Markus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerk. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
3012 Bern
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Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

Psychotherapie, Identität und Konzepte zum "Regulation in Relation" - Das Narzisstische Gleichgewicht und die intersubjektive Anerkennung

Eine Synthese aus Narzissmus- und Bezogenheitskonzepten in Zeiten von Populismus und Kommerzialisierung

Materialien und Zitatesammlung zur Enstehung, Diagnostik und Behandlung von narzisstischen Spektrum-Störungen - zusammengestellt und kommentiert von Fachpsychotherapeut FSP Markus Frauchiger in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf und Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

- EINLEITUNG: Dialektische Einführung in die beiden Koordinaten
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- MARKETING: "Haben-wollen" und das Ich-Ideal im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- BEZIEHUNG: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren anerkennender, relationaler Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher


3. MARKETING: "Haben-wollen" und das Ich-Ideal im "Zeitalter des Narzissmus"

"Vieles, was heute über den Narzissmus geschrieben wird, ist pure Soziologie -
aber den meisten Autoren bleibt das verborgen - sie tun so, als würden sie nur eben
eine bislang unzureichend erfasste Dimension des psychischen Lebens
erschliessen und erklären." (Richard Sennett 1983 S.365)
Was der »Untertan« in der Mitte des vorigen Jahrhunderts war, was der »Rebell« in den 60er Jahren war, ist heute der »Narziss«: Ein Phänomen, welches das gesellschaftliche wie das wirtschaftliche Leben prägt.
In einer gesellschaftlichen Situation, in der Selbstdarstellung und Eigenmarketing offenbar zu den notwendigen Lebenskompetenzen gehören, ist es unerlässlich über die psychischen Hintergründe aller Arten von Selbstinszenierungen Bescheid zu wissen. (aus einem Coaching-Werbe-Flyer)

Ich postuliere als Fallstricke und "Gegner" einer freien Entfaltung des "Nicht-Narzisstischen", des Echten, des 'Wahren', des "inneren Selbst", nebst dem "Visuellen oder digitalen Narzissmus" (vgl. Kap. 2) den seit den 90er Jahren grassierenden Turbo-Kapitalismus in seiner Ausprägung als Neoliberalismus und einer alles und jeden einnehmenden kommerzialisierten Wirtschaft, welche die Demokratie als Idee und Institution in ihren Grundfesten bedroht, uns alle ermüdet und potentiell depressiv macht (Byung-Chul Han) und einer "Postdemokratie" (Crouch: Rückfall in eine mittelalterliche, ständische Ordnung der Oligarchen und "Könige") den Weg ebnet.
Das Jahr 1989 ("Wende") hat dabei eine Scharnier-Funktion, weil ab da das vorher vorhandene labile 'Gleichgewicht der Kräfte' in Richtung Konkurrenz, Kapital und Narzissmus gestört wurde und immer noch wird.
Eine Gesundung, d.h. hier: Gleichgewicht zwischen Narzissmus und Selbst findend, des Einzelnen bedingt demnach auch eine Normalisierung der kapitalistischen Wirtschaftspolitik in ein erträgliches und menschliches Mass, wo Regulation (Gesetze) und Relation (Begegnungen zwischen den Menschen) sowie Ethik und Moral (das sind demokratisch auszuhandelnde Werte) wieder eine grössere Rolle spielen.

Gesellschafts-Diagnosen und 'Zeitdiagnosen' im Ueberblick

Der 'Gesellschafts-Charakter' - Die Aktualität der Konzepte von Erich Fromm

• Das Marketing als Strukturprinzip
• Haben statt Sein
• Die Bevorzugung inszenierter Wirklichkeit
• Kollektive narzisstische Größenphantasien und die Aechtung des Schwachen
• Attraktivität des Leblosen und Dinglichen
• Wissen um die Kunst des Lebens
Die Autoren Rainer Funk, Gerd Meyer und Helmut Johach haben im Jahr 2000 - anläßlich Fromms 100. Geburtstag - einen Sammelband 'Erich Fromm - Zur Aktualität seines Denkens' herausgegeben. Rainer Funk schreibt darin über Fromms Bedeutung für die Gegenwart. Dessen Diagnose der Moderne, die Marketing-Orientierung, ist Funks Hauptuntersuchungsobjekt (hierzu Weiterführendes in den Kapiteln 7 und 9). Er bezeichnet sie als eine moderne Gesellschafts-Krankheit, die sich an der „Verkaufsstrategie“ — was mit Marketing gemeint ist — ausrichtet: Verpackung, Aussehen, Image, Showeffekt, Vermittlung, Performance, Outfit, Inszenierung. Der Mensch identifiziert sich mit der „ökonomischen Erfordernis kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Produktionsweise“:

Das Marketing als altes Strukturprinzip in neuem Gewand

Die Bevorzugung inszenierter Wirklichkeit

Kollektive narzisstische Größenphantasien und die Aechtung des Schwachen



Erich Fromm hat in seinem Erstlingswerk 'Die Furcht vor der Freiheit' (1941) drei „Fluchtmechanismen“ beschrieben, mit denen der Mensch der Neuzeit der Angst vor dem Selbstverlust zu entkommen trachtet:
1.) der Weg ins Autoritäre, bei dem der Mensch sich und andere autoritär beherrschen will oder seine Zuflucht in der Unterwerfung unter eine irrationale Autorität sucht;
2.) der Weg in eine konformistische Anpassung, bei der er sein Heil in einem Pseudoselbst - in Pseudodenken, -fühlen und -handeln - sucht;
3.) und schließlich der Weg ins Destruktive nach der Devise, wenn sich die eigene Befindlichkeit nicht durch Wachstum transzendieren lässt, dann durch Zerstören.

Langeweile und Depression

Konsumismus und Gewalt

Der Konsumismus ist nach Fromm eine Konsumgier, bei der das Konsumieren die Illusion nährt, glücklich zu sein, während man unbewusst unter Passivität und Langeweile leidet („Die Anwendung der humanistischen Psychoanalyse auf die marxistische Theorie“ (1965c) GAV S.405).
Je mehr der 'homo consumens' konsumiert, „um so mehr wird er zum Sklaven der ständig wachsenden Bedürfnisse, die das Industriesystem erzeugt und manipuliert (...) Die Befriedigung seiner Gier wird zum Sinn seines Lebens, das Streben danach wird zu einer neuen Religion. Die Freiheit zu konsumieren wird zum Wesen der menschlichen Freiheit.“ Taucht die Gefahr auf, dass diesen Menschen „ihre Langeweile bewusst werden könnte, verhindern sie dies mit Hilfe zahlreicher Mittel, die verhüten, dass die Langeweile manifest wird: mit Trinken, Fernsehen, Autofahren, Party-Besuchen, sexueller Betätigung oder dem Einnehmen von Drogen“.
Die psychologische Bedeutung des Konsumismus lässt sich nach Fromm am Esszwang illustrieren: Dem Esszwang liegt meist kein wirklicher Hunger, sondern eine unbewusste Depression oder Angst zugrunde. „Der Mensch fühlt sich leer, und um diese Leere gleichsam symbolisch auszufüllen, füllt er sich mit Dingen an, die von außen kommen, um so das Gefühl der inneren Leere und der inneren Schwäche zu überwinden.“ Die gleiche Bedeutung hat der Konsumismus, um das Gefühl der Langeweile zu vertreiben, wobei sich das Konsumieren bevorzugt auf Dinge bezieht, die belebend, kurzweilig, unterhaltsam, ereignishaft sind, um das Gefühl der Langeweile ersetzen zu können. Weil heute Langeweile, wenn sie denn bewusst werden dürfte, in erster Linie als Antriebslosigkeit und Leblosigkeit gespürt würde, heißt Konsumieren vor allem, an al-lem teilhaben zu wollen, was einen belebt und zum Erlebnis werden kann. Natürlich bezieht sich der Konsumismus noch immer auch auf Essen, Trinken und Einkaufen, aber eben auch verstärkt auf das Reisen, den Besuch von Ausstellungen, Konzerten und anderen Kulturevents und Happenings.

Neben dem „Medikament“ Konsumismus bietet die Gesellschaft vor allem noch das „Medikament“ Gewalttätigkeit an, um das unerträgliche Gefühl der Langeweile nicht spüren zu müssen. Dies mag angesichts der öffentlichen Reaktionen auf Amokläufer und Kinderschänder wenig überzeugend sein, ist die Entrüstung über die Killerspiele, Waffenbesitzer und Gewaltvideohersteller doch unübersehbar. Die öffentliche Entrüstung war jedoch schon immer ein Indiz für das heimliche oder faktische Interesse an dem, worüber man sich entrüstet. Wie könnte es sonst sein, dass inzwischen fast jeden Abend auf irgendeinem Fernsehkanal ein „Tatort“ ausgestrahlt wird? Und diese Filme werden vor allem wegen der Einschaltquoten, sprich dem Interesse der Zuschauer, ausgestrahlt.
Quelle: Funk, Reinhard (2010). Langeweile und Suchtverhalten nach Erich Fromm. In: 'Fromm Forum', Tübingen (Selbstverlag), Nr. 14, S.6-14, hier S.7f.


Da es in diesem Kapitel um das Zusammenwirken oder zumindest um die Analogie von individuellem Narzissmus, wie er im letzten Kapitel beschrieben wurde, und kollektivem gesellschaftlichem Wandel in Richtung von mehr Narzissmus und/oder mehr Depression geht, erscheint mir folgender Text von Alain Ehrenberg aus seinem 2010 auf französisch erschienen Werk "Das Unbehagen in der Gesellschaft" als Einleitung sehr aussagekräftig [Hervorhebungen von M.F. wie immer in eckigen Klammern]: Im Klappentext zu Ehrenbergs "Unbehagen" heisst es konstatierend:
Wenn wir einen Schritt zurücktreten, kommen wir neben u.a. Freuds "Unbehagen an der Kultur", LeBon's "Psychologie der Massen", Taylor's "Unbehagen an der Moderne" (vgl. Kap.7) und Bernays "Propaganda" nicht um Riesman's "Die einsame Masse" herum um die Veränderungen in den 60er und 70er Jahren aus soziologischer Sicht erklären zu können, was Lasch und Sennett weiter unten ausführen werden. Ich skizziere im folgenden die oben mit Fromm der 40er Jahre angefangene Aufstellung wichtiger Stationen der Zeitdiagnostik bzw. dem Gesellschaftscharakter in chronologischer Reihenfolge:
In Ehrenbergs Worten geht es in diesem 1950 erschienen Werk des Amerikaners David Riesman um folgendes:

David Riesman - Die einsame Masse oder der innengeleitete vs. den aussengeleiteten Menschen

I. Anerkennung durch die anderen, was einen echten persönlichen Radar erfordert, der
II. Verbreitung einer individuellen Angst und der
III. Fokussierung der Gesellschaft auf die Beziehungen. Kommen wir in grossen historischen Schritten von den 60er zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, in denen es auch stark um das Zusammenwirken von individuellem und kollektivem Narzissmus ging. Hierzu wieder Ehrenberg in seinem historischen Abriss: Und weiter:

R.D. Putnam: Bowling Alone

"Im Jahr 2000 trägt der amerikanische Politologe Robert D. Putnam ein sehr reichhaltiges Korpus quantitativer Studien zusammen, die einen Ueberblick über die Tendenzen hinsichtlich der Stärke oder Schwäche sozialer Bindungen gestatten. Er weist empirisch nach, daß »die Amerikaner während der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts von einer mächtigen Welle zu einem ständig zunehmenden Engagement im Leben ihrer Gemeinschaft getragen wurden, diese Welle sich aber vor einigen Jahrzehnten - stillschweigend und ohne Vorankündigung - umgekehrt hat und wir von einer heimtückischen Strömung von Spaltungen eingeholt wurden: ohne es zunächst bemerkt zu haben, wurden wir voneinander und von unserer Gemeinschaft getrennt« (R.D. Putnam 2000 "Bowling Alone" S.27). Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre gerät der amerikanische Individualismus zum zweiten Mal in eine Krise, die durch denselben Bruch zwischen der Verfolgung des privaten und des öffentlichen Glücks gekennzeichnet ist. Sie gab Anlass zu einer reichhaltigen Literatur und breiten Medienberichten anhand zweier Themen:
- Die Psychotherapie tritt als eine Weltanschauung auf, und
- das narzisstische Individuum erscheint als neue Figur auf der gesellschaftlichen Bühne."
(vgl. Ehrenberg 2011 S.148)

Herbert MARCUSE: Der eindimensionale Mensch, Narziss und Oedipus

"Die sixties erleben das Erscheinen einer zweifachen Kritik, einer konservativen und einer progressiven, in der die kulturalistische Perspektive der Sozialpsychologie eine wichtige Stellung einnimmt" (Ehrenberg 2011, S. 151).
Die berühmteste progressive Kritik ist zweifellos die des in die USA ausgewanderten deutschen Philosophen Herbert Marcuse, der in "Der eindimensionale Mensch" (1964) eine Bilanz der repressiven Gesellschaft zieht. Marcuses Buch gehört zur Strömung der neuen radikalen Linken, aus der viele Veröffentlichungen hervorgingen, die von der Psychoanalyse inspiriert waren. Der Mensch ist nicht mehr nur materiell entfremdet, wie Marx dachte. Er ist es sogar bis in seinen eigenen Privatbereich, weil der Kapitalismus des Massenkonsums unfähig macht, sich seiner eigenen Beherrschung bewußt zu werden. Marcuse und die anderen Freudo-Marxisten wandeln die Bedeutung des Begriffs der Entfremdung um: Sie geben ihm einen psychologischen Sinn. »Die Entfremdung des Menschen ist nun«, schreibt ausserdem Turner, »eine Trennung des Individuums von sich selbst oder ein Scheitern im Hinblick darauf, sein authentisches Selbst zu finden, das es als Grundlage für die Organisation seines Lebens einsetzen muss« (Turner 1969 S.396).
Marcuse, der berühmteste der Philosophen der 'New Left', plädiert für eine Gesellschaft, in der die Sublimation selbst nicht repressiv wäre, denn jeder Zwang, den man auf den Trieb ausübt, ist ihm zufolge eine Entfremdung. Die interne Debatte innerhalb der Psychoanalyse zwischen Freudianern, Verfechtern der Triebe, und Neofreudianern, Verfechtern der Objektbeziehung, oder gar des gesellschaftlichen Ursprungs der Neurose, wie zum Beispiel den Kulturalisten, wird von Marcuse in einer gesellschaftspolitischen Perspektive wieder aufgenommen.
Politisch attackiert er 1955 die Revisionisten im Buch "Eros und Kultur", indem er sein Argument auf den revolutionären Charakter von Freuds Libidotheorie gründet. Und unter den Revisionisten ist der theoretische und politische Hauptgegner [der oben vorgestellte frühe Vertreter der Kritischen Theorie] Erich Fromm. Marcuse lehnt jene positiven Therapien ab, die »die sozialen Probleme in geistige Besorgnisse umwandeln und bestimmt die Neurose als moralisches Problem«. Sein Programm strebt die Befreiung des Triebes an, und seine Utopie ist eine Gesellschaft ohne Triebunterdrückung.
Im Buch "Der eindimensionale Mensch" greift er den Oedipuskomplex insofern an, als dieser nicht mehr die Sozialisation erklärt, denn das Kind wird durch den kapitalistischen Staat in der prägenitalen Phase sozialisiert, also noch bevor sein eigenes Ich sich in der ständigen Auseinandersetzung mit dem andersgeschlechtlichen Elternteil hätte entwickeln können. Diese Gesellschaft macht glauben, daß sie »entsublimiert«, indem sie den Wohlstand, den Konsum, den Erfolg aller wertschätzt, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine »repressive Entsublimierung«, um eine falsche Authentizität.
Trotzdem hält er an der These fest, die er in 'Eros und Kultur' vertrat, dass der Narzissmus ein anderes Realitätsprinzip als das des Verzichts bietet, der von Freud angepriesen wurde, und dass es daher auch eine Sublimation geben könne, die nicht repressiv ist." (aus: Ehrenberg 2011 S.152f.)

"Narzissmus als Versöhnung" und als Utopie bei Marcuse

"Bei seiner positiven Bestimmung von Narzissmus kann Marcuse auf eine lange Tradition psychoanalytischer Theoriebildung zurückgreifen. Die Grundidee findet sich in Freuds Modell einer primär-narzisstischen Umweltverbundenheit, die sich später im religiösen "ozeanischen Gefühl" oder auch einem säkularen Gefühl der Verbundenheit mit dem Weltganzen ausdrückt. In Lou Andreas-Salomes Modell eines 'Narzissmus als Doppelrichtung' steht der narzisstischen Tendenz zur Separation die einer Integration mit der Umwelt gegenüber (Andreas-Salome 1921). Und Sandor Ferenczi sieht unser Leben prinzipiell vom Versuch der Rückkehr in den Mutterleib als einer Rückkehr ins Paradies motiviert (Ferenczi 1970, zuerst 1913).

Der deutsche Soziologe Lutz Eichler schreibt in seiner umfangreichen Monografie "System und Selbst" zum sog. positiven Narzissmus sensu Marcuse:

Christopher Lasch: Das Zeitalter des Narzissmus

Der amerikanische Soziologe Christopher Lasch hat im Buch "Das Zeitalter des Narzissmus" die lange andauernde Entwicklung hin zu narzisstischer Kälte und Konkurrenzdenken beherrschten Gesellschaft bereits in den 70er Jahren beschrieben und kommen sehen:
"Das vorliegende Buch beschreibt einen niedergehenden Lebensstil - die Kultur des vom Konkurrenzdenken geprägten Individualismus, die in ihrem Niedergang die Logik des Individualismus ins Extrem eines Krieges aller gegen alle getrieben und das Streben nach Glück in die Sackgasse einer narzisstischen Selbstbeschäftigung abgedrängt hat. Die narzisstischen Ueberlebensstrategien geben sich als Emanzipation von den repressiven Lebensbedingungen der Vergangenheit aus und verhelfen so einer »Kulturrevolution« zur Entstehung, die die schlimmsten Eigenschaften eben der zerfallenden Kultur reproduziert, die sie zu kritisieren vorgibt." (Christopher Lasch (1979). Das Zeitalter des Narzissmus, S.14)

Lasch meint, der Narzissmus sei "die beste Art und Weise, sich den Spannungen und Aengsten des modernen Lebens gewachsen zu zeigen und die herrschenden gesellschaftlichen Umstände bringen deshalb die narzisstischen Charaktereigenschaften deutlich zum Vorschein, die in unterschiedlichem Grade bei jedem einzelnen anzutreffen sind." (Lasch 1979 S.74)
Unter einer narzisstischen Gesellschaft versteht Lasch eine "Gesellschaft, die narzisstische Charakterzüge fördert und ihnen zunehmend Bedeutung gibt" (ebenda S.15).
Charakterstörungen sind zum wichtigsten Gebiet der psychiatrischen Pathologie geworden und dass sich, wie daran erkennbar, die Persönlichkeitsstruktur gewandelt hat, hängt mit ganz spezifischen Veränderungen in unserer Gesellschaft und Kultur zusammen: mit der Verbürokratisierung, mit dem Ueberfluss von Eindrücken und Bildern, therapeutischen Ideologien, der Rationalisierung des Innenlebens, dem Konsumkult und, in letzter Instanz, mit Wandlungen des Familienlebens und veränderten Sozialisationsmustern.
(...) Als sekundäre Merkmale des Narzissmus könnte man bezeichnen: die Formen scheinbarer Selbsterkenntnis, das berechnende Verführungsgehabe, den nervösen, selbstabschätzigen Humor. (ebenda S.53f.)
Es fällt diesem Typus leicht, auf andere Eindruck zu machen; er giert nach Bewunderung, verachtet aber alle, die er dazu bewegen kann, ihm Bewunderung zu zollen; er ist unersättlich in seinem Hunger nach Gefühlserlebnissen, mit denen sich die innere Leere füllen liesse; und er ist geängstigt durch Alter und Tod. (Lasch S.60)

Es ist bemerkenswert, dass das psychoanalytische Konzept des Narzissmus ein auch von manchen Kultur- und Sozial- und Literaturwissenschaftlern beachtetes Konzept geworden ist.
Hierzu gehört prominent der amerikanische Soziologe Christopher Lasch, der unsere Zeit, also die sogenannte (Post-)Moderne, in einer Kulturkrise sieht und dem Typus des Narzissten darin eine besondere Rolle zuweist. Lasch beklagt in seiner grundsätzlichen Kritik insbesondere das Moment der Entwertung der Vergangenheit und charakterisiert den Narzissten im »Zeitalter des Narzissmus« (so der Titel seines 1979 erschienenen Buches) wie folgt:

Richard SENNETT: Der flexible Mensch und die Tyrannei der Intimität

Der folgende einführende Text ist dem wohl wichtigsten Werk des amerikanischen Soziologen Richard Sennett entnommen: "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens - Die Tyrannei der Intimität" (1983). Als Kritiker des 'american way of life' macht Sennett sich Gedanken über den kulturellen Wandel bezüglich der strikten Trennung zwischen Privatsphäre und öffentlicher Sphäre im Leben der heutigen Menschen. Diese Trennung wird als Folge gesellschaftlicher und sozioökonomischer Entwicklungen gesehen, durch die der öffentliche Raum für eine Vielzahl der Bürger zu einem gefühlsmässig fremden Raum wird, in dem sie zwar z.B. beruflich tätig sind, von dem sie sich aber ansonsten abgekoppelt fühlen.
Sennets Buch gipfelt in der These, der Narzissmus repräsentiere die 'protestantische Ethik' von heute: Der Narzissmus im klinischen Verstande meint etwas anderes als die geläufige Vorstellung vom Verliebtsein in die eigene Schönheit; strenger gefasst, als Charakterstörung, bezeichnet er eine Selbstbezogenheit, die nicht mehr zu erkennen vermag, was zur Sphäre des Selbst und der Selbst-Gratifikation gehört und was nicht.
Zum Narzissmus gehört die bohrende Frage, was diese Person, dieses Ereignis »für mich bedeuten«. Seltsamerweise verhindert gerade diese Versenkung ins eigene Selbst die Befriedigung der Bedürfnisse dieses Selbst; sie bewirkt, dass die Person in dem Augenblick, da sie ein Ziel erreicht hat oder mit einer anderen Person Verbindung aufnimmt, das Gefühl hat: »Das ist es nicht, was ich wollte«.
Im Bereich der Sexualität löst der Narzissmus die körperliche Liebe aus jeder Art von Anteilnahme, ob persönlich oder gesellschaftlich, heraus. Der blosse Umstand, sich auf etwas einzulassen, schränkt anscheinend die Möglichkeiten ein zu erfahren, wer man ist, und die »richtige« Person zu finden, die einem »passt«. Jede sexuelle Beziehung, die im Banne des Narzissmus steht, wird um so unbefriedigender, je länger die Partner zusammen sind. Eine grundlegende Relation zwischen Narzissmus und Sexualität lässt sich anhand des Bildes bestimmen, das die Menschen von ihrem eigenen Körper haben.
Eine interessante Untersuchung, die in Paris über viele Jahre durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass es Menschen, die dazu neigen, die vollständige Definition ihrer Sexualität in ihrem Körper zu suchen, zusehends schwerer fällt, diesen Körper zu »symbolisieren«.
Diese Abkapselung des Körpers ist narzisstisch, weil sie die Sexualität zum ausschliesslichen Attribut einer Person macht, zu einem Sein statt zu einem Tun, und sie dadurch von jedem möglichen sexuellen Erleben isoliert. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass der Narzissmus zu einer Verkümmerung der »metaphorischen« Körperwahrnehmung« führt, d.h. zu einer Verarmung jener kognitiven Fähigkeit, ein physisches Ding in ein Symbol verwandeln zu können. Das ist ein Grund, warum destruktive psychische Kräfte zum Vorschein kommen, wenn eine Gesellschaft den Wandel von der Erotik zur Sexualität, vom Glauben an emotionale Handlungen zum Glauben an emotionale Zustände durchmacht.
(...) Am häufigsten erfährt der von ihr Betroffene den Narzissmus als einen Verkehrungsprozess: Wenn ich bloss mehr empfinden könnte, oder wenn ich bloss wirklich empfinden könnte, dann könnte ich eine Beziehung zum anderen aufnehmen oder eine »wirkliche« Beziehung zu ihm unterhalten. Aber im Augenblick der Begegnung habe ich jedesmal das Gefühl, nicht genug zu empfinden. Der manifeste Gehalt dieser Verkehrung ist eine Selbstanschuldigung, aber dahinter verbirgt sich das Gefühl, von der Welt im Stich gelassen zu sein (S.21/22)

Als Charakterstörung ist der Narzissmus das genaue Gegenteil von ausgeprägter Eigenliebe. Die Versenkung ins Selbst schafft keine Gratifikation, sie fügt dem Selbst Schmerz zu. Die Auslöschung der Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen bedeutet, dass dem Selbst nie etwas Neues, »Anderes« begegnen kann. Dieses wird verschlungen und solange umgeformt, bis sich das Selbst darin wiedererkennt - damit aber wird das oder der Andere bedeutungslos. Deshalb bezeichnet das klinische Profil des Narzissmus keine Aktivität, sondern einen Zustand. Die Umrisse, Grenzen und Formen von Zeit- und Beziehungsverhältnissen sind ausgelöscht. Der Narzisst ist nicht auf Erfahrungen aus, er will erleben - in allem, was ihm gegenübertritt, sich selbst erleben. So wertet er jede Interaktion und jede Szene ab, weil keine ausreicht, ihn ganz zu umfassen (S.364).
Der asketische Charakter des in der modernen Gesellschaft mobilisierten Narzissmus verdichtet sich in zwei Gefühlszuständen, die in der klinischen Literatur beschrieben werden, zum einen die Furcht, etwas zum Abschluss zu bringen, zum anderen das Gefühl der inneren Leere. Die ständige Steigerung der Erwartung, so dass das jeweilige Verhalten nie als befriedigend erlebt wird, entspricht der Unfähigkeit, irgend etwas zu einem Abschluss zu bringen. Das Gefühl, ein Ziel erreicht zu haben, wird vermieden, weil dadurch das eigene Erleben objektiviert würde, es würde eine Gestalt, eine Form annehmen und damit unabhängig vom Selbst Bestand haben. (...) Wo es zu einem Abschluss kommt, scheint sich das Erleben vom Menschen abzulösen, dieser scheint von einem Verlust bedroht. Die Stetigkeit des Selbst, die Unabgeschlossenheit und Unabschliessbarkeit seiner Regungen sind ein wesentlicher Zug des Narzissmus.
Der zweite Zug des Narzissmus, bei dem die Askese eine Rolle spielt, ist das Gefühl der inneren Leere: »Wenn ich bloss etwas empfinden könnte!« - in diesem Satz gelangen Selbstverneinung und Versenkung ins eigene Selbst zu einer perversen Erfüllung. Nichts ist wirklich, wenn ich es nicht empfinde, aber ich kann gar nichts empfinden. So wird die Abwehr dagegen, dass es ausserhalb des Selbst etwas Reales geben könnte, perfekt, denn weil ich nichts empfinde, kann es ausserhalb von mir nichts Lebendiges geben. In der Therapie wirft sich der Patient vor, er sei unfähig, Interessen zu entwickeln, doch hinter diesem scheinbar von Selbstverachtung geprägten Vorwurf verbirgt sich eine Anklage gegen die Aussenwelt. Denn die eigentliche Botschaft lautet: »Nichts reicht aus, um in mir Empfindungen zu wecken«. Hinter der Leere steht die Klage, dass nichts in mir Empfindungen hervorzurufen vermag, wenn ich es nicht selbst will, und im Charakter derer, die wirklich darunter leiden, dass sie angesichts einer Person oder einer Aktivität, nach der sie sich stets zu sehnen meinten, plötzlich ein Gefühl der Leere empfinden, hat sich heimlich und unerkannt die Ueberzeugung eingenistet, dass die anderen Menschen und die Dinge, so wie sie sind, nie genug sein werden (Sennett 1983 S.376).

Richard SENNETT und Christopher LASCH in einer Zusammenschau

In einem ehrgeizigen und wohl deshalb sehr schwer leserlichen Text kombiniert der französische Soziologe Alain Ehrenberg die Konzepte und Thesen dieser beiden wichtigen amerikanischen Soziologen der 70er und 80er Jahre. Ich habe mich durch Ehrenbergs Buch "Das Unbehagen in der Gesellschaft" (2011) durchgekämpft und gebe hier mir relevant erscheinende Auszüge daraus wider, diesmal geht es um die nach-68er Aera:

Die Tragödie von Narziß oder die Weigerung des Ich, das alles auf sich zentriert [Originaltitel bei Ehrenberg 2011 S. 158]

Die Figur des narzißtischen Individuums wird von den beiden Büchern von Richard Sennett (geboren 1943) und Christopher Lasch (1932-1994) lanciert, die jeweils 1974 und 1979 veröffentlicht wurden. Diese Figur fand ihre ursprüngliche Form im puritanischen Geist, der von dem geprägt war, was Sacvan Bercovitch einen »tödlichen Narzißmus [Liebestod]« genannt hat, der ständig verordnet wurde, weil es unmöglich war, ihn zu verwirklichen:
»Das Individuum behauptet seine Identität, indem es sich gegen seine eigene Macht der Selbstbehauptung wendet. Aber Behaupten und Leugnen sind zwei Aspekte der Einbeziehung des Selbst [self-involvement].« (Bercovitch 1975 S. 20).
Narziß inszeniert noch einmal diesen Bürgerkrieg des Selbst, in dem sich die Selbstbehauptung und die Selbstverneinung in einem endlosen Kampf miteinander verschränken. Wenn der Narzißmus nach der subtilen Formulierung Sennetts »eine Selbstverleugnung [ist], die die Aufmerksamkeit auf das Selbst lenkt« (Sennett 1983 S. 375), dann erbt er auch das Dilemma des Puritaners, der nicht weiß, ob er auserwählt oder verdammt ist. Er reproduziert es im Schwanken zwischen einem grandiosen und einem armseligen Selbst, das den Mangel an 'self-reliance' bezeichnet.

Wenn Sennett grossen intellektuellen Erfolg hatte und heute immer noch ein Klassiker der amerikanischen Soziologie ist, dann hatte Laschs Buch eine phänomenale Resonanz. Es wurde von den Medien breit vermittelt (Berichte unter anderem in der 'Times' und in 'Newsweek'). Es brachte seinem Autor eine Einladung ins Weisse Haus durch Jimmy Carter ein und wurde in zahlreichen akademischen Zeitschriften besprochen, allerdings häufig negativ. Dennoch ist die Grundidee immer noch weltweit Gegenstand eines Konsenses. Lasch kam zwar von der Neuen Linken, aber seit 1965, erstmals in 'The New Radicalism in America', kritisierte er die Verwechslung zwischen dem Privaten und dem Oeffentlichen und lancierte ein Thema, das zum Gemeinplatz der heutigen Soziologie geworden ist, die Politisierung und die Ausbeutung der Gefühle: Anhand dieser Autoren geben sie an, worin diese oben erwähnten 'persönlichen Kosten' bestehen:
"Jedem einzelnen", schreibt Sennett, "ist das eigene Selbst zur Hauptbürde geworden. Sich selbst kennenzulernen ist zu einem Zweck geworden, ist nicht länger ein Mittel, die Welt kennenzulernen. Und gerade weil wir uns so sehr in uns selbst vertieft haben, fällt es uns ungemein schwer, uns selbst oder anderen ein klares Bild davon zu machen, woraus unsere Persönlichkeit besteht. Der Grund hierfür ist: Je mehr die Psyche privatisiert, das heißt ins Private gedrängt wird, desto weniger wird sie stimuliert und desto schwieriger ist es für uns zu fühlen oder Gefühle auszudrücken (Sennett 1983 S.16).
Die Psychoanalyse lehrt sie, daß der Narzißmus eine Tragödie und kein Egoismus ist, eine Tragödie des Eingesperrtseins in sich, die zwischen armseligem und grandiosem Selbst schwankt. Diese gut angepaßten, aber verletzlichen Persönlichkeiten sind ein Brennpunkt wirklicher menschlicher Spannungen und Dilemmata.
Das ist die Grundidee, die die psychoanalytische Klinik zur Soziologie Sennetts und Laschs beiträgt - und dies ist wohl auch eine der Triebfedern für den dauerhaften Erfolg ihrer Ideen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch zur gemeinsamen Kultur gehören. »Da diese Autoren [die in jüngster Zeit über den Narzißmus schreiben] die psychologische Dimension außer acht lassen«, meint Lasch, »verfehlen sie auch die soziale« (Lasch 1979 S.54). Die Psychoanalyse hat ihnen ermöglicht, den Moralismus zu verlassen, in dem Rieff noch befangen war, weil er die individuelle Tragödie nicht sieht.
Sind sie von der Nostalgie einer amerikanischen Vergangenheit befallen, die den unbeugsamen Individualismus des Pioniers mit der Solidarität der Gemeinschaften verflechtet? »Das vorliegende Buch«, schreibt Lasch in der Einleitung, »beschreibt jedoch einen niedergehenden Lebensstil - die Kultur des vom Konkurrenzdenken geprägten Individualismus, die in ihrem Niedergang die Logik des Individualismus ins Extrem eines Krieges aller gegen alle getrieben und das Streben nach Glück in die Sackgasse einer narzißtischen Selbstbeschäftigung abgedrängt hat«. (Lasch 1979 S.14)
Richard Sennett geht in dieselbe Richtung: »Aber man hat es heute gar nicht mit einem kruden Individualismus zu tun, sondern vielmehr mit einer Angst vor individuellem Empfinden, die in den Vorstellungen der Individuen vom Funktionieren der Welt einen breiten Raum einnimmt.« (Sennett 1983, S.18)
Jenseits des nostalgischen Scheins ist ihre gesellschaftliche, moralische und politische Kritik ein Ritual der Feier Amerikas und seiner verlorenen Ideale der Verfolgung des privaten und öffentlichen Glücks. Ihre beiden Bücher loben Amerika, wobei sie den alten, echten Individualismus dem neuen, künstlichen Individualismus des Gefühls, des Körpers, der Affekte, der Triebe entgegensetzen. Sie stehen ganz in der Tradition der amerikanischen Jeremiade, der sie mithilfe der jüngsten Sprache der Psychopathologie Ausdruck verleihen, die die Psychoanalyse der Neurosen modernisiert hat und den Dilemmata Rechnung trägt, mit denen die heutigen Menschen konfrontiert sind.

Sennett und Lasch beziehen sich beide auf Riesman, Lasch außerdem auch auf Fromm. Zwischen den Jahren der Nachkriegszeit, die von diesen beiden klassischen Autoren analysiert wurden, und den 1970er Jahren findet folgender Wandel statt: Die Hauptverbündeten der amerikanischen Mittelschicht der 1970er bis 2010er Jahre sind demnach die TherapeutInnen, die ihnen die Hoffnung geben, »psychische Gesundheit« (Lasch 1979 S.31) zu erlangen. Die Emanzipation von traditionellen institutionellen Zwängen verschafft dem Individuum nicht »die Freiheit, autonom zu sein und Gefallen an seiner Individualität zu finden«. Ganz im Gegenteil, sie trägt zu einer persönlichen Unsicherheit bei, die es nur dadurch beherrschen kann, daß es sein Selbst in der Aufmerksamkeit reflektiert sieht [vgl. Kap. 9: Anerkennungsfalle], die ihm die anderen zuwenden: »Für den Narzißten ist die Welt ein Spiegel, während der robuste Individualist in ihr nichts als freie Wildnis sah, die er nach seinem Willen formen konnte« (Lasch 1979 S.27).
Lasch wirft den Gesellschaftsanalysen, die den Narzißmus und den Egoismus einander angleichen, vor, daß sie nicht auf die klinischen Arbeiten über den pathologischen Narzißmus eingehen, denn »die Selbstbezogenheit rührt nicht aus Selbstzufriedenheit, sondern aus Verzweiflung« (Lasch 1979 S.46).
Das Ueber-Ich wird umso strenger, je mehr die geachteten Autoritätsfiguren geschwunden sind. Die Individuen finden in ihrem Ich nur noch Leere oder Allmacht. Sie sind Gefangene einer Position, die im Gegensatz zur 'self-reliance' [Def. s.o.] steht.
Sennett präzisiert, daß »in unserem Jahrhundert die klinischen Symptome, von denen die Psychoanalyse ihren Ausgang nahm, mehr und mehr verschwunden [sind]. Zwar begegnet man auch heute noch Hysterien und hysterischen Formationen, aber sie machen nicht mehr den Hauptteil psychischer Störungen aus.« (Sennett 1983 S.363)
Die neuen Nöte sind mit Charakterstörungen verbunden oder die Symptome sind weniger präzise als bei der Hysterie oder der Zwangsneurose. Sie ergeben kein klares nosographisches Bild und haben manchmal die Tendenz, gestaltlos zu sein.
Die Daten zeigen »ein psychisches Unbehagen, das sich eher durch seinen vagen und gestaltlosen Charakter offenbart«.
Dieses Unbehagen besitzt eine zweifache Charakteristik: das Gefühl innerer Leere und die Suche nach Empfindungen, um diese Leere auszufüllen. Der Patient beklagt sich über »ein vages und diffuses existentielles Unbefriedigtsein«, in dem er zwischen Gefühlen depressiver Leere und Allmachtsphantasien hin- und herschwankt. Diese Vagheit der Symptomatologie entsteht aufgrund der Auslöschung der Grenze zwischen dem Ich und der Welt. So werden zum Beispiel im Unternehmen »die Grenzen zwischen dem Selbst und der Arbeit zunächst durch Mobilisierungsstrukturen innerhalb von Betrieb und Behörde ausgelöscht« (Sennett S.368). Diese Individuen »fügen sich gesellschaftlichen Regeln mehr aus Angst vor Strafe als aus Schuldgefühlen« (Lasch 1979 S.60). Dieser moralische Verlust ergibt sich aus dem Schwinden der vertikalen Autorität.

Die Radikalen, die noch gegen den Autoritarismus und den Konformismus protestieren, haben nicht verstanden, daß sich die Persönlichkeit verändert hat. Sie nehmen sich einen Gegner zum Ziel, der schon verschwunden ist. »Der neue Narziß wird nicht von Schuldgefühlen gequält, sondern von Aengsten. Er versucht im Leben einen Sinn zu finden. Vom Aberglauben der Vergangenheit befreit, bezweifelt er sogar die Realität der eigenen Existenz. Zugleich [geht er] jedoch der Sicherheit von Gruppenloyalitäten verlustig und faßt jedermann als Rivalen auf« (Lasch S.14). Denn die Emanzipation der Sitten hat die Konkurrenz auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, während sie zugleich deren traditionelle moralische Stützen geschwächt hat. Nun zerstört sie die Einheit von Selbstvertrauen und Unabhängigkeit, in der die self-reliance besteht, und stürzt die Menschen in die Abhängigkeit von der Meinung der anderen.
Die Intimität ist eine Tyrannei, die die Schranken zu beseitigen versucht, welche die Menschen trennen, aber, so Sennett, »in Wirklichkeit führt dieser Prozeß zur Psychologisierung der Herrschaftsstrukturen in dieser Gesellschaft« (Sennett in 'Verfall und Ende des öffentlichen Lebens' S.377) oder, wie Lasch meint, zu »neuen Formen gesellschaftlicher Kontrolle« (Lasch S.279), die die Gerechtigkeit, die Erziehung der Kinder oder die hierarchischen Verhältnisse im Unternehmen »therapeutisieren«. Die Intimität, führt Sennett weiter aus, unterwirft alles ihrem Prinzip, das darin besteht, daß »die Gesellschaft heutzutage einzig in psychologischen Kategorien gemessen wird« (Sennett S.380). Sie schwächt die moralische Verantwortung und die traditionelle Fähigkeit, ein autonomes Leben zu führen, die sich beide auf den Willen, oder den Mangel an Willen, des Individuums, auf seine moralische Disziplin bezogen. Die Gesellschaft enthebt das Individuum von der Schuld, aber, indem sie es auf seine Unfähigkeit zur Autonomie verweist, »legitimiert sie das Abweichen von der Norm als Krankheit, erklärt den Patienten jedoch gleichzeitig für unfähig, allein mit seinem Leben zurechtzukommen, und liefert ihn den Händen von Spezialisten aus« (Lasch S.287).

Sennett und Lasch entwickeln die tragische Vision einer Gesellschaft, in der alles zum Spiegel des Ich wird. Diese Situation führt die Menschen dazu, »im Privatbereich das zu suchen, was ihnen im äußeren Bereich verweigert wird« (Lasch S.27). »Und die Lehre vom persönlichen Wachstum, die oberflächlich optimistisch wirkt, zeigt eine tiefe Verzweiflung und Resignation« (Lasch S.75). Für Sennett wird der Narzißmus von einer Vision der Gemeinschaft in Begriffen der Identität anstatt des kollektiven Handelns begleitet:
"Die Gemeinschaft ist nicht mehr das Mittel zum gemeinschaftlichen Handeln [»Gemeinschaft ist zu einer Dimension von kollektivem Sein statt von kollektivem Handeln geworden«, schreibt Sennett in "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" S.254]. Er verknüpft den Narzißmus, den die gesamte Kultur aktiviert und der bis ins Zentrum aller zwischenmenschlichen Beziehungen dringt, mit dem Kult der Authentizität, die zum Kriterium wird, an dem man die privaten Verhältnisse mißt. Beide Soziologen führen beständig den tragischen Aspekt der narzißtischen Persönlichkeit an, die unfähig zur Sublimation ist und daher »von äußeren Kräften bedrängt wird«, gegen die sie eine ohnmächtige Wut zum Ausdruck bringt. Der Narzißmus macht auf die unerwarteten Spannungen aufmerksam, die sich aus der Emanzipation der Sitten ergeben: eine Krise des amerikanischen Zusammenlebens, der self-reliance, die der traditionelle Individualismus mit seiner ausgeglichenen Allianz von konkurrenzorientierter Spannkraft, Kooperation mit den anderen und persönlicher Unabhängigkeit symbolisierte.
Darüber hinaus ist der Narzißmus aber auch eine Art von Askese, wie Sennett betont, für den er »die protestantische Ethik der Moderne« [J. Owen King in bemerkt in einer Rezension des Werkes, daß Laschs Buch »von einem Puritaner hätte geschrieben werden können, der die Zerstörung seines eigenen Selbst beschreibt.« In: Social Science History, Sommer 1981, Bd.5, Nr.3, S.343-346. Er ordnet das Werk übrigens auch in die Gattung der amerikanischen Jeremiade ein, S.345.] ist.
Haben wir hier ein Paradox? Nein, denn es ist die protestantische Askese im Zeitalter der Anbetung des Geschöpfs, die sich in der neuen demokratischen Kultur der Gefühle zeigt, und zwar in zwei Hinsichten: in der Ablehnung der Befriedigung, die die Selbstbeherrschung mit sich bringt, und in der großen Bedeutung der Affektivität.

So wie sich der Puritanismus von dem befreit hat, was er als katholische Inszenierungen auffaßte, die die Herstellung einer direkten Beziehung zwischen dem Gläubigen und seinem Gott verhindern, führt die Personalisierung der Beziehungen und die Authentizität, die sie erfordert, dazu, dass die Masken fallen:
Verlangt wird sowohl, daß man sich ausdrückt, als auch, daß man sich beherrscht. Der Narzißmus stellt das moderne Individuum in die Spannung des Calvinisten, der nicht mehr über die Linderung »der Magie als Heilmittel« (Weber S.154) verfügt. Max Weber schreibt hierzu in "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus": »Die radikale Entzauberung der Welt, zu verstehen als Ausschaltung der Magie, ließ einen anderen Weg als die innerweltliche Askese innerlich nicht zu.« (Weber S.178).
Der Calvinismus ist die Ablehnung jeglicher »Voraussagung des Geschöpfs«: Das Handeln des Christen bestätigt seine Gnade nur dann, wenn er zum »größeren Ruhme Gottes« handelt, dessen Zwecke unpersönlich sind. »Jede rein gefühlsmäßige persönliche Beziehung von Mensch zu Mensch«, so Weber, »verfällt eben in der puritanischen, wie in jeder asketischen, Ethik sehr leicht dem Verdacht, Kreaturvergötterung zu sein« (Weber S.210, Anm.31.). Diese Art von Beziehungen lenkt den Menschen von den göttlichen Zwecken ab.
Der Narzißmus symbolisiert die umgekehrte Operation, obwohl er an der asketischen Einstellung festhält: Er fördert die Anbetung des Geschöpfs durch die Personalisierung der Beziehungen - das sind Sennetts »Tyranneien der Intimität«.
Sennett betont, daß das Problem der Affektivität im Puritanismus und im Narzißmus ähnlich ist: »Die Frage: >Was fühle ich?< wird zu einer wahrhaften Obsession.« Rieff spricht übrigens von der »permissiven« Psychotherapie als von einer »Art permanentem institutionellem Apparat unserer Kultur - eine Art von säkularem Methodismus für diejenigen, die sich mit ihren Freuden auf hartnäckige Weise unzufrieden fühlen« (P. Rieff in 'The Triumph of the Therapeutic' S.238f.). Eli Zaretsky zufolge, der sich hier Rieff sehr anzunähern scheint, »war die Psychoanalyse der Calvinismus der zweiten industriellen Revolution. Sie hat in den Anfängen des Kapitalismus eine dem Calvinismus analoge Rolle gespielt und eine dem Methodismus analoge Rolle in bezug auf die Industrialisierung.« (E. Zaretsky in 'Le Siecle de Freud' S.19.). Wir erinnern uns daran, daß es dem Gründer des Methodismus, John Wesley, zu verdanken ist, die Betonung auf die Affektivität und die Freude gelegt und die Gläubigen ermutigt zu haben, Geld zu verdienen, wodurch er einen sanfteren Weg eröffnet hat, als es der Calvinismus tat.

Die neue protestantische Askese, die narzißtische Askese, diese Weigerung des auf das Ich zentrierten Ichs fügt sich zwar in die puritanische Tradition der automachia ein, aber sie erneuerte das Sprachspiel, indem sie aus den Entdeckungen der Psychoanalyse schöpfte:
Narziss befindet sich bei seiner ständigen Selbstprüfung in der peinvollen Spannung zwischen seinem Gefühl innerer Leere, die ein drängendes Bedürfnis nach den anderen erzeugt, um diese neue Einsamkeit zu kompensieren, und der Notwendigkeit, seine Gefühle, seine persönliche Authentizität auszudrücken, die nun als innere Bedrohung erlebt wird. Und wenn die anderen ihn nicht verstehen, dann »verstärkt das die Ueberzeugung, daß unsere eigenen Triebe die einzige Wirklichkeit ausmachen, auf die wir zählen können. Das, was man fühlt, zu bestimmen, wird nun zum Ziel einer zwanghaften Suche« (Rieff S.272). Narziß kennt vielleicht keine Schuld, aber dafür wird er wie der Klein'sche Säugling im schizoid-paranoiden Zustand [vgl. Kap.4] von jenem anderen verfolgt, nach dessen Anerkennung er sucht.

Sennett und Lasch entwerfen ein Bild, das zugleich puritanisch, politisch und romantisch ist; sie beerben die dreifache Begründung des amerikanischen Selbst, dessen Zerstörung sie diagnostizieren. Narziss ist der säkulare (und aus der Perspektive der Objektbeziehung betrachtete) Nachkomme des Menschen, dem es an Glauben mangelt und dessen Bild John Cotton (1582-1654) in seinem 'Christian Calling' entworfen hat: Bei Narziss, der zwischen der Angst vor der Leere und dem Genuss seiner Allmacht hin- und herschwankt und zwischen dem armseligen und grandiosen Selbst zerrissen ist, »ist es derselbe Mangel an Glauben, der bewirkt, daß ein Mensch unter der Kehrseite des Glücks stöhnt und sich im Wohlstand in Szene setzt« (Cotton 'Christian Calling' in: P. Miller, Hrsg.: The American Puritans S.179).
Das narzisstische Individuum stellt durchaus eine Krise des Selbst dar, eine gleichzeitige Erschütterung des Glaubens an Amerika und an sich selbst.



Klappentext zu Sennett "Tyrannei der Intimität":

"Flexibilität ist das Zauberwort des globalen Kapitalismus [vgl. Z. Baumann u.v.m.], der eine neue Form des auf Kurzfristigkeit und Elastizität angelegten Wirtschaftens hervorgebracht hat. Dieses »Regime«, wie Sennett es nennt, fordert den flexiblen Menschen, der sich ständig neuen Aufgaben stellt und immer bereit ist, Arbeitsstelle, Arbeitsform und Wohnort zu wechseln. Aber, so fragt Sennett, muss diese Kurzfristigkeit des Wirtschaftens nicht in Konflikt geraten mit dem menschlichen Bedürfnis nach Stabilität? Wenn man keine Gewissheiten mehr hat, entsteht das, was Sennett »Drift« nennt, das ziellose Dahintreiben.
An mehreren Fallstudien erläutert der bekannte Soziologe die gesellschaftlichen Folgen von Flexibilität und »Drift«: das Ende der klassischen Berufslaufbahn, die Zerstörung von freundschaftlichen und familiären Bindungen und die Entwertung des »Ortes«, an dem man arbeitet, der Stadt".




Das bisherige kritisch zusammenfassend, somit einen eher konservativ-liberalen Blickwinkel einnehmend und durch die Autoren Agamben, Rosa, Han, Honneth und Dornes erweiternd (dazu später mehr) ein längerer Auszug aus Altmeyers 'Forum der Psychoanalyse'-Beitrag aus dem Jahre 2013:

Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst

Depression als Zeitkrankheit .................
Quelle: Altmeyer, Martin (2009). ........... Psyche xy S.......... ..........

Die Beschleunigungsdiagnose [Hartmut Rosa]
Diese Kritik kommt interessanterweise nicht aus dem traditionell-bewahrenden Lager innerhalb der Psychoanalyse, was zeigt, dass es auch bei den "Progressiven" Relationalisten bürgerliche und konservative AnalytikerInnen gibt und nicht nur linke Adorno-Marcuse-Lorenzer-'Fans'... Die bereits beschriebene, teilweise sich unversöhnlich gegenüberstehenden Gruppen der (Neo-)Freudianer (in der Tradition von Kant stehend, in unserem Modell die Strukturachse betonenden TriebtheoretikerInnen) und der relational und sozialphilosophisch orientierten, 'amerikanisch' inspirierten Intersubjektivisten (in der Tradition Hegels und Marx stehende, im Fadenkreuzmodell die Bezogenheits-Achse betonende SozialpsychiaterInnen und -psychologInnen) eröffnen auch hier im politisch-kollektiven Themenkreis eine spannende und kontroverse Spannung und Dialektik, welche lebendige Diskussionen und somit Erkenntnisgewinne ermöglichen.
Zurück zu Altmeyers Text, wo es mit den Argumenten des Soziologen und Psychoanalytikers Reimut Reiche, einem konservativ gewordenen ehemaligen Kapitalismuskritiker und Alt-68er in der Tradition Herbert Marcuses, gegen Hartmut Rosa weitergeht: ....................
Paradoxien einer modernisierten Psyche - Lebendig, aber labil: Ambivalenz im neuen Sozialcharakter


--------> Dornes in der Psyche 2014 inkl. geharnischte Reaktionen darauf.
(...)


TEIL II: Soziale Pathologien

Narzissmus: Das Ich als Vermittler zwischen Triebwünschen und Zivilisationsansprüchen

Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und individueller seelischer Gesundheit ist m.E. viel stärker als es rein psycho-technologische Verfahren, wie es z.B. die Traumatherapie-Welle der Nuller-Jahre oder auch die (Kognitive) Verhaltenstherapie zeigt, wahrhaben wollen - diese wirken letztlich reaktionär, weil Missstände z.B. in Familien zudeckend und nicht-fokussierend, weil sie lediglich dem Individuum helfen mit erlittenem Leid besser leben zu können, anstatt die gesellschaftlichen Missstäne aufzuzeigen.

Oft nützt es mehr, wenn konkrete äussere Bedingungen verbessert werden als wenn nur inner-psychische Faktoren (wie z.B. die Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit) behandelt und gestärkt werden.

Hier ergibt sich eine Verbindung zu gesellschaftlichen Trends wie die Occupy-Bewegung oder die Piraten-Partei vor ein paar Jahren oder die aktuelle Minimalismus- und Décroissance/Downsizing-Bewegung der immer notwendiger werdenden Postwachstumsökonomie von z.B. Niko Paech.

Ueber das Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuum

Wie ich weiter oben bereits ausgeführt habe, ist der "bewusste" Mensch (sog. "ICH") quasi eingeklemmt zwischen den triebhaften, eruptiven Wünschen des Natürlichen (sog. "ES") und den durch die Gesellschaftlichen und Kulturellen Anforderungen, welche sich im sog. Ueber-Ich angesammelt haben.
Das ICH ist nicht Herr im eigenen Haus wie Sigmund Freud treffend bemerkte und so lavieren wir dauernd hin und her zwischen den oft unvereinbaren Strebungen von unten (ES) und von oben (Ueber-ICH).
Was uns Menschen nun aber speziell auszeichnet und von fast allen anderen Tieren unterscheidet, ist gerade die Fähigkeit, uns von den Triebkräften der Natur zu emanzipieren und so zu einer menschenwürdigen Zivilisation zu gelangen. Diese an sich positive und wichtige Entwicklung der letzten paar Hundert Jahren zeigt in letzter Zeit mehr und mehr ihre Kehrseite; nämlich eine zunehmende Entkopplung der beiden Bereiche Natur bzw. Kultur, sodass sich der Mensch zunehmend entfernt von seinem Eingebettetsein in eine "Balance of Powers", sprich: Ueber-Ich-Kräfte entkoppeln sich von ES-Kräften.
Wenn dies geschieht, ensteht der sog. sekundäre Narzissmus (Definitionen weiter unten), d.h. eine Entfremdung des Menschen von sich selbst, ein künstliches Wesen entsteht, welches entkoppelt von seinen natürlichen Beschränkungen sich als allmächtig erlebt. Dieses "Everything goes" hat zunehmend Einzug gehalten in der westlichen Kultur und stellt uns heute vor so grosse Probleme wie entfesselte Marktwirtschaft (Stichwort: Wirtschaftskrise, "too big to fail"-Problematik etc.) und den Klimawandel und die Energiekrise (Fukushima zeigt uns definitiv Grenzen auf).
Spannend ist nun, dass individuelles und kollektives Geschehen psychologisch gesehen den gleichen Mechanismen folgt: Das Gleichgewicht der Kräfte ist auf beiden Ebenen störungsanfällig: man kann sagen, dass in einer Demokratie die Wirtschaft das ES repräsentiert und die Politik das Ueber-Ich. D.h. die Politik sollte die Wirtschaft in Schach halten, indem Regeln einesetzt werden, damit der Bürger (das ICH) in der Mitte der beiden Pole (links die Staatsfreunde, rechts die Wirtschaftsfreunde, eine weitere Parallele...) ein ausgeglichenes und gesundes Leben führen kann, ohne alles überblicken und selber einschätzen zu müssen. (...)



Einen der m.E. besten Artikel über die Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft hat Diana Diamond (in: Kernberg/Hartmann 2006 (Hrsg.), S. 172ff.) geschrieben, die von der These einer Reziprozität (Wechselseitigkeit) gesellschaftlicher und psychologischer Aspekte des Narzissmus ausgeht.
Die Gesellschaft entfaltet ihren Einfluss im Individuum, das nach den jeweiligen gesellschaftlichen Vorstellungen und Anforderungen geformt wird. Das Individuum wiederum hat Einfluss auf die Gesellschaft sowie ihrer Organisationen und wird durch die Anforderungen der innerpsychischen Welt der Triebe, Affekte und Objektbeziehungen geformt:



Soziale Pathologien: Kritische Theorie und der Narzissmus in der Gesellschaft

Nach all den bekannten und publizistisch erfolgreichen und einflussreichen Geistesgrössen habe ich mich entschieden das Kapitel "Kritische Theorie" weitgehend mittels eines m.E. hervorragenden Vortragstextes [von mir von Füllwörtern, wie sie für die mündliche Sprache typisch sind, entkleidet] einer eher unbekannten Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt "Erinnerungskulturen" aus Wien, zu bestreiten.
Im Kapitel "Esoterik und Totalitarismus" (Kap. 5 dieser Arbeit) werde ich auf Prof. Radonic zurückkommen, weil die NS-Zeit auf tragische Weise Zeugnis ablegt, was geschieht wenn die hier beschriebenen Mechanismen der Kränkung und der Projektion in voller Wucht zuschlagen und ganze Gesellschaften in die Barbarei entgleisen und nur mit grösster Mühe wieder auf zivilisierte Bahnen gelenkt werden können.
Nun aber erstmal zu den theoretischen Grundlagen eines kollektiven Narzissmus aus der Sicht der Kritischen Theorie sowie der klassischen Psychoanalyse:

Ljiljana Radonic: Narzisstische Kränkung und Projektion als gesellschaftliche Phänomene

"Während Freud die Zurichtung durch die Gesellschaft als unabänderlich annimmt, spricht die Kritische Theorie davon, dass es darum geht, diese Umstände als gesellschaftlich produziert zu begreifen und zwischen notwendiger und zusätzlicher Triebunterdrückung in dieser Gesellschaft zu unterscheiden, wie dies Herbert Marcuse tut. Die Lebensnot erfordert Arbeit, Arbeit ist Mühsal und das Gegenteil von Lustbefriedigung. Somit gibt es einen notwendigen Triebverzicht.
Man muss gleichsam, wenn man Hunger hat, dieses Nachgehen der Lustbefriedung aufschieben, um sich etwas zu essen zu besorgen. Darüber hinaus standen aber die konkreten Formen des Realitätsprinzips bisher immer im Dienste von Herrschaft und beinhalteten eine zusätzliche Triebunterdrückung, die weit über das notwendige Maß hinausgeht" (Radonic 2009, S.9).
. Weiter oben in diesem Kapitel sind wir der Kritischen Theorie in der Konzeption von Herbert Marcuse bereits mehrfach begegnet. Mit obigem Zitat habe ich mit Prof. Radonic daran angeschlossen, weil Marcuses Theorie erstens zwar in sich etwas Kitschig-Esoterisches hat (vgl. Kap. 5: Esoterik), aber in diesem einen Punkt wo er Freud überschreitend eine zusätzliche Triebunterdrückung postuliert, mir wichtig erscheint zur Erklärung für die verkürzte Kapitalismuskritik, z.B. auch der 'Neuen Rechten' [dazu Kap. 5: Populismus]. Diese "nicht notwendige Triebunterdrückung" deckt sich stark mit meiner Konzeption des tertiären Narzissmus, wie ich sie im zweiten und in diesem Kapitel bereits beschrieben habe, eine Form des Narzissmus, wie er weder als primäre Kränkung, dass das Ich nicht Alles ist (Primärer N.), noch als durch die Eltern bzw. Pflegepersonen verursachte Vernachlässigung bzw. Verwöhnung (Sekundärer N. z.B. der Jeunesse Dorée) auftreten kann, sondern als durch den Kapitalismus und die Moderne verursachten Narzissmus, der auch an und für sich "gesunde" Individuen erfassen kann aufgrund von manipulativen (z.B. BigData gestützt), propagandistischen (z.B. durch populistische Parteien bewirtschaftete) oder anderer werbetechnisch geschickt verkauften Scheinargumenten, welche der erweiterten Triebunterdrückung dienen bzw. eine nur scheinbar befreidigenden Triebabfuhr ermöglichen, welche "nie satt" macht und deshalb ins Unendliche kommerziell und/oder ideologisch verlängert werden kann.

Teil I: Die Narzisstische Kränkung

Die psychologischen Auswirkungen dieser Gesellschaft auf das einzelne Individuum und Entwicklungspsychologisches

Teil II: Projektion

Quelle: Ljiljana Radonic (2009). Vortrag „Ueber die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. Der Antisemitismus als narzisstische Kränkung und pathische Projektion.“ Online: http://lebenimfalschen.blogsport.de/2013/06/16/radonic-narzisstische-kraenkung

Weitere Quellen zu Narzissmus und Gesellschaft:
Blog - Narzissmus und Entgrenzung

Narzissmus und Entgrenzung - Facebook

Erich Fromm über Narzissmus, Glauben, Mut, und über die Liebe im Kapitalismus. Aus "Die Kunst des Liebens"

"Nach allem, was ich über das Wesen der Liebe gesagt habe, ist die Hauptvoraussetzung für die Fähigkeit, lieben zu können, daß man seinen Narzißmus überwindet".
Der narzisstisch Orientierte erlebt nur das als real, was in seinem eigenem Inneren existiert, während die Erscheinungen in der Außenwelt für ihn an sich keine Realität besitzen. Das Gegenteil von Narzißmus ist Objektivität; damit ist die Fähigkeit gemeint, Menschen und Dinge so zu sehen, "wie sie sind" also objektiv, und in der Lage zu sein, dieses "objektive" Bild von einem Bild zu trennen, das durch die eigenen Wünsche und Ängste zustande kommt. Sämtliche Formen von Psychosen weisen die Unfähigkeit zur Objektivität in einem extremen Maß auf. Für den Geisteskranken gibt es nur eine Realität, die in seinem eigenen Inneren existiert, die seiner Aengste und Wünsche. Er sieht die Aussenwelt als Symbol seiner eigenen Innenwelt, als seine Schöpfung. Genau das trifft für uns alle zu, wenn wir träumen. Im Traum produzieren wir Ereignisse, wir inszenieren Dramen, die Ausdruck unserer Wünsche und Ängste sind (freilich gelegentlich auch unserer Einsichten und Beurteilungen), und wir sind, solange wir schlafen, überzeugt, daß das Ereigniss unserer Träume ebenso real ist wie die Wirklichkeit, die wir im wachen Zustand wahrnehmen.
Dem Geisteskranken wie dem Träumenden fehlt ein objektives Bild von der Außenwelt "vollständig"; aber wir alle sind mehr oder weniger geisteskrank, wir alle schlafen mehr oder weniger, wir alle machen uns ein nicht-objektives Bild von der Welt, das durch unsere narzißtische Orientierung entstellt ist. Muß ich dafür noch Beispiele anführen? Jeder wird sie leicht entdecken, wenn er sich selbst oder seinen Nachbarn beobachtet oder wenn er die Zeitung liest. Der Grad der narzißtischen Entstellung der Wirklichkeit ist dabei unterschiedlich. So ruft zum Beispiel eine Frau den Arzt an und sagt, sie wolle am Nachmittag zu ihm in die Sprechstunde kommen. Der Arzt erwiedert, er habe an diesem Tag keine Zeit für sie, aber sie könne gern am nächsten Tag zu ihm kommen. Sie sagt darauf:"Aber Herr Doktor, ich wohne doch nur fünf Minuten von ihrer Praxis entfehrnt!" Sie begreift nicht, daß es für "ihn" ja keine Zeitersparniss bedeutet, wenn sie nur einen so kurzen Weg hat. Sie erlebt die Situation aus narzißtische Weise; Weil "sie" Zeit spart, spart "er" auch Zeit; die einzige Realität, die es für sie gibt, ist sie selbst.

Weniger extrem - oder vielleicht auch nur weniger offensichtlich - sind die Entstellungen, die in den zwischenmenschlichen Beziehungen an der Tagesordnung sind. Wieviel Eltern erleben die Reaktion ihres Kindes nur unter dem Gesichtspunkt, ob es ihnen gehorcht, ob es ihnen Freude macht, ob es ihnen zur Ehre gereicht, usw., anstatt zu merken oder sich auch nur dafür zu interessieren, wie dem Kind selbst dabei zumute ist. Wie viele Männer meinen, ihre Frau sei herrschsüchtig, nur weil sie aufgrund ihrer eigenen Mutterbindung jeder Forderung ihrer Frau als Einschränkung, der eigenen Freiheit empfinden. Wie viele Fauen halten ihren Mann für untüchtig oder dumm, weil er ihrem Phantasiebild eines strallenden Ritters nicht entspricht, das sie sich vielleicht als Kind gemacht haben.
Notorisch ist auch der Mangel an Objektivität in bezug auf andere Völker. Von einem Tag zum anderen wird ein anderes Volk als höchst gemein und bösartig empfunden, während das eigene Volk alles, was nur gut und edel ist, verkörpert. Alles, was der Feind tut, wird mit dem einen - alles, was man selbst tut, wird mit dem anderen Maßstab gemessen. Gute Taten des Feindes, werden als besonnders heimtückisch betrachtet, weil sie uns und die Welt angeblich hinters Licht führen sollen, während unsere eigenen Übeltaten notwendig und durch die edelen Ziele gerechtfertigt sind, denen sie angeblich dienen. Wenn man die Beziehungen zwischen den Völkern, wie auch die zwischen einzelnen Individuen betarachtet, kommt man tatsächlich zu der Überzeugung, daß Objektivität die Ausnahme und mehr oder weniger stark ausgeprägte narzißtische Entstellung die Regel ist.
"Vernunft" ist die Fähigkeit objektiv zu denken. Die zugrundeliegende emotionale Haltung ist die "Demut". Man kann nur objektiv sein, wenn man demütig geworden ist und seine Kindheitsträume von Allwissenheit und Allmacht überwunden hat.

Auf die Praxis der Kunst des Liebens bezogen, bedeutet dies: Da die Fähigkeit zu lieben davon anhängt, daß unser Narzißmus relativ gering ist, verlangt diese Kunst die Entwicklung von Demut, Objektivität und Vernunft. Wir müßen unser ganzes Leben darauf ausrichten. Demut und Objektivität sind ebenso unteilbar, wie die Liebe. Ich kann meiner Familie gegenüber nicht wirklich objektiv sein, wenn ich es dem Fremden gegenüber nicht sein kann, und umgekehrt. Wenn ich die Kunst des Liebens lernen will, muß ich mich in jeder Situation um Objektivität bemühen und ein Gespühr für solche Situationen bekommen, in denen ich nicht objektiv bin. Ich muß versuchen, den Unterschied zu erkennen zwischen dem narzißtisch entstellten Bild, daß "ich" von einem Menschen und seinem Verhalten mache, und dem wirklichen Menschen, wie er unabhängig von meinen Interessen, Bedürfnissen und Ängsten existiert. Wenn man sich die Fähigkeit zu Objektivität und Vernunft erworben hat, hat man den Weg zur Kunst des Liebens schon halb zurückgelegt, aber man muß die Fähigkeit gegenüber allen Menschen besitzen, mit den man in Kontakt kommt. Wenn man seine Objektivität nur für den geliebten Menschen reservieren wollte und meint, er könne in seinen Beziehungen zur übrigen Welt darauf verzichten, dann wird er bald merken, daß er hier wie dort versagt. Die Fähigkeit zur Liebe hängt davon ab, ob es uns gelingt, unseren Narzißmus und die inzestöse Bindung an die Mutter und ihre Sippe zu überwinden. Sie hängt von unserer Fähigkeit ab, zu wachsen und eine produktive Orientierung in unseren Beziehungn zur Welt und zu uns selbst zu entwickeln. Dieser Prozeß des Sichlösens, des Geborgenwerdens, des Erwachens hat als unumgängliche Vorraussetzung den Glauben.

Rationaler Glaube ist im produktiven, intellektuellen und emotionalen Tätigsein verwurzelt. Der rationale Glaube ist eine wichtige Komponente des rationalen Denkens, in dem er angeblich keinen Platz hat. Wie kommt ein Wissenschaftler zu einer neuen Entdeckung? Macht er zunächst ein Experiment nach dem anderen, trägt er Tatsache um Tatsache zusammen, ohne eine Vision davon zu haben, was er zu finden erwartet? Nur selten ist auf irgendeinem Gebiet eine wichtige Entdeckung auf solche Weise gemacht worden, genausowenig wie man zu wichtigen Schlußfolgerungen kommt, wenn man lediglich seiner Phantasie nachjagt. Der Prozeß kreativen Denkens beginnt in allen Bereichen menschlichen Bemühens oft mit etwas, was man eine "rationale Vision" bezeichnen könnte, welche selbst das Ergebnis beträchtlicher vorrausgegangener Studien, reflektierenden Denkens und vieler Beobachtungen ist.Wenn es einem Wissenschaftler gelingt, genügend Daten zusammenzutragen oder eine mathematische Formel aufzustellen, die seine ursprüngliche in hohem Maß plausiebel macht, dann kann man von ihm sagen, es sei ihm gelugen eine vorläufige Hypotese aufzustellen. Einer sorgfälltigen Analyse der Hypothese und ihrer Implikationen sowie die Sammlung neuer Daten, welche sie unterbauen, führt dann zu einer adäquaten Hypothese und schleißlich vielleicht zur Einordnung dieser Hypothese in eine umfassende Theorie.
Denken und Urteilen sind nicht die einzigen Bereiche, in denen der rationale Glauben eine Rolle spielt. In der Sphäre der menschlichen Beziehungen ist Glaube ein unentbehrlicher Bestandteil jeder echten Freundschaft oder Liebe. "An einen anderen glauben" heist soviel, wie sich sicher sein, daß der andere in seiner Grundhaltung, im Kern seiner Persönlichkeit, in seiner Liebe, zuverlässig und unwandelbar ist. Damit soll nicht gesagt sein, daß jemand nicht auch einmal seine Meinung ändern dürfe, doch sollte seine Grundhaltunge sich gleichbleiben. So sollte zum Beispiel seine Achtung vor dem Leben und der Würde des Menschen ein Bestandteil seiner selbst und keiner Veränderung unterworfen sein.

Im gleichen Sinne glauben wir auch an uns selbst. Wir sind und der Existenz eines Selbst, eines Kerns unserer Persönilchkeit bewusst, der unveränderlich ist und unser ganzes Leben lang fortbesteht, wenn sich auch die äußeren Umstände ändern mögen und wenn auch in unseren Meinungen und Gefühlen gewisse Änderungen eintreten. Dieser Kern ist die Realität hinter dem Wort "Ich" , auf der unsere Überzeugung von unserer Identität behruht. Wenn wir nicht an die Beständigkeit unseres Selbst glauben, gerät unser Identitätsgefühl in Gefahr, und wir werden von anderen Menschen abhängig, deren Zustimmung dann zur Grundlage unseres Identitätsgefühls wird. Nur wer an sich selbst glaubt, kann anderen treu sein, weil nur ein solcher Mensch sicher sein kann, daß er auch in Zukunft noch derselbe sein wird, wie heute und daß er deshalb genauso fühlen und handeln wird, wie er das jetzt von uns erwartet. Der Glaube an uns selbst ist eine Vorraussetzung dafür, daß wir etwas versprechen können, und da der Mensch - wie Nietzsche sagt - durch seine Fähigkeit, etwas versprechen zu können, definiert werden kann, ist der Glaube eine der Vorraussetzungen an die eigene Liebe, der Galube an die Fähigkeit der eigenen Liebe, bei anderen Liebe hervorzurufen, und der Galube an ihr Verläßlichkeit.

Die rudimentärste Form, in der dieser Glaube existiert, ist der Glaube der Mutter an ihr Neugeborenes: daß es lebe, wachse, laufen lernen und sprechen lernen wird. Freilich erfolgt die Entwicklung des Kindes mit solcher Regelmäßigkeit, daß man wohl für die diesbezügliche Erwartung keinen besonderen Glauben braucht. Anders ist es mit den Fähigkeiten des Kindes zu lieben, glücklich zu sein und seine Vernunft zu gebrauchen, wie auch spezielle künstlerische Begabungen. Sie sind die Saat, die wächst und die zum Vorschein kommt, wenn die richtigen Vorraussetzungen für ihre Entwiklung gegeben sind, die aber auch im Kern erstickt werden kann, wenn solche Vorraussetzungen fehlen.
Eine der wichtigsten Vorraussetzungen ist, daß die Bezugsperson im Leben des Kindes an diese Entwicklungsmöglichkeiten glaubt. Ob dieser Glaube vorhanden ist, macht den Unterschied aus zwischen Erziehung und Manipulation. Erziehen bedeutet, dem Kind helfen, seine Möglichkeiten zu realisieren. (Das englische Wort "education" = Erziehung kommt vom lateinischen e-ducere, was wörtlich soviel bedeutet wie "herausführen" oder "etwas herausbringen, was potentiell bereits vorhanden ist".) Das Gegenteil von Erzeihung ist Manipulation [vgl. Kap. X], bei welcher der Erwachsene nicht an die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes glaubt und überzeugt ist, daß das Kind nur dann zu einem ordentlichen Menschen wird, wenn er ihm das, was er für wünschenswert hält, einprägt und alles unterdrückt, was ihm nicht wünschenswert scheint. An einen Roboter braucht man nicht zu glauben, weil in ihm kein Leben ist, das sich entfalten könnte.
Der Höhepunkt des Glaubens an andere wird im Glauben an die "Menschheit" erreicht. Genau wie der Galube an ein Kind, gründet auch er sich auf die Idee, daß die dem Menschen gegebenen Möglichkeiten derart sind, daß er unter entsprechenden Bedingungen die Fähigkeit besitzt, eine von den Grundsätzen der Gleichheit und Liebe getragenen Gesellschaftsordnug zu errichten. Noch ist dem Menschen der Aufbau einer solchen Gesellschaftsordnung nicht gelungen, und deshalb erfordert die Überzeugung, daß er dazu in der Lage sein wird, Glauben. Aber genau wie bei jeder Art von rationalem Galuben handelt es sich auch hier um kein Wunschdenken, sondern gründet sich auf die unleugbaren Leistungen der Menschheit in der Vergangenheit und auf die Erfahrung, die jeder einzelne in seinem eigenen Inneren mit seiner Fähigkeit zu Vernunft und Liebe macht.

Wärend der irrationale Glaube in der Unterwerfung unter einer Macht, die als überwältigend stark, als allwissend und allmächtig empfunden wird, und im Verzicht auf die eigene Kraft und Stärke wurzelt, gründet sich der rationale Glaube auf die entgegengesetzte Erfahrung. Wir besitzen diese Art von Glauben an eine Idee, weil sie das Ergebnis unserer eigenen Beobachtungen und unseres eigenen Denkens ist. Wir glauben an die Möglichkeiten anderer, unserer selbst und der Menschheit nur deshalb, weil wir das Wachstum unserer eigenen Möglichkeiten, die Realität des Wachsens und die Stärke unsere eigenen Vernunft und unserer Liebesfähigkeit in uns erfahren haben; und wir glauben nur insoweit daran, wie wir diese Erfahrung in uns selbst gemacht haben. "Die Grundlage des rationalen Glaubens ist die Produktivität". Aus dem Glauben heraus leben heißt produktiv leben. Hierraus folgt, daß der Glaube an die Macht (im Sinne von Herrschaft) und an die Ausübung von Macht das Gegenteil des Glaubens ist. An eine bereits existierende Macht glauben ist gleichbedeutend mit der Verleugnung der Wachstumschancen noch nicht realisierter Möglichkeiten. Bei der Macht handelt es sich um eine Vorraussage auf die Zukunft, die sich lediglich auf die handgreifliche Gegenward gründet und die sich als schwere Fehlkalkulation herausstellt. Sie ist deshalb völlig irrational, weil sie die menschlichen Möglichkeiten und das Menschliche Wachstum nicht berücksichtigt. Es gibt keine rationanlen Glauben an die Macht. Es gibt nur Unterwerfung unter die Macht oder - von Seiten derer, die sie besitzen - den Wunsch, sie zu behaupten. Da aber Glaube und Macht sich gegenseitig ausschlißen, werden alle Religionen und alle politischen Systeme, die ursprünglich auf einen rationalen Glauben gründeten, schließlich korrupt und verlieren an Stärke, wenn sie sich auf ihr Macht verlassen oder sich mit der Macht verbünden.

Damit ist die Fähigkeit gemeint, ein Risiko einzugehen, und auch die Bereitschaft, Schmerz und Enttäuschung hinzunehmen. Wer Gefahrlosigkeit und Sicherheit als das Wichtigste im Leben ansieht, kann keinen Glauben haben. Wer sich in einem Verteidigungssystem verschanzt und darin seine Sicherheit durch Distanz und Besitz zu erhalten sucht, macht sich selbst zum Gefangenen. Geliebtwerden und lieben braucht Mut, den Mut, bestimmte Werte als das anzusehen, was "uns unbedingt angeht", den Sprung zu wagen, und für diese Werte alles aufs Spiel zu setzen.
Der Mut ist etwas völlig anderes als der Mut, wenn jemand sagt: "Lebe gefährlich!" Das ist der Mut des Nihilismus. Er wurzelt in einer destruktiven Einstellung zum Leben, in Bereitschaft, sein Leben wegzuwerfen, weil man nicht fähig ist, es zu lieben. Der Mut der Verzeifelung, ist das genaue Gegenteil des Muts der Liebe, genauso wie der Glauben an die Macht, das Gegenteil des Glaubens an das Leben ist.

Glauben kann man in jedem Augenblick üben. Man braucht Glauben, um ein Kind zu erziehen; man braucht Glauben, um einschlafen zu können; man braucht Glauben, um mit irgendeiner Arbeit anzufangen. Wer ihn nicht hat, leidet an einer Überängstlichkeit in bezug auf sein Kind, oder er leidet an Schlaflosigkeit oder an der Unfähigkeit, eine produktive Arbeit zu leisten; oder er ist misstrauisch, hat Hemmungen, mit anderen in Kontakt zu kommen, ist hypochondrisch oder unfähig, etwas auf längere Zeit hinaus zu planen. Zu einem Urteil über einen Menschen auch dann zu stehen, wenn die öffentliche Meinung oder irgendwelche unvorhergesehenen Ereignisse den Anschein erwecken, daß man sich irrte, an seinen Überzeugungen festhalten, auch wenn sie unpopulär sind - zu alldem ist Glauben und Mut nötig. Die Schwirigkeit, Rückschläge und Kümmernisse des Lebens als Herausforderung anzusehen, deren Überwindung uns stärkt, anstatt sie als ungerechte Strafe zu betrachten, die wir nicht verdient haben, das erfordert Glauben und Mut.
Das praktische Ueben von Glaube und Mut fängt bei den kleinsten Dingen des täglichen Lebens an. Die ersten Schritte hirzu sind: darauf zu achten, wo und wann man den Glauben verliert, die Rationalisierung zu durchschauen, deren man sich bedient, um diesen Glaubensverlust zu verdecken, zu erkennen, wo man sich feige verhält und welche Rationalisierungen man hierbei anwendet, zu merken, wie jeder Verrat am Glauben uns schwächt und wie jede neue Schwächung zu einem neuen Verrat führt und daß dies ein Teufelskreis ist. Dann werden wir auch erkennen, "daß wir bewußt zwar Angst haben, nicht geliebt zu werden, daß wir uns aber in Wirklichkeit - wenngleich meist unbewußt - davor fürchten, zu lieben". Lieben heißt, daß wir uns dem anderen ohne Garantie ausliefern, daß wir und der geliebten Person ganz hingeben in der Hoffnung, daß unsere Liebe auch ihre Liebe erwecken wird. Liebe ist ein Akt der Glaubens, und wer nur wenig Glauben hat, der hat auch nur wenig Liebe.

Aktivität ist nicht so zu verstehen, daß man "sich irgendwie beschäftigt", sondern als inneres Tätigsein, als produktiver Gebrauch der eigenen Kräfte. Liebe ist ein solches Tätigsein, eine solche Aktivität. Wenn ich liebe, beschäftige ich mich ständig auf aktive weise mit der geliebten Person, aber nicht nur mit ihr allein.
Denn ich würde die Fähigkeit verlieren, aktiv mit ihr in Beziehung zu treten, wenn ich träge wäre, wenn ich mich nicht beständig im Zustand der Aufnahmebereitschaft, der Wachsamkeit und Aktivität befände. Der Schlaf allein ist ein Zustand der Inaktivität; im wachen Zustand sollte man der Trägheit keinen Platz einräumen. Sehr viele befinden sich heute in paradoxen Situationen, daß sie halb schlafen, wenn sie wach sind, und halb wachen, wenn sie schlafen möchten. Ganz wach zu sein ist die Vorraussetzung dafür, daß man sich selbst und andere nicht langweilt - und tatsächlich gehört es ja zu den wichtigsten Vorbedingungen für die Liebe, daß man sich weder gelangweilt fühlt noch den anderen langweilt. Den ganzen Tag lang im Denken und Fühlen, mit Augen und Ohren tätig zu sein, um nicht innerlich träge zu werden, indem man sich rein rezeptiv verhält, Dinge hortet oder einfach seine Zeit totschlägt, das ist eine unerläßliche Vorraussetzung für die Praxis der Kunst des Liebens. Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne sein Leben so einteilen, daß man im Bereich der Liebe produktiv und in allen anderen nichtproduktiv sein könne. Produktivität läßt eine derartige Arbeitsteilung nicht zu. Die Fähigkeit zu Lieben erfordert einen Zustand intensiver Wachheit und gesteigerter Vitalität, der nur das Ergebniss einer produktiven und tätigen Orientierung in vielen anderen Lebensbereichen sein kann. Ist man auf anderen Gebieten nicht-produktiv, so ist man es auch nicht in der Liebe.

Eine Diskussion der Kunst des Liebens darf sich nicht auf den persönlichen Bereich beschränken, wo jene merkmale und Haltungen erworben und wieterentwickelt werden, die wir in diesem Kapitel beschrieben haben. Sie hängt untrennbar mit dem gesellschaftlichen Bereich zusammen. Wenn lieben soviel heißt wie gegenüber einem jeden eine liebevolle Haltung einzunehmen, wenn Liebe ein Charakterzug ist, dann muß sie notwendigerweise nicht nur in unseren Beziehungen zu unserer Familie und zu unseren Freunden, sondern auch in den Beziehungen zu all jenen zu finden sein, mit denen wir durch unsere Arbeit, unsere Geschäft oder unseren Beruf in kontakt kommen. Es gibt keine "Arbeitsteilung" zwischen der Liebe zu den eigenen Angehörigen und der Liebe zu Fremden. Ganz im Gegenteil ist Letztere die Vorbedingung für erstere. Würde man diese Einsicht ernst nehmen, so würde das in der Tat eine recht drastische Veränderung in unseren gewohnten sozialen Beziehungen bedeuten. Währen wir viel vom religiösen Ideal der Nächstenliebe reden, werden unsere Beziehungen in Wirklichkeit bestenfalls vom Grundsatz der "Fairneß" geleitet. Fairneß bedeutet soviel wie auf Betrug und Tricks beim Austausch von Gebrauchsgütern und Dienstleistungen zu verzichten. "Ich gebe dir ebensoviel, wie du mir gibst" - materielle Güter oder Liebe -: So lautet die oberste Maxime der kapitalistischen Moral. Man könnte sagen, daß die Entwicklung der Fairnes-Ethik der besondere ehtische Beitrag der Kapitalistischen Gesellschaft ist.

Die Gründe hierfürsind im Wesen des Kapitalismus zu suchen. In den vorkapitalistischen Gesellschaftenbestimmten nackte Gewalt, Tradition oder persönliche Bande der Liebe und Freundschaft den Güteraustausch. Im Kapitalismus ist der allesbestimmende Faktor der Austausch auf dem Markt. Ob es sich um den Warenmarkt handelt, um den Arbeitsmarkt oder den Dienstleistungsmarkt handelt - jeder tauscht das, was er zu verkaufen hat, zu den jeweiligen Marktbedingungen ohne Anwendung von Gewalt und ohne Betrug gegen das, was er zu erwerben wünscht.

Fairness-Ethik
Die Fairness-Ethik ist leicht mit der Ethik der Goldenen Regel zu verwechseln. Die kantische Maxime: "Was du nicht willst, daß es Dir geschieht, das füg auch keinem anderen zu" kann man so auslegen, als bedeute sie: "Sei fair in deinem Tauschgeschäft mit anderen". Tatsächlich jedoch handelt es sich dabei ursprünglich um eine volkstümliche Formulierung des biblischen Gebots: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". In Wirklichkeit ist dieses jüdisch-christliche Gebot der Nächstenliebe etwas völlig anderes als die Fairnes-Ethik. "Seinen Nächsten lieben" heißt, sich für ihn verantwortlich und sich eins mit ihm zu fühlen, während die Fairnes-Ethik das Ziel verfolgt, sich "nicht" verantwortlich ihn und eins mit ihm zu fühlen, sondern von ihm getrennt und distanziert zu sein; sie bedeutet, daß man zwar die Rechte seines Nächsten respektiert, nicht aber, daß man ihn liebt. Es ist kein Zufall, daß die Goldene Regel heute zur populärsten religiösen Maxime geworden ist. Weil man sie nämlich im Sinne der Fairnes-Ethik interpretieren kann, ist es die einzige religiöse Maxime, die jeder versteht und die ein jeder zu praktizieren bereit ist. Aber wenn man Liebe praktizieren will, muß man erst einmal den Unterschied zwischen Fairnes und Liebe begriffen haben.
Hier stellt sich jedoch eine wichtige Frage. Wenn unsere gesamte gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisation darauf basiert, daß jeder den eigenen Vorteil sucht, wenn sie von dem lediglich durch den Grundsatz der Fairnes gemilderten Prizip des Egoismus beherrscht wird, wie kann man dann im Rahmen unsere bestehenden Gesellschaftsordnung leben und wirken und gleichzeitig Liebe üben? Bedeutet nicht letzteres, daß man alle weltlichen Interessen aufgeben und in völliger Armut leben sollte? Christliche Mönche und Menschen wie Leo Tolstoi, Albert Schweitzer und Simone Weil haben sich diese Frage gestellt und auf radikale Weise beantwortet. Es gibt andere, die die Meinung teilen, daß Liebe und normales weltliches Leben in unserer Gesellschaft miteinander unvereinbar sind. Sie kommen zu dem Ergebnis, daß, wer heute von der Liebe redet, sich nur am allgemeinen Schwindel beteilige; sie behaupten, nur ein Märtyrer oder ein Verrückter könne in der heutigen Welt lieben und deshalb sei eine Diskussion uber die Liebe nichts als gutgemeinte Predigt. Dieser sehr respektable Standpunkt kann aber auch leicht zur Rationalisierung des eigenen Zynismus dienen. Tatsächlich steckt er hinter der Auffassung des Durchschnittsbürgers, der das Gefühl hat: "Ich wäre ja gern ein guter Christ - aber wenn ich damit ernst mache, müße ich verhungern." Dieser "Radikalismus" läuft auf einen moralischen Nihilismus hinaus. ein solcher "radikaler Denker" ist genau wie der Durchschnittsbürger ein liebsunfähiger Automat, und der einzige Unterschied zwischen beiden ist der, daß letzterer es nicht merkt, während ersterer es weiß und darin eine "historische Notwendigkeit" sieht. Ich bin der Überzeugung, daß die absolute Unvereinbarkeit von Liebe und "normalem" Leben nur in einem abstrakten Sinn richtig ist. Unvereinbar miteinander sind das der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugrundeliegende Prinzip und das Prinzip der Liebe. Aber konkret gesehen, ist die moderne Gesellschaft ein komplexes Phänomen. Der Verkäufer einer unbrauchbaren Wahre kann zum Beispiel wirtschaftlich nicht existieren, wenn er nicht lügt; ein geschickter Arbeiter, ein Chemiker oder Physiker aber kann das durchaus. In ähnlicher Weise können Bauern, Lehrer, Arbeiter oder Geschäftsleute vieler Art durchaus versuche Liebe zu praktizieren, ohne hierdurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu geraten. Selbst wenn man erkannt hat, daß das Prinzip des Kapitalismus mit dem Prizip der Liebe an sich unvereinbar ist, muß man doch einräumen, daß der "Kapitalismus" selbst eine komplexe, sich ständig verändernde Struktur hat, in der immer noch recht viel Nicht-Konformität und persönlicher Spielraum möglich sind. Damit möchte ich aber nicht den Eindruck erwecken, als ob wir damit rechnen könnten, daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem in alle Ewigkeit fortdauern wird und daß wir geleichzeitig auf die Verwirklichung des Ideals der Nächstenliebe hoffen können. Menschen, die in unserem gegenwärtigen System zur Liebe fähig sind, bilden in jedem Fall die Ausnahme. Liebe ist zwangsläufig eine Randerscheinung in der heutigen westlichen Gesellschaft, und das nicht so sehr, weil viele Tätigkeiten eine liebevolle Einstellung ausschließen, sondern weil in unserer hauptsächlich auf Produktion eingestellten, nach Gebrachsgütern gierenden Gesellschaft nur der Nonkonformist sich erfolgreich gegen diesen Geist zur Wehr setzen kann.

Wem die Liebe als einzige vernünftige Lösung des Problems der menschlichen Existenz am Herzen liegt, der muß zu dem Schuß kommen, daß in unserer Gesellschaftsstruktur wichtige und radikale Veränderungen vorgenommen werden müßen, wenn die Liebe zu einem gesellschaftlichen Phänomen werden und nicht eine höchst individuelle Randerscheinung bleiben soll.
In welcher Richtung derartige Veränderungen vorgenommen werden könnten, kann hier nur angedeutet werden. (In "The Sane Society" habe ich mich mit dem Problem ausführlich befaßt.) Unsere Gesellschaft wird von Manager-Bürokratie und Berufspolitikern geleitet; die Menschen werden durch Massensuggestion motiviert; ihr Ziel ist, immer mehr zu produzieren und zu konsumieren, und zwar als Selbstzweck. Sämtliche Aktivitäten werden diesem Wirtschaftlichen Ziel untergeordnet; die Mittel sind zum Zweck geworden; der Mensch ist ein gut genährter gut gekleideter Automat, den es überhaupt nicht mehr interessiert, welche menschlichen Qualitäten und Aufgaben ihm eignen. Wenn der Mensch zur Liebe fähig sein soll, muß der Mensch selbst an erster Stelle stehen. Der Wirtschaftsapparat muß ihm dienen, und nicht er ihm. Er muß am Arbeitsprozess aktiven Anteil nehmen, anstatt nur bestenfalls am Profit beteiligt zu sein. die Gesellschaft muß so organisiet werden, daß die soziale, liebevolle Seite des Menschen nicht von seiner gesellschaftlichen Existenz getrennt, sondern mit ihr eins wird. Wenn das, was ich versucht habe aufzuzeigen zutrifft - daß nämlich die Liebe die einzige vernünftige und befriedigende Lösung des Problems der menschlichen Existenz darstellt-, dann muß jede Gesellschaft, welche die Entwicklung der Liebe so gut wie unmöglich macht, auf die Dauer an ihrem Widerspruch zu den grundlegenden Bedürfnissen der menschlichen Natur zugrunde gehen. Wenn man von der Liebe spricht, ist das keine "Predigt", denn es geht dabei um das tiefste, realste Bedürfnis eines jeden menschlichen Wesens. Daß dieses Bedürfnis so völlig in den Schatten gerückt ist, heißt nicht, daß es nicht existiert. Das Wesen der Liebe heute zu analysieren heißt, ihr allgemeines Fehlen heute aufzuzeigen und an den gesellschaftlichen Bedingungen Kritik zu üben, die dafür verantwortlich sind. Der Glaube an die Möglichkeiten der Liebe als einem gesellschaftlichen Phänomen und nicht nur als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf die Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.

Quellen:
Fromm, E. (1976). Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. München: dtv.
Fromm, E. (1980 [1956]). Die Kunst des Liebens. Frankfurt: Ullstein.
Fromm, E., Vom Haben zum Sein
Fromm, E. (1985). Psychoanalyse und Ethik. Bausteine zu einer humanistischen Charakterologie. München
Fromm, E., Die Seele des Menschen



Gedankensplitter aus "Tagesanzeiger.ch" und "Psychologieforum.ch":

Die Wirtschaft als narzisstische Brutstätte
In der sogenannten Finanz(miss)wirtschaft, die uns die Wirtschaftskrise der letzten Jahre eingebrockt hat, fühlen sich Narzissten pudelwohl: mit irrwitzigen Summen jonglieren, Blendwerke von Finanzkosntrukten schaffen und diese manipulativ in alle Welt streuen und dabei Betrügereien von immensem Ausmass einzufädeln, das ernährt das narzisstische Ego. "Sie kommen, nehmen und gehen wieder, bevor ihre Schwindel auffliegen". So der Psychiater und Gutachter Thomas Knecht im sehr lesenswerten Interview im Tages-Anzeiger vom 9.01.2010.
Erfolge werden in der Wirtschaft von Einzelnen beansprucht. Trotz dem Säuseln von der dahinter stehenden Teamleistung. Diese Einzelnen verfügen in aller Regel über eine starke narzisstische (nicht fachliche!) Potenz. Umkehrschluss: Nur wer über eine solche Potenz verfügt, kann für den "Wettbewerb" die nötige Brutalität, Menschenverachtung und Coolness entwickeln, über die Konkurrenz zu siegen. Der Narzisst ist weder solidarisch noch gemeinschaftlich orientiert.


Heiner Keupp: Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft - Vortrag im Rahmen der 60. Lindauer Psychotherapiewochen 2010 (www.Lptw.de)

(...) Die Sorge, nicht mehr gesellschaftlich einbezogen, gefragt und gebraucht zu werden, bestimmt viele Menschen und sie sind deshalb oft bereit, sich an Bedingungen anzupassen, die ihnen nicht gut tun.

- Die Suche nach sicheren Bezugspunkten für einen gesichertes Fundament für ihre Alltagsbewältigung wird noch verstärkt, durch die Entwicklung hin zu einer „Sicherheitsgesellschaft“, die die defensive Variante des Ordnungstraumes der Moderne darstellt: Diese hatte und hat den Anspruch, alles Unberechenbare, Uneindeutige, Ambivalente, Fremde und Störende zu beseitigen und eine berechenbare und eindeutige Welt geschaffen. Auch wenn dieser Traum dieser Moderne nur noch selten in naiver Emphase vorgetragen wird, es gibt ihn noch und die Sicherheitsgesellschaft lebt davon. Sie will möglichst Risiken eliminieren und verstärkt dafür ihre Sicherheitssysteme. Schäubles Gesellschaftsbild kann man so einordnen.

- Die Landnahme des Kapitalismus hat längst in unseren beruflichen Welten stattgefunden.
Erich Wulff (1971) hat einst in den 70er Jahren einen spannenden Aufsatz „Der Arzt und das Geld“ veröffentlicht und hat aufgezeigt, wie die Geldlogik unbemerkt, die ärztliche Fachlichkeit und Ethik unterhöhlt. Wir haben uns angewidert abgewendet und wollten für den Bereich der psychosozialen Versorgung einen anderen Weg gehen. Inzwischen hat uns die Monetarisierung, die Ökonomisierung oder die „Vertriebswirtschaftlichung“ voll erreicht und Qualität scheint nur noch in Geldwert ausgedrückt zu werden.
Diese Alltagserfahrungen werden in den sozialwissenschaftlichen Gegenwartsanalysen aufgegriffen und auf ihre strukturellen Ursachen bezogen.
Jürgen Habermas einen „Formenwandel sozialer Integration“ diagnostiziert, der in Folge einer „postnationalen Konstellation“ entsteht: „Die Ausweitung von Netzwerken des Waren-, Geld-, Personen- und Nachrichtenverkehrs fördert eine Mobilität, von der eine sprengende Kraft ausgeht“ (1998, S. 126). Diese Entwicklung fördert eine „zweideutige Erfahrung“: „die Desintegration haltgebender, im Rückblick autoritärer Abhängigkeiten, die Freisetzung aus gleichermaßen orientierenden und schützenden wie präjudizierenden und gefangen nehmenden Verhältnissen.
Kurzum, die Entbindung aus einer stärker integrierten Lebenswelt entlässt die Einzelnen in die Ambivalenz wachsender Optionsspielräume. Sie öffnet ihnen die Augen und erhöht zugleich das Risiko, Fehler zu machen. Aber es sind dann wenigstens die eigenen Fehler, aus denen sie etwas lernen können“ (ebd., S. 126f.).

Der mächtige neue Kapitalismus, der die Containergestalt des Nationalstaates demontiert hat, greift unmittelbar auch in die Lebensgestaltung der Subjekte ein. Auch die biographischen Ordnungsmuster erfahren eine reale Dekonstruktion. Am deutlichsten wird das in Erfahrungen der Arbeitswelt.
Einer von drei Beschäftigten in den USA hat mit seiner gegenwärtigen Beschäftigung weniger als ein Jahr in seiner aktuellen Firma verbracht. Zwei von drei Beschäftigten sind in ihren aktuellen Jobs weniger als fünf Jahre. Vor 20 Jahren waren in Grossbritannien 80% der beruflichen Tätigkeiten vom Typus der 40 zu 40 (eine 40-Stunden-Woche über 40 Berufsjahre hinweg).
Heute gehören gerade noch einmal 30% zu diesem Typus und ihr Anteil geht weiter zurück.
Kenneth J. Gergen sieht ohne erkennbare Trauer durch die neue Arbeitswelt den „Tod des Selbst“, jedenfalls jenes Selbst, das sich der heute allüberall geforderten „Plastizität“ nicht zu fügen vermag. Er sagt: „Es gibt wenig Bedarf für das innengeleitete, ‘one-style-for-all’ Individuum.
Solch eine Person ist beschränkt, engstirnig, unflexibel. (...) Wie feiern jetzt das proteische Sein (...) Man muss in Bewegung sein, das Netzwerk ist riesig, die Verpflichtungen sind viele, Erwartungen sind endlos, Optionen allüberall und die Zeit ist eine knappe Ware“ (2000, S. 104).
In seinem viel beachteten Buch „Der flexible Mensch“ liefert Richard Sennett (1998) eine weniger positiv gestimmte Analyse der gegenwärtigen Veränderungen in der Arbeitswelt. Der „Neue Kapitalismus“ überschreitet alle Grenzen, demontiert institutionelle Strukturen, in denen sich für die Beschäftigten Berechenbarkeit, Arbeitsplatzsicherheit und Berufserfahrung sedimentieren konnten. An ihre Stelle tritt ist die Erfahrung einer (1) „Drift“ getreten: Von einer „langfristigen Ordnung“ zu einem „neuen Regime kurzfristiger Zeit“ (S. 26). Und die Frage stellt sich in diesem Zusammenhang, wie sich dann überhaupt noch Identifikationen, Loyalitäten und Verpflichtungen auf bestimmte Ziele entstehen sollen. Die fortschreitende (2) Deregulierung: Anstelle fester institutioneller Muster treten netzwerkartige Strukturen. Der flexible Kapitalismus baut Strukturen ab, die auf Langfristigkeit und Dauer angelegt sind. „Netzwerkartige Strukturen sind weniger schwerfällig“. An Bedeutung gewinnt die „Stärke schwacher Bindungen“, womit gemeint ist zum einen, „dass flüchtige Formen von Gemeinsamkeit den Menschen nützlicher seien als langfristige Verbindungen, zum anderen, dass starke soziale Bindungen wie Loyalität ihre Bedeutung verloren hätten“ (S. 28). Die permanent geforderte Flexibilität entzieht (3) „festen Charaktereigenschaften“ den Boden und erfordert von den Subjekten die Bereitschaft zum „Vermeiden langfristiger Bindungen“ und zur „Hinnahme von Fragmentierung“. Diesem Prozess geht nach Sennett immer mehr ein begreifbarer Zusammenhang verloren. Die Subjekte erfahren das als (4) Deutungsverlust: „Im flexiblen Regime ist das, was zu tun ist, unlesbar geworden“ (S. 81). So entsteht der Menschentyp des (5) flexiblen Menschen, der sich permanent fit hält für die Anpassung an neue Marktentwicklungen, der sich zu sehr an Ort und Zeit bindet, um immer neue Gelegenheiten nutzen zu können.

Lebenskohärenz ist auf dieser Basis kaum mehr zu gewinnen. Sennett hat erhebliche Zweifel, ob der flexible Mensch menschenmöglich ist. Zumindest kann er sich nicht verorten und binden.
Die wachsende (6) Gemeinschaftssehnsucht interpretiert er als regressive Bewegung, eine „Mauer gegen eine feindliche Wirtschaftsordnung“ hochzuziehen (S. 190). „Eine der unbeabsichtigten Folgen des modernen Kapitalismus ist die Stärkung des Ortes, die Sehnsucht der Menschen nach Verwurzelung in einer Gemeinde. All die emotionalen Bedingungen modernen Arbeitens beleben und verstärken diese Sehnsucht: die Ungewissheiten der Flexibilität; das Fehlen von Vertrauen und Verpflichtung; die Oberflächlichkeit des Teamworks; und vor allem die allgegenwärtige Drohung, ins Nichts zu fallen, nichts ‘aus sich machen zu können’, das Scheitern daran, durch Arbeit eine Identität zu erlangen. All diese Bedingungen treiben die Menschen dazu, woanders nach Bindung und Tiefe zu suchen“ (S. 189f.).

Im Rahmen dieses Deutungsrahmens räumt Sennett dem „Scheitern“ oder der mangelnden kommunikativen Bearbeitung des Scheiterns eine zentrale Bedeutung ein: „Das Scheitern ist das grosse Tabu (...) Das Scheitern ist nicht länger nur eine Aussicht der sehr Armen und Unterprivilegierten; es ist zu einem häufigen Phänomen im Leben auch der Mittelschicht geworden“ (S. 159). Dieses Scheitern wird oft nicht verstanden und mit Opfermythen oder mit Feindbildkonstruktionen beantwortet. Aus der Sicht von Sennett kann es nur bewältigt werden, wenn es den Subjekten gelingt, das Gefühl ziellosen inneren Dahintreibens, also die „drift“ zu überwinden.
Für wenig geeignet hält er die postmodernen Erzählungen. Er zitiert Salman Rushdie als Patchworkpropheten, für den das moderne Ich „ein schwankendes Bauwerk ist, das wir aus Fetzen, Dogmen, Kindheitsverletzungen, Zeitungsartikeln, Zufallsbemerkungen, alten Filmen, kleinen Siegen, Menschen, die wir hassen, und Menschen, die wir lieben, zusammensetzen“ (S. 181). Solche Narrationen stellen ideologische Reflexe und kein kritisches Begreifen dar, sie spiegeln „die Erfahrung der Zeit in der modernen Politökonomie“: „Ein nachgiebiges Ich, eine Collage aus Fragmenten, die sich ständig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen öffnet - das sind die psychologischen Bedingungen, die der kurzfristigen, ungesicherten Arbeitserfahrung, flexiblen Institutionen, ständigen Risiken entsprechen“ (S. 182).
Für Sennett befindet sich eine so bestimmte „Psyche in einem Zustand endlosen Werdens - ein Selbst, das sich nie vollendet“ und für ihn folgt daraus, dass es „unter diesen Umständen keine zusammenhängende Lebensgeschichte geben (kann), keinen klärenden Moment, der das ganze erleuchtet“ (ebd.). Daraus folgt dann auch eine heftige Kritik an postmodernen Narrationen:
„Aber wenn man glaubt, dass die ganze Lebensgeschichte nur aus einer willkürlichen Sammlung von Fragmenten besteht, lässt das wenig Möglichkeiten, das plötzliche Scheitern einer Karriere zu verstehen. Und es bleibt kein Spielraum dafür, die Schwere und den Schmerz des Scheiterns zu ermessen, wenn Scheitern nur ein weiterer Zufall ist“ (ebd.).

Generation Uniform: Wegen dem Internet sehen Junge heute alle gleich aus

Ein tolles Fotoprojekt macht deutlich, dass keiner mehr individuell ist, obwohl jede/r meint er/sie sei gerade besonders originell...

Ich erachte diese neue "freiwillige Uniformität" nicht nur alks negativ, weil hier zeigt sich auch wieder die Dialektik zwischen Anpassung und Abgrenzung welche im "Anerkennungsparadoxon" theoretisch erfasst ist im Widerspruch zwischen Anders-sein-wollen und gleichzeitig Dazu-gehören-wollen. Mehr dazu findet sich im Demokratie-Kapitel wo Benjamins und Honneths Anerkennungstheorien ausführlich dargestellt werden.
Hier soll es erst mal um die kommerzielle Verwertbarkeit dieser unbewussten Identitätssuche bei Heranwachsenden gehen:


- Man merkt es, wenn man in einer Bar ist und rund um einen herum alles die gleichen Hipster-Typen sitzen – mit engen Jeans, Hemd und Nerd-Brille.
- Oder wenn man am Samstagabend die jungen Frauen im Ausgang beobachtet: Sie sehen alle irgendwie wie Doppelgänger aus.

- Diesen Eindruck haben auch die holländischen Fotografen Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek. Seit 1994 dokumentieren sie den Style der Jungen auf der ganzen Welt.
- Und bald merkten sie, dass die Leute immer ähnlicher werden – und zwar egal, zu welcher Szene sie sich zählten.
- Die meisten Jugendlichen seien sich inzwischen sogar erschreckend ähnlich, so die Fotografen. «In Europa können Sie nach Kopenhagen oder Rom oder Berlin oder Madrid und junge Menschen sehen alle gleich aus. Es gibt kaum echte Subkultur.»



Quelle:
Generation Uniform: Wegen dem Internet sehen Junge heute alle gleich. In: Storyfilter vom 24. März 2015
http://www.storyfilter.com/generation-uniform-wegen-dem-internet-sehen-junge-heute-alle-gleich-aus/14277/


"Kommerzieller Narzissmus" und Wirtschaft: Fairness, Egoismus, Altruismus, Moralphilosophie und Empathie (Ernst Fehr, Jeremy Rifkin, Richard David Precht)

Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und individueller seelischer Gesundheit ist m.E. viel stärker als es rein psycho-technologische Verfahren, wie es z.B. die Traumatherapie-Welle der Nuller-Jahre oder auch die (Kognitive) Verhaltenstherapie zeigt, wahrhaben wollen - diese wirken letztlich reaktionär, weil Missstände z.B. in Familien zudeckend und nicht-fokussierend, weil sie lediglich dem Individuum helfen mit erlittenem Leid besser leben zu können, anstatt die gesellschaftlichen Missstäne aufzuzeigen.

Oft nützt es mehr, wenn konkrete äussere Bedingungen verbessert werden als wenn nur inner-psychische Faktoren (wie z.B. die Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit) behandelt und gestärkt werden.

Hier ergibt sich eine Verbindung zu gesellschaftlichen Trends wie die Occupy-Bewegung oder die Piraten-Partei vor ein paar Jahren oder die aktuelle Minimalismus- und Décroissance/Downsizing-Bewegung der immer notwendiger werdenden Postwachstumsökonomie von z.B. Niko Paech.

Kollektiver Narzissmus - "Wahres Selbst" vs. "Falsches Selbst" - Narzisstisches Wetteifern in allen Lebensbereichen - Kommerz und FAKE bzw. Ich-Ideal

Weil ich in diesem Buch aufzeigen möchte wie stark und komplex Individuum und Kollektiv narzisstisch miteinander verzahnt sind, machen wir in diesem Kapitel wiederum einen Sprung ("Shift") von der individuellen auf die kollektive Ebene, um dieser Verschränktheit auch formal eine dialektische Form des Hin und Her bzw. unten nach oben und wieder zurück zu geben.

Wir leben in einer Zeit zunehmender seelischer Orientierungslosigkeit auf der einen Seite und zunehmendem materiellem Ueberfluss auf der anderen Seite. Die Werbung ist längst dazu übergegangen uns künstliche (weil wir biologisch gesehen hier im Westen längst gesättigt sind) Bedürfnisse einzureden und diese zur Schau zu stellen, sodass wir hier in Europa und in Nordamerika zunehmend einem vermeintlich materiellen Glück nachrennen, ohne zu merken, dass wir dadurch lediglich die grossen Konzerne und deren Aktionäre befriedigen, nicht aber unsere ureigenen meist nicht-materiellen (narzisstischen!) Wünsche erfüllen.
Doch die Zeiten ändern sich: Klimawandel und Weltwirtschaftskrisen verlagern das Bewusstsein von der individuellen "Bauchnabel"-Sicht der 80er und 90er Jahre auf eine kollektive, gesellschaftliche Ebene. Wie wir oben gelesen haben, postulieren Autoren wie Altmeyer gar eine Ablösung vom Narzisstischen Zeitalter (Lasch 1979). Ich bin da weit weniger optimistisch, ob wir die grassierende Werbeflut so bald hinter uns lassen können... mal sehen. Jedenfals sind die Dinge welche nun endlich in den Blick kommen sollten, andere, als uns die Werbung mit ihren geschickten Manipulationen einzureden versucht.

Die Wirtschaftseliten sind aber schlau genug uns immer wieder zu überzeugen, dass der materielle (man könnte polemisch auch sagen: kapitalistische) Weg schon der richtige sei, unsere ungestillte Sehnsucht nur daher rührt, dass wir noch nicht genug konsumiert hätten - und so dreht sich die Spirale des Wirtschafts-Wachstums immer weiter bis uns eines Tages der Planet abschütteln wird, weil er durchaus auch ohne uns desorientierten Menschen-Tiere kann. Dann übernehmen vielleicht irgendwelche Kakerlaken oder andere resistente und genügsame Lebewesen das Kommando auf diesem Planeten. Was klingt wie aus einem Horror-Roman, erscheint seit Tschernobyl und Fukushima bedrohlich nahe an unsere Lebenswirklichkeit herangerückt, selbst in der beschaulichen Schweiz.

"Hat ja alles gar nichts mit Psychologie und schon gar nicht mit Psychotherapie zu tun", werden Sie vielleicht sagen. Stimmt nicht ganz, denn die Zusammenhänge zwischen dem Weltgeschehen und uns selbst bzw. unseren Familien sind viel grösser als wir oft glauben. Es hat sich in meiner tagtäglichen psychotherapeutischen Arbeit mit den verschiedensten Menschen aus den verschiedensten kulturellen Hintergründen (u.a. Indien, China, Japan, Brasilien, USA, Australien, Skandinavien, Deutschland etc.) als sehr hifreich erwiesen, wenn solche politischen und historischen Fakten miteinbezogen werden in eine individuelle Psychotherapie; denn der Mensch lebt nicht im luftleeren Raum, sondern immer eingebettet in eine soziale (das ist bekannt und etabliert in der "Psycho-Szene") und eben auch in eine politische, kulturelle und historische Wirklichkeit, was unter Psychotherapeuten bisher weniger en Vogue zu sein schien...

Eine erste Sichtweise in einfachen Worten zum Zusammenhang von Narzissmus auf der Ebene der Objektbeziehungen (Beziehungen zwischen Menschan also) und dem Narzissmus auf der Ebene der Gesellschaft und seiner politischen, kommerziellen, künstlerischen etc. "Anwendung" bzw. "Ausschlachtung", eröffnet uns ein Vertreter der anthropologisch-existentiellen Pädagogik:

"Im Narzissmus tritt uns ein Störungsbild entgegen, das von der Problematik der Selbstfindung der Person bzw. der individuellen Selbstwertausbildung geprägt ist. Die Selbst-Werdung – kurz gesagt: die intime Ich-Findung und die Ausbildung eines Selbstwertes im Aussenbezug, ist ein grosses, lebenslanges Thema eines jeden Menschen. – Wer hat sich nicht schon mit diesen typischen Fragen konfrontiert gesehen wie: „Darf ich so sein, wie ich bin? Darf ich im Beruf, in der Partnerschaft, bei meinen Eltern ich sein?“
Dabei handelt es sich um ein Thema, das wir nicht nur mit uns allein ausmachen können. Das Thema der Selbstwerdung stellt uns unvermittelt vor eine Öffentlichkeit, hält uns den Spiegel der Gesellschaft vor. Das Thema des Narzissmus ist daher auch Thema jeder Kultur und Gemeinschaft.
Die Gemeinschaft hat Normen, erlaubt mit offenen und subtilen Gesetzen, wie weit der einzelne das Recht hat, so zu sein und das zu tun, was er will. Sie fördert das, was ihr genehm ist, bestraft das andere. Es sind oft sehr versteckte Methoden, die da in die „Ueber-Ich-Bildung“ einfliessen. Eine starke Einflussgrösse ist z.B. der Trend, das, was derzeit „in“ ist, was unter Jugendlichen und Erwachsenen zählt bzw. geächtet wird. Die Offenheit im Umgang miteinander schreibt in einer Familie, in einer Schule usw. unsichtbare Gesetze fest, wie weit der einzelne gehen darf. Darf ich dem Kollegen beispielsweise sagen, dass ich mir Sorgen um ihn mache, weil er jeden Morgen einen Alkohol-Menthol-Geruch hat? Ist das ein verantwortungsvoller Umgang, oder wird damit bereits eine persönliche, intime Grenze überschritten?
Bestehen hier gesellschaftliche Tabus? Oder sind es persönliche Grenzen, Unsicherheiten, oder vielleicht Scham, gar Feigheit?
Es sei an dieser Stelle auf den Erziehungsstil unserer Zeit hingewiesen, der narzisstische Tendenzen stärkt. So wird beispielweise die Durchsetzungsfähigkeit der Jugendlichen und Kinder gefördert - und nicht mehr so wie früher die Bescheidenheit - sie ist heute keine „Zier“ mehr.
Es wird die Vorrangigkeit der individuellen Bedürfnisse vor dem Allgemeinwohl betont, die Bedeutung der Selbstverwirklichung, der Entfaltung des Eigenen, des Kreativen, der Wert des Besitzes usw.

Der Konflikt zwischen dem Ich und der Gemeinschaft ist unausweichlich mit dem Thema der Selbstwerdung verbunden. Denn für die Ich-Bildung ist einerseits eine Abgrenzung erforderlich, andererseits bedingen Ich und Gemeinschaft einander und sind nicht zu trennen. In der Folge steht das Narzissmus-Thema in der Spannung zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen Abgrenzung und Offensein, zwischen Ich und Du, zwischen wechselseitiger Angewiesenheit und gegenseitiger Behinderung. Diese Spannung wirft auch intime Ängste vor dem Bestehen-Können in der Gemeinschaft auf. „Wenn mich die anderen so sehen, wie ich bin – werde ich dann noch geliebt, geschätzt, geachtet? Kann ich mich lieben, wenn mich die anderen nicht lieben? – Wie weit muss ich mich den anderen anpassen?“
Quelle: Alfried Längle (2002). Die grandiose Einsamkeit - Narzissmus als anthropologisch-existentielles Phänomen

Um nebst der in diesem Kapitel zentralen Bedeutung des Kollektiven vs. dem Individuellen und deren Zusammenwirken und Auswirkungen im Unechten, im Kitsch etc., hier noch einmal die Unterscheidung in einen normalen und einen pathologischen Narzissmus:
Otto F. Kernberg (1978) versucht, den Begriff des normalen Narzissmus unter Rückgriff auf die beteiligten intrapsychischen Strukturen zu definieren. Eine solche strukturelle Konzeption hält er für besonders brauchbar für die Abgrenzung des normalen vom pathologischen Narzissmus. Er schreibt (S.358f.):
"Im Anschluß an Hartmann definiere ich den normalen Narzißmus als die libidinöse Besetzung des Selbst. Das Selbst ist eine intrapsychische Struktur, die sich aus mannigfachen Selbstrepräsentanzen mitsamt den damit verbundenen Affektdispositionen konstituiert. Selbstrepräsentanzen sind affektiv-kognitive Strukturen, die die Selbstwahrnehmung einer Person in ihren realen Interaktionen mit bedeutsamen Bezugspersonen und in ihren phantasierten Interaktionen mit inneren Repräsentanzen dieser anderen Personen, den sogenannten Objektrepräsentanzen, widerspiegelt. Das Selbst ist Bestandteil des Ichs, das daneben noch andere Strukturelemente enthält, nämlich die zuvor erwähnten Objektrepräsentanzen sowie Idealselbst- und Idealobjektvorstellungen auf verschiedenen Stufen der Depersonifikation, Abstraktion und Integration in allgemeine Ich-Ziele und Ich-Ideale. (...)
Obschon der normale Narzißmus die libidinöse Besetzung des Selbst widerspiegelt, so ist doch das Selbst eine Struktur, die sowohl libidinös wie aggressiv besetzte Anteile integriert. Einfach ausgedrückt: Integration guter und böser/schlechter Selbstimagines in ein realistisches Selbstkonzept, das die verschiedenen Teilrepräsentanzen vereinigt (und nicht dissoziiert hält) ist eine Vorbedingung für die libidinöse Besetzung eines normalen Selbst. Daraus erklärt sich auch das Paradox, dass die Integration von Liebe und Hass eine Voraussetzung der normalen Liebesfähigkeit ist. (...)
[Hier zeigt sich m.E. eine Parallele zu Benjamins Anerkennungs-Paradoxon, wo es um die Spannung von Symbiose (bei Kernberg "Liebe") und Autonomie ("Hass", Aggression, Abgrenzung) geht - die beiden Paradigmen "Objektbeziehungstheorie" zu der ich Kernberg zähle und "Relationale Psychoanalyse", zu der Jessica Banjemin zu zählen ist, scheinen aus dieser Sicht gar nicht so unversöhnlich, wie es oft dargestellt (z.B. bei Whitebook 2007).]

Fehlt ein integriertes Selbst, so spiegelt sich dies klinisch in widersprüchlichen, voneinander dissoziierten oder abgespaltenen Ichzuständen, die einander abwechseln, ohne je integriert zu werden, so daß das Individuum sich zwar an sein kohärentes Selbsterleben »erinnern« kann, aber nicht in der Lage ist, diese verschiedenen Selbsterfahrungsweisen miteinander zu integrieren. Daß ein integriertes Selbst fehlt, zeigt sich ferner in chronischen Gefühlen von Unwirklichkeit, Verwirrung, Leere oder allgemeinen Störungen des »Selbstgefühls« (Jacobson 1964) sowie in einer ausgeprägten Unfähigkeit, sich selbst realistisch als ganze Person wahrzunehmen.(...)
Edith Jacobson (1964) hat darauf aufmerksam gemacht, daß sich das normale »Selbstgefühl« aus dem Bewußtsein des Menschen von einem integrierten Selbst herleitet, während das Selbstwertgefühl von den libidinösen Besetzungen eines solchen integrierten Selbst abhängt.(...)
Eine weitere Struktur, die an der Regulation des Selbstwertgefühls beteiligt ist, das heißt als Quelle narzisstischer Zufuhr und libidinöser Besetzung des Selbst in Betracht kommt, ist die Welt innerer Objekte oder Objektrepräsentanzen, die in enger Beziehung zum integrierten Selbst stehen. Ich habe in einer früheren Arbeit auf die Schutzfunktion der Objektrepräsentanzen in Zeiten von Lebenskrisen und Objektverlust hingewiesen und vorgeschlagen, »Regression im Dienste des Ichs« auch als regressive Aktivierung früher innerer Objektbeziehungen zu verstehen... (...) Es sind im wesentlichen zwei Substrukturen des Ueber-Ichs an der Regulation des Selbstwertgefühls beteiligt. (...)
Die kritischen oder strafenden Aspekte des Ueber-Ichs regulieren das Selbstwertgefühl durch die vorwiegend »negative« Funktion der Kritik am Selbst. Die andere an der Regulation des Selbstwertgefühls beteiligte Substruktur des Ueber-Ichs ist das Ich-Ideal; es resultiert aus der Integration von Idealobjekt- und Idealselbstimagines, die von frühester Kindheit an ins Über-Ich introjiziert wurden, und es erhöht das Selbstwertgefühl, wenn das Selbst seinen Forderungen und Erwartungen entspricht. (...)
Was die mit dem Es verbundenen Strukturen anbelangt, so erhöht sich das Selbstwertgefühl, sobald grundlegenden Triebbedürfnissen entsprochen wird und sofern das Selbst in der Lage ist, in befriedigender Weise zwischen inneren Bedürfnissen und Anforderungen zu vermitteln. (...) Da die ursprünglichen Selbstrepräsentanzen stark durch Körpererfahrungen geprägt werden und die frühesten intrapsychischen Triebbefriedigungen eng mit der Wiederherstellung physiologischer Gleichgewichtszustände gekoppelt sind, beeinflussen körperliche Gesundheit und Krankheit in wesentlichem Maße das Gleichgewicht narzißtischer Besetzung.

Zusammenfassend kann man also sagen, daß die libidinöse Besetzung des Selbst erhöht wird durch Liebe oder Befriedigung von Seiten äußerer Objekte, durch Erfolg in der Realität, verstärkte Harmonie zwischen Selbst und Überichstrukturen, Wiederbestätigung der Liebe innerer Objekte und durch direkte Triebbefriedigung und körperliche Gesundheit. (...)
Ein Selbst mit erhöhter lidibinöser Besetzung - sozusagen in Frieden und glücklich mit sich - ist auch in der Lage, äußere Objekte und ihre verinnerlichten Repräsentanzen stärker zu besetzen. Erhöht sich die narzisstische Besetzung, so wächst im allgemeinen zugleich auch die Fähigkeit, zu lieben und zu geben, Dankbarkeit zu empfinden und auszudrücken, Anteilnahme für andere aufzubringen, sexuelle Liebe, Sublimierung und Kreativität zu steigern. Da eine normale libidinöse Besetzung äußerer Objekte und ihrer inneren Repräsentanzen eng verknüpft ist mit der Bewältigung primitiver, voneinander dissoziierter oder abgespaltener Ausdrucksformen von Liebe und Hass gegenüber den Objekten, bestärkt jede Steigerung der libidinösen Selbst-Besetzung auch das Selbst in seiner »Güte« gegenüber den Objekten und festigt die Objektbindungen. Bildlich gesprochen: Das Aufladen der Batterie des Selbst bewirkt sekundär ein Nachladen der Batterie libidinöser Objektbesetzungen.


Narzisstisches Zeitalter (Dirk Revenstorf 2013)
Die Moderne und erst recht die Postmoderne sind als Zeitalter des Narzissmus charakterisiert worden. Die Frankfurter Schule mit Adorno, Marcuse, Horkheimer postulierte schon in den 1960er Jahren eine gesellschaftlich bedingte Zunahme des Narzissmus (vgl. Diamond 2006, zusamengefasst im Demokratie-Kapitel dieser Arbeit).
Durch den Zusammenbruch der familiären Autorität fehle dem Kind die erzieherische Reibungsfläche liebender und zugleich begrenzender Eltern, die zur Ausbildung reifer Ichfunktionen nötig sei. Das entspricht etwa dem, das was später von Kohut (1978) anderen als mangelhaft ausgebildetes Realselbst bezeichnet wurde (s.o.) mit schwacher Subjekt-Objekt Differenzierung, Bindungsunfähigkeit und destruktive Ueber-Ich/Ideal-Ich-Funktion.

Unsere derzeitige Glücks- und Erfolgskultur kommt einem narzisstischen Lebensgefühl entgegen. Seit der Aufklärung haben wir einen Anspruch auf Glück schon in dieser Welt und nicht erst im Jenseits und sind geradezu „Zum Glück verdammt“, wie Bruckner (2001) sagt.
Das bedeutet, dass wir es auf alle Fälle schaffen und zeigen müssen glücklich zu sein, sonst sind wir Versager. Dann ernten wir neben dem Frust des Misserfolgs auch noch die Scham und die Verachtung der Mitmenschen.
Glücklich kann man auf vielen Wegen werden: durch Reichtum, Ruhm, eine erfüllte Mission u.a. Die Liebe, d.h. auch das geliebt werden und der Sex, scheinen der Spitzenreiter zu sein, wo die Anerkennung am direktesten unter die Haut geht und den Selbstwert kräftig aufpeppt, die stärkste Erregung verschafft und die einem einfach zuzufallen scheint.

Zusammengefasst: Von einem narzisstischen Zeitalter kann insofern die Rede sein, als dass starkes Autonomiebedürfnis, Nichteinlassung in tiefe Beziehungen, exhibitionistische Selbstdarstellung, unempathische Gewaltdarstellung zu Unterhaltungszwecken, Idealisierung von Medienfiguren und innere Leere überdeckt durch rücksichtloses Erfolgsstreben, gierige Ansprüchlichkeit, Nutzung von Sex als Konsum, durchaus als Merkmale postmodernen Zeitgeistes gesehen werden können und allesamt Züge einer narzisstischen Persönlichkeit sind.


Götz Eisenberg - Der Narzissmus als sozialpsychologische Signatur des konsumistischen Zeitalters

Nach mir die Sintflut, scheint zum Motto einer Gesellschaft zu werden, die Solidarität, Rücksichtnahme und gegenseitige Hilfe diskreditiert und ganz auf die Karte individueller Nutzenmaximierung setzt. Das Konsumdenken führt dazu, dass die Menschen sich untereinander als Produkte wahrnehmen und auch so behandeln.
In Namen des Primats des Konsums bricht sich ein grenzenloser Individualismus Bahn, der nur noch das Recht des Dschungels kennt. Das Wirken des darwinistischen Prinzips in der entfesselten Konkurrenzgesellschaft kann folgende Geschichte illustrieren: Zwei Jungen begegnen irgendwo in den amerikanischen Wäldern einem aggressiven Grizzlybären. Während der eine in Panik gerät, setzt sich der andere seelenruhig hin und zieht sich seine Turnschuhe an. Da sagt der in Panik Geratene: „Bist du verrückt? Niemals werden wir schneller laufen können als der Grizzlybär.“ Und sein Freund entgegnet ihm: „Du hast Recht. Aber ich muss nur schneller laufen können als du.“

„Spass zu haben“ wird zum kategorischen Imperativ, der „Tanz ums goldene Selbst“ zum Lebensinhalt. Der von den zeitgenössischen Menschen befragte Spiegel antwortet mit Aufforderungen wie diesen: „Nimm dich nicht einfach so hin, mach etwas aus dir, verschönere dich! Du bist selbst verantwortlich für das, was du dort siehst. Benutze Kosmetikprodukte, lass dich operieren, geh ins Fitnessstudio!“ Der Körper wird nicht mehr als etwas akzeptiert, mit dem die Natur uns ausgestattet hat und mit dem wir uns zu arrangieren haben, sondern gilt als eine Art Rohstoff, aus dem etwas zu formen ist, das sich im Einklang mit gesellschaftlichen Schönheitsidealen und Erwartungen befindet. Den entscheidenden Wert, der heute produziert wird, hat Gernot Böhme den „Inszenierungswert“ genannt: Die Ware enthält zusätzlichen Wert durch den Beitrag, den sie zur Inszenierung und Steigerung dessen erbringt, was man – euphemistisch genug - Leben nennt.
aus: Götz Eisenberg: "Unterm Strich zähl‘ ich" - Online in: magazin-auswege.de – 15.2.2012

(...)

„Germany's Next Topmodel“ ist eine perverse, niederträchtige, menschenverachtende Geldmaschine, die kapitalistische Krönung von Sexismus und Neoliberalismus in Form von Frauendressur mit Product Placement, und eine überraschungsarme Aneinanderreihung von Erniedrigungen, bei der junge Menschen dafür ausgezeichnet werden, dass sie geile Gene haben und sich den Regeln der Jury unterwerfen, weil man als Model halt auch einfach mal machen muss, was der Kunde will. Kollektive Falschheiten: "Tertiärer" (?) Narzissmus und/oder Ich-Ideal bzw. Ideal-Selbst?
Nachdem die elementaren Bedürfnisse befriedigt sind, setzt der Kapitalismus auf Bedürfnisse, die durch ihre Befriedigung nicht zur Ruhe kommen, sondern vielmehr gesteigert werden. „Der Trick ist“, sagt Zygmunt Bauman, „eine Sehnsucht zu wecken, die sich fortwährend nach neuen Sehnsüchten sehnt.“ Es sind dies Sehnsüchte und Bedürfnisse nach Ausstattung des Lebens, Sichtbarkeit, Sich-Unterscheiden, Sich-Spüren und Intensität. Dabei werden sich die Menschen in ihrem rastlosen Bemühen, sich zu unterscheiden, immer ähnlicher. Der Distinktionsgewinn, den mir der Kauf eines bestimmten Produkts verschafft, schwindet in dem Mass, wie dieses Produkt zur Massenware wird. Der Selbstwert wird von einem inneren Zustand und einer autonomen Leistung des Subjekts mehr und mehr zu einem Akt der Staffage. Gefühle der Leere, des Versagens und der Langeweile sollen durch immer neue synthetische Kicks und Einkäufe vertrieben werden. Zahlreiche Zeitgenossen erleben den Konsum als narzisstische Zufuhr und Steigerung ihres Wohlbefindens, das Shopping wird für sie zur Lebensform und zum Garant des inneren Gleichgewichts. Das „Sich-etwas-Gönnen“ wird als Entschädigung für ungelebtes Leben und Prämie auf das reibungslose Funktionieren in Alltag und Beruf akzeptiert (vgl. Konsumreduktion, Paech im Kapitel X).

Bei der Wahl der Selbstwertprothesen gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den gesellschaftlichen Schichten und Klassen. Autos, Hunde, Goldketten, Uhren und Waffen sind das Viagra des Stolzes der männlichen Unterschicht. Als Hülle eines fragilen männlichen Selbst dienen getunte Autos und ein antrainierter und mit hohem Aufwand in Form gehaltener Muskelpanzer.
Frauen benutzen zum Aufmöbeln ihres Selbstwertgefühls Friseurtermine, Besuche bei der Kosmetikerin, schönheitschirurgische Eingriffe und exzessives Shopping, wobei Parfüm, Klamotten, Schuhe, Handtaschen privilegierte Objekte des Begehrens sind.

In den höheren Einkommensstufen werden die Autos exklusiver, der demonstrative Konsum und die Wohnungseinrichtung aufwendiger und luxuriöser. Die psychische Funktion ist aber überall die gleiche: Ein schwaches Selbst geht an den Krücken eines identitätsstiftenden Konsums und um ihn kreisender Inszenierungen. Der Konsum bildet in all seinen Facetten den libidinösen Kitt der Gesellschaft und das zentrale Medium der sozialen Integration.
Eine Abstraktion wie „die Gesellschaft“ kann nicht wirklich zum Gegenstand libidinöser Besetzung werden, sehr wohl aber die oben genannten Gegenstände und Apparate. Der späte Kapitalismus hat das Kunststück fertig gebracht, dass die Menschen die Funktionsimperative des Konsumismus als intimste ihrer Leidenschaften erleben. Diese enge Verzahnung von menschlichen Selbstkonzepten und Triebbedürfnissen mit den Erfordernissen und Funktionsweisen des herrschenden Systems ist die Lösung des Rätsels der heutigen Gestalt der „freiwilligen Knechtschaft“ (Étienne de La Boétie) und die Antwort auf die Frage, warum die Masse der Menschen die bestehenden Verhältnisse akzeptiert und tagtäglich mehr oder weniger engagiert an ihrer Reproduktion und Aufrechterhaltung arbeitet.
aus: magazin-auswege.de – 15.2.2012 „Unterm Strich zähl‘

Literatur und Links:
Eisenberg, Götz (2011). Im Glanz des Kamera-Auges, in: Der Freitag vom 19. Mai 2011 und im Magazin "Auswege"


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Beispiele und Belege für das Wirken eines Kollektiven Narzissmus

Narzissmus und Konsum - ein perfektes Paar

Nachdem wir nun die theoretischen und konzeptuellen Grundlagen zur These des kollektiven Narzissmus breit erörtert haben, folgen nun zahlreiche Beispiele und Belege. Wir beginnen die Reise mit den visuellen Reizen des Privatfernsehens...

Martin Altmeyer: „Video(r) ergo sum (Ich werde gesehen, also bin ich)“

„Gilt für die gläubige Teilnehmergemeinde der neuen interaktiven TV-Formate immer noch, was Adorno und Horkheimer (1949) in ihrer ‚Dialektik der Aufklärung‘ der Kulturindustrie einmal vorhielten, dass sie nämlich‚ihre Konsumenten um das (betrügt), was sie ihnen immerwährend verspricht’? Sind sie nicht doch das Subjekt einer medialen Veranstaltung, die sie zwar zum Objekt macht, aber gerade dadurch der Namenlosigkeit entreisst und ihnen zur Existenz verhilft - das „neue“ Subjekt eben, das im Auge der Kamera entsteht? Videor ergo sum!“ Mit dieser offenen Frage habe ich einen Beitrag beendet (Altmeyer 2001), der sich mit Inszenierungen von Identität in der Postmoderne befasst. Die dort angestellten Überlegungen, die von einer Analyse der überaus erfolgreichen Reality-soap Big Brother ausgegangen sind, nehme ich heute wieder auf und führe sie einerseits zeitdiagnostisch, andererseits metapsychologisch weiter. (aus: Altmeyer: „Video(r) ergo sum (Ich werde gesehen, also bin ich)“ Vortrag im Rahmen der 52. Lindauer Psychotherapiewochen 2002 - www.Lptw.de)

Warum aber haben wir das Gefühl, dass der öffentlich demonstrierten Verbindung über das mobile Telephon etwas penetrant Narzisstisches anhaftet? Wie kommt es, dass wir die liebevoll gestaltete "Homepage", die auf den interessierten Betrachter im Internet zielt, gleichwohl mit dem Narzissmus assoziieren? Die Vorführung intimster Details des Privaten in den interaktiven Formaten des entfesselten Fernsehens, hat sie nicht eine narzisstische Funktion? Das sehnliche Warten auf den klingenden Anruf in der überfüllten S-Bahn, das genüssliche Registrieren der Besucher auf dem Computer-Zählwerk der eigenen Web-site, die selbstgefällige Präsentation vor dem Auge der Kamera – all diese lebensweltlichen Kapriolen des zeitgenössischen Alltags weisen darauf hin, dass der betrachtende Andere bei diesen Verrichtungen eine wichtige Rolle spielt."

Solche Formate – das wäre meine Vermutung - erhalten deshalb diesen Zulauf, weil sie einfachen Menschen Gelegenheit geben, sich zu zeigen und aus der Anonymität ihres trostlosen Alltags aufzutauchen: In der Spiegelung durch das Medium erhalten sie so etwas wie Identität. Nach dem gleichen reflexiven Prinzip funktionieren die Talk-shows am Nachmittag, Der namenlose Gast verwandelt sich in eine Person, weil andere ihm bei der Schilderung seiner traurigen Lebensgeschichte, seiner neurotischen Wut auf die unfähigen Eltern, seinem eifersüchtigen Hass auf die gemeine Schwester oder seiner masslosen Enttäuschung über die untreue Freundin zuhören. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, ob es Beifall gibt, Gelächter oder Buh-Rufe – Hauptsache, man steht für eine Weile im Rampenlicht. Im Kern geht es um das Gesehen- und Gehört-werden - und es geht um das Gefühl der Anerkennung, die damit verbunden ist.

Die inzwischen grassierenden Quiz-, Casting- oder Therapie-Shows bedienen das gleiche Massenbedürfnis. Der mediale Narzissmus, früher den Reichen, den Schönen und den Bedeutenden vorbehalten, hat in diesen interaktiven Formaten des Fernsehens seine sozialen Schranken geöffnet und lädt die ehemals Ausgegrenzten ein, am reflexiven Kampf um die Ressource Prominenz teilzuhaben. Die Underdogs haben die Botschaft der Postmoderne verstanden: Wer etwas werden will, muss sich in die Kamera drängen und von ihr beachtet werden. Die Leute bräuchten "den Blick der Kamera als Beweis für ihre Existenz" – so hat der slowenische Zeitgeistdiagnostiker Slavoj Zizek (2000) diesen subjektkonstituierenden Charakter des Fernsehens in einem Zeitungsbeitrag unter der Ueberschrift: "Die Kamera liebt dich!" einmal benannt.

(...)


Soziologische, medienwissenschaftliche und philosophische Positionen zum "Zeitalter des Narzissmus"

Liebe und Mitgefühl in Zeiten des Kapitalismus
Eva Illouz: "Die kritische Analyse der Widersprüche romantischer Liebe im postmodernen Kapitalismus, die Illouz in Büchern wie "Warum Liebe weh tut" und "Konsum der Romantik" geleistet hat, ist bei Soziologen, Feuilletonisten und Theaterautoren wie René Pollesch auf viel Zuspruch gestossen.
Für Liebende sind ihre Thesen eher ernüchternd: Das Gefühl wahrer Liebe ist alles andere als natürlich und "authentisch", nämlich eine durch und durch kommerzielle Veranstaltung, die von ihren Akteuren professionelle Selbstinszenierungen und den Konsum von Waren und Dienstleistungen verlangt. Ein Date etwa kostet die Beteiligten manchmal viel Zeit und Geld (die Frau deutlich mehr als den Mann) für Kleidung, Körperpflege und andere Zurüstungen. Der "emotionale Kapitalismus" nötigt seine Subjekte zur warenförmigen Selbstoptimierung und lädt umgekehrt Konsumobjekte emotional und erotisch auf: So strukturiert die Logik von Tausch und Kauf, Investition und Profit Selbstbild und Stimmung des Individuums bis in seine privatesten Regungen und Räume." (aus: Martin Halter, Badische Zeitung, 10. Feb. 2014)



Neuropsychologische, sozialpsychologische, empirische Befunde zum Narzissmus

Narzissmus - Ich, ich, ich - von Adelheid Müller-Lissner

"Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein. Und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein." Es waren andere Zeiten, als sich dieser Vers in fast jedem Poesiealbum fand. Mädchen, die Supermodel werden wollen, sind damit schlecht beraten. Selbstsicherheit und ein starkes Streben nach Lob und Anerkennung, das sind die Ingredienzien, die heute Karrieren befördern.
Doch nimmt der Narzissmus wirklich zu, nur weil kaum einer mehr „bescheiden, sittsam und rein“ sein will, sondern lieber am Zaun des Kanzleramtes rüttelt? „Der Narzisst begegnet uns immer häufiger, manchmal sogar im eigenen Spiegelbild“, behauptet der österreichische Psychiater Reinhard Haller in seinem Buch „Die Narzissmusfalle“.
Keine ganz neue Warnung, die der Chefarzt einer Klinik für Abhängigkeitskranke ausspricht. Schon im Jahr 1979 rief der amerikanische Historiker Christopher Lasch „Das Zeitalter des Narzissmus“ aus.
Empirisch untermauert hat dies die Psychologin Jean Twenge von der Staatlichen Universität in San Diego. Sie testete zehntausende Studenten, um deren Grad der Selbstverliebtheit zu ermitteln. 1985 hatte jeder Siebte erhöhte Werte, 2006 war es schon jeder Vierte. Besonders die jungen Frauen, bisher im Bereich narzisstische Persönlichkeitsstörungen unterrepräsentiert, holten im Lauf der Jahre auf. „Generation Me“ nannte sie das.

TV-Showmaster sind die grössten Diven
Die Medien machen es den Jugendlichen vor. Die amerikanischen Psychologen Mark Young und Drew Pinsky, in Los Angeles Nachbarn der Schönen und Reichen, untersuchten Prominente mit dem „Narcissism Personality Inventory“. In der im Jahr 2006 veröffentlichten Studie stellten sie fest, dass Prominente wesentlich höhere Werte erreichten als Studenten oder der Durchschnitt der Bevölkerung. Die grössten Diven waren dabei TV-Showmaster. Sie waren deutlich selbstverliebter als Schauspieler und Musiker. Glaubt man Twenge, dann könnten die Jugendlichen bald nachziehen: So berichtet sie von einer Schülerin, die an ihrem 16. Geburtstag über einen roten Teppich schreiten wollte. Deshalb sollte für sie eine Hauptstrasse gesperrt werden.
Der Sozialpsychologe Hans-Werner Bierhoff von der Universität Bochum, zusammen mit Michael Jürgen Herner Autor des Buches „Narzissmus – die Wiederkehr“, nennt das Beispiel einer 17-Jährigen, die selbstbewusst und offen davon spricht, ein „Superstar“ werden zu wollen. Der Narzisst passt sich seiner Ansicht nach „perfekt dem kulturellen Klima des Individualismus an, indem er anderen Menschen durch einen überzeugenden Auftritt auf der Bühne des Lebens imponiert“. Da die Bindungskraft sozialer Normen in den letzten 50 Jahren in den westlichen Kulturen abgenommen habe, könne sich dieser aggressive Narzissmus gut behaupten, so seine These.
Dabei ist die Geschichte von der Selbstverliebtheit junger, schöner Menschen ein Klassiker. Am Anfang steht Narziss, der Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes, im Wasser gespiegeltes Bild verliebte. Er konnte es nicht erreichen und ging daran zugrunde. Später verhalf Sigmund Freud dem selbstzentrierten Knaben zu grösserer Popularität: In seiner Schrift „Zur Einführung des Narzissmus“ sprach Freud 1914 vom normalen „primären“ Narzissmus des Kleinkinds, der später – in Erinnerung an die seligen Zeiten, in denen der Mensch „sein eigenes Ideal war“ – in krankhafter Weise reaktiviert werden könne [als "sekundärer Narzissmus", M.F., s.o.].

Ueber die Ursachen der Störung wird seit langem debattiert:
Aber wo beginnt die Krankheit? Im Diagnosehandbuch der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) taucht die in der Psychoanalyse bedeutsame Vokabel „narzisstisch“ nur am Rande eines Kapitels auf. Unter „sonstigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen“ wird sie neben „exzentrisch“, „haltlos“, „passiv-aggressiv“ und „psychoneurotisch“ genannt. Im Diagnosehandbuch der amerikanischen Psychiater (DSM-5) ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung dagegen ausdrücklich aufgeführt. Erkennbar sei sie an: übertriebenem Selbstwertgefühl, ständigem Verlangen nach Bewunderung, Mangel an Einfühlungsvermögen und arrogantem, überheblichen Verhalten.
Unumstritten ist das nicht. Als das Kompendium überarbeitet wurde, plädierten etliche Psychiater für eine Streichung. Auch über die Ursachen wird seit langem debattiert. „Die Theorien gehen weit auseinander, es ist eine ausgesprochen ideologische Diskussion“, sagt Stefan Röpke, der an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Persönlichkeitsstörungen erforscht.
Die einen gehen davon aus, dass mit den körpereigenen Mechanismen zur Selbstregulation etwas nicht stimmt, wenn Menschen ununterbrochen Anerkennung brauchen und die eigene Person grandios überhöhen. Die anderen sehen diese Menschen vor allem als Opfer grenzenloser elterlicher Bewunderung oder aber erzieherischer Vernachlässigung [vgl. u.a. Alice Miller (1979). "Das Drama des begabten Kindes"]. Röpkes Arbeitsgruppe erforscht unter anderem die Ost-West-Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen.

Die Spuren sind im Gehirn zu sehen
Die Auswirkungen der Ein-Kind-Politik in China interessieren die Wissenschaft inzwischen ebenfalls: Lisa Cameron von der australischen Monash-Universität zum Beispiel untersuchte erwachsene Pekinger, die als „kleine Kaiser“ aufgewachsen waren. Die Einzelkinder waren unter anderem empfindlicher und weniger kooperativ, schrieb sie in „Science“. „Es spricht einiges dafür, dass selbstverliebtes, andere abwertendes Verhalten Heranwachsenden eher in solchen Gesellschaften antrainiert wird, die sich bemühen, aus jedem Einzelnen ein Maximum herauszuholen“, resümiert auch Röpke.
Die Grenzen zwischen gesunder Selbstdarstellung, wünschenswertem Individualismus und unangenehmer Ichzentriertheit sind fliessend. Auch wenn die Mitmenschen angesichts des übermässig zur Schau gestellten Egos und der unverhohlenen Arroganz eines Kollegen stöhnen: In niedrigerer Dosierung ist sie eine Ressource; ein Motor, der grosse gesellschaftliche Leistungen ermöglicht. Eine behandlungsbedürftige seelische Störung wird erst daraus, wenn der Betroffene selbst darunter leidet. „Das ist ein reales Problem, mit dem wir ständig konfrontiert sind“, berichtet Röpke.
Die Spuren sind auch im Gehirn zu sehen: Röpke und seine Kollegen haben 17 Patienten, die nach den amerikanischen Kriterien eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben, in einen Magnetresonanztomographen (MRT) gebeten. Ein Vergleich mit den Gehirnen von 17 gleich alten, gesunden Probanden sollte ihnen zeigen, ob es charakteristische Unterschiede gibt. Tatsächlich war bei Patienten mit pathologischem Narzissmus die graue Substanz der Inselregion – ein Areal der Grosshirnrinde, das bei der Erzeugung und Verarbeitung von Mitgefühl beteiligt ist – deutlich dünner, schrieben sie im Fachblatt „Journal of Psychiatric Research“. Damit haben die Forscher erstmals eine neurobiologische Entsprechung für die umstrittene Diagnose gefunden. Ein Meilenstein.

Die emotionale Verbundenheit mit Hilfsbedürftigen fehlt
Der „Hirnscanner“ ist damit nicht zum Routine-Instrument für die Diagnostik geworden, psychologische Tests bleiben unverzichtbar. Und keiner kann sagen, ob die anatomische Auffälligkeit die Ursache der Persönlichkeitsstörung ist, die Menschen im Extremfall zu Psychopathen machen kann, oder ob sie sich im Laufe des Lebens – durch Erziehung und Lebenserfahrung – entwickelt.
Sicher sind zwei andere Dinge: Der Ort der Ausdünnung passt zum Symptom „Mangel an Empathie“. Dieses Defizit haben Röpke und seine Arbeitsgruppe zwei Jahre zuvor bei 47 narzisstischen Patienten in Tests gefunden. Wenn sie auf Bilder und Filmclips reagieren sollten, zeigten sie im Vergleich mit einer Kontrollgruppe deutlich weniger Mitgefühl; gleichzeitig überschätzten sie ihre eigenen Fähigkeiten. Im Gegensatz zu Patienten mit anderen psychischen Störungen hatten sie allerdings keine Schwierigkeiten, eine eher kognitive, emotional distanziertere Form von Empathie aufzubringen [vgl. auch das Psychopathie-Kapitel, M.F.]. Was fehlte, war die emotionale Verbundenheit mit leidenden, hilfsbedürftigen Mitmenschen, die als Voraussetzung für altruistisches Engagement gilt.
Stattdessen können „die Anderen“ für Menschen mit einer ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsstörung die Hölle sein: „Sie sind extrem leicht kränkbar. Und sie gehen oft davon aus, dass sie andere beneiden“, sagt Röpke. Sozialpsychologe Bierhoff spricht von den „zwei Gesichtern“ des Narzissten, dem grossartigen und dem verunsicherten.

Hinter einem „Burn-out“ kann Narzissmus stecken
Nicht zuletzt im Beruf ist das problematisch. Bei vielen Patienten, die wegen eines berufsbedingten „Burn-outs“ in die Ambulanz oder Tagesklinik kommen, sieht Iris Hauth, Chefärztin der Psychiatrie im St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weissensee, „Defizite im Selbstwertkonzept, die auf eine narzisstische Problematik hindeuten“.
Viele sind gleichzeitig abhängig oder leiden unter Depressionen und sind deshalb in Behandlung.

Diese Menschen passen eigentlich wunderbar in die moderne Berufswelt. Schliesslich sind sie bereit, viel zu leisten, perfekte Arbeit abzuliefern und grosse Verantwortung zu tragen. Kein Wunder, dass sie oft Führungspositionen übernehmen. „Die Parallele zwischen Narzissten und machtorientierten Menschen ist deutlich. Beide beanspruchen für sich Privilegien und halten eine Bevorzugung ihrer Person für das Natürlichste der Welt“, sagt Bierhoff. Aber wo die Anforderungen von aussen wachsen, mit Lob gegeizt wird und womöglich auch noch die Kräfte altersbedingt abnehmen, kann dieses überfordernde Selbstkonzept auch krank machen.

Auch Forscher geraten ins Schwelgen
Dass ihr „Ausgebranntsein“ zumindest teilweise einer Persönlichkeitsstörung entspringt, höre keiner gern, sagt Hauth. „Das geht an den Kern der Person. Doch man kann es erklären, so dass es akzeptiert wird.“ Und man kann daran arbeiten. Eine kognitive Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie kann die Patienten bestärken, Selbstsicherheit nicht von pausenloser Leistung und andauernder Überlegenheit gegenüber anderen abhängig zu machen. Denn anscheinend stimmt, was der Psychoanalytiker Erich Fromm 1956 in seinem Kultbuch „Die Kunst des Liebens“ festgehalten hat: „Der selbstsüchtige Mensch liebt sich nicht zu viel, sondern zu wenig.“
Das klingt paradox, passt aber zum verwirrenden Bild der narzisstischen Symptome, das von der Ueberzeugung der eigenen Grandiosität bis zum brüchigen Selbstwertgefühl reicht. Für Haller ist der Narzissmus „das wahrscheinlich interessanteste, vielseitigste und schillerndste psychische Phänomen“. Ausgerechnet der Narzissmus wird so für manche Fachleute zur „stolzen Rose“ in der Landschaft der menschlichen Seele – bewundert, aber schwer zu greifen. Im Narzissmus sei etwas Grenzenloses angelegt, meint auch Bierhoff. Als Wissenschaftler und Buchautor habe er sich deshalb bewusst selbst Grenzen gesteckt. Sicher eine kluge Maxime, denn für empirische Wissenschaftler bleibt die Bescheidenheit des „Veilchens im Moose“ eine Zier.


MEDIEN - Der Glaube an die Wirklichkeit des Fernsehens

VISUALITÄT - Optische "Oberflächentechnik" befördert Narzissmus

Eine meiner Thesen in diesem Buch lautet ja: Wenn wir "das Wahre" von "dem Falschen" unterscheiden wollen, müssen wir den Narzissmus, die Inszenierung des "Unechten" in erster Linie in den elektronischen visuellen Medien und Darstellungen suchen, also in Film und Fernsehen.

Die beiden Autoren Dr. Stefan Krempl einerseits sowie Prof. Thomas Meyer andererseits beschreiben diese auch von mir postulierte "visuelle Logik der Verführung" wie folgt:

Der Grund für die Attraktivität des Mediums Fernsehen liegt in einem Mythos begründet, in der Fabel von der authentischen Wirkung des Bildes: „Die besondere Wirkung des Fernsehens beruhte schon immer darauf, daß es den Eindruck der Authentizität, der Augenzeugenschaft – synthetisch – hervorrufen kann“ (Schulz 1993, S. 21). Während sprachlich geführte Argumentation oft noch so viele Beweise erbringen kann, um dann doch nur als bloße Behauptung abgetan zu werden, reicht oft ein einziger Blick auf wenige Bilder, um Menschen zu überzeugen. Thomas Meyer spricht in diesem Zusammenhang von der „metaphysischen Gewißheit des Augenscheins“ und dem „ontologischen Vorrang der Bilder“ (1992, S. 47f). Bilder können sich nämlich auf eine ältere Tradition bei der Vermittlung von Wirklichkeit berufen als die Sprache:
In der Menschheitsgeschichte steht die Stufe der Anschauungen und des Imaginierens vor dem Niveau des Begreifens und Erzählens mit Hilfe von Texten (vgl. Flusser 1985, 10); die Macht der Bilder ist deshalb älter und stärker als die Macht des Wortes.
Die Bildwelt des Fernsehens ist besonders einprägsam, zeichnet sie sich doch aus durch eine starke Gefühlsbindung an das Erfahrene und befriedigt zahlreiche Zuschauerbedürfnisse (vgl. McQuail/Blumler/Brown 1976):
Zunächst und vornehmlich natürlich die Unterhaltungslust der Rezipienten. Fernsehspaß definiert sich mehr oder weniger über Entertainment, das alles – wenn schon nicht in Reinform, so doch wenigstens als Infotainment – beherrscht. Unterhaltung ist zur „Superideologie des gesamten Fernsehdiskurses“ aufgestiegen (Postman 1985, 110). Zudem dient Fernsehen auch dem kleinen Zeitverteib, der Ablenkung vom harten Alltag, erlaubt Eskapismus. Die Möglichkeit der „parasozialen Interaktion“ tut ihr übriges: Liebhaber und Verbrecher, Moderatoren und Politiker – das ganze Karussel der Fernsehgestalten bietet sich zur Identifikation für die gesamte Familie in der guten Stube an und „hilft“ bei der Identitätsfindung. Daneben verkommen Gratifikationen wie Bildung und Wissensförderung zur Sekundärgarnitur.
Das Paradox mit der Einprägsamkeit und Glaubwürdigkeit ist, daß gerade das Fernsehen wesentlich mehr Raum zur Manipulation bietet als andere Medien: Bilder können lügen wie gedruckt, besser: wie gefilmt. Denn das Fernsehen unterliegt nicht nur den Kriterien der Medienökonomie und der Selektion wie alle anderen Massenmedien auch, sondern es bietet spezifische Möglichkeiten zur Interpretierung der Wirklichkeit. Zunächst kann man mit Hilfe von szenischen Mitteln, etwa einer besonders schmeichelnden Ausleuchtung oder einem besonders aparten Setting, der Realität ein bißchen auf die Sprünge helfen.
Ein Ereignis kann sogar ganz oder teilweise inszeniert bzw. nachgestellt werden (man denke nur an Sendungen wie „Notruf“ oder in abgeschwächter Form an „Aktenzeichen XY ungelöst“). Dabei kann tatsächliches, inszeniertes oder frei erfundenes Geschehen zu einer virtuellen Sicht auf die Wirklichkeit vermengt werden. Außerdem kann die post-production, der Schnitt nach einer Aufnahme, viel bewegen. So ist es ohne weiteres möglich, Teile und Szenen aus verschiedenen, räumlich und zeitlich getrennten Ereignissen neu zusammenzusetzen" (Krempl 1996 S. 25.
"Trotzdem ist das Fernsehen mit seiner visuellen Logik nach wie vor für viele das glaubwürdigste Medium und bestimmt die Wahrnehmung der Welt. „Die Art, wie das Fernsehen uns die Welt zeigt, wird zur Art, wie wir die Welt sehen - Die Optik triumphiert“ (Meyer 1992, S. 108/110). Auch hier stossen wir also auf die Tatsache, daß die Form wichtiger ist als der Inhalt, der Eindruck wichtiger als die Argumente, daß das wie über das was siegt.
Die angebliche Glaubwürdigkeit der Bilderwelten im Fernsehen und ihre bequeme Lieferung ins Wohnzimmer hat zusammen mit der weitgehenden Erfüllung von Zuschauerbedürfnissen insgesamt eine verstärkte Zuwendung des Publikums zum Fernsehen verursacht. Gleichzeitig werden die Presse und das Buch, auch die rhetorische Kunst des Überzeugens, ja die gesamte Logik des Begreifens mittels des Wortes zurückgedrängt. Damit stehen zwei Technologien, zwei kulturelle Leitmedien im Konflikt miteinander: „Auf der einen Seite die Welt des gedruckten Wortes mit ihrer Betonung von Logik, Folgerichtigkeit, Historie, gegeliederter Darstellung, Objektivität, Distanz und Disziplin.
Auf der anderen Seite die Welt des Fernsehens mit ihrer Betonung der Bildlichkeit und des Anekdotischen sowie von Augenblicklichkeit, Gleichzeitigkeit, Intimität, unmittelbarer Befriedigung und schneller emotionsloser Reaktion“ (Postman 1992, 24).

Quellen: Stefan Krempl (1996). Das Phänomen Berlusconi - Die Verstrickung von Politik, Medien, Wirtschaft und Werbung. Frankfurt: Peter Lang Verlag - online: http://viadrina.euv-frankfurt-o.de/~sk/Berlusconi/Berlusconi.pdf
MEFFERT, Heinz (1989): Marketing, Wiesbaden.
MEYER, Thomas (1992): Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik, Frankfurt am Main.
MEYER, Thomas (1994): Die Transformation des Politischen, Frankfurt am Main.

Pierre Bourdieu: Soziologie als Kampfsport - Anerkennung vs. Narzissmus in der Soziologie

Seite 9: "Für manchen unserer Philosophen (und Schriftsteller) ist Sein: im Fernsehen wahrgenommen werden", erklärt er beispielsweise in seinen berühmten Vorträgen "Ueber das Fernsehen". "Der Bildschirm wurde auf diese Weise eine Art Spiegel des Narziss." (ÜdF: 16f.).

Seite 10: Das Fernsehen, das "ein hervorragendes Instrument direkter Demokratie hätte werden können", verwandle sich "in ein Mittel symbolischer Unterdückung" (ÜdF:13).

Seite 13: Das Problem der Uebermittlung: Was geht verloren, wenn man seine Gedanken für die Medien zusammenkürzt? Könnte es womöglich unterkomplex sein, alle Sozialisten und Sozialdemokraten als verkappte Neoliberale zu verteufeln?

Vom Zwang Dazuzugehören
„Erlebe dein Leben!“: So hat der Soziologe Gerhard Schulze einmal den Kernbefehl der Postmoderne auf den Punkt gebracht, in seinem Buch Erlebnisgesellschaft, das auch schon wieder zwei Jahrzehnte alt ist. Schulzes These, brutal verkürzt: Ausgerechnet die so genannten 68er haben der ganzen Konsummechanik einen gehörigen Auftrieb gegeben. Sie glaubten an den Postmaterialismus – an eine Gesellschaft, in der Geld, Besitz, Status nicht mehr so viel zählen und in der es stattdessen um Zufriedenheit, Freundschaft, Liebe und Selbstverwirklichung geht. Das sozioökonomische Panel, für das regelmässig rund 12.000 Haushalte in Deutschland zu ihren Haltungen und Einstellungen befragt werden, zeigt, dass die Werte sich exakt in diesem Sinne gewandelt haben: Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland hängt die Mehrheit längst einem postmaterialistischen (Wunsch-)Denken an.
Ueber die „Langen Nächte“ – der Museen, der Theater etc. – sagte der Soziologe Horst W. Opaschowski einmal: „(Es) wird versucht, den Daheimgebliebenen ein schlechtes Gewissen einzureden, nach dem Motto: Alle waren da, nur du nicht.“ Unser Tipp: Lassen Sie sich auf gar keinen Fall etwas einreden! Bleiben Sie einfach genauso, wie Sie sind – faul und muffelig, verschnupft, dröge und stark! (Katja Kullmann (2014). "Bleiben Sie muffelig!" - In: Der Freitag 30.4.2014 Rubrik: Die Konsumentin)

Literatur:

Pierre Bourdieu (1998). Ueber das Fernsehen. Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Pierre Bourdieu (1979). Die feinen Unterschiede, deutsch 1982. Suhrkamp, Frankfurt a.M.


Konsumismus und „Marketing-Charakter“ als Pseudoreligion

Ein Beispiel dafür zeigt sich in dem Phänomen, das als Konsumismus beschrieben worden ist. Für Norbert Bolz, der darin ein „Immunsystem [... ] gegen den Virus der fanatischen Religionen“ sieht (2002, 16), trägt der Konsumismus klare Züge einer universalen Weltreligion, da er alltägliche Waren mit einem spirituellen Mehrwert versieht und damit die Unterscheidung zwischen dem Sakralen und dem Profanen in die Warenwelt implementiert (Bolz 2002, 114 ff.). Der Konsum wird zur spirituellen Begegnung und Vereinigung mit der Ware, die dadurch die Rolle des Sakralen annimmt, aber im Unterschied zum echten Sakralen natürlich handhabbar und beherrschbar bleibt. Aus dieser mystischen Vereinigung geht der Kunde scheinbar gestärkt und mit einer höheren Identität hervor. Er wird durch die Ware scheinbar in einen anderen verwandelt. Marken und Warenzeichen verheißen Erlösung durch Verwandlung zu einem neuen Menschen. Wer Markenwaren am Leibe trägt oder Prestigemarken in der Garage hat, ist mit einer neuen Identität, der Markenidentität, ausgestattet. Das Konsumgut, das er besitzt, zeigt ihm, wer er ist. So wird der Fahrer eines Motorrads der Marke Harley Davidson zum Easy Rider, zum Menschen, der von den Qualen und Erniedrigungen des Lebens erlöst ist. Ein anderes Beispiel sind Geländewagen, die von ihren Haltern niemals im Gelände gefahren werden (können).
Sie vermitteln das Lebensgefühl von Freiheit und Ungebundenheit und damit wiederum auf eine andere Weise die Erlösung von den Erniedrigungen des Alltags.
In beiden Fällen wird das dadurch erreicht, dass die Ware nicht nach ihrem realen Gebrauchs- und Verbrauchswert beurteilt und benutzt wird, sondern nach eben jenem spirituellen Mehrwert, den die Gläubigen in ihr sehen.
Der Konsumismus scheint wie die Religion über unsichtbare metaphysische Quellen zu verfügen, aus denen er Heil spenden, Bedeutung generieren, Lebenssinn vermitteln und mit Identität und Zugehörigkeit locken kann. Jutta Heinz meint, sowohl die metaphysische Hinterwelt der Götter und Ideen als auch die kapitalistische Scheinwelt der Waren und Marken zehre grundsätzlich von der gleichen Substanz, nämlich der Sinn- und Glücksbedürftigkeit der Menschen. Beide verführten auf ähnliche Weise, indem sie unsichtbare, nicht-greifbare, spirituelle Werte anböten, die das Heil versprächen (Heinz 2009 S.24). Augenscheinlich wird das etwa an dem Phänomen der Jugendweihe, wie sie insbesondere in Ostdeutschland angeboten und von breiten Schichten der Bevölkerung angenommen wird. Dabei soll es sich um ein sogenanntes Uebergangsritual handeln, mit dem der Uebergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter feierlich angezeigt werden soll. Die Jugendweihe ist stark am Vorbild der protestantischen Konfirmation orientiert. An der Stelle, wo im Rahmen des Konfirmationsprozesses eine zweijährige Vorbereitungszeit steht, die der Einweihung und Einübung in den Glauben der Kirche dient, dem zuzugehören die Konfirmanden schließlich bestätigen sollen, tritt bei der Jugendweihe ein (nicht verpflichtendes) Programm, das wesentlich aus Modeberatung, Discoveranstaltungen, sexueller Aufklärung und Fahrstunden besteht (Döhnert 2003, 63). Höhepunkt der eigentlichen Jugendweihefeier ist die Uebergabe eines „Gedenkbuches“, bei dem es sich um ein Lexikon „Deutschland – so schön ist unser Land“ oder ein Reiselexikon mit Autoatlas handeln kann (Mueller 2003 S.97).

Bei allen äußerlichen Aehnlichkeiten geht das Streben des Konsumisten im Unterschied zu echter Spiritualität und Mystik allerdings nicht dahin, leer zu werden und durchlässig für die Welt des Sakralen, sondern es geht ganz im Gegenteil gleichsam darum, voll zu werden und damit gleichsam sperriger und undurchlässiger, um den Fluten und Orkanen Gottes besser Widerstand leisten zu können. Das Sakrale soll ausgesperrt bleiben. Ihm wird mit Widerstand begegnet. Der Konsum als Strategie des Sich-Einverleibens will das Entsetzen und die Furcht vor dem Sakralen dadurch bewältigen, dass sie ihm etwas entgegenhält, das, weil es einverleibt ist, dem Konsumenten nicht weggenommen werden kann (Fromm 1984 S.37). Diese Strategie beruht aber notwendigerweise auf einer Unterschätzung. Das Sakrale ist zu gewaltig, um sich von einem konsumierenden Individuum aufhalten zu lassen.
Deshalb muss der Konsumist immer größere Barrieren bauen, immer aufwändiger seinen Widerstand organisieren und damit immer mehr einem besinnungslosen Konsum verfallen. Diese Entwicklung findet ihr natürliches Ende nicht in irgendeinem Zustand der Befriedigung und der Ruhe, sondern letztlich nur in einem völligen Zusammenbruch, der eintritt, wenn die ökonomischen Ressourcen verbraucht oder einfach nicht stark genug sind, um das Sakrale wirksam abzuwehren. Konsumismus führt deshalb in ein Stadium der Selbstentfremdung und zutiefst neurotischer oder psychotischer Störungen.
Die letzte Uebersteigerung des Konsumismus besteht darin, nicht mehr nur die eigene Umwelt als der eigenen Macht und dem eigenen Besitz unterworfene tote Objekte zu betrachten, um deren Einverleibung es geht, sondern darin, sich selbst zur Ware zu machen, also zu etwas, das nicht mehr Subjekt, sondern Objekt des Konsums ist. Erich Fromm (1984, 141) hat dies den Marketing-Charakter genannt. Der Marketing-Charakter hat die Vergeblichkeit der zwanghaft hortenden Haltung des Habens erfahren. Er begreift seinen eigenen Wert nur noch als Tauschwert, also mit den Augen eines Konsumenten, dem er sich einzuverleiben bereit ist. Der Marketing-Charakter transzendiert sich in gewisser Weise dadurch, dass er sich nicht mehr um seine eigene Widerständigkeit gegen das Sakrale kümmert, sondern um seine optimale Verkäuflichkeit, durch die er Teil eines anderen wird und sich auf diese Weise vor dem Sakralen zu verstecken hofft. Ein solcher Mensch schützt sein Ich vor der Bedrohung durch das Sakrale, indem er sich selbst aufgibt und zu einem konsumierbaren Teil eines anderen wird. Sein Lebensprinzip ist, wie Fromm (1984, 142) sagt, in dem Satz beschrieben: Ich bin so, wie du mich haben willst. Die Aufgabe der eigenen Identität und das Einswerden mit einer Firma, bzw. mit der abstrakten Idee irgendeiner Firma sieht der mystischen Selbstaufgabe sehr ähnlich, ist aber doch fundamental von ihr unterschieden. Die Unio Mystica erstrebt die Selbsterhaltung durch Vereinigung mit dem Sakralen, der Marketing-Charakter erstrebt die Selbstvernichtung, um sich so der befürchteten Vernichtung durch das Sakrale zu entziehen.

Definitionen:
- Ein Konsumist ist jemand, für den Konsum eine ersatzreligiöse Funktion erfüllt
- ein Konsument hingegen ist jemand, der gelegentlich zur Befriedigung seines Bedarfs als Nachfrager auf dem Markt auftritt.
Quelle: Paul Tiedemann (2012). Religionsfreiheit – Menschenrecht oder Toleranzgebot? Dieser Aspekt des Marketing-Charakters (Erich Fromm) wird im Kapitel "Esoterik" näher und konkreter ausgeführt


BRAVE NEW WORLD

Neue Ueberwachungssysteme machen die „Herrschaft geschmeidiger“ schreibt Götz Eisenberg in seinem neusten Buch (Eisenberg 2015, S.12) und führen dazu, dass „die Menschen das Bewusstsein ihrer Entfremdung“ (S.12) einbüssen. „Brüderlichkeit und Solidarität entstehen nur von Angesicht zu Angesicht, nicht in der Einsamkeit der Tastatur oder dem Touchscreen.“(S.14/15). Die digitale Generation scheint immerzu auf der Suche nach elektronischen Belegen für die eigene Existenz (S.153). Computer werden zu Selbstwertprothesen. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche führt zu immer mehr sozialer Kälte und Entsolidarisierung, zu einer „wahrheitsvergessenen Spaßkultur“ (S.36), die dem Anerkennungswahn unterliegt, in der Annahme aus dem Nichts einen Jemand zu machen.
Letztendlich entsteht eine asoziale Individualität, die einhergeht mit einer Apparate-Moral, die Ich-Leistungen und Gewissensentscheidungen outsourct (S.53). Der US amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle sagte unlängst in einem Stern-Interview anlässlich seines neuen Romans „Hart auf Hart“: „Je mehr Individualismus, desto weniger Gerechtigkeit - für eine derart kapitalistische Gesellschaft wie unsere stimmt das auf jeden Fall.“

Alles wird zur Ware, die Persönlichkeit, die menschlichen Bedürfnisse, das Vergnügen etc. Gelegenheit für „Social Sponsoring“, der „zeitgenössischen Form des Ablasshandels“(S. 26), der nur möglich wird, da der Staat sich immer mehr aus der öffentlichen Daseinsvorsorge zurückzieht. Wer soziale Netzwerke benutzt ist nicht Kunde, sondern Ware. Soziale Verhältnisse werden virtualisiert. „Die Anarchie des Marktes legt die Axt an die Wurzel des Staates.“ (S.280)
Quelle: magazin-auswege.de – 14.2.2015 Rezension zu Götz Eisenberg (2015). Zwischen Amok und Alzheimer: Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus

BIG DATA, Spieltheorie, Algoritmen - Frank SCHIRRMACHER: EGO - Das Spiel des Lebens

In „Ego – Das Spiel des Lebens“ verbindet und vergleicht [der leider viel zu früh verstorbene FAZ-Mitherausgeber, M.F.] Frank Schirrmacher „drei grosse Maschinen, die die Welt bis heute bestimmen: das Militär, den Markt und den Computer“.
Neoklassische Ökonomen hätten die Programme für diese Maschinen geschrieben – und „dort angesetzt, wo Menschen am verführbarsten sind: bei der Chance, Profite zu machen. Profite im grossen Spiel des Kalten Krieges, Profite im Leben.“ (Thomas Kramar in "Die Presse" vom 15.2.2013)

Schirrmacher-Interview im SPIEGEL 7-2013:
Spieltheorie: "Sie müssten sich als Erstes überlegen, was in diesem Interview mein absolutes egoistisches Eigeninteresse ist. Da ich dieses vor Ihnen zu verbergen suche, dürfen Sie nichts von dem, was ich sage oder tue, als das nehmen, was es zu sein scheint. Alles steht unter dem Vorbehalt der Verstellung, angefangen von der Mimik, die Sie in die Irre leiten soll. Das wäre dann der spieltheoretische Ansatz für unser Gespräch."
Dieses Buch [Titel: "EGO, das Spiel des Lebens"] erzählt davon, wie nach dem Ende des Kalten Kriegs ein neuer Kalter Krieg im Herzen unserer Gesellschaft eröffnet wird. Es ist die Geschichte einer Manipulation: Vor sechzig Jahren wurde von Militärs und Ökonomen das theoretische Model eines Menschen entwickelt. Ein egoistisches Wesen, das nur auf das Erreichen seiner Ziele, auf seinen Vorteil und das Austricksen der anderen bedacht war: ein moderner Homo oeconomicus. Nach seiner Karriere im Kalten Krieg wurde er nicht ausgemustert, sondern eroberte den Alltag des 21. Jahrhunderts. Aktienmärkte werden heute durch ihn gesteuert, Menschen ebenso. Er will in die Köpfe der Menschen eindringen, um Waren und Politik zu verkaufen. Das Modell ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Der Mensch ist als Träger seiner Entscheidungen abgelöst, das grosse Spiel des Lebens läuft ohne uns.
Frank Schirrmacher zeichnet in seinem bahnbrechenden und visionären letzten Buch die Spur eines monströsen Doppelgängers nach und macht klar, dass die Konsequenzen seines Spiels das Ende der Demokratie sein könnte, wie wir sie heute kennen.

Quellen und Links:

Vorgefiltertes Web: Die ganze Welt ist meiner Meinung - Konrad Lischka im SPIEGEL

Facebook-Experiment: Die Macht der besten Freunde - Holger Dambeck im Spiegel Online vom 12.9.2012

Manipulierte Newsfeeds: Facebook, das permanente Psycho-Experiment - Ein Kommentar von Holger Dambeck im Spiegel Online vom 30.6.2014

Spieltheorie und Verhaltensökonomie

"Die Spieltheorie ist eine Theorie von Konflikt und Kooperation, und zwar eine mathematische Theorie, die es uns gestattet, mathematische Modelle aufzustellen für Situationen, in denen Konflikt und Kooperation eine Rolle spielen. Durch die Analyse dieser Modelle lernen wir, das Verhalten von Menschen, zum Teil auch von Tieren, und Organisationen besser zu verstehen", sagte Selten nach Erhalt des Preises. Gleichzeitig räumt er aber ein, dass die Theorie nur in sehr geringem Masse konkrete "Rezepte" liefern könne. "Die Hauptsache ist, dass man das, was geschieht, besser versteht", so der Nobelpreisträger.

Homo oeconomicus: "John Kells Ingram (1888) wurde zum Rollenmodell der neoklassischen Wirtschaftstheorie, die vom Menschen nur eines zu wissen glaubt: dass er seinen Nutzen zu maximieren trachtet. Sie beschreibt ihn als Egoisten. Dadurch werde er erst zum Egoisten, meint Schirrmacher: „Sie machen den Menschen überhaupt erst zu dem, als den sie ihn beschreiben.“
MF: Die uralte Huhn-Ei-Frage: was war zuerst: die Theorie oder das Phänomen?

Kramar: "Es gibt in der neueren Verhaltensforschung hübsche Experimente, die zeigen: Die Idee von Geld allein, den Versuchspersonen per Video in den Kopf gesetzt, macht sie egoistischer, weniger kooperativ." -> FEHR, FREY, beschrieben in Precht XY

Thomas Kramar in "Die Presse" vom 15.2.2013:
Kapitalismus und Freie Marktwirtschaft als totalitäres System: "Doch Schirrmacher sieht im Neodarwinismus eine wichtige Hilfswissenschaft für die Durchsetzung der neoliberalen Theorien. Sie halfen ihnen, so Schirrmacher, „das Geschäftsmodell von Egoisten mit den Investment-Strategien von Genen zu begründen“.
Schirrmacher meint sogar, „in der Rückschau“ zu erkennen, dass „Das egoistische Gen“, dieses teuflische Dawkins-Buch, „nichts Geringeres als die biologische Grundlegung roboter- und algorithmusgesteuerter Finanzmärkte und Gesellschaften“ sei. Dabei hat Dawkins, beileibe kein Neoliberaler, schon 1976 geschrieben, wir Menschen könnten uns „als einzige Lebewesen auf der Erde gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen“.

Fast scheint es, als ob das Land, das der Geburtsort des Idealismus war [Deutschland], nun mit einem neuen Realismus ein Gegengewicht bilden könnte zu der ,Oekonomie des Geistes‘.“ Die, so Schirrmacher, ansonsten den „öffentlichen Notstand“, die Kapitalisierung des Sozialen vorantreiben werde.

Definition "Tertiärer Narzissmus" (Strukturmodell als Ergänzung zum dynamischen “Tacho”-Modell):

Stichworte: Big Data, NSA, Ueberwachung, Homo oeconomicus, Nummer Zwei, Falsches Selbst, Google, Oekonomie der Aufmerksamkeit, Werbung, PR, Marketing

FAZ - Ueberwachung - Identitaetsmanagement - das neoliberale SelbstFAZ -
FAZ - Enzensberger bei Beckmann - der Mann mit dem Füller
FAZ - Ueberwachung - Ideologie des Datenkonsums - der Preis der Heuchelei

“Kollektiver, durch die Oekonomisierung aller Lebensbereiche (ab 1990) bedingter hysterisch-exhibionistischer “positiver Narzissmus” (vgl. Tacho-Modell) mit stark (asperger-)autistischen Zügen bei glztg. rücksichtslosem Geltungsdrang bis hin zur Soziopathie und zum Empathieverlust (“homo oeconomicus”).”

Synonyme zum “Nummer Zwei”-Modell nach Schirrmacher (= Falsches Selbst):
- Homo oeconomicus (Wirtschaftswissenschaften, Spieltheorie)
- Falsches Selbst: Winnicott, Miller, Masterson
- Sekundärer Narzissmus: Kernberg
- Imago: Jung
- Pseudo-Selbst/Kunst-Ich (populär)
- Als-ob-Persönlichkeit
- Projektive Identifizierung (Anna Freud, Objektbeziehungstheorien)
- Bewunderung vs. “wahre Liebe”: soziale Medien wie Facebook und Twitter
- Boulevardisierung und Empörung: statt Tiefe werden schnell wechselnde Eye-Catcher “verspammt”
- Leistungsorientierung vs. “So-Sein-Dürfen” (Pädagogik)
- Haben oder Sein (Erich Fromm)
- Seele verkaufen (Goethes Faust)
- Zauberlehrling (Schiller-Gedicht)

- Oekonomie der Aufmerksamkeit (Georg Frank)
- Mentaler Kapitalismus (Georg Frank)
- Alles Ware (Robert Misik)

LITERATUR zu Narzissmus Kollektiv:
- Schirrmacher, Frank: Ego - Das Spiel des Lebens
- Graebner: Schulden, die nächsten 5000 Jahre
- Vogl, Joseph: Das Gespenst des Kapitals
- Müller, Dirk: Crashkurs / Cashkurs / Buch2013
- PAECH, Niko: Befreiung vom Ueberfluss
- Welzer, Harald: Kursbuch 2013
- KURZ, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus
- Misik, Robert: Alles Ware / Das Kultbuch
- Streeck, Wolfgnag: Die gekaufte Zeit
- Bourdieu, : Ueber das Fernsehen
- Precht: Die Kunst kein Egoist zu sein
- Zeyer, René: Banker und Bankrott
- Suter, Martin: Das Bonus-Prinzip - Kolumnen
- Wagenknecht, Sarah: Kapitalismuskritik
- Balint, Michael: Regression / Primäre Liebe
- Pohlen, Manfred: Eine andere Psychodynamik
- FRANK, Georg: Oekonomie der Aufmerksamkeit
- Binswanger, Matthias: ...
- FRANK, Georg: Mentaler Kapitalismus
- Heinzlmaier: Jugendkultur heute
- Kernberg, Otto F.: Narzissmus (2006)
- Petzold, Hilarion: Drei Baende




Zurück zum Kerngeschäft, im wörtlichen Sinne - jetzt gehts um Geld, Reichtum, Macht und Manipulation:

Wie schon im Narzissmus-Kapitel möchte ich am Ende dieses Kapitels auf die Extremformen des Narzissmus zu sprechen kommen - diesmal geht es um die kollektive Ebene, um die Fragen welche bereits bei Diana Diamonds Zusammenfassung weiter oben angeklungen sind. Bevor wir zu den Diktatoren und Potentaten kommen, ein Einschub zur speziellen Problematik in der Psychotherapie mit Menschen welche Kraft ihres Status und ihres Reichtums einige der sonst üblichen psychologischen Mechanismen aushebeln können:

Hans-Jürgen Wirth (2006) - Die psychotherapeutische Behandlung der Reichen und der Mächtigen

In einer Studie über »Die psychoanalytische Behandlung der Reichen und der Mächtigen« hat Johannes Cremerius (1979) eine Antwort auf die Frage gesucht, warum »Patienten in hohen politischen und wirtschaftlichen Machtpositionen sich nur ganz ausnahmsweise einer psychoanalytischen Behandlung unterziehen« (ebd., S. 12f). Er kommt zu dem Ergebnis, dass es den Reichen und Mächtigen aufgrund ihrer privilegierten Lage und ihres gesellschaftlichen Einflusses möglich ist, »ihre Neurosen derart in gesellschaftlich akzeptierten Formen« unterzubringen, dass sie nicht als krankhafte Störungen bemerkt werden, sodass sie nicht an ihnen leiden müssen. Der Mächtige lebt seine neurotischen Bedürfnisse ungehindert in der Realität aus - anstatt Leidensdruck zu entwickeln, agiert er.

Als Paradebeispiel für diese Patientengruppe gilt die von Herrmann Argelander (1972) publizierte Fallstudie »Der Flieger«. Der Patient stammt aus wohlhabenden Kreisen und ist auch beruflich sehr erfolgreich. Er sucht psychotherapeutische Hilfe, weil er unter Kontaktstörungen leidet. In der psychoanalytischen Behandlung, die Argeiander durchführt, zeigt sich die Narzisstische Persönlichkeitsstörung des Patienten, aufgrund derer er versucht, sich von menschlichen Beziehungen unabhängig zu machen. »Anstatt Liebe verschafft er sich Bewunderung und Erfolg bei anderen Menschen«, schreibt Cremerius (1979, S. 26) mit Bezug auf den »Flieger«. Symbolisch für dessen narzisstische Form der Lebensbewältigung ist das Fliegen, das er als passionierter Sportflieger extensiv betreibt.

Ueber den Wolken, fern vom direkten Kontakt mit anderen Menschen und als Alleinherrscher über seine Maschine muss das Gefühl der Freiheit für diesen Patienten wohl grenzenlos sein. Er phantasiert sich unabhängig und allen anderen überlegen. Trotz anfänglicher Fortschritte scheitert die Analyse dieses Mannes schließlich, da - wie Argeiander schreibt - der Patient eine kontraphobische Reaktionsbildung entwickelt, die es ihm erlaubt, mit seinen Mitmenschen direkter und angstärmer umzugehen, allerdings um den Preis, dass diese nun vor ihm Angst haben, weil er sie einschüchtert. Cremerius (1979, S. 29) kommentiert den Ausgang dieser Behandlung mit folgenden Worten:
»Der >Flieger< jedoch hat aufgrund der sozioökonomischen Sonderstellung die Möglichkeit, seine Neurose funktional so unterzubringen, dass sie ihm Gewinn bringt, ja, dass .. eine der wichtigen Voraussetzungen des Gewinns überhaupt wird - und zwar nicht im Sinne des sekundären Krankheitsgewinnes, der ja in der Regel nur noch ein Surrogat ist,.sondern eines echten primären Gewinnes.
Ihm kann die Analyse keine unmittelbaren Vorteile versprechen - für ihn ist sie zunächst einmal mit Verlusten verbunden, und zwar mit realen Verlusten an Geld, Besitz, Macht. Was sie ihm für die Zukunft in Aussicht stellt, nämlich ein Mehr an menschlichen Kontakten, Liebesfähigkeit und Vertrauen, kann deshalb nicht als verlockend erlebt werden.«

Kernberg (1984, S. 97) berichtet von einem ähnlich gelagerten Fall:
»Der 17-jährige Sohn eines mächtigen Politikers bekämpfte zu Hause den konservativen arroganten Stil seines Vaters mit chronischen Wutausbrüchen, identifizierte sich jedoch mit der autoritären Haltung seines Vaters, indem er dessen Einfluss in der Stadt ausnutzte.JSr versuchte Lehrer, Geschäftsleute und andere Erwachsene zu terrorisieren, indem er sich auf die Macht seines Vaters berief, es ihnen heimzuzahlen drohte, falls seine Forderungen nicht erfüllt würden.«
Auch Kernberg betont, dass die Behandlung eines solchen Patienten große behandlungstechnische Schwierigkeiten aufwirft, da die narzisstische Störung mit real existierenden Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen verzahnt sei und von diesen unterstützt werde. Allerdings ist Kernbergs Auffassung von den therapeutischen Chancen nicht so fatalistisch wie die von Cremerius. Das hängt damit zusammen, dass sich unsere Möglichkeiten, in solchen Fällen psychotherapeutisch hilfreich zu sein, dank der Weiterentwicklung der psychoanalytischen Behandlungstechniken der narzisstischen Störungen enorm verbessert haben. Diese Fallgeschichte zeigt, wie die Ausübung von Macht destruktiv und zugleich selbstschädigend werden kann, wenn sie in den Dienst pathologischer narzisstischer Bedürfnisse gestellt wird. Überall im Alltag lassen sich andere Beispiele finden, die strukturell ähnlich gelagert sind. Immer dort, wo ein starkes Machtgefälle auftritt, also zwischen Eltern und Kindern, zwischen Arzt und Patient, zwischen Pfleger und Hilfsbedürftigem, zwischen Wärter und Gefangenem, zwischen Bürokrat und Antragsteller, existiert für denjenigen, der in diesem Moment die Macht innehat, die Versuchung, seine verdrängten und unbewältigten Erfahrungen von Ohnmacht und Hilflosigkeit dadurch zu lindern und abzuwehren, dass er sie dem unterlegenen Partner zufügt. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, uns als Psychotherapeuten bewusst zu machen, dass wir auch die Machtposition in der Therapeut-Patient-Beziehung missbrauchen können, um unser unsicheres narzisstisches Gleichgewicht zu stabilisieren.

Narzissmus, Macht und Destruktivität

Der Historiker Ludwig Quidde (1858-1941) veröffentlichte 1894 eine kleine Schrift (»Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn«), die im kaiserlichen Deutschland zu einer politischen Sensation wurde und in kurzer Zeit 30 Auflagen erlebte (vgl. Quidde 1977). Quidde zeichnete »im Gewände einer seriösen, durch Verweise auf die lateinischen Historiker gestützten Abhandlung über den römischen Kaiser« das Bild der Macht, das die Züge der Physiognomie Wilhelms II. trug, »der im Laufe seiner Regierungszeit gleichermaßen zum Gespött und zur Bedrohung ganz Europas wurde« (ebd., S. 3). Das Porträt, das Quidde von Caligula malte, erlaubt tiefe Einblicke in die Psychologie des Machtrausches: »Größenwahn, gesteigert bis zur Selbstvergötterung, Missachtung jeder gesetzlichen Schranke und aller Rechte fremder Individualitäten, ziel und sinnlose Grausamkeit« (ebd., S. 67) nennt er als die auffälligsten Symptome.
Des Weiteren registriert er die »unangemessene Prunk- und Verschwendungssucht, ein Charakterzug fast aller Fürsten, die das gesunde Urteil über die Grenzen ihrer eigenen Stellung verlieren« (ebd., S. 68), was sich »bei Festen, Mahlzeiten, und Geschenken, in Kleidung und Wohnung, (...) der Einrichtung seiner Paläste und Villen und der mit unsinnigem Luxus ausgestatteten Jachten, (...) in riesenhaften Bauten und Bauprojekten« (ebd., S. 69) zeige. Quidde sieht aber auch die Wechselwirkung zwischen der individuellen Pathologie des Herrschers, seiner »Ruhmessucht«, seiner »Zerstörungssucht« (ebd.), seinem »Heisshunger nach militärischen Triumphen« (ebd., S. 70) einerseits und dem Entgegenkommen der sozialen Situation andererseits, die in der Position der Macht und der Unterwürfigkeit der Untertanen begründet sei. Das Besondere des Cäsarenwahnsinns liege darin, »dass die Herrscherstellung den Keimen solcher Anlagen einen besonders fruchtbaren Boden bereitet und sie zu einer sonst kaum möglichen ungehinderten Entwicklung kommen lässt, die sich zugleich in einem Umfange, der sonst ganz ausgeschlossen ist, in grausige Taten umsetzen kann. (...) Der Eindruck einer scheinbar unbegrenzten Macht lässt den Monarchen alle Schranken der Rechtsordnung vergessen. (...) Die unterwürfige Verehrung aller derer, die sich an den Herrscher herandrängen, bringen ihm vollends die Vorstellung bei, ein über alle Menschen durch die Natur selbst erhobenes Wesen zu sein.« (ebd., S. 67)

Der bis zur Selbstvergötterung gesteigerte Narzissmus, die Vorstellung, gottgleich Herrscher über Leben und Tod zu sein, lieferte die psychische Grundlage für die »Missachtung jeder gesetzlichen Schranke und aller Rechte fremder Individualitäten«. Der Eindruck, eine göttliche Macht über Leben und Tod auszuüben, ließ die Vorstellung entstehen, »ein über alle Menschen d>als »Gotteskomplex« beschrieben hat. Der mörderische Sadismus entspringt nicht einer sexuellen Lust, sondern dem Bedürfnis, absolute Kontrolle über ein anderes lebendes Wesen zu erhalten.
Eng verknüpft mit dem Realitätsverlust der narzisstisch gestörten Führungspersönlichkeit ist ihre Abkehr von den Normen, Werten und Idealen, denen sie selbst und ihre Institution eigentlich verpflichtet sind. Der Verrat der kommunistischen Ideale durch die inzwischen gestürzten Despoten des real existierenden Sozialismus ist ein eindrucksvolles Beispiel für diese Tatsache. Beim Typus des paranoiden Führers steigern sich Skrupellosigkeit, Zynismus und Menschenverachtung in einem Ausmaß, dass sich eine Verfolgungsmentalität und ein Terrorsystem herausbilden. Dem paranoiden politischen Führer geht es im Gegensatz zum narzisstischen politischen Führer nicht darum, geliebt zu werden, »sondern er ist vielmehr sehr misstrauisch gegenüber denjenigen, die ihn zu mögen vorgeben, und er fühlt sich nur dann sicher, wenn er mit Hilfe von Angst die anderen omnipotent kontrollieren und unterwerfen kann« (Kernberg 2002, S. 153).
Werden große gesellschaftliche, politische oder nationale Gruppierungen von einem paranoiden Anführer geleitet, entwickelt sich häufig eine politische Konstellation, in der reale Gefahren zum Beweis dafür werden, dass die paranoiden Feindbilder wirklich gerechtfertigt sind.

Literatur
Altmeyer M (2000). Narzissmus und Objekt. Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Argelander H (1972). Der Flieger. Eine charakteranalytische Fallstudie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Auchter T, Büttner C, Schultz-Venrath U, Wirth H-J (Hrsg) (2003). Terror und Trauma vor und nach dem 11. September 2001. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Aspekte. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Benjamin J (1988). Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Frankfurt/M.: Fischer 1996.
Bruder-Bezzel A, Bruder K-J (2001). Auf einem Auge blind: Die Verleugnung der Macht in der Psychoanalyse. Z Individualpsychol; 26: 24-31.
Burckhardt J (1868). Weltgeschichtliche Betrachtungen. In: Gesamtausgabe, Bd. VII. Basel: Schwabe 1929; 1-208.
Cremerius J (1979). Die psychoanalytische Behandlung der Reichen und Mächtigen. In: Cremerius J, Hoffmann SO, Trimborn W. Psychoanalyse, Über-Ich und soziale Schicht. München: Kindler; 11-54.
Dornes M (1993). Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt/M.: Fischer.
Freud S (1912). Totem und Tabu. GW IX. Frankfurt/M.: Fischer 1999.
Freud S (1914). Zur Einführung des Narzißmus. GW X. Frankfurt/M.: Fischer 1999; 137-70.
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Es folgen Ausschnitte aus:
Micha Hilgers - Verelendung psychotherapeutischer Rahmenbedingungen - Rolle von Armut und Reichtum in der therapeutischen Beziehung.
In: "Der Psychotherapeut" 6-2010, S. 515-524
Hilgers ergänzt den oben und weiter unten dargestellten klassischen Ansatz in der Arbeit mit "Reichen und Mächtigen" um die relationale bzw. intersubjektive Position, wie sie auch von Altmeyer und Thomä (2006) u.v.a. vertreten wird:

Finanzielle Rahmenbedingungen und die relationale Perspektive der Psychotherapie

Wenn man so will, war der britische Psychoanalytiker und Vertreter der sog. Mittelschule der Objektbeziehungstheorie, Donald Winnicott (1947), der Begründer des aktuellen relationalen Ansatzes der Psychoanalyse.
Einfacher formuliert: Es gibt kein Baby an und für sich, noch eine Mutter an sich. Beide setzen sich gegenseitig voraus; sie existieren nur in der Beziehung zueinander. Die interaktionelle oder relationale Sichtweise von Psychotherapie (Altmeyer u. Thomä 2006) betrachtet eine therapeutische Beziehung unter Berücksichtigung oder Miteinbeziehung des Systems, innerhalb dessen der Patient lebt und gemeinsam mit seinem Behandler eine therapeutische Beziehung unterhält.

Für den Psychotherapeuten gilt diese Betrachtungsweise selbstverständlich gleichermassen. Unter Berücksichtigung der vorgestellten Ueberlegungen trifft demnach ein Patient mit maladaptiven Anpassungs- oder Konfliktschemata auf einen Therapeuten mit maladaptivem Finanzgebahren: Einen durch Armut häufig bedrohten Patienten erwarten Profis, die mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit (noch) ärmer sind als ihre Patienten, es aber nicht wissen wollen. Wegen des bei oberflächlicher Betrachtung deutlich höheren Bruttostundensatzes des Therapeuten scheint jedoch ein deutliches Einkommensgefälle zugunsten des Behandlers zu bestehen.

Mehr oder weniger unbewusst einigt sich das Patient-Therapeut-Paar auf eine psychische und finanzielle Ueberlegenheit des Behandlers gegenüber dem Patienten.
Richtig hingegen wäre, wenn sich Patient und Therapeut darauf verständigten, dass beide Kriterien auf sie gleichermassen zuträfen: Sie sind beide arm, und sie haben beide ein psychisches Problem, das zumeist mit Armut korreliert. Im Unterschied zu seinem Patienten täuscht sich der Therapeut jedoch über seine finanzielle Lage und seine damit verbundenen langfristigen Perspektiven hinweg.

Bei durchschnittlich zu erwartenden Voraussetzungen (also keinem durch Ehe oder Erbschaft wohlhabenden Behandler), ergeben sich die folgenden drei möglichen Beziehungskonstellationen:
1. Der Patient ist reicher als sein Therapeut, mindestens Letzterer realisiert diese Situation jedoch nicht (verzerrte Gegenübertragung).
2. Der Patient ist gleich arm oder noch ärmer als der Behandler, man einigt sich aber unbewusst auf einen armen Patienten und einen deutlich besser gestellten Behandler („folie á deux“).
3. Es bestehen unübersehbare Einkommensunterschiede zwischen Patient und Behandler mit entweder
a) einem mehr oder weniger völlig mittellosen Patienten, demgegenüber sich der Behandler in komfortablem Wohlstand erleben darf (idealisierende Uebertragung bei gleichzeitiger narzisstischer Bestätigung in der Gegenübertragung)
oder
b) einem reichen und meist mächtigen Patienten (Cremerius 1984; idealisierende oder neidische, evtl. missgünstige Gegenübertragung, demgegenüber Mitleidsreaktionen, Verachtung, Parentifizierung in der Uebertragung).

Die Offenlegung der finanziellen Verhältnisse würde in den meisten Fällen auf beiden Seiten zu Scham-Schuld-Reaktionen führen:
1. Der Patient schämt sich für seinen bedürftigen Therapeuten, und dieser wiederum schämt sich vor seinem Patienten.
2. Umgekehrt schämt sich der Therapeut identifikatorisch für und anstelle eines Mitglieds des Prekariats. Ausserdem erlebt er u. U. Schuldgefühle als Repräsentant einer Gesellschaft, die Verhältnisse zulässt, die Menschen in absolute Armut stürzen.
3. In beiden Fällen bedrohen Neidgefühle oder Missgunst die therapeutische Beziehung.

Uebertragungsbeziehung und Realität bei deutlich reicheren Patienten
In aller Regel „einigen“ sich Patient und Therapeut auf eine die Initialübertragung fördernde soziale Konvention, die jedoch im Verlauf der Behandlung zu anhaltenden Idealisierungen führen kann: Der Ältere/Stärkere/Mächtigere hilft dem Jüngeren/Schwächeren/Machtlosen (Radebold 1992 spricht von umgekehrter Übertragung).
Diese milde Anfangsidealisierung unterdrückt aufseiten des Patienten vorzeitige Verachtung/Geringschätzung.
Empfindet der Patient zudem Mitleid und schont daher seinen Therapeuten, handelt es sich um eine Parentifizierung. Zumeist werden Therapeuten aufkommende Neidgefühle und den Wunsch, vom Wohlstand des Patienten zu profitieren, leugnen – eine Abwehr von entweder Kastrationswünschen im Fall von Missgunst oder Übergriffen bei Bereicherungsbestrebungen.
Diese Überlegungen sind von erheblicher praktischer Bedeutung: Unbewusst werden Patienten vermeiden, z.B. ihren Ärger über Korrosionsschäden an ihrer neuen Segeljacht zu äussern, bestimmte Lebensbereiche herunterspielen und eher Gleichheit mit den Verhältnissen des Therapeuten betonen. Umgekehrt werden sich diese weniger nach aufwendigen Urlauben, Einrichtungen oder Gegenständen erkundigen – oder falls doch, dann eher mit Entwertungstendenzen: Häufig trifft der Lebensstil reicher Patienten in Supervisionen auf anscheinend fachlich begründete Kritik, etwa, dass innere Leere durch Konsum und Luxus abgewehrt wird. Das mag durchaus so sein, als Supervisor meine ich dabei jedoch gelegentlich eine gewisse Erleichterung der Kollegen zu verspüren, die natürlich ausbliebe, würde man unterstellen, dass der Patient und seine Angehörigen ihren Wohlstand in vollen Zügen geniessen.
Ist aber die finanzielle Ueberlegenheit des Patienten nicht zu leugnen, können sich Therapeuten in diverse Abwehrmanöver flüchten:
a) z.B. in "Saure-Trauben-Reaktionen" nach dem Motto, „reich, aber unglücklich möchte ich nicht sein“ oder
b) in masochistische Selbstüberhöhungen, etwa „Bescheidenheit ist eine Tugend bzw. Zier“.
c) Reichtum kann als soziale Ungerechtigkeit entwertet werden, wodurch latente Feindseligkeit gegenüber dem Patienten entsteht.
d) Die vorgenannten Abwehroperationen verdecken das sozial besonders unerwünschte Gefühl des Neids.
[Definition "Neid": Positiver Neid drückt den Wunsch aus anzustreben, was ein anderer hat oder ist. Negativer Neid, nämlich Missgunst, möchte zerstören, was eine Person hat oder ist, weil es für einen selbst unerreichbar erscheint (umfassend: Haubl 2009)].
e) In den meisten Fällen hat der Behandler mit Schamgefühlen angesichts der sozialen Vergleichssituation zu kämpfen, die er sich häufig nicht eingesteht und durch Entwertung des Patienten oder Idealisierung der eigenen Person, der eigenen Wertmassstäbe oder Lage ins Gegenteil verkehrt.
f) Förderlich hingegen wäre milde Rivalität seitens des Patienten, die allerdings eine realistische soziale Vergleichssituation voraussetzt, sodass sich der Behandler nicht bedroht fühlt und daher Konkurrenz zulassen kann.
g) Schliesslich könnte ein Therapeut auch ein den meisten Behandlungszielen förderliches Modell anbieten, indem er repräsentiert, wie man mit misslichen, suboptimalen oder in Teilen unterlegenen Lebenslagen umgeht und diese mit Gelassenheit, Humor oder Wohlwollen erträgt. Das allerdings setzt eine nur mässige finanzielle oder Machtüberlegenheit des Patienten voraus.

Fallbeispiel: Der Gönner [mein Titel, M.F.]
Während meiner Ausbildung zum Psychoanalytiker [M.H.] suchte mich ein stadtbekannter Baulöwe auf, der einen – mir zunächst nichtbekannten – zweifelhaften Ruf genoss. Von Anfang an stellte sich eine anhaltende umgekehrte Übertragung (Radebold 1992) ein: Der Patient war deutlich älter als ich und verfügte über ein beträchtliches Vermögen, das mir angesichts meiner alle Gelder verschlingenden Ausbildung als geradezu paradiesisch erschien. Unter den Ausbildungskandidaten war das Thema Geld weitgehend Tabu und seine Thematisierung gegenüber den Lehranalytikern ein Sakrileg. Recht bald verzögerten sich die Überweisungen des privat versicherten Patienten. Darauf angesprochen winkte er müde ab und erschien nun regelmässig – je nach Rechnungsbetrag – mit einem 500- oder 1000-Mark-Schein. Ich war jeweils völlig überfordert, grössere Geldbeträge herauszugeben, oder besass nicht ausreichend Wechselgeld (was mir wie ein weiterer Beleg meiner prekären Finanzsituation vorkam).
Mein Patient reagierte „grosszügig“ mit den Worten, „ach, stimmt so“ oder, wenn es um grössere Summen ging, ich könne das ja schon mal behalten.

Mein Supervisor riet mir, auf einer Barzahlung mit abgezähltem Geld zu bestehen – nicht jedoch die mehr oder weniger offene Entwertung anzusprechen. Wenn ich den Patienten zur nahe gelegenen Bank schickte, damit er passendes Geld beschaffte, liess er mich fühlen, wie verächtlich er mein diesbezügliches Verhalten einschätzte. Noch kleinkrämerischer kam ich mir vor (sozusagen in den Augen des Patienten und mit diesem identifiziert), wenn ich auf Heller und Pfennig herauszugeben trachtete oder auf genau auf den Pfennig abgezähltem Geld bestand. Ich erntete mitleidiges Lächeln oder joviale Angebote grosszügigen Sponsorentums.
Formal wies ich diese Bestechungsversuche zurück, inhaltlich gelang mir aber keine Thematisierung der Entwertungen meiner Person, der Etablierung von Machtverhältnissen und der Demonstration von Reichtum gegenüber meiner für mich beschämenden Bedürftigkeit.
Es gelang mir nicht, mir meine beschämenden Kleinheitsgefühle einzugestehen und den Neid auf den reichen Patienten angesichts meiner eigenen prekären Lage zu realisieren. Wegen des Fehlens aggressiver Bestrebungen in der Gegenübertragung (aus Furcht vor Neid, Scham, Feindseligkeit) standen mir Konfrontation, Nachfragen und Klarifikation nicht zur Verfügung, besonders als sich gleichzeitig destruktive Auseinandersetzungen mit der Lebensgefährtin des Patienten ankündigten.
Andeutungen des Patienten auf geschäftliche Schwierigkeiten ignorierte ich. Weil ich die Demütigungen und Korrumpierungsversuche in der therapeutischen Beziehung nicht realisierte und daher auch nicht ansprach, übersah ich parallele Verhaltensweisen in den aussertherapeutischen Beziehungen. Namentlich in der Partnerschaft kam es zu erheblichen, auch gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Viel zu spät wurde mir betrügerisches Geschäftsgebahren klar, weswegen der Patient schliesslich aufflog. Am Ende flüchteten sich Patient und Partnerin ins Ausland, um ihren Gläubigern zu entkommen, und traten Scientology bei.

Die Behandlung scheiterte, weil ich
a) meine mir unakzeptabel erscheinenden Gegenübertragungen leugnete:
Meine Scham über meine mir im Vergleich zu dem Patienten armselig erscheinende Lage verhinderte das Eingeständnis von Neid und Ärger;
b) daher nicht über aggressive Konfrontationsstrategien verfügte;
c) die innertherapeutische entwertendaggressive Beziehungsgestaltung des Patienten nicht angemessen realisierte und v.a. thematisierte;
d) demzufolge parallele destruktive aussertherapeutische Entwicklungen übersah oder in ihrer Schwere nicht erkannte.
Ich bezahlte diese Fehler mit einer scheiternden Behandlung und einem Verlust von 1500 Mark plus Anwaltskosten.

Im Allgemeinen dürfte die psychotherapeutische Behandlung eines Topmanagers oder seiner Angehörigen, die über Jahreseinkommen von über 1 Mio. EUR oder deutlich mehr verfügen, von vornherein auf grosse Schwierigkeiten stossen, wenn der Behandler nicht ebenfalls über Vermögen verfügt.

Erstens sind die Einkommensunterschiede zwischen Behandler und Patient so gravierend, dass beide – Patient und Behandler – vor nahezu unauflösbaren Problemen stehen, die die Aufnahme eines intimen Vertrauensverhältnisses – Grundlage gelingender Psychotherapie – erheblich erschweren oder unmöglich machen: Der Patient fürchtet zu Recht Neid und Missgunst des Therapeuten, ebenso wie Verurteilungen angesichts gesellschaftlicher Umverteilungsprozesse und Ungerechtigkeiten (vgl. zum Neid der Psychotherapeuten den ironischen Aufsatz von Sachsse 2005). Der Behandler ist zudem mit Moralismen beschäftigt, die die Aufnahme einer sachbezogenen Behandlung behindern. Der Verlust der technischen Neutralität droht besonders dann, wenn sehr unterschiedliche Werthaltungen aufeinandertreffen oder negative Gegenübertragungen bestimmend werden. Technische Neutralität ist ausserdem durch soziale Instabilität und gesellschaftliche Umbrüche infrage gestellt (Kernberg 2000, S. 203 f., Kernberg 2004, S. 98 f.), die man in der Bundesrepublik (und zahlreichen anderen europäischen Ländern) angesichts der gewaltigen Umverteilungsprozesse, der Verarmung grosser Bevölkerungsteile und des immensen Reichtums der Wenigen durchaus feststellen kann.

Zweitens vermischen sich persönliche Konflikte, Haltungen, Werte und Stile des Patienten unweigerlich mit jenen gesellschaftlichen Verwerfungen, die die öffentliche Debatte bestimmen: Indirekt steht die persönliche Verantwortung des Patienten für z.B. Entlassungen, Betriebsverlagerungen, Ausbeutung, Fehlentscheidungen oder Spekulationen zur Debatte.
Daran schliesst sich zwangsläufig die Frage an, inwiefern berufliches Verhalten oder persönliche Werthaltungen mit den zur Behandlung führenden Konflikten korrespondieren (oder in der therapeutischen Beziehung zum Ausdruck kommen).
Unweigerlich wird man entweder die soziale Situation des Patienten und seine Verantwortung als Mitglied der Zivilgesellschaft thematisieren müssen oder beides gemeinsam tabuisieren.

Drittens sind Mitglieder der Oberschicht gewohnt, nicht sich selbst, sondern die sie umgebenden Umstände zu verändern oder zu manipulieren (Cremerius 1987). Sie begeben sich daher kaum je in psychotherapeutische, allenfalls in psychiatrische Behandlung.
Analoges gilt für die (erwachsenen) Angehörigen reicher und mächtiger Personen. Auch diese stehen latent am Pranger einer moralistischen öffentlichen Kritik, der sich der Behandler kaum zu entziehen vermag. Technische Neutralität gegenüber diesen Personengruppen ist mithin nicht oder nur mühsam gewährleistet. Man stösst auf ähnliche Schwierigkeiten wie bei grundlegenden religiösen oder politischen Wertedifferenzen (Kernberg 2004, S. 98 f.), die nicht diskutierbar sind – allenfalls kann man untersuchen, welche Ergebnisse sie zeitigen. Verletzungen dieser Werte führen über kurz oder lang zu Ressentiments auf beiden Seiten. Hingegen kämen Veränderungsbestrebungen des Therapeuten hinsichtlich der Werte seines reichen und mächtigen Patienten ohne entsprechenden Therapievertrag einem Uebergriff gleich.



Vertreter der Kritischen Theorie, angefangen von Theodor Adorno, Max Horkheimer und der Frankfurter Schule, die sich im Deutschland vor und nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hatte, bis hin zu Christopher Lasch, der für die Verbreitung der sozialphilosophischen Theorien in Nordamerika sorgte, sprechen von einer immer stärker um sich greifenden Selbstsucht und Entwurzelung in unserer Gesellschaft, was dazu führe, dass äusserer Schein mit anhaltender Kreativität und geistigem Engagement verwechselt werde, wie auch blinde Gefolgschaft gegenüber den Zwängen politischer und bürokratischer Organisationen mit individueller Moral sowie oberflächliche Kontakte mit genuiner Intimität. Es ist dies eine Entwicklung, die von den genannten Autoren (Adorno 1967/1968, Horkheimer/Adorno 1944, Lasch 1982) auf verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen zurückgeführt wird, die ihrerseits auch einen Wandel innerhalb der Familienstruktur und des Sozialisationsprozesses mit einschliessen (vgl. auch den Anfang von Kap. 3):
zunehmende Bürokratisierung, die bis in die Sphäre des Privatlebens reicht und Eigeninitiative und Selbstfürsorge erstickt
Konsumbesessenheit und die Neigung, alles mit zu verändern, inklusive menschlicher Erfahrungen
Ueberflutung durch Medienbilder, die stereotype Darstellungen mit genuiner Individualität und menschlicher Komplexität verwechseln

Der zu beobachtende Anstieg an narzisstischen Verhaltensweisen wurde mit einer ganzen Reihe gesellschaftlicher Phänomene in Verbindung gebracht, die vom Fundamentalismus bis hin zur Gier der Wirtschaftskonzerne reichen. Firmenbosse, so ein Kommentar der »New York Times« vom Juli 2002, für die Imagepflege und Eigenwerbung noch vor dem Wohl der Firma oder der Gemeinschaft kommt, seien »narzisstisch umnebelt« und schrieben ihr falsches Machtempfinden und ihre Unbesiegbarkeit dem »Oekosystem des Narzissmus« zu, das den Firmenalltag durchziehe (Race 2002).
Formulierungen dieser Art sind insofern irreführend, als sie Gesellschaft und Individualpsychologie in einen Topf werfen. Die zentrale These meiner Ausführungen geht von der Reziprozität gesellschaftlicher und psychologischer Aspekte des Narzissmus aus, auch wenn beide klar voneinander unterscheidbar und nicht auf den jeweils anderen reduzierbar sind. Die Gesellschaft entfaltet ihren Einfluss im Individuum, das nach den jeweiligen gesellschaftlichen Vorstellungen und Anforderungen geformt wird, in dem jedoch gleichzeitiggesellschaftliche Prozesse zu intrapsychischen Strukturen umgewandelt werden, die einer eigenen Sprache und Gesetzmässigkeit unterliegen (Adorno 1967; 1968; Horkheimer u. Adorno 1944). Die Instrumente der Gesellschaftstheorie können uns helfen zu verstehen, wie die Gesellschaft Individuum und entsprechende Charaktertypen konstituiert, doch erst das Instrumentarium der Psychoanalyse ermöglicht die Dekodierung dessen, wie sich Gesellschaft auf pathologische oder nichtpathologische Art und Weise in der individuellen Psyche niederschlägt.
Während es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen kulturellen Strömungen und Persönlichkeitsbildung gibt, resultiert die Charakterentwicklung stets aus einer starken Adaptierung kulturell unterfütterter Muster einerseits und Anforderungen der innerpsychischen Welt der Triebe, Affekte und Objektbeziehungen andererseits.
Narzisstische Charaktereigenschaften wie Selbstbezogenheit und Konventionalität mögen kulturell verstärkt sein, doch erst im Rahmen des pathologischen Narzissmus bekommen wir es mit einer Ueberschätzung und/oder sklavischen Anpassung an die jeweilige Kultur bzw. die Führer, die ihre Werte repräsentieren, zu tun.
Im Normalfall mögen infantil-narzisstische Strebungen, Intimität und Bezogenheit nebeneinander existieren und sich im Laufe der Entwicklung zu reiferen Formen transformieren. Im Falle des pathologischen Narzissmus jedoch prädisponiert die Aktivierung und Persistenz des infantilen Narzissmus zur Ueberschätzung einer narzisstischen Kultur, was zur gegenseitigen Verstärkung von Persönlichkeit und Kultur führt.

"Seit ihren Anfängen hat sich die Psychoanalyse mit den Verknüpfungen zwischen Individualpsychologie und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie zwischen normaler Charakterstruktur und ihren pathologischen Ausformungen beschäftigt.
Der Gedanke eines Kontinuums, das von psychischer Gesundheit bis hin zu Abnormalität reicht, zum ersten Mal von Freud (1940) formuliert, rückte mit dem Auftauchen des Narzissmus als klinischem Konzept und gesellschaftlichem Phänomen wieder ins Zentrum psychoanalytischer Theoriebildung. Narzissmus, der das normale Bedürfnis nach Perfektion, Meisterung und Ganzheit ebenso in sich vereint wie pathologische Verzerrungen dieser Wünsche in Form von Grandiosität, rücksichtsloser Ausbeutung anderer und Rückzug auf Omnipotenz bzw. Verleugnung von Abhängigkeit, gilt als grundlegender Aspekt des menschlichen Erlebens, welcher unsere Geschichte und Kultur formt und wiederum von diesen geformt wird (Alford 1988).

Trotz der im Hinblick auf die Frage des Narzissmus gegebenen gegenseitigen Durchdringung von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie ist es doch wichtig festzuhalten, dass es sich dabei um unterschiedliche, wenngleich komplementäre Sichtweisen handelt.
Aus psychoanalytischer Sicht werden Narzissmus und seine Störungsbilder im Sinne der Selbstentwicklung und seiner Beziehung zu Objekten konzeptualisiert.
Demgegenüber bezieht sich Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen auf die Entwicklung in Richtung einer Apotheose des Selbst in jeder Sphäre der gesellschaftlichen und kulturellen Existenz. Im Folgenden soll über eine kritische und integrative Auseinandersetzung mit den entsprechenden psychoanalytischen und gesellschaftstheoretischen Sichtweisen eine Annäherung an den Narzissmus als gesellschaftliches und psychologisches Phänomen versucht werden.
Im ersten Teil werde ich eine Auswahl an Narzissmus-Theorien und der entsprechenden Störungsbilder vorstellen, wie sie innerhalb der Psychoanalyse ausgearbeitet wurden, wobei ich mich auf das Werk von Freud, Klein und Rosenfeld, vor allem aber auf Kohut, Kernberg und Blatt konzentrieren werde, die sich in ihren klinischen Formulierungen um eine gesellschaftstheoretische Dimension bemüht haben. Im zweiten Teil möchte ich auf das Narzissmus-Konzept der Vertreter der Kritischen Theorie - Horkheimer, Adorno, Marcuse und Lasch - eingehen, die in ihren Gesellschaftsanalysen auf psychoanalytische Konzepte zurückgreifen.

(...)

Psychoanalytische Theoriebildung und kulturelle Strömungen


Die Tatsache, dass Narzissmus und Entwicklung des Selbst zu zentralen Schlüsselkonzepten psychoanalytischer Theoriebildung wurden, darf nicht nur als aktueller Trend innerhalb der Psychoanalyse verstanden, sondern muss in einen grösseren kulturellen Zusammenhang gesetzt werden, der wiederum Theoriebildung und Behandlungstechnik der Psychoanalyse beeinflusst. Kohuts Selbstpsychologie (vgl. Kap. 2) stünde so für die Schaffung einer Ideologie des Selbst, und zwar zu einem Zeitpunkt in der Geschichte, an dem wahre Individualität und mit ihr das Subjekt im Schwinden begriffen sind (Adorno 1968). Ein Selbst-loses Zeitalter führt zum ständigen Kreisen um das eigene Selbst.
Erstaunt über das immense »Selbst-Interesse« seiner Patienten, vermutet Bürsten (1973, S. 110) eine »mangelnde Selbst-Verständlichkeit«, was in eine permanente Suche nach »Selbst-Affirmation« münde. Wir müssen uns fragen, inwieweit dieser Trend innerhalb der Psychoanalyse, Störungen des Narzissmus und des Selbst mehr und mehr ins Blickfeld zu rücken, auf theoretischer Ebene nicht seinerseits kulturelle Prozesse und Muster widerspiegelt, die Lasch (1982) als das »Zeitalter des Narzissmus« beschrieben hat (s.o.).



Die psychoanalytische Behandlung der Reichen und Mächtigen - Johannes Cremerius

In: Cremerius J, Hoffmann, SO, Trimborn, W (1979). Psychoanalyse, Ueber-Ich und soziale Schicht. Die psychoanalytische Behandlung der Reichen, der Mächtigen und der sozial Schwachen. Kindler, Geist und Psyche, S. 11-55
Ebenso in: Cremerius J (1990). Vom Handwerk des Psychoanalytikers. Das Werkzeug der psychoanalytischen Technik, Bd 2. frommann-holzboog, Stuttgart

Die psychoanalytische Behandlung der Reichen und der Mächtigen
Solange die psychoanalytische Theorie biographisches Elend als Immergleiches - unabhängig von der sozioökonomischen Situation und der Stellung des Patienten in der Gesellschaft - Biographie zur ungeschichtlichen Menschenkunde verkürzt (Schülein, 1975) - ansah, war sie unfähig, den Einfluss dieser Faktoren auf die psychoanalytische Therapie zu erkennen. Das eingeengte Theorieverständnis grenzte die Therapie - ohne dass sich die Psychoanalyse dessen bewusst wurde - auf eine bestimmte Schicht ein, die identisch mit der Schicht war, aus der die Patienten stammten, an der sie entdeckt wurde, und zugleich mit der, aus welcher die Entdecker stammten. Einzig für den Angehörigen der Unterschicht bemerkte Freud die Bedeutung des sozioökonomischen Faktors - das schwere Leben, das auf ihn wartet und ihn nicht lockt, und das Kranksein, das ihm einen Anspruch mehr auf soziale Hilfe bedeutet (1913c, 1919a [1918]),

[Die Neurose leistet dem Armen gute Dienste im Kampf um die Selbstbehauptung, sagt Freud. „Das Erbarmen, das die Menschen seiner materiellen Not versagt haben, beansprucht er jetzt unter dem Titel seiner Neurose und kann sich von der Forderung, seine Armut durch Arbeit zu bekämpfen, selbst freisprechen“ (1913 c, 466).] - und folgerte daraus die Notwendigkeit veränderter Therapieformen (Massenanwendung der Psychoanalyse. Legierung des „reinen Goldes der Psychoanalyse“ mit dem „Kupfer der direkten Suggestion“ [1919a, 193]).
Bei den Patienten, die der Oberschicht angehörten, den Reichen und den Mächtigen, die auch damals schon selten und dann nur kurzfristig in den Sprechzimmern der Psychoanalytiker auftauchten, hat Freud die Schwierigkeiten, die sich bei dem Versuch, eine psychoanalytische Behandlung durchzuführen, einstellten, nicht im Zusammenhang mit ihrer gesellschaftlichen Position gesehen. Er sah sie durch negative moralische Qualitäten verursacht: So schreibt er an Weiss über einen jungen Mann aus reicher Familie: „— ein offenbarer Lump, der Ihre Mühe nicht wert ist“ (1973, 48) und an Lou Andreas-Salome über eine reiche Dame: diese Patientin ist „eine ganz ähnlich konstruierte Bestie wie unsere M — im Charakter recht verdorben - ich weiss nicht, ob diese Person es wert ist“ (1966a [1912-36], 161-163).

Die öffentliche Meinung wie die medizinische Wissenschaft haben dieselbe Mühe wie die Psychoanalyse, die soziopathologischen Faktoren bei den psychischen Krankheiten zu erkennen. So klassifizieren sie Menschen, die ihre psychischen Probleme in der Weise lösen, dass sie die Umwelt verändern anstatt sich selber - agieren statt reflektierender Umorganisation - als Psychopathen. Diese Diagnose heften sie aber nur denen an, die sozial scheitern und - häufig über sozio-juristische Institutionen - in den psychiatrischen Kliniken erscheinen. Denen, die dasselbe tun, aber damit sozial Erfolg haben, schaut man nicht auf die Finger - im Gegenteil, man bewundert sie, macht sie sogar zu seinen Führern und Helden (Napoleon, Hitler, Stalin).
Gescheitert stellt man sie vor die Tribunale. Sie werden als Verbrecher behandelt, als Brecher von Gesetzen - nicht als medizinische Abnormitäten, nicht als Kranke wie die ersteren. (Es ist die Verletzung derselben Gesetze, die sie jetzt vernichtet, die Verletzung, für die sie einmal bewundert und idealisiert worden waren.)

Bert Brecht klagt die Psychoanalytiker an, sich in den Dienst der Reichen nehmen zu lassen, anstatt ihnen, die wegen Schuldgefühlen in die psychoanalytischen Praxen kommen, zu sagen, dass ihre Schuldgefühle die normale Konsequenz aus ihrer verbrecherischen Unterdrückung und Ausbeutung anderer sei. Sie führten sie statt dessen auf Nebenwege, vor allem auf den, über sexuelle Probleme zu sprechen, um am Ende dann festzustellen, dass es gar keine seien. Sie würden sie trösten und erleichtern und damit teilhaben am kapitalistischen System (1967a). Hier irrt Brecht! Irrt hier ebenso wie mit der anderen Aussage über Neurosentherapie, dass nämlich die Neurosen der Armen verschwinden würden, wenn sie Arbeit bekämen (1967b).

Die Wahrheit ist, dass Patienten in hohen politischen und wirtschaftlichen Machtpositionen sich nur ganz ausnahmsweise einer psychoanalytischen Behandlung unterziehen. Sie erscheinen zwar in den Praxen der Psychoanalytiker - dies sogar zahlreich, weil sie es gewohnt sind, sich überall das zu kaufen, was als das Neueste, Modernste und Beste propagiert wird -, aber sie suchen etwas ganz anderes als die eigentliche Psychoanalyse. Was sie suchen, werde ich an gegebener Stelle ausführen.
Wenn Srole (1962) feststellt, dass Angehörige der höchsten Sozialschicht in den USA weit weniger psychische Beeinträchtigungen angeben als Angehörige der untersten sozialen Schicht - in der höchsten Schicht geben 12 % eine schwere, 20 % eine mittlere, 37 % eine geringe Symptombildung im Bereich des Psychischen an, und 30 % sagen aus, keine psychischen Symptome zu haben (die entsprechenden Zahlen in der Vergleichsgruppe von Patienten in der untersten sozialen Schicht sind: 47, 23, 25, 5 %) -, so ist das aufgrund meiner Erfahrungen nicht so zu verstehen, dass sie psychisch „gesünder“ sind als die anderen, sondern so, dass sie ihre Neurosen derart in gesellschaftlich akzeptierten Formen unterbringen können, dass sie sie nicht als krankhafte Störung bemerken, nicht an ihr leiden. Wie ich zeigen werde, geschieht das in verschiedener Weise.

1.) Eine Gruppe dieser Patienten nützt die gesetzlich erfassten Freiräume so geschickt aus, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Sie befinden sich ausserhalb des Zwanges, Triebbedürfnisse ich- und umweltgerecht organisieren zu müssen, weil sie die Verhältnisse verändern, anstatt sich selber. Sie agieren und werden dadurch selten in einer Weise krank, die sie behandlungsbedürftig macht (s. das Fallbeispiel auf S. 224 ff. [und das von mir (M.F.) so genannte "Michael-Jackson-Phänomen"]).

2.) Die Patienten einer zweiten Gruppe können ihre private Psychopathologie soziofunktional in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen so gut unterbringen, dass sie psychisch nicht erkranken müssen (s.S. 234 ff.).
Die soziofunktionale Unterbringung der Neurose ist grundsätzlich in jeder sozialen Schicht möglich. In der Oberschicht ist das Quantum an erwerbbaren Freiheitsgraden jedoch unverhältnismässig grösser als in anderen Schichten. Und dies vor allem, weil die soziofunktionale Unterbringung der Neurose mit der Staatsideologie zusammenfällt. Die soziale Funktion der Oberschicht ist aufgrund ihrer staatstragenden Bedeutung (Besitz der Grossbanken, der Grossindustrie, bestimmter Monopole) der üblichen gesetzlichen wie der moralischen Kontrolle, auch der durch die öffentliche Meinung, weitgehend entzogen. Im Falle der öffentlichen Kontrolle würde - wie dies bei Skandalen gelegentlich vorkommt - die Abhängigkeit des Staates von dieser Schicht offenkundig werden.

3.) Den Patienten einer dritten Gruppe gelingt eine weitgehende Rollenidentifikation, die sie vor neurotischen Konflikten schützt (s.S. 239 ff.).
Sowohl in meiner eigenen Praxis wie in der von Kollegen, die ihre Fälle mit mir besprochen oder die mir auf Befragen Auskunft gegeben haben, sind zureichende Analysen mit Patienten dieser drei Gruppen eine Seltenheit. Das gilt auch für Städte, in denen es alten wie neuen Reichtum in grosser Zahl gibt, wie z. B. für Zürich (Parin 1977, 508), es gilt sogar für die sog. amerikanische Goldküste. So schreibt Wahl, der seine psychoanalytische Praxis in Los Angeles auf dem berühmten Sunset Boulevard hat, dass die Reichen und Mächtigen selten zur psychoanalytischen Behandlung erscheinen (1974, 72).

Ein seltenes Fallbeispiel: Der Flieger von Argelander

Informationen über die problematische Beziehung zwischen diesem Personenkreis und der Psychoanalyse gelangten nur selten in die Öffentlichkeit.
Der „Flieger“ von Argelander (1972) ist eine der wenigen Ausnahmen.
Das hängt damit zusammen, dass es hier bei einer Falldarstellung sehr viel schwerer ist, das Inkognito des Patienten zu wahren als bei Angehörigen einer weniger prominenten Klasse. Ja, oft dürfte es unmöglich sein, bei den erforderlichen Weglassungen und Entstellungen (Herkunftsfamilie, Art des Berufes, besonders typische Wesenszüge, Charaktermerkmale, Lebensumstände etc.) noch einen überzeugenden, die Dynamik verständlich machenden Fallbericht zu erstellen.
Freud konnte die Krankengeschichte der Anna O. 1895 noch publizieren - 30 Jahre später, als sie eine weltweit bekannte Pionierin der jüdischen Frauenbewegung geworden war, wäre dies kaum mehr möglich gewesen, ohne ihre Identität (Berta Pappenheim) aufzudecken (Jensen, 1961).
Bei Durchsicht meiner Praxisaufzeichnungen über diesen Personenkreis (eigene Beobachtungen wie solche aus Fallbesprechungen mit Kollegen) fielen mir drei Gruppen auf:
1.) die eine besteht aus Patienten, die, anstatt neurotisch zu erkranken, agieren. Sie wollen keine psychoanalytische Behandlung im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie suchen Trost und Hilfe, nachdem sie sich die Finger verbrannt haben. Sie stellen sich vor, dass der Analytiker genau wie sie ausserhalb der Regeln und des Möglichen stehe und alles vermöge, was er nur wollen
2.) die zweite Gruppe besteht aus Patienten, welchen es gelang, ihre Psychopathologie soziofunktional in der Gesellschaft unterzubringen, d.h. aus Patienten, für die die Psychopathologie die Voraussetzung des Erfolges ist;
3.) die dritte Gruppe setzt sich aus Patienten zusammen, denen eine weitgehende Rollenidentifikation, gelungen ist.

Das Ziel soll sein, anhand der klinischen Erfahrung zu untersuchen, warum zwischen diesen Patienten und dem Analytiker keine Uebereinkunft hinsichtlich des Therapiezieles erreicht werden kann - bei gleichzeitiger problemloser Uebereinstimmung beider darüber, dass eine neurotische Störung vorliegt, die nur psychotherapeutisch angehbar ist.
Schliesslich will ich die Frage auch von der Gegenübertragung her untersuchen, d.h. von den Schwierigkeiten her, die sich dem Analytiker bei der Herstellung jenes Stückes Uebertragung in den Weg stellen, ohne das keine Therapie Aussichten auf Erfolg haben kann.

1.) Die erste Gruppe nenne ich die der Trost-Suchenden. Das sind die Patienten, von denen Brecht sagt, dass sie gar keine ernsthafte Absicht haben, ihre Lage zu erkennen und sich zu ändern. Sie kommen, um von unangenehmen Störungen und Symptomen befreit zu werden, möchten sich aber nicht selber in Frage stellen. Der Analytiker soll eine Therapie nach dem Motto machen: "Wasch mich, aber mach’ mich nicht nass".

Oft geht es auch darum, die Wunden zu pflegen, die durch die Lebensweise und im Gefolge derselben entstanden sind.
Hier überwiegen die Aufgestiegenen, jene Menschen, die z.B. nach 1945 mit nichts begannen und durch Ausnützung aller Möglichkeiten zu Macht und Reichtum gelangten. (Aber es gibt auch Erben alter Macht und alten Reichtums in dieser Gruppe.) Ich wähle nachfolgenden Fall als typischen Repräsentanten der Gruppe aus:
Der grosse, kräftige Patient, Mitfünfziger, betritt mein Sprechzimmer in gedrückter Haltung. Nachdem er Platz genommen hat, stösst er hervor, er könne nicht mehr, wisse nicht mehr weiter, es habe alles keinen Sinn. Ohne dass ich etwas tun muss, berichtet er, dass er gestern seine Frau besucht hätte, die seit Jahren von einer privaten Nervenklinik zu anderen zöge und nicht wieder gesund würde. Die Ärzte sprachen von einer Depression. Sie habe ihm Vorwürfe wegen der zerstörten Ehe gemacht und ihm alle Schuld daran zugeschoben - auch habe sie ihn angeklagt, für ihre Krankheit verantwortlich zu sein. Am Abend nach diesem Besuch sei es dann zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Sohn gekommen, dem einzigen Kind aus dieser Ehe, einem Studenten, der seit Jahren erfolglos studiere, dreimal das Fach gewechselt habe, zuviel trinke und linken Gruppen angehöre.
Er habe ihm schon oft ins Gewissen geredet, aber erfolglos. Er habe nur noch wenig Hoffnung, dass er das Zeug zu seinem Nachfolger habe.
Gestern abend nun habe ihm der Sohn erklärt, dass er das Haus verlasse, auf sein Erbe verzichte und ihn nie wieder sehen wolle. Er (der Vater) sei an seinen Schwierigkeiten schuld, an der Krankheit der Mutter, der Zerstörung der Familie. Sein Egoismus habe alle ins Elend gebracht. Er habe ihm ferner vorgeworfen, er versuche, alles zu kaufen, alle Probleme mit Geld zu lösen, und erklärt, dass er keinen Pfennig mehr von ihm annehme. Dann sei er gegangen. Der Patient weint heftig und lange.
Dann stellt er fest, dass alles damit vernichtet sei, was er aufgebaut habe, dass damit sein Lebenswerk sinnlos geworden sei, denn ohne Erben ginge die Fabrik in fremde Hände über. Er wendet sich mir hilflos zu: „Helfen Sie mir!“ ---- Am nächsten Morgen - er hat die Nacht mit Medikamenten geschlafen und ist gefasster - hält die Beichtstimmung noch an. Er berichtet, dass er nach dem Krieg den Betrieb aus dem Nichts aufgebaut habe und dass ihm seine Frau dabei geholfen habe. Mit Energie und Glück habe es geklappt. Dabei wird aus Andeutungen hörbar, dass er einer jener verwegenen Typen ist, die in jener Zeit alle Maschen im Netz der Gesetzgebung benutzt und ausgenutzt haben, um ihr Ziel zu erreichen.
Seine unreflektierte Maxime ist: Es gibt nichts, was nicht geht, nichts, was ich nicht erreichen kann. Als er „oben“ war, übertrug er diese Philosophie auch auf sein Privatleben. Er befriedigte nun seine Machtansprüche auch in der Familie, nahm sich das Privileg heraus, seine sexuellen Bedürfnisse ausserhalb der Ehe zu befriedigen etc. - Was er jetzt nicht versteht, ist die Tatsache, dass seine Maxime in der Familie versagt, dass die Ausnutzung aller Chancen und Vorteile auf Schwierigkeiten stösst, dass er, der das unmöglich Scheinende möglich gemacht hat, jetzt an „Bagatellen“ scheitern soll, - dass sein Sohn und seine Frau nicht manipulierbar sind.
Zum nächsten verabredeten Gespräch kommt er nicht. Das Sekretariat teilt mir telefonisch mit, dass er im Ausland auf einer Geschäftsreise sei. Dann meldet er sich wieder, braungebrannt, jugendlich straff und voller Vitalität. Er habe auf der Messe in M. eine 17jährige Hostess kennengelernt, berichtet er, und sich bis über beide Ohren verliebt. Jetzt sei er gerade dabei, ihr eine Wohnung einzurichten. Dabei erfahre ich, dass er sie nicht mit in die Stadt nehmen will, in der er wohnt, weil er dort schon eine Freundin hat, der er ebenfalls eine Wohnung eingerichtet hat. Seine Sorgen und seine Niedergeschlagenheit sind verflogen. Er sucht mich auf, um mit mir über die Möglichkeiten einer Psychotherapie für seine Frau zu sprechen.
Gleichartige depressive Phasen und nachfolgende glänzende Restitutionen, so ist aus dem Gespräch weiter zu entnehmen, hat es schon viele gegeben. Die Auslöser für beide sind dem Beschriebenen im Schema ähnlich. So findet seine Art, Menschen zu behandeln, auch in seinen Betrieben keinen Widerpart: Er zieht Menschen heran, wenn er sie braucht, lässt sie fallen wenn er sie nicht mehr braucht, er fördert sie, wenn es ihm nützt, wirft sie hinaus, wenn sie ihn enttäuschen.

Einen Monat später meldet er sich wieder an. Seine Stimmung ist deutlich von Angst geprägt - nicht von Angst vor dem, was faktisch geschieht, sondern vor dem, was er erlebt. Faktisch geschieht folgendes:
Gegen ihn ist ein Gerichtsprozess im Gange. Er soll dazu verurteilt werden, eine Anlage zu bauen, welche die giftigen Abfallprodukte seines Betriebes, die bisher einfach in einen Fluss abgeleitet wurden, vorher unschädlich macht. Diese Auflage kostet einige Millionen. Das, so berichtet er, koste ihn ein Lächeln. Seine Anwälte zögen das Verfahren in die Länge, so dass er, wenn der Prozess verlorengehe, was sicherlich der Fall sein werde, bis dahin die Kosten für die Entgiftung eingespart habe.
Mit diesem Betrag liesse sich dann die Anlage, ohne Betriebskapital angreifen zu müssen, finanzieren. Das Problem läge ganz woanders:
Seine Frau und der Sohn hätten sich zusammengetan, um, so glaube er, gegen ihn zu operieren. Sie hätten in derselben Stadt, in der die Familie seit mehr als 20 Jahren lebt, eine gemeinsame Wohnung bezogen. Damit seien die internen Familienkonflikte offenkundig geworden. Er habe gehört, dass beide schlecht über ihn sprächen und alte Freunde gegen ihn beeinflussten. - Was ihm Angst macht, ist, so zeigt es sich, die Tatsache, dass er die Dinge nicht beeinflussen kann, dass diese beiden Personen sich seiner Macht entziehen. Es ist schliesslich ein Gefühl von Ohnmacht, das ihn bewegt.
Beim nächsten Besuch, drei Monate später, geht es darum, dass ich ein Gutachten für ihn bei Gericht erstatten soll: Seine Fiostess, der er erst kürzlich die Wohnung eingerichtet, habe ihn mit einem Tripper infiziert, was ihn so in Wut versetzt habe, dass er sie grün und blau geschlagen und ’rausgeschmissen habe. Sie prozessiere nun gegen ihn und verlange abenteuerliche Summen an Schmerzensgeld etc. Sein Anwalt meine, dass ein Gutachten von mir als seinem behandelnden Psychotherapeuten sehr hilfreich sein könne. Meine Ablehnung seines Wunsches versucht er zunächst durch das Angebot eines grossen Geldbetrages - ohne Quittung, versteht sich, fügt er hinzu, ins Gegenteil zu verkehren.
Als ihm dies nicht gelingt, verlässt er wütend mein Sprechzimmer. Einige Zeit später erhalte ich von ihm eine Mitteilung, dass der Prozess zu seinen Gunsten ausgegangen sei. Der Brief schliesst mit dem Satz: „Ich hatte recht, alles ist käuflich, auch ein medizinischer Gutachter.“

Ich sehe davon ab, den Fall diagnostisch zu klassifizieren, weil die psychoanalytische Nosologie, die für eine gewisse gesellschaftliche Schicht konzipiert worden ist, auf diesen Patienten nur sehr schwer angewandt werden kann. Er gehört einer Gruppe an, die ausserhalb der geschichtlich gewordenen Gruppierungen steht. Während diese, etwa die bürgerliche Mittelschicht, durch internalisierte moralische und sittliche Standards wie durch tradierte, für das Kollektiv verbindliche Spielregeln gekennzeichnet sind, gibt er als einer, der einer Zwischengruppe angehört, sich selber die Gesetze und Regeln. Deshalb unterliegt er auch nicht den Folgezuständen dieser Gruppenmoral im Falle des Konfliktes, nämlich der neurotischen Erkrankung. Anstatt dessen handelt er innere Spannungen in seiner Umwelt aus, macht sie leiden, manipuliert die bestehende Ordnung, formt die bestehenden Regeln und Gesetze nach seinem Belieben um. So sind nur beschreibende Aussagen möglich.
Etwa die, dass er keine konstanten Objektbeziehungen hat, dass seine Objektbeziehungen rein benutzend, ausnutzender Natur sind und jeder Gegenseitigkeit und Wechselbeziehung entbehren, dass er keine strukturierte innere Grundordnung besitzt, dass er aufgrund dessen auch äussere Gesetze nicht anerkennt, sondern sie in den Dienst der Triebbefriedigung stellt. Für diesen Fall trifft also zu, was Freud an Pfister schreibt, dass es nämlich im Gegensatz zur gewöhnlichen Anordnung vorkommt, dass nicht das triebhafte „Böse“, Unzweckmässige verdrängt ist, sondern vielmehr das Gewissen, die bessere Einsicht, das „Edlere“ (1963a, 136)3.

Theoretische Ueberlegungen: Man könnte sagen, dass es sich hier um eine psychische Entwicklung handelt, die durch Störungen der Objektbeziehung gekennzeichnet ist. An einem gewissen Punkt führen sie zu kritischen Zuspitzungen mit kurzdauernden Zusammenbrüchen des Ichs. Eine neue Objektbeziehung repariert den Schaden sofort wieder.
ad 3: Ogden Nash (1976) kleidet diesen Gedanken in den skurrilen Vierzeiler, überschrieben: "Rejections on the Faillibility of Nemesis: He who is ridden by a conscience, Worries about a lot of nonscience; He without benefit of scrupels; His fun and income soon quadrupels" - "Dem Erinnern lässt sich nicht entrinnen: Ein Mensch, der hört auf sein Gewissen, fühlt sich umstellt von Hindernissen; doch dem, der frei von solchen Skrupeln, wird Spass und Geld sich bald verdoppeln".

Der Reiche und seine Kompensationsmöglichkeiten

Formelhaft ausgedrückt handelt es sich um einen Menschen, der - anstatt zu „erkranken oder zu sublimieren“, so Freuds Alternative für den bürgerlichen Mittelklassepatienten seiner Praxis - „seine Konflikte auslebt, ausagiert, der zu den wenigen Reichen und Mächtigen [gehört], welche jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können“ (Freud 1905c, 121). Dieser Patiententyp ist uns wohlvertraut. Er ist grundsätzlich an keine sozioökonomische Bedingung geknüpft. Warum wird er dann hier in einer Untersuchung, die nach schichtspezifischen Momenten fragt, aufgeführt? Gehen wir von der psychoanalytischen Annahme aus, dass das, was wir von dem Patienten mitgeteilt haben, seine private, lebensgeschichtlich bedingte Neurose sei, so müssen wir doch feststellen, dass eine Reihe überindividueller Faktoren vorliegen, die verantwortlich dafür sind, dass sie sich für das Erleben dieses Menschen nicht als Krankheit bemerkbar machte, dass er sich nie als „Patient“ fühlen musste. Seine Arbeitsfähigkeit, seine sexuelle Potenz und seine Genussfähigkeit - eine (sehr fragwürdige) Gruppe von psychoanalytischen Gesundheitsrisiken - sind ungestört. Demzufolge ist er auch nicht gezwungen, die private Neurose therapeutisch anzugehen.

Diese Faktoren sind:
- der Leidensdruck ist gering. Der Patient lebt in einer Welt, die ihm die Befriedigung seiner Triebwünsche ungestört gestattet. Er lebt in einem Freiraum der Gesellschaft4, in den die üblichen Regulative und Kontrollinstanzen nicht hinreichen;
- aufkommende Störungen der psychischen Homöostase fängt das Kollektiv, dem er angehört, auf. Es besteht Corpsgeist;
- die Befriedigung nicht erlaubter oder verbotener Impulse erzeugt keine Angst, weil keine realen äusseren Strafinstanzen existieren - wenigstend so lange nicht, wie er sich auf dem Grad jener Illegalität bewegt, den die Gesetzgebung nicht erfasst (wbite-collar-Kriminalität). Der Angstpegel hängt also nur noch von den internalisierten Instanzen ab; Solche Freiräume gibt es in allen Staatsformen, in allen gesellschaftlichen Konstruktionen.
Sie lassen sich nicht mit der einfachen Formel erklären, dass die Mächtigen alles können, ihnen alles erlaubt sei. So gehört zu ihren erstaunlichen Merkmalen, dass die Gesellschaft, in deren Territorium sie liegen, sie in der Regel nicht wahrnimmt und demzufolge nicht problematisiert.

Warum die Gesellschaft solcherart reiche Unabhängige fast vollständig ignoriert:
- diese wiederum unterscheiden sich wesentlich von denen der übrigen Gesellschaft und sind Abkömmlinge einer speziellen Gruppenmoral [5];
- die internalisierten Instanzen erfahren von aussen wenig Kritik - im Gegenteil. Die Angehörigen dieser Schicht lernen vielmehr, dass ihre moralischen Standards von den anderen akzeptiert werden. Ja, mehr noch, sie erfahren sogar, dass ihre Erfolge ihnen narzisstischen Zuwachs von aussen verschaffen;
- dass die sichtbaren Zeichen des Erfolges - Geld, Besitz, Macht - begehrte Ziele aller sind, dass man sie dafür bewundert, dass man sein möchte wie sie;
- die internalisierten Instanzen sind - wie Zeiten des Krieges, der Revolution und des Chaos zeigen - lernfähig. Ohne diese Lernfähigkeit gäbe es ja auch keine Veränderung durch Therapie. Sie lernen, wie im Falle unseres Patienten - sozusagen auf dem Wege des wiederholten Versuches -, dass nichts passiert, wenn man die mitgebrachten Vorstellungen von Moral, Anstand und Sitte übertritt, dass es auch mit weniger Moral geht. Ja, es tritt sehr schnell eine paradoxe Situation ein: die Korruption des Uber-Ichs bringt dem Es unmittelbares Triebglück (Zuwachs an Macht, Grösse, Geld etc.) ein, und das, was normalerweise dem Ich schadet, verhilft ihm hier zu sozialer Anerkennung und schliesslich zu narzisstischem Zuwachs. (Die Symbole der Macht - Besitz, Frauen, Autos etc. - werden noch von denen bewundert, die eigentlich als die Ausgenützten anklagen sollten. Das ist in Moskau und New York dasselbe - nur anders.)

Man könnte einwenden, dass es diesen Typ, der an seiner Neurose nicht leidet, weil er andere leiden macht, in allen Schichten gibt. Das soll nicht bestritten werden. Es ist ja sozusagen eine kategoriale Qualität des Ichs, neurotische Konflikte so in der Realität unterbringen zu können, dass sie nicht mehr als solche erkannt werden, dass sie voll und ganz [5]. So können sie z.B., ohne dies als schuldhaft zu erleben, Luft, Erde, Gewässer verschmutzen und vergiften, wenn es Produktionskosten senkt und den Profit steigert.
So gibt es in der Armee des sozialistischen Russland eine besondere Verpflegungsklasse für Offiziere, ohne dass die Privilegierten es als Verstoss gegen den Geist des Sozialismus empfinden.

(...)
So erklärt z.B. der Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, Halstenberg, in der „Affäre Poullain“, dass er „als kleiner Finanzminister“ es nicht wagte, dem „vermögenden, weltweit bekannten“ Chef der drittgrössten deutschen Bank, Poullain, in einer so peinlichen Frage (Steuerhinterziehung und passive Bestechung) offen entgegenzutreten (Die Zeit 1978). Die Zeit weist darauf hin, dass er dies auch deshalb nicht tat, weil er selber in fragwürdige Geschäfte verstrickt und bei der Wahl seiner privaten Geschäftspartner nicht zimperlich war. In dem Zeit-Artikel heisst es ferner, dass die zur Aufsicht bestellten Politiker in der Regel sowohl von der Qualifikation wie von der zeitlichen Beanspruchung her der Aufgabe nicht gewachsen seien. - Wie gross in dieser Schicht der von mir angeführte „Freiraum ist“ ist, innerhalb dessen andere Gesetze als in der Mittelschicht gelten, zeigt der Zeit-Artikel in eindrucksvoller Weise.

Der Verfasser spricht in meinen Sinne konsequenterweise vom „fehlenden Unrechts-Bewusstsein“ der Akteure.
Auf der kontrollierten Ebene eines bürgerlichen Berufes, etwa der des Lehres, würde ein gleichartiges Agieren, auf Kosten von Schülern etwa, zu schwerwiegenden Konsequenzen führen. Hier kann es nur im Geheimen und mit dem Gefühl von Unrecht und Schuld stattfinden. Die Umwelt kennt den Raum, in dem Lehrer und Schüler miteinander umgehen und kann ihn infolgedessen auch mehr oder weniger gut durchdenken.
So wie das Agieren des geschilderten und ähnlicher Patienten nur deshalb so erfolgreich sein kann, weil es in einem gesellschaftlich gegebenen Freiraum stattfindet, so ist es auch mit dem Agieren um sie herum. Wir sehen ihre Frauen erkranken, ihre Kinder in Verhaltensstörungen hineinrutschen - so wie es uns auch aus anderen Schichten als Ausgang neurotischer Familienkonstellationen wohlvertraut ist. Aber wieder liegt der Unterschied darin, dass das Agieren der einen - auch im Sozialstaat - mehr Nachteile als Vorteile bringt und in der Regel auf die Dauer im sozialen wie gesellschaftlichen Elend endet, das der anderen aber an ihren sozioökonomischen Verhältnissen nichts ändert. Die einen fallen an einem gewissen Punkt der öffentlichen Wohlfahrt anheim, die anderen werden von bereitstehenden Institutionen aufgefangen, die ausgesprochen kompensatorisfchen Charakter haben. Ich denke an Privatkliniken, luxuriöse Santorien, exklusive Privatschulen etc., die so konstruiert sind, dass in ihnen optimal agiert werden kann. Damit meine ich, dass sie folgende Bedingungen erfüllen: Die Neurose wird als solche nicht benannt. Der Patient läuft unter Diagnosen, die auf eine körperliche Krankheit verweisen. Hinter dieser Fassade wird eine nicht als solche deklarierte „Psychotherapie“ betrieben. Ärzte und Personal, die unausgesprochen von dem seelischen Elend ihrer Patienten wissen, stellen sich ganz auf deren Bedürfnisse ein. Sie kommen ihrem Verlangen _nach Aussprachen entgegen, lassen sie klagen, anklagen und beschuldigen, ohne die entscheidende Frage zu stellen, was sie selber zur Entstehung ihres Unglücks beigetragen haben. Die luxuriöse und verwöhnende Atmosphäre dieser Häuser stellt die andere Seite dieser „Psychotherapie“ dar: sie befriedigt vielerlei Bedürfnisse, vor allem solche anlehnender Natur. Die Kranken können sich der Phantasie hingeben, dass zwischen ihnen und dem Therapeuten eine Übereinkunft darüber,he.— stehl^dass sie die unschuldigen.. Opfer „rücksichtsloser Egoisten“ sind und dass sie mit ihnen in deren Verurteilung übereinstimmen. Der Gedanke, dass der Ehemann das alles bezahlen muss, dass die „Krankheit“ ihm Schuldgefühle macht, befriedigt darüber hinaus Straf- und Rachephantasien.

Eine psychoanalytische Therapie, die sich vornähme, diese Patt-Situation aufzulösen, den Kranken einem selbstständigen, aktiven, erfüllten Leben zuzuführen, ihm zu helfen, eine Zukunft zu denken, in der er sich selber verwirklichen könnte, stiesse hier nicht nur auf die private neurotische Abwehr. Sie stiesse auf die Verteidigung eines Krankheitsgewinnes, der im realen Sinne enorm ist: Rache an dem vorgestellten Schuldigen, optimale Wiedergutmachung und nur geringe Einschränkungen des bisherigen Lebensstandards. Der Unterschied zum Rentenneurotiker etwa, der ebenfalls zugunsten des Krankheitsgewinnes auf ein eigenes, aktives Leben verzichtet, ist offenkundig. Er folgt einem Phantasma, einer regressiven Sehnsucht, die keine Befriedigung erfahren wird. Reale Gewinne fliessen hier nur spärlich. Diejenigen, die sich auf diese Weise wegen erlittenen Unrechts und wegen erlebter Enttäuschungen an der Gesellschaft rächen wollen, müssen erfahren, dass sie selber die Opfer sind. Ihr Racheglück ist schlussendlich nur ein masochistisches.

[6: Ein Teil der Sicherheit dieser Menschen stammt aus der Tatsache, dass sie von den Sehnsüchten der anderen getragen werden, dass sie eine kompensatorische Funktion in der Gesellschaft haben. Plato hat diesen Sozialnexus verstanden, wenn er formuliert:
"Die Guten sind diejenigen, welche sich begnügen, von dem zu träumen, was die anderen, die Bösen wirklich tun. Und sicher träumen sie lieber von "white-collar- Verbrechen" als von Raubüberfall, Einbruch und Diebstahl. - Wie stark die Realität dieser Verbindung zwischen den Guten und den Bösen ist, erkennt man daran, dass nach der Beseitigung einer bösen Herrschaftsschicht durch Revolution sofort wieder eine neue böse Herrschaftsschicht entsteht: die Französische und die Russische Revolution sind hier erschreckende Beweise. Napoleon und Stalin waren nicht weniger schlimm als die vorhergehenden Könige und Zaren.
]

Fallbeispiel:
Ein Beispiel dafür, dass es sich hier um einen realen Krankheitsgewinn handelt, verdeutlicht der nachfolgende Fall:
Der Patient kam 22 Jahre lang in Abständen von Wochen und Monaten zu psychotherapeutischen Gesprächen zu mir. Seine Symptomatik war mannigfaltig: neben einer Unzahl diffuser, wechselnder funktioneller Störungen litt er an Angstzuständen, Unsicherheit, depressiven Schwankungen mit Suizidgedanken, Arbeitsstörungen, vor allem aber an einer Eigentümlichkeit seines Trieblebens. Er konnte nur mit sehr jungen Mädchen Sexualverkehr haben. Da dies meist nur auf der Ebene der Prostitution möglich war, fehlte ihm fast immer eine Partnerin. Je älter er wurde, desto mehr kam er nur noch über Bezahlung in den Genuss eines Liebesobjektes.
Er war der zweite, von Kindheit an erfolglose Sohn vermögender, einflussreicher Eltern. Man hatte ihm, weil er unfähig zu allem schien, eine Scheinposition im eigenen Betrieb geschaffen, die mit keinerlei selbstständiger Arbeit verbunden war, ihm aber das Gehalt eines Direktors einbrachte. So verbrachte er seine Tage mit allerlei Neigungen und Hobbies und zerstreute sich auf Reisen. Er bezeichnete sein Leben als das eines Vogels im goldenen Käfig und klagte und jammerte über seine Familie. Sein eigentlicher Lebensinhalt waren erotische Phantasien, die er mit Hilfe pornographischer Literatur kultivierte und durch ein hochentwickeltes System der Onanie kurzfristig zu befriedigen wusste. Sein Ueber-Ich war sehr streng. So litt er an Schuldgefühlen, die er aber geschickt in die erotische Triebbefriedigung in Form masochistischen Leidens eingebaut hatte.
In gewissen Abständen, wenn seine funktionellen Störungen unerträglich geworden waren und die vielen Ärzte, die er dauernd konsultierte, ihm nicht mehr helfen konnten oder wenn er sich wieder in eine gefährliche Situation manövriert hatte (Anklage wegen Unzucht mit Minderjährigen bzw. mit Abhängigen - Lehrmädchen im Betrieb - oder eine aufgekommene Erpressergeschichte), kam er und sah sehr klar, dass er sich in einer hoffnungslos verfahrenen Lage befand, die einer gründlichen Bearbeitung bedurfte. So verabredeten wir dreimal im Laufe der Jahre eine Analyse, vor der er dann jedesmal, kurz bevor sie beginnen sollte, zurückschreckte.

Rückblickend muss ich feststellen, dass der Patient mich zu vielerlei Zwecken benutzt hat: als Beichtvater zur Entlastung, als Müllkippe zur Beruhigung des Ueber-Ichs und vor allem als den Ort, wo er über seine schlimme Familie, die böse Welt, sein Unglück klagend-anklagend jammern konnte. Die Gespräche waren ihm nützlich, weil sie ihn beruhigten, seine Beschwerden milderten. Sie erschienen ihm besser als die Hilfe der Ärzte, weil die Therapie ohne Medikamente funktionierte, von denen er fürchtete, sie würden seiner Gesundheit schaden. Auch bereiteten sie ihm intellektuellen Genuss. - Sicher war das, was der Patient suchte und alle ihm gaben, die Besserung, der Feind der Heilung. - Ein wesentlicherer Grund, vielleicht der ausschlaggebende, warum er die Analyse nicht begann, war der, dass er verstanden hatte, dass er, um gesund werden zu können, aus dem Elternhaus ausziehen und ein selbstverantwortliches Leben beginnen müsste. Das hätte Einbussen an Geld und Prestige bedeutet. Er wollte die Gegensätze verbinden: zu Hause alles geniessen wie ein Kind und gleichzeitig frei und erwachsen sein.

Von diesen soziopolitischen Aspekten des Ausagierens privater Neurosen der Oberschicht erfährt der Analytiker ausserhalb seines Sprechzimmers mehr als innerhalb desselben, wenn er als politisch interessierter Zeitgenosse versucht, die gesellschaftliche..Wirklichkei-^-f»cht-_iaghr naiv, sondern ebenso kritisch analytisch zu studieren wie die Innenwelt seiner Patienten.



Therapieabbrecher: Argelanders "Flieger"

Ich wende micht jetzt der zweiten Gruppe von Patienten zu, also der Gruppe, in der psychoanalytische Therapien zustandekommen, die aber früher oder später vorzeitig abgebrochen werden. Der Grund dafür ist der, dass sie von einem bestimmten Punkt der Kur an fürchten, sie könnte ihre soziale Stellung und/oder wirtschaftliche Situation gefährden.

Das Paradebeispiel für diese Patientengruppe ist der von Argelander publizierte „Flieger“ (1972). Der Patient stammt aus wohlhabenden Kreisen, ist aber auch persönlich erfolgreich. So hat er sich unabhängig von seiner Familie eine selbständige, hochbezahlte Stellung erarbeitet.
Er kommt in Analyse, um Kontaktstörungen, auf die ihn andere aufmerksam gemacht haben und deren schädigende Wirkung für seine Tätigkeit er einsieht, zu beheben.
Die Analyse dieses Mannes zeigt eine narzisstische Charakterstruktur, mit deren Hilfe es ihm gelungen ist, von menschlichen Beziehungen unabhängig zu sein. Anstatt Liebe verschafft er sich Bewunderung und Erfolg bei anderen Menschen. Mit dieser Ich-Ueber-Ich-Konstruktion ist er in der Lage, Menschen zu manipulieren. Sie ist eine der entscheidenden Bedingungen seines Erfolges.
Diese perfekte Charakterformation ist der Endpunkt einer langen und schweren neurotischen Entwicklung mit psychoneurotischen und psychosomatischen Erkrankungen. In der Vorpubertät erkrankte der Patient z.B. so schwer an einer Anorexia nervosa, dass er nicht mehr selber gehen konnte und getragen werden musste. Aus ihr befreite er sich durch den Entschluss, fliegen zu lernen. Er wurde ein passionierter Sportflieger. Von diesem Moment an verloren sich die neurotischen Manifestationen. Damit parallel lief die zunehmende Transformation seiner Charakterverarbeitung in das soziale Feld.
Die Therapie arbeitete die einzelnen neurotischen Mechanismen des Patienten erfolgreich auf. Bei der Durcharbeitung der Angst jedoch leistete er ein entscheidendes Abwehrmanöver, mit dessen Hilfe es ihm gelang, sie soweit zu mildern, dass kein ausreichender Leidensdruck für die Therapie mehr vorhanden war. Er schaffte es, die Analyse so in sein System einzubauen, dass er mit ihrer Hilfe die Umwelt in der Weise verändern konnte, dass er jetzt keine Angst mehr zu haben brauchte. Der Erfolg ist also praktisch der, dass er von nun an sozioökonomisch noch erfolgreicher wurde, d. h., dass der sekundäre Krankheitsgewinn noch zugenommen hatte.
Ich selber sah einen Patienten, der auch in dieses Schema passt. Setzt der „Flieger“ seine narzisstische Thematik „soziofunktional“ ein, so ist es bei diesem Patienten eine anal-sadistische Trieb-Abwehrstruktur, die seinen wirtschaftlichen Erfolg erklärt. Bei ihm kam es aber gar nicht zur Behandlung, weil in dem Jahr, das zwischen Erstbesprechung und verabredetem Analysebeginn lag, alle Beschwerden verschwanden. So wurde ich Zeuge, wie die private Neurose, an der der Patient litt - seit zehn Jahren stand er wegen Zwangsmechanismen und Kontrollzwängen in ergebnisloser psychatrischer Behandlung -, sozusagen schlagartig in dem Moment verschwand, in dem nach jahrelangem Warten sein Vater ihm endlich den Direktorensessel der im Familienbesitz befindlichen Fabrik überliess. Und ich erlebte auch - der Patient suchte mich später noch einige Male wegen der depressiven Zustände seiner Frau auf -, wie diese „wunderbare Heilung“ vonstatten ging: der Patient verlagerte ganz einfach die anale Abwehr libidinöser Impulse, die er bisher praktiziert hatte, in die Fabrik.
[Solche „wunderbaren“ Heilungen unter dem Einfluss äusserer Verhältnisse sind gar nicht so selten. Da sie sich vornehmlich unter besonderen Umständen wie Kriegen, Revolutionen, Verfolgungen, Pogromen, Religionskriegen etc. ereignen, an die man nicht gerne zurückdenkt, weil sie unser auf Ideologien aufgebautes Selbstverständnis ins Wanken bringen, sind sie wenig bekannt. Auch die Medizin nimmt von ihnen kaum Kenntnis. Ich denke an das Verschwinden von Neurosen, wenn es ihren Trägern erlaubt oder befohlen wird, alles das im Dienste einer ,höheren Idee‘ zu tun, was sonst verboten ist: Menschen zu quälen, zu foltern, zu schänden und zu töten, sonst tabuierte Sexualwünsche ungehemmt auszuleben, zu stehlen, zu plündern und zu zerstören.]

Hier baute er ein im wahren Sinn des Wortes satanisches Kontrollsystem auf. Mit Hilfe von Stechuhren und Akkordlohn holte er das Letzte aus den Arbeitnehmern heraus. Von Juristen hatte er sich alle Tricks zeigen lassen, wie man Arbeitsverträge machen kann, bei denen er ein Maximum, der Arbeitnehmer ein Minimum von Rechten erhielt.
Durch scharfe Ueberwachung des Betriebes bekam er soviel belastendes Material in die Hand, dass er alle die, die nicht spurten, wie er wollte, oder die sich über sein System beschwerten, entlassen konnte. - Bei den wenigen Besuchen, bei denen ich ihn später noch sah, berichtete er mit strahlendem Stolz über seine Methode, über ihr perfektes Funktionieren und ihren Erfolg: er werde, so prahlte er, die Produktion und den Gewinn auf diese Weise um X Prozent über das Niveau heben, das sein Vater erreicht hatte. - Natürlich lässt sich der Effekt dieser Verschiebung auch ausschliesslich mit der analytischen Theorie erklären: Verschwinden der Abwehrsymptomatik, weil die verdrängten anal-sadistischen Impulse voll befriedigt werden können und zugleich die ödipale Spannung dem Vater gegenüber dadurch gelöst wird, dass er ihn übertrumpft. Aber wo ist eine so „glänzende“ Lösung im bürgerlichen Bereich sonst möglich, wo kann jemand so ungehemmt seinen Sadismus ausleben? - Und das alles ohne Bestrafungsangst und Schuldgefühle, weil die „Lakune“, in der dies stattfindet, ihre von der allgemeinen Gesellschaft abweichenden Gesetze hat.

Theoretische Ueberlegungen: Die Patienten in dieser Gruppe sind charakterisiert durch eine traumatische Kindheit, die zu schweren neurotischen Manifestationen geführt hat. Einer der Gründe für diese Entwicklung ist eine gestörte Identifikation mit den frühen Beziehungspersonen, d.h. auch mit den Normen und Werten der Schicht, der der Patient angehört. Die neurotische Symptomatologie verliert sich in dem Masse, wie es dem Patienten gelingt, seine Neurose in eine Charakterneurose zu verwandeln und diese soziofunktional unterzubringen. Die sozioökonomische Position der Familie bietet dazu die notwendigen Voraussetzungen.

Diese Patienten wünschen eine Therapie wegen restneurotischer Störungen, hoffen aber im Grunde darauf, dass sie auf diesem Wege die soziale Verwertung ihrer Neurose noch besser handhaben lernen. Sie beenden die Analyse in dem Moment, in dem sie zu ahnen beginnen, dass der Analytiker die Dynamik, die sich in der neurotischen Charakterstruktur verfestigt hat, wieder in Gang bringen will. Ihre Angst davor ist nicht nur eine Angst vor phantasierten Bedrohungen - sie ist Realangst. Die Analyse der sozialen Verwertung der Neurose würde ihre sozioökonomische Lage bedrohen.
Argelander schreibt, dass die Analyse dort endete, wo die Diskrepanz ihrer beiden Vorstellungen deutlich wurde: Argeiander hoffte, die innere Gefühlswelt des Patienten für andere Menschen soweit aufschliessen zu können, dass er mit ihnen glücklicher und verständnisvoller Zusammenleben könnte - der Patient erwartete für sich, noch vollkommener zu werden und eine noch bewusstere Kontrolle über sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen zu gewinnen, d.h., sie noch effizienter manipulieren und für seine kommerziellen Interessen benutzen zu können.

Argelander versteht richtig, dass dieses Thema nicht durchgearbeitet werden konnte, weil es nicht in die Übertragung hineinkam. Der Patient habe ihn wie ein gefährliches Objekt meiden, kontrollieren oder sich von ihm auf seine Weise zurückziehen müssen. Ich glaube, dass dies nicht nur biographisch aus der Ätiologie und Natur seiner Neurose verstehbar ist, sondern auch, und vor allem, aus aktuellen, realen Gründen:
Der Analytiker bedroht den Patienten de facto, nicht nur seine neurotischen Phantasien. Würde der Patient nämlich menschliche Nähe und Wärme zulassen, würden die Voraussetzungen und Bindungen seines sozioökonomischen Erfolges bedroht werden. Denn dieser Erfolg beruht gerade auf der Unabhängigkeit von Liebe und Objektbeziehung.
Das ist die Grundlage dafür, dass er ohne Angst und Schuldgefühle Menschen in seiner Weise missbrauchen kann. Horn spricht in diesem Sinne davon, dass dieser Patient die Unfähigkeit zu menschlichem Kontakt gesellschaftlich verwerten konnte, dass sie ihm die Verwertung von Dingen und Ideen auf dem kapitalistischen Markt erleichterte, dass seine Psychopathologie fast soziofunktional in den gesellschaftlichen Verhältnissen aufging (1976).

Man kann sich fragen, warum der „Flieger“, der hier stellvertretend für diese Gruppe steht, als Prototyp für Nichtanalysierbarkeit aufgrund einiger Faktoren, die mit seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse zu tun haben, aufgeführt wird? Warum läuft er nicht einfach unter der Diagnose einer schwer angehbaren Reaktionsbildung oder einer kontraphobischen Bewältigung neurotischer Ängste? Die Antwort muss vom ökonomischen Prinzip der Neurose ausgehen: der Patient mit einer Reaktionsbildung oder einer kontraphobischen Angstbewältigung leidet unter Einengungen der Ich-Funktionen und an verringerten Möglichkeiten der Triebbefriedigung. Die Therapie verspricht für beides einen Gewinn. Der „Flieger“ jedoch hat aufgrund der sozioökonomischen Sonderstellung die Möglichkeit, seine Neurose funktional so unterzubringen, dass sie ihm Gewinn bringt, ja, dass sie eine der wichtigen Voraussetzungen des Gewinnes überhaupt wird - und zwar nicht im Sinne des sekundären Krankheitsgewinnes, der ja in der Regel nur noch ein Surrogat ist, sondern eines echten primären Gewinnes.

Ihm kann die Analyse keine unmittelbaren Vorteile versprechen - für ihn ist sie zunächst einmal mit Verlusten verbunden, und zwar mit realen Verlusten an Geld, Besitz, Macht. Was sie ihm für die Zukunft in Aussicht stellt, nämlich ein Mehr an menschlichen Kontakten, Liebesfähigkeit und Vertrauen, kann deshalb nicht als verlockend erlebt werden.
Die nächste Frage, die dieser Fall aufwirft, ist die nach dem Unterschied gegenüber anderen Formen soziofunktionaler Verwendung der Neurose. Ich denke etwa an eine so geglückte soziofunktionale Konstruktion wie die, welche der Voyeurist mit polymorph perversen Triebneigungen gefunden hat, der als Dezernent bei der Sittenpolizei Pornographie, Prostitution etc. verfolgen muss. Er kann seinem Trieb ohne Schuldgefühle nachgehen, weil das Über-Ich dies als Amtshandlung toleriert und alle Verfolgungs- und Bestrafungsimpulse nach aussen richten kann. Die Unterscheidungsmerkmale sind folgende:
- die Heimlichkeit, Privatheit und Selbstverborgenheit der Konstruktion auf seiten des Bezeichneten;
- die Offenheit und Öffentlichkeit der Triebbefriedigung auf seiten des Fliegers;
- der Dezernent gelangt nur zu einer sehr subtilen, weitgehend sublimierten Form der Triebbefriedigung, die das primäre, elementare Triebgeschehen nie zulässt;
- der Flieger dagegen erlebt innerhalb des sozialen Freiraumes direkte, primäre Triebbefriedigung.

Der hier beschriebene Unterschied gilt z.B. gegenüber allen jenen bürgerlichen Berufen, die primäre Triebe zu befriedigen versprechen - jedoch unter der strengen Bindung der Sublimierung: Arzte, Priester, Lehrer, Soldaten, Metzger, Polizisten etc.

Die dritte Gruppe von Patienten, bei denen eine psychoanalytische Behandlung ihr Ziel nicht errreicht, ist die, in der den Patienten eine so weitgehende Rollenidentifikation gelungen ist, dass ihre Bewusstmachung ihre sozioökonomische Position grundsätzlich gefährden würde.
Ich stelle zunächst einen entsprechenden Patienten vor:
Der etwa 50jährige Mann, gross und stattlich, Erbe und Leiter eines seit den Gründerjahren bestehenden Industrieunternehmens, wird mir vom Psychiater geschickt. Es läge eine reaktive Depression vor, die nach dem Suizid des 17jährigen (einzigen) Sohnes eingesetzt habe und seitdem nicht mehr abgeklungen sei. Er hielte eine psychoanalytische Behandlung für angezeigt. Im Erstgespräch berichtet der Patient von diesem Schicksalsschlag, der die ganze Familie unvorbereitet wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen habe. Man habe den Sohn eines Morgens in seinem Zimmer tot aufgefunden und erst aus einem Abschiedsbrief erfahren, was in ihm vorgegangen sei. Damit sei es aber nicht genug gewesen. Seine Frau habe ihm unter der Schockeinwirkung gestanden, dass sie seit mehreren Jahren ein Verhältnis mit einem anderen Mann habe. Das habe ihn derart verletzt, dass er sich völlig von ihr zurückgezogen habe. Aus dem gemeinsamen Schlafzimmer sei er ausgezogen.
Er verbringe sein Leben in der Fabrik und käme nur noch zu den Mahlzeiten aus formalen Gründen nach Hause. Das hätte zur Folge, dass er und seine Frau den Tod des geliebten Sohnes nicht gemeinsam tragen, nicht gemeinsam darüber sprechen könnten. Das Thema würde zwischen ihnen nicht mehr berührt. Eine Scheidung käme aus religiösen wie aus gesellschaftlichen Gründen nicht in Frage.

Die Analyse begann - wie sich später deutlich zeigte - bereits mit einem Missverständnis zwischen uns. Meine erklärte Absicht war es, mit dem Patienten gemeinsam zu versuchen, die Ursache zu verstehen, die zu dieser Situation geführt hatte. Der Patient stimmte zu, verstand aber unter dem, was ich gesagt hatte, etwas ganz anderes. Er hoffte, dass sich das, was ich Ursache nannte, als die Schuld seiner Frau erweisen würde.
Im übrigen war er in einer Gemütsverfassung, in der er bereit war, allem zuzustimmen, wenn es ihn nur von dem unerträglichen Zustand der Depression, wie er es nannte, befreite. Die Wochen gingen mit stets gleichem Stundenablauf dahin: der Patient legte sich auf die Liege, berichtete über seinen Gemütszustand, über die Leere in seinem Leben, das Gefühl der Sinnlosigkeit. Er klagte darüber, dass er mit dem Sohn den zukünftigen Erben verloren habe, dass jetzt die Firma in fremde Hände übergehen werde, dass alles, was er tagsüber arbeite, jetzt ohne Sinn sei, weil es keine Zukunft habe. Er fülle nur noch seinen Platz aus. Das andere Thema war die Anklage gegen seine Frau, der er auch die Schuld am Tode des Sohnes gab. Er warf ihr vor, dass sie sich wegen der Affäre nicht genug um ihn gekümmert habe, dass sie so sehr mit sich beschäftigt gewesen sei, dass sie nicht habe spüren können, was in dem Sohn vorgegangen sei. Diesen kargen Inhalt bewegte der Patient Stunde für Stunde monoton im Kreise herum. Allmählich wurden die Schweigepausen länger und Bemerkungen über seine innere Leere und Interessenlosigkeit nahmen zu. Gelegentlich erzählte er von seinem Leben, was ich unterstützte, weil ich einmal auf diese Weise der Öde der Stunden enthoben war, zum anderen darauf hoffte, irgendwo einen Faden finden zu können, der sich aufnehmen liess.

Was ich so erfuhr, ergab die typische Lebensgeschichte eines Mannes der Oberschicht, der sich trotz der Irrungen und Wirrungen der Jugendjahre (auch diese, wie wir sehen werden, typisch für seine Schicht) mit dem Vater, der Tradition der Familie, seiner Klasse identifiziert und, ohne es zu bemerken, die Rolle übernommen hatte, die für ihn bestimmt war, von der alle erwarteten, dass er sie als der Älteste übernehmen werde, die Rolle des Chefs. Aufgewachsen in einem grossen Haus inmitten eines parkartigen Gartens, umsorgt von Dienstpersonal, abgeschlossen von dem Leben auf den Strassen der Stadt, besuchte er bis zum 10. Lebensjahr eine private Volksschule, in der nur die Kinder der Oberschicht unterrichtet wurden. Danach absolvierte er als mittelmässiger Schüler 9 Jahre Gymnasium (die Eltern legten keinen Wert auf besondere Schulleistungen, weil, wie sie sagten, die Hauptsache nicht der Schulerfolg sei, sondern dass er eines Tages in der Lage sei, Chef zu werden, dem Vater nachzufolgen), schloss dann ein Universitäts-Studium an, das er mit der Promotion beendete. Dann schickte ihn der Vater für einige Jahre zu Geschäftsfreunden aus derselben Branche, um in deren Betrieben zu praktizieren. So lebte er ein Jahr in England und ein Jahr in Frankreich. Bevor er endgültig, nun 30jährig, in die eigene Firma eintrat, bereiste er wichtige Absatzmärkte in Europa und in den USA.
Seine Kindheit und Jugend verliefen in den vorgezeichneten Bahnen, in dem vorgegebenen Rahmen: die Exklusivität des Kreises, in dem er verkehrte - an der Schule waren es der Ruderklub und eine Tanzstunde nur für eine ausgewählte Gruppe, an der Universität ein Corps, in dem schon der Vater aktiv gewesen war der Umgang mit den „Leuten“ in der Fabrik, in die ihn der Vater vom 5. Lebensjahr an gelegentlich mitnahm (er erinnerte den Moment, wo er begriff, dass er eines Tages der Chef sein werde: er war sechs Jahre alt und allein auf dem Werksgelände.
Die Arbeiter zogen vor ihm die Mützen und öffneten ihm das grosse Tor. Eine andere Erinnerung stammte aus dem Jahre 1934. Einige SA-Männer betraten das Haus, um für irgendeinen Zweck zu sammeln. Das Dienstmädchen rief die Mutter. Als sie in die Halle kam, fuhr sie die Männer an, weil sie die Mützen nicht abgenommen hatten. Der Satz, den sie dabei sagte, hatte sich ihm tief eingeprägt: „Wissen Sie nicht, mit wem Sie sprechen? Ich bin Frau XX!“, worauf die Männer verlegen und beflissen ihre Mützen zogen); die ersten sexuellen Erfahrungen mit Dienstmädchen und jungen Arbeiterinnen gegen Geschenke; die lange Verlobungszeit mit seiner späteren Frau, die er vor der Ehe nicht berührte;
der Stolz auf die Härte der Erziehung durch den Vater, der Stolz auf die Härte des Mensuren-Fechtens im Corps. Ich kann es bei diesen Andeutungen bewenden lassen. Die Einzelheiten seiner Biographie kann man in Sartres „Kindheit eines Chefs“ (1950) nachlesen. Der dort geschilderte Lernvorgang, durch den die Umwelt - die Vertreter der eigenen Schicht wie die der anderen, die ihm eines Tages untergeben sein werden - mit Hilfe eines komplizierten, subtilen Signalsystems darüber informiert, was richtige und falsche Schritte sind, deckt sich mit dem meines Patienten so genau, wie sich zwei Schablonen decken.
Nachdem er geheiratet hatte, teilte er das Leben des Vaters: tagsüber im Betrieb, abends im Klub oder auf Einladungen. Die Beziehung zu seiner Frau reduzierte sich auf das Konventionelle. Um das Haus und die Kindererziehung kümmerte er sich nicht. Im Beruf war er erfolgreich.
Echte Freundschaften, tiefere menschliche Beziehungen hatte er nicht. Mit dem Elternhaus blieb er eng verbunden. Nach dem Tode seines Vaters ging er jeden Abend, bevor er zum Nachtessen nach Hause ging, bei der Mutter vorbei, um ein Stündchen mit ihr zu plaudern.
Meine Versuche, hier und da einen Faden aufzunehmen, z.B. die emotionale Distanz zu seiner Frau, die fehlende Teilnahme an der Entwicklung der Kinder, den Mangel an menschlichen Beziehungen, das ausschliessliche Interesse am wirtschaftlichen Erfolg etc., stiessen auf völliges Unverständnis. Allmählich begriff ich, dass wir verschiedene Vorstellungen vom Leben und von dem, was in ihm wichtig sein kann, besassen. Ich hatte mir die Theorie zurechtgelegt, dass sein Unglück die Folge seines besonderen Umgangs mit Menschen war, seiner kühlen, pragmatischen Benutzung derselben. Aus kleinen Anzeichen und biographischen Details meinte ich, auf eine frühe Störung seiner Objektbeziehung schliessen zu dürfen.
Beweisend dafür schien, dass der Patient zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr eine Phase manifester Angst durchgemacht hatte und dass er zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr eine grosse Sehnsucht nach Freundschaft verspürt hatte, die er aufgrund einer ängstlichen Scheu nicht befriedigen konnte. Banalisierend spricht er davon, dass er damals unter Einsamkeitsgefühlen gelitten habe, was er als Sentimentalität der Vorpubertät abtut. - Für den Patienten sieht das ganz anders aus als für mich: Was ich als Kontaktproblem erlebe, ist für ihn das normale Verhalten eines Mannes seiner Schicht. Der Tod seines Sohnes und der Ehebruch seiner Frau haben damit nichts zu tun. Seine Frau hat den Ehebruch nicht begangen, weil sie von ihm nicht bekam, was sie sich wünschte, sondern weil sie etwas wünschte, was man sich nicht wünschen darf. Er räumt ein, dass er solche Wünsche aus seiner Jugend wohl kenne, meint aber, dass sie nicht zum Leben eines Erwachsenen gehören, dass die Ehe Treue, Verlässlichkeit, häusliche Ordnung und die Selbstverständlichkeit der Erledigung täglicher Aufgaben bedeutet.
Er habe durch seine Arbeit, seine Stellung und seine unbeirrte Verbundenheit mit der Familie alles getan, um sie gut zu führen. Er habe nichts entbehrt und nichts vermisst. Dass seine Frau nie mit ihm über ihre Bedürfnisse gesprochen habe, versteht er als Beweis dafür, dass sie den Ehebruch gewollt habe. Der Gedanke, dass sie ihm nichts mitteilte, weil sie sich nicht getraute, weil er sich so verhielt, dass sie zu ihm von ihren Gefühlen nicht zu sprechen wagte, kommt ihm nicht. In den Stunden, in denen er von dem Abschiedsbrief des Sohnes berichtet, der von Einsamkeit und fehlendem Verständnis der Eltern für ihn spricht, davon, dass er das Leben, das sie leben, nicht erstrebenswert finde, dass er sich nicht vorstellen könne, in diese Welt der Kälte, der gesellschaftlichen Formalität, des Geschäftsdenkens hineinzuwachsen, bleibt er völlig verständnislos. Sowohl die Tatsache des Suizides wie die, dass sie nichts davon gemerkt hatten, kann er nur als krankhafte Störung des Seelenlebens begreifen. Das sind die Momente, in denen ich ratlos werde und mich weit von ihm entfernt fühle.
Einer schweren Belastung meiner Beziehung zu ihm setzt er mich aus, als er, unbefangen und als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, davon berichtet, wie er einen 60jährigen leitenden Angestellten, einen alten, verdienten Mitarbeiter seines Vaters, wegen einer Bagatelle, eines Versagens, das damit zu tun hat, dass er mit dem Tempo und den veränderten Geschäftsmethoden nicht mehr mitkam, aus seiner Stelle entfernte.
Hier begann ich zu begreifen, dass mein Konzept falsch war, dass der Konflikt, der irgendwo an der Wurzel seiner Persönlichkeit liegen mochte, von mir nicht erreicht werden, nicht wiederbelebt werden konnte. Dazu trug wesentlich bei, was mir ebenfalls immer deutlicher wurde, dass der Patient auch mich benutzte, dass ich ein brauchbares Objekt in seinem System geworden war. Mit Beschämung darüber, dass die Therapie in eine Richtung lief, die meinen Vorstellungen vom Wesen einer solchen diametral entgegengesetzt war, musste ich feststellen, dass seine Beschwerden milder wurden, dass er sich zunehmend besser fühlte. Während seine Charakterstruktur unverändert blieb, lernte er, Schmerzen verbunden. Aber sie zeigt doch zwei kardinale Besonderheiten gegenüber der Rolleneinübung in anderen Schichten:
- die vom Vater vorgelebte Rolle verspricht die Befriedigung unmittelbarer Triebbedürfnisse - des Machtstrebens, des Verlangens nach phallischer Exhibition und narzisstischer Bestätigung.
Diese Versprechungen kann der Knabe bereits sehr früh verstehen, weil die Rolle, die ihn erwartet, vom Vater offen, und damit leicht wahrnehmbar, vorgelebt wird. Ferner sind die Gratifikationen bereits einem Kind verständlich. So erlebt es z.B. im Verhalten der Untergebenen dem Vater gegenüber symbolhaft seine Sonderstellung;
- die von der Familie in den ersten Lebensjahren angebotene Rolle kann bereits die endgültige sein. So entsteht ein Prozess des Hineinwachsens in etwas Gegebenes - etwa wie bei Kindern von Bauern mit Hofbesitz. Ferner herrscht in bezug auf die Rollenübernahme ein Klima von Selbstverständnis. Aussenmächte, die das Gelingen der Einübung der Rolle verhindern könnten, sind unmittelbar nicht vorhanden.
Das ist bei Ärzten und Rechtsanwälten z.B. ganz anders. Hier hängt es nämlich nicht vom Vater selber ab, ob eine geglückte, frühe Identifikation des Sohnes auch zur Berufsausübung führt: Gymnasium und Universität entscheiden autonom darüber.
Was unter diesem Aspekt gesehen den Abbruch der Analyse bewirkte, war einmal, dass die Rollenidentifikation perfekt war, zum anderen, dass der Patient das Glück hatte, in einer Umwelt zu leben, in der seine Rolle gebraucht wie geschätzt wurde und maximal funktionierte. Den Preis, den er für sie zahlte, spürte er schon lange nicht mehr als Nachteil.
Schon in früher Jugend hatte er begriffen, dass er durch anderes voll aufgewogen werden konnte. So könnte ich seine Biographie als die Geschichte einer ungestörten Weiterführung früher Objektbeziehungen in die gesellschaftliche Situation hinein beschreiben, für die sie (die frühen Objektbeziehungen) mehrere Generationen entwickelt hatten, damit eine optimale Bewältigung der Rolle gelingen konnte. Triebdynamisch gesehen sind das Objektbeziehungen prägenitaler Natur, bei denen es vor allem um die Benutzung von Objekten zur Befriedigung und Durchsetzung eigener Bedürfnisse geht. Dahmer formulierte das Gemeinte so: „Soziale Konstellationen ermächtigen oder entmächtigen die Individuen, indem sie - in Sozialisationsprozessen verinnerlicht - zur psychischen Struktur werden. Was als Ich-Stärke oder -Schwäche psychologisch erscheint, weist auf Sozialgeschichte als auf seinen Grund.“ (1973, 243)
Hinzuzufügen wäre, dass das nicht nur für die Ich-Stärke/Ich-Schwäche gilt, sondern auch für die Triebschicksale, die ja die Geschichte der frühen Objektbeziehungen sind.
Dass dieser Anpassungsmechanismus der Rollenidentifikation (Parin, 1977) in unserem Fall so gut funktionieren konnte, dass der Patient kein Bedürfnis nach Änderung verspürte, liegt, wie Parin beschrieben hat, vor allem in zwei Momenten begründet:
- das Ich dieser Menschen kann seine Autonomie bewahren, weil es aus dem Es eine genügende Zufuhr von Triebenergie erhält - vor allem den narzisstischen Gewinn, den die Übung von Macht mit sich bringt;
- sie finden eine adäquate soziale Umwelt vor, welche die Voraussetzung dafür ist, dass die Anpassungsmechanismen funktionieren (19 77, 511).

Ich kann auch sagen, dass dieser Patient nicht behandelt werden konnte, weil es der Psychoanalyse nicht gelang, die soziopolitischen Möglichkeiten dieses Patienten ausser Kraft zu setzen, seine Wirklichkeit aufzuheben, „damit sich die eigentliche Dynamik des Unbewussten manifestieren kann“ (Castel, 1973). Es stellt sich noch die Frage nach dem Unterschied zwischen der Rollenidentität dieses Patienten und etwa eines Arztes, Priesters, Lehrers in bezug auf den Schutz, den sie gegen die neurotische Erkrankung leistet.
Die Rollenidentität des Arztes etwa ist schwächer als die des Fabrikanten. Der eine erwirbt sie, dem anderen wird sie als fertige Form mit auf den Lebensweg gegeben. Der eine muss der Gesellschaft dafür, dass sie ihm Freiräume für die erlaubte Triebbefriedigurg zur Verfügung stellt, eidesähnliche Versprechen ablegen, sie nur in sublimierter Form zu betreiben. (So achten die ärztlichen Standesgerichte streng darauf, dass es zu keiner offenen Triebbefriedigung zwischen Arzt und Patient kommt.) Der andere ist in seinen Freiräumen von aussen nicht kontrolliert und darf sich direkte Triebbefriedigungen erlauben, vorausgesetzt, dass sie den Clan-Kodex nicht verletzen.
Wie sieht es nun aber bei einer geglückten Rollenidentifikation im Anpassungsprozess mit den Schuldgefühlen aus? Ich gehe von Freuds Feststellung aus, dass das Schuldgefühl (gemeint sind Schuldgefühle als pathologische Phänomene) die der Kritik des Über-Ichs entsprechende Wahrnehmung im Ich ist (193b, 282). Dieser Satz besagt, dass die Interessen des Ichs denen des Über-Ichs entgegengesetzt sind, das Ich aber nicht in der Lage ist, seine Interessen zu vertreten. Es unterwirft sich den Urteilen des Über-Ichs, verzichtet also auf die Verwirklichung des Realitätsprinzips, d.h. auf die Anpassung seines Verhaltens an die Kriterien der Vernunft und/oder die Gesetzlichkeit der Situation. (Beispiel: Eheleute, die Schuldgefühle wegen der in der Ehe ausgeübten Sexualität empfinden.)
Um solche unökonomischen, die Stärke des Ichs beeinträchtigenden Gefühle, die der Verwirklichung bestimmter Interessen entgegenstehen, zu eliminieren, müssen spezielle Sozialisationsmuster entworfen werden. Sie müssen so geartet sein, dass sie die Herbeiführung der gewünschten Rollenidentifikation garantieren. In bezug auf die Vermeidung von Schuldgefühlen heisst das, dass die oben angesprochene Spaltung nicht zustande kommt, dass das Ich und das Ueber-Ich in Übereinstimmung verbleiben. So müssen z.B. die Kinder der Gruppe, der mein Patient angehört, lernen, dass es verschiedene Klassen von Menschen gibt, denen gegenüber man sich verschieden verhält. Das müssen zwar die Kinder aller Gruppen lernen, nur sieht das jeweils verschieden aus.
Freud z. B. lernte von seinem Vater, dass er als Jude einer niedrigeren, weitgehend machtloseren Schicht angehörte - mein Patient dagegen lernte von seinem Vater, dass da, wo er war, immer oben ist. Solche Rolleneinübung erscheint zunächst einfach und problemlos.
Bei näherem Hinsehen wird jedoch ein sehr komplexer und differenzierter Vorgang erkennbar. Ich kann ihn hier nicht in seiner ganzen Kompliziertheit auseinanderlegen, sondern nur darauf hinweisen, dass das Kind z. B. die feinen Nuancen im Umgang mit der Vielschichtigkeit der anderen Klasse erlernen muss. Im Falle meines Patienten z.B., dass im Hause tätige Dienstpersonen, Arbeiter in der Fabrik und der Lehrer in der Schule zwar alle dazu da sind, gewisse Dienste zu erfüllen, dass man aber, um von jedem das zu bekommen, was man will - und das mit einem Minimum an Spannung -, für jeden eine andere Modalität des Umgangs bereithalten muss. Denn, so vermittelt der Sozialisationsprozess, die Benutzung der Objekte zur Verwirklichung der eigenen Bedürfnisse und Interessen ist nur dann optimal gegeben, wenn sie sich gerecht und der Situation gemäss behandelt (und bezahlt) fühlen. (Patienten der Unterschicht oder der unteren Mittelschicht erlernen dagegen diese differenzierten Umgangsformen nach oben hin. Der fundamentale Unterschied ist der, dass dieses Lernen unter Ängsten geschieht, die die Ängste der Klasse sind. Da das reale Angstobjekt vom Kleinkind nicht erlebt werden kann - es ist das Angstobjekt der Erwachsenen -, ist der Lernvorgang mit irrationalen Ängsten besetzt. Das hat zur Folge, dass die Wahrnehmungsvorgänge gestört sind. Es werden Projektion erlernt.) Das Grundproblem der Oberschichtkinder ist aber für die Erzieher wesentlich schwerer zu lösen, nämlich die Herstellung einer Uebereinstimmung der Familienclan-Gruppenmoral mit der allgemeinen Gesellschaft, vor allem mit der herrschenden Moral des Christentums.
Dies gelingt durch pro c/o?7zoTnterpretationen, die aber der einzelne nicht für sich leisten muss. Er findet sie als präparierten Kodex vor. Er begreift seine Wirksamkeit aus der Bestätigung durch das Gesamt der Gesellschaft; es handelt sich also nicht um Mafia-Moral. Diese einer bestimmten Gruppe konzedierte Sondermoral hebt für sie wie für jeden ihrer einzelnen Angehörigen die allgemeinen Moralgesetze an einigen Stellen auf. Für die Ich-Über-Ich-Relation des einzelnen bedeutet das Freiheit von Schuldgefühlen, weil Ich und Über-Ich sich konkordant verhalten. Dahmer drückt das so aus: „Das Über-Ich fixiert erst die Realität, an der Realitätsprüfung sich orientiert“ (1973). In der bereits erwähnten Erzählung von Sartre wird die schrittweise Rollenübernahme sehr präzis geschildert und der ökonomische Gewinn für den Heranwachsenden - insbesondere in bezug auf die Schuldgefühle - dargestellt.
Sartre verfolgt die einzelnen Schritte in der Entwicklung der Rolle und macht sichtbar, dass sie u.a. die Ausbildung eines anders gearteten, von dem der übrigen Gesellschaft abweichenden Über-Ichs beinhaltet - oder die Verdrängung derselben (im Falle des Missglückens und einer Korruption des Ichs).

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte solcher Privatphilosophien [8], [8: Ich erinnere etwa an die problemlose Deklassierung der Frau im Mittelalter mit der Begründung, sie sei die Trägerin der Erbsünde, oder die ebenso problemlose Folterung und Tötung Andersgläubiger, weil Gott es so wolle, oder die Tötung von Juden, Zigeunern und Russen, weil sie Untermenschen seien. In dem Lande, in dem der freie Arbeiter herrscht, werden streikende Arbeiter inhaftiert, weil sie konterrevolutionäre Absichten verfolgen. Diese Reihe ist eine unendliche.]
die von den Herrschenden ad hoc konstruiert werden. Freud hat diesen Sachverhalt bereits 1905 deutlich erfasst:
„Es lässt sich laut sagen, dass die Wünsche und Begierden der Menschen ein Recht haben, sich vernehmlich zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichtslosen Moral, und es ist in unseren Tagen in nachdrücklichen und packenden Sätzen gesagt worden, dass diese Moral nur die eigennützige Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können“ (1905c, 121). Ihr Geheimnis ist, dass ihr ad hoc-Charakter allmählich der Verdrängung anheimfällt. Jetzt können die Angehörigen der privilegierten Gruppe in gutem Glauben handeln. Die Privatphilosophie setzt für eine bestimmte Epoche die übergeordnete Moral partiell oder total ausser Kraft. Auf diese Weise gelingt z.B. der Oberschicht die problemlose, von Schuldgefühlen freie Benutzung von Menschen und Dingen zu egoistischen Zwecken. (Brecht führt das zu der Feststellung, dass er nicht glaube, „wenn in gewissen Theaterstücken die Kapitalisten ein schlechtes Gewissen haben“ [1967a, 1503].) Sie nehmen aus der christlichen Lehre jenes Stück heraus, welches besagt, dass Gott die Welt so gemacht habe, bestehend aus Reichen und Armen, Herren und Knechten, fügen dann hinzu, dass es Gottes Wille sei, dass der Mensch der Herrschaft untertan sei, die Gewalt über ihn habe, und haben damit eine ausgewogene, beiden Seiten gerecht werdende Philosophie. - So ist, um ein bekanntes Beispiel anzufügen, aus der protestantischen Ethik:
,Wenn du fromm bist und Gott wohlgefällig lebst' - das was Gott gefällt, bestimmen die Begründer der Ethik als Triebbeherrschung, Beten, Arbeiten, Sparsamkeit, Fleiss, Pünktlichkeit, Anspruchslosigkeit etc. -, ,wird Gott dich mit sichtbarem Erfolg segnen' (Max Weber entdeckte an diesem Beispiel die Beziehung zwischen der „protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus“ [1905]) die Umkehrung entstanden: Wenn du Erfolg hast, bist du von Gott gesegnet, also warst du ihm wohlgefällig. Jetzt ist der Weg zum Erfolg aus den ethischen Ueberlegungen herausgenommen, jetzt entscheidet nur noch die Praxis.
Es versteht sich, dass das, was hier so geschildert wird, als ob es bewusst und gezielt „gemacht“ würde, als ob es ein Erziehungsplan wäre, sehr unbewusst abläuft, so automatisiert wie alle tradierten Rolleneinübungen.
Was einmal intendiert war, methodisches Unternehmen, um gewisse Ziele zu erreichen, ist am Ende eine Schablone, von der es heisst, dass man es halt so mache. Das macht den ökonomischen Vorteil von tradierten Enkulturationsprozessen aus.
Man kann die besondere Struktur des Ueber-Ichs in diesem Falle auch als eine Uebereinstimmung von Ich und Ich-Ideal verstehen. Wenn es den Erziehern im Sozialisationsprozess z.B. gelingt, die Gruppenideale so geschickt an das Kleinkind heranzubringen, dass sie ein starkes Ich-Ideal bilden, das vom Ich akzeptiert werden kann, so bedeutet das, dass der Umfang des Ueber-Ichs um diesen Bereich verkleinert wird. Man kann also die naive Selbstsicherheit, die diese Schicht im Grenzgebiet des moralischen Verhaltens zeigt, von daher gut verstehen. Dieses Konzept macht verständlich, dass es sich nicht um Verlogenheit oder bewusstes Praktizieren einer doppelten Moral handelt, sondern um eine echte Rollenidentität. So gesehen, ist natürlich das Fehlen von Schuldgefühlen voll einleuchtend, weil das Ich sich im Ich-Ideal so mit den Idealen der Gruppe verbunden hat, dass die Struktur der gesellschaftlichen Wirklichkeit gar nicht mehr anders wahrgenommen werden kann als mit den Augen der Gesellschaft, in deren Konstruktionen der Wirklichkeit es hineinwuchs und hineinerzogen wurde (Berger/Luckmann, 1966).

Ich möchte an dieser Stelle auf die Thesen meines Mitarbeiters Trimborn vorgreifen, die er in einem der folgenden Kapitel darlegt. Da ist die These, die besagt, dass die analytische Therapie bei Angehörigen einer sozialen Schicht, die sich von der des Analytikers unterscheidet, deshalb nicht glückt, weil sie eine Bedrohung gerade dieser Funktion des „sozialen Ueber-Ichs“ darstellt; denn, so führt er aus, das Ziel der analytischen Therapie ist stets eine Veränderung der unbewussten Ich-Anteile ¦ — | | I, im.... i L iimu iw "— (Abwehr- und unbewusste Änpassungsmechanismen) und in deren Gefolge des Über-Ichs. Trimborn stützt sich auf Ansichten Grunbergers (1958), der darauf hinweist, dass der Neurotiker, der sich für eine neue Abwehr entscheidet, die die Adoption eines neuen Über-Ichs mit einschliesst, damit eine Revolte gegen sein altes Über-Ich ausdrückt — (S. 274). Die Folgen dieser Revolte und des Aufbaues eines neuen Über-Ichs sind der tatsächliche Bruch mit dem. Über-Ich der Familie des Patienten (S. 275). Fernerhin die Veränderung der subjektiven Wirklichkeit und damit auch der objektiven Wirklichkeit - und das bedeutet eine Änderung der Objektbeziehungen (Trimborn, 1976, S. 127 ff.). Der Patient verliert also den Konsensus mit seiner Gruppe, wird isoliert und muss nach neuen Objektbeziehungen suchen. Wie ich bereits ausgeführt habe, kann er sie in der Analyse nicht finden. Die Vorstellungen vom Menschen und vom Zusammenleben der Menschen, welche die psychoanalytische Theorie anbietet, kann die seine nur werden, wenn er eine totale Veränderung seines Lebens in Angriff nimmt. Diese ist notwendigerweise mit dem Verlassen seiner bisherigen Welt verbunden.
Kierkegaards Satz: „Das Schlimmste, was einer Familie passieren kann, ist, dass ein Mitglied Christ wird“, kann hier sinngemäss angeführt werden.

Die psychoanalytische Behandlung des Aufsteigers

In der psychoanalytischen Behandlung des Aufsteigers zeigen sich folgende Merkmale, die spezifisch für den Aufsteiger zu sein scheinen:
- eine grosse Statusunsicherheit. Aus dieser heraus fühlen sie sich beständig von Zurückweisungen und Ablehnungen durch die Schicht, in die sie hinein wollen, bedroht. Diese Bedrohung löst Angst und Wut aus;
- eine Idealisierung der erstrebten Schicht, einmal aus Unkenntnis, zum anderen, um die Enttäuschungen an ihr zu kompensieren;
- eine Überanpassung, eine Super-Konformität, weil sie dauernd fürchten, von den Angehörigen der erstrebten Schicht als nicht dazugehörig angesehen zu werden;
- eine Hypersensibilität gegenüber den Nuancen des Verhaltens der „anderen“ ihnen gegenüber. Jede Zurückweisung, jede Distanziertheit, jede Form reservierten Umgangs mit sich führen sie auf ihre Herkunft zurück. Viel Zeit und Kraft verwenden sie deshalb auf die Beseitigung aller Spuren ihrer, „vulgären Sozialisation“ :
- die Zurückführung aller Schwierigkeiten im Umgang mit den „Anderen“ auf die Herkunft wird leicht zum Schutzmechanismus gegen eigene Probleme. Sie bleiben ihrem Träger verborgen, weil sie nicht ins zwischenmenschliche Beziehungsfeld gelangen. Aus demselben Grund können sie auch nicht bearbeitet, nicht gestaltet werden. So entsteht ein Entwicklungsdefizit.
Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit denen, welche die Soziologen bei statistischen Untersuchungen an grösseren Gruppen gewonnen haben (Westby und Braungard, 1966; Rush, 1969; Lopreato, 1967).
Den Aufsteigern in die Oberschicht, von denen hier die Rede ist, stellen sich, wenn sie sich einer psychoanalytischen Behandlung9 unterziehen, folgende spezielle Schwierigkeiten entgegen:
- die Analyse vergrössert ihre Statusunsicherheit. Die Patienten erfahren, wie brüchig ihre Identifikation mit der erstrebten Schicht ist;
- die Verständigung zwischen Analytiker und Patient ist extrem erschwert, weil der Patient die Denkweise, in der er erzogen wurde, ablehnt, die der Schicht, in die er hinein will, noch nicht versteht und sich auf die des Analytikers, die wieder eine andere ist, nicht einlassen kann. Hier spürt er eine Wertwelt, von der er fürchtet, dass sie ihn an der Erreichung seines Zieles hindern könnte;
- die Aufdeckung und Durcharbeitung von Wut und Hass gegen die erstrebte Schicht, von der sie sich solange zurückgesetzt und gedemütigt gefühlt haben, macht die Ambivalenz deutlich. Diese macht wiederum Angst, weil die Erreichung des Zieles erschwert wird;
- dasselbe gilt für die Idealisierung, die die Funktion der Reaktionsbildung hat.

Um diesen zusätzlichen Verunsicherungen und Bedrohungen durch den Analytiker zu entgehen, brechen die Aufsteiger die Analyse oft vorzeitig ab.
9 Aufgrund von Untersuchungen an grösseren Patientenkollektiven scheinen Aufsteiger öfter neurotisch zu erkranken als andere Menschen (Cremerius, 1968; Dührssen, 1962).

253

Freud, der häufig beschuldigt wird, die soziale Wirklichkeit seiner Patienten nicht genug berücksichtigt, nur das private biographische Elend im Auge gehabt zu haben, hat den Zusammenhang zwischen neurotischer Symptomatik und Schichtzugehörigkeit sehr genau erkannt. Alexander erinnert eine Fallbesprechung bei Freud in Wien, bei der er über einen jungen Delinquenten berichtete, den er im Gefängnis untersucht hatte. Der junge Mann, von Beruf Kellner, stand unter dem Zwang, lange Autofahrten machen zu müssen, die er dann nicht bezahlen konnte.
Alexander entwickelte die unbewusste Motivation dieses Mannes und ordnete ihn unter die Personen ein, deren Handeln ausschliesslich vom Instinkt bestimmt werde. Freuds Kommentar ging - zum Erstaunen Alexanders - in eine ganz andere Richtung: „Er könne nicht erkennen, inwiefern dieser Fall Licht auf das Problem der Kriminalität werfe:
Wenn Ihr Patient der Sohn eines Millionärs wäre, könnte er ein Rekordbrecher und als solcher ein Nationalheld werden. Nur wegen seiner sozialen Position, und weil er nur ein armer Kellner war, konnte er seinem Zwang oder seinem Hobby keinen legalen Ausdruck geben [10]“ (1940, 199).
[Etwa zur selben Zeit schreibt Freud: „Ich meine, solange sich die Tugend nicht schon auf Erden lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen. Es scheint mir auch unzweifelhaft, dass eine reale Veränderung in den Beziehungen der Menschen zum Besitz hier mehr Abhilfe bringen wird als jedes ethische Gebot“ (1930 a, 504).]
Beide Männer haben die Wirklichkeit nach ihren Wünschen verändert:
den einen führt das ins Gefängnis, den anderen macht es zum Nationalhelden
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Der Analytiker sieht in der Regel keinen von beiden in seinem Sprechzimmer: Seine Klienten, die Angehörigen der bürgerlichen Mittelschicht, können die Welt nicht verändern. Sie verändern sich selbst
An diesem Beispiel werden die unterschiedlichen Konsequenzen des Handelns in verschiedenen sozialen Schichten eindrucksvoll vorgeführt.

Die Gegenübertragung

Wahl, meines Wissens der einzige Autor, der über die Schwierigkeiten, die Reichen, Berühmten und Mächtigen psychoanalytisch zu behandeln, geschrieben hat, führt diese Schwierigkeiten weniger - wie ich es getan habe - auf besondere psychosoziale Eigenheiten dieser Patientengruppe zurück, als vielmehr auf solche des Analytikers im Umgang mit der Gegenübertragung. Dass es sich hier ganz offensichtlich um ein schwerwiegendes Problem handelt, macht nichts so sehr deutlich als das Schweigen, das über diesem Teil der psychoanalytischen Praxis liegt.
Ich glaube nicht, dass die Ursache dafür einzig und allein darin liegt, dass in diesen Fällen die Diskretion besonderer Aufmerksamkeit bedarf - obgleich, wie ich bereits ausgeführt habe, hier an die Falldarstellung diesbezüglich hohe Anforderungen gestellt werden. Ich stimme deshalb mit Wahl darin überein, dass eines der Motive in der Gegenübertragung zu suchen ist. Wie er, konnte auch ich beobachten, dass Analytiker, die einen Patienten aus diesen Kreisen behandeln, stets in einer auffallenden Weise darüber sprechen. Sie ergehen sich in Andeutungen der sozioökonomischen Besonderheiten des Falles oder seiner Berühmtheit, welche die Zuhörer erst recht aufmerksam und neugierig machen und sie zum Rätseln über die reale Existenz der Herrn X aus Y. verführen. Es.entsteht dabei oft der Eindruck, als ob sich der Analytiker die Berühmtheit, den Reichtum oder die Macht seines Patienten zugute hielte, als ob er es als einen Verdienst erlebe, diesen Patienten zu haben.

Da Wahl das Gebiet gewissenhaft und mit grosser Kennerschaft bearbeitet hat, berichte ich zunächst seine Ergebnisse. Später werde ich dann noch einige, von ihm nicht erfasste Beobachtungen hinzufügen.
Wahl unterscheidet folgende Gegenübertragungsschwierigkeiten:
Der Analytiker des berühmten Patienten, vor allem von bekannten Filmschauspielern,
- wird leicht zum „Kavalier-Diener“ seines Patienten, vor allem, wenn es sich um eine Frau handelt, und verliert dadurch die Tatsache aus dem Auge, dass hinter dem Aeusseren der verführenden grossen Dame ein kleines, verlorenes, sehr unglückliches Mädchen verborgen ist;
- er erlebt die Tatsache, dass er von einer Berühmtheit gewählt wurde, Jils Lob und Auszeichnung. Damit wiederholt er jene alten Abhängigkeiten von der Anerkennung durch die Elternimagines, gerät wieder in den alten Zustand mangelnden Selbstwertgefühles. Das Resultat ist eine Umkehrung des analytischen Prozesses mit seinen Folgen für die Gegenübertragung;
- er wird, wenn es sich um eine sexuell attraktive Filmschauspielerin handelt, sexuelle Impulse verspüren, die er durch Reaktionsbildungen zu unterdrücken versuchen wird. Das führt leicht dazu, dass er es ablehnt, die bedeutende Tatsache zu sehen und zu analysieren, welche die Sexualität als Symbol im Leben dieser Frau und in ihren Objektbeziehungen gespielt hat.
Der Analytiker des reichen Patienten der Oberschicht - immer vorausgesetzt, er selber entstammt, was wohl die Regel ist, Mittelstandsverhältnissen - wird häufig eine Gegenübertragung, vergleichbar der seiner Klasse, produzieren:
- hier wird der Reiche leicht verdächtigt, faul zu sein, auf unlautere oder gar kriminelle Art zu seinem Reichtum gelangt zu sein und man bedient sich gerne - aus vielerlei Motiven - der Textstelle aus dem Matthäus-Evangelium, wo es heisst: "Es ist leichter für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen als für einen Reichen in das Himmelreich zu kommen". Eine solche klassenspezifische Haltung kann die Gegenübertragung in der Weise beeinflussen, dass der Analytiker entweder Reichtum oder Sozialstatus über- oder unterbewertet. Hierbei ist besonders störend, dass der Analytiker den Patienten nicht mehr als Individuum, sondern als Symbol sieht. Besonders Analytiker, die für ihre Ausbildung grosse Opfer bringen mussten, wie die, welche aus unteren sozialen Schichten aufgestiegen sind, neigen dazu, eine negative Einstellung zu solchen Patienten zu empfinden, in die vor allem Neid hineinspielt;
- der durchschnittliche Analytiker, der sein Geld sehr hart verdient, missversteht den Reichen, der sein Geld auf andere Weise verdient oder es ererbt hat, leicht als faul und unnütz;
- besonders schwierig gestaltet sich die Gegenübertragung für den Analytiker, der die Reichen für Ausbeuter hält. Er wird grosse Mühe haben, seinen Patienten nicht zu missachten;
- der Analytiker übersieht leicht, bedingt durch seine klassenspezifischen Vorurteile, die Tatsache, dass die Reichen auch ihre -klassenspezifischen Leiden haben.
Als Angehöriger einer Minorität z.B. leben sie oft isoliert, einsam und mit dem typischen Misstrauen derJW kn- seiter. Auch sind gewisse Verhaltensweisen nicht Ausdruck von Arroganz und Ueberheblichkeit dem anderen gegenüber, sondern oft die Folgen schwerer Störungen der Objektbeziehung in der Kindheit - verursacht durch das Fehlen liebevoller Eltern wie durch den oft häufigen Wechsel der Beziehungspersonen (Kindermädchen, Erzieher);
- die Gewohnheit, sich anderer Menschen zu bedienen, ihnen die Diener-Rolle zu geben, kann Feindseligkeit auslösen, wenn der Analytiker sie als persönliche Entwertung und nicht als Rollenmerkmal versteht;
- die Gegenübertragung kann dadurch gestört werden, dass der Patient Andeutungen macht, dass er dem Analytiker durch seinen Reichtum oder seine Macht Vorteile verschaffen kann: Angebote von luxuriösen Ferienwohungen, Privatflugzeug, Einführung in bestimmte „höchste“ Kreise, Herstellung von Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten etc. Der Versuchung, den Verlockungen nachzugehen, wird jeder auf seine Weise widerstehen. Dies wird die Gegenübertragung so lange stören, bis der Analytiker darin weniger ein Zeichen der "Alles-ist-käuflich-Haltung" sieht als den Ausdruck einer inneren Unsicherheit, die nicht einfach davon ausgehen kann, dass man menschliche Beziehungen, Freundschaft und Liebe auch um seiner selbst willen haben kann;
- in ihrem Charakter als negative Einstellung zum Patienten wird gelegentlich eine Form von Zuwendung verkannt, die sich dadurch auszeichnet, dass der Analytiker besonders liebevoll zu diesen Patienten ist, ihnen besondere Angebote macht, weil er von den Leiden und Mangelzuständen ihrer Entwicklung so sehr beeindruckt ist und glaubt, sie durch Liebe und Fürsorge reparieren zu können.
Als letzten Punkt erwähnt Wahl ein Argument, das ich in meinem Text an mehreren Stellen bereits hervorgehoben habe: die Möglichkeit dieser Patienten zum Ausagieren, die weit über das hinausgeht, was in der Schicht des Analytikers erlaubt ist. ,Hier gerät der Analytiker aufgrund der Wertvorstellungen seiner Schicht besonders leicht in die Versuchung, moralisch zu beurteilen, was gar nicht in das Gebiet der Moral hineinfällt, und zu vergessen, dass unsere Aufgabe stets nur die sein kann, den Patienten aus seinen Bedingungen heraus zu verstehen.

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Diesen Beobachtungen Wahls kann ich nur wenige hinzufügen: Da ist einmal die Schwierigkeit, den Aerger über eine Gesellschaftsordnung, die Freiräume für Menschen toleriert, in denen sie weitgehend ausserhalb der sonstigen Rechtsnormen operieren können, nicht auf den Patienten zu übertragen, der uns von dieser Welt des Freibeutertums und ihren fast unbegrenzten Weiten berichtet.

Zum Schluss will ich auf die Frage eingehen, warum wir uns so schwer tun, in dem Reichen und Mächtigen, der Menschen und Dinge rücksichtslos und willkürlich manipuliert, einen Mann zu sehen, der seinen Vorteil wahrnimmt, gebotene Gelegenheiten ausnützt, erfindungsreich und risikofreudig ist? Im Prinzip tut er doch nichts anderes als alle anderen auch: Er nützt das bestehende System bis an die äussersten Grenzen der Legalität aus und findet jene Lücken im Gesetz, die ihm straffrei ermöglichen, seine Interessen zu verfolgen. Hat er nicht hochdekorierte Vorbilder?

Im Kriege zeichnet der Staat den Produzenten von Mordwaffen, der dazu beigetragen hat, dass der Krieg erst möglich wurde, aus. Der Staat, der den Krieg will, wird zur Quelle unendlichen Reichtums. Und ist nicht der Staat selber sein grosses Vorbild, von dem Freud sagt: „Der Staat untersagt dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts, nicht, weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak“ (1915b, 329). Und weder gegen den Kriegsgewinnler noch gegen den Staat haben wir eine gleich negative Einstellung wie gegen unseren Patienten - bei dem einen bewundern wir die grosszügige Vergabe seines Geldes an Wissenschaftler als Preis für Verdienste (Nobelpreis), bei dem anderen (Staat) richten wir uns ein und schaffen uns, von ihm profitierend, ein privates Wohlergehen. Es ist also der Patient, der uns durch das unmittelbare Miterleben verdeutlicht, was wir sonst übersehen und verdrängen, weil es unsere Ruhe stören würde. Der Patient macht also dem Analytiker - die meisten von ihnen sind politisch wenig interessierte Menschen - etwas spürbar, das er von sich fernhält und das über den Mittelstandspatienten, mit dem er das gleiche Skotom teilt, nicht an ihn herankommt. Dies zumal, weil er von einer psychologischen Theorie ausgeht, die ihn biographisches Elend als immergleiches - unabhängig von der sozioökonomischen Situation - verstehen lässt. Wird aber der Patient zum Beunruhiger, zu dem, der den Schlaf des Gerechten stört, dreht sich die analytische Situation um: Der Patient lehrt den Analytiker ein Stück Wirklichkeit kennen, die der Analytiker aus Angst vor den Konsequenzen nicht wahrnehmen will. Die Folgen für die Gegenübertragung können für den Patienten nur ungünstig sein.

Eine andere Ursache negativer Gegenübertragung liegt darin, dass wir durch Patienten, die fast unbegrenzte Möglichkeiten haben, mit Menschen und Dingen willkürlich umzugehen, an Lebensphasen erinnert werden, in denen wir im Zustand der Abhängigkeit solchen Figuren ausgeliefert waren. Damit wird uns die Möglichkeit genommen, uns mit dem Patienten zu identifizieren. Damit sind wir um das entscheidende Hilfsmittel unserer Arbeit, die in einem Dreierschritt - identifizieren, distanzieren, verbalisieren - vonstatten geht, gebracht. Wo sich der Analytiker aber als Mitmensch nicht mehr einfühlen kann, sind die Grenzen seiner Arbeit erreicht. Wir erleben also mit diesen Patienten dasselbe, was wir bei Patienten erleben, die uns von grausamen Kindesmisshandlungen berichten oder davon, dass sie zur Erreichung sexueller Lust etwa Kinder verstümmeln müssen: wir identifizieren uns mit dem Opfer und fühlen Ablehnung und Entsetzen gegen den Täter.

Warum gelingt uns - mittlerweile selber Eltern, Autorität, Chef, Leiter eines Psychoanalytischen Institutes etc. - nicht das Gegenteil, die Identifizierung mit dem Mächtigen? Es würde Triebwünsche in uns mobilisieren, welche die Verdrängungsarbeit, die wir in unserem Sozialisationsprozess leisten mussten, rückgängig machen könnten. Damit fiele uns die Aufgabe zu, jene tiefen Angst- und Schuldgefühle wegen des Hasses gegen die Eltern durchzuarbeiten. In solch bedrohliche Lage bringt uns der Patient. Unsere Abwehr aber hindert uns, ihn verstehen zu können.
Noch eine andere Gefahr droht dem Analytiker, der sich mit den Opfern dieser Patienten identifiziert. Würde die Analyse vorangehen, würde sie den Analytiker zwingen, seine Identifikation zu bearbeiten.
Dabei könnte es passieren, dass die Kehrseite der Identifikation mit dem Opfer zutage träte, nämlich der Hass auf die Unterdrücker. Zwar lassen sich die infantilen Rachephantasien bearbeiten, aber wie steht es mit der Wut über die realen Vertreter von Willkür, Unrecht und Gewalt? Auch auf diesem Wege könnte der Schlaf des Gerechten gestört werden, d.h. der Analytiker fände sich in der politischen Realität wieder.
Wir haben festgestellt, dass es zwei Faktoren gibt, welche die Anwendung der psychoanalytischen Behandlung bei Angehörigen dieser Schicht erschweren. Einmal sind es Faktoren, die in der Schichtzugehörigkeit des Patienten, einmal solche, die in der Schichtzugehörigkeit des Analytikers liegen. Auf der einen Seite zeigte sich, dass diese Patienten letztlich ihre Konflikte auch ohne Psychoanalyse bewältigen können.
Sie sind weder gezwungen, ihre Trieb-Abwehr-Struktur zu verändern, noch zu sublimieren, um gesund zu werden - anstatt sich zu verändern, verändern sie die Welt. Eine Variante dieses Vorgangs ist das Agieren, das, weil es unkontrolliert und ungestraft ablaufen kann, erfolgreiche Konfliktlösungen garantiert. Ferner lernten wir die schützende Funktion der Rollenidentifikation innerhalb einer Gesellschaft kennen, die als geschlossene Herrschaftsschicht fungiert. Auf diese Weise sind Identitätskrisen, welche eine Umbildung und Neuordnung erforderlich machen, weitgehend ausgeschlossen. Schliesslich konnten wir beobachten, dass die Patienten sich von den Angeboten des Analytikers geängstigt und bedroht fühlten, und mussten erkennen, dass es sich hier um reale Bedrohungen handelt. Die „Weltanschauung“ des einen schliesst die Berührung mit dem Vertreter der anderen „Weltanschauung“ aus. Wir haben also eine Verständigungsschwierigkeit vor uns, wie sie sich zwischen Vertretern zweier verschiedener ethnischer Gruppen ereignet. Auf der anderen Seite findet genau der gleiche Vorgang des Nichtverstehens statt: Der Analytiker verliert seine therapeutische Funktion da, wo die „Weltanschauung“ des Patienten der seinen diametral entgegengesetzt ist. Das Nichtverstehen kann sich bis zu einer negativen Einstellung gegen den Patienten steigern, - wenn er sich von gewissen klassenspezifischen Verhaltensweisen seines Patienten angegriffen fühlt, wie es für seine eigene Klasse typisch ist;
- wenn er die Vorurteile seiner Klasse wiederholt, indem er Bewunderung, Abhängigkeit, Verurteilung und Auflehnung verspürt;
- wenn er durch den Patienten eine politische Wirklichkeit kennenlernt, die er von seinen bürgerlichen Mittelstandspatienten nicht erfahren kann. Der Patient stört dadurch die bürgerliche Idylle einer Psychoanalyse, die die Einbeziehung der gesellschaftlichen Faktoren in das Arbeitsfeld des Psychoanalytikers vermeiden möchte;
- wenn der Patient sich z.B. in seiner klassenspezifischen Rücksichtslosigkeit gegen Abhängige offenbart und der Analytiker sich mit den Opfern identifiziert.

Wie gross der Unterschied dieser Schicht zur bürgerlichen Mittelschicht in bezug auf die psychoanalytische Therapierbarkeit auch immer sein mag, in einem Punkte stimmt sie mit ihr überein:
In der Krise können ihre Mitglieder die psychoanalytische Behandlung akzeptieren - und zwar nicht nur als medizinisches Verfahren zu Behebung von Krankheits- oder Leidenszuständen, sondern auch als Erkenntnisvorgang, als Instrument zur Einsicht in ihre gesellschaftliche Situation. Die Natur der Krise wird sich jedoch wieder wesentlich von der Mittelschicht unterscheiden. In der Regel wird sie weniger auf einem inneren Konflikt beruhen als vielmehr auf Erschütterungen der äusseren Sicherheit.
So sehen wir sie z.B. als Patienten in unseren Sprechzimmern erscheinen, nachdem der wirtschaftliche Zusammenbruch stattgefunden hat oder nach dem Verlust der Zugehörigkeit zu ihrer Schicht.

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PSYCHOPATHIE und Soziopathie als gesteigerter Narzissmus mit starken sozialen Folgen

"Psychopathen rauben keine Bank aus, sie werden Bankenvorstand"

Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit

................... vgl. auch das Paranoia-Unterkapitel weiter unten sowie das Esoterik-Kapitel mit den Abschnitten zu Populismus und Nazismus.

Verführen, Belügen, Manipulieren aus psychologischer Sicht

Es gibt wenig in unserer Zeit und Gesellschaft, was so empört - aber auch wütend und hilflos zugleich macht. Gemeint sind Betrug, Verführung, Lüge, Manipulation, kurz: Täuschungs-Verbrechen. Und dies auch noch an den Hilfloseren, oft auch Älteren, Alleinstehenden, vom Leben ohnehin Benachteiligten.
Deshalb stellt sich oft die Frage: Was sind das für Menschen? Irgendetwas muss doch - neben genetischen, wirtschaftlichen oder sonstigen Einflüssen - diese Persönlichkeits-Entwicklung folgenschwer geprägt haben. Was weiß also die Wissenschaft, vor allem die forensische Psychologie und Psychiatrie dazu zu sagen? Was sind die Motive, Hintergründe, Gelegenheiten, am Schluss aber auch die folgenreichen Fehl-Entscheidungen, vor allem Fehleinschätzungen und damit das juristische Ende einer solchen „Laufbahn“?
Und zuletzt: Kann man diese Menschen ändern, therapeutisch? (Volker Faust in "Psychiatrie heute")
Man hakt das "Verführen, Belügen, Manipulieren, kurz: grenzwertiges bis eindeutig kriminelles Verhalten zu Lasten seiner Mitmenschen, gerne unter „Alltag“ ab, als unerfreulicher Preis bösartigen zwischenmenschlichen Verhaltens.
Manchmal hat man Mitleid, manchmal sogar eigene Befürchtungen, zumindest ein ungutes Gefühl. Aber immerhin: Man ist wenigstens nicht selber betroffen. Und eine gewisse Mit-Schuld „blau-äugiger“, unvorsichtiger oder vielleicht sogar gewinn-süchtiger Opfer ist auch nicht auszuschließen. Jetzt sind sie sicher schlauer, aber auch ärmer und verbittert. Vielleicht trifft sie’s nicht so hart, hoffentlich; vielleicht trifft es aber auch in gnadenloser Ungerechtigkeit hilflose, oft ältere Mitmenschen. Auf jeden Fall: Ein weiteres Beispiel für: „So schlecht können Menschen sein“. Und das vor unserer Haustür, in einer doch ansonsten "heilen Welt" (Volker Faust).

AMOK oder das überforderte Individuum in einer entfesselten Multioptionsgesellschaft

»Gesetzt den Fall, Sie sind noch nie Amok gelaufen: wie erklären Sie es sich, dass es noch nie dazu gekommen ist?«
(angelehnt an: Max Frisch (19xx: 22. Frage in den Tagebüchern 19xx-xx), S. xxxxx)

Pathologischer Narzissmus

Gesteigerter Narzissmus: Psychopathie, Soziopathie und Paranoia

Nachdem wir nun definitiv die Grenze zwischen normalem und pathologischem Narzissmus überschritten haben und nun zu den ganz grossen Gefühlen der Verletzung, Kränkung, Wut und Aggression kommen, m öchte ich zuerst die etwas sanftere Definition von Kohut thematisieren, bevor wir dann mit Kernberg beim Todestrieb und den eher kriegerischen Ansichten zur Narzissmus-Regulation gelangen:

Heinz Kohuts besonderes Konzept bezüglich der Aggression ist die narzisstische Wut, die eine Reaktion auf schwere narzisstische Kränkungen sein kann. Die narzisstische Wut kann Ausmaße annehmen, die das Mass normaler Aggression als Zeichen eines Aggressionstriebes oder des Wut-Affektes bei weitem überschreitet. Kohut (1973b) beschreibt dieses Phänomen wie folgt:

Theweleits "Das Lachen der Täter" - Warum Menschen Lust am Töten haben

Klaus Theweleit: Emeritierter Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Schriftsteller und Fußball-Fan.
Er nimmt mit "Das Lachen der Täter" seinen eigenen Anfangsfaden aus den "Männerphantasien" von 1977 wieder auf.
Das Töten ist nicht abstrakt: Dieser rote Faden zieht durch "Das Lachen der Täter" von Klaus Theweleit. Sein Versuch, scheinbar unbegreifliche Gewaltorgien zu erklären, ist für die Leser harter Stoff.
"Das Töten ist kein abstrakter Vorgang; das Erlernen des Tötens schon gar nicht. Jedes Detail der Zerstörung ist körperlich."
Diese scheinbar binsenweise Feststellung ist der rote Faden, aus dem Klaus Theweleit sein "Psychogramm" knüpft. Die zentralafrikanischen Kindersoldaten, deren Tötungszurichtung er Uzodinma Iwealas Roman "Du sollst Bestie sein!" entnimmt, sind nur ein Beweis. Andere Beispiele liefern Kambodscha, Indonesien, Ruanda, Guatemala, ethnische Säuberer auf dem Balkan, uniformierte Mörder des Nazistaats, Lynchmobs und CIA-Folterer der USA, IS-Dschihadisten. Und Anders Breivik, der das ideologische Unterfutter zu seiner Tat gleich mitliefert.

Die vier Elemente von Gewaltorgien
In Breiviks "Manifest" finden sich alle vier Elemente, die angeblich unbegreiflichen Gewaltorgien eigen sind: 1. die Tat bleibt straflos, sie passiert außerhalb geltenden Rechts; 2. sie ist bühnenartig inszeniert; 3. sie wird gefeiert, 4. sie erfolgt in "höherem Auftrag" – eines Staates (der deutschen Nationalsozialsten etwa), eines Widerstands (zur "Rettung des Abendlands" wie bei Breiviks Tempelrittern) oder gottbefohlen.
Zum Feiern gehört ein verstörendes Dauer-Gelächter. Breivik lacht laut hinter den Flüchtenden her; Ruandas mordhetzender Radiosender hat einen "Houseclown"; IS-Postings sind voller Smileys; indonesische Folterer veranstalten fröhliches Re-Enactment ihrer Taten; Wehrmachtsoldaten erzählen sich schenkelklopfend von Massenerschießungen. Auch "normale" Politiker beherrschen es: Die Dulles-Brüder, US-Außenminister John Foster und CIA-Chef Allen, posieren lachend mit Staatschefs, deren Tod sie längst planen.

Wie werden junge Männer zu Killern?
Das Gewebe, das Theweleit knüpft, ist nicht hermetisch-dogmatisch. Es ist breitmaschig, verknotet Schnittmengen, lässt Luft zum Selberdenken, auch zum Widersprechen. Er springt durch Zeiten und Räume, assoziativ, in Gedankenprosa, er referiert und zitiert ausgiebig – Reportagen wie Theorien. Und natürlich nimmt er seinen eigenen Anfangsfaden aus den "Männerphantasien" (1977) wieder auf: den Komplex "Männer-Körper(lichkeit)" und ihre Beziehung zu Herrschaft, Gewalt, Kriegslust, Tod. Wie wird aus einem zarten, verwundbaren kleinen Jungen der killer-kompatible "fragmentarische Körper"? Denn in allen Fällen, die uns heute entsetzen, geht es um Jungs auf dem Weg zum Mannwerden – das heißt, ganz zentral, um die Körpererfahrung namens Sexualität. Die Frage danach ist Theweleits Glutkern, dass sie selbst heute angesichts all der mordenden Adoleszenten nicht gestellt wird, feuert ihn auch zu ein paar massiven Attacken an.
"Das Lachen der Täter" ist harter Stoff. Und das ist gut so. Nach der Lektüre ist einem die ganze neue "Fun!"-Kultur endgültig vergällt. Aber auch gegen die hilft das andere, das subversive Lachen "von unten nach oben", das einen übermächtigen Feind auf Menschenmaß stutzt. Dieser, auch sehr körperliche Aspekt fehlt bei Theweleit. Aber diesen "Faden" spinnen andere furiose Autoren, aus den Witztraditionen, mit denen verfolgte Minderheiten überall und zu allen Zeiten zu überleben versuchen.
Quellen:
Pieke Biermann: Rezension zu Theweleit 2015 im Deutschlandradio
Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter, Breivik u.a., Psychogramm der Tötungslust. Residenz Verlag, Wien 2015

Wie kann einer, der normal wirkt, einen Flugzeugabsturz herbeiführen?

Stichworte: Kontextalismus, ...

Die Frage ist falsch gestellt findet BUND-Leitartikler Jean-Martin Büttner, denn:
"Normal heisst nicht unauffällig.
Als der Co-Pilot den Sinkflug des Airbus A320-211 eingeleitet hatte mit der Absicht, das Flugzeug in den Berg zu lenken; als der Pilot von aussen an die Tür schlug; selbst nachdem die Passagiere im Flugzeug zu schreien angefangen hatten, weil sie realisierten, was mit ihnen geschehen würde – während dieser ganzen Zeit, sie dauerte acht Minuten, blieb es im Cockpit still. Das ergibt die Analyse des Stimmenrekorders, die der leitende Staatsanwalt am Donnerstag veröffentlichte. Das Gerät registrierte nichts ausser den Atem des Co-Piloten. Und der atmete ruhig und regelmässig.
Ein häufig gehörter Satz über das Leben von Massenmördern: Es ist normal verlaufen. Viele der jungen Männer aus dem Westen, die sich den islamistischen Terrormilizen anschliessen, haben eine normale Kindheit durchlaufen. Wenige Nachbarn von Familien, deren Leben in Mord und Selbstmord endete, haben Abnormales bemerkt. Viele Amokläufer an amerikanischen Schulen waren normal zur Schule gegangen, bevor sie ein Maschinengewehr mitnahmen.

Nach letzten Ermittlungen litt der 27-jährige Co-Pilot an einer Krankheit, die er seinem Arbeitgeber verschwiegen hatte. Aber auch er scheint ein normales Leben geführt zu haben, unspektakulär wie ein Linienflug.
Etwas Willkürliches Gerade das macht ihn im Nachhinein so bedrohlich. Wenn ein Täter sich bis zu seiner abnormen Tat normal verhält, lässt er sich nicht als geistig verwirrt, psychotisch oder fanatisch aussortieren, es gibt keine Erklärung für sein Verhalten, von dem sich die anderen distanzieren könnten.
Wenn sich keine schweren Schäden in einer Täterbiografie finden, lässt sich seine Tat noch schwerer deuten oder gar nicht. Das macht sie noch gefährlicher, weil sie etwas Willkürliches bekommt.
Wenn ein normaler Mann den Beschluss umsetzt, 149 Menschen und sich selber umzubringen, offenkundig ohne Hass oder Fanatismus oder Psychose, was ist dann von dieser Normalität zu halten?
Die Frage ist falsch gestellt, weil das entscheidende Wort nicht stimmt. Wer in diesem Kontext normal sagt, meint unauffällig. Das heisst aber nicht dasselbe. Normalität hängt von Kontexten ab: kulturellen, ethnischen, historischen, situativen. In einem Fussballstadion trinkt man Bier aus dem Becher, im Schauspielhaus Champagner aus dem Glas. Am französischen Hof war es normal, Parfüm statt Seife zu benutzen, jede Ecke war ein WC. Das kleine Volk der Urapmin in Papua-Neuguinea betrieb bis in die Sechzigerjahre hinein Kannibalismus, es w ar die anerkannte Weise, mit toten Feinden umzugehen. In manchen katholischen Ländern gelten Marien-Erscheinungen als Ausdruck von Glauben, nicht von Psychose. In Ruanda wurde der Genozid zum Alltag.
Das Fehlen von Gefühlen Normalität meint ein der Situation angemessenes Verhalten, Unauffälligkeit ist eine anpasserische Leistung, das Vermeiden von Auffälligkeit. Unauffällig wirkt normal, kann aber das Gegenteil implizieren.

Viele Pädophile bleiben unauffällig. Psychopathen können sich völlig unauffällig verhalten, gerade weil sie keine Empathie für andere empfinden, keine Nervosität oder Scham.
Das Fehlen von Gefühlen bei ihren Patienten macht Psychologen besonders Sorgen. Depression ist eine unauffällige Krankheit, der Schwermütige versinkt in sich selber. Unauffälligkeit kann bis zur Selbstverleugnung gehen.
Ein Flugzeug voller Passagiere zerschellen zu lassen: Das ist nicht normal, wäre es zu keiner Zeit und in keinem Kontext. Warum der Co-Pilot es getan hat, warum er nicht nur sein eigenes Leben, sondern das seiner Passagiere und Kollegen beenden wollte, lässt sich nicht erklären, weil noch zu wenig über ihn bekannt ist.
Möglicherweise wird es nie eine Erklärung geben.
Aber dass der Täter ein unauffälliges Leben geführt hat: Das ist noch kein Widerspruch zu seiner Tat.
Quelle: DER BUND vom 28.3.2015, S. 5
http://www.derbund.ch/panorama/vermischtes/Der-ruhige-Atem-des-CoPiloten/story/28365615



AMOK und School Schootings

In Malaysia und Java ist Amok ein uraltes kulturelles Phanomen und gilt als Ausdruck dafur, dass die gesellschaftliche Harmonie gestört ist (Albrecht, R. 2002, S. 143), wodurch eine unmittelbare Verbindung zu den sozialen Bedingungen des Amok hergestellt wird. Das Phänomen 'Amok' taucht jedoch auch ausserhalb seines kulturellen Herkunftgebietes auf. Wissenschaftlich untersucht und beschrieben wird es seit 1926.
Charakteristisch für den Amoklauf ist seine Dynamik der Tötung und Zerstörung, die, ist sie erst einmal in Gang gekommen, oft nur mit Gewalt zu stoppen ist. Häufig folgt auf die Amoktat ein Suizid oder die Tötung des Amokläufers durch Sicherheitskrafte ("suicide by cop") (Hermanutz/Kersten 2003, S. 95f.). Als weiteres Spezifikum des Amoklaufs gilt die "Zufälligkeit der Opferwahl" (Eisenberg 2000, S. 31): Jeder, der zufällig zugegen ist und in das Blickfeld des Täters gerät, ist ein potentielles Opfer desselben.
Von dieser ursprünglichen, kulturell verankerten Erscheinungsform des Phänomens haben sich die Vorfälle, die sich in den letzten Jahren gehäuft an Schulen ereignen, ein Stück weit emanzipiert. Zwar werden auch sie als 'Amok' oder 'Amoklauf' bezeichnet, jedoch weisen sie spezifische Charakteristika auf, die vom ursprünglichen Amok abweichen. Denn die amokartigen Vorfälle an Schulen zeichnen sich in den meisten Fallen durch ein sehr gezieltes, auf bestimmte Personen oder Personenkreise begrenztes Töten aus und weniger durch die für Amok charakteristische 'Blindwütigkeit' (Hermanutz/Kersten 2003, S. 97).
Das Medienspektakel kann, gerade für narzisstische Jugendliche, einen Anreiz darstellen, sich selbst zu Inszenieren. Der Medienrummel, der zu erwarten ist, kann dem Täter schon vorweg das Gefühl geben, "grossartig" und "lebendig" zu sein (Eisenberg 2002a). Eisenberg sieht damit in den Medien "Modelle des Fehlverhaltens", die zur Nachahmung anreizen, weil zukünftige Täter sich mit medial dargestellten Charakteren identifizieren können. Da den School Shootings in der Berichterstattung häufig eindimensionale Ursachen zugeschrieben werden, betrachten zukünftige Täter einen Amoklauf als Lösungsweg für ähnliche Lebenslagen (Robertz 2007, S. 15).
Als gesamtgesellschaftliche Wirkmechanismen, die sich in der Tat des Robert Steinhäuser (dem Amokläufer von Winnenden) ausdrücken, macht Richard Albrecht "Prozesse von Enttraditionalisierung, Bindungslosigkeit und Sinnverlust im Prozess beschleunigter Modernisierung" (2002, S. 144) aus. Diese Faktoren, die sich auch als "Differenzierung - Pluralisierung - Individualisierung" fassen lassen, bilden den Inhalt dessen, was als "Anomie" bezeichnet wird (ebd.). Albrecht stellt diese Verfallserscheinungen damit in den Zusammenhang gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse.
Quelle: Birte Hewera (2010). School Shootings und Amok - Perspektiven der Gewaltforschung. In: Imbusch, Peter (Hrsg.). Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt, S. 270ff.

Götz Eisenberg: AMOK aus psychoanalytischer und soziologischer Sicht

Auch Götz Eisenberg siedelt in seinem psychoanalytisch orientierten Ansatz die Bedingungen für Amokläufe auf der gesellschaftlichen Ebene an, sofern diese sich auf der individuellen Ebene widerspiegeln. Fur den Amoklauf ist ein vorgangiger Prozess der "Ent-Gesellschaftung" (Eisenberg 2002a) konstitutiv. Das individuelle Resultat ist ein "anomisch vereinsamter Mensch", der aus der "gewohnten Ordnung der Dinge" herausgefallen ist und damit den "sozialen Tod" stirbt. Dieser gesellschaftliche Konflikt wird im seelischen Innenraum "ausgebrütet" und fordert längst vergangene Kränkungen und Zurückweisungen wieder hervor, die der Täter dramatisiert.
Im Falle des Robert Steinhauser vermutet Eisenberg, dass es der Schulverweis war, der seine "narzisstische Achillesferse" getroffen und seinen tiefgreifenden Fundus an Selbstzweifeln", entstanden in frühester Kindheit, wachgerufen hat (Eisenberg 2002b). Auf dieses Ereignis folgte der Rückfall in regressive Formen der Konfliktbewältigung, welcher die Welt in gut und böse einteilt, so dass sich die Ohnmacht und die daraus resultierende Wut im Folgenden von ihrer Verursachung abgelöst und auf andere Objekte verschoben hat. Die Frage, warum ein Mensch sich unter dlesen Bedingungen nicht zu einem einfachen Suizid entschliesst, beantwortet Eisenberg mit der "narzisstischen Katastrophe", die die Gefühle von Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit beim Täter auslösen können und die durch die gewaltsame Verlagerung auf die Aussenwelt abgewendet wird (Eisenberg 2002a). Für die Haufung der Vorfälle von Amok macht Eisenberg bestimmte Entwicklungstendenzen innerhalb der Gesellschaft verantwortlich. So würden sich die ökonomischen und sozialen Deregulierungsprozesse, die Begleiterscheinungen des "flexiblen Kapitalismus" (Sennett) ausdrücken, die sich in psychischen Deregulierungen widerspiegelten. Durch die Anforderungen des flexiblen Kapitalismus bildeten die Menschen eine nur noch fragmentarische, borderline-artige Identität aus. Die ehemals etablierte Selbstzwangapparatur verliere damit an Wirksamkeit und die ohnehin vorhandene narzisstische Wut könne kaum noch gebremst werden. Diesen Prozess bezeichnet Eisenberg als "Innenseite der Globalisierung" (Eisenberg 2002a): Die Marktmechanismen würden auch auf die privaten, familiären Beziehungen übertragen. Die frühere autoritäre Erziehung sei nur scheinbar einer Erziehungsform voller Verständnis und Duldsamkeit gewichen. Tatsächlich machen sich in vielen Familien Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit gegenüber den Kindem breit, was "neuartigen Formen der Kindesaussetzung" (Eisenberg 2002b) gleichkommt.
Dadurch werden vor allem Kinder und Jugendliche hervorgebracht, deren "kalte Schonungs- und Rücksichtslosigkeit, moralische Indifferenz und latente Feindseligkeit jederzeit in Hass umschlagen kann." (Eisenberg 2002a). So ist es die durch diese gesellschaftlichen Faktoren ausgelöste Regression auf primitive psychische Abwehrmechanismen, die in Kombination mit archaischer narzisstischer Wut fur Amok und Terror verantwortlich sein kann.
Die ursachenorientierten Erklärungsansatze zielen damit auf individuelle, soziale und okonomische Prozesse ab, durch die die Bezie hungen zwischen den Menschen verändert und die Möglichkeiten der Herausbildung stabiler Persönlichkeiten erschwert werden. Amok wird als Symptom für die Schattenseite n der Modernisierung betrachtet. Die Frage, wie man Amoklaufe verhindern kann, wird aus der Auseinandersetzung mit den vermeintlichen Ursachen abgeleitet (vgl. dazu Waldrich 2007: 114ff.)
Quelle: Birte Hewera (2010). School Shootings und Amok - Perspektiven der Gewaltforschung. In: Imbusch, Peter (Hrsg.). Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt, S. 243-292.

Aggression als Folge sozialer und emotionaler „Kälte“

Eisenberg, geb. 1951, orientiert sich einerseits an Gedanken Freuds, darüber hinaus zieht er neuere Untersuchungen der tiefenpsychologischen Jugendforschung heran. Eisenberg arbeitet als Gefangnispsychologe und hat mehrere Bücher zur Gewaltproblematik veröffentlicht. Er schenkt vor allem der „Vaterlosigkeit“ in der gegenwärtigen Gesellschaft Beachtung. Die Problematik einer solchen Entwicklung beschrieb schon vor Jahrzehnten Alexander Mitscherlich.
Nach Eisenberg ist Aggressivität meist die Folge von Erfahrungen „emotionaler Kälte“: Kinder erleben schon früh unzureichende Zuwendung und elterliches Desinteresse - häufig als vermeintliche Liberalität legitimiert. Er begründet diese Annahme damit, dass viele Kinder ohne Väter aufwachsen oder diese kaum mehr als wichtige Bezugspersonen wahrnehmen. Deshalb fehlen ihnen erwachsene Partner, die sie bewundern können, denen sie nacheifern wollen und deren Anforderungen sie sich gerne unterwerfen. Gleichzeitig versuchen Mütter, die Kinder entweder zu sehr an sich zu binden, oder sie vernachlässigen diese zu sehr.
Infolgedessen bilden diese Kinder kaum Urvertrauen aus, erfahren zu wenig „konturierte Persönlichkeiten“, die ihnen innere Sicherheit vermitteln und sie motivieren, sich dem Leben zu stellen und so eine frühkindlich narzisstische (rein selbstbezogene) Haltung zu überwinden. Sie wünschen sich fortwährend innere Geborgenheit und Sicherheit, die sie nicht finden, und kompensieren dieses Defizit mit vermeintlich grandiosen Erfahrungen. Drogen etwa können entsprechende Erlebnisse hervorrufen.
Auch ein Amokläufer sucht ein einmaliges Erleben von Grandiosität. Nach Eisenberg befindet er sich in gewissem Sinne noch immer im Entwicklungsstadium eines Kleinkindes.
Damit ändert sich z.B. die Aufgabe der Schule massiv. SchülerInnen sind häufig auf der Suche nach konturierten Persönlichkeiten, welche ihnen helfen können, aus dem eigenen Narzissmus, aber auch der eigenen Unsicherheit herauszufinden. Sie bedürfen der Erfahrung, dass sie Erwachsenen vertrauen und ihnen etwas Zutrauen können, ihnen vielleicht sogar nacheifern wollen. Ohne solche Erlebnisse im Kindergarten, in der Schule oder in der Freizeit suchen sie sich zwangsläufig fragwürdige andere Orientierungen, die sie nicht von ihrem Narzissmus befreien können, sondern vielmehr in ihren diffusen Wünschen, z.B. nach Grandiosität, bestärken. Killerspiele beispielsweise geben den Spielenden das Gefühl von Stärke und Macht.

Götz Eisenberg in einem ZEIT-Interview aus dem Jahre 2002:
"Dem Amoklauf scheint der soziale Tod vorauszugehen: Ein Mensch fällt aus seiner Ordnung der Dinge und brütet im Privaten und im Innern über seinen Unglücksvorräten. Die Erfahrungen von Unglück, Demütigung, Kränkung sind dann am explosivsten, wenn sie nur noch in sich kreisen.
Gesellschaftliche Konflikte stauen sich in einem seelischen Innenraum, der zu eng ist - bis sich die im Innern tobende Schlacht nach außen verlagert. Die Vorstellung, andere Menschen in Furcht und Schrecken versetzen zu können, wird zu einer Quelle von Macht- und Ueberlegenheitsgefühlen. Um dem unerträglichen Gefühl von Angst und Ohnmacht zu entgehen, wird das Innere selbstmörderisch und mörderisch aussen in Szene gesetzt" (Die Gewalt aus der Kälte, ein Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler und Amok-Experten Götz Eisenberg mit der Zeit-Journalistin Elisabeth von Thadden).

Amok als ein „Abkömmling“ (S. 50) alltäglicher Gewalt ist ein Produkt sozialer Kälte, die in allen gesellschaftlichen Schichten zu beobachten ist. So dreht sich eine der zentralen Thesen darum, dass Amokläufer nicht erst mit der Tat, sondern bereits vorher einen sozialen Tod gestorben sind.
Sie nutzen das Töten als „grausige Ventilsitte“ (S. 241), um Gesichtsverlust, Kränkungen und permanente Frustrationen in einem für sie nicht zu bewältigenden gesellschaftlichen Leben zu überwinden.
Sie nehmen es mit den letzten ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln selbst in die Hand, damit sie nie mehr ein Mensch vergisst.
Darüber hinaus sieht Eisenberg eine Erklärung für Amokläufe im „medialen Narzissmus“, der bei Planung und Durchführung eine immense Rolle spielt, etwa bei der Wahl des Zeitpunktes.
Ueber die Medienlandschaft wird mit Hilfe des Amoklaufs eine "grandiose Selbstinszenierung" (S. 33) betrieben.
So wird die "Wahrnehmung der Zuschauer [zum] eigentliche[n] Ziel der Tat, nicht ein bloßer Nebeneffekt. Die Medien stellen Resonanzräume zur Verfügung, vermitteln Spiegel- und Echowirkungen für das unstillbare Bedürfnis nach Gesehen- und Gehörtwerden" (S. 58).
Zudem gestalte es sich schwierig, dem Amoklauf präventiv zu begegnen, obwohl die Gesellschaft mit Hilfe „sozialpolitischer Palliativmedizin“ (S. 69) alles daran setzt. Palliativ insofern, da deren Maßnahmen nicht auf Heilung der Grunderkrankung abzielen, sondern lediglich auf Symptomkontrolle. „Die Krux der Amokprävention besteht im Kern darin, dass das, wonach man sucht, die personifizierte Unauffälligkeit und Durchschnittlichkeit ist" (ebd.).

Unter anderem kommt er zu dem Schluss: "Kriminalität insgesamt stellt ein Feld zur Verfügung, eigene Traumata, Konflikte und Frustrationen chiffriert zu thematisieren und auszuagieren" (S. 149). Und, „wenn die Täter krank sind, so sind sie nicht kränker als die Gesellschaft, in der sie (und wir) leben“ (S. 210).

„Immer mehr Menschen durchqueren die Stadt als offene narzisstische Wunden und lebende Spaltungen, die auf der Suche nach einer Bestätigungsmöglichkeit für ihre Projektionen oder einen Container für innere Ängste und Wut sind. Das, was sie im Inneren bedroht und in Angst versetzt, wird nach außen gestülpt und im anderen deponiert“ (S. 181).
Sehr niveauvoll versucht Eisenberg immer wieder die Frage aufzugreifen, wie sich "angepasste" Individuen unter hiesigen Verhältnissen psychodynamisch verändern bzw. verändern müssen. So konnte ich Folgendes als ein Motto seines Buches erkennen: "Eine Gesellschaft, die nur noch den kategorischen Imperativ der Bereicherung kennt, bekommt die Kinder, die sie verdient!" Und darüber hinaus, so möchte ich ergänzen, auch erziehungsunfähige Eltern, identitätslose Jugendliche und vollkommen entsolidarisierte und fragmentierte junge Männer und (zunehmend) auch Frauen...

"Das Leben in einer vom Markt und seinen Gesetzen vollkommen beherrschten Gesellschaft zwingt die Menschen zu einem Leben in einem Zustand permanenter Verteidigung und Aggression. Wer vorwärts kommen und nicht irgendwann zu den Herausgefallenen und Überflüssigen gehören will, muss sozialdarwinistische Tugenden und Haltungen wie Skrupellosigkeit, Härte und kalte Schonungslosigkeit an den Tag legen. Mitgefühl mit sich und anderen bedeutet in einer Marktgesellschaft Untergang und sozialen Tod“ (S. 158).

Das Phänomen Amok erscheint geradezu als ein „neuer Modus der Spannungsabwehr im Verhaltensrepertoire“ (S. 17) der Menschen und wird so zu einer typischen, das globale Zeitalter auszeichnenden kriminellen Erscheinungsform.

Eisenbergs Analyse ist mehr noch als ein wichtiger Beitrag zu einer Debatte, die die kapitalistische Gesellschaft an ihrer Achillesferse trifft. So sehr sich die Marktwirtschaft mit der dazugehörigen Ideologie auch zu schützen versucht, bekommt sie die unerwünschten Folgen ihrer eigenen (wohl kalkulierten) Entwicklung immer heftiger zu spüren. „Wenn es uns, den heute lebenden Menschen, nicht gelingt, das Steuer herumzureißen und den Wahnsinn des losgelassenen Marktes zu stoppen, drohen wir am Ende Zeugen eines marktwirtschaftlichen Amoklaufs zu werden, von dem wir alle betroffen sind, nämlich als Opfer“ (S. 249). – Man denke nur an den Aberwitz zeitgenössischer Finanzblasen-Oekonomie oder die sozialen und ökologischen Folgen des Raubbaus an der Natur.

Quellen und Weiterführendes:
- Albrecht, Günter (2002). Soziologische Erklärungsansätze individuel1er Gewalt und ihre empirische Bewährung. In : Heitmeyer, Hagan (Hrsg.). Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden.
- Albrecht , Richard (2002): Ueber Amokläufer und Mehr. Diskurs nach der Erfuner Bluttat über die Schattenseiten der Moderne. In: Recht und Politik. Vierteljahreshefte für Rechts- und Verwaltungspolitik, Jg. 38, Nr. 3, S. 143-152.
- Arendt, Hannah (1970). Macht und Gewalt, München.
- Eisenberg, Götz (2010). "... damit kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind". Pattloch
- Eisenberg, Götz (2000). Amok - Kinder der Kalte, Uber die Wurzeln von Wut und Hass, Reinbek. - Eisenberg, Götz (2002a). Die niedergerissenen Grenzen im Inneren des Menschen. Ober den Zusammenhang von Amok als kulturellem Muste r und den Lebensbedingungen in globalisierten Gesellschaften. In: Frankfurter Rundschau vom 3.05.2002
- Eisenberg, Götz (2002b). Die menschlichen "Ungeheuer" entspringen unserer Normalität. Nach dem Amoklauf von Erfurt, in: Frankfurter Rundschau vom 11.05.2002.
- Falck, Joschka (2010). "... damit mich kein Mensch mehr vergisst!" Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind - Rezension des gleichnamigen Buches von Götz Eisenberg
- Hewera, Birte (2010). School Shootings und Amok - Perspektiven der Gewaltforschung. In: Imbusch, Peter (Hrsg.). Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt, S. 243-292.
- Robertz, Frank J. (2007). Erfurt - 5 Jahre danach, in: Hoffmann, Wondrak (Hrsg.). Amok und zielgerichtete Gewalt an Schulen. Früherkennung / Risikomanagement / Kriseneinsatz / Nachbetreuung, Frankfurt/M.
- Waldrich, Hans-Peter (2007). In blinder Wut. Warum junge Menschen Amok laufen, Köln.



An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf Otto F. Kernberg zurückkommen, weil seine Einteilung der narzisstischen Störungen in Schweregrade bzw. in Charakterniveaus, sehr wichtig und elementar fürs Verständnis solch brutaler und bizarrer Erscheinungen wie Serienmord, Sadismus, Folter etc. sind:

Destruktiver und maligner Narzissmus

Quelle: Dammann et al. (2012). Narzissmus. Kohlhammer.
Das Spektrum der schweren narzisstischen Störungen reicht von der

1. narzisstischen Persönlichkeitsstörung (noch vorhandene Fähigkeit, »Gutes« im Anderen anzuerkennen; ein internalisiertes Wertsystem kann in der Regel aufrechterhalten werden etc.) über

2. das Syndrom des malignen Narzissmus (die Fähigkeit, einzelne Objektbezeichnungen aufrechterhalten zu können, ist noch vorhanden - allerdings sind diese zumeist hochidealisiert; es finden sich starke paranoide Tendenzen und ein Wechsel von »psychopathischen« [scheinbare Anpassung bei eigentlichem Dominieren-Wollen] und »paranoiden« Übertragungsformen [sich verfolgt fühlen]) bis hin zur

3. antisozialen Persönlichkeitsstörung (hier herrscht ein Dominieren von Hass in den internalisierten Objektbeziehungen; die Notwendigkeit, »gute Objekte« aufgrund von intensivem Neid zerstören zu müssen; moralische Wertvorstellungen fehlen weitgehend).

Bei den schwersten Formen narzisstischer Persönlichkeitsstörungen, die man auch als destruktiven Narzissmus bezeichnen kann, dominiert dieses Problem die Beziehung zu den Mitmenschen vollkommen. Solche Personen müssen, um ihren Selbstwert zu regulieren, die Verdienste anderer kleinreden oder für sich usurpieren. Die Beziehungen sind stark manipulativ, d.h. der andere (zum Beispiel Partner oder Mitarbeiter) wird kaum in seiner eigenen (objektalen) Bedeutung gesehen, sondern dient der eigenen Bedürfnisbefriedigung, was beispielsweise durch ein manipulatives Verhalten zu erreichen versucht wird - so z.B. »nehmen«, »erwarten« diese Personen immer, »geben« aber kaum je uneigennützig. Tragischerweise wiederholen somit diese Personen an anderen Menschen die selbst durchgemachte Erfahrung, den anderen nicht wirklich als Person wichtig zu finden. Kennzeichnend ist auch eine anfängliche Begeisterung für Projekte oder Personen oder deren Idealisierung, mit meist rasch nachfolgender Entwertung. Typisch ist also eine Sichtweise, bei der sich die Personen immer wieder von »Idioten« umgeben sehen. Lässt sich eine Person nicht manipulieren oder entwerten, droht diese als gefährlich, bedrohlich (»Feind«) erlebt zu werden.
Unterhaltszahlungen etwa für die eigenen Kinder werden verweigert. Aufgrund der schlechten Selbstwertregulalion reagieren die Personen häufiger mit großer Kränkbarkeit bis hin zu s i . u k u.u hlialiiger (narzisstischer) Wut (»Stalking« Verhalten).

Ein historisches Beispiel aus der Antike ist Herostratos, der voller Geltungssucht und Neid auf die Architekten seiner Zeit war. Dies motivierte ihn dazu, am 21.07.356 v. Chr. den Artemis-Tempel in Ephesos, eines der Sieben Weltwunder der Antike, niederzubrennen, um selbst berühmt zu werden.

Sutton (1997) beschreibt eine Reihe solcher dysfunktionaler Interaktionsmuster, die diese Persönlichkeiten auszeichnen:
• als Witze getarnte Beleidigungen,
• öffentliches Demütigen,
• ständige, beißende Ironie,
• rüdes Unterbrechen des anderen,
• Ignorieren bestimmter Personen bei Meetings,
• Verletzung der Privatsphäre,
• Grenzverletzungen durch z.B. extreme Neugier (Patienten nehmen Bücher vom Pult),
• Unehrlichkeit,
• fremde Leistungen werden als die eigenen Verdienste ausgegeben.

Das Phänomen des destruktiven oder malignen Narzissmus (wie ihn Rosenfeld oder Kernberg beschrieben haben) stellt eine Kombination dar aus extremem Narzissmus (pathologisches grandioses Selbst) und einer Über-Ich Pathologie (massive Aggression oder antisoziale Züge).
Das Konzept des malignen Narzissmus’ basiert auf Freuds Konzept des Todestriebs und Melanie Kleins Beobachtung von Objekterhaltung und Objektzerstörung bei Kindern.

Es kommt zur Bildung von pathologischen Selbststrukturen und narzisstischen Objektbeziehungen, bei denen Objektabhängigkeit (etwa bei Trennungen spürbar) zu Neid umgewandelt wird. Das ganze Selbst wird (vorübergehend) mit dem grandiosen destruktiven Selbst identifiziert, das über den Therapeuten (die Eltern etc.) triumphieren möchte. Diese Patienten empfinden meist nur Verfolgungsangst, keine Schuldgefühle. Intrapsychisch herrscht die Organisationsform einer »mächtigen Bande« vor, wie sie Rosenfeld beschrieben hat, die sich rächt, wenn ein Teil sich mit dem Positiven zu verbünden versucht. Die Patienten sind gekennzeichnet durch schweren Neid, massive Wut und eine Ueber-Ich-Pathologie (Schuld, Scham) sowie chronische, oft agierte Suizidalität.

Quelle: Dammann et al. (2012). Narzissmus. Kohlhammer.
- Kernberg: Charakterniveaus -> Toegel S. 71 unten



Maligner Narzissmus:
Unter malignem Narzissmus versteht Otto F. Kernberg (1984) eine besondere Form des pathologischen Narzissmus, die gekennzeichnet ist durch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, antisoziales Verhalten, ichsyntonen Sadismus gegen andere oder sich selbst sowie eine ausgeprägte paranoide Haltung (Hartmann 1997, S. 73).

--> Kernberg: Auszuege aus seinem Buch "Narzissmus, Wut und Hass"

(...)



Psychopathie - Soziopathie - Dissozialität - Suizid

Wenn wir im folgenden die Erkenntnisse aus Kapitel 2 und 3 zusammenfassen und ineinander überführen, kommen wir im schlechten Fall zu einer gefährlichen Gemengelage aus individuellen (Kap. 2) und kollektiven (Kap. 3) narzisstischen Kränkungen und Verletzungen, welche in den titelgebenden Symptomen resultieren können: Psychopathie, Soziopathie, Dissozialität und Suizidalität.
Diese im "Tacho-Modell" (Frauchiger 2015, Kap. 2) unten links sich befindenden pathologischen Grenzzustände jenseits des Kipppunktes wo man noch auf neurotischem Niveau (Kernberg) kompensieren könnte, stellen die heftigsten und sozial auffälligsten Formen der narzisstischen Entgleisung bzw. Ungleichgewichtes dar.
Um die Entstehung psychopathischer Pathologie beschreiben zu können, ziehe ich denselben im ersten Kapitel verwendeten Text von Heinz Henseler heran (Henseler 2000), diesmal zitierend aus den Seiten 84 und 85:

Die pathologische Reaktion auf eine Kränkung


Regressive Formen infantiler Grossartigkeit und die Aktivierung narzisstischer Wut

Narzisstische Objektbeziehungen

Eine besondere Rolle spielen die zwischenmenschlichen Beziehungen von Personen, die ihren Narzissmus durch Verleugnung und Idealisierung schützen müssen.
Freud hat 1914 darauf hingewiesen, dass man einen anderen Menschen aus zwei Grunden lieben kann: entweder weil er wegen seiner besonderen Eigenarten irgendwelchen Bedürfnissen von mir entgegenkommt (sog. "Anlehnungstyp") oder weil er in irgendwelchen Aspekten dem Bild meiner eigenen Person entspricht, weil ich mich in ihm wiederfinde, kurz: weil ich mich selber in ihm lieben kann ("narzisstischer Typ der Objektwahl, narzisstische Objektbeziehung"). Diese beiden Möglichkeiten stehen jedem Menschen offen und sind gemäss Henseler nicht pathologisch.

Narzissmustheorie und suizidale Psychodynamik

Mit diesen Ueberlegungen ist die psychoanalytische Narzissmustheorie so weit dargelegt und entwickelt worden, dass die Frage aufgeworfen werden kann, ob sie sich tatsächlich als das erwartete umfassende und den Einzelphänomenen angemessene Bezugssystem erweist. Quelle: Henseler, Heinz (2000, 4.Aufl.). Narzisstische Krisen. Zur Psychodynamik des Selbstmords. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag


Projektive Identifizierung und maligner Narzissmus

Den Mechanismus, den wir hier ablaufen sehen, hat Melanie Klein „projektive Identifizierung“ genannt. Der junge Mann deponiert seine eigene innere Hölle unvermittelt im erstbesten Mensch, der seinen Weg kreuzt. Um sich selbst vor einem Kollaps seines Selbstwertgefühls und einer drohenden psychotischen Entgrenzung und zu retten, tötet und verletzt er einen anderen Menschen, dem auf dem Wege der Projektion die eigenen Absichten untergeschoben werden. Der Täter glaubt, nachdem er den anderen zum Container seiner eigenen Gefühle und Intentionen gemacht hat, sich verteidigen zu müssen und in Notwehr zu handeln.

In einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. Oktober 2009 liefert der Präsident der neu gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Universität in Berlin, Jürgen Körner, einen Ueberblick über den Stand der Gewaltforschung. Er unterscheidet zwischen drei unterschiedlich aggressiven Tätertypen: dem reaktiven Gewalttäter, der sich schnell beleidigt fühlt und dann seine aufflammende Wut nicht beherrschen kann; dem instrumentellen Gewalttäter, der nur dann aggressiv wird und bedenkenlos zuschlägt, wenn er anders seine – oft dissozialen – Ziele nicht erreichen kann; und schliesslich einem Gewalttäter, der scheinbar vollkommen grundlos zuschlägt.

Zum Verständnis diesen letzten Tätertyps, der uns in jüngster Zeit so beschäftigt, greift Jürgen Körner ebenfalls auf den von Melanie Klein geprägten Begriff der projektiven Identifizierung zurück und erläutert diesen an folgendem Beispiel: „Ein Jugendlicher sagte im Gespräch, er habe nach ein paar Bier seine Wohnung in ‚grossem Frust’ verlassen, habe schon geahnt, ‚dass was passieren wird’, und dann sei er einem Mann begegnet, der ‚schon so guckte’. ‚Ich dachte, der denkt, da kommt Dreck’, fuhr er fort. Dann sei klar gewesen, dass er den niederschlagen werde. Wie lässt sich eine solche Gewalttat erklären? Der Jugendliche, der glaubte, der andere hielte ihn für ‚Dreck’, war gequält von der Phantasie, er sei selbst nichts als Dreck, und er suchte einen x-Beliebigen, dem er dieses vernichtende Urteil zuschieben konnte. Im anderen also sieht er die Selbstentwertung, die ihn so kränkt, und er schlägt ihn nieder, um den vermeintlichen Aggressor und damit die Kränkung unschädlich zu machen.“ (magazin-auswege.de – 15.2.2012 „Unterm Strich zähl‘ ich“)

Narzissmus und Paranoia wachsen zusammen
Auf der Stufe schwerer und schwerster Pathologie wachsen das narzisstische und paranoide Element zusammen und immer mehr Aggression dominiert die Psyche. In projektiver Identifikation meint man genau zu wissen, dass man überall von Verrätern umzingelt ist, die Welt ist ein einziger Kampfplatz, man selbst allerdings der beste Kämpfer, weil man grausamer, gerissener und skrupelloser als alle anderen ist. Im Syndrom des malignen Narzissmus tritt uns diese Haltung in aktiver Variante entgegen, spielgelbildlich gibt es eine passive Variante, die sich durch parasitäres Verhalten und chronische Ausbeutung anderer und der Gesellschaft darstellt. Man zerstört “das Schweinesystem” von innen, dadurch, dass man es maximal ausnutzt, so kann man chronisch ausbeutendem Verhalten noch den ideologischen Anstrich geben, etwas Gutes zu tun.
Die narzisstische Unfähigkeit dankbar zu sein, sich aber als grossartig zu empfinden, vermischt sich hier mit dem paranoiden Wunsch ein stiller und verkannter Kämpfer für das Gute zu sein, in einer durch und durch schlechten Welt.

(...) Der paranoide Gegenpol zeigt hier auch schon grandiose Züge. Ich und meine auserwählten Freude, wir wissen, wie die Welt funktioniert, was eine Tendenz zu Verschwörungstheorien entstehen lässt. Der Paranoiker meint eine Gefahr zu kennen, die nur er und ein paar Auserwählte sehen können. Andere gelten als dumm, gerissen oder verführt. Oft verschreiben sich Paranoiker einer grösseren Sache oder der Phantasie einer grösseren Idee, das moralische Element des Paranoikers, der sich gerne als Aufklärer sieht. Das misstrauische Gefühl, hintergangen zu werden, ist allgegenwärtig, auch in Partnerschaften, was zu Dauerkonflikten führen kann.
Jeder vermeintliche Gegenbeweis verschärft das Misstrauen nur, denn die paranoide Logik ist: “Wer mir was beweisen will, wird sicher was zu verbergen haben, warum sollte er mir sonst was beweisen wollen?”. Gerne stellt er die Frage, wem das nutzt, wer einen Vorteil davon hat. Güte und Freude an der Freude anderer kann der Paranoiker, als Motiv, nicht nachvollziehen. (Carsten Börger in "www.Psyheu.de")

Paradox: Gesünder und gefährlicher
Es ist im Grunde kein Hannibal Lecter, der uns in der glücklicherweise sehr seltenen antisozialen Persönlichkeit begegnet. Der völlige Empathiemangel bedeutet, sich nicht in andere hineinversetzen zu können und erlaubt deshalb wenig realistische Planung, weil diese auch immer das antizipierte Verhalten anderer betrifft. Mehr als kriminelle Bandenchefs können Soziopathen nicht werden.
Anders beim Syndrom des malignen Narzissmus. Es besteht aus den vier Bausteinen: Narzisstische Persönlichkeitsstörung, paranoide Persönlichkeitsstörung, Sadismus und ich-syntone Aggression. Menschen mit malignem Narzissmus sind besser organisiert als antisoziale Persönlichkeiten, die ganz am Ende des Spektrums narzisstischer Pathologien stehen. Maligne Narzissten sind “gesünder”, wenn man so will. Und vielleicht haben sie die gefährlichste Krankheit der Welt.
Sie können sich in grossen Organisationen halten, wenngleich nicht alle dorthin streben oder offen aggressiv sind. Doch die Schlimmsten kennt man: Saddam Hussein, Josef Stalin, Adolf Hilter. Sie sind misstrauisch und grausam, rächend, mitleidlos und brutal, der differentialdiagnostische Unterschied zur Antisozialen Persönlichkeit ist minimal. Antisoziale Persönlichkeiten sind komplett unfähig, nichtausbeutende Beziehungen zu irgendeinem Lebewesen einzugehen, sei es zu einem Hund oder Raubkumpanen. Genau das macht sie auch unheilbar. Maligne Narzissten haben diese Fähigkeit.
Deshalb hat die böse Geschichte von der gefährlichsten Krankheit auch eine Chance auf ein Happy End: Das, was diese Menschen besonders gefährlich macht, ihre minimale Fähigkeit zur Empathie, ist auch das Tor zur Heilung. Man kann sie therapeutisch erreichen und welche sozialen und politischen Faktoren auch immer sonst noch eine Rolle spielen, zumindest aus therapeutischer Sicht kann man sagen, dass der nächste Hitler verhindert werden könnte. (Carsten Börger in "www.Psyheu.de")

--> Kevin Dutton: Psychopathen - 2013

--> HARE

--> NPI-Skalen

--> Joe Navarro - Spiegel April-2014: Psychopathen-Typologie und neues Buch

SCHAM, WUT, GEWALT und die fehlende (Selbst-)Anerkennung

Das ANerkennungs-Konzept von Honneth kommt zwar erst im Psychotherapie-Kapitel ausführlich zur Sprache - hier dennoch eine erste synthetische Zusammenschau klassischer Positionen (Freud, Kernberg) und relationaler, bindungstheoretischer Sichtweisen.
Ueber den Zusammenhang von Scham und Wut, welche bis zu psychopathischem Verhalten führen kann, schreiben Fonagy et al. 2004:

Brutalisierung im Kontext von Bindungs-Beziehungen erzeugt intensive Scham. Wenn diese sich mit einer daraus folgenden Schwäche in der Fähigkeit zur Mentalisierung verbindet, dann kann dies ein mächtiger Auslöser für Gewalt werden, weil die Intensität der Demütigung während der traumatischen Erfahrung nicht durch Mentalisierung abgeschwächt werden kann. Nicht-mentalisierte Scham wird in der Folge als Zerstörung des Selbst erlebt; wir haben dies ‘selbstdestruktive Scham’ genannt.“ (S. 167)

Dieser Sichtweise folgend kommen Gewalt und Aggression dann zum Einsatz, wenn es dem Individuum nicht gelungen ist, die erfahrenen Affekte auf eine psychische Ebene zu heben und zu „mentalisieren“. Fonagy (2004b) nennt dies den „Modus psychischer Äquivalenz“, in dem Denkmuster der frühen Kindheit weiter wie ein Ding behandelt werden, das sowohl der inneren als auch der Außenwelt angehört. Die nicht-mentaliserte Scham wird dann als Zerstörung des Selbst erlebt.
Für Fonagy et al. (2004a, S. 205) spielt dieses Konzept der „selbstdestruktiven Scham“ eine Schlüsselrolle in ihren Untersuchungen über Gewalt in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter. Der maligne Charakter der Brutalisierungserfahrung wurzelt diesen Autoren nach in der Intensität der mit ihr verbundenen Demütigung. Die Angriffe können nicht verarbeitet und erträglich gemacht werden, weil die Fähigkeit fehlt, den durch die Entmenschlichung der Bindung erzeugten Schmerz zu mentalisieren.
Ohne die Anerkennungstheorie direkt zu benennen, passen folgende Worte exakt zu meiner Hauptthese des "Kampfes um Anerkennung" um ein narzisstisches Gleichgewicht zu erreichen, sei es echt oder kompensatorisch:
Nach Fonagy et al. (2004) wird unerträgliche Scham dadurch erzeugt, daß „einem die Menschlichkeit in ebenjenem Augenblick, in dem man zu Recht erwartet, anerkannt und für wertvoll erachtet zu werden, abgesprochen wird“ (S. 428). Der durch eine Brutalisierung vulnerable Mensch fühlt sich wie einen Gegenstand behandelt. Die Scham ist in dieser Sicht ein höherentwickelter Abkömmling dieses basalen Schmerzaffektes. Freud (1914) hat darauf hingewiesen, daß das Selbst auf die Liebe des Objektes angewiesen ist, da diese dann zur Selbstliebe wird. Fonagy et al. (2004) beschreiben anschaulich, wie Kälte das Fehlen von Wärme anzeigt – so wie das charakteristische Merkmal eines nach Liebe hungernden Selbst die Scham sei. Genauso wie die Kälte ist die Scham „ungemein schmerzhaft, erzeugt aber, sobald sie eine bestimmte Intensität erreicht, das Gefühl der Taubheit oder Abgestorbenheit“ (S. 429). Der einzige Umgang mit dieser selbstdestruktiven Scham und Demütigung ist hierbei eine selektive, aber massive Verleugnung der Subjektivität sowohl des Objektes als auch des Selbst. Dies erklärt auch zum Teil die psychischen Mechanismen, die auf der Täterseite zugrunde liegen. Der Gewaltausbruch resultiert demnach selten aus blinder Wut. Sie ist ein verzweifelter Versuch, das fragile Selbst vor dem Anstrum von Scham zu schützen, die häufig unabsichtlich durch einen Anderen ausgelöst wird.
„Die empfundene Demütigung, die das Individuum in dem fremden Teil des Selbst zu containenen versucht, wird dann zu einer existentiellen Bedrohung, die unverzüglich externalisiert werden muss. Sobald dies geschehen ist und sie als Teil der Repräsentation des Opfer im Innern des Täters wahrgenommen wird, scheint es möglich zu sein, sie ein für allemal zu zerstören.“ (Fonagy et al. 2004, S. 429f.)
So verstanden ist die Gewalttat eine Geste der Hoffnung, eine Wunsch nach einem Neuanfang, selbst wenn sie in der Realität gewöhnlich nur den tragischen Ausgang darstellt.

Alternatives Konzept zur Aggression - die relationale Sichtweise

Martin Altmeyer:
(...) Betrachten wir die alte Frage nach der Herkunft der Aggression. Stammt sie aus dem Triebleben oder ist sie eine Reaktion auf Frustration – kommt das Böse von innen oder von außen?
Allmählich wächst in der modernen Psychoanalyse die Einsicht, dass diese Alternative obsolet ist. Menschliche Destruktivität ist weder endogen noch exogen erklärbar. Sie ereignet sich zwischen Menschen, in überstrapazierten Interaktionsstrukturen. Sie resultiert z.B. aus einer affektiv aufgeladenen Beziehungs- oder Gruppenspannung, die unlösbar scheint und sich entlädt. Die zerstörerische Wut ist Ergebnis einer zusammenbrechenden Kommunikation, die selbst im Zusammenbruch noch szenische Botschaften an das Gegenüber enthält. Gewalt „spricht“ eben doch, man muss ihre Sprache nur verstehen lernen und den Subtext der Inszenierung lesen, um die Botschaften zu entschlüsseln. Das fragwürdige Gattungsprivileg ist intersubjektiv (oder interreligiös oder interkulturell) kontaminiert: Auch der Akt der Entgrenzung des Selbst durch die Vernichtung des Anderen lässt sich als entgleiste Suche nach Anerkennung interpretieren." (Altmeyer, M. - Ringen um Anerkennung in und zwischen Gruppen - Co-Referat zu Axel Honneth: Das Ich im Wir, Frankfurt 2003)

Mit der relationalen Wende und dem Anerkennungskonzept haben wir eine gute Ueberleitung gefunden um uns in den nächsten beiden Kapiteln der kollektiven Wirkmacht narzisstischer Ungleichgewichte zuzuwenden.


Literatur und Links:


Bärbel Wardetzki
Eitle Liebe: Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können
Bärbel Wardetzki
Nimm's bitte nicht persönlich: Der gelassene Umgang mit Kränkungen
Bärbel Wardetzki
Weiblicher Narzissmus: Der Hunger nach Anerkennung
Bärbel Wardetzki
Kränkung am Arbeitsplatz: Strategien gegen Missachtung, Gerede und Mobbing
Martha Stout
Der Soziopath von nebenan. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks

Eric Lippmann (2013)
Identität im Zeitalter des Chamäleons: Flexibel sein und Farbe bekennen
Luise Reddemann (2013, Hrsg.)
Zeiten des Wandels. Die kreative Kraft der Lebensübergänge
Wendy Behary
Der Feind an Ihrer Seite. Wie Sie im Umgang mit Egozentrikern überleben und wachsen können
Nina W. Brown
Kinder egozentrischer Eltern: Eine Kindheit mit narzisstischen Eltern bewältigen. Zu einem neuen Selbstverständnis finden
Frank Schirrmacher (2013)
EGO: Das Spiel des Lebens - Homo oeconomicus 2.0 trifft Big Data!

Identität, Selbstwertgefühl und Persönlichkeit:

Masterson - Die Sehnsucht nach dem wahren SelbstJames F. Masterson - Die Sehnsucht nach dem wahren Selbst
Das belastende Gefühl von Sinnlosigkeit, Leere und Ueberdruss
Wardetzki - Weiblicher NarzissmusBärbel Wardetzki - Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung
Interessantes und hilfreiches Buch zur weiblichen Spielart des Narzissmus
Wardetzki - Ohrfeige für die SeeleBärbel Wardetzki - Ohrfeige für die Seele
Wie wir mit Kränkung und Zurückweisung besser umgehen können
Wardetzki - Eitle LiebeBärbel Wardetzki - Eitle Liebe
Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können
Röhr - Weg aus dem Chaos - Borderline verstehenHeinz-Peter Röhr - Wege aus der Abhängigkeit
Destruktive Beziehungen überwinden
Henseler - Narzisstische KrisenHeinz Henseler - Narzisstische Krisen
Selbstmordversuche als Krise des Selbstwertgefühls
Asper - Verlassenheit und SelbstentfremdungKathrin Asper - Verlassenheit und Selbstentfremdung
Neue Zugänge zum therapeutischen Verständnis der Depression

10 Strategien der Manipulation – Gehirnwäsche nach Sylvain Timsit

Sylvain Timsit zeigt in seinem Text „10 Strategien der Manipulation” auf satirische Weise, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.

1. Kehre die Aufmerksamkeit um
2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
3. Stufe Änderungen ab
4. Aufschub von Änderungen
5. Sprich zur Masse, wie zu kleinen Kindern
6. Konzentriere dich auf Emotionen und nicht auf Reflexion
7. Versuche die Ignoranz der Gesellschaft aufrechtzuerhalten
8. Entfache in der Bevölkerung den Gedanken, dass sie durchschnittlich sei
9. Wandle Widerstand in das Gefühl schlechten Gewissens um
10. Lerne Menschen besser kennen, als sie sich selbst es tun


Edward Bernays (2011, 3te erw. Aufl.). Propaganda: Die Kunst der Public Relations

Edward Bernays (1891-1995) gilt als Vater der Public Relations. Mit seinem Buch Propaganda aus dem Jahr 1928 schuf er die bis heute gültige Grundlage für modernes Kommunikationsmanagement.
Der in Wien geborene Bernays war ein Neffe Sigmund Freuds, der sich dessen Erkenntnisse der modernen Seele zunutze machte und sie in den Dienst von Regierungen und Konzernen stellte. Propaganda ist Bernays Hauptwerk. In Propaganda (ein Begriff, den er später selbst in »Public Relations« umbenannte) beschreibt Bernays alle wesentlichen Techniken der Meinungsbeeinflussung wie z.B. den Einsatz von »neutralen Experten«, um eine Aussage glaubhaft erscheinen zu lassen. Für den US-Präsidenten Wilson promotete er den Ersten Weltkrieg, mit den »Fackeln der Freiheit« machte er Zigaretten zum Symbol der weiblichen Emanzipation und brachte die amerikanischen Frauen zum Rauchen.
Er arbeitete für Edison und Ford, aber auch für die CIA: Sie alle liessen sich von Bernays ihr Image aufpolieren oder die Marktchancen ihrer Produkte verbessern. Bernays steht in einer Reihe mit den Strategie-Klassikern Machiavelli und Clausewitz. Knapp 80 Jahre nach dem Erscheinen von Propaganda und knapp ein Jahrhundert nach Entstehen der PR-Industrie erscheint dieses Buch erstmals auf Deutsch.


Literatur und weitere Quellen zu Narzissmus und Gesellschaft:

Frank Schirrmacher (2013)
EGO: Das Spiel des Lebens - Homo oeconomicus 2.0 trifft Big Data!
Johannes Fischler (2013)
New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt
Colin Goldner
Die Psycho-Szene. Guter Ueberblick über esoterische Angebote
Claudia Barth
ESOTERIK - Die Suche nach dem Selbst

zum kompletten Literaturverzeichnis

Blog - Leben im Falschen

Blog - Narzissmus und Entgrenzung

Blog - Narzissmus und Entgrenzung



Literaturverzeichnis zum "kollektiven Narzissmus"

Abele, A. & Becker, P. (Hrsg.) (1994) Wohlbefinden. Weinheim, Juventa
Baranger, W. (1991) Narcissism in Freud. In : Sandler, J., Person, E.S. & Fonagy, P.(Eds) S.108-130
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Benjamin, J. (1990/1988) Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Frankfurt, Stroemfeld/Roter Stern
Blos, P. (1983/1962) Adoleszenz. Eine psychoanalytische Interpretation Stuttgart, KlettCotta
Bullock, A. (1991) Hitler und Stalin. Parallele Leben. Berlin, Siedler
Costa, P.T. & Widinger, T.A. (Eds.) (1993) Personality disorders and the five-factor model of personality. Washington, Amer. Psychol. Ass.
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Dornes, M. (1993) Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt, Fischer
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Emde, R. (1988) Die endliche und die unendliche Entwicklung. II, Neuere psychoanalytische Theorie und therapeutische Überlegungen. Psyche 45: 890 - 913
Eissler, K. (1980) Todestrieb, Ambivalenz, Narzißmus. München, Kindler
Erdheim, M. (1982) Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Frankfurt, Suhrkamp
Erdheim, M. (1988) Adoleszenz zwischen Familie und Kultur. In: Erdheim, Mario, Die Psychoanalyse und das Unbewußte in der Kultur. Frankfurt, Suhrkamp
Freud, S. (1905) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. GW V
Freud, S. (1911) Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia [Fall Schreber] GW VIII
Freud, S. (1912/13) Totem und Tabu. GW IX
Freud, S. (1914) Zur Einführung des Narzißmus. GW X
Freud, S. (1915) Übersicht der Übertragungsneurosen. GW Nachtragsband
Freud, S. (1916/17) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalye. GW XI
Freud, S. (1917a) Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. GW XII
Freud, S. (1917b) Trauer und Melancholie. GW X
Freud, S. (1920) Jenseits des Lustprizips. GW XIII
Freud, S. (1921) Massenpsychologie und Ich-Analyse GW XIII
Freud, S. (1923a) »Psychoanalyse« und »Libidotheorie« GW XIII
Freud, S. (1923b) Das Ich und das Es. GW XIII
Freud, S. (1933) Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XV
Freud, S. (1939) Abriß der Psychoanalyse. GW XVII
Fromm, E. (1974) Anatomie der menschlichen Destruktivität. Stuttgart, dva
Furth, H. G. (1990) Wissen als Leidenschaft. Eine Untersuchung über Freud und Piaget. Frankfurt, Suhrkamp
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Hartmann, H. (1964/1950) Bemerkungen zur psychoanalytischen Theorie des Ichs. Psyche 18: 330-353
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LITERATUR zu Narzissmus Kollektiv zu Individuell:
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- Kernberg (2012). Lindauer Psychotherapiewochen
- Zwiebel, Ralf (2013). Was macht einen guten Psychoanalytiker aus?
  • Beck, Ulrich (1999). Schöne neue Arbeitswelt - Vision Weltbürgerschaft, Campus Verlag Frankfurt/New York.
  • Heitmeyer, Wilhelm (2002). Süchtig nach Anerkennung - Wer nicht auffällt, wird nicht wahrgenommen. Die ZEIT, 19/2002.
  • Nuber, Ursula (1996). Die Egoismus-Falle. Warum Selbstverwirklichung so oft einsam macht, Kreuz Verlag Stuttgart.
  • Postel, Gert (2001). Doktorspiele - Geständnisse eines Hochstaplers, Eichborn Verlag Frankfurt.
    Schäfer, Bodo (1998). Der Weg zur finanziellen Freiheit - In sieben Jahren die erste Million, Campus Verlag Frankfurt/New York.
  • Scheich, Günter (2001). Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen, Eichborn Verlag Frankfurt am Main.
  • Schwertfeger, Bärbel (2002). Die Bluff-Gesellschaft - Ein Streifzug durch die Welt der Karriere. WILEY-VCH Verlag
  • Sennett, Richard (1998). Der flexible Mensch - Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin Verlag Berlin.







    Relationale Psychoanalyse und intersubjektive Psychotherapie
    Der Narzissmus und seine Kompensationen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
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