischen Indifferenz nicht selbst erkennen kann [vgl. die beschriebenen Narzissmus-Konzepte im Kap. XY, Einschub M.F.].
Erst in einem durch Anerkennung „gebrochenen“ Spiegel lässt sich jene kreative Selbsterforschung in Gegenwart eines Anderen betreiben, die dem Patienten nicht nur die Integration seiner lebensgeschichtlich abgespaltenen, abgewehrten, oder abgewerteten Persönlichkeitsanteile erlaubt, sondern ihn auch ermutigt, zu neuen Ufern der Selbst- und Weltbeziehung aufzubrechen".

Im Artikel "Narzissmus, Intersubjektivität und Anerkennung" (Psyche, 54/2000) schreibt Altmeyer zur Narzissmus-Psychotherapie:
"Es ist geradezu die Abhängigkeit vom Anderen, die im Narzissmus verborgen wird und sich gleichzeitig auf eigentümliche Weise enthüllt. In den vielfältigen Ausdrucksformen dessen, was wir Narzissmus nennen, sind unbewusste Botschaften an die Welt enthalten. Uebersetzt lautet die suggestive Mitteilung etwa:
"Schau mich an, höre mir zu, beachte mich, bewundere mich!" oder: "Halte mich, liebe mich, erkenne mich an!" – sie kann auch heissen: weil/wenn Du das verweigerst, ziehe ich mich von Dir zurück oder greife Dich an! oder aber: ich fühle mich grossartig und eins mit der Welt – vielleicht auch: "Mit einer Welt, die mich so behandelt (hat), will ich nichts zu tun haben!"
Im Uebertragungsgeschehen, und das nicht nur bei der Behandlung narzisstischer Störungen, sind wir Adressaten solcher Botschaften, wie wir bei der Analyse unserer Gefühle der Gegenübertragung erkennen".

Küchenhoff (1999) schreibt folgendes zur Verschränkung von Intra- und Intersubjektivem:
Die Verschränkung der intrapsychischen und intersubjektiven Ebene
[Es] läßt sich eine Konvergenz zwischen klinischer Theorie zu den frühen Störungen und der Säuglingsforschung erkennen. Es geht beidesmal um die Polarität zwischen Trennung und Beziehung; in einem Fall wird Trennung durch Beziehung kompensiert, also durch die Beziehung Trennung verarbeitbar; im anderen geht es um die Anerkennung der Getrenntheit, um die positive Bestätigung der Trennungsschritte innerhalb der Beziehung. Immer ist es der Andere, der den Rahmen für das Trennungserleben anbietet.

Wer ist der Andere?

Um Mißverständnisse zu vermeiden, soll nicht einfach vom „äußeren Objekt“ gesprochen werden; so vertraut uns dieser Begriff klingen mag, ist er m.E. doch problematisch. Denn der psychoanalytische Objektbegriff lebt davon, daß mit ihm nicht der andere Mensch beschrieben wird, sondern seine Besetzung oder, anders gesagt, seine wunsch- oder triebbestimmte Perspektivierung. Dann aber können Objekte nicht die „wahren“ Bilder der Anderen sein, was ja auch erkenntnistheoretisch betrachtet nicht möglich ist – auch die sog. „äußeren Objekte“ nicht. Jenseits der Objektbesetzung ist nicht mehr das Objekt, sondern der Mitmensch, auf den ich mich beziehe und der sich mir zugleich entzieht. Nicht vom Mitmenschen ist hier die Rede, sondern vom Anderen, weil das „Mit-“ zu einseitig die Verbundenheit betont; es geht aber um das Wechselspiel von Verbindung und Differenz. Der Begriff ist nötig, um die Beziehungsdimension zu beschreiben, die im Objekterleben nicht aufgeht, die anzeigt, daß es ein Jenseits der Beziehung zum Objekt gibt, das die Beziehung zu einer Aufgabe macht, die prinzipiell nicht abzuschließen ist.
„Der Andere“ soll eine weitere Metapher sein, um diese letzte Trennungsdimension zu beschreiben. Trennungen müssen selbst anerkannt werden. Korrekter wäre es, von der „Anerkennung des Anderen“ zu reden; der Einfachheit halber soll es bei dem Kürzel bleiben, mit dem sich das Reflexivwerden der Trennungserfahrung gut beschreiben läßt.

Die Anerkennung des Anderen, die Liebe und die implizite Ethik der Psychoanalyse
Psychoanalytische Therapie löst das Spannungsfeld zwischen den (inneren) Objekten und dem Anderen nicht auf. Im Gegenteil, sie verhilft zu seiner Bewusstwerdung.
Ziel der Psychotherapie ist es demnach, dass aus den Objekten Andere werden können, also Subjekte, zu denen wir einen Bezug herstellen, die objekthaft besetzt werden können, aber nicht in dieser Besetzung aufgehen. Es ergibt sich ein Paradoxon: gerade als Analytiker sehen wir, wie bedeutsam Objektbesetzungen sind. Es geht nicht anders, als in jeder Beziehungsaufnahme aus dem Anderen ein Objekt zu machen; wir können nicht aufhören, die anderen zu besetzen.
Aber wir können in der Analyse erfahren, daß und auf welche Weise wir es tun. Und dieser selbstreflexive Schritt hat Auswirkungen: an die Stelle des Wunschs nach Rückkehr in die – nachträglich aufgebauten – Paradiese, an die Stelle der imperativen Anforderungen an die Anderen, das oder jenes für mich zu sein, tritt der in sich zurückgebogene, also reflektierte, nicht der aufgelöste Wunsch.
Für meine Beziehung zum anderen heißt das nicht, daß ich ihn nun interesselos, ohne Egoismus, nur um seiner selbst willen etc. betrachte, aber ich rechne mit den Effekten der Trennung. Ich anerkenne seine Unterschiedenheit, und die Anerkennung seiner Subjektivität ist die Anerkennung der Tatsache, daß er mir immer wieder entgleitet, weder in meinen Wünschen noch in meinen Ueberzeugungen aufgeht. (Küchenhoff 1999, S. 199-200



Beziehungs-Phänomene in der Klassischen Psychoanalyse, Objektbeziehungs- und Selbstpsycholgie

Uebertragung und Gegenübertragung

..........im folgenden zuerst wieder anhand der beiden bereits mehrfach erwähnten Psychoanalytiker Kohut und Kernberg, darstellen möchte; dies wiederum anhand von Originalzitaten:

Das Wesen der spontan sich entwickelnden Uebertragung:

(...)
Im Folgenden und im Anschluss an meine Zitate in Ka. XY, S. xy, untersucht Heinz Kohut in seinem wichtigen Werk von 1973 "Narzissmus":
1. die Uebertragungen, die aus der therapeutischen Mobilisierung der idealisierten Elternimago entstehen (idealisierende Uebertragung genannt);
2. die aus der Mobilisierung des Grössen-Selbst entstehenden (zusammenfassend als Spiegelübertragung bezeichnet);
3. die Uebertragungsreaktionen des Analytikers (einschliesslich seiner Gegenübertragungen), die man während der Freisetzung der idealisierten Elternimago in der Uebertragung bemerkt; und
4. jene, die man während der Freisetzung des Grössen-Selbst des Patienten findet...“ (S. 43)

Die idealisierende Uebertragung:
„Die therapeutische Aktivierung des allmächtigen Objekts (der idealisierten Elternimago), idealisierende Uebertragung genannt, ist die Wiederbelebung eines von zwei Aspekten einer frühen Phase der seelischen Entwicklung in der Psychoanalyse.
Sie ist der Zustand, in dem die Psyche, nachdem sie eine Störung des Gleichgewichts des primären Narzissmus erleiden musste, einen Teil des verlorenen Erlebens der umfassenden narzisstischen Vollkommenheit dadurch zu retten versucht, dass sie diese einem archaischen, rudimentären (Uebergangs-)Selbst-Objekt zuschreibt, der idealisierten Elternimago. Da alle Vollkommenheit und Stärke jetzt in dem idealisierten Objekt liegen, fühlt das Kind sich leer und machtlos, wenn es von ihm getrennt ist, und es versucht deshalb, dauernd mit ihm vereint zu bleiben.“ (S. 57)

Die Spiegel-Uebertragung:
„Entsprechend der kohärenten therapeutischen Wiederbelebung des idealisierten Selbst-Objektes in der idealisierenden Uebertragung wird das Grössen-Selbst in den übertragungsähnlichen Zuständen therapeutisch reaktiviert, für die der Begriff Spiegelübertragung gewöhnlich verwandt wird, obwohl er nicht umfassend genug ist. Die Spiegelübertragung und ihre Vorläufer stellen somit die therapeutische Wiederbelebung jenes Aspektes einer Entwicklungsphase dar, in der das Kind versucht, den ursprünglichen allumfassenden Narzissmus dadurch zu erhalten, dass es Vollkommenheit und Macht in das Selbst verlegt „hier Grössen-Selbst genannt„ und sich verächtlich von einer Aussenwelt abwendet, der alle Unvollkommenheiten zugeschrieben werden (dies stimmt ungefähr mit dem Zustand überein, den Freud das >purifizierte Lust-Ich< genannt hat.“ (Kohut, S. 57)
Die kohärente therapeutische Wiederbelebung des Grössen-Selbst vollzieht sich in der Analyse in drei Formen; diese stehen in Beziehung zu spezifischen Entwicklungsstadien dieser psychischen Struktur, wie sie in der therapeutischen Regression sichtbar geworden ist:
1. Die archaische Verschmelzung durch Erweiterung des Grössen-Selbst;
2. eine weniger archaische Form, die Alter-Ego oder Zwillingsübertragung und
3. eine noch weniger archaische Form, die als Spiegelübertragung im engeren Sinne bezeichnet wird." (S. 138)

Die Spiegelübertragung im engeren Sinne (nach: Kohut, H. (1973). Narzissmus)
In der reifsten Form der therapeutischen Wiederbelebung des Grössen-Selbst wird der Analytiker am deutlichsten als anderer Mensch erlebt. Er ist jedoch dem Patienten nur im Rahmen der Bedürfnisse, die durch das therapeutisch wiederbelebte Grössen-Selbst geschaffen werden, wichtig und wird nur insoweit von ihm akzeptiert. Für diese Form der analytischen Wiederbelebung des Grössen-Selbst trifft die Bezeichnung >Spiegelübertragung< am meisten zu. S. 140)
In diesem engeren Wortsinn ist die Spiegelübertragung die Wiederherstellung jener normalen Entwicklungsphase des Grössen-Selbst, in dem der Glanz im Auge der Mutter, der die exhibitionistische Darbietung des Kindes widerspiegelt und andere Formen mütterlicher Teilnahme an der narzisstischen Lust des Kindes und der narzisstisch-exhibitionistischen Lust des Kindes und der mütterlichen Reaktionen auf sie das Selbstwertgefühl des Kindes stärken und durch eine schrittweise zunehmende Spezifität dieser Reaktionen das Selbstwertgefühl in eine realistischere Richtung lenken.“ S. 141)
Die drei Formen der Wiederbelebung des Grössen-Selbst in der Uebertragung können an ihren verschiedenen klinischen Bildern erkannt werden:
Ad 1: „Da die älteste Form in der Wiederherstellung einer alten Einheit mit dem Objekt durch Ausweitung des Grössen-Selbst in der Übertragung besteht, hat das Übertragungsobjekt kaum Konturen, und die Beschäftigung mit dem Objekt fehlt in den assoziativen Material entweder ganz, oder sie ist sehr dürftig und unauffällig.“ (S. 147)

Ad. 2: „Weil die Alter-Ego- oder Zwillings-Uebertragung, in der nicht eine primäre Einheit, sondern eine Gleichheit (Ähnlichkeit) mit dem Objekt wieder hergestellt wird, einer reiferen Entwicklungsphase entstammt als jene der Verschmelzungsübertragung, treten objektbezogene Inhalte in dem assoziativen Material mehr in Erscheinung, und ein gewisses Mass von Getrenntheit vom Objekt wird vom Analysanden verbalisiert.“ (S. 148)

Ad 3: „Und weil schliesslich die Getrenntheit vom Objekt in der Spiegelübertragung im engeren Sinne kognitiv am deutlichsten entwickelt ist, sind objektbezogene Inhalte hier am häufigsten. Das Objekt ist jedoch selbst hier noch mit narzisstischer Libido besetzt, und es wird nur insoweit darauf reagiert, als es zur Aufrechterhaltung der narzisstischen Homöostase beiträgt (oder diese beeinträchtigt).“ (S. 148)


Zur Behandlungstechnik nach Kernberg:

Die typischen Uebertragungs- und Gegenübertragungs-Situationen, wie sie sich (auch) in Behandlungen schwer narzisstisch gestörter Patienten zu entwickeln pflegen:
„Alle Bemühungen dieser Patienten scheinen nur darauf ausgerichtet zu sein, den Analytiker scheitern zu lassen, die Analyse zu einem belanglosen Spiel zu machen und was immer sie an ihrem Analytiker als gut und wertvoll erleben, systematisch zu zerstören.“ (S. 282 f)

„Wenn man monate- und jahrelang von solch einem Patienten immer nur als dessen >>Anhängsel<< behandelt wird (was oft auf derart subtile Weise geschieht, dass man es unter Umständen eine Zeitlang gar nicht merkt) so kann es schon passieren, dass man sich allmählich wirklich >>wertlos<< fühlt, zumindest was die analytische Arbeit mit diesem Patienten anbelangt. Alle Bemerkungen und Interventionen des Therapeuten scheinen sich in Sinnlosigkeit zu verflüchtigen, und jegliche Sympathie, die er für den Patienten empfunden haben mochte , wird von diesem systematisch zerstört.“ (S. 283)

„Im Verlaufe einer über längere Zeit erfolglosen Behandlung kann beim Analytiker schliesslich eine defensive Entwertung des Patienten einsetzen, die diesen wiederum in seinem Verdacht bestärkt, dass auch der Analytiker letztlich nicht anders sei als andere bedrohliche Objekte, von denen er sich schon früher zurückgezogen hat; manchmal gibt auch irgendeine geringfügige Frustration den Anlass dafür, dass der Patient sich plötzlich darüber klar wird, dass er den Analytiker nicht mehr unter seiner Kontrolle hat. In so einem Moment kann es leicht zum Abbruch der Behandlung kommen.“ (S. 283)

Behandlungstechnische Konsequenzen:
„So muss der Analytiker vor allem ständig sein Augenmerk auf die besondere Qualität der Übertragung richten und immer wieder konsequent allen Bemühungen des Patienten entgegentreten, die darauf abzielen, ihn omnipotent zu beherrschen, zu kontrollieren und zu entwerten. Weiterhin gilt es auch, die langfristige Entwicklung der Gegenübertragung sorgfältig zu beachten.“ (S. 283)

„Der Analytiker soll seine Gegenübertragung in den analytischen Prozess mit einbringen – nicht in der Weise, dass er dem Patienten seine Gefühle mitteilt, sondern indem er systematisch seine Gegenübertragung benutzt, um daran die verborgenen Intentionen im Verhalten des Patienten zu erkennen. Da diese Patienten ihren Analytiker als Erweiterung ihrer selbst oder umgekehrt: sich selbst als einen Teil des Analytikers behandeln, spiegelt sich im Gefühlserleben des Analytikers hier noch deutlicher als bei anders gelagerten Fällen das wider, womit der Patient selbst sich innerlich auseinandersetzt; insofern ist die systematische Nutzung der Gegenübertragungsreaktionen bei der Behandlung narzisstischer Persönlichkeiten besonders aufschlussreich.“ (S. 283)

Zusammenfassend für die besprochenene psychoanalytischen Therapieansätze dient folgende Tabelle aus Hartmann (1997):




Persönliche Anmerkungen:

Sozialisiert durch die harte, sprich: nur durch quantitative Statistik erhärtete Fakten akzeptierende, Schule des leider früh verstorbenen "Star-Psychologen" Prof. Klaus Grawe hat es einige Jahre gedauert, bis ich mich über Umwege (Gestalttherapie, Integrative Therapie) wieder meinen eigenen psychologischen Wurzeln zuzuwenden vermochte: der Psychoanalyse nach Sigmund Freud und seinen Nachfolgern.

Ich habe selber im Rahmen der für angehende Psychotherapeuten gesetzlich vorgeschriebenen Selbsterfahrung einige Therapieverfahren an eigener Haut erfahren dürfen. Die psychoanalytische Psychotherapie hat mir dabei mit Abstand am meisten gebracht; sowohl an Einsichten als auch an konkreten Hilfen für den privaten wie auch beruflichen Alltag.
Ich finde es deshalb zynisch, wenn u.a. VerhaltenstherapeutInnen und Systemiker zwar selber ganz gerne und mit Erfolg zu einem Psychoanalytiker sowohl in Eigentherapie als auch in Supervision gehen, dann aber dieses Verfahren (quasi die Königsdiziplin !) nicht ihren KlientInnen zukommen lassen, sondern da dann nur eine Art von kurzer und oberflächlicher Psycho-Technologie, meist kognitive Verhaltenstherapie, Hypnose o.ä., anwenden.
Hier herrscht eine ungute und m.E. skandalöse Zweiklassen-Psychotherapie: Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie für Reiche und Intellektuelle der Mittel- und Oberschicht einerseits sowie (kognitive) Verhaltenstherapie kombiniert mit Medikamenten und ev. systemischen Einsprengseln für die weniger privilegierten Menschen in unserer Gesellschaft.

Mein Fokus liegt deshalb bei dem Versuch, das Wertvolle der Langzeittherapieform Psychoanalyse beizubehalten und gleichzeitig die Anzahl Sitzungen so zu reduzieren, dass Tiefenpsychologie noch immer "funktioniert" (inkl. Uebertragung, Gegenübertragung und Widerstand!, s.u.) und zu einer handhabbaren (höchstens eine Sitzung pro Woche), rationalen (alle Phänomene werden dem Klienten transparent gemacht) und bezahlbaren (weil höchstens 30 Sitzungen nötig) Behandlungsform wird.
Somit steht die "tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie" (so nennt sich diese Art der mittlerweile recht verbreiteten Kurzzeit-Psychoanalyse) auch KassenpatientInnen zur Verfügung. Ich habe festgestellt, dass die Langform der Therapie sich auch bei Privatzahlern (welche bereit wären über Jahre hinweg zweimal die Woche zu kommen) gar nicht besser bewährt als die eben skizzierte Kurzform (hierzu gibt es eine Menge Forschungsresultate, z.B. Grawe et al. 1994, Frauchiger 1997).

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Von der Monade über die Dyade zur Triade

--> Thomas Bedorf: Monade, Dyade und Triade

--> Grieser et al.: Triangulierung

Jürgen Habermas: Theorie kommunikativen Handelns

Wie auch in den bisherigen Kapiteln leite ich neue Themen ganz gerne mit einer "fachfremden" Perspektive ein. Beim Thema "Von der Dyade zur Triade", also der Triangulierung, habe ich mich für einen Text aus der Pädagogik entschieden. Folgender Auszug stammt von der bereits in der Einführung länger gewürdigten Autorin und Professorin Annedore Prengel, welche 2013 folgenden Text zu Habermas' Triangulierungs-Konzept schrieb: Literaturangaben zu den im Text erwähnten Quellen:
Geddes, Heather (2009): Bindung, Verhalten und Lernen. In: Brisch, Karl-Heinz/Hellbrügge, Theodor (Hg.): Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 170-186
Habermas, Jürgen (2009): Es beginnt mit dem Zeigefinger. In: Die Zeit, Feuilleton vom 10. Dezember 2009 Nr. 51. S.45
Habermas, Jürgen (2010): »Das utopische Gefälle. Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte.« In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 58 (3) 2010, S.343-357. Auch in: Blätter für Deutsche und Internationale Politik, 8/2010, S.43-53. URL: http://www.blaetter.de/archiv/themen (20.1.2013)
Helsper, Werner/Wiezorek, Christine (2006): Zwischen Leistungsforderung und Fürsorge. Perspektiven der Hauptschule im Dilemma von Fachunterricht und Unterstützung. In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. 98 (4) 2006, S. 436-455
Reiser, Helmut (2006): Psychoanalytisch-systemische Pädagogik: Erziehung auf der Grundlage der Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Kohlhammer
Stähling, Reinhard (2013): Differenzieren lässt sich lernen. Wie die Grundschule Berg Fidel gelernt hat, mit Heterogenität umzugehen und Aussonderung zu unterlassen. In: Jürgens, Eiko/Miller, Susanne (Hg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S.252-264
Tomasello, Michael (2011): Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Triangulierungsprozesse

Die innere Welt ist dann ein dreidimensionaler Raum, wenn sie eine tragende Verbindung zur Aussenwelt hat. Man kann sich den 4. Pol auch als Fenster vorstellen, durch das genauso das Licht der Aussenwelt in den Binnenraum der Beziehungstriade hineinscheint wie es hinausführt in das Getümmel der Außenwelt. Triangulierung gibt Bedeutung, Struktur und Halt und eröffnet eine Perspektive. Aufgabe des Therapeuten ist es, ein triadisches Feld entstehen zu lassen und Triangulierungsprozesse zu ermöglichen. Dabei kann er sich auf Goethe berufen, der in den Wahlverwandtschaften schrieb: „Nichts ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten“.
Jede therapeutische Situation kann als ein Uebergangs- oder Möglichkeitsraum im Sinne Winnicotts betrachtet werden, in dem wie oben beschrieben Symbolisierungs- und Entwicklungsprozesse im Dreieck Patient-Therapeut-Symbol möglich werden. Therapie ermöglicht Symbolisierung und damit Entwicklung. Im therapeutischen Uebergangsraum orientiert sich der Therapeut auf der Grundlage seiner eigenen inneren Triangulierung in folgenden Untertriaden (vgl... Abb. 4):

1. Im Dreieck Patient–Therapeut–Therapiemethode; hier wird z.B. der Behandlungsvertrag ausgehandelt und der Rahmen für die Behandlung gesetzt. Die Therapiemethode steht hier nicht zufällig am 4. Pol der Außenrealität, denn im Konfliktfall müssen sich Patient und Therapeut im Rückgriff auf die Methode den Rahmen eines Stücks gemeinsam geteilter Aussenrealität versichern. „Ohne die Idee einer objektiven Realität draußen, über welche Analytiker und Patient sich mehr oder weniger gut verständigen könnten“, kann sich Thomä (1999, S. 849, sich auf Cavell beziehend) ein Gespräch zwischen 2 Personen nicht vorstellen.

2. Im Dreieck Patient-Therapeut-Material; dieses wird durch die aus dem Behandlungsvertrag abgeleitete Grundregel konstituiert.

3. Im Dreieck Therapeut-Material-Methode findet der Therapeut zu seinen Deutungen; dieses kann deshalb als das Deutungsdreieck des Therapeuten bezeichnet werden.

4. Dem Dreieck Patient-Material-Methode steht der Therapeut oft begleitend gegenüber, manchmal auch als mehr oder weniger ausgeschlossener Vierter, wenn der Patient die Analyse allein vorantreibt, was er zwischen den Therapiestunden und nach Beendigung der Analyse tun wird, oder wenn der Patient sich dieses Dreiecks als Abwehr zur Vermeidung der Beziehung zum Therapeuten bedient.

Ein trianguläres Modell des therapeutischen Prozesses, wie es im Bild der therapeutischen Pyramide dargestellt wird, impliziert, dass nicht der Patient das Objekt der therapeutischen Bemühungen ist, sondern etwas Drittes, das in der Beziehung von Patient und Therapeut entsteht unter Bezugnahme auf den Rahmen, der sich aus der therapeutischen Methode ergibt. Eine solche Perspektive trägt dazu bei, die 2 historischen Einseitigkeiten zu vermeiden, die Körner (1998) in der Geschichte psychoanalytischer Behandlungsansätze sieht:

Die erste war der klassische patientenorientierte Ansatz, in dem der Analytiker deutete, was seiner Meinung nach im Patienten passierte, die zweite war die Gegenbewegung hin zu einem rein gegenübertragungsorientierten Ansatz, in dem sich der Analytiker daran orientierte, was in ihm selber vorging. Beide Ansätze, meint Körner, verhinderten Triangulierung, weil der Bezug auf das Dritte zwischen Analytiker und Analysand fehlte. Auf der Grundlage einer „interaktionellen triangulären Methode“ (S. 363) entsteht das Dritte dadurch, dass sich Analytiker und Analysand gemeinsam mit dem Material beschäftigen, das in der Analyse entsteht.


Jessica, Benjamin, Herr, Knecht, Ohnmacht, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Depression, Burnout, Aggression, Verhalten, Erleben

Quelle: Grieser, Jürgen (2003). Von der Triade zum triangulären Raum. In: Forum für Psychoanalyse 19: S.111–112

(...)
Orientiert sich der Therapeut an der Vorstellung, dass die triangulierende Funktion des Dritten eine zentrale Rolle spielt, so verhält er sich anders, als wenn er denkt, dass die Mutter-Kind-Dyade der entscheidende Ort in der kindlichen Entwicklung und in der Aetiologie psychischer Störungen sei. Im ersten Ansatz wird nach entwicklungsfördernden Triangulationsmöglichkeiten gesucht, womit ihm eine progressionsorientierte Tendenz zukommt, während der zweite Ansatz in den dyadischen Beziehungserfahrungen der Therapie das Entwicklungspotenzial lokalisiert, was eher regressive Tendenzen unterstützt.
Das Zusammenspiel dieser beiden Tendenzen in der psychoanalytischen Situation formuliert Chasseguet-Smirgel in der Metaphorik von mütterlicher und väterlicher Dimension so: „Dem Analysanden wird ein Mutterschoß geboten, in den er regredieren kann, aber der psychoanalytische Rahmen setzt dieser Regression Grenzen, die den Analysanden vom Analytiker trennen, so wie der Vater das Kind von der Mutter trennt“ (zit. n. Ehebald 1991, S. 287). Der mütterliche Schoss kann mit der Fähigkeit des Analytikers, zu halten und zu verstehen, übersetzt werden, der Vater steht für das trennende Nein, das schon allein darin liegt, dass „er überhaupt spricht, weil Sprechen ein Nein ist zum Schleier, zur Illusion des stillschweigenden Verstehens“ (Borens 2000, S. 88).
(...)
Die Kunst des Psychoanalytikers besteht darin, immer wieder das Gleichgewicht zwischen der Affektabstimmung in der Dyade auf der einen Seite und dem kognitiven Prozess des analytischen Schlussfolgerns und Interpretierens auf der anderen Seite zu halten, meint Brickman (1993, S. 910). In der Sicherheit des therapeutischen Uebergangsraums taucht als etwas Drittes die Deutung auf und balanciert die verschmelzenden Aspekte des Dyadischen aus. Deshalb kann die Deutung auch ambivalent erlebt oder als etwas eindringendes Drittes abgelehnt werden. Britton (1989) schildert dies anschaulich am Beispiel einer Patientin, die auf die Versuche des Analytikers, sich einen Raum zu verschaffen und analytisches Denken auf die Mitteilungen der Patientin anzuwenden, damit reagierte, dass sie ihn anschrie: „Schalten Sie Ihr abgefucktes Denken aus!“ (S. 101).
Quelle: Grieser, Jürgen (2003). Von der Triade zum triangulären Raum. In: Forum für Psychoanalyse 19: S.113

Jessica Benjamin: Triangulierungskonzepte - das Dritte, das "Zwischen"

Die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin (1999, 2004) verbindet die beiden Intersubjektivitätskonzepte aus der Sozialphilosophie und der Säuglingsforschung: Sie übernimmt den Begriff der Intersubjektivität von Habermas und anderen Philosophen, die das Konzept der Subjekt-Subjekt-Beziehung im Gegensatz zu einer Subjekt-Objekt-Beziehung formuliert haben.
Die philosophische Idee der Intersubjektivität ist deshalb für die Psychoanalyse nützlich, weil sie die traditionelle Opposition von Subjekt und Objekt, wie sie die abendländische Philosophie und Wissenschaft bis dato beherrscht, grundsätzlich in Frage stellt. Benjamin (1999) schreibt: „Die intersubjektive Theorie postuliert, dass der Andere vom Selbst als ein Subjekt anerkannt werden muss, damit es die eigene Subjektivität in Anwesenheit des Anderen ganz erfahren kann“ (S. 186). (Jens Tiedemann (2007). Die intersubjektive Natur der Scham, S. 108)

(...)

Jessica Benjamin - Anerkennung und Abgrenzung als raumöffnende Pole der Beziehungs-Spanne

Jessica Benjamin - Tue ich oder wird mir angetan? Ein intersubjektives Triangulierungskonzept

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Entwicklung nach dem "relational turn": wechselseitige Anerkennung statt Oedipus

Jessica Benjamin und Martin Altmeyer

In der Vision einer Balance von »mütterlichen« und »väterlichen« Seiten, einer »Doppelherrschaft« von Ich-Ideal und Ueber-Ich erkennt Benjamin auch die Möglichkeit einer »Rehabilitierung des Narzissmus«, der in seinen beiden pathologischen Entwicklungsformen, dem Solipsismus auf der einen und der Verschmelzung auf der anderen Seite nicht dem väterlichen beziehungsweise dem mütterlichen Pol zuzuordnen sei. Auch der Narzissmus treibe vorwärts und sei nicht nur die Sirene, die in den archaischen Abgrund der Regression lockt. Da er dem Bedürfnis nach Verleugnung der faktischen Abhängigkeit entspreche, sei diese Aufteilung verhängnisvoll und verstelle den Weg zur Konzeptualisierung eines psychischen Gleichgewichts von Ich-Ideal und Ueber-Ich, in dem beide Strukturen jeweils väterliche und mütterliche Anteile haben.

Das ödipale Modell der Entwicklung enthalte eine latente Abwertung der Mutter und ihrer haltenden Funktion und eine Ueberbewertung des Vaters und seiner Autoritätsrolle. Wenn die Auflösung der ödipalen Situation aber eine Differenzierung von Subjekt und Objekt fördern solle, gelinge das nicht ohne die Anerkennung der Mutter. Der Junge müsse nicht nur erkennen, dass die Mutter zum Vater gehört und ihm als Sexualobjekt verwehrt wird, er müsse sie auch anerkennen »als ein Subjekt mit eigenem Begehren, als eine Person mit eigenem Willen« (S. 160). Diese Anerkennung setzt aber voraus, dass er in der präödipalen Phase selbst geliebt und anerkannt worden ist und die Erfahrung von Einstimmung und vertrauter Gemeinsamkeit, Sicherheit und Geborgenheit verinnerlicht hat. dass also die Basis eines gesunden Narzissmus gelegt ist.

Die beiden pathologischen Dimensionen des Narzissmus, wie sie in den »narzisstischen Allmachtsphantasien perfekten Einsseins oder absoluter Selbständigkeit« (S. 136) in der Ödipalen Phase aufgegeben werden müssen, hatte Benjamin ja - wie beschrieben - als zwei entgegengesetzte Abwehrformen gegen die schmerzhafte Erfahrung der Abhängigkeit aufgefasst, in der das Objekt entweder durch völlige Loslösung oder durch Symbiose ausgelöscht wird. Solche Abwehrformen beinhalten Phantasien über das Objekt, die um die fehlende (aber existentiell notwendige) Anerkennung kreisen müssen. Ich bin der Auffassung, dass fehlende Anerkennung ersetzt wird durch eine phantasierte Omnipotenz (»Ich bin so gross, ich brauche den anderen nicht mehr und auch nicht seine Anerkennung!«) oder durch eine Verschmelzungsphantasie (»Wenn ich mit dem anderen eins bin, brauche ich als eigenes Wesen nicht anerkannt werden!)".
(Benjamin 1993, zit. nach Altmeyer (2000, S. 165).


Winnicott, Bollas, Loewald, Braten, Mitchell, Ogden, Bion, Stern, Klein, Orange, Stolorow, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie . Resonanz, Spiegel, Medium, Selbst, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie

Winnicott, Narzissmus, Raum, Säugling, Mutter, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie . Exzentrisch, Blick, Entwicklung, Hobson, Winnicott, Mitchell, Ogden, Bion, Stern, Klein, Orange, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie

Stern, Selbst, Anderer, Trennung, Verbindung, Klein, Orange, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie . Mahler, Kernberg, Bezogenheit, Separation, Individuation, Bindung, Beziehung, Stern, Klein, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie

Altmeyer, Buchholz, Ich, Es, Ueber-Ich, Realität, Metapher, Winnicott, Bollas, Loewald, Psychoanalyse, Psychotherapie . Altmeyer, Sozial, Netzwerk, Psyche, Winnicott, Bollas, Loewald, Braten, Mitchell, Ogden, Bion, Stern, Klein, Orange, Stolorow, Benjamin, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie

Quelle: Altmeyer, Martin (2014). Vortrag über Intersubjektivität an den Lübecker Psychotherapietagen 2014



Anerkennung und Kreditierung als wichtigste Merkmale der Narzissmus-Psychotherapie

Quellen:
- Boothe B, Grimmer B (2005). Die therapeutische Beziehung aus psychoanalytischer Sicht. In: Rössler W. (Hrsg) Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin Heidelberg New York Tokio, S 37–58
- Boothe B, Heigl-Evers A (1996) Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung. Ruprecht, München
- Boothe B, Hermann M-L (2011) Beziehungen, die Mut machen: Kreditierung in der Psychotherapie mit Aelteren. Psychotherapie Alter 8:203–216
- Hermann, Marie-Luise, Dürler, Nicole, Rohrer, Gila, Boothe, Brigitte (2013). Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. In: Der Psychotherapeut 58, S.56–62

- Grimmer, Bernhard (2006). Psychotherapeutisches Handeln zwischen Zumuten und Mut machen - Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. Kohlhammer, Stuttgart


"Ein Patient erhofft sich vom psychotherapeutischen Helfer „Kredit“ für Veränderungen und inneres Wachstum, indem dieser ihm zu Beginn Zutrauen in seine Fähigkeiten und sein Entwicklungspotenzial zuschreibt.
Für ein tragfähiges Arbeitsbündnis muss jedoch auch der Patient den Therapeuten als kompetenten Begleiter besetzen können. Das initiale Aushandeln des therapeutischen Kredits entscheidet so über das Zustandekommen eines gegenseitigen Vertrauensvorschusses als Grundlage des Arbeitsbündnisses." (Hermann et al. 2013, S. 56.

Wirkfaktoren der therapeutischen Beziehung

"Dass die allgemeinen, allen Therapierichtungen gemeinsamen Faktoren wie Empathie, Wärme und v.a. die Qualität der therapeutischen Beziehung einen stärkeren Einfluss auf den Therapieerfolg haben als die spezifische Technik, wurde vielfach repliziert (z.B. Lambert u. Barley 2008)" (Hermann et al. 2013, S. 56.

Modell Kreditierung/Anerkennung: zutrauen und zumuten

Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung beschreibt zunächst eine elterliche Haltung, dem Kind zukünftige Fähigkeiten und Entwicklungspotenzial zuzuschreiben. Sie vermittelt dem Kind, was die 3-fache Bedeutung des englischen „to credit“ enthält (Boothe u. Heigl-Evers 1996, S. 133):
- jemanden anerkennen
- ihm etwas zutrauen und
- Glauben schenken.

Diskreditierung bezeichnet negative Zuschreibungen oder das Absprechen von Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten mit entwicklungshemmender und entmutigender Wirkung.
Grimmer (2006) sowie Boothe u. Grimmer (2005) übertrugen das Modell auf die therapeutische Beziehung, basierend auf Bezügen zur Übertragungs- und Arbeitsbeziehung, der Bindungs- und Objektbeziehungstheorie sowie Befunden zur Eltern-Kind-Kommunikation.

(...) Ein Patient sucht therapeutische Hilfe in einer Situation subjektiver Schwäche und mit geringem Vertrauen in eigene Problemlösefähigkeiten. Er erhofft sich vom professionellen Helfer „Kredit“ für Veränderungen und inneres Wachstum.
Kann der Therapeut ihm zu Beginn Zutrauen in seine Fähigkeiten und sein Entwicklungspotenzial zuschreiben, trägt dies als Erwartungseffekt zu einem erfolgreichen Verlauf bei (Rudolf 1991, S. 218).
Für ein tragfähiges Arbeitsbündnis muss jedoch auch der Patient den Therapeuten als hilfreiche, vertrauenswürdige Person und kompetenten Begleiter besetzen können. Das initiale Aushandeln des therapeutischen Kredits entscheidet so über das Zustandekommen eines gegenseitigen Vertrauensvorschusses als Grundlage des Arbeitsbündnisses. Im Laufe der Therapie soll der Patient Mut und Selbstvertrauen in herausfordernde Schritte der Selbstexploration investieren (Bowlby 1988). Mit einem kreditierenden Anderen wird er dabei in seinem Akteur- statt Opferstatus gestärkt (Boothe u. Hermann 2011; Grimmer 2006). Neben der impliziten kreditierenden Haltung ermittelte Grimmer (2006) in Therapietranskripten mithilfe der Konversationsanalyse explizite Formen des Kreditierungshandelns. Darin wird der Patient in Bezug auf ein bestimmtes Therapieziel als eine entwicklungsfähige und kompetente Person explizit anerkannt.

In der Praxis ist die Wahrnehmung eines inneren Maßes für das aktuell Notwendige und Zumutbare der therapeutischen Interventionen ein intuitiver Vorgang der Einfühlung und unbewussten Abstimmung. Unproduktiv sind anhaltende Unterforderung und Schonung der Abwehr bzw. Überforderung und Intensivierung der Abwehr. Dazwischen liegt ein Entwicklungsbereich, in dem das Zumuten und Zutrauen auf eine Bereitschaft trifft, etwas Neues psychisch aufzunehmen und zu wagen. Das Bewusstsein für die Formen des „Kredits“, die Therapeut und Patient einander und sich selbst geben, der gewährt und verspielt werden kann, wird hier als Orientierungshilfe und „Navigationslandkarte“ vorgeschlagen.

Mit dem Fokus auf Kreditierungsgeschehen lässt sich der initiale Aushandlungsprozess wie folgt betrachten:
- Welche Defizite und welcher Leidensdruck führen die Patientin zu mir (Selbstdiskreditierung)?
- Mit welchen Ressourcen und Entwicklungspotenzialen präsentiert sie sich (Selbstkreditierung)?
- Was traue ich der Patientin zu? Werde ich ihr etwas zumuten können, oder verlangt sie Schonung? Testet die Patientin auch mein Potenzial, sie verstehen und hilfreich sein zu können? [Interaktionelle (Dis-)Kreditierungen]?
- Kann ich den Fremd(dis)kreditierungen dritter Personen Rollen oder Uebertragungsangebote entnehmen?
- Passen die Erwartungen der Patientin an die Therapie zu meinem Angebot (Pakt, „matching“)?
(Hermann et al. 2013, S. 61)

Literatur:
Boothe B, Grimmer B (2005). Die therapeutische Beziehung aus psychoanalytischer Sicht. In: Rössler W. (Hrsg) Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin Heidelberg New York Tokio, S 37–58
Boothe B, Heigl-Evers A (1996) Psychoanalyse der frühen weiblichen Entwicklung. Ruprecht, München
Boothe B, Hermann M-L (2011) Beziehungen, die Mut machen: Kreditierung in der Psychotherapie mit Aelteren. Psychotherapie Alter 8:203–216
Bordin ES (1976) The generalizability of the psychoanalytic concept of the working alliance. Psychother Theory Res Pract Train 16:252–260
Bowlby J (1988) Attachment, communication, and the therapeutic process. In: Bowlby J (Hrsg) A secure base. Clinical applications of attachment theory. Routledge, London, S 137–157
Brandestini V, Hermann M-L (2010) Wie erklären Psychoanalytiker Patienten, was psychoanalytische Psychotherapie ist? Psychother Soz Wiss12:43–77
Deserno H (2000) Arbeitsbündnis. In: Mertens W, Waldvogel B (Hrsg) Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Kohlhammer, Stuttgart, S 73–78
Dürler N (2010) Kreditierung in Abklärungsgesprächen der Patientin Elsa D. Unveröffentlichte Lizenziatsarbeit, Psychologisches Institut, Universität Zürich, Zürich
Freud S (1937c) Die endliche und die unendliche Analyse. In: Gesammelte Werke, Bd XVI, Fischer, Frankfurt a. M., S 57–99
Greenson R (2000) Technik und Praxis der Psychoanalyse, 8. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart
Grimmer B (2006) Psychotherapeutisches Handeln zwischen Mut machen und Zumuten. Das Beziehungs- und Kommunikationskonzept der Kreditierung. Kohlhammer, Stuttgart
Hermann M-L (2009) Was im Leben zählt: Kreditierung und Selbstkreditierung alter Menschen im lebensgeschichtlichen Interview. Lang, Bern
Hill C, Knox S (2009) Processing the therapeutic relationship. Psychother Res 19:13–29
Horvath AO (2005) The therapeutic relationship: research and theory. An introduction to the Special Issue. Psychother Res 15:3–7


Weitere MATERIALIEN

Wirkfaktoren - Update Mai 2013:
“Spezifische Techniken der verschiedenen Psychotherapieschulen helfen also wohl eher den Therapeutinnen und Therapeuten, eine gute und hilfreiche Beziehung zu ihren Patientinnen und Patienten herzustellen. Diese Beziehung dürfte dann den Grossteil der heilenden Wirkung ausmachen – Psychotherapieschule hin oder her.” (Znoj in SRF Mittagsjournal 29.5.2013: Psychotherapien - Die Qual der Wahl)

(...)

Das Generieren von neuen Konzepten
Das Mentalisierungskonzept wird von Allen at al. (2008) als ein „generischer“, d.h. neue Aspekte generierender Ansatz der Psychotherapie aufgefasst. Der mentalisierungsbasierte Ansatz enthält dabei vieles, was als Fundus erfolgreicher therapeutischer Interventionen bekannt ist. Die Autoren sind davon überzeugt, dass unterschiedliche Therapien, von der Psychoanalyse bis zur kognitiven Verhaltenstherapie und systemischen Therapie, die Mentalisierungsfähigkeit fördern – solange sie den generellen und situativen Mentalisierungsfähigkeiten des Patienten angepasst sind. Deutungen können dabei sehr erfolgreich sein – allerdings nur, wenn sie vom Patienten mentalisierend verarbeitet werden können.
Das Konzept der Mentalisierung hilft, die eigene Theorie über das, was man als Therapeut tut, zu klären. Es verstärkt die Kohärenz und die Prägnanz im Prozess. Vielleicht erhöht dies schon allein – so die Autoren – die therapeutische Wirksamkeit auf subtile Weise (Brockmann & Kirsch 2010a).




Liebe und Zweierbeziehung

Es kann nicht darum gehen, Fremdheit und Andersartigkeit zu idealisieren.
Die Psychoanalyse erschafft nicht den guten Menschen, sie ist keine Heilslehre; aber sie kann für sich beanspruchen, eine negative Theorie des Subjekts zu sein. Sie zeigt auf, was uns hindert, andere wahrzunehmen – damit wir mit der Trennung rechnen, statt Gewalt auszuüben, die in der Umkehr der geschilderten Bewegung besteht, nämlich den Anderen permanent in ein Objekt zu verwandeln.
Das Verhältnis von Intersubjektivität und Intrapsychischem spiegelt sich in den unterschiedlichen Auffassungen von der Liebe in der Psychoanalyse wider.
Nach Freud ist jede Liebe eine Uebertragungsliebe, und die erotische Begegnung kann nie erfüllt sein, weil immer eine Enttäuschung impliziert ist, dass das erste Liebesobjekt, das doch eigentlich ersehnt wird, nicht wiedergefunden werden konnte. Diese Position ist verständlich vor dem Hintergrund des Platonischen Rückkehr-Paradigmas: Liebe ist die Liebe zum verlorenen Objekt.
Zu einer ganz anderen Vorstellung von Liebe gelangen wir, wenn wie bei Jessica Benjamin und Stephen Mitchell Trennung und Bezogenheit zusammengedacht werden können, z.B. wie bei Winnicott als Fähigkeit zum Alleinsein in der Anwesenheit des anderen. Im gleichnamigen Aufsatz schreibt Winnicott in dem kleinen Unterkapitel „Nach dem Geschlechtsverkehr“:
„Man kann vielleicht mit Recht sagen, dass nach erfolgreichem Geschlechtsverkehr jeder der Partner allein ist und damit zufrieden ist. Wenn man es geniessen kann, mit einem anderen Menschen allein zusammen zu sein, der auch allein ist, ist das an sich schon eine gute Erfahrung“ (Winnicott 1958/1984, S. 39).
Kernberg hat den Liebesbeziehungen vor kurzem ein eigenes Buch gewidmet; seine Definition der Liebe fasst sehr schön zusammen, was vorhin über Objektbesetzung und den Anderen gesagt worden ist:
„Liebe ist die Enthüllung der Freiheit des Anderen. Es liegt in der widersprüchlichen Natur der Liebe, dass das Begehren sich erfüllen will durch die Destruktion des begehrten Objekts, und die Liebe entdeckt, dass das Objekt unzerstörbar ist und nicht ersetzt werden kann“ (Kernberg 1995, S. 44; Uebersetzung J.K.).



Jessica Benjamin: Anerkennung und Zerstörung: Die Dialektik von Autonomie und Bezogenheit

"Die Ich-Entwicklung vollzieht sich offensichtlich über einen notwendigen Prozess der Abgrenzung des Subjekts vom Objekt. Aber sie lässt sich hierdurch nicht vollständig beschreiben, denn neben der Abgrenzung ist auch von einem subjektiven Bedürfnis nach gegenseitiger Anerkennung auszugehen. Die gegenseitige Anerkennung der Subjektivität bedeutet, dass die Welt, von der sich die Subjekte als >Ich< abgrenzen, als Erzeugnis anderer Subjekte entmystifiziert werden kann, die fortwährend aufeinander einwirken. Was auf den ersten Blick innere Natur zu sein scheint, ist demnach als eine entfremdete Form des durch einen intersubjektiven Objektivierungsprozess entstellten Bedürfnisses nach Anerkennung zu begreifen.
Die Verdrängung bzw. Ablehnung dieses universellen gegenseitigen Bedürfnisses prägt den Kampf um jeden konkreten Wunsch, durch den Machtbeziehungen konsolidiert werden. Somit erfordert auch das Verständnis von Herrschaft die Untersuchung jenes sozialen Prozesses, durch den dieses Bedürfnis in der frühesten Kindheit entäussert wird.
Bei Freud wird dieser Vorgang mit dem Modell des Ödipus-Komplexes beschrieben, das letztlich im Zentrum seiner Sozialisationstheorie steht. (...) Das ödipale Modell, das seit seinem Bestehen eine Reihe von Sozialisationstheorien stark beeinflusst hat, geht von einem unbedingten Zusammenhang zwischen Autorität und Autonomie sowie zwischen Herrschaft und Differenzierung aus. Die Notwendigkeit dieses Zusammenhangs steht jedoch in Frage, wenn man mit anderen Annahmen über die Natur von Ich und Es operiert und den Individuationsprozess unter einer intersubjektiven Perspektive beschreibt. Unter dieser Voraussetzung lässt sich meiner Meinung nach zeigen, dass die Kombination von Autonomie und Autorität ein Merkmal jener spezifischen Form von Individualität ist, die sich unter dem Einfluss männlicher Herrschaft entwickelt. Diese Form der Individualität besteht auch unter den Bedingungen einer hochrationalisierten Gesellschaft weiter, in der die Möglichkeiten, für gegenseitige Anerkennung durch weniger persönliche, objektivere Herrschaftsformen erschwert sind. Die abnehmende Bedeutung des Ödipuskomplexes, so meine These, hat keinesfalls die Polarität zwischen Autonomie und Anerkennung und zwischen Unabhängigkeit und Gegenseitigkeit aufgehoben, die ehemals unsere kulturelle, unsere individualistische und unsere geschlechtsspezifische Entwicklung geprägt haben.
Nach dem ödipalen Modell drängt uns das gewaltsame Einschreiten des Vaters die Zivilisation (die Vernunft, das Bewusstsein) auf, verbietet uns eine weitergehende Identifikation mit der Mutter und wird zum Beispiel dessen, was unter Autonomie verstanden wird. Die Identifikation mit dem Vater - als Aggressor, als Besitzer der Mutter - bildet die Basis der Differenzierung.
Schematisch gesehen liebt das männliche Kind seine Mutter und möchte sie besitzen; seinen Vater hasst es und möchte ihn umbringen. Doch durch die Angst vor dem Vater und durch Kastrationsdrohungen gibt das Kind seine ursprüngliche Abhängigkeit von der Mutter auf und internalisiert die väterliche Autorität, die diese Forderung gestellt hat. Somit wirkt das väterliche Bestehen auf Verzicht auch als eine Instanz, durch die das Kind autonom wird.
Künftig übernimmt das Ueber-Ich des Jungen die väterliche Funktion innerhalb seiner eigenen Psyche. Die erfolgreiche Auflösung des Ödipuskomplexes bedeutet hiernach die Transformation der autoritativen Bestätigung bzw. der Angst vor äusserer Autorität in eine eigenständige Regulation durch das Ü ber-Ich; Autorität wird durch unabhängiges Bewusstsein, Verbot durch Selbstkontrolle ersetzt.
Zeitgenössische Entwicklungen in der Narzissmustheorie und in der Theorie prä-ödipaler Konflikte haben die alte psychoanalytische Sichtweise des ödipalen Modells in ein neues Licht gerückt.
Die klassische psychoanalytische Theorie geht davon aus, dass das Kind in seinem ursprünglichen Stadium narzisstisch ist und sich dabei mit seiner Mutter völlig verschmolzen oder eins fühlt. Das Selbst und die Anderen sind bisher im kindlichen Vorstellungsbereich völlig undifferenziert. Eine primäre psychologische Aufgabe dieser frühen Entwicklungsphase wird nun in der Differenzierung gesehen, d.h. im Gewahrwerden der eigenständigen Existenz Anderer ausserhalb des Selbst und in der Erkenntnis des eigenen Selbst als kontinuierlicher Ganzheit mit einem dem Lebensalter entsprechenden Autonomitätsgrad. Bis die Differenzierung auftritt, wird die unbedingte und unfehlbare Unterstützung der Eltern als Teil des Selbst erfahren. Daraus folgt das Omnipotenzgefühl des Selbst. Omnipotenz- und Grössegefühl sind Bestandteil frühnarzisstischer Erfahrung, die durch den Differenzierungsprozess modifiziert werden müssen. Neuere Narzissmustheorien haben eine Art Parallele zu Freuds früherem Argument hergestellt, dass das Ueber-Ich notwendig sei, um die Furcht vor äusserer Autorität zu ersetzen und moralische Urteilsfähigkeit zu entwickeln. Die entscheidende Funktion des Ich-Ideals liegt hiernach in einem Abbau der infantilen Abhängigkeit des Kindes: Die Herausbildung des Ueberbaus stellt sicher, dass das Kind nicht in Sehnsucht nach einem idealen, omnipotenten Elternteil bzw. nach Allmacht oder in den Verlust der Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem Selbst und anderen sekundären Formen des Narzissmus zurückfällt. Zugleich scheint das Über-Ich für die Regulierung innerer Selbstwertgefühle notwendig zu sein, da diese ansonsten gänzlich von aussen bestimmt würden. Unter dieser Perspektive stellt sich die Internalisierung heute, kurz gesagt, als eine Entwicklung von Persönlichkeitsstrukturen dar, die dazu führt, dass sich die Selbstdarstellung des Individuums jenseits von Allmachts- und Wertlosigkeitsgefühlen und damit jenseits der beiden Seiten der narzisstischen Störung stabilisiert. (...)
Das Ueber-Ich ist sowohl ein Teil des Problems als auch ein Teil der Lösung - ein Widerspruch, dessen sich Freud bewusster war als viele seiner Nachfolger. In seiner ausführlichen Abhandlung über die Notwendigkeit der Autorität in "Das Unbehagen in der Kultur" entwickelt er diesen Widerspruch so, dass sich hierin die Dialektik der Aufklärung bereits erahnen lässt. Das Ausdrücken von Aggression ermöglicht dem Individuum einerseits eine Befriedigung, die »mit einem ausserordentlich hohen narzisstischen Genuss verknüpft ist, indem sie dem Ich die Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche zeigt. Gemässigt und gebändigt, gleichsam zielgehemmt, muss der Destruktionstrieb dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die Natur verschaffen.« Doch wird anderseits das Über-Ich durch »dieselbe schroffe Aggressivität« genährt, die es gegen das Ich anwendet, wenn es darum geht, die Befriedigung des Omnipotenzwunsches einzuschränken. Weder bei der Suche nach Vollkommenheit noch bei dem Vergnügen, das durch Aggression entsteht, entkommt das Über-Ich diesem Makel. Es repräsentiert keine Heilung, sondern eine Sublimierung der Omnipotenz, denn das Über-Ich wird durch eben den Narzissmus genährt, den es angeblich zügeln soll. Dieselbe Autorität, die die Omnipotenz unter Kontrolle hält, leitet ihre grundlegende Stärke in der Psyche aus dieser Omnipotenzphantasie her.
Dies ist die Freudsche Dialektik der Internalisierung.
Die Gefahr, gegen die das Ueber-Ich schützt, ist allerdings nicht die Omnipotenz schlechthin, sondern die Regression in eine grundlegende Identifikation mit der Mutter. Eben hierauf zielen die beiden anscheinend entgegengesetzten Befehle, die nach Freud als Über-Ich internalisiert werden. (An diesem Punkt wird auch der männliche Charakter seiner Theorie am deutlichsten.)
Der Befehl des Vaters »Du sollst nicht wie ich sein« bedeutet, dass das Über-Ich die inzestuöse Vereinigung mit der Mutter verbietet und somit das väterliche erotische Privileg geltend gemacht wird.
Der Befehl »Du musst so wie ich sein« bestärkt die Unterscheidung zwischen der Mutter, die Liebesobjekt ist, und dem Vater, der Identifikationsobjekt ist. Das Liebesobjekt Mutter repräsentiert nun verlorene Abhängigkeit; das Identifikationsobjekt Vater fungiert als Ideal der zukünftigen Autonomie. Die Krux der beiden ödipalen Befehle besteht darin, dass man sich nicht mehr mit der Mutter identifizieren darf. Die Identifikation mit der Mutter, d.h. weiblich sein wie sie, wird jetzt als gefährliche Regression und Entdifferenzierung erfahren. Das Ueber-Ich verbietet die Omnipotenz nur scheinbar - tatsächlich verspricht es die zukünftige Befriedigung des Wunsches, eines Tages jemanden wie die Mutter zu besitzen und zu kontrollieren. Die erfolgreiche ödipale Auflösung bedeutet nicht das Ende der Omnipotenz an sich, sondern das Ende der mütterlichen Omnipotenz und deren Ersetzung durch die väterliche Omnipotenz, basierend auf der Ablehnung von Weiblichkeit.
Die Stärke des ödipalen Paradigmas liegt in seiner Fähigkeit, gleichzeitig die Entwicklung von geschlechtlicher Identität und von individueller Eigenständigkeit zu erklären. Dies geschieht durch den Zusammenschluss von Individualität und Maskulinität - was eine reale Erscheinung, eine historische Gleichsetzung ist.
Der ödipale Vater stellt unsere Form der Individualität dar. Er gibt uns Auskunft darüber, dass uns die, die uns ernährt, nicht befreit und dass der, der uns befreit, uns nicht ernährt, sondern beherrscht. Folglich ist die Polarität zwischen zwei Grundbedürfnissen, nämlich dem nach Pflege bzw. Zuwendung und dem nach Autonomie bzw. Freiheit, institutionalisiert. Zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit wird eine falsche Antinomie hergestellt.
Entweder verleugnen/kontrollieren wir unsere Bedürfnisse, oder wir werden von ihnen versklavt. Der Ödipuskomplex institutionalisiert und verdinglicht diese Polarität, indem er ihr eine soziale Gestalt gibt und jeder Seite ein Geschlecht zuweist. Das utopische Verlangen, die Einheit dieser Bedürfnisse zurückzuerlangen, ist endgültig umdefiniert und als gefährliche Regression verboten.
Um die Polarität zwischen Autonomie bzw. Freiheit und Zuwendung bzw. Pflege so darzustellen, wie es das ödipale Modell erfordert, ist vor allem eine andere Sichtweise von Differenzierung notwendig.
Anstatt wie Freud anzunehmen, dass Differenzierung nur unter dem Druck der Aussenwelt, nämlich durch das Eingreifen der Autorität auftritt, müssen wir eine Perspektive einnehmen, die auf anderen anthropologischen Annahmen basiert und deren Ausgangspunkt eher intersubjektiv als monadisch ist. Einige Tendenzen in der zeitgenössischen Psychoanalyse, so die Theorie der Objektbeziehungen und zu einem geringeren Teil die Ich-Psychologie, sind durch die klinische Praxis und Entwicklungspsychologie beeinflusst worden und haben sich dadurch von den freudianischen Annahmen entfernt. Die klinische Theorie und Praxis unterstreicht zunehmend die frühe dyadische Erfahrung der Differenzierung in der Entwicklung der psychischen Struktur und wertet Triebe oder intrapsychische Faktoren ab. Die Analyse der präödipalen Erfahrung, die sich auf die Mutter und die Mutter-Kind-Dyade konzentriert, hat es vielen Psychoanalytikern ermöglicht, über die Voraussetzung des Internalisierungskonzeptes hinauszukommen (obwohl dies nicht immer bewusst geschah).
Es haben sich mehrere Positionen entwickelt, die es ablehnen, den Menschen als konservativ und daher nicht bereit, alte Befriedigungen zugunsten von neuen aufzugeben, einzuschätzen. Diese Positionen fechten konsequenterweise den Primat der ödipalen Erfahrung bei der individuellen Entwicklung an. Der Kern dieser Herausforderung ist die Behauptung, dass sich der Narzissmus, wird das frühkindliche Bedürfnis nach Widerspiegelung angemessen befriedigt, natürlicherweise von Omnipotenzphantasien zu realer Autonomie entwickelt. Heinz Kohut, der die Psychologie des Selbst aus der Ich-Psychologie entwickelte, geht so weit, den Ödipuskomplex nicht als allgegenwärtig anzusehen. Er führt an, dass dieser eine Fehlleistung der elterlichen Aufgeschlossenheit sein könnte, die zum Vorherrschen ödipalen Verhaltens führt. Somit ist die elterliche Aufgeschlossenheit gegenüber der beginnenden Behauptung eigener Aktivität und Initiative von seiten des Kindes ausschlaggebend und nicht die elterliche Autorität.
Das kohärenteste Konzept einer intersubjektiv begründeten Psychoanalyse ist in der Theorie der Objektbeziehungen entwickelt worden. Hiernach sucht der Primärtrieb oder die Libido keine Freisetzung von Druck oder Vergnügen, sondern das Objekt als andere Person. Ethologische Forschung und Forschungen zur frühen Kindheit des Menschen haben ergeben, dass Menschen ab ihrer Geburt impulsiv motiviert sind, sich an bestimmte Personen zu binden. Diese Bindung lässt sich nicht einfach auf physiologische Bedürfnisse oder Abhängigkeiten (sekundäre Triebe) zurückführen, wie Freud annahm, sondern sie ist ein im wesentlichen sozialer Impuls. Bindungen entwickeln sich durch die aktive Mitwirkung sowohl des Kindes wie auch der Eltern, Sie sind ein Impuls, der zu einem vertieften Bewusstsein der unabhängigen Existenz des anderen führt und dessen Höhepunkt die gegenseitige Anerkennung ist.
Die Anerkennung der unabhängigen Existenz des Anderen, die ein Hauptaspekt der Differenzierung ist, geht mit der Entdeckung der eigenen Verschiedenheit und der Behauptung der eigenen Unabhängigkeit Hand in Hand. Die Fähigkeit, signifikante Andere zu erkennen und eine soziale Interaktion mit ihnen zu initiieren und zu regulieren, entwickelt sich ab dem vierten Lebensmonat.
Ausser seiner Fähigkeit zur Geselligkeit zeigt das Kind die Veranlagung zur Erforschung und Bewältigung der Umwelt. Es scheint deshalb sinnvoll, von zwei fundamentalen Fähigkeiten auszugehen, die zumindest in unserer Kultur die menschliche Entwicklung gestalten: Das Streben zum Anderen, nach persönlicher Beziehung, Bindung, Nähe; und das Streben nach Selbstbehauptung, nach Aktivität, Bewältigung und Erforschung. Diese beiden Fähigkeiten definieren eine menschliche Natur, die danach strebt, sowohl unabhängig zu werden und das Selbst von den Anderen abzugrenzen, als auch mit geliebten und vertrauten Personen durch ein Gefühl der Einheit verbunden zu bleiben und so geschützt zu sein. Diese Bestrebungen oder Fähigkeiten sind seit Lebensbeginn miteinander verflochten und machen erfolgreiche Differenzierungsprozesse aus, obwohl sie beide auch zu erfolgreichen Bindungen beitragen.
Geht man von einer solchen angeborenen Disposition aus, so entsteht das Selbst/Ich nicht durch die Internalisierung der Autorität, sondern durch die Möglichkeit, solche Fähigkeiten zu üben und von anderen Anerkennung zu erhalten. Diese Fähigkeiten sind der Kern des gesunden Narzissmus. Wenn auf die Triebtheorie zugunsten einer Theorie primärer Intersubjektivität verzichtet wird, stellt sich auch jener Widerspruch in einem neuen Licht dar, der bis heute die Basis aller psychoanalytischen Gesellschaftskritik bildet, nämlich der Konflikt Trieb vs. Zivilisation. Hierdurch werden keineswegs, wie die Kritische Theorie in ihrer Kritik des Revisionismus behauptet, alle Konflikte notwendigerweise heruntergespielt.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die Polarität zwischen Autonomie und Gegenseitigkeit bzw. Freiheit und Pflege in unserer Kultur zentral ist. Die Aufspaltung dieser beiden Tendenzen in Objekt- und Aktivitätsstreben ist der psychologische Schlüssel zu dieser Polarität. Sie tritt auch in der Spaltung zwischen den beiden Objektformen des Ödipuskomplexes auf; dort in der Form der Polarität zwischen Liebes- und Identifikationsobjekt.
Diese Polarität wird in unserer Kultur zum grössten Differenzierungshemmnis, so sehr sie auch als deren Träger erscheinen mag. Die Erforschung der präödipalen Erfahrung legt nahe, dass dasselbe Objekt idealiter beide Bestrebungen anerkennt und auf diese reagiert, was dazu führt, dass diese eher integriert werden, als dass sie einander widersprechen.

Der Prozess, durch den die Objekt- und Aktivitätsantriebe polarisiert werden, kann nicht auf die Objektbeziehung allein zurückgeführt werden. Die Natur dieser Bestrebungen und die Art, wie sie sich entwickeln, muss ebenso mitwirken. Die Polarisierung ereignet sich, so meine These, durch das Paradox der Anerkennung.
Die Autonomie entwickelt sich durch die Bestätigung der eigenen Fähigkeiten, andere durch sein Tun zu beeinflussen. Umgekehrt bestärkt fehlende Reaktion auf oder Unempfindlichkeit gegenüber den eigenen Handlungen, wie Fromm ausführte, ein Gefühl der Ohnmacht. Das eigene Gefühl für Wirkung wird durch eine gewisse Objektivierung der Absicht bestätigt, die vom Anderen und vom Selbst bewertet wird. Das heisst, dass menschliche Urheberschaft und Wirkung von intersubjektiver Anerkennung abhängen.
Letztlich gipfelt die Notwendigkeit von Anerkennung in dem Paradox, dass man/frau vom Anderen abhängt, um seine/ihre Unabhängigkeit zu bestätigen. In dem eigenen Bemühen, Autonomie zu erlangen, bedarf man des Anderen, der den Wunsch nach Selbstbehauptung bzw. die Fähigkeit dazu anerkennen muss (oft verlangt der Wunsch oder die Absicht die stärkste Anerkennung).
Kann dieses paradoxe Gleichgewicht zwischen Autonomie und Abhängigkeit nicht aufrechterhalten werden, so spalten sich die lebensnotwendigen Bedürfnisse. Der/die Betroffene fühlt sich hilflos, verinnerlicht die Erfahrung von Frustration und wird überzeugt, dass Abhängigkeit und Unabhängigkeit miteinander nicht zu vereinbaren sind. Das Paradox der intersubjektiven Anerkennung ermöglicht es dann, den internen Ursprung des psychologischen Konflikts zu sehen, ohne davon auszugehen, dass die primitiven, archaischen, destruktiven Tendenzen (das Es) vorherrschend sind. Der Schaden, der unserem frühen Narzissmus zugefügt wird, die Unfähigkeit der Umgebung, unsere Fähigkeiten anzuerkennen und auf sie zu reagieren, führt zum Ausleben ursprünglicher Regression und Aggression.
Das Paradox der wechselseitigen Anerkennung entspricht der Dynamik, die Margaret Mahler als die Annäherungskrise im zweiten und im dritten Lebensjahr identifiziert hat [vgl. letztes Kapitel x.xx.]. In der Anerkennungsphase besteht das Kleinkind darauf, dass die Mutter an all seinen neuen Entdeckungen und Darstellungen teilhat, und sucht zu seiner Selbstbehauptung Bestärkung. Der widersprüchliche Wunsch des Kindes besteht darin »auf der einen Seite selbständig, gross und omnipotent [zu sein] (und so zu erscheinen) und eine Mutter zu haben, die magisch seine Wünsche erfüllt, ohne andererseits erkennen zu müssen, dass die Hilfe tatsächlich von aussen kommt«. Das Kind besteht darauf, sich selbst zu bestätigen, doch möchte es von der Mutter konstant die Bekräftigung, dass es tatsächlich diese Bestätigung zurecht erfährt. Das Paradox kommt auch Hegels Diskussion über die Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewusstseins nahe.
Jedes Selbstbewusstsein kämpft darum, sich vor dem Anderen darzustellen. Somit bewegt es sich zwischen dem Wunsch, den Anderen zu negieren, und der Notwendigkeit, von dem Anderen als Gleiches anerkannt zu werden.
Kurz gesagt stellt Hegel das Problem so dar: Einerseits ist das Individuum nicht willens, seine absolute Autonomie aufzugeben. Gleichzeitig sieht es sich der Notwendigkeit des Seins gegenüber, nämlich dem Wunsch nach Anerkennung.
Eine »Lösung« des Konflikts zwischen Autonomie und Abhängigkeit liegt natürlich in dem Versuch, Macht über den Anderen zu gewinnen. Das geschieht dadurch, dass er/sie so negiert und unterworfen wird, dass die Abhängigkeit vor ihm/ihr verborgen bleibt.
Die andere Fluchtmöglichkeit vor dem paradoxen Bedürfnis ist die Internalisierung. Das Individuum versenkt sich eher in die Macht des Anderen, in diesem Fall des Vaters, als dass es für sich autonom ist. Der erste Fluchtweg wird in bezug auf die Mutter eingeschlagen, von der man/frau hofft, sie zu besitzen. Der zweite läuft über den Vater, der tatsächliche Macht über sie hat.
Somit verkörpern die widersprüchlichen Befehle des Ödipuskomplexes die beiden »falschen« Lösungen des Paradoxons der Anerkennung.
Diese ödipale Lösung wird durch die gleichzeitige Sehnsucht nach einer früheren Form der Individualität aufgewertet. Die wahre Differenzierung, in der nicht die Dominanz oder die Unterwerfung, sondern die Anerkennung des Anderen als unabhängiges Subjekt zentral ist, erfordert die Aufrechterhaltung des Paradoxons in all seiner schmerzhaften Spannung. Dies bedeutet die Bewusstheit der Trennung zwischen dem Selbst und dem Anderen als gleichzeitig ähnlich und unterschiedlich, d.h. als Individuen mit eigenem, gleichwertigem Persönlichkeitskern. Streng genommen ist Anerkennung die Aktivität des Objektstrebens, während sich das Aktivitätsstreben in der Anerkennung durch das Objekt verwirklicht. Um den Anderen bzw. die Andere auf diese Art zu sehen, muss man/frau bereits selbst so gesehen worden sein.
Dies ist nur möglich, wenn die sozialisierenden Personen nicht antagonistisch besetzt werden, sondern beide Aspekte der konstanten Spannung aufweisen.
Letztlich ist es somit die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die eine wahre Differenzierung verhindert, denn sie spaltet die Grundantriebe in Aspekte geschlechtlicher Identität. Der Punkt, an dem sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung konsolidiert, ist der Ödipuskomplex, der als Ursache für die Herausbildung der Polarität der Geschlechter gelten kann. Mit dem Vater wird die Identifikation sowie die Bekräftigung der Autonomie in Zusammenhang gebracht, mit der Mutter hingegen Liebe und gegenseitige Anerkennung. Jeder Elternteil wird so zum Objekt eines Strebens und, schwerwiegender noch: der Tribut für die Autonomie liegt in der Preisgabe des Liebesobjekts. Somit wird das Objektstreben selbst zurückgewiesen. Verbindungen, die über Pflege und Liebe definiert sind, werden der Aktivität, Autonomie und Selbstbehauptung untergeordnet. Diese Trennung wird nicht auf der ödipalen Ebene eingeleitet, sondern in der ödipalen Phase als geschlechtsspezifisch institutionalisiert und durch den ödipalen Vater in ihre endgültige Form gebracht. Der springende Punkt der ödipalen Erfahrung ist der Identifikationsbruch mit der Mutter.
Sie hört auf, der Spiegel der eigenen Subjektivität und damit die Bestärkerin der eigenen Autonomie zu sein. Somit steht die Autonomie plötzlich in Opposition zur Pflege. Aus diesem Identifikationsbruch mit der Mutter erwächst sowohl die männliche Individualität als auch die männliche Rationalität. Hier müssen wir den Ursprung des instrumentellen Verstandes suchen. Er entwickelt sich vor allem aus der Identifikation mit dem Vater bei der Ablehnung der persönlichen, prozessorientierten Formen der Sorge, Pflege und Aufrechterhaltung des Wachstums Anderer.

Quelle: Der Aufsatz "Anerkennung und Zerstörung: Die Dialektik von Autonomie und Bezogenheit" findet sich in: Benjamin, Jessica (1982). Die Antinomien des patriarchalischen Denkens. Kritische Theorie und Psychoanalyse. In: W. Bonss & A. Honneth (Hg.): Sozialforschung als Kritik. Frankfurt: Suhrkamp, S. 426-455.



Das Kollusionskonzept in der "Oekologischen Psychotherapie" von Jürg Willi, Zürich

Im "Wörterbuch der Psychotherapie" (2007) wird Willi's Ansatz so definiert:
Ökologische Psychotherapie (griech.: oikos: Haus, Behausung, Haushalt, Familie, Wohnort). Von Jürg Willi (1996) ausgearbeiteter beziehungsorientierter Psychotherapieansatz, der in besonderer Weise die Entwicklung der Person im Gestalten ihrer Umwelt beachtet. Lehnt sich theoretisch an Modelle der Verhaltensbiologie an: Ein Individuum entwickelt seine psychischen Strukturen im Gestalten seiner Umwelt, im Beantwortetwerden seines Wirkens. Aufgrund seiner Motivationslage tastet es die dingliche und soziale Umwelt auf Ansprechbarkeit auf seine Handlungsangebote ab. Es sucht für seine Potenzen korrespondierende Umweltvalenzen (Müller, 1991). Die durch sein Wirken hervorgerufenen Beantwortungen wirken auf seine Motivationslage zurück. Es schafft sich seine persönliche ? Nische, deren Struktur die Entwicklung seines Lebenslaufes leitet. Diese selbstgeschaffene Nische kann zur psychischen Regulation und Entwicklung genutzt werden. Zur persönlichen Nische gehören auch Partner, mit welchen das Individuum in koevolutiven Prozessen steht, d.h. in einer wechselseitigen Beeinflussung der persönlichen Entwicklung. Die ökologische Psychotherapie hat sich aus den Konzepten von Kollusion (Willi, 1975; ? Partner-Kollusion) und ? Koevolution (Willi, 1985) entwickelt, mit Anleihen aus der Psychoanalyse und systemischen Ansätzen (? Systemische Therapie).
Zu psychischer Dekompensation kommt es bei tatsächlichem oder befürchtetem Verlust an korrespondierendem Wirken bzw. durch Blockierung der Entwicklung in Beziehungen aus Angst vor deren Rückwirkungen. Ziel der Therapie ist die Gestaltung einer Beziehungsumwelt, welche eine weitere persönliche Entwicklung ermöglicht.
Müller HJ (Hg) [1988] (1991) Ökologie. 2. Aufl. Jena, Fischer
Willi J (1975) Die Zweierbeziehung. Reinbek, Rowohlt
Willi J (1985) Koevolution. Die Kunst gemeinsamen Wachsens. Reinbek, Rowohlt
Willi J (1996) Ökologische Psychotherapie. Göttingen, Hogrefe

Nische, persönliche: Vom verhaltensbiologischen Begriff „ökologische Nische“ abgeleitet; selbst gestalteter Umweltanteil, d.h. jener Ausschnitt der Umwelt, den die Person selbst wählt, beeinflußt, formt oder schafft, und der somit die Spuren ihrer Einwirkung trägt. Dieser selbstgestaltete Umweltanteil enthält unbelebte und belebte Anteile (als selbstgestaltetes soziales Beziehungsnetz). Es wird von der These ausgegangen, daß sich die Person im Gestalten einer Nische entwickelt und sich damit eine äußere Struktur schafft, in Ergänzung zur inneren Struktur der Schemata (J. Piaget) bzw. der persönlichen Konstrukte (G. Kelley). In der persönlichen Nische materialisieren sich die persönlichen Erfahrungen, in ihr finden sich die Zeugen und Spuren der eigenen Geschichte.
Der Lebenslauf ergibt sich als wirkungsgeleiteter Prozeß, in dem die selbsterzeugten Wirkungen Ausgangspunkt der darauf folgenden persönlichen Entwicklungsschritte sind. Psychische Störungen jeder Art beeinträchtigen die Fähigkeit, sich eine differenzierte und reichhaltige Nische zu schaffen. Aeussere Umstände können die wirksame Nischengestaltung und damit die persönliche Entwicklung herausfordern oder überfordern. So wie eine Person schafft sich auch ein Paar seine dyadische bzw. eine Familie ihre familiäre Nische. Vor allem in der stützenden Psychotherapie schwerer ? Persönlichkeitsstörungen geht es darum, Fähigkeiten zu fördern, sich über die Nische psychisch zu regulieren.
Willi J. (1991) Was hält Paare zusammen? Reinbek, Rowohlt
Willi J. (1996) Ökologische Psychotherapie. Göttingen, Hogrefe

DER NARZISST UND DIE PARTNERSCHAFT
Der Narzisst kann sich eine Liebesbeziehung nur so vorstellen, dass einer der Partner seine Bedürfnisse zugunsten des anderen aufgibt. Für ihn ist es nicht vorstellbar, dass man jemanden lieben kann, ohne dass einer auf seine Meinung und Ansprüche verzichten muss, und es ist unvorstellbar, dass man Meinungsverschiedenheiten aufrechterhalten kann, ohne dass dabei die Beziehung kaputt geht. "Für den Narzissten kann eine intensive Liebesbeziehung nur das totale Einswerden, die Verschmelzung, die völlige Konkordanz sein. Eine solche Verschmelzung muss aber für ein derart ungesichertes Selbst eine schwere Bedrohung sein" (Willi, 1975, S. 73). Daher haben Narzissten auch grosse Angst vor dieser Verschmelzung. Viele Narzissten fühlen sich von Zweierbeziehungen überfordert, wohingegen sie sich in Gruppen sehr wohl fühlen. Oft geht es ihnen auch nur um die Eroberung des Partners als Selbstbestätigung, und die Beziehung wird danach uninteressant.

DIE PARTNER VON NARZISSTEN
Während man Narzissten in der Umgangssprache meist als Egoisten bezeichnet, so sind ihre typischen Partner meist altruistisch. Es sind bescheidene Menschen, die es gewohnt sind sich anzupassen und ein schlechtes Selbstwertgefühl haben. Meist sind sie es schon von Kind an gewohnt, entwertet zu werden, und ihnen wurde das Recht auf ein eigenes Selbst abgesprochen.
Sieht man genauer hin, haben sie aber meist Grössenphantasien, wegen derer sie sich schämen. Sie versuchen diese Phantasien abzuwehren, da sie glauben, sie hätten keinen Anspruch darauf.
So projizieren sie auf einen idealisierten Partner ihr Ideal-Selbst, um sich mit ihm zu identifizieren und so zu einem eigenen akzeptablen Selbst zu gelangen. In der Liebe leben sie nur für ihren Partner und zeigen die Tendenz, ihn kritik- und bedingungslos zu idealisieren.

Komplementärnarzissten:
"Der Komplementärnarzisst ist im Grunde auch narzisstisch strukturiert, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Da, wo der Narzisst nur sich selbst bewundern lassen will, will der Komplementärnarzisst sich ganz für einen anderen aufgeben. Da, wo der Narzisst sein Selbstgefühl erhöhen will, will sein Partner auf ein eigenes Selbst verzichten, um das Selbst eines anderen zu erhöhen, mit dem er sich identifiziert. Da, wo der Narzisst voller Angst vor Verschmelzung mit einer Beziehungsperson ist, hat sein Partner den Wunsch, ganz im anderen aufzugehen" (Willi, 1975, S. 77-78).
Beide haben eine gleich geartete Grundstörung. Beide haben ein ungenügend geformtes, in seiner Abgrenzung zu anderen gefährdetes und als minderwertig empfundenes Selbst. Die Art der Abwehr gegen diesen Mangel ist unterschiedlich: "Der Narzisst versucht sein schlechtes Selbst durch den Partner aufzuwerten, der Komplementärnarzisst dagegen sucht sich ein idealisiertes Selbst bei einem anderen zu entlehnen" (a.a.O, S. 78).
Eine solche Partnerschaft kann ein Narzisst eingehen, ohne sich in seinem Selbst bedroht zu fühlen, da der Partner sich ihm völlig unterordnet. Er wird von seinem Partner uneingeschränkt bewundert und muss auf seine Ansprüche keine Rücksicht nehmen.

Doch in einer längeren Partnerschaft erweist sich dieses scheinbare Gleichgewicht als trügerisch. Die vollkommene Empathie des einen Partners, die jede Regung des Narzissten mitvollzieht, übt gerade durch diese Selbstaufgabe nach einer Weile eine starke Kontrolle aus. Bald wiederholt sich auch eine ähnliche Beziehung, wie die frühere zur Mutter. Das Idealbild engt immer stärker ein.
Dem Narzissten wird immer unerträglicher, dass jemand so sehr in ihn eingedrungen ist, und er versucht sich zu distanzieren, indem er den Partner erniedrigt und verletzt. Der Partner nimmt es hin, mit der Erklärung, dass der Narzisst es im Grunde nicht so meine.

DIE NARZISSTISCHE PARTNERWAHL
Der Narzisst versucht einen Partner zu finden, der keine eigenen Ansprüche stellt, ihn bedingungslos verehrt und idealisiert. Ausserdem sucht er einen Partner, der alles für ihn aufgibt und nur für ihn lebt. So besteht keine Gefahr, dass er sich für seinen Partner einschränken muss.
Von seiner Motivation her entspricht der Komplementärnarzisst diesen Bedürfnissen. Auf den ersten Blick ergänzen sie sich ideal. Der Narzisst erfährt durch seinen Partner die erforderliche Selbstbestätigung, und der Partner ist glücklich, sich mit dem idealisierten Partner identifizieren zu können. Beide fühlen ihre Art der Abwehr durch den Partner gesichert.
"Der Narzisst glaubt, es könne für ihn keine Gefahr eines Selbstverlustes, einer Verschmelzung oder Fremdbestimmung seines Selbst bestehen, da der Partner sich für ihn aufgibt und ihn idealisiert. Der Komplementärnarzisst sieht keine Gefahr, dass er weiterhin unter Minderwertigkeitsgefühlen wegen unerfüllbarer Grössenvorstellungen leiden müsse, weil jetzt der Partner an seiner Stelle diese Ansprüche erfüllen werde".

DER BEGINN DES NARZISSTISCHEN PAARKONFLIKTES Indem sich der Komplementärnarzisst völlig mit seinem idealisierten Partner identifiziert, nagelt er ihn auch auf ein bestimmtes Bild fest. Da der Narzisst so abhängig in seinem Selbstwert von der Bewunderung seines Partners ist, lässt er sich zunehmend von dem Idealbild bestimmen. Er versucht sich zwar von dem Partner abzugrenzen, gerät aber immer mehr unter den Druck der Idealvorstellungen. Er versucht auszubrechen, indem er den Partner erniedrigt. Er kämpft um die Erhaltung seines Selbst, kann sich aber nicht befreien, da er vom Partner ganz durchdrungen ist. Die Schläge gegen den Partner laufen ins Leere, da dieser ihm nichts als Individuum mit eigener Autonomie entgegenzusetzen hat, sondern nur durch ihn lebt.

"Der Interaktionszirkel lautet jetzt für den Narzissten: , und für den Komplementärnarzissten: " (Willi, 1975, S. 82):
Auch der Komplementärnarzisst ist verzweifelt, da er alles für die Beziehung aufgegeben hat und darauf angewiesen ist, in dem Partner das Ideal-Selbst aufrechtzuerhalten. Daher versucht er in fast wahnhafter Weise, dieses Idealbild immer wieder herzustellen, ohne zu sehen wie der Partner sich fühlt.

"DAS THEMA IN DER ORALEN KOLLUSION"
Die sogenannte orale Kollusion ist getragen von der Vorstellung, der eine Partner habe die Funktion der ...., der andere die des hilflosen .... Damit ist die unausgesprochene Annahme verbunden, die Hilfsbereitschaft des einen sei unerschöpflich und erfordere keine Gegenleistung.
Die früheste Mutter-Kind-Beziehung, die orale Phase, ist von dieser Thematik gekennzeichnet. Unbewältigte Schwierigkeiten in dieser Beziehung, sind der Nährboden für die orale Kollusion in der Partnerschaft.

DIE ORALE KOLLUSION
Hier treffen Partner aufeinander, die sich auf den ersten Blick idealerweise ergänzen. Der eine möchte in der Beziehung alle sein Bedürfnisse befriedigt wissen und passiv sein. Dabei leidet er unter der Angst, der Partner könnte mit dieser aufopferungsvollen Zuwendung aufhören. Er beansprucht für sich Nachholbedarf, entweder weil er in der Kindheit Frustrationen ausgesetzt war, oder weil er durch Verwöhnung in der frühen Kindheit Anspruch auf Wiederholung zu haben meint. "Die für sich abgelehnten Mutterfunktionen werden in idealisierter Weise in den Partner verlegt, der dem Bild einer spendenden Idealmutter zu entsprechen hat" (Willi, 1975, S. 98).

Der Partner in der anderen Position sucht in einer Beziehung jemanden, den er völlig umsorgen kann. Seine Angst ist die, dass der Partner ihn nicht mehr als Pfleger brauchen könnte. Beide steigern in der Beziehung ihren Selbstwert: Der eine durch die Zuwendung, die er bekommt, der andere durch die selbstlose Pflege, die ihm ein klar definiertes Selbstbild vermittelt.
Beide haben eine orale Fixierung. Bei dem einen ist es eine Progression zu umsorgenden Mutterfunktionen, bei dem anderen Partner eine Regression in die kindliche Bedürftigkeit.

DER BEGINN DES BEZIEHUNGSKONFLIKTES
Der Konflikt basiert darauf, dass die verdrängten Konflikte aus der frühen Kindheit wiederkehren. Der umsorgte Partner hat mit immer stärkeren Zweifeln zu kämpfen, ob der Partner der idealisierten Mutterfunktion weiter gerecht werden wird, oder ob er ihn, wie früher seine Mutter, enttäuschen wird. So stellt er dem Partner nun Bewährungsaufgaben, um ihn auf die Probe zu stellen. Ausserdem untergräbt das kindlich bedürftige Verhalten auf die Dauer den Selbstwert. Er ist immer der Nehmende und gerät in die Position des Schuldners und hat nichts Gleichwertiges zu bieten. Noch dazu wird ihm bewusst, dass ihm vom Partner keine ausser der hilflos-kindlichen Position zugebilligt wird. Er fühlt sich nicht als gleichwertiger Partner angesehen. Da er aber auch selber keine pflegerischen Tätigkeiten übernehmen will, entwickelt er Hassgefühle gegen seinen Partner und versucht ihn mit seiner Gier zu verschlingen.
"Der >Pflegling< regrediert immer mehr auf eine orale Anspruchshaltung, gebärdet sich immer fordernder und unersättlicher und verweigert dem Partner die gerechte Anerkennung für geleistete Dienste, aus Wut über die Schuldnerposition, in die er versetzt worden ist, wie auch aus Angst, dieser könnte bei Dankbarkeitsbezeugungen in seinen Pflegebemühungen nachlassen" (Willi, 1975, S. 99).

Die Aufrechterhaltung der pflegenden Mutterposition ist aus verschiedenen Gründen gefährdet: Die Mutterrolle ist eine Abwehr gegen die Gefahr, selbst in eine abhängige Position zu dem Partner zu geraten. Er fühlt sich aber immer gefährdet, in die kindlich-abhängige Rolle zu verfallen. Diese Gefahr wird dadurch gebannt, dass der Partner in seiner kindlichabhängigen Position gehalten wird. Er wird dem Partner immer in einer Art und Weise helfen, die ihn noch abhängiger und hilfsbedürftiger macht.
Der pflegebedürftige Partner reagiert auf dieses Verhalten auf die Dauer mit Angst vor totaler Abhängigkeit und vor Enttäuschungen: Er reagiert darauf, indem er den Dank für die Hilfeleistungen versagt, was die einzige Bedürfnisbefriedigung, die sich der pflegende Partner gönnt, darstellt. Dieser beginnt seinerseits mit Klagen und Vorwürfen - was er alles für den Partner getan hat - und versagt die Hilfeleistung. Mit dem Anspruch auf Lob und Anerkennung ist der pflegende Partner genauso masslos wie der gierig Zuwendung fordernde Partner. Er stellt immer masslosere Forderungen an die Dankbarkeit des Partners, bis irgendwann der erwartete Undank folgt.
"Das ganze ursprünglich so verheissungsvolle Abwehrarrangement scheitert daran, dass aus dem individuellen Hintergrund bei jedem Partner ausgerechnet dasjenige Verhalten resultiert, das - statt wie zu Beginn die Abwehr zu sichern - diese gerade untergräbt" (a.a.O., S. 101).
Beide suchen die Schuld beim anderen. Der Pflegebedürftige sieht sich als so unersättlich, dass er den Partner als abweisend und vorwurfsvoll empfindet, der Pflegende sieht sein vorwurfsvolles Verhalten als Resultat der Unersättlichkeit und Undankbarkeit des Partners.



Quellen:
Benjamin, Jessica (1982). Die Antinomien des patriarchalischen Denkens. Kritische Theorie und Psychoanalyse. In: W. Bonss & A. Honneth (Hg.): Sozialforschung als Kritik. Frankfurt: Suhrkamp, S. 426-455.
Downing G (1996) Körper und Wort in der Psychotherapie. Leitlinien für die Praxis. Kösel, München
Geissler, P. (...). Die relationale Psychoanalyse: eine Kurzdarstellung - Brücke zur Säuglingsforschung und zur Gestalttherapie
Geissler P (Hg) Körperbilder. Sammelband zum 3. Wiener Symposium „Psychoanalyse und Körper“. Psychosozial, Giessen, S. 189-199
Heisterkamp, G (2000) Ist die Psychoanalyse ein freudloser Beruf? In: Schlösser, A-M u Höhfeld, K (Hg.): Psychoanalyse als Beruf. Psychosozial-Verlag, Giessen, Psychosozial
Hoffmann-Axthelm D (2003) Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an – und umgekehrt. Einige Ueberlegungen zum Dreieck Musik – Emotionen – frühkindliches Erleben. In
Kernberg Otto F. (1995) Love relations. Yale Univ Press, New York

Küchenhoff, Joachim (1999). Verlorenes Objekt, Trennung und Anerkennung - Zur Fundierung psychoanalytischer Therapie und psychoanalytischer Ethik in der Trennungserfahrung. In: Forum Psychoanal (1999) 15:189–203

Loewald H (1977) Primary process, seconfary process and language. In: Papers on Psychoanalysis. New Haven CT (Yale University Press) 1980, S 178-206. Dt.: Primärprozess, Sekundärprozess und Sprache: In: Psychoanalyse: Aufsätze aus den Jahren 1951-1979. Klett-Cotta, Stuttgart 1986
Mitchell, S A (2003) Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse. Psychosozial, Giessen
Ogden T (1989) Frühe Formen des Erlebens. Springer, Wien 1995
Perls, F S, Hefferline, R, & Goodman, P (1979) Gestalt-Therapie — Lebens-freude und Persönlichkeitsentfaltung. Klett-Cotta, Stuttgart
Staemmler, F-M (2000) Regressive Prozesse in der Gestalttherapie. In: B Bocian & F-M Staemmler (Hg) Gestalttherapie und Psychoanalyse – Berührungspunkte, Grenzen, Verknüpfungen (S. 142-202). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen
Staemmler, F-M (2003a) Ganzheitliches 'Gespräch', sprechender Leib, lebendige Sprache. Bergisch Gladbach: Edition Humanistische Psychologie Staemmler F-M (2003b). Körperliche Mikroprozesse im Hier und Jetzt – gestalt-therapeutische Zugänge zur prozessualen Aktivierung. In: Geissler, P. (Hrsg.) Körperbilder. Sammelband zum 3. Wiener Symposium „Psychoanalyse und Körper“. Psychosozial, Giessen, S 127-139
Stern D N (1992) Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart
Stern D N (1998a) "Now-moments", implizites Wissen und Vitalitätskonturen als neue Basis für psychotherapeutische Modellbildungen. In: Trautmann-Voigt S, Voigt B (Hrsg.). Bewegung ins Unbewusste. Beiträge zur Säuglingsforschung
Willi, Jürg.................
Yontef, G M (1999) Awareness, Dialog, Prozess — Wege zu einer relationalen Gestalttherapie. Edition Humanistische Psychologie, Köln
Yontef, G. M. (2002). The relational attitude in gestalt therapy theory and practice. International Gestalt Journal 25/1, S 15-35
Yontef G: Beziehungen und Selbstwertgefühl in der gestalttherapeutischen Ausbildung. www.gestaltkritik.de/yontef_beziehungen.html


Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter

"Die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin, New York University, Adorno-Schülerin, Marcuse-Enthusiastin und Feministin, sieht ein „Gefühl sexueller Subjektivität“ im Frauengeschlecht „wie Venus aus dem Meer“ aufsteigen." (SPIEGEL 2/1991, S. 145)

(...) "Aus derselben ideologischen Position, aus der die „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit entstanden, zerfetzte sie in ihrem Buch „Die Fesseln der Liebe“ das klassische psychoanalytische Denken, aber sie erhielt sich die Psychoanalyse als theoretisches Handwerkszeug.
Herrschaft und Unterwerfung begreift sie nicht als „gewachsenen Fels“, wie Freud es tat. Sie akzeptiert aber auch nicht die feministische Unterdrückungs-These, sondern spürt der Frage nach, warum Frauen ihre Unterwerfung lustvoll begehren können bis hin zum Genuß von Schmerz. Sprachdonnernd beschreibt sie, wie „hinter den faszinierenden Sensationen von Macht und Ohnmacht sich die Sehnsucht nach Anerkennung versteckt, daß die entstellten Formen, die unser Begehren oft annimmt, die Folge eines komplizierten, aber letztlich verstehbaren Prozesses sind, eines Prozesses, der erklärt, wie unsere tiefsten Wünsche nach Freiheit und Gemeinsamkeit in Kontrolle und Unterwerfung eingebunden werden.
Aus solchen Wünschen sind die Fesseln der Liebe geschmiedet“.

Aber diese Fesseln sind nach ihrer Ansicht auflösbar, ohne daß sich auch die Liebe auflösen muß. Durch ihr Anspannen dagegen ergibt sich das Schicksal des hegelianischen Herrn, der von seinem Knecht, im Geschlechterverhältnis von seiner Knechtin abhängig wird, während sie „die Fähigkeit verliert, den Sieger auf eine Weise anzuerkennen, die diesen befriedigen könnte“.
Der erregende Charakter einer Herrscher-und-seine-Sklavin-Beziehung verliert sich, wenn die Unterwerfung vollbracht ist. Diese destruktive Unterströmung ist nach Benjamin weitverbreitet in den Bettbeziehungen oder vielmehr in ihrer Öde.
Statt auf das sich selbstzerstörende Dominanz-Spiel kann nach ihrer Vorstellung im Eros auf ein anderes Muster zurückgegriffen werden. Bei der Erforschung der Kindheit zeigte sich, daß schon das Baby nicht als passives Objekt zu verstehen ist, sondern von Geburt an als „aktives Selbst“. Es strukturiert, wie minuziöse filmische Beobachtungen ergaben, das Verhalten seiner Mama ebenso wie sie das seine, manchmal als Crash-Kurs, manchmal als „Tanz der Interaktion, bei dem beide Partner so fein aufeinander eingestimmt sind, daß sie sich ganz im Einklang bewegen“.
Solch frühe Erfahrung dürfte die „emotionale Basis“ für Gefühle des „Einsseins“ und „das Liebesspiel der Erwachsenen“ sein.
Benjamins „intersubjektive Theorie“ hämmert ein, daß es „von Anfang an immer (zumindest) zwei Subjekte gibt“ - eine, wie sie meint, „Herausforderung“ an die traditionelle Logik von Subjekt und Objekt, ein Psychomuster, das Frauen bestärken soll bei der Entwicklung „ihres selbständigen Begehrens“." (SPIEGEL 2/1991, S. 148-149)

(...)"Soll Sex nicht Gymnastik, sondern Eros werden, so müsse, wie die Analytikerin Benjamin erläutert, auf der Psychoebene ein Spiel von „Zerstörung und Ueberleben“ sein - auch das ein frühes Kindheitsmuster.
Jeder kleine Mensch erprobte besinnungslos seine Aggressionen und erfuhr dabei als Kriterium des anderen schlechthin, daß dieser überraschend seine Zerstörungswut überlebte. Das Nachspiel, so Jessica Benjamin, ist aufregend:
"Gewiß ist der Eros nicht frei von allem, was man mit Aggression, Selbstbehauptung, Kontrolle und Herrschaft assoziiert. Aber was Sexualität zu Erotik werden läßt, ist das Ueberleben des anderen in der Zerstörung und trotz der Zerstörung. Eros unterscheidet sich nicht etwa dadurch von Perversion, daß er frei von Macht- und Unterwerfungsphantasien wäre, denn Eros reinigt die sexuellen Phantasien nicht, er spielt mit ihnen.
Der Begriff der Zerstörung erinnert uns daran, daß ein Stück Aggression im Liebesieben notwendig ist. Doch erst das Ueberleben, der Unterschied, den der andere setzt, unterscheidet die erotische Vereinigung, die mit der Dominanzphantasie spielt, von realer Herrschaft. In der erotischen Beziehung ist es möglich, sich zu verlieren und gleichzeitig ganz da zu sein: sozusagen ohne Widerspruch.
Wenn sich in dem spanischen Kultfilm „Matador“ der Stierkämpfer Diego und die Anwältin Maria im Akt umbringen, werden Eros und Aggression ein und dasselbe. Im Leben aber bleiben beide, selbst wenn sie Zusammenwirken im „kleinen Tod“, die großen Antagonisten: „Zum Glück“, so Jessica Benjamin, „trifft die Aggression auf ihren unsterblichen Gegner, Eros, den Lebenstrieb.“
Nun also kommt der ungeheure Pendelschlag, nach der gesellschaftlichen Abwertung der männlichen Aggression die weibliche Aggression herauszukitzeln und ideologisch abzustützen.
Auch die sei schließlich „nützlich“, beschwichtigt die Feministin Sichtermann. Unter dem Gesetz der Sexualität „dient die Aggression unmittelbar dem Frieden (der Befriedigung)“."
Quelle: DER SPIEGEL 2/1991, S. 152-153



Mentalisieren, Mentalisierung, Psychoanalyse, Fonagy, MBT, Psychologe, Therapeut, Berater, Coach, Entwicklung, Entscheidung, Selbstwert, Identität, Familie, Burnout, Depression, Angst, Panik, Phobie, Probleme, Beziehung, Sexualtherapie

Jon G. Allen, Peter Fonagy, Anthony W. Bateman (2013)
Mentalisieren in der psychotherapeutischen Praxis
Ulrich Schultz-Venrath (2013)
Lehrbuch Mentalisieren: Psychotherapien wirksam gestalten
Jon G Allen, Peter Fonagy (2013)
Mentalisierungsgestützte Therapie: Das MBT-Handbuch - Konzepte und Praxis
Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist, Mary Target
Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst
Luise Reddemann (2013, Hrsg.)
Zeiten des Wandels. Die kreative Kraft der Lebensübergänge

Anthony W. Bateman, Peter Fonagy
Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept
Donald W. Winnicott
Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse
Wolfgang Mertens
Psychoanalytische Schulen im Gespräch, Band 3: Psychoanalytische Bindungstheorie und moderne Kleinkindforschung
Daniel N. Stern/The Boston Change Process Group
Veränderungsprozesse: Ein integratives Paradigma


Weiterführende Links:
Netzwerk relationale Psychotherapie und Mentalisieren Schweiz - MBT Schweiz
Mentalisierung_net - Fortbildungsprogramm für klinisch tätige Ärzte und Psychologen in Deutschland
Mentalisieren in der Psychotherapie
Allen, Fonagy, Bateman - Mentalisieren - Systemagazin.de - Buecher - Neuvorstellungen 2011-07


Das Prinzip Anerkennung: Relationale Narzissmus-PT nach Mitchell, Benjamin und Frauchiger

Die Kunst in der Behandlung der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) liegt im Allgemeinen darin, sich nicht von den Ueberkompensationsstrategien den Blick darauf verbergen zu lassen, dass sich dahinter in aller Regel Einsamkeit, Beschämung und sehr viel Leid verbergen.
Wendy Behary, Leiterin des Institutes zur Behandlung der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung in New Jersey und ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet, hat sich einmal folgendermassen ausgedrückt: »Mein Mitgefühl für narzisstische Patienten erwächst aus meinem Eindruck, dass die meisten nicht böswillig verletzend, ichbezogen oder arrogant erscheinen möchten, sondern mehr oder weniger ungeschickt versuchen, sich zu schützen.« (persönliche Mitteilung) Narzissmus in seiner ausgeprägtesten Form verursacht oft ein hohes Maß an Leiden bei allen Beteiligten.
Natürlich primär bei den Betroffenen selbst, die bisweilen erleben müssen, dass sich ihre Umwelt entnervt und ernüchtert von ihnen zurückzieht. Auch können sie bei Versagen ihrer Kompensationsstrategien schwer depressiv werden, was mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen kann (Fiedler 2000). Aber häufig kommen auch Partner, Kinder, Freunde, Kollegen oder Angestellte, die dem oft rücksichtslos, ichbezogenen und unempathisch erscheinenden Verhalten ausgesetzt sind, und nicht zuletzt natürlich Behandler an ihre Grenzen.
Beim Austausch mit Kollegen auf zahlreichen Seminaren und Workshops erhielt ich sehr oft die Rückmeldung, dass sie die Behandlung dieser Patientenpopulation scheuen oder sich nur selten als förderlich erleben. (Dieckmann 2011)
Quelle: Dieckmann, Eva (2011). Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit Schematherapie behandeln. Stuttgart: Klett-Cotta

Wie soll nun ausgerechnet mit dieser von vielen KollegInnen als unangenehm erlebten Menschen eine anerkennende, bezogenheitsorientierte Psychotherapie aussehen?

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Literatur:

Markus Frauchiger (1997). Wirkfaktoren der Psychotherapie

Ulrich Schultz-Venrath (2013)
Lehrbuch Mentalisieren: Psychotherapien wirksam gestalten
Martin Miller (2013)
Das wahre Drama des begabten Kindes
Senf/Broda/Wilms (2013)
Techniken der Psychotherapie
Znoj/Berger (2013, Hrsg.)
Kunst und Wissenschaft der Psychotherapie
Senf/Broda (2013)
Techniken der Psychotherapie
Allen Frances (2013)
Normal - Prominente ICD5 Kritik

Kriz - Grundkonzepte der Psychotherapie Polster und Polster - Gestalttherapie Flow - Glueck Woeller - Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie Kernberg - Narzissmus Willke, Petzold - Tanztherapie, Theorie und Praxis
Frank - Die Heiler Fuhr et al - Handbuch der Gestalttherapie Jung - Der Mensch und seine Symbole Reddemann - Imagination als heilsame Kraft Rogers - Entwicklung der Persoenlichkeit Schwartz - Systemische Familientherapie

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  • "Psychotherapeutische Modelle und ihre Wirkfaktoren"
  • "Strukturale Analyse Sozialen Verhaltens, SASB"
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    Relationale Psychoanalyse und intersubjektive Psychotherapie

    Narzissmus und Kompensation als "Regulation in Relation"
    Praxis Frauchiger, Psychotherapeut Bern
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    Psychoanalyse nach Sigmund Freud u.v.a.m.
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