Markus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerk. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8, CH-3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39

e-mail:
praxis-frauchiger@bluewin.ch

Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

Das doppelte Selbst und die Agonie des Realen

Das narzisstische Gleichgewicht und die intersubjektive Anerkennung

Eine Synthese aus Narzissmus- und Bezogenheitskonzepten in Zeiten des Populismus und der Kommerzialisierung

Materialien und Zitatesammlung zur Enstehung, Diagnostik und Behandlung von narzisstischen Spektrum-Störungen - zusammengestellt und kommentiert von Fachpsychotherapeut FSP Markus Frauchiger in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf, Berufliche Biographie des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

- EINLEITUNG: Dialektische Einführung in die beiden Koordinaten
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- BEZIEHUNG: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren anerkennender, relationaler Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher


5. ESOTERIK: Digitale Propaganda, "Neue Rechte" und Narzissmus


Teil I: Drei Zugänge: Esoterik als Imaginäres, als Irrationales und als Narzisstisches

Drei Zugänge: Esoterik als 'Das Imaginäre' bei Lacan, als Irrationales Ueberzeugungssystem und als narzisstische Selbstwert-Kompensationsmöglichkeit

A. Esoterik als 'Das Imaginäre' bei Lacan

Lacan und die R-S-I-Trilogie auf Esoterik angewendet:

I = Imaginäres = Esoterik
R = Reales = Skepsis
S = Symbolisches = Kritik

Das an Lacan orientierte "Imagination-statt-Symbolisierung"-Konzept

In Anwendung und Erweiterung der in Kapitel 1 und 4 referierten R-I-S-Wirklichkeitsverhältnisse nach Lacan sowie des unten referierten Ueberzeugungssysteme-Modells nach Edgar Wunder verstehe ich esoterische und allgemein propagandistische oder populisitische Umtriebe als aus der Sphäre des Imaginären kommende, direkt ins Reale schiessende Impulse, welche schockartig (gemäss Blumenberg und Benjamin), weil nicht symbolisiert bzw. 'mentalisiert' (vgl.Kap.10), sich insb. im virtuellen Raum sehr schnell und unreflektiert (reflektiert das wäre die Dimension 'S' bei Lacan) sich ausbreiten können und solchermassen sehr effektiv unter Umgehung des "kortikalen Denkens" (sog. 'Schnelles Denken' sensu Kahnemann) direkt und hypnotisierend (McLuhan würde dazu wohl 'narkotisierend' sagen) ihre toxische, weil narzisstische Wirksamkeit und 'Wirklichkeit' (vgl.Abschnitt über Watzlawick in Kap.2) entfalten.

(Politische) Implikationen des Lacan'schen "Imagination-statt-Symbolisierung"-Konzeptes:
Die drei Lacan'schen Zustände R-I-S (vgl. Kap.1) stehen in einem dynamischen Verhältnis, wobei die beiden Pole 'I' und 'R' als jeweils für sich genommen einseitige Extreme fungieren (Esoterik einerseits und Skepsis andererseits) und dann im Sinne einer Dialektik zwischen den beiden Polen Skeptizismus (R) und Esoterik (I), als Synthese zur Kritischen Wissenschaft als 'Symbolisches', d.h. Reflektiertes, Diskutiertes, Eingebettetes an bisherige Theoriebildungen anschlussfähig 'aufgehoben' (i.S. Hegels) werden:
'Kritische Wissenschaft' stellt so verstanden eine symbolisierende, beide Pole integrierende Zusammenschau im Sinne einer quantitativ und qualitative Forschung triangulierenden Meta-Disziplin dar.

B. Esoterik als Irrationales Ueberzeugungssystem

Edgar_Wunder-Trilogie_Esoterik-Skeptizismus-Wissenschaft

Die 'Edgar-Wunder-Trilogie': Esoterik – Skeptizismus – Wissenschaft
(............)
Weiterführendes zu dieser von mir propagierten Mittelposition zwischen "unglücklichem Bewusstsein" (Wandschneider nach Hegel in Kap.1 und 10) und esoterischer Histerie und Paranoia wie sie in diesem Kapitel beschrieben wird (Esoterik-Lit.siehe ganz unten) findet sich u.a. hier: http://www.skeptizismus.de - http://www.anomalistik.de - http://www.skeptizismus.de/skepreview.pdf - http://www.skeptizismus.de/syndrom.html
Die "harten Skeptiker" ('R' im Lacan-Modell) sind online u.a. auf diesen Websites vertreten: - http://www.skeptiker-blog.ch - http://www.skeptiker.ch - http://blog.gwup.net - http://blog.psiram.com - http://www.hoaxilla.com u.v.m.

C. Esoterik als narzisstische Selbstwert-Kompensationsmöglichkeit zur Behebung eines narzisstischen Ungleichgewichtes

Gemäss meinem am Ende von Kapitel 2 dargestellten Narzissmus-Gleichgewichts-Modell tendieren sowohl Individuen wie auch mehr oder weniger grosse Gruppen dazu, die fehlende narzisstische Besetzung des Selbst irgendwie zu kompensieren, um das Gleichgewicht des Selbstwertes wiederherzustellen.

Kompensierend (d.h. den Selbstwert wiederherstellend) wirken nicht nur psychopathologische Symptome und Syndrome (wie z.B. Grossspurigkeit, Empathiemangel, Machtstreben auf der sog. "Plus"-Seite (siehe Kap. 2) oder aber auf der "Minus"-Seite z.B. Depression, Sucht, Autismus), sondern gerade in den letzten Jahren zunehmend auf der Verhaltensebene Gruppenverhalten in Form von esoterischen oder kommerziellen oder sonstwie radikalen, oft rechtspopulistischen Umtrieben, wie z.B. Ende 2014/Anfang 2015 die sog. Pegida-Bewegung (siehe letztes Unterkapitel weiter unten).

Es entstanden seit dem Zeitalter des Narzissmus (Kap.3) Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre vermehrt Selbtswert-Manko-kompensierende Spielwiesen im Kollektiven mittels Macht- und Gewaltausübung esoterischer, verschwörerischer oder fundamentalistischer Art: Typisch narzisstische Verhaltensweisen (vgl. Kap. 2) wie diverse Manipulationen, Demagogie, Prangermentalität, Extremismus, Rassismus etc. (Stichwort: Projektive Identifizierung, Kap.4) bis hin zu politischer Propaganda z.B. in Form der Neuen Rechten, welche gerade in Europa mit reaktivierten Methoden u.a. der Querfront ("Charme-Offensive" an die Linke, siehe gegen Ende dieses Kapitels) auf sich aufmerksam macht.

Diesen teilweise äusserst gefährlichen Umtrieben und Gruppenbildungsprozessen möchte ich in diesem Kapitel nachgehen.


1.1. Esoterik als kulturelles und globales Phänomen in individueller Ausprägung

Was ist Esoterik überhaupt?

Sehen wir uns als erstes eine Definition von Esoterik an, die aus ihren eigenen Reihen stammt. Ich zitiere den entsprechenden Text zu diesem Stichwort aus dem »New-Age-Wörterbuch« von Elmar Gruber und Susan Fassberg: Zu diesen »Grundprinzipien« des »dreifach mächtigen« Hermes teilt uns das Wörterbuch weiter mit:
Diesen vier Punkten lassen sich weitere vier Punkte anfügen:
Erstens: Bei der Esoterik handelt es sich um ein uraltes »Wissen« der Menschheit.
Zweitens: Dieses »Wissen« war für lange Zeit nur wenigen Eingeweihten bekannt und teilte sich auch nur auf Offenbarungsweise mit.
Drittens: Dieses Offenbarungswissen soll jetzt im Zeitalter des Wassermanns allen Menschen mitgeteilt werden.
Viertens: Offenkundig spielt in der esoterischen Tradition des Abendlands die »Smaragdene Tafel« des Hermes Trismegistos eine zentrale Rolle
Letzteres ist eine Einschätzung, die der Esoteriker Hans-Dieter Leuenberger (1986) mit der Aussage bestätigt hat: »Wer den Text der smaragdenen Tafel begriffen hat, hat auch das Universum begriffen.«
Thorwald Dethlefsen, der prominente Münchener Reinkarnationstherapeut, über diese Tafel: auf ihr sei »alles Wissen zusammengefaßt, das den Menschen jemals zugänglich ist.«
Kurz: wir rücken damit in den Mittelpunkt der Esoterik-Analyse, was die Esoterik selber als ihren Mittelpunkt begreift: die von Hermes Trismegistos ausgehende okkultistische Tradition.

Magischer Allmachtswahn

Wenn wir nun auf die PSI-Gewissheiten dieser Bewegung achten, dann stellen wir fest: Egal, wohin wir auch sehen, egal, in welchen New-Age-Bestseller wir schauen - Esoteriker zu sein, das heisst, an Wiedergeburt zu glauben und damit an die menschliche Unsterblichkeit, heisst, an Präkognition zu glauben und an Telekinese, an Telepathie und Astrologie

kurz:
an Kräfte und Erkenntnisfähigkeiten des Menschen zu glauben, die ihm das Gefühl zurückgeben können, wieder umfassend Herrscher seiner eigenen Geschichte zu sein.


1.2. Esoterik: "Eine Gegenbewegung zur rationalen Welt"

I. Selbstwirksamkeit durch Rituale: "Unser Alltag ist undurchsichtig und wir werden mit Nachrichten über Hunger, Verderben, Verbrechen und Krieg regelrecht bombardiert.
Jeder von uns gewinnt in dieser Szenerie ein Gefühl von Ohnmacht. In der realen Welt bin ich ein Niemand, der nichts verändern kann. In der esoterischen Welt - in der ein Beleg oder Fakten keine Bedeutung haben, sondern nur die Phantasie - werde ich wieder zum Handelnden. Mit magischen Ritualen kann man scheinbar das Schicksal beeinflussen. Das ist ein ganz wichtiger Grund, warum sich die Esoterik so verbreitet".
II. Kognitionen: Narzisstische Komplexitätsreduktion: "Die Esoterik schaltet das kritische Denken aus. Man muss dem Guru glauben und darf keine Fragen stellen. Das ist die Gefahr der Esoterik. Es geht ausnahmslos um das ICH, die eigene Person. Solidarität und Empathie spielen keine Rolle mehr.
Das ICH rückt in den Mittelpunkt und alles andere wird unwichtig. Man engagiert sich nicht für gesellschaftspolitische Fragen. Solche Gedanken werden in der esoterischen Szene ausgeblendet. Sie wirkt nicht gemeinschaftsbildend".
III. Gesellschaft und Zeitgeist: "Die Esoterik passt genau in unsere Gesellschaft. Heutzutage ist das Wichtigste, das ICH zu optimieren. ICH muss ins Fitness-Studio gehen, damit mein Körper fit ist, dann muss er operiert werden, damit er dem Schönheitsideal möglichst nahe kommt. ICH muss eine Diät machen, um schlank zu bleiben".
IV. Das Ich und sein Körper: "Das ICH steht absolut im Mittelpunkt aller Gedanken. Der Körper und seine Gesundheit sind derzeit nahezu religiöse Projektionsflächen. Auch die Esoterik stellt das ICH in den Vordergrund.
ICH muss eine höhere Stufe des Bewusstseins erreichen. ICH kann auswählen, aus einer Palette von Ideen, die MICH ansprechen.
Esoterische Ideen spiegeln die Gesellschaft und waren zugleich immer eine Gegenbewegung zur rationalen Welt, in der bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigt werden".
V. Magische Physik: "Die Esoterik-Szene ist wissenschaftsfeindlich; aber es tauchen gängige physikalische Begriffe wie Felder, Schwingungen, Energie, Kraft oder Quanten in esoterischen Angeboten auf. Sie werden allerdings als Metaphern benutzt. Kein Mensch in der allgemeinen Bevölkerung weiss was z.B. Quanten sind. So geheimnisvolle Reizwörter kann man wunderbar verwenden. Sie haben etwas Numinoses. Und in der Esoterik geht es um das Numinose. Das zieht die Menschen an".
VI. Placebo-Wirkung: "Auch die Erwartung ist heilsam. Verspricht ein Arzt, dass sein Arzneimittel, das in Wirklichkeit gar keinen Wirkstoff enthält, gegen Schmerzen wirken wird, erzeugt der Körper des Patienten, der dieses Scheinmittel einnimmt, körpereigene Schmerzmittel. So haben alle Plazebos sogar messbare biologische Veränderungen zur Folge. Homöopathie mit ihren Versprechungen ist ein ideales Placebo".
VII. Marketing und Lobbying: "Bei der Homöopathie ist das Marketing ausgefeilt, wie es besser nicht sein könnte. Das beginnt beim Erfinder, bei Hahnemann vor 200 Jahren und geht bis in die Gegenwart. Massiv wird Lobbying betrieben. Es werden Seminare für Apotheker organisiert und Politiker zu Produktionsstätten eingeladen.
Homöopathen haben Büros in der EU, versuchen bei der EMEA (Europäische Arzneimittel-Agentur) Lobbying zu betreiben. Hersteller von Homöopathika haben einen Journalisten bezahlt, um Kritiker zu diffamieren, Homöopathen decken Kritiker mit Gerichtsverfahren ein, um sie mundtot zu machen".
VIII. Suggestive Verfahren: "Neuere Studien zeigen, dass Scheinakupunktur den gleichen Erfolg hat [wie die "richtige" Akupunktur]. Hier wird ein Apparat aufgesetzt, bei dem der Patient nur das Gefühl hat, dass eine Nadel in die Haut eindringt. Aber auch stechen der Haut an Nicht-Akupunktur-Punkten hat ähnlichen Erfolg. Es handelt sich wohl um ein sehr suggestives Verfahren".
Quellenangaben: Die Zitate stammen aus einem Interview mit Krista Federspiel von Matthias Winterer in der "Wiener Zeitung" vom 10.11.2014, die Struktur mit den Stichworten stammt von M.F. Online: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/mensch/702579_Eine-Gegenbewegung-zur-rationalen-Welt.html

Fallbeispiel, wie aus einer unbehandelten narzisstischen Persönlichkeit politisch Schwerwiegendes entstehen kann:
In den achtziger Jahren (des 19. Jahrhunderts), als Langbehn einsam und ohne Anerkennung lebte und arbeitete, entwickelte er einen empfindsamen culte du moi, eine Selbstverherrlichung und eine vorgespiegelte Selbstgenügsamkeit.
Zur selben Zeit bildete er seinen habituellen Narzissmus - er konnte stundenlang vor seinem Porträt sitzen und es bewundern - in ein bewusstes Lebensprinzip um. Er wurde in seinem Benehmen immer unausgeglichener, und immer qualvoller empfand er den Abstand zwischen seinem idealen Eigenbild und seinem tatsächlichen Wesen. Ert sehnte sich nach Freunden und nach Liebe - und wies beides zurück, sobald er es gefunden hatte; er suchte Ruhm und Anerkennung - und war dennoch darauf bedacht, sich zu verbergen.
Kraft, Gesundheit und Selbstgenügsamkeit pries er als die erstrebenswerten Eigenschaften, aber andererseits bat er, freilich anmassend, um helfendes Wohlwollen, wurde immer wieder von der krankhaften Angst befallen, seine Feinde würden ihn vergiften, wenn er nicht selbst seine Nahrung einkaufte und eigenhändig zubereitete. Er hatte eine masslos hohe Meinung von seiner eigenen Bedeutung, litt aber unsäglich unter der harmlosesten, meist eingebildeten Geringschätzung. Seine Unbeugsamkeit und sein Mangel an Kompromissbereitschaft bestimmten seinen Umgang mit Menschen wie mit Ideen; bei seinen Beschreibungen und Urteilen gibt es keinerlei Zwischenstufen, keine feine Nuancierung. Entweder unterwarfen sich ihm seine Mitmenschen bedingungslos - oder sie wurden von ihm abgelehnt. (...) Nach und nach versank er in eine von der Realität weit entfernte Scheinwelt; er war, von Büchern, Bildern, Ängsten und Tagträumen umgeben, besessen von Gedanken über sein eigenes Ich.
Zur Person von Julius Langbehn: In seinem Hauptwerk "Rembrandt als Erzieher" (hat mit Rembrandt praktisch nichts zu tun) entwickelt Langbehn den politischen, kulturellen und geistigen Führungsanspruch Deutschlands. Damit wurde er im 20. Jahrhundert für die Nationalsozialisten zu einer programmatischen Leitfigur. Langbehn politisch-gesellschaftlicher Grundraster setzt sich aus einem Anti-Pentagramm zusammen:
anti-demokratisch, anti-kapitalistisch, anti-semitisch, anti-kirchlich und anti-liberal.
Zusammen mit Paul de Lagarde und Möller von den Bruck gehörte er zu den geistigen Wegbereitern des Nationalsozialismus.
Quelle: Fritz Stern, "Kulturpessimismus als politische Gefahr" (Klett-Cotta, 2005) Beschreibung der narzisstischen Aspekte von Julius Langbehn (Seite 152f, Hervorhebungen M.F.)

Esoterik und Irrationalismus in der Postmoderne

Hugo Stamm, seit Ihrer ersten Recherche in den 70er Jahren hat sich Ihr Archiv von rund 60 Dossiers zu Sekten auf über 1000 vergrössert. Weshalb hat sich die Sektenlandschaft ausgedehnt, trotz moderner Medien und zahlreicher Aufklärungsversuche?
"Wissen alleine reicht nicht im Kampf gegen Sekten. Wir Menschen sind nicht Herr über unsere Seele. Vielmehr prägen uns genetische, hormonelle und neurologische Bedingungen. Der Mensch überschätzt sich oft masslos. Wir sind zwar kognitiv stark und haben uns zu einer Hochleistungsgesellschaft entwickelt, doch gleichzeitig leiden wir unter emotionalen Defiziten. Um unser Bewusstsein zu schärfen, müssen wir auch mit unseren Emotionen umgehen können. Deshalb geraten Menschen trotz weltweiter Informationsvernetzung noch immer in die Fänge von Sekten. Es sind meist Leute, die verunsichert sind, sich nach Heil und der Wahrheit sehnen und hoffen, die Sekten würden ihnen alle alltäglichen und übersinnlichen Probleme lösen."
Die Esoterik bezieht einen Teil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen Bedürfnissen: Wer will schon nur ein Lidschlag der Evolution oder ein "Nanopartikel" in einem unbegreiflichen und unendlichen Universum sein, wenn er beispielsweise seine Geburt und sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann?
Sorgen um eine prinzipiell nicht vorhersagbare Zukunft rufen nach einer höheren Instanz, die sagt, wo es langgehen soll. Ein weiterer Teil der Anziehungskraft mag daher kommen, dass die Welt schwer zu verstehen ist und etablierte Wissenschaften kompliziert und anstrengend sind.
Eine Beschäftigung mit Esoterik kann einem dagegen den schmeichelhaften Eindruck vermitteln, alles zu verstehen, zu durchschauen und mit Sinn versehen zu können!
(aus dem Youtube-Video mit Hugo Stamm: "Esoterik und Irrationalismus in der Postmoderne")

Begriffe:
- Sekte ist ein Sammelbegriff für Organisationen - Esoterik ist ein Sammelbegriff für Methoden.
- Beiden gemeinsam ist die Beeinflussung, sowie eine Geisteshaltung, welche je nach Lesart als Glaube oder Ueberzeugung oder Wissen bezeichnet werden kann, vgl. unten bei 'Ueberzeugungssysteme'.
- Ohne Glaube an irgend etwas sind weder Sekten noch Esoterik denkbar: Bei Sekten steht der Glaube an den Guru und dessen Lehre Vordergrund. Bei der Esoterik ist es der Glaube an eine Methode den Denkens oder Handelns.

Beeinflussung:
- Beeinflussung ist zunächst einmal weder schlecht noch gut, fidnet sie doch jederzeit statt, wie Watzlawick uns lehrt: "Man kann nicht nicht kommunizieren" (Axiom 1 von 5).
- Zur Beeinflussung gehören u.v.a. Werbung, Erziehung, Therapie, Gehirnwäsche. Zu den Methoden der Beeinflussung gehören u.a. Belohnung und Strafe. Beides wird auch von Sekten und Esoterik benutzt.
- Sekten und Esoterik sind keineswegs durchweg zu verurteilen oder sozial schädlich. Vieles davon gehört zum Toleranzbereich. Die Beurteilung muss allerdings nach denselben Kriterien vorgenommen werden, die auch sonst gelten.

Beurteilung:
Weisen diese Kriterien in eine sozial oder für den Einzelne problematisch Richtung, gibt es keinen Grund, eine genauere Prüfung nur deshalb zu unterlassen, weil die Begriffe Glaube, Religion, religiös, Wissen, Wissenschaft, alternativ, spirituell oder ähnliche benutzt werden. Es darf keinen Beurteilungs-Bonus für phantasievolle Begriffe geben.
Es gibt auch keinen Grund, notwendige Kritik zu unterlassen, weil auch andere Organisationen in früheren Jahrhunderten grausam und - aus heutiger Sicht - menschenverachtend gehandelt haben. Was als grausam und menschverachtend beurteilt wird, unterliegt dem Wandel. Die katholische Kirche hat seit Luther wegen unzulässiger Methoden der Spendenwerbung ("Ablass") die Hälfte ihrer Anhänger verloren und wegen sich ändernder Ansichten fast ihre gesamte weltliche Macht. Auf heutige Handlungen sind heutige Anschauungen und Gesetze anzuwenden.

Sekten und Esoterik sind oft kommerziell:
- Sekten und Esoterik sind oft getarnte Wirtschaftsunternehmen. Als solche gehören sie zum 'Psychomarkt'.
- Wirtschaftsunternehmen sind Zunächst einmal nichts Negatives; aber ihr Handeln unterliegt sehr konkreten Regelungen.
- Sekten und Esoterik verweigern die Anwendung dieser Regeln, wie u.a. Verbraucherschutz-Gesetze und Konkurrentenschutz-Gesetze.
- Bei Sekten und Esoterik ist die Schädigung von Verbrauchern und Konkurrenten der Normallfall.
Quelle: http://www.agpf.de/Esoterik-Sekten.htm
www.AGPF.de - Infos über Sekten, Kulte und den Psychomarkt - AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit - Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V.

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1.3. Empirisch-"skeptische" Psychologie: Kognitive Theorien – Dissonanztheorie von Festinger - Der Beitrag der 'Skeptiker'

Esoterik stellt eine Art von kognitiver Konsonanz-Herstellung, d.h. die Reduktion kognitiver Dissonanz, dar (Definition siehe unten):

Konsistenztheorien (vgl. hierzu auch Grawes Psychotherapieansatz wie er in Kap. 6 und 10 beschrieben wird) fassen alle jene psychologischen Theorien zusammen, die der Stimmigkeit, Verträglichkeit oder Harmonie von Kognitionen (z.B. Wahrnehmungen, Erinnerungen, Einstellungen, Urteilen) eine motivierende Rolle zuschreiben.
Historisch gehen die Konsistenztheorien auf die Gestaltpsychologie zurück, in der für die menschliche Wahrnehmung ein Streben nach einem stimmigen, in sich geschlossenen und harmonischen Ganzen nachgewiesen wird. Bedeutende Konsistenztheorien sind zum Beispiel Fritz Heiders Balance-Theorie oder Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz (s.u.).
Auf dem Grundgedanken der Konsistenztheorien beruhen viele intuitiv plausible Annahmen und Vorhersagen, wie z.B.:
- Man kann Personen durch Erinnerung an ihre Einstellungen dazu motivieren, in der Folge ein einstellungskonträres Verhalten zu unterlassen.
- Personen ändern die Richtung, die ihr Verhalten einmal genommen hat, nicht mehr ohne guten Grund. Für die Beibehaltung dieser Richtung braucht es dagegen keine eigenen Gründe mehr (diese Ableitung aus den Konsistenztheorien wird in der sog. "Fuss-in-der-Tür-Technik" (vgl. das Unterkapitel zum 'Cold Reading') genutzt).

Aus Konsistenztheorien lassen sich aber auch Vorhersagen ableiten, die dem Alltagsverständnis zum Teil zuwiderlaufen:
- Einstellungen können sich im nachhinein an ein vorher gezeigtes eigentlich einstellungskonträres Verhalten anpassen. Diese Anpassung ist insbesondere dann zu erwarten, wenn zu dem vorherigen Verhalten ein besonders geringer Handlungsanreiz bestand (hierauf beruht das sogenannte 'forced-compliance-Paradigma' in der Theorie der kognitiven Dissonanz (Dissonanztheorie).
- Positive Rückmeldungen, die zur Aufwertung der eigenen Person genutzt werden könnten, werden oft zurückgewiesen, wenn sie mit dem Selbstbild nicht übereinstimmen. Dies führt zu dem überraschenden Befund, daß Personen mit niedrigem Selbstwert negative aber selbstbildkonsistente Rückmeldungen zu ihrer eigenen Person bevorzugen (um sich so auf tiefem Selbstwertniveau einzupendeln, "Hauptsache Balance", wie es im Narzissmus-Kapitel hiess.

Kognitive Dissonanz

Esoterische und/oder (politisch) extreme Verhaltensweisen und Ansichten erfordern einiges an Gehirnakrobatik. Die im folgenden beschriebene Konzeption der 'kognitiven Dissonanzreduktion' ähnelt stark meiner Konzeption der 'Reduktion des narzisstischen Gleichgewichts' und hat diese auch mitbeeinflusst. Während es bei der Narzissmusreduktion um das Zurechtrücken des Selbstbildes als Ganzes geht, betont die Dissonanzreduktionstheorie den kognitiven Aspekt der Meinungsbildung. Im Zusammenhang mit Extremismus interessant ist v.a., dass es mittels Dissonanzreduktion gelingen kann, auch ganz abwegige und längst widerlegte oder gar verbotene oder gesellschaftlich geächtete Verhaltens- und Denkweisen aufrechtzuerhalten und vor sich selber und in der 'Ingroup' zu der man gehört, sogar als Identitätsmerkmal vor sich herzutragen und sogar missionarisch andere mitüberzeugen zu wollen. In Kombination mit der oben schon angesprochenen kruden national-konservativen Position wie sie die NSDAP und jetzt wieder Pegida und die sog. 'Neue Rechte' in Form der Identitären beispielsweise vertritt sowie mit den weiter unten dargestellten massenpsychologischen 'Drift'-Tendenzen hin ins immer Extremere (sog. 'risky shift'), entsteht durch den an sich simplen Mechanismus der 'Kognitiven Dissonanz' sowie der 'projektiven Identifizierung' (um Feindbilder zu zementieren) eine brandgefährliche Mischung. Doch zunächst zu den Grundlagen von Festingers klassischer Theorie:

Quackwatch-Liste nach Stephen Barrett

1. Denken Sie daran, dass Quacksalberei nur selten verschroben wirkt. Quacksalber drücken sich oft wissenschaftlich aus und zitieren aus wissenschaftlichen Quellen (wenn auch nicht immer richtig). Manche von ihnen haben eine seriöse wissenschaftliche Ausbildung hinter sich, sind dann aber von diesem Weg abgekommen.
2. Hören Sie nicht auf Leute, die Ihnen erzählen, dass die meisten Krankheiten durch falsche Ernährung verursacht werden oder durch die Einnahme von nahrungsergänzenden Stoffen geheilt werden können. Es gibt zwar Krankheiten, die tatsächlich ernährungsbedingt sind, die meisten sind es aber nicht. Zudem sind Krankheiten, bei denen die Ernährung eine Rolle spielt, nicht durch die Einnahme von Vitaminen zu behandeln, sondern durch eine Umstellung der Ernährung.
3. Hüten Sie sich vor Anekdoten, Empfehlungen und Referenzen. Wenn jemand behauptet, durch unorthodoxe Methoden geheilt worden zu sein, dann fragen Sie sich und wenn möglich auch Ihren Arzt, ob es auch eine andere Erklärung für die Genesung geben kann. Die meisten einmalig auftretenden, nicht chronischen Krankheiten vergehen mit der Zeit von selbst, und die meisten chronischen Krankheiten weisen symptomfreie Perioden auf. Die meisten Menschen, die von Krebs geheilt wurden, haben sich sowohl seriöser als auch unorthodoxer Behandlung unterzogen, führen ihre Genesung jedoch auf letztere zurück. Manche Beweise sind reine Erfindung.
4. Hüten Sie sich vor pseudomedizinischer Ausdrucksweise. Anstatt ihre Krankheit zu behandeln, wird Ihnen ein Quacksalber evtl. vorschlagen, Ihren Körper zu "entgiften", ihn "chemisch ins Gleichgewicht zu bringen", seine "nervliche Energie" freizusetzen, ihn "in Harmonie mit der Natur zu bringen" oder angebliche "Schwächen" verschiedener Organe zu korrigieren. Die Anwendung von Methoden, die nicht messbar sind, macht es möglich, von Erfolgen zu sprechen, obwohl tatsächlich gar nichts getan und erreicht wurde.
5. Fallen Sie nicht auf paranoide Behauptungen herein (sog. Verschwörungstheorien, VTs). Nichtkonventionelle Praktiker behaupten oft, dass die Schulmedizin, Arzneimittelhersteller und der Staat sich gegen sie verschworen haben, um alles, was sie vertreten, zu unterdrücken. Für solche Theorien wurde noch nie ein Beweis angetreten. Es widerspricht auch jeglicher Logik, dass eine Vielzahl von Menschen die Entwicklung von Behandlungsmethoden bekämpfen würde, die eines Tages ihnen selbst oder einem geliebten Menschen helfen könnten.
6. Vergessen Sie "Geheimkuren". Echte Wissenschaftler stellen ihr Können als Teil des wissenschaftlichen Fortschritts zur Verfügung. Quacksalber halten ihre Methoden eher geheim, um zu verhindern, dass andere ihre Nutzlosigkeit unter Beweis stellen. Niemand, der tatsächlich eine Heilmethode entdeckt hat, hätte einen vernünftigen Grund dafür, diese geheimzuhalten. Eine wirksame Heilmethode, vor allem für schwere Krankheiten, würde ihrem Entdecker enormen Ruhm, Vermögen und persönliche Befriedigung bringen, wenn er seine Entdeckung mit anderen teilt.
7. Hüten Sie sich vor den Irrtümern der Kräutermedizin. Sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei - das Image pflanzlicher Arzneimittel ist durchweg positiv. Fast zu positiv, meinen viele Apotheker und Aerzte, denn Folge des positiven Bildes ist oft genug eine unkritische Anwendung. Wer die drei häufigsten Irrtümer über pflanzliche Arzneimittel kennt, kann jedoch sicher sein, dass ihm die Medizin aus der Natur nicht schadet:
- Irrtum 1: Pflanzliche Arzneimittel kann jeder nehmen. Falsch. Wer ein Magengeschwür hat oder hatte, für den sind beispielsweise Magenmittel oder Magentees mit Bitterstoffen tabu. Zum Ausschwemmen von Wassereinlagerungen im Gewebe (Oedeme) sind wassertreibende Arzneipflanzen völlig ungeeignet. Hier muss der Arzt verschreibungspflichtige Präparate, sogenannte Diuretika, verordnen.
- Irrtum 2: Alle pflanzlichen Arzneimittel eignen sich gut zur Dauereinnahme. Gegenbeispiele: Pfefferminze kann bei Dauergabe den Magenschließmuskel erschlaffen lassen und dadurch Sodbrennen auslösen. Wacholderbeeren können die Nieren schädigen, wenn sie jahrelang in hohen Dosen genommen werden. So gut diese Heilpflanzen über einen kurzen Zeitraum vertragen werden, für die Einnahme über Jahre sind sie ungeeignet. Tipp: Bedenken Sie, dass auch pflanzliche Präparate echte Arzneimittel sind, die Sie ohne den Rat von Apotheker oder Arzt nicht über längere Zeit anwenden sollten.
- Irrtum 3: Pflanzliche Arzneimittel sind ideal für Schwangere. Gegenbeispiele gibt es viele. Zum Beispiel kann Aloe, die gegen Verstopfung eingesetzt wird, den Blutfluss im Becken erhöhen und so eine Frühgeburt auslösen.
8. Seien Sie kritisch gegenüber Produkten, die eine Vielzahl von Krankheiten bekämpfen sollen, die nichts miteinander zu tun haben, vor allem wenn es sich um schwere Krankheiten handelt. So etwas wie ein Allheilmittel oder eine Wunderkur für jede Krankheit gibt es nicht.
9. Ignorieren Sie Appelle an Ihre Eitelkeit [bzw. Ihren Narzissmus]. Quacksalber rufen ihr Publikum vor allem gerne dazu auf, "selbst zu denken", anstatt den kollektiven Weisheiten der Wissenschaftler-Gesellschaft zu folgen. Ein weiteres ihrer Argumente ist, dass ein Heilmittel, dessen Wirksamkeit bei anderen Menschen noch nicht festgestellt werden konnte, bei Ihnen sehr wohl wirken könne.
10. Lassen Sie ihr Urteilsvermögen nicht durch Verzweiflung trüben! Wenn Sie den Eindruck haben, dass sich Ihr Arzt nicht genug bemüht, oder wenn Sie erfahren haben, dass Ihre Krankheit unheilbar ist und diese Tatsache nicht widerstandslos akzeptieren können, kommen Sie bei ihrer verzweifelten Suche nach einer Lösung nicht vom Weg der wissenschaftlichen Heilkunst ab. Sprechen Sie statt dessen mit Ihrem Arzt über Ihre Gefühle und ziehen Sie die Möglichkeit in Erwägung, einen [anderen] anerkannten Experten aufzusuchen. (Quelle: Psiram.de)

Der Verdacht auf Scharlatanerie bzw. Quacksalberei wird umso wahrscheinlicher, je mehr der folgenden Beschreibungen zutreffen:
Eine Methode bzw. ein Produkt:
1. wird durch Hinweis auf exotische Herkunft (Regenwald, Himalaya u.a.) interessant gemacht,
2. soll Heilung bringen, wenn Schulmedizin in auswegloser Situation versagt,
3. soll durch umfangreiche Erfahrungen "untermauert" sein, ohne dass nachvollziehbare Daten aus kontrollierten klinischen Studien zugänglich gemacht werden,
4. soll gegen eine Vielzahl verschiedener Erkrankungen, die nichts miteinander zu tun haben, universell wirksam sein,
5. soll regelmäßig zum Erfolg führen, wobei Misserfolge der 'Schulmedizin' angelastet werden,
6. ist an einzelne Personen beziehungsweise Institutionen gebunden, die die Therapie entwickelt haben und daran verdienen (extrem hohe Preise), [sehr wichtiger Punkt, vgl. unten: Kommerzielle Esoterik]
7. soll keine Nebenwirkungen haben oder die Nebenwirkung von Verfahren der Schulmedizin reduzieren oder aufheben,
8. ist kompliziert (strenge Diätvorschriften, komplizierte Anwendungsrichtlinien u.a.), so dass Misserfolge auf Anwendungsfehler zurückgeführt werden,
9. soll schon seit Jahren/Jahrzehnten verwendet werden, ohne offiziell anerkannt zu sein,
10. ist den Behauptungen zufolge so gut, dass unverständlich bleibt, warum keine Zulassung als Arzneimittel existiert.

Psiram-Ergänzungen:
- Aufdringliches 'name dropping' durch Nennung von bekannten Personen oder scheinbaren Autoritäten, die angeblich die entsprechende Hypothese stützen.
- Die Erfinder (meist Einzelforscher und sogenannte Privatgelehrte) und hartnäckigen Befürworter schmücken sich gerne mit fragwürdigen oder käuflich erworbenen akademischen Titeln von Title-mills und fälschen gerne ihr Curriculum. Produkte aus dem quacksalberischen Bereich werden häufig mit Betonung der akademischen Grade ihrer Befürworter oder Erfinder beworben.
- Entsprechende fragliche Produkte sind häufig chemisch ungenau definiert, ihre Zusammensetzung wird laufend verändert.
- Der 'Arznei' wird eine intelligente, auswählende Wirkung zugeschrieben. Etwa bei den Schwedenkräutern nach Maria Treben: "Was zuviel ist, lindern sie und was zuwenig ist, ergänzen sie".
- Nennung nicht überprüfbarer Verschwörungstheorien [VTs] um eine angebliche Unterdrückung des Mittels durch staatliche Einrichtungen und im Untergrund agierende heimliche Machthaber, Illuminaten, Reptiloiden und Bilderberger (Beispiele: Germanische Neue Medizin, Miracle Mineral Supplement).
- Nach dem Tode des Erfinders nimmt das Interesse an der Methode stark ab oder die Methode gerät quasi in Vergessenheit.
- Sehr hohe Preise für Mittel, die gleichzeitig im Chemikaliengroßhandel oder als Import aus osteuropäischen Ländern oder Asien zu niedrigen Preisen erhältlich sind.
- Verwendung ungewöhnlicher und/oder verwirrender oder völlig wertloser Einheiten bei Messergebnissen. So ist die esoterische Einheit Bovis nicht exakt definiert und kann beliebig verwandt werden. Auch ist bei pseudowissenschaftlichen Argumentationsversuchen mitunter der Versuch zu beobachten, Messwerte durch überflüssige Verwendung von Multiplikatoren oder Divisoren für Laien als größer oder kleiner erscheinen zu lassen: Missbrauch von Einheitenvorsätzen (Beispiel: Anders Bruun Laursen).

Speziell bei so genannten Kaffeefahrten, beim Versand über das Internet und allen Formen des Multi-Level-Marketings sollten auch folgende Kriterien beachtet werden:

1.4. PLACEBO-Effekte in der Esoterik: die sog. Alternativ- bzw. Komplementär-Medizin

Wunderwerk menschlicher Erwartungshaltung
Die damit erzielten Erfolge übertreffen sogar manche chemische Keule der Schulmedizin. Ihre Wirkungskomponenten sind jedoch weder die patienteneigenen Schwingungen noch gewisse enge oder breite Durchlassbereiche oder gar automatische Frequenzdurchläufe, sondern schlicht und einfach der Therapeut bzw. die Therapeutin selbst.

Es handelt sich hier um eine Art „symbolische Physik“ und nicht um eine konkrete, im physikalischen Sinne messbare Angelegenheit. Es ist der menschliche Geist, der in Verbindung mit den Geräten diese Wunder vollbringt. Das Bewusstsein des Anwenders spielt die entscheidende Rolle, die Geräte selbst besitzen gar keine therapierelevanten Wirkungskomponenten! Sie schaffen jedoch das nötige Vertrauen in die Methode und dienen dem Anwender als Konzentrationshilfe zur Ausrichtung des Bewusstseins (Aktivierung und Fokussierung der geistigen Kräfte). Es sind die in der Außenwelt erforderlichen materiellen Repräsentanten (Symbole) eines geistigen Prinzips, dass durch den Glauben sowie das Ritual der Anwendung in Aktion tritt. Mit anderen Worten: Utensilien für einen Elektronischen Schamanismus. Wirksam werden nicht die an den Geräten vorgenommenen (symbolischen) Einstellungen, sondern nur die im Bewusstsein des Therapeuten vorhandenen subjektiven Vorstellungen über Funktion und Wirkungsweise der angewandten Methode. In der Regel gilt:
"Je klarer und deutlicher die Methode im Bewusstsein des Anwenders verankert und je stärker der Glaube und die Identität mit dem System ist, desto Erfolg versprechender die Therapie!"
Bei diesen Methoden kommt das Phänomen der Rückbezüglichkeit besonders zum Tragen, d.h. die Identität mit der angewandten Methode und das damit einhergehende Vertrauen ist Voraussetzung für den Erfolg, während nur wiederholter Erfolg das notwendige Vertrauen und damit die Identität mit dem System selbst schafft. Damit erklärt sich natürlich auch der vielfältige Wirkungsbereich derartiger Therapien sowie die außergewöhnliche Erfolgsquote von überzeugten Anwendern, aber auch die Misserfolge all derjenigen, die dieser Therapieform skeptisch oder gar ablehnend gegenüberstehen.
Anfangs tritt zwar eine gewisse Abhängigkeit ein, da der Therapeut glaubt, nur über das jeweilige Gerät und dessen Funktionsweise seine Erfolge erzielen zu können, doch in einem späteren Stadium, das durch virtuoses Beherrschen des Instrumentes sowie dem Gewahrwerden des geistigen Wirkprinzips gekennzeichnet ist, kann in letzter Konsequenz sogar auf das Gerät verzichtet werden. Die Beibehaltung des Gerätes ist jedoch trotzdem empfehlenswert, zumal die Trefferquote (durch die Bündelung der geistigen Kräfte) damit weit höher ist, abgesehen davon, dass es auch ein gewisses Faszinosum darstellt, das die Kompetenz der Therapeuten nach Außen bestätigt.

Elektronischer Schamanismus
Diese Phänomene der geistigen Ebene sind natürlich nicht nur an bestimmte Geräte oder Methoden wie die der Bioresonanz gebunden, sondern treten grundsätzlich in der Medizin auf und demnach auch bei allen biophysikalischen Geräten. Dazu gehören u.a. Frequenzgeneratoren, die mit bis drei Stellen hinter dem Komma als besonders wirkungsvoll dargestellt werden oder andere, auf den ersten Blick mehr wissenschaftlich wirkende Verfahren, wie z.B. Magnetfeld, Softlaser oder Farblicht. Wer sich für diese Themen näher interessiert und sich im Detail über die Problematik der instrumentellen Biokommunikation informieren möchte, der sei auf den Beitrag „Im Nirvana der Biophysik“ auf der Webseite des Radionik Verlags verwiesen.
Die Welt will betrogen sein...
Die Frage bleibt jedoch, warum das geistige Prinzip der Methode, das seit Jahrtausenden bekannt und vom Schamanen bis hin zum Medizinmann auf allen Kontinenten praktiziert wird, von den meisten Geräteherstellern und Exponenten dieser Therapien bei uns verschwiegen und geleugnet wird. Bis heute hatte kaum jemand den Mut, sich offen zu den tatsächlichen Gegebenheiten zu bekennen und ein revidiertes Modell vorzustellen, das auch die Rolle des Bewusstseins als aktives Element eindeutig mit einbezieht. Für die meisten scheint der Papst Paul dem VI (1476-1559) zugeschriebene Ausspruch: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur“ (Die Welt will betrogen sein, also betrügen wir sie fein) als Rechtfertigung für ihre unrühmliche Handlungsweise zu dienen. Aber dies ist eben nur ein Aspekt, denn dagegen steht: wer schweigt, gibt sein Einverständnis („Qui tacet, consentire videtur“) und dies gilt für alle, die um diese Dinge Bescheid wissen, auch Therapeuten und Herausgeber von Fachzeitschriften sind hier gefordert.
Wie soll denn eine Methode überhaupt anerkannt werden, wenn bereits das postulierte Modell falsch ist und gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht? Warum denn nicht bewusst und unmissverständlich auf die geistigen Wirkungskomponenten hinweisen und die Schulmedizin mit den tatsächlichen Gegebenheiten herausfordern? Doch dies dürfte schwierig sein, denn den meisten bleibt nichts anderes übrig, als das (falsche) Bild aufrechtzuerhalten und in der einst begonnenen Rolle weiter zu machen. Verständlicherweise, denn wer gibt schon zu, sich über Jahre oder gar Jahrzehnte getäuscht zu haben oder viel schlimmer, bewusst Therapeuten noch immer an der Nase herumzuführen. Ganz abgesehen davon, dass es sich bisher für einige damit auch recht gut leben lässt! Wer sich in diesem Zusammenhang über Ursprung und Hintergründe der Therapie mit patienteneigenen Schwingungen im Detail interessieren möchte, sei auf den Insider-Report des Autors verwiesen, der unter dem Titel „20 Jahre Bioresonanz“ (1977 – 1997) auf der Homepage des Radionik-Verlags zu finden ist.
Quelle: Grösser, Hermann. Physik der Bioresonanz: Irreführung oder Verdummung?

Passend zur wichtigen Unterscheidung von "naiver Esoterik" und Geschäftemacherei im Sinne von Fischler "Esoterik 2.0" (s.u.: 'Kommerzielle Esoterik') genannt, folgender Skeptiker-Beitrag zu Placebo-Effekten:

Hans-Werner Bertelsen: Placebo-Arbeit - immer dieselbe Effekthascherei?

Ueber die Motive, wirkungslose Verfahren chronisch kranken Menschen als sogenannte Alternativmedizin zu verkaufen, gibt es plausible Erklärungsmodelle. Ich habe die Motivlage der Anbieterseite beschrieben (Bertelsen 2013) und die Anbieter in verblendete Selbsttäuscher und Geschäftstüchtige eingeteilt (Bertelsen 2014):
Beide Gruppen teilen sich die Vorliebe für ein gewünschtes Ziel, haben ein gemeinsames Anliegen – sie gieren nach dem „Ich werde gefallen!“, nach dem Placebo-Effekt. An einem Strang ziehen beide, sowohl der verblendete Selbsttäuscher, als auch der Geschäftstüchtige; geht es nach dem Drang nach dem gewünschten Effekt, sind sie also beide Effekthascher im originären Sinne. Die Arbeit, die von beiden Anbietergruppen verrichtet wird, nenne ich daher Placebo-Arbeit. Doch eine Differenzierung der Anbieter, eine Aufteilung nach Selbsttäuscher und Geschäftemacher, macht auch eine Differenzierung des von beiden Gruppen induzierten Placebo-Effektes notwendig. Sowohl die Motivation als auch die Folgeerscheinungen sind unterschiedlich. So ist der Placebo-Effekt, der von einem verblendeten Selbsttäuscher induziert wird, völlig anders zu bewerten, als die von dem Geschäftstüchtigen induzierte Variante.

I. Der benigne Placebo-Effekt – mit Suggestion unterwegs
Betrachten wir zunächst die gutartige Form, ich nenne ihn den benignen Placebo. Die treibende Kraft, die einen benignen Placebo zum Ziel hat, ist die Suggestion. Die Gruppe der verblendeten Selbsttäuscher verwendet die Suggestion als Werkzeug, um zum Ziel zu gelangen. Dies gelingt gut, solange die treibende Kraft auf ein gehöriges Mass an Suggestibilität trifft. Patienten, die kein ausreichendes Mass an Suggestibilität besitzen, kann hingegen auch der naivste Selbsttäuscher nicht erreichen. Beim Versagen der Therapie sind die Folgen harmlos. Die Formulierung: „Wir haben es wenigstens versucht“ versucht, die Gefühlslage beim Versagen einer Therapie zu beschreiben. Es werden keine Schamgefühle beim Versagen einer Therapie induziert. Der Patient kann sich ohne Uebermass an eigener Enttäuschung und ohne Gesichtsverlust auf ein neues Verfahren konzentrieren.

II. Der maligne Placebo-Effekt – mit Manipulation unterwegs
Die weniger erfreuliche Form des Placebo-Effektes nenne ich den malignen Placebo. Die treibende Kraft ist hier nicht die Suggestion, sondern in erster Linie die Manipulation. Die Gruppe der Geschäftstüchtigen bedient sich der Manipulation als Werkzeug. Aengste werden beispielsweise benutzt, um ein Verfahren besser anzudienen. Hoffnungen werden missbraucht, um zu verkaufen. Ein durch Manipulationstechniken induzierter Placebo-Effekt ist aus meiner Sicht daher völlig anders zu bewerten, weil sowohl die Motivlage des Anbieters, als auch die durch die Manipulation beim Patienten hervorgerufenen Folgeerscheinungen völlig andere sind. Das Mass einer Manipulationsbereitschaft ist stark vom Grad der Verzweiflung abhängig. Tumorkranke zeigen ebenso wie depressive Patienten häufig ein großes Maß an Verzweiflung und demzufolge ein hohes Maß an Manipulationsbereitschaft. Der „letzte Strohhalm“ soll Halt bieten. Die entstehenden Folgen, die bei Versagen der Therapie, etwa durch Aufdeckung der Motive des Geschäftstüchtigen, auftreten, unterscheiden sich grundlegend von den Folgen im Bereich des benignen Placebos. Es können negative Gefühle erzeugt werden. Gefühle des eigenen Versagens, die bei Tumorpatienten ohnehin schon häufig zu beobachten sind, können verstärkt werden. Es können massive Schamgefühle erzeugt werden, wenn Patienten erkennen, dass sie dem Typus des Geschäftstüchtigen auf den Leim gegangen sind. Gefühle des Verrats und der Ohnmacht dominieren hierbei. Beides sind stark negativ aufgeladene Gefühle, die den Anforderungen an eine positiv besetzte Gefühlslage für die Heilung von einer Krankheit diametral entgegenstehen.
Online veröffentlicht von Ulrich Berger am April 17, 2014 auf: http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2014/04/17/placebo-arbeit-immer-dieselbe-effekthascherei/
Literatur:
Bertelsen, H.-W. (2013). “Die Attraktivität ‘ganzheitlicher’ Zahnmedizin. Teil 2: Bohren ohne Reue”; Skeptiker 3/2013 S.114-117.
Bertelsen, H.-W. (2014). “Selbsttäuscher und Geschäftemacher”; profil-wissen, 19.03.2014.


Teil II: Esoterik 2.0: Perfekte Symbiose von Narzissmus und Kapitalismus - Kommerzielle Esoterik

Das Unbehagen an der ESOTERIK:

Spirituelle Führer dieser Tage verstehen sich als moderne Unternehmer. In diesem Sinne zielen sie weniger auf die finanzielle Totalausbeutung einzelner Jünger ab, als vielmehr auf die.Erschließung eines größtmöglichen Massenmarkts. Mithilfe des Internets bedient man ein Millionenpublikum mit spirituellen Produkten. Kosten und unternehmerisches Risiko werden dabei minimiert (Fischler 2013 S.63)
Spiritualität als blosses Konsumgut:
Eine Reise in die Welt der Esoterik, die das Internet erobert hat und Menschen mit psychologischen Tricks in ihren Bann zieht
"Wundern Sie sich nicht über den wenig sparsamen Einsatz von blumigen Spitzfindigkeiten. Diese sollen keinesfalls über den offensichtlichen Wahnsinn hinwegtäuschen, doch erträglicher machen sie ihn allemal", schreibt Johannes Fischler. In seinem neuen Buch "New Cage: Esoterik 2.0 - Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt" führt der Psychologe den Leser durch die Welt der Esoterik - und warnt gleich vorweg: Eine "supersachliche Faktensammlung" sei das nicht, denn um sich auf das Thema einzulassen, müsse man sich "wohl oder übel auf die Seite des Phantastischen begeben".
Damit beginnt ein Abenteuer, in dem Engelswelten, Energiesprays, Bewusstseinsstufen, Lichtkörper und Chakren die Hauptrollen spielen: eine Reise in eine sehr strukturierte Parallelwelt, die längst das Internet erobert hat und mit Hilfe von Marketingstrategien und psychologischen Tricks Menschen Schritt für Schritt und Stufe für Stufe in ihren Bann zieht. Der "spirituelle Berufene" ist der "User", der zur "Markentreue" animiert wird. Der "Kaufrausch" diene dabei als "Ekstaseritus der Postmodernen". Damit, schreibt Fischler, wird "Spiritualität zum bloßen Konsumgut".
Quelle: Sophie Niedenzu in "Der Standard" vom 7. Juni 2013

2.1. New cAge - Eso-Marketing in der Esoterik 2.0 - Johannes Fischler

Ein spannender Blick hinter die Kulissen einer Milliarden-Industrie

MULTI-DIMENSION MARKETING

Mir ist es wichtig zu betonen, dass Esoterik nicht nur wie im ersten Teil beschrieben eine strukturelle Angelegenheit (y-Achse im Koordinatensystem aus Kapitel 1) von Glaubenssätzen, Produkten und Praktiken ist, sondern in den letzten Jahren mehr und mehr sich dynamisiert (x-Achse) hat und so ganz legal zu einem gewichtigen Teil des Wirtschaftslebens sich gemausert hat und zu einem Milliardenbusiness geworden ist.
Die 'narzisstische Bedürftigkeit' (Kap. 2) der Menschen und die Neigung des Homo Sapiens zur Projektion von Wünschen (aber auch von Aengsten, vgl. den dritten Teil dieses Kapitels: Antisemitismus) auf 'kryptoreligiöse Fetische' wird hiermit aufs Beste bedient und im wahrsten Sinne des Wortes sehr erfolgreich 'bewirtschaftet'.

Kollege Fischler beschreibt in seinem ironisch und unterhaltsam geschriebenen Buch (s.o.) den "Trip ins Universum" der "Engel und Essenzen" mittels einer sehr dynamischen Raumfahrt-Metapher bzw. 'Rakete-ins-All'-Narration:

Abheben im Business der Esoterik 2.0 - Das Prinzip: "Nimm etwas weniger, aber dafür von vielen!"

Schritt 1: Die Startbasis - Der esoterische Weltenbau und seine Requisiten
I. Fantasy Welt wählen und installieren: 'World of Soulcraft'

"Zuallererst geht es darum, eine [zum Produkt] passende Fantasy-Welt zu installieren. Analog zu erfolgreichen Onlinespielwelten taufen wir diese kurzerhand „World of Soulcraft“ (WoS)".

Schritt 2: Der Astronaut - Das esoterische Heldendrehbuch, der Glamour und seine Tücken
II. User: Helden eines Drehbuchs (vgl. Heldenreise bei Assagioli in der sog. 'Biosynthese')

"In dieser 'WoS' (s.o.) finden sich spirituell Berufene, hier „User" genannt, als Helden eines mitreißenden Filmdrehbuches wieder".

Schritt 3: Die Tankfüllung - Spirituelle Energieträger und fesselndes Marketing
III. Konsumation der passenden Produkte: der Pro-Sumer als aktiver Konsument im inszenierten Phantasma

"Ueber die Konsumation der passenden Produkte kann sich das zahlende Publikum selbst in das Geschehen einklinken.
Angetrieben von allerlei Sehnsüchten und eingewickelt von geschickter Dramaturgie werden die User von diesem inszenierten Phantasma immer abhängiger".

Schritt 4: Die Zündung - Neurochemische Explosionen und die Genese feinstofflicher Sucht
IV. "The Chosen": Auserwählt dank Manipulation -> mehr desselben (im Sinne der Kommunikationstheorie von Watzlawick)

"Je tiefer sie in die Geschichte hineinschlittern, desto auserwählter fühlen sie sich.
Je augenscheinlicher ihre Manipulation zutage tritt, desto massiver ihre Nachfrage nach 'energetischen Palliativen'".

Schritt 5: Das Raumschiff hebt ab - Meister, ihre Ausbildung und ihre Mission: der spirituelle 'Stairway to Heaven'
V. Die Mission: weitere User ins Boot holen -> Schneeballsystem mit leeren Versprechen

"In der Hoffnung, das Unwahrscheinliche dennoch Wirklichkeit werden zu lassen, bemühen sich die Protagonisten, immer weitere User mit ins Boot zu holen".

Schritt 6: Haupttriebwerk und Booster - Der esoterische Verdrängungsmotor steigert Nachfrage und Umsatz
VI. Freiberufliche Vertreter für das Unsichtbare mit eigenem Vertrieb: Internet-Präsenz mit Online-Verkauf

"Sie agieren nun selbst als freiberufliche Vertreter für das Unsichtbare und übernehmen frohen Mutes den Vertrieb".

Schritt 7: Die Schaltzentrale - Die Drahtzieher bleiben im Hintergrund und verdienen an allem kräftig mit
VII. Der Regisseur bleibt unerkannt im Hintergrund

"Der Regisseur des Ganzen kann sich getrost zurücklehnen und hemmungslos abkassieren. Denn er verdient an allem ordentlich mit, [ohne irgendetwas zu tun, denn der Massenmarkt arbeitet für ihn, vgl. Schneeball-Systeme, Schenkkreise etc.] tut aber die ganze Zeit so, als wäre er nur einer von ihnen."

Schritt 8: Das Eintreten in die nächste Dimension - Die Vertriebsstellen vervielfältigen sich von selbst
VIII.................

"Modernes Eso-Marketing setzt auf die Weitergabe des Kultischen durch die User (vgl. den Adepten der weltlichen Firma 'Apple'...]. Diese verwickeln sich in ein Begeisterungsnetzwerk und schaukeln so ihr verzücktes Befinden interaktiv hoch. Je mehr Mitspieler rekrutiet werden, desto eher wird die Matrix der Insider zur gelebten sozialen Wirklichkeit" (S.206)

Schritt 9: Leben in der Raumkapsel - Gefangen im New cAge
IX. Kadavergehorsam bis in den Tod

"Unterstützt durch allerlei Produkte und Rituale werden spirituelle Communities zu nach aussen abgeschirmten Zirkeln. Trügerische Einhelligkeit sowie Fehlentscheidungen sind die Folge. Das Angebot an energetischen Reinigungsmitteln schürt den Verfolgungswahn der Involvierten zusätzlich" (S.239).

Schritt 10: Völlig losgelöst - per Freiflug in die Unendlichkeit - Das Sternenschiff fliegt mit Autopilot
X. ..............

"Die eigenen Eltern erziehen ihre Nachkommen zu Indigokindern und sorgen so für eine neue Käuferschicht spirituell Bedürftiger. Leiter von 'Aufstiegsschulen' [z.B. 'Kryon'] unterstützen diesen Prozess durch ein eigens auf diesen Zweck abzielendes Seminarangebot sowie durch passende Produkte" (S. 248).
Anmerkung: wo nicht anders gekennzeichnet stammen die zitierte Stellen aus dem NewCage-Buch (Fischler 2013, S.56-60), die Ueberschriften in römischen Zahlen stammen von M.F.

Literatur und Links:
Fischler, Johannes (2013). New Cage - Esoterik 2.0" - wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler in den Buchperlen
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im Literaturblog
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler in der "Linzerschnitte"
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im GWUP
Facebook: New Cage - Esoterik 2.0
Facebook: Johannes Fischler
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler Wordpress-Seite
Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im Brightsblog
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im HPD Node
New Cage - Esoterik 2.0 - Johannes Fischler im "Der Standard"



"Religion ist nicht länger das Monopol der Kirchen, sondern ein durchkommerzialisiertes Angebot spiritueller Meister, Therapeuten, Ausdruckstänzer oder Reiki-Lehrer. Inmitten einer entzauberten, individualisierten Welt boomt das freie religiöse Unternehmertum.
Wer bestehen will, muss drei Dinge im Angebot haben: Sinngebung, Lebenshilfe und Unterhaltung."
(zitiert aus: Katja Thimm: 'Supermarkt der Religionen' in 'DER SPIEGEL' 52-2000, S.125)


2.3. Esoterische Geschäftsmodelle: Mentalisten, Zauberer, Illusionisten, Cold Reader, Hypnotiseure etc. etc.

Am besten geht man esoterisch anmutende Phänomene mit viel Humor und einer guten Portion Skepsis an, sonst ist es schwer auszuhalten...: dann wird das Irrationale schnell einmal rational und ein befreites Lachen vertreibt die "bösen Geister"......
Alleine schon das sozialpsychologische Forschungsergebnis "Cold Reading" erklärt den Grossteil aller "Zaubertricks" eines Pascal Voggenhuber oder auch von ehrlichen Mentalisten wie David Mitterer oder Thorsten Havener.
Der Barnum-Effekt ("etwas für alle") hilft zusätzlich beim Generieren vermeintlicher Treffer und der Streisand-Effekt ("auch Negativ-Propaganda ist gut") hilft sehr beim Verbreiten und beim Marketing von Esoterik 2.0-"Artikeln", siehe oben beim Kollegen Fischler.

Nach langem Durcharbeiten einschlägiger Bücher und viel Internet-Recherche bin ich für mich zum Schluss gekommen, dass folgendes Buch von zwei Komikern (!) m.E. das Beste ist, was zumindest den Bereich des Wü:nschens anbetrifft:

Wünschelwichte
Wunschbullshit im Universum. Diesem Buch gelingt mühelos eine Gratwanderung zwischen ernster und fundierter Betrachtung und Kritik auf der einen und gnadenlos alberner Schreibe auf der anderen Seite. Weitgehend ist es in Dialogform geschrieben, was köstliche Pointen liefert.
Den Begriff Bullshit haben die Autoren aus höchst seriöser Quelle übernommen. Der Philosophieprofessor Harry G. Frankfurt schrieb 1986 sein einflussreiches Essay “Bullshit”. Damit bezeichnete Frankfurt den opportunistischen Umgang mit der Wahrheit, um eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Der Bullshitter wird lügen oder zugleich die Wahrheit sagen. Es ist ihm gleichgültig. Hauptsache, er erreicht sein Ziel. Inzwischen ist “Bullshit” zu einem philosophischen Fachbegriff geworden.

Im Radarschatten der Öffentlichkeit, so die Autoren, hat sich eine neue Bewusstseins-Industrie etabliert: Extrem-Wünsching. In Büchern und DVDs verbreiten Bestseller-Gurus eine verführerische Botschaft: Das Universum ist ein gigantisches Versandhaus und sendet dir alles, was du willst. Egal, ob Autos oder Jobs, Sexpartner oder Krebs weg. Du bestellst, das Universum liefert. Sofort. Mit Garantie. Einziges Investment: der Glaube, dass es klappt. Balder & Dreksler: »Bullshit!«

Eine logische Folge der Extrem-Wünsching-Theorie ist: Auch Krieg oder Krankheit wünscht man selber herbei. Bestseller-Autorin Rhonda Byrne (The Secret - Das Geheimnis): »Sie können sich nichts ‚einfangen’, wenn Sie nicht denken, dass Sie es können.« Aids- oder Krebskranke sind also selber schuld an ihrem Leid, weil sie „falsch gedacht“ haben. Balder & Dreksler: »Bullshit! Fragen Sie mal die Kranken und ihre Aerzte!«

Quellen:
Wunsch-Bullshit ans Universum - Balder und Dreksler - Besser gehts nicht!

Gwup in der Bunten

SKEPTIKER
Skeptiker Schweiz

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COLD READING
HPD-Node
Brights Deutschland

Ehrliche und transparente Mentalisten vs. Cold Reader welche Spirituelles und Uebersinnliches verkaufsfördernd einsetzen:

David Mitterer:
"Jeder Mentalist hat eine eigene Definition von Mentalismus. Ich persönlich begreife mein Schaffen als eine Kombination verschiedenster Elemente wie Psychologie verschmolzen mit Magie, dem Lesen von Körpersprache oder Hypnose. Andere wiederum sehen ihre Begabung als etwas Uebersinnliches. Bei mir war das eher umgedreht. Ich habe mit einer Begeisterung für das Uebersinnliche begonnen, bin aber durch den Mentalismus zu einem Skeptiker geworden.
Es ist erstaunlich leicht, die Sinne und den Geist zu verwirren, zu beeinflussen oder zu täuschen; ein Phänomen, das wir jeden Tag am eigenen Leib erfahren. Beispiele dafür findet man genügend. ...schon mal darüber gewundert, wieso so viele Produkte es in unseren Einkaufsbeutel schaffen, obwohl wir doch nur schnell Milch kaufen wollten?" (David Mitterer, zit. Homepage, Nov. 2013)


2.4. Spirituelle Führer als moderne Unternehmer: Betz, Voggenhuber, Hellinger, Murphy, Byrne, Franck und Bhagwan "Osho" Shree Rajneesh

2.4.1. Robert Betz

Betz stellt einen besonders trauriger Fall dar, weil er besonders dreist und als Psychologe mit vermeintlich wissenschaftlichem Hintergrund agiert:
Es wirkt so, als verallgemeinere Betz hier seine eigenen negativen Kindheitserinnerungen und er stellt Erziehung generell als etwas Pathologisches hin. Auch entwertet er die Erfahrungen vieler Menschen, die in ihrem Leben nicht nur Glücksmomente kennen, sondern ein Leben mit all seinen Hochs und Tiefs durchleben. Absolutes Glück wird als einzig erstrebenswertes Ziel postuliert. Wer das noch nicht erreicht hat, hat etwas falsch gemacht.
Um ein glückliches Leben führen zu können, ist es laut Betz notwendig, sich nicht als Opfer wahr zu nehmen. Wer andere verurteilt, die Eltern oder den Expartner verantwortlich macht für sein Unglück, der wird immer wieder Opfer werden. Denn wir sind Schöpfer und Gestalter unseres Lebens (Betz 2013). Voraussetzung für ein glückliches Leben ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Energetische Verstrickungen mit Eltern, aber auch mit Ahnen, führen angeblich zu Konflikten im privaten und beruflichen Bereich.

Die wichtigste Methode der Transformationstherapie zur Aufarbeitung der Vergangenheit ist die Meditation. In den geführten Meditationen geht es vor allem um Versöhnung und Vergebung hinsichtlich vergangener Erfahrungen. Sie heißen „Mir selbst vergeben, mich selbst annehmen“, „Befreie und heile das Kind in dir“, „Befreiende Begegnung mit Urvätern und Urmüttern“, „Die Mutter meiner Kindheit“. Für Robert Betz sind diese Meditationen unabkömmlich für das Erreichen eines glücklichen Lebens. In Vorträgen, Büchern und auf seiner Internetseite werden diese Meditationen sehr massiv beworben. Hier zeigt sich der Werbeprofi und Marketingexperte Betz, der damit für hohen finanziellen Umsatz sorgt.
Eingebettet ist der persönliche Transformationsprozess in einen angeblich Welt umfassenden Transformationsprozess. Laut Betz sind die Jahre um 2012 eine spirituell-geistige Zeit der Transformation. Es zeichnet sich laut Betz im Moment eine Entwicklung ab, die Menschen aufbrechen und ausscheren lässt aus ihrer Misere. „Denn die Spatzen pfeifen es von den Dächern: das Riesenrad des Lebens lädt uns ein, die eckigen Dinge unseres Lebens rund zu machen und einzusteigen in das Rad der Liebe und auszusteigen aus dem unbewusst erschaffenen Hamsterrad der Angst. Es ist jetzt Aufwach- und Aufräumzeit zugleich“ (Betz 2013 S.39f).
Den Teilnehmern wird suggeriert, dass sie Teil einer großen, Welt umfassenden, spirituellen Entwicklung sind, die aus der geistigen Welt gesteuert wird. In den Seminaren vernetzt man sich mit Gleichgesinnten, die spirituell weiter entwickelt sind als die „Normalmenschen“ zu Hause. Aber Vorsicht! Betz warnt: Es gibt Nebenwirkungen. Wer sich auf diesen radikal neuen Weg macht, muss damit rechnen, dass Menschen ihm den Rücken zukehren, ihn kritisieren und ihn nicht verstehen werden. Von Angehörigen und Freunden werde massiver Druck ausgeübt, um ihn auf den alten Weg zurückzuzwingen. (Betz 2013)

Kritische Einschätzung von Robert Betz und der Transformationstherapie
Robert Betz ist Diplom-Psychologe. Dadurch hat er möglicherweise einen Vertrauensvorschuss gegenüber anderen selbsternannten Lehrern und Heilern des esoterischen Lebenshilfemarktes. Der Beruf Diplom-Psychologe, dem ein mehrjähriges Studium vorausgeht, impliziert bei den Lesern und Zuhörern eine Seriosität und Professionalität, die in diesem Fall leider nicht vorhanden ist. Wie viele andere erfolgreiche Esoterikanbieter verfügt Robert Betz allerdings über ein übergroßes Selbstbewusstsein, Charisma und er ist ein guter Redner und Werber in eigener Sache.

Seine Botschaft ist einfach: „Befreit euch aus eurem selbsterschaffenen Leid und werdet endlich glücklich“. Wer sich intensiver auf Betz einlässt und seine Seminare besucht geht ein gesundheitliches Risiko ein. In den Meditationen werden die Teilnehmer in die Kindheit zurückgeführt und mit Erfahrungen konfrontiert, die emotional sehr belastend sein können. Angebliche Rückführungen in frühere Leben, die sich mit etwas Phantasie sehr echt anfühlen, können zu starken Verwirrungen und Ängsten führen. Traumatische Kindheitserlebnisse können in den Meditationen an die Oberfläche gelangen und eine tiefe psychische Krise auslösen. Eine Klientin unserer Beratungsstelle berichtete uns von Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen und massiven Schlafstörungen als Folge mehrer Rückführungsreisen. Die Therapeutinnen seien überfordert gewesen und hätten sie nicht auffangen können. Aufgrund ihrer fehlenden beruflichen Qualifikation sind TransformationstherapeutInnen leider nicht in der Lage, angemessen auf psychische Krisen zu reagieren.
Häufig kommt es vor, dass Klienten sehr verändert von den Seminaren zurückkehren. sie werden als euphorisch beschrieben, aber stark abweisend und verschlossen den Angehörigen gegenüber. Mir berichteten Ehepartner, dass die Kommunikation mit Betz-AnhängerInnen sehr schwierig sei. Konfliktgespräche werden abgelehnt mit der Begründung, dass die spirituell-geistigen Probleme mit sich selbst ausgefochten werden müssen. Die Aussage „Mach deinen selbst kreierten Aerger mit dir selbst aus“ macht jegliche Auseinandersetzung unmöglich.
Eine Teilnehmerin äußerte mir gegenüber, dass es schwierig sei, sich nach einem Transformationsseminar im normalen Leben zu Recht zu finden. Stark emotionsauslösende Methoden, wie die geführten Meditationen bei Betz, die stundenlangen Motivationsvorträge, ebenso wie die euphorisierende Stimmung der Großgruppenseminare können einen Suchteffekt hervorbringen. Das Verlangen steigt, diese intensiven Gefühle immer wieder spüren zu wollen. Die Diskrepanz zwischen den erlebten Glücksgefühlen und der ernüchternden Realität im Alltag kann zu depressiven Stimmungen und sicherlich auch zu zwischenmenschlichen Störungen führen.
Die in den Seminaren aufgetretenen Veränderungswünsche werden in der Realität oftmals mit radikalen Schritten umgesetzt. In vielen Fällen scheint ein extremes Bedürfnis nach mehr Freiheit und eine extreme Ich-Zentriertheit aufzutreten, die häufig zu Partnerschaftsproblematiken, Trennungen, Eltern-Kind-Konflikten und beruflichen Veränderungen führen. Veränderungen im Leben sind häufig sinnvoll. Im Anschluss an Betz-Seminare treten sie allerdings sehr gehäuft, radikal und für andere schwer nachvollziehbar auf. Ein egozentrisches Verlangen nach persönlicher Glückserfüllung tritt an die Stelle verantwortungsvoller Beziehungsarbeit. Es stellt sich die Frage, ob die SeminarteilnehmerInnen nicht zu stark dahingehend 'gepusht' werden, ihr Leben aus den Angeln zu heben. Auch eine professionell durchgeführte Psychotherapie bringt Veränderungen mit sich. Diese entwickeln sich aber in der Regel langsamer und sollten auch Freunden und Angehörigen die Chance geben, den Prozess nachvollziehen zu können.
Robert Betz ist ein recht erfolgreicher, aber unseriöser Anbieter auf dem esoterischen Lebenshilfemarkt. Betz propagiert ein angeborenes Recht auf individuelles Glück, das mit geistiger Hilfe und ohne soziale Verantwortung zurückerobert werden soll. Bei der Transformationstherapie handelt es sich um eine esoterische Pseudotherapie, die nicht zu verwechseln ist mit einer wissenschaftlich fundierten, seriösen Psychotherapie. Transformations-Therapeut kann sich jeder nennen, der einige wenige Seminare bei Robert Betz absolviert hat. Psychologische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Für psychisch labile Menschen kann die Transformationstherapie gesundheitsgefährdend sein, da sie mit stark emotionsauslösenden Methoden arbeitet. In Folge des Besuchs von Betz-Seminaren kommt es gehäuft zu Persönlichkeitsveränderungen, die zu Konflikten im familiären Umfeld führen. Nicht selten werden Partnerschaften beendet und Lebenswege verändern sich in radikaler Weise.
Quelle: Bange, Uta (2013). Robert Betz und die Transformationstherapie - eine esoterische Pseudotherapie im Fokus der Kritik. Online: http://sekten-info-nrw.de/

Literatur:
Betz, R. (2013): Willst du normal sein oder glücklich? Aufbruch in ein neues Leben und Lieben. München: Heyne Verlag
Betz, R. (2009): Raus aus den alten Schuhen! Dem Leben eine neue Richtung geben. München: Integral Verlag
www.robert-betz.com, abgerufen am 8.1 und 22.1 2014
Treichler, J. (2013): Robert Betz – Geschäftsmann oder Heilsbringer? Fachstelle infoSekta. Zürich (www.infosekta.ch)
Hanauer, C. (2013): Robert Betz –„Transformationstherapie“. Erzdiözese München und Freising, Sekten- und Weltanschauungsfragen. (www.weltanschauungsfragen.de)

Robert Betz: Dampfplauderer - Strategie des Zuviel-Redens wirkt wie das Gegenteil, das verlangsamte Reden, auch "Verstand-Umgehend", will heissen: ohne Kortex sind wir mit dem limbischen System und dem Stammhirn ganz billigen Tricks und Beeinflussungen aller Art ausgesetzt (M.F.).

Dieses induktive Moment des Abhängig-Machens, des Verstand-Ausschaltens haben alle Esoteriker drauf, das ist ihr Geschäftsmodell: durch die Hintertüre direkt zum unkritischen "Geist" vorstossen und dort die Botschaft, seien es Engel, Verstorbene oder ganz lapidar irgendein irdisches Produkt, ein-konditionieren, sodass brave Konsumenten und unkritische Ja-Sager entstehen, welche der Wirtschaft viel Freude bereiten - aber leider nichts beitragen zu einer gerechteren, sozialeren und grüneren Welt.

Robert Betz - Brightsblog Esoterik
Robert Betz - NDR Panorama
Robert Betz - NDR Panorama
Jugendsekten vs. Seniorensekten

2.4.2. Pascal Voggenhuber

Eine Zeit lang 'geisterte' (Wortspiel...) ein Dreissigjäriger, altersentsprechend cool und lässig, durchs deutschsprachige Gebiet mit durchaus mentalistischem bzw. schauspielerischem Talent und einer grossen Portion Paranoia, was leicht z.B. aus seiner Biographie "Zwischen zwei Welten" erklärbar wird.

(...........)
Pascal Voggenhuber - Klagandrohung wegen dem Begriff "Scharlatan"...
Pascal Voggenhuber - Skeptiker Blog Folge 25 - Cold-Reading-Analyse
Pascal Voggenhuber - Skeptiker Blog Folge 25
Pascal Voggenhuber - Interview Sonntagszeitung
Pascal Voggenhuber droht mit rechtlichen Schritten
Pascal Voggenhuber - Brightsblog



Sozialpsychologische und neuropsychologische Erklärungen dafür, wie wir uns bereitwillig hinters Licht führen lassen:
Zur Esoterik und Parapsychologie gibt es eine Unmenge von Forschungsbefunden, bisher offenbar keinen einzigen, welcher irgendetwas in diesem Gebiet auf irrationale Weise erklären würde - Rationalität ist also vorhanden, wennauch nicht auf den ersten Blick:
- vom Barnum-Effekt und vom Cold Reading war ja schon die Rede
- in der 3Sat-TV-Sendung "nano" vom 29. Oktober 2013 werden weitere Phänomene wunderbar erklärt:

3Sat-TV-Sendung "nano" vom 29. Oktober 2013

Bernd Kramer, Sozialpsychologe: er kriegte es in einem Selbstversuch hin, eine scheinbar 100%-Trefferquote im Handlesen zu erreichen...
Thomas Grüter, Neuropsychologe: er erklärt zwei Wege der Informationsverarbeitung, wobei der zweite (limbische) der weitaus schnellere und bequemere ist (vgl. auch Kahnemann) - so werden Täuschungen und Abhängigkeiten erst möglich!

Die James-Randi-Stiftung (benannt nach einem berühmten "Magier" der sich ganz der rationalen Aufklärung scheinbar Unerklärlichem verschrieben hat) untersucht seit vielen Jahren 'erfolglos' Heiler, Schamanen, Astrologen, Wünschelrutengänger etc. etc., obwohl ein sattes "Lösegeld" winkt...




Daran erkennen Sie Seelenpfuscher
Der Anbieter...
• verspricht auf irgendeine, auch subtile Art Heilung.
• wirbt mit Krankengeschichten (das ist laut Heilmittelgesetz verboten).
• wertet die wissenschaftliche Psychotherapie oder die Schulmedizin ab.
• verweist auf eigene psychische Beschwerden, die er mit der Technik geheilt habe.
• behauptet, alle körperlichen Krankheiten über die Psyche behandeln zu können.
• macht für Misserfolge den Patienten verantwortlich.

Trifft von diesen Punkten auch nur einer zu, sollten Sie misstrauisch werden

Hilfe für Betroffene
So holt man Betroffene aus der Esoterikfalle:
• So absurd die Technik sein mag: Nehmen Sie Ihren Angehörigen oder Freund ernst.
• Machen Sie keine Vorwürfe, und versuchen Sie, den Betroffenen von Selbstvorwürfen zu entlasten.
• Auch wenn Ihr Angehöriger oder Freund Ihren Rat zunächst abwehrt: Bleiben Sie in Kontakt.
• Suchen Sie Hilfe bei Beratungsstellen, und versuchen Sie, den Betroffenen zu einer Beratung zu motivieren.
• Versuchen Sie (am besten mithilfe eines Beraters) zu klären, warum Ihr Angehöriger oder Freund für das esoterische Angebot so empfänglich ist. Oft suchen Betroffene in einer Krisensituation nach Verständnis, Anerkennung oder Zugehörigkeit.
• Zeigen Sie andere Wege auf, die Situation zu verbessern, etwa eine Paarberatung.
• Akute psychische Probleme wie Suizidgedanken sind ein Fall für den Psychotherapeuten oder Arzt, im Notfall auch für die Notaufnahme der nächsten Klinik.

2.4.3. Bert Hellinger, Joseph Murphy, Rhonda Byrne, Pierre Franck und Bhagwan "Osho" Shree Rajneesh

"Joseph Murphy, Rhonda Byrne oder Pierre Franck – Bestsellerautoren verkaufen Millionen Bücher mit der simplen These, dass wir uns unser Schicksal selbst kreieren und das Begehrte einfach herbeiwünschen können. Die rosa Welt der Positivdenker wirft aber einen beträchtlichen Schatten. Murphy etwa hält Armut für eine «Krankheit des Geistes». Hungernde müssen sich als Negativdenker mit Armutsbewusstsein verhöhnen lassen. Das Positive Denken wurde so zur geistigen Begleitmusik der neoliberalen Ära. Statt Brot und Mitgefühl bekamen Notleidende Belehrungen über versäumte Eigenverantwortung. Was viele schon diffus spürten, hat der systemische Therapeut Mike Hellwig jetzt klar formuliert. In seinem Buch "Wie wir uns vom Positiven Denken heilen" geht er hart mit den Schönfärbern ins Gericht. Der Untertitel heisst "Ueber die Freiheit, alles fühlen zu dürfen". Da liegt der Knackpunkt: Enttäuschung, Leid und Verzweiflung, so Hellwig, gehörten zum menschlichen Leben. In einer Gesellschaft, in der ein Zwang zum Positivsein herrsche, müssten wir diese Regungen aber unterdrücken.
Werde der Schmerz verleugnet, führe dies zur Abspaltung unserer wahren Gefühle. Dem stellt der Autor sein Konzept der «radikalen Erlaubnis» gegenüber. Wenn alle Persönlichkeitsanteile, auch unliebsame, integriert werden, müssen sie nicht gegeneinander kämpfen. Negative Gefühle sollten wir wie Gäste behandeln, sagt Mike Hellwig. Das heisst: Wir geben ihnen Aufmerksamkeit, solange sie da sind. Aber wir sollten auch dafür sorgen, dass sie nicht bei uns wohnen bleiben. (zitiert aus "Zeitpunkt", Sep. 2012, Rezensions-Text: Roland Rottenfusser)
Es gibt in der "Esoterik-Industrie" also auch Menschen, welche auf einem ernsthaften und seriösen Hintergrund ihre Dienste anbieten, wie z.B. ebenMike Hellwig aus Hamburg.
Literaturtip: Hellwig, Mike (2012). Wie wir uns vom positiven Denken heilen – Ueber die Freiheit, alles fühlen zu dürfen. Verlag Herder

Colin GOLDNER ...................

(...............)

SZ-Serie: Alternative Heilverfahren - Ganzheitliche Verschleierungs-Strategien

Hellinger - Familienaufstellungen

Kinesiologie - Diagnose mit dem Muskeltest

zum Inhaltsverzeichnis


Links:
Kumaré - der gespielte Guru - FILM

Geschäftsmodell Mumpitz - Maischberger - TV Kritik in der Sueddeutschen

Dr Radiowissen.de - Making of Ich
Esoterik als blosses Konsumgut im "Der Standard"
Infopartisan Trend
Esoterikseiten in "Sekten.ch"
Psiram - Forum
Esoterik und die Linke in "Kritische Politik"

Robert Betz - Brightsblog Esoterik
Robert Betz - NDR Panorama
Robert Betz - NDR Panorama
Jugendsekten vs. Seniorensekten



TEIL III - Propaganda und Esoterik als Kernelemente von Antisemitismus und Faschismus

3.1. Esoterik "1.0" - Allgemeines zur Esoterik der 80er und 90er Jahre sowie politische Implikationen:

Zu den Esoterik-Hauptinhalten gehören wie erwähnt:
1. Religion/Glaube/Spiritualität — also der Bezug auf eine höhere kosmische Ordnung, die die sogenannte "Ganzheitlichkeit" oder "Einheit" darstellt. Diese soll in der Gesellschaft verwirklicht werden.
2. Biologistisches Denken — also das sich Berufen auf die "Autorität der Natur", um daraus Regeln und Ordnungen gesellschaftlicher Kommunikation herzustellen. Das heisst, biologistisches Denken, genauso wie Glauben und Spiritualität werden oftmals als Wissenschaft ausgeben.
3. Das Verkünden eines neuen Zeitalters, das einerseits durch eine neue kosmische Konstellation, andererseits durch einen Bewusstseinswandel der Menschen anbrechen wird.
4. Frauen bzw. das weibliche Prinzip werden zum welt- und menschheitsrettenden Prinzip erhoben. Die jahrhundertelange Unterdrückung der Frauen wird in ihr Gegenteil gekehrt — jedoch mehr auf der ideologischen Ebene denn auf der real-materiellen.

Esoterik — ein von Linken ignoriertes Massenphänomen
Die Esoterik-Bewegung stellt ein Massenphänomen dar, das in seiner gesellschaftlichen Bedeutung durchaus mit der 68er-Bewegung zu vergleichen ist. Was jedoch höchst erstaunt, ist, dass die Linke, insbesondere linke kritische Wissenschaft, dieses Phänomen in ihren Analysen weitgehend ausgespart hat (vgl. aber Jutta Ditfurth und Claudia Barth, beide auch in diesem Text weiter unten). Grosse Teile der Linken sind nahtlos zur Esoterik übergewechselt, und die Restlinke hat sie rechts liegengelassen."
Quelle: Marina Wölflingseder: Esoterik und die Linke - http://www.trend.infopartisan.net/trd0401/t070401.html

Hugo Stamm, ein bekannter Schweizer Esoterik-Kritiker, schreibt in seinem Blog am 3. Aug. 2013: "Achtsam sind EsoterikerInnen vor allem sich selbst gegenüber. Sie nehmen für sich in Anspruch, alles holen und nehmen zu dürfen, das ihrer Selbstverwirklichung dient. Als spirituelle Elite, die die Menschheit aus der geistigen Dunkelheit führen muss, gebärden sie sich recht narzisstisch und egoistisch. Ihre Achtsamkeit beschränkt sich oft auf ihre eigene geistige Entwicklung.

Auch bei der Harmonie denken sie vor allem an sich. Harmonisch soll vor allem ihr exoterisches und esoterisches Leben sein. Ihre Energien sollen harmonisch schwingen, sie wollen nicht gestört werden von negativen Kräften der Aussenwelt. Nachrichten von politischen Unruhen, Katastrophen, Epidemien stören ihre Harmonie und bringen sie vom Pfad der Erleuchtung ab. Um soziale oder politische Harmonie kümmern sich viele Esoteriker nicht. Das könnte ihre innere Balance stören."

Auch die Steirische Arbeitskammer hat sich in einer Info-Broschüre dahingehend geäussert:
Die verschiedenen esoterischen Praktiken beziehen sich in erster Linie auf das Selbst (Selbstverwirklichung, Selbstfindung, etc.) und sind somit als egozentrische und grossteils antisoziale Bewegungen zu sehen.
Die Ursachen für individuelles und kollektives Leid wird häufig in zynisch biologistischer Art und Weise als das verdiente „Karma” des Einzelnen und der Lauf der Geschichte als vorherbestimmt angesehen. Hauptsächlich wird mittels esoterischer Praktiken die Flucht der Menschen vor der Realität unterstützt, wobei gleichzeitig neue Abhängigkeiten von selbsternannten und geschäftstüchtigen Gurus bzw. „Seminaritis” geschaffen wird.
Mit der verständlichen und legitimen Sehnsucht der Menschen nach Ruhe und Gelassenheit, Gesundheit und Geborgenheit wird hauptsächlich viel Geld und Geschäft gemacht. Anstatt sich emanzipatorisch – kritisch – analytisch mit den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen auseinander zu setzen, werden die Menschen mittels mystisch-transzendenten Hokuspokus künstlich unmündig gehalten.
Anstatt die immer bedrohlicher empfundene Welt aktiv und pro-sozial zu gestalten, um zu menschenwürdigen und herrschaftsfreien, egalitären Verhältnissen zu kommen, werden in der Esoterikwelt soziale Verantwortungen abgeschoben und mittels irrationalistischen und okkulten Methoden die Profitmaximierung voran getrieben.

So ähnlich sieht das auch die Schriftstellerin Sibylle Berg - beziehungsweise so hat sie es erlebt:
"Ist Ihnen noch nie aufgefallen, dass Esoteriker, Sichfinder, Erleuchtete eine wirklich unsympathische Menschengruppe sind? Das Bild, das mich in meinen Vorurteilen komplett bestätigte, fand ich in Sri Lanka. Ein Jahr nach dem Tsunami, die Einwohner hockten vor vergammelten Massenlagern, die Ruinen ihrer Häuser standen traurig da, vermutlich lagen auch noch Ueberreste von Tieren, Menschen, Radios herum. Am Strand jedoch war alles schon wieder geputzt.
Eine Gruppe deutscher Sinnsucher war angereist, um Yoga zu machen. Ich hörte ihr Feilschen um Centbeträge im schnell wieder errichteten Spaghetti-Restaurant. Da wollen Sie doch nicht dazugehören, zu diesen Leuten, die fast immer verspannte Mundwinkel haben und jeden Satz mit ICH beginnen…"

Sibylle Berg: "Ich rate Ihnen, brechen Sie schnell jede Beschäftigung mit Esoterik ab! Fast alle Gurus, Rückführungsgruppenleiter, Heiler, Seher, Rutengänger und Feuerspringer sind die Hedgefondsmanager 2.0. Hören Sie bloss auf, sich ständig nur mit sich selbst zu beschäftigen!"

ZEIT: Warum boomt die Esoterik?
Pollack
: Weil der Haupttrend in den westlichen Gesellschaften zu einem flexiblen Glauben ohne starke institutionelle Bindung geht, der zu unserer freien Lebensführung passt. Autoritäten sind out. Jeder sucht sich aus, woran er glauben kann. Die Zahlen zeigen es. Während Religiosität sukzessive zurückgeht, wächst das Interesse an sogenannten religiösen Praktiken. Am weitesten verbreitet sind traditionelle Formen des Esoterischen wie Astrologie und Pendeln. Andere Renner sind New Age, Anthroposophie, Zen, Reinkarnation, Tarot…

Max Rauner in "DIE ZEIT":
"Die Esoterik gleicht heute einem Supermarkt. Zur Auswahl steht der Fundus der Weltreligionen: die Engel und die Heiligen aus dem Christentum, Geister und Götter aus dem Hinduismus; die Anthroposophie Rudolf Steiners ist untergemischt sowie eine Mixtur aus Philosophie, Glauben und Aberglauben; dazugerührt das autoritätsstiftende Vokabular der Naturwissenschaft mit ihren "Feldern", "Energien" und "Quanten" (siehe Seite 35). An der Kasse wird alles zum Paket verschnürt und mit dem Etikett "Neu! Ganzheitlich! Spirituell!" versehen."

»Die Esoterik dringt zunehmend in den ganz normalen Alltag ein«, sagt Hartmut Zinser, Professor für Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin.
»Viele nehmen sie schon gar nicht mehr als esoterisch wahr. Und das macht es so problematisch.« Zwar ist nicht jede Wahrsagerei am Küchentisch eine Gefahr für Leib und Leben. Aber die neue Unbeschwertheit alarmiert die Experten.

Linke Gründe für das Massenphänomen Esoterik
Ein wesentlicher Grund für das Massenphänomen Esoterik liegt auch in der Tatsache begründet, dass die Linke heute wenig gesellschaftliche Relevanz hat. Und ein wesentlicher Grund für die geringe gesellschaftliche Relevanz der Linken ist, dass sie keine emanzipatorischen Perspektiven aufzeigt, sondern in historisch Ueberfälligem verhaftet ist. Es greift viel zu kurz, Kapitalismus als Klassen- und Interessensgegensatz anstatt als fetischisierte gesellschaftliche Totalität zu verstehen, in der die sozialen Beziehungen der Menschen nur verdinglichte sein können. Anstatt der defensiven Haltung der Linken sind radikale Analyse, offensive Kritik und systemüberwindende Perspektiven vonnöten. Der kapitalistische Nerv muß getroffen werden — also Wert, Ware, Geld, Lohnarbeit, Staat, Recht, Politik, Nation und Demokratie. Aufklärung und Demokratie sind keineswegs das Ende emanzipatorischer Entwicklung, sondern historische Gegebenheiten, über die hinausgedacht werden muss. Sie können aus historischen Gründen nicht mehr einer Emanzipation dienen. Am deutlichsten wird dies wohl am Beispiel der Lohnarbeit sichtbar."
Quelle: Marina Wölflingseder: Esoterik und die Linke - http://www.trend.infopartisan.net/trd0401/t070401.html


3.2. Selbstgerechtigkeit als Nährboden: nach aussen gerichtete Narzisstische Selbst-Manipulation

Selbstgerechtigkeit bezeichnet den Charakterzug, das eigene Verhalten und die eigenen Wertvorstellungen grundsätzlich für moralisch absolut richtig zu halten. Der Selbstgerechte ist von seiner moralischen Ueberlegenheit gegenüber anderen überzeugt und misst dabei „mit zweierlei Maß“. Kritik am eigenen Verhalten wird prinzipiell zurückgewiesen.
Bei der Selbstgerechtigkeit handelt es sich also um eine Art moralische Selbstgefälligkeit. Sie wird von anderen meist als arrogant und anmaßend empfunden.
Der Begriff wird ausschließlich abwertend gebraucht.

Hier eine noch etwas differenziertere Definition aus kulturkritischer Perspektive:

Wo ein Mensch sich in seinen Produkten zweilsfrei erkennt, wo er also über den Zweifel erhaben ist, ob die von ihm geschaffenen Gegenstände die seinen sind, kann er auch beurteilen, wie ihm diese gelungen, wie richtig oder falsch sie geraten sind. So weiß er auch sich selbst, seine Fähigkeiten und Eigenschaften so gut oder schlecht, so widersprüchlich oder kritikwürdig, wie er sich vergegenständlicht hat. Im Eigenen erkennt das Individuum die Güte und die Mängel seiner Aeußerungen und Erzeugnisse unmittelbar.
Das isolierte Individuum, der Privatmensch, der sich nur über seinen Besitz auf andere Menschen bezieht, der Bürger oder die Bürgerin, erfährt darin zugleich die Ausschließlichkeit seiner oder ihrer Erkenntnisse, die Einzigartigkeit ihrer von allem anderen abgeschiedenen Selbstwahrnehmungen.br> Darin kann sich nicht die Beziehung zu seinen Sachen bestimmen, sondern nur die zwischenmenschliche Ausschließlichkeit seiner Lebensverhältnisse, die Güte seiner Selbstbezogenheit, die Eitelkeit seines Edelmuts, dem Produkt seiner Selbstveredelung. Schließlich versammeln sich darin die Gewohnheiten seiner Selbstgestaltung, der Wohnraum seiner Selbstgefühle, die nur gut empfunden werden, wo sie sich gegen die Fremdwahrnehmungen behaupten können. Das macht die einzigartige Selbstgewissheit der Egozentrik aus und sucht sich daher auch immer durch die Herabsetzung des Fremden zu ermächtigen.
Nur wo hierduch seine Gefühle objektiv werden können, verbinden und verschließen sie sich in sich selbst wie zu einer inneren "Wahrheit", die in allem anderen nur Unwahrheit erkennen will, Lügen und Monster abgefallener Menschlichkeit. Es emanzipiert sich unaufhörlich nur durch die Behauptung, dass es als Lebensburg gegen das so genannte Böse zu bestehen hat, als Hort eines gütigen Avantgardismus, in dem sich die Avantgardisten der Güte zusammenfinden. Selbstgerechtigkeit sucht ihre Verbindlichkeit durch die Selbstdarstellung der Güte der Selbstgefühle zu verfestigen, also ein allgemeines Selbstgefühl außer sich zu einer notwendigen Allgemeinheit zu bringen, sich in seinem objektiv gemachten Selbstgefühl zu ermächtigen.
Selbstgerechtigkeit ist der Ausdruck eines Selbstgefühls, das sich vollständig objektiviert hat und die Gefühle anderer Menschen hiergegen unterordnet, sich durch sie für sich einrichtet. Ein derart objektives Selbstgefühl sucht seine Stütze und seinen Bestand in jedweder Objektivität und betreibt von daher eine Abschätzung und Abschätzigkeit gegen andere. Die Basis hiervon sind zwischenmenschliche Verhältnisse, in denen die Einverleibung von zwischenmenschlichen Beziehungen Gewohnheit ist. Von daher ist Selbstgerechtigkeit als Ausübung eines Rechts zu verstehen, das sich ausschließlich auf den Ausübenden als Subjekt einer allseitig einverleibten Objektivität, als Subjekt einer objektiven Selbstbezüglichkeit, als allgemein veräußertes Subjekt von Sitte und Moral verhält.
Durch dieses Selbstgefühl, das seine Inhalte nicht mehr fühlen kann, weil sie ihm selbstverständlich sind, ist eine Rechtsprechung beansprucht, eine Theorie, die zu einem Recht wird (wie eine Ideologie), das die Gewohnheit seiner Egozentrik als ihren Selbstwert darstellt, d.h. für sich veräußert. So ist dies eigentlich gar kein Recht, weil es kein Unrecht kennt außer dem, was nicht für sich selbst spricht. Es ist das "Recht" der Selbstbehauptung, das Recht seiner Ausschließlichkeit, das einen Selbstwert bedient, der sich nur in der Person bestärken kann, die sich durch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen zu veredeln versteht. Weil dieser Wert einerseits total auf sich selbst gründet, also auf dem, was der oder die Ausübende für sein bzw. ihr Recht hält und sich in der Beziehung auf andere zugleich als allgemein gültig behauptet, ist es das Recht einer Selbstbehauptung, die allgemein selbstverständlich sein soll - ein Widersinn in sich. Es ist im Grunde der Widersinn eines Selbstverlustes, der eintritt, wo Selbstwert seinen Grund verliert, wo er also kein Selbstgefühl hat, weil es keinen Sinn ausser sich findet, also keinen Sinn empfinden kann. Von daher ist das Streben nach Selbstgerechtigkeit der Notwendigkeit einer Selbstveredelung geschuldet, die in Auflösung begriffen ist.
Man könnte auch sagen, dass dies eine Krisenrektion in Bezug auf Sinnlosigkeitsgefühle ist, die dadurch aber nicht mehr reflektiert und also inhaltlich unkritisierbar gemacht werden. Selbstgerechtigkeit ist von daher die wesentliche Reaktion eines Bewusstseins, des reaktionären Bewusstseins, das seine eigen Kritikunfähigkeit perpetuiert, indem es sich über jede sinnliche Gewissheit dadurch erhebt, dass es sie gegen sich selbst aufhebt, doppelt negiert: dadurch bestärkt, dass es sich selbst (z.B. als eine "höhere Gewissheit") schon als ihr Ueberwinder veräußert und damit Kritik schon allgemein beantwortet, bevor sie überhaupt auftreten könnte.
Es ist der Kampf um die Selbstveredelung, die sich letztlich in der Autorität einer schlechthin gültigen Güte in einem besonderen Edelmut aufheben muss, an dem jegliches Anderssein gemessen wird [vgl. 'der autoritäre Charakter' im Antisemitismus-Kapitel unten], meist indem das Ausgeschlossene als Böses schlechthin zu einem Monster mythologisiert wird [als proijektive Identifizierung].
Selbstgerechtigkeit unterstellt also ein unhinterfragbares (also auch unkritisierbares) allgemeines Recht, das durch sich selbst oder durch die es vertretende Person oder die Lebensverhältnisse selbst schon gegeben ist, sich wie ein hoch veredelter kategorische Imperativ von selbst versteht und worüber daher nur aufgeklärt werden müsse, um es zu befolgen. Sie ist das unmittelbar praktische und sich seines Seins unendlich bestätigende Bewusstsein der Selbstbezogenheit, das diese meist aus einem verallgemeinerten Altruismus heraus affirmiert und sich aus dem Befinden errichtet. Es ist das Selbstbewusstsein des Selbstgefühls, das sich als Gefühl für andere im Einsatz gegen das Schlechte und Böse verwirklicht sehen will, um sich selbst als anderes hiervon bestätigt zu wissen. Die Entdeckung des Bösen ist sein Hauptanliegen, aus dem es seine Kraft schöpft und deshalb oft selbst alles das zum Monster des Unmenschen macht, was sich seinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung entzieht. In der Selbstgerechtigkeit ist die Allgemeinheit gedoppelt als eine, die für sich allgemeine Ansprüche und für andere sich selbst allgemein stellt, also eine gegensätzliche Allgemeinheit hat.
Durch Selbstgerechtigkeit setzt sich ein Mensch für die Richtigkeit seiner Selbstwahrnehmung dadurch ein, dass er sie dem allgemeinen Menschsein gleichsetzt, sein Bedürfnis auf Selbstbestätigung als Menschenrecht schlechthin behauptet. Jede Selbstgerechtigkeit hat ihren ideologischen Kern in einer Theorie von einer richtigen, von einer wahren Zwischenmenschlichkeit, meist in der Psychologie, wo sie als Love-Story des Bürgertums firmiert.
Quelle: W. Pfreundschuh in "http://kulturkritik.net/begriffe/begr_txt.php?lex=selbstgerechtigkeit"

Gesellschaftliche Auswirkungen selbstgerechter Esoterik-"Gläubigkeit"

Von der "harmlosen" Esoterik über die Kommerzialiserung hin zu Verschwörungstheorien, Rechtspopulismus und braunem Polit-Sumpf

Um den Schwenk in die aktuelle, reale Welt der Wirtschaft und der Politik zu schaffen, hier vorab ein kritisches Votum von Jutta Ditfurth in der ZEIT vom 9. Juli 2010 "Feigheit vor der Welt":

3.3. Verschwörungstheorien und -theoretiker - sog. "VT'ler"

Der Psychologe Viren Swami von der University of Westminster in London beschäftigt sich seit einigen Jahren aus wissenschaftlicher Sicht mit dem wild wuchernden Feld der Verschwörungstheorien.
Er definiert sie als "Untergruppe von falschen Ueberzeugungen, in denen die letzte Ursache für ein Ereignis in einem Komplott mehrerer zusammenwirkender Akteure gesehen wird, die in klarer Absicht handeln, oft auch gegen das Gesetz und geheim".
In einer Studie, die er gemeinsam mit Forschern aus Wien und Konstanz konzipiert hat und deren Ergebnisse in der Dezember-Ausgabe 2014 der renommierten Fachzeitschrift "Cognition" erschienen, belegt der britische Forscher nun: "Wer analytisch denkt, ist weniger anfällig dafür, Ereignisse als Ergebnis der Aktivitäten insgeheim miteinander verbündeter Strippenzieher zu sehen".

"Die menschliche Erkenntnistätigkeit hat sich evolutionär in kleinen, überschaubaren, eng kooperierenden Gruppen aus persönlich bekannten Mitgliedern entwickelt, die sich gegenüber anderen Gruppen – oft aggressiv – behaupten und abgrenzen mussten", gibt der Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin zu bedenken. Mit vielen komplexen Fragestellungen in unserer globalisierten Welt sei sie schlicht überfordert.

Wo unmittelbare Gefahr droht, ist aus evolutionsbiologischer Sicht schnelles Handeln erforderlich, das wiederum ohne eine blitzschnelle Einschätzung der Situation oft gar nicht möglich ist. Diese Aufgabe übernehmen stammesgeschichtlich alte Strukturen des Gehirns, vor allem im Bereich des limbischen Systems, der Erstinstanz der emotionalen Bewertung. "Wir leben ja nicht nur aus dem Großhirn, unsere rationalen Kontrollfunktionen sind brüchig", sagt Walschburger. Die Emotionen kommen oft im Gewand von Argumenten daher, Verschwörungstheorien sind in dieser Hinsicht oft besonders detailreich und ausgefeilt.
Ihren psychologischen Kern sieht Walschburger jedoch darin, dass eine Gruppe sich in einer schwierigen, sachlich kaum überschaubaren Situation einen Sündenbock oder eine ganze Herde von konspirativen Sündenböcken als personifizierte Verursacher des Uebels sucht, das in aller Regel wesentlich komplexere Verursachungszusammenhänge aufweist. "Ein Grundzug des Menschen, der in seiner zutiefst sozialen Natur begründet ist." Viren Swami weist darauf hin, dass Menschen Verschwörungen anderer für umso wahrscheinlicher halten, je mehr sie dazu neigen, Personen statt äußere Umstände anzuschuldigen. Ein begrüßenswerter Nebeneffekt dieses "Komplott-Verdachts“ könne sein, dass von Politik und Wirtschaft mehr Transparenz eingefordert wird.
(...) Er kann zum Motor für politische und gesellschaftliche Veränderungen, aber auch für solche des persönlichen Lebensstils werden. Dass man nicht durchschaut, wie die Tiere wirklich gehalten werden und wie sie enden, ist zum Beispiel für viele Menschen heute – neben gesundheitlichen Erwägungen – ein starkes Motiv, um weniger oder kein Fleisch zu essen. "Das kann bei einigen Veganern aber auch zu Haltungen beitragen, die ideologische oder fundamentalistische Züge tragen", sagt Walschburger.
Was mit dieser Rigorosität einhergeht, ist dann oft die Ueberzeugung, dass man selbst und eine kleine Gruppe Gleichgesinnter besser lebe als die anderen. Also ein Ueberlegenheitsgefühl, das auch vielen Verfechtern von Verschwörungstheorien eigen ist: Sie glauben schliesslich, von ihrer Warte aus die Dinge besser zu durchschauen als die Mehrheit.
Schon 2500 Jahre vor dem Psychologen Viren Swami hat ein Philosoph gegen diese Haltung in aller Bescheidenheit ebenfalls das analytische Denken empfohlen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß", das war für Sokrates der Ausgangspunkt.
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/der-glaube-an-geheime-machenschaften-ueberall-verschwoerer/11084636.html

3.4. Ljiljana Radonic: Narzisstische Kränkung als Grundlage für deren Projektion auf vermeintlich Schuldige im Antisemitismus

Nach diesen Worten aus der Grundlagenwissenschaft ist es an der Zeit, anhand zwei konkreter Beispiele (zuerst ein historisches: Holocaust, danach ein Aktuelles: Pegida/AfD) das sozialpsychologische Konzept der Verschwörungstheorien mit den tiefenpsychologischen Erkenntnissen der Psychoanalyse und der Kritischen Theorie kombiniert aufzuzeigen und auch deren erschreckende Aktualität zu beschreiben.

Prof. Ljiljana Radonic beschreibt in einer ihrer zahlreichen Wiener Vorlesungen zum Thema den Befund, dass die "Analysen von Adorno und Horkheimer und anderen kritischen Theoretikern den Ausgangspunkt zum Verständnis dessen bildeten, dass mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auch der moderne Antisemitismus entstanden ist. Dieser schloss an vormoderne Formen der Judenfeindschaft an und übernahm von diesen das Objekt seines Hasses" (Radonic 2009 S.5).
"Der Rückfall in die Barbarei wird als Potential der modernen Welt analysiert, das in Auschwitz und all den anderen Stätten der Vernichtung kulminierte, dessen Grundlagen weiter fortbestehen" (Radonic 2009 S.4).
"Oftmals kommt es mir vor, als wäre das, was wir unterm Aspekt des Proletariats zu sehen gewohnt waren, heute in furchtbarer Konzentration auf die Juden übergegangen" (Adorno in einem Brief an Horkheimer 1940). Kommen wir nun zur eigentlichen Entstehungsdynamik antisemitischer Ressentiments bis heute. Seit ca. 2014 marschiert die Pegida in Dresden wieder und zeigt auf, dass trotz erheblicher Forschungsbemühungen und viel publizistischer, politischer und kultureller Arbeit in den Medien und anderswo die Wurzel des Rassismus und Antisemitismus den "Blumen des Bösen" (Baudelaire) immer wieder zum Aufblühen verhelfen. Das Thema ist also leider aktueller denn je: Projektive Vorgänge im Antisemiten [vgl. hierzu Kap. 3: Narzisstische Kränkung und Projektion als gesellschaftliche Phänomene] Antisemiten sehen in den Juden immer nur das, was sie zuvor in sie hineingelegt, in sie projiziert haben. In Anlehnung an Kant könnte man also sagen, dass der Antisemitismus das a priori – also das im vorhinein Angenommene – aller möglichen Erfahrungen des Antisemiten bildet. Das erfahrbare Material wird also immer schon in einer bestimmten Art und Weise zugerichtet und verunmöglicht dadurch, dass entgegengesetzte Wahrnehmungen überhaupt gemacht werden können.
Vielleicht ein anderes Beispiel, dass jetzt von der Antisemitismustheorie wegführt, aber ganz gut, glaub´ ich, diesen Mechanismus der pathischen Projektion verdeutlicht: Wenn wir uns Verhörprotokolle von Vergewaltigern anschauen, dann sagen die fast in jedem Fall, die Frau wollte es so. »Sie hat mich dazu aufgefordert, sie hat mich verführt, sie hat alle Signale ausgesendet, die mich dazu eingeladen haben sozusagen, das zu tun.« Und das wäre ein klassischer Fall von pathischer Projektion, dass es jemandem, dessen psychische Struktur so ausgerichtet ist, überhaupt nicht möglich ist, seine eigenen Triebwünsche nicht auf die Frau zu projizieren, sondern: Alle Wahrnehmung geschieht vor dieser Folie sozusagen, dass seine eigenen Triebwünsche auf die anderen projiziert werden.
Ebenso sieht sich dann auch der autoritäre Charakter nicht zuletzt von denjenigen Menschen herausgefordert und gefährdet, die von irrationalen autoritär-repressiven Struktur abzuweichen scheinen.
Den Juden werden Attribute wie Freiheit, Gleichheit und Emanzipation, welche die bürgerliche Gesellschaft nicht verwirklichen konnte, zugeschrieben. Diese narzisstisch gekränkten Individuen müssen sich ja täglich am Arbeitsmarkt im schmerzhaften Bewusstsein ihrer Ersetzbarkeit verdingen. Sie haben Hunderte von Wünschen, durchschauen das System aber zumindest soweit, um zu wissen, dass diese nie erfüllt werden. Sie spüren jedoch tief vergraben im Inneren, dass es da mehr geben könnte, erahnen – wie Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung« schreiben – »die Züge des Glücks ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein«.
Diese imaginierten jüdischen Repräsentanten eines besseren Lebens werden also bis zur Ausrottung wie im Zweiten Weltkrieg vom sadomasochistisch an Herrschaft gebundenen Individuum gehasst, gerade weil sie an sein eigenes Elend gemahnen. Hinter der ewigen Vorstellung des Antisemiten, Juden seien geldgierig und raffend, verbirgt sich unbewusst der Neid auf jene, die frei von den Zwängen der Arbeit zu sein und alles umsonst und ganz ohne Schweiß zu bekommen scheinen, denn die Vorstellung vom Juden, der eben allein durch Geld mehr Geld anhäuft, nicht arbeiten muss usw., ist ja ganz präsent. Dabei kommt zu den Projektionsmöglichkeiten des Rassisten – und ich komme jetzt auf den zentralen Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus zu sprechen –, der den Schwarzen beneidet und hasst, weil er ihn als übersexuell imaginiert, und den Ausländer, weil er nicht arbeiten zu brauchen scheint, kommt beim Juden für den Antisemiten noch die imaginierte Allmacht hinzu. Das ist ein Element, das sich im Rassismus nicht findet. Während also der einzelne Ausländer zwar vielleicht wegen seines Rechts auf Faulheit – wie es dann heißen könnte – beneidet wird, bleibt er auch in der Vorstellung des Rassisten den Verhältnissen gegenüber ebenso ohnmächtig wie der Rassist selbst. Doch der als mächtig, als allmächtig imaginierte Jude hingegen wird auch noch für diese imaginierte Allmacht beneidet und gehasst.

Der autoritäre Charakter
Ein weiterer zentraler Begriff im Zusammenhang mit der kritischen Theorie des Antisemitismus und auch der Gesellschaftstheorie von Horkheimer und Adorno ist der Begriff der konformistischen Rebellion.
Diese real existierenden Unterdrückungsmechanismen, die der Autoritäre nicht durchschauen zu können scheint, führen dazu, dass er seine Hassgefühle eben nicht gegen die realen Zwänge wenden kann. Das heißt, der autoritätshörige Mensch ist zu einem echten Aufstand gegen ihn unterdrückende Autoritäten nicht fähig oder scheint bisher dazu nicht fähig zu sein. Er spaltet also die Autoritäten in geliebte und gehasste. Das Bedürfnis nach Auflehnung gegen die ständigen Kränkungen der kapitalistischen Gesellschaft muss also immer wieder aufs neue weg von den bestehenden Autoritäten kanalisiert werden. Da bietet dann die antisemitische Alltagsreligion – wie Bohleber und Kafka schreiben – schuldige Opfer an, die sich als Opfer dieser konformistischen Rebellion eignen.
Im Gegensatz also zum rassistisch Verfolgten, als minderwertig Imaginierten, scheint der Jude bestens dazu geeignet, aufgrund dieser imaginierten Weltbeherrschungsabsicht und der allmächtigen Bedrohung die Rolle einer negativen Autorität einzunehmen. Das kann also als zentraler Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus betrachtet werden. Zu all den Merkmalen rassistischer Projektion kommt dem Antisemiten zusätzlich noch die Möglichkeit gelegen, Hass gegen Autoritäten ohne Schaden für die Wir-Gemeinschaft auf andere, als negative Autoritäten Imaginierte abwälzen zu können. Es handelt sich aber hierbei – und das sei ausdrücklich betont – nicht um eine bloße Verwirrung der Subjekte. Ihr Hass richtet sich ja nicht aus Unwissenheit gegen die falschen Autoritäten – was man auch dann merkt, wenn man versucht, mit jemandem zu reden und zu sagen: »Ja aber schau doch und der nette Mensch hier ist doch gar nicht so schlimm usw.«, dann merkt man, da beißt man zum Teil auf Granit –, sondern, wie Adorno schreibt, der Autoritäre muss seine Frustration aus innerer Notwendigkeit gegen die Fremdgruppe richten. Er muss es, weniger aus Unwissenheit in Bezug auf die Ursache seiner Frustration, als vielmehr seiner psychischen Unfähigkeit zufolge, Autoritäten der eigenen Gruppe anzugreifen. Hingegen wäre eine Fähigkeit zur Selbstreflexion notwendig, um diese eigene Ohnmacht durchschauen zu können und sich nicht von dieser 'dumm' machen zu lassen. "Schiefheilung" im Antisemitismus und Rassismus Führerkult Quelle: Ljiljana Radonic (2009). Vortrag „Ueber die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. Der Antisemitismus als narzisstische Kränkung und pathische Projektion.“ Online: http://lebenimfalschen.blogsport.de/2013/06/16/radonic-narzisstische-kraenkung


3.5. Edward Bernays - Propaganda: Die Kunst der Public Relations

Edward Bernays (1891-1995) gilt als Vater der Public Relations. Mit seinem Buch Propaganda aus dem Jahr 1928 schuf er die bis heute gültige Grundlage für modernes Kommunikationsmanagement.
Der in Wien geborene Bernays war ein Neffe Sigmund Freuds, der sich dessen Erkenntnisse der modernen Seele zunutze machte und sie in den Dienst von Regierungen und Konzernen stellte. Propaganda ist Bernays Hauptwerk. In Propaganda (ein Begriff, den er später selbst in »Public Relations« umbenannte) beschreibt Bernays alle wesentlichen Techniken der Meinungsbeeinflussung wie z.B. den Einsatz von »neutralen Experten«, um eine Aussage glaubhaft erscheinen zu lassen. Für den US-Präsidenten Wilson promotete er den Ersten Weltkrieg, mit den »Fackeln der Freiheit« machte er Zigaretten zum Symbol der weiblichen Emanzipation und brachte die amerikanischen Frauen zum Rauchen.
Er arbeitete für Edison und Ford, aber auch für die CIA: Sie alle ließen sich von Bernays ihr Image aufpolieren oder die Marktchancen ihrer Produkte verbessern. Bernays steht in einer Reihe mit den Strategie-Klassikern Machiavelli und Clausewitz. Knapp 80 Jahre nach dem Erscheinen von 'Propaganda' und knapp ein Jahrhundert nach Entstehen der PR-Industrie erscheint dieses Buch 2011 erstmals auf Deutsch.

»Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltenweisen und Einstellungen der Massen
ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten,
lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land.
Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben.« (Bernays 1929)

Propaganda während der NS-Diktatur

Vergleichen Sie bitte einmal untenstehende Auflistung mit den Listen von Timsit/Chomsky (s.u.) und Bernays (s.o.) und vergegenwärtigen Sie sich den Autor dieser historisch gesehen nach Bernays "ausgedachten" Propaganda-Anweisung: Adolf Hitler. Es gibt erschreckende Gemeinsamkeiten in der Manipulationsstrategie. Joseph Goebbels hat ganze Arbeit geleistet und mittels dieser in "Mein Kampf" (von Bernays abgeschriebenen?) stehenden Grundsätzen die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen können. Monströs mutet es an, dass A.H. in seiner Hetzschrift den Holocaust ziemlich exakt vorausgeplant und danach mit seiner Clique industriell-präzise durchgeführt hat.

NS-Propaganda kurzgefasst:
- Beschränkung auf wenige Themen und Schlagworte
- geringer geistiger Anspruch
- Abzielen auf das gefühlsmäßige Empfinden der Massen
- Vermeidung von Differenzierungen
- und die tausendfache Wiederholung der jeweiligen Glaubenssätze



O-Ton aus "Mein Kampf": „Gerade darin liegt die Kunst der Propaganda, dass sie, die gefühlsmässige Vorstellungswelt der grossen Masse begreifend, in psychologischer richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse findet“.
Hitler bekennt sich deutlich zum manipulativen Umgang von Propaganda mit Objektivität und Wahrheit. Propaganda habe „nicht objektiv auch die Wahrheit, soweit sie den anderen günstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinärer Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen“.

Rechtsextremismus als Soziale Pathologie

Wenn eine soziale Pathologie (vgl. Honneth in Kap.9) - und darum handelte es sich zweifellos beim nationalsozialistischen Projekt - nicht aus der Psychopathologie von Einzelnen hervorgeht, wie soll man sich individualpsychologisch dagegen immunisieren?
Nach ihrem Paradigmenwechsel, den man als relational turn oder "intersubjektive Wende" bezeichnen kann, nähert sich die Psychoanalyse solchen Fragen heute anders, als sie das früher getan hat. Verhalten wird nicht einfach durch überdauernde, tief im Innern verborgene seelische Strebungen determiniert. Unsere eigentlichen Handlungsmotive sind nicht bloß sexueller, aggressiver oder narzisstischer Natur. Auch im dynamischen Unbewussten scheint es eine permanente Rückkopplung zwischen der inneren und der äußeren Welt zu geben - eine mentale Austauschbewegung, die bereits mit der frühesten Interaktion zwischen Mutter und Kind einsetzt.
Nicht zuletzt durch die Befunde der Säuglingsforschung sieht sich die moderne Psychoanalyse genötigt, ihre klassisch-internalistische, auf der Trieb- und Strukturtheorie basierende Auffassung aufzugeben, die Adorno noch verteidigte. In ihren relationalen oder intersubjektiven Ansätzen spürt sie der Vernetzung von Seele und Umwelt nach und nimmt dabei die Vermittlungen zwischen individueller Psyche und sozialer Realität in den Blick.
Aus Sicht einer relationalen Psychoanalyse geht Intersubjektivität der Subjektivität voraus. Bereits die primärnarzisstische Erfahrung des Säuglings beruht auf der Versorgung durch eine „hinreichend gute“ Mutter (Winnicott, Kohut vgl. Kap.2 bzw.4), in deren Gesicht er etwas von sich selbst erfährt. Im Unbewussten brauchen wir diese Art von Resonanz, um zu erfahren, wer wir sind: Erst der „Spiegel des Anderen“ gibt uns das Gefühl, lebendig, gegenwärtig und anerkannt zu sein. Deshalb enthält auch die anscheinend narzisstische Selbstbezogenheit stets einen verborgenen Bezug zur sozialen Umwelt. Unter diesen Annahmen wird die These diskutiert, dass in Analogie zum intersubjektiv „kontaminierten“ Narzissmus des Einzelnen auch der Gruppennarzissmus nicht von innen entsteht, sondern in der unbewussten Spiegelung durch eine Außengruppe, auf die der narzisstische Modus angewiesen ist, um seine identitätsbildende Wirkung zu entfalten.
Quelle: Altmeyer, Martin (2011). Im Spiegel des Anderen - Gruppe, Narzissmus, Gruppennarzissmus. In: Gruppenpsychother. Gruppendynamik 47/2011, 69-93

Faschismus als kollektive Form der Psychopathie

Hier ein guter Text dazu, weshalb faschistisches Denken Dissonanz reduziert (vgl.Kap.5 weiter oben), die Selbstwirksamkeit (vgl. das Therapiekapitel 10 am Ende des Buches) steigert und den Selbstwert erfolgreich reguliert (siehe mein eigenes 'Gleichgewicht-des-Narzissmus-Modell' in Kapitel 2). Dieser mythische Volksbegriff impliziert eine doppelte identitätsbildende Feindbildbestimmung:
Quellen: http://aluhut-fuer-ken.com/begriff-faschismus.php
"Was ist Kryptofaschismus?" - http://www.antifaschismus2.de/argumente/gegenargumente/256-was-ist-kryptofaschismus

3.6. 10 Strategien der Manipulation – Gehirnwäsche nach Sylvain Timsit bzw. Noam Chomsky

Die '10 Strategien der Manipulation' sind aus zweierlei Gründen für unser Thema bemerkenswert und wichtig: erstens fassen sie Effekte und Methoden gut zusammen, die wir weiter oben bei der Beeinflussung von Individuen bereits kennengelernt haben (Barnum-Effekt, Halo-Effekt usw.), erweitern diese aber auf die kollektive Ebene grosser Gruppen um in der Nachfolge von Bernays und LeBon (s.o.) Propaganda-Tricks darzustellen und zu erklären.
Zweitens stellt die "Entstehungsgeschichte" der '10 Strategien' selber eine Art Manipulation bzw. Propaganda dar: es ist nämlich unklar, ob dieser unten in Auszügen widergegebene Text dem berühmten politisch dem linken Lager zuzuordnenden Linguisten und u.v.a. Occupy-Vordenker Noam Chomsky zuzuordnen ist oder aber dem offenbar mit der 'rechten Szene' Frankreichs sympathisierenden weitgehend unbekannten Autor (?) Sylvain Timsit. Dieses Verwirrspiel das sich in Dutzenden "Kopien" des Textes im Internet zeigt, enspricht in sich bereits einer bewährten Taktik der erfolgreichen Verbreitung politischer Botschaften durch Vernebelung von Quellen und Bezugnahme auf berühmte Persönlichkeiten um sich in deren 'Halo', in deren Heiligenschein sozusagen, zu sonnen und solchermassen präpariert mit grosser Glaubwürdigkeit in Form einer Querfront-Strategie (s.u.) an eine potentiell grosse Leserschaft herantreten zu können. Ich bin diesem Schein nun gewissermassen auch erlegen, begründe die Berücksichtigung dieser 'dubiosen Quelle' aber wie gesagt mit deren grossem Erkenntniswert und griffiger Formulierungsweise.
Einleitend gebe ich ein Statement eines NLP-Autoren wider, der noch eine weitere "Urban Legend" zur weiteren Mythenbildung diese '10 Strategien' betreffend, zum besten gibt: Sylvain Timsit (ein französischer Aktivist) und Noam Chomsky zeigen in ihrem Text „10 Strategien der Manipulation” eindrucksvoll auf, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.
In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Timsits Einsichten zu verinnerlichen. Timsit bzw. Chomsky zeigen auf, wie das 'System' beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.

Interessanterweise beruft sich heutzutage auch die 'Neue Rechte' auf diese griffigen "10 Gebote", nachdem diese bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts leider "erfolgreich" angewendet worden waren... Weiter unten gehe ich vertieft auf die Nazi-spezifischen Verschleierungstaktiken ein, wie sie auch an den sog. Pegida-Aufmärschen 2014/15 zu beobachten waren.

1. Kehre die Aufmerksamkeit um
"Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken [schon Marx sprach vom 'Opium fürs Volk' und die alten Römer von 'Brot und Spiele'], um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Aenderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres [hier scheint die typisch biologistische Weltsicht der Konservativen und 'Neuen Rechten' durch].
Gemeint sind hier also Strategien zur Lenkung ganzer Bevölkerungen. Hilfreich dabei ist, dass die Strategien relativ schlicht, plausibel und aus ein wenig Distanz als gut beobachtbar erscheinen.
Gerade Online-Medien laufen Gefahr einseitig und oberflächlich zu werden, mit ihrer meist fragmentierten Themenauswahl und ihrem verkürzten, häufig rahmenlosen Informationsbombardement in Form von Info-Häppchen.
Aus demokratischer Sicht wäre wichtig, dass keine Allein-Herrschaft einer dominanten Gruppe entsteht, sondern dass viele unterschiedliche Akteure, die ihren Einfluss einigermaßen ausgeglichen ausüben, im parlamentarischen Wettstreit um die besten Lösungen ringen und kompromissfähig sich auf Gesetze einigen.
Diese gesunde Konkurrenz der Ideen und Konzepte wird unterlaufen, wenn eine einzelne Partei oder Interessenvertretung mittels Lobbying, Einsatz grosser Geldmittel, einer Dauerpräsenz in den Medien und/oder verzerrter Wiedergabe von Themen mit bewirtschafteten, unlauteren oder unbewiesenen Schein-Zusammenhängen, Manipulationsstrategien anwendet um die Bevölkerung einer Schafherde gleich auf ihre Seite zu ziehen.

2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt [die Psychologie sagt Konditionierung dazu...]. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine Verschärfung der Rechtsnormen und Gesetze auf Kosten der eigenen Freiheit akzeptiert [aktuell zu beobachten in der Türkei: Anschläge auf Kurden um den Wahlkampf in Richtung 'Law and Order' zu beeinflussen]. Oder kreiere eine Wirtschaftskrise um eine radikale Beschneidung der Grundrechte und die Demontierung der Sozialdienstleistungen zu rechtfertigen [hierzu zählen auch die zahlreichen Lockerungen im Online-Bereich, Vorratsdatenspeicherung, um die Bevölkerung besser überwachen zu können unter dem Vorwand erhöhter Sicherheit].

3. Stufe Aenderungen ab
Verschiebe die Grenzen von Aenderungen stufenweise, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr. Auf diese Weise setzte man in den Jahren 1980 und 1990 die neuen radikalen sozio-ökonomischen Vorraussetzungen durch (Neoliberalismus): Ein Minimum an Zeugnissen, Privatisierung, Unsicherheit, und was der nächste Tag bringt, ist Elastizität, Massenarbeitslosigkeit, Einfluss auf die Höhe der Einkünfte, das Fehlen von Garantie auf gerechte Lohnarbeit.

4. Aufschub von Aenderungen
Eine effektive Möglichkeit auf Akzeptanz einer von der Gesellschaft ungewollten Aenderung ist es, sie als „schmerzhaftes Muss“ vorzustellen, damit die Gesellschaft es erlaubt, sie in Zukunft einzuführen. Es ist einfacher zukünftige Opfer zu akzeptieren, als sich ihnen sofort auszusetzen. Zudem hat die Gesellschaft die naive Tendenz negative Veränderungen mit einem „alles wird gut“ zu umschreiben. Diese Strategie gibt den Bürgern mehr Zeit sich der Aenderung bewusst zu werden und die Akzeptanz in eine Art der Resignation umzuwandeln.

5. Sprich zur Masse, wie zu kleinen Kindern
Die Mehrheit der Inhalte, die an die Oeffentlichkeit gerichtet werden, werden durch Art und Weise der Verkündung mißbraucht: Sie sind manipuliert durch Argumente oder sogar durch einen gönnerhaften Ton, den man normalerweise in einer Unterhaltung mit Kindern oder geistig behinderten Menschen verwendet. Je mehr man seinem Gesprächspartner das Bild vor den Augen vernebeln will, umso lieber greift man auf diese Technik zurück. Warum? Wenn du zu einer Person sprichst, als ob sie 12 Jahre alt wäre, dann weil du ihr genau das suggerieren möchtest. Sie wird mit höchster Wahrscheinlichkeit kritiklos reagieren oder antworten, als ob sie tatsächlich 12 Jahre alt wäre.

6. Konzentriere dich auf Emotionen und nicht auf Reflexion
Der Missbrauch des emotionalen Aspektes ist eine klassische Technik um eine rationale Analyse und den gesunden Menschenverstand eines Individuums zu umgehen [hierin waren die NS-Demagogen besonders effektiv]. Darüber hinaus öffnet eine emotionale Rede Tür und Tor Ideologien, Bedürfnisse, Aengste und Unruhen, Impulse und bestimmte Verhaltensweisen im Unterbewusstsein hervorzurufen.

7. Versuche die Ignoranz der Gesellschaft aufrechtzuerhalten
Die Masse soll nicht fähig sein, die Methoden und Kontrolltechniken zu erkennen. Bildung, die der gesellschaftlichen Unterschicht angeboten wird, soll so einfach wie möglich sein, damit das akademische Wissen für diese nicht begreifbar ist.

8. Entfache in der Bevölkerung den Gedanken, dass sie durchschnittlich sei
Erreiche, dass die Bürger zu glauben beginnen, dass es normal und zeitgemäß sei dumm, vulgär und ungebildet zu sein.

9. Wandle Widerstand in das Gefühl schlechten Gewissens um
Erlaube es, dass die Gesellschaft denkt, dass sie aufgrund von zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldigen ihres Nicht-Erfolges sind. Das „System“ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei und mindert damit dessen Selbstwertgefühl. Dies führt zur Depression und Blockade weiteren Handelns. Ohne Handeln gibt es nämlich keine Revolution!

10. Lerne Menschen besser kennen, als sie sich selbst es tun
In den letzten 50 Jahren entstand durch den wissenschaftlichen Fortschritt eine Schlucht zwischen dem Wissen, welches der breiten Masse zur Verfügung steht und jenem, das für die schmale Elite reserviert ist. Dank der Biologie, Neurobiologie und der angewandten Psychologie erreichte das „System“ das Wissen über die menschliche Realität im physischen als auch psychischen Bereich. Gegenwärtig kennt das „System“ den Menschen, den einzelnen Bürger, besser als dieser sich selbst und verfügt somit über eine größere Kontrolle des Einzelnen.
Originalquelle: Sylvain Timsit - Découvrez l’Alchimiste en Vous (Detailangaben s.u.)

Es sind nicht alle beschriebenen Phänomene bewusst und aktiv manipulativer Art, es gibt viel 'strukturelle Propaganda' durch Weglassen bzw. Aufbauschen durchaus wahrer Geschehnisse, die verzerrt wiedergegeben werden Kraft der visuellen Bilder v.a., wie wir weiter unten noch sehen (sic!) werden. Propaganda welche als Struktur in eine Rechtsform (z.B. Verfassungsänderung in der Türkei im Frühjahr 2017) gegossen wird, ist selbstverständlich sehr gefährlich und hat oft zum Ziel autoritäre Machtverhältnisse über Jahrzehnte zu etablieren.
Medienprodukte allesamt als "Lügenpresse" (ein 'Pegida' und NS-Slogan!) zu bezeichnen ist auch hier wiederum zu kurz gegriffen und selber ein Beispiel für Propaganda.
Ich möchte daher unserem Grundschema entsprechend unterscheiden zwischen aktiver, dynamischer Propaganda im Sinne des bewusst-geplanten Lügens und Vortäuschens falscher Tatsachen und passiv-struktureller 'Gewalt' als Manipulation im quantitativen Sinne des Ueberschwemmens mit Werbung, des Einsatzes grosser Geldmittel etc.
So richtig demagogisch und gefährlich für eine Gesellschaft wird es dann, wenn beide Formen zusammen auftreten, also die bewusste Manipulation der Massen z.B. im Bernayschen Sinne (s.o.), kombiniert mit 'schwarzen Kassen' und dem Aufgebot riesiger personeller und materieller Ressourcen, wie es im modernen Wahlkampf leider üblich geworden ist. Letzteres Phänomen trägt laut Crouch stark zur Entstehung von 'Postdemokratie' (Wahlen als reine Unterhaltungs- und Werbeveranstaltung) bei, wie wir im Demokratiekapitel (Kap. 9) noch sehen werden.
Wir dürfen uns im 21. Jahrhundert also nicht in Selbstzufriedenheit zurückziehen, sondern sollten dem Motto "wehret den Anfängen" folgend, aufmerksam bleiben, v.a. wenn es um eine sich anbahnende Kumulation struktureller (Geldmittel, Ressourcen) und dynamischer Propaganda (aktive Verbreitung von falsch dargestellten Inhalten) geht. Wenn eine Partei immer mehr nur noch Themen bewirtschaftet und einseitig monopolisiert statt zu konstruktiven Lösungen beizutragen, gilt es aufzupassen, dass diese Kräfte nicht aus dem demokratischen Prozess hinausfallen und zu entweder vordemokratischen ('Mittelalter') oder aber zu postdemokratischen Gruppierungen (grosse Gefahr der 'Postmoderne') werden, die kraft der Propaganda irgendwann nicht mehr aufzuhalten sind. Um Beispiele solcher Art zu finden muss man gar nicht unbedingt zur NSDAP zurückgehen, es gibt diese Bewegungen weg vom demokratischen Weg aktuell in Ungarn, in Russland oder auch in der Türkei.

"10 Strategien der Manipulation revisited":

In einer genauer ausformulierten Fassung obiger Strategien präsentiert der Telepolis-Journalist Jascha Jaworski Timsits Manipulationsstrategien im, wie er es nennt "eigenadaptierten, mit Beispielen angereicherten Durchlauf" (Jaworski 2013), den ich hier sinngemäss, das obige ergänzend, widergebe:
zu Strategie 2: Der forcierte Zyklus von Problem, Reaktion und Lösung
Wenn jemand das Auto absichtlich zu tanken vergisst, in der Hoffnung, dass so die ungeliebte Verabredung für die Oper ins Wasser fällt, mag von einer Mogelei die Rede sein. Wenn jedoch Gesellschaftsprobleme geradezu fabriziert werden, um in der Bevölkerung ein spezifisches Orientierungsbedürfnis hervorzurufen, das dann eine Lösung in die von Anfang an gewünschte ideologische Richtung ermöglicht, wird ein schweres Verbrechen begangen, besonders dann, wenn sich die Lebensbedingungen der Menschen hierdurch verschlechtern.
Neoliberale Ideenträger sind hierbei sehr begabt, wie sich etwa am Beispiel der staatlichen Finanzierungsbasis zeigen lässt, die zunehmend zerstört wurde, wodurch die öffentlichen Schulden in die Höhe schnellten und unter Schützenhilfe von Medien und Unternehmerlobbies die nötige Angst erzeugten, um falsche Lösungen in Form von Schuldenbremsen durchzusetzen. Diese führen schließlich zu Folgeproblemen (Finanzierungsengpass, Wirtschaftsstagnation, weiterer Staatsschuldenanstieg), die als nachfolgende Lösung dann das altbekannte Privatisierungskonzept revitalisieren, zunehmend jedenfalls das Einflussfeld für das (massiv konzentrierte) Privatkapital stark erweitern dürften.
Das bedeutet: Privatisierung und Deregulierung und ein Kürzen der Staatsausgaben. Widerstand gegen das Abspecken des Staates auf der Ausgabenseite kommt von der Bürokratie und den Subventionsempfängern. zu Strategie 5: Anrede in Kindersprache
Will man unangenehme Inhalte verkünden, wird in der Politik einerseits gern auf Nullbotschaften zurückgegriffen, in denen verklausuliert und fehlbetont wird, so dass sich Beliebiges in das Gesagte hineindeuten lässt, jedoch ohne gezieltes Nachfragen – das häufig nur durch das Nadelöhr gestattet wird - keine Angriffsfläche für ernstzunehmende Kritik aufkommt.
Wird die Bevölkerung hingegen direkt angesprochen, bietet es sich an, das kollektive Gegenüber in die Kinderrolle zu zwängen, indem eine schlichte Sprache, die auf relevante Details verzichtet, in einen gönnerhaften oder auch fürsorglich-mitfühlenden Ton gekleidet wird. Menschen werden früh daran gewöhnt, bestimmten Rollenmustern zu entsprechen, die durch Umgebungsreize aktiviert werden. Und gerade in einer stark konservativen Gesellschaft, der klare Hierarchien und Verhaltensmuster eingraviert sind, dürfte diese Technik den gewünschten Erfolg in Form von Nicht-Hinterfragung und vertrauensseliger Hinnahme erzielen.

zu Strategie 6: Reflexionen durch Emotionen ersetzen
Quellen:
Bernays, Edward (2011 3te erw.Aufl.). Propaganda: Die Kunst der Public Relations
http://www.heise.de/tp/druck/ob/artikel/39/39675/1.html 25.10.2015
http://le-bohemien.net/2011/06/16/10-strategien-die-gesellschaft-zu-manipulieren/
Chomsky, Noam im französischsprachigen interdisziplinären Journal 'Les cahiers psychologie politique'.
Online: http://lodel.irevues.inist.fr/cahierspsychologiepolitique/index.php?id=1805
Jaworski, Jascha (2013). "10 Strategien der Manipulation revisited". Ein Kommentar im Online-Magazon 'Telepolis' vom 10.08.2013 - https://heise.de/-3400057
Rappmund, Eike (2014). Handbuch und Workbook Manipulation - www.handbuch-manipulation.de
Timsit, Sylvain - Découvrez l’Alchimiste en Vous - http://alchimie.over-blog.com/article-0-58212003.html - Deutsche Erstübersetzung und Korrektur: Patryk Kopaczynski, Eve Bugs


TEIL IV - Digitale Propaganda und 'Facebook-Esoterik' als Kernelemente der 'Neuen Rechten'

In diesem Unterkapitel soll es um die seit ein paar Jahren erst aufgekommenen digital-technischen Möglichkeiten der Information bzw. Desinformation gehen, um Medieneffekte also: Wie wir in den vorangegangenen Kapiteln erfahren haben, ist