Markus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
CH-3012 Bern
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Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

Das dialektische Selbst und das Verschwinden des Realen im visuellen Narzissmus

Vom digitalen Narzissmus zum analogen Selbst - Regulations- und Relationskonzepte für Psychotherapie und Gesellschaft

Markus Frauchiger, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf und Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

- EINLEITUNG: Dialektische Einführung in die beiden Koordinaten
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- BEZIEHUNG: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren dialektischer Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher




"Liebe und Zuwendung lassen sich nicht verordnen.
„Vor allem aber“, schrieb Adorno in seinem berühmten Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“ aus dem Jahr 1966,
„kann man Eltern, die selber Produkte dieser Gesellschaft sind und ihre Male tragen, zur Wärme nicht animieren.
Die Aufforderung, den Kindern mehr Wärme zu geben, dreht die Wärme künstlich an und negiert sie dadurch.“

Entwicklungspsychologie des Narzissmus und das Konzept der dialektischen Intersubjektivität


Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm hat den Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Gesellschaft und den Verhaltensweisen und Charakterstrukturen der Menschen gründlich erforscht. Nach Fromm wird in der Waren-Gesellschaft schon in der Kindheit der „Marketing-Charakter“ herausgebildet.
So heisst es schon bei Kindern: "Spielzeug statt Zuwendung" oder "Geld statt Liebe". An die Stelle persönlicher Bindungen treten materielle Belohungen für Wohlverhalten. So entsteht ein ganz auf den Markt und seine Anforderungen ausgerichteter Menschentypus, der seinen Selbstwert vorwiegend durch das „Haben“ bestimmt. Und wie bei einer Ware ist es ihm wichtig, „sich selbst zu verkaufen“. Der persönliche Marktwert definiert sich in hohem Masse durch materielle Statussymbole. Geld und Geld ausgeben haben daher eine wichtige Funktion, die anzeigt, in welchem Ausmass man gefragt ist und mitspielen kann. Weiterführendes zum Marketing-Charakter in Kapitel 7: Wachstumskritik.

Im Entwicklungskapitel weiterfahren möchte ich mit der Sozialphilosophin, Feministin und relationalen Psychoanalytikerin Jessica Benjamin aus New York: Die hier gezeichnete Auffassung von Wechselseitigkeit hebt sich ab von all jenen Entwicklungstheorien, die sich auf die innerpsychische Dynamik des Individuums reduzieren sowie von solchen, die nur die Seite der Autonomie betonen.
Benjamins Perspektive umfasst demgegenüber die gleichzeitige Existenz zweier lebendiger Subjekte. Benjamin führt ihre anerkennungstheoretischen Einsichten lebensgeschichtlich weiter hin zu Beziehungsgestalten erwachsener Frauen und Männer, was sie in ihrem Hauptwerk "Die Fesseln der Liebe" eindrücklich beschreibt.



Klassische und neuere psychoanalytische Auffassungen von menschlicher Entwicklung

• Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung; Phasenlehre
• Piagets Theorie der dialektischen Entwicklung
• Robert Kegans "Stufen des Selbst"
• Prozesse der Introjektion und Projektion (Melanie Klein 1930)
• Theorie der Entwicklung von Separation und Individuation (Margaret Mahler 1952)
• Entwicklung des narzisstischen Systems (Heinz Kohut 1975)
• Psychoanalytische Säuglings- und Kleinkindforschung (Daniel Stern 1990, Martin Dornes 1993)
• Bindungstheorie (John Bowlby 1969)
• Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit (Fonagy 2002)
• Integratives Entwicklungskonzept der "Relationalen Psychoanalyse" (Martin Altmeyer 2006)

Wie wir bereits ganz am Anfang dieses Buches in Anlehnung an Heinz Henseler (2000 S.74-80) gesehen bzw. gelesen haben, streiten sich die "Gelehrten" v.a. über zwei grundlegend verschiedene Sichtweisen, was die Entstehung des Narzissmus, aber auch die Entwicklung des Menschen ganz allgemein, anbelangt:

  • "Primärer Narzissmus" versus "primäre Intersubjektivität"
    Es handelt sich um den seit den 70er-Jahren (sog. Kohut-Kernberg-Kontroverse, Neuauflage in den 90ern in der sog. Stern-Green-Kontroverse, vgl. Kap. 6) aufgeflammten Schulenstreit innerhalb der Psychoanalyse, einem Antagonismus von "Triebtheoretikern" einerseits und "Intersubjektivisten" andererseits.
    Dieser Dialektik von Struktur und Dynamik bzw. von eher autoritären gegenüber eher beziehungsorientierten psychotherapeutischen Haltungen kann mit einem in diesem Buch zu entwickelnden 'Integrativen Modell des Narzissmus' und des Menschen begegnet werden. Dies war der Fokus im vorletzten Kapitel, wo es um den Narzissmus im engeren Sinne ging.
    In diesem Kapitel hier soll es um die Entwicklungstheorien des Individuums gehen, weg vom pathologischen Narzissmus hin zur Entwicklung des gesunden Selbst, v.a. bezüglich der Frage wann und wie sich ein 'wahres' bzw. wann und wie sich ein 'falsches Selbst' herausbildet (Die Selbstkonzepte Winnicotts, Horneys etc. werden später in Kapitel 8 dargestellt).
    Grundlagen und Antworten hierzu bietet v.a. die Säuglingsforschung und die Bindungstheorie, aber auch die klassischen Freudschen und Kleinianischen Entwicklungstheorien haben nach wie vor Wichtiges beizutragen. Mit letzteren wollen wir anfangen:

    Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung: Die klassische Phasenlehre

    Stufen der sexuellen Entwicklung (erweitertes Modell): oral, anal, phallisch, oedipal, latent, pubertär, adoleszent, genital

    Entwicklung und Funktion des narzisstischen Systems: Der harmonische Primärzustand im primären Narzissmus Freudscher Prägung
    Eine Grundannahme der klassisch-psychoanalytischen Narzissmustheorie besteht darin, sich den frühesten psychophysiologischen Zustand des Kindes nach dem Modell der intrauterinen Einheit von Mutter und Kind vorzustellen. FREUD meint dazu: «Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom primären Narzissmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wiederzugewinnen» (1914, Ges.W. Bd.10, S.167).
    Freud (1914) spricht vom primären Narzissmus und nimmt einen subjektiven Zustand grossartiger Unabhängigkeit von der Umwelt an.
    Balint (ab 1932, z.B. 1960) spricht vom Stadium der primären Liebe und meint damit, es gebe sehr primitive Objektbeziehungen prinzipiell von Anfang an.

    Der harmonische Primärzustand im primären Narzissmus bei Sigmund Freud

    "Eine Grundannahme der klassisch-psychoanalytischen Narzissmustheorie besteht darin, sich den frühesten psychophysiologischen Zustand des Kindes nach dem Modell der intrauterinen Einheit von Mutter und Kind vorzustellen." (Henseler 2000 S.74) FREUD meint dazu: «Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom primären Narzissmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wiederzugewinnen» (1914, Ges.W. Bd.10, S.167).

    Henseler, Idealisierung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Suizid, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben
    Ueber die Existenz eines solchen harmonischen Primärzustandes besteht wie erwähnt also relative Einigkeit in der Literatur. Uneinigkeit besteht in der Bezeichnung und der metapsychologischen Beschreibung dieses Zustandes: Freud (1914) spricht vom primären Narzissmus und nimmt einen subjektiven Zustand grossartiger Unabhängigkeit von der Umwelt an, Balint (ab 1932, z.B. 1960) als einer von Freuds "Gegenspielern", spricht vom Stadium der primären Liebe und meint damit, es gebe sehr primitive Objektbeziehungen prinzipiell von Anfang an.

    Henseler (2000 S.79) schreibt dazu:
    Literaturangaben:
    Abraham, Karl (1924). Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Wien: Int. psychoanal. Verlag.
    BELAND. H.: Bemerkungen zum Selbstgefühl. in: Psychoanalyse in Berlin. Meisenheim: Hain 1971.
    BIBRING, E. (1953); The Mechanism of Depression, in: Greenacre, Ph. (ed.7: Affective Disorders, 3. Printing. New York: Int. Univ. Press, 1968, 13-48.
    DANNEBERG, E.: Dynamische und ökonomische Aspekte der Entwicklung des Ueber-Ichs. Psyche 22 (1968), 365-383.
    ERIKSON. E. H. (1950): Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: E. Klett 1965.
    HEIMAHN, P.: Bemerkungen zur analen Phase. Psyche 16 (1962), 420-439.
    Schumacher, W. (1970). Bemerkungen zur Theorie des Narzissmus. Psyche 24, 1-22.


    "Wer die Welt dialektisch versteht, sieht sie immer in Entwicklung, auch den Menschen.
    Dialektische Psychologie ist darum immer auch Entwicklungspsychologie".
    August Flammer 2008

    Jean Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung

    Dialektisch-'epigenetische' Entwicklungskonzeption

    Als quasi dialektisches Komplementärereignis zu den psychoanalytischen Entwicklungskonzepten mit Fokus Emotion lasse ich im folgenden die Konzepte des Genfer Entwicklungspsychologen Jean Piaget "hochleben" (mit Fokus Kognition), weil diese für unsere Konzeption einer 'Dialektischen Psychotherapie' sehr zentral und definierend sind:

    Grundbegriffe in Piagets epigenetischer Entwicklungstheorie

    Jean Piaget interessierte sich weniger für die Lerninhalte, sondern vor allem für die Elemente, die bei allen Lernprozessen entweder gleich bleiben oder sich nach entwicklungsbedingten Gesetzmässigkeiten verändern. Zur ersten Kategorie gehören die Funktionen Assimilation und Akkommodation, zur zweiten die Kategorien Strukturen und Schemata.
    Strukturen und Schemata: „Schemata sind generelle begriffliche Rahmen oder Wissensstrukturen und enthalten Vorannahmen über bestimmte Gegenstände, Menschen und Situationen und die Art ihrer Beziehungen“ (Zimbardo 1995 S.336). Sie ordnen Informationen in Kategorien und sind untereinander in Netzwerken verknüpft. Als sensomotorische oder kognitive Kategorien geben sie uns Orientierung und unterstützen unsere Koordination und Handlungsplanung. Strukturen sind gegenüber einzelnen Schemata komplexer organisiert und müssen nach Piaget noch weitere Bedingungen erfüllen.
    Funktionen: Nach Piaget wird der Mensch mit zwei fundamentalen Tendenzen geboren: Zum einen ist dies die Tendenz zur Organisation [vgl. die Gestaltgesetze in Kap.2], zur Integration der eigenen Prozesse in kohärente Systeme. Zum anderen ist dies die Tendenz zur Adaptation, d.h. zur Anpassung an die Umgebung. Diese erfolgt mittels zweier fundamentaler Prozesse, die als komplementäre Funktionen zu verstehen sind. Beide dienen der aktiven Anpassung des Individuums an seine Umwelt und dem Erreichen eines Gleichgewichtes zwischen beiden. Aus dem Wechselspiel von Assimilation und Akkomodation erwachsen Lernprozesse, resultiert kognitive Entwicklung.
    Assimilation: Wahrnehmungen der Umwelt werden den kognitiven Strukturen angepasst. Das bedeutet, Informationen, die das Individuum aus seiner Umwelt aufnimmt, werden so verändert, dass sie zu einem bereits existierenden Schema passen. Die vorhandenen Schemata erweitern sich also dadurch, dass sie sich ähnliche Erfahrungen einverleiben und damit zu Eigen machen.
    Akkommodation: Wenn eine neue Erfahrung zu keinem Schema passt bzw. im Widerspruch zu den bisherigen Strukturen steht, muss das Schema auf die Umweltbedingungen abgestimmt und so verändert werden, dass die neue Information integrierbar wird.
    Aequilibration: Jeder Mensch ist bestrebt, durch Assimilation und Akkomodation immer wieder ein Äqulilibrium, also einen Gleichgewichtszustand herzustellen. Es ist Ziel jeglicher Aktivität. Tatsächlich wechseln sich Gleichgewichts- und Ungleichgewichtszustände kontinuierlich ab und treiben so die geistige Entwicklung erst an. Denn jedes neue Ungleichgewicht, z.B. durch eine Wahrnehmung, die im Widerspruch zum bisherigen Schema steht, macht das Finden eines neuen Gleichgewichts auf höherer Ebene notwendig [vgl. unten: Dialektik]. Die Konzeption von Assimilation und Akkommodation ist demnach dialektisch.
    Dezentrierung stellt ein weiteres wichtiges Konzept in Piagets Entwicklungstheorie dar. Es beschreibt die Tendenz zur zunehmenden Objektivierung der eigenen Sicht. Während der Säugling zuerst vollkommen seiner egozentrischen Weltsicht verhaftet ist, gewinnt das Kind im Laufe seiner Entwicklung eine immer weniger subjektive Perspektive (Fischer 2007) [ausser bei einer narzisstischen Entwicklung!, s.u.].

    Entwicklungsstadien in Piagets epigenetischer Entwicklungstheorie

    Piaget, Entwicklung, Dialektik, Kognition, sensomotorisch, präoperational, konkret, Symbolisierung, Mentalisierung, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Nebenstehende Tabelle fasst die Charakteristika der jeweiligen Stufen zusammen:

    Lawrence Kohlberg: Theorie der moralischen Entwicklung

    Kohlberg geht mit seiner ebenfalls stufenförmig fortschreitendenden Theorie auf die moralisch-praktischen Aspekte der menschlichen Entwicklung ein:
    • Die erste Stufe ist die Orientierung an Strafe und Gehorsam, d.h. das Richtige wird getan, um Strafe zu vermeiden.
    • Die zweite Stufe ist die des Zweckdenkens, was bedeutet, daß Regeln dann befolgt werden, wenn dies jemandem unmittelbar nützt; Gerechtigkeit wird auf dieser Stufe ebenfalls stark betont.
    • Auf der dritten Stufe herrscht die Orientierung an der Uebereinstimmung mit anderen vor, was bedeutet, daß gegenseitige Erwartungen im zwischenmenschlichen Bereich erfüllt werden.
    • Auf der vierten Stufe orientiert sich ein Individuum an den Normen der Gesellschaft und stützt damit das soziale System, wobei hier das Gewissen über die Einhaltung von Gesetzen wacht.
    • Die fünfte Entwicklungsstufe ist die der Orientierung an einem Sozialvertrag, man hält sich an Gesetze, weil man einsieht, daß sie zum Wohle aller da sind.
    • Die sechste und letzte Stufe bildet die Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien, wie z.B. Gerechtigkeit und die Würde des Menschen. Auf dieser hohen moralischen Stufe werden die Prinzipien auch dann vertreten, wenn sie Gesetzen widersprechen (Kegan 1994 S.79ff.).
    Piaget, Kohlberg, Kegan, Entwicklung, Dialektik, Kognition, sensomotorisch, präoperational, operational, dialektisch, konkret, Symbolisierung, Mentalisierung, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse

    „Die Entwicklungs-Stufen des Selbst“ von Robert Kegan

    Der an Psychoanalyse sowie Piaget und Kohlberg sich orientierende Harvardprofessor Robert Kegan beschreibt sein entwicklungspsychologisches Modell als aufsteigende Spirale, die durch fünf verschiedene Stadien führen kann.
    Seine fünf Stufen (vgl. Abbildung rechts) nennt er Subjekt/Objekt-Gleichgewichtszustände.
    Kegan unterscheidet die wichtigen Etappen in unserem Ich-Erleben danach, welche Wahrnehmungen und Erlebnisse wir jeweils als zu uns gehörig, subjektiv oder »meinhaft« erleben und was uns als objektiv, und nicht zu uns gehörig, erscheint. Auf alles, was einem Subjekt als ein Objekt vorkommt, kann es Bezug nehmen.
    Viele EntwicklungspsychologInnen gehen auch heute noch von einer Monaden-Konzeption aus (ein dialektisches Gegenstück dazu stellt u.a. Altmeyers Relationale Entwicklungstheorie dar, s.u.). Das bedeutet, dass bei einem Neugeborenen alle Wahrnehmungen in einem subjektiven Raum auftauchen und noch keine Unterschiede zwischen »innen« und »aussen« gemacht werden.
    Hunger, der von innen kommt, wird ähnlich unangenehm erlebt, wie zum Beispiel grelles Licht, das von aussen auf es einwirkt. Genauso ist es mit angenehmen Erlebnissen. Diesen Gleichgewichtszustand nennt er die Stufe 0 bzw. das »einverleibende Selbst«, vgl. Abb. unten rechts. Die Aussenwelt wird hier völlig ins Ich-Erleben integriert oder anders ausgedrückt: Alles ist »ich«, es gibt noch kein »du«, was dem Zustand einer Symbiose oder eben einer Monade entspricht.
    Kegan schuf mit „Entwicklungsstufen des Selbst“ eine Entwicklungstheorie, die es ermöglicht, die Phasen des Wachstumsprozesses besser zu erkennen. Der Harvard-Psychologe versteht die Entwicklung vom Säugling bis zum reifen Erwachsenen als einen Prozess, der dialektisch (!) zwischen zwei Polen pendelt: Zwischen dem Drang nach Individualität und dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Der Antrieb, die Energie stammt aus dem Subjekt selbst, das ähnlich einer Rakete immer wieder Teile abstösst und zum Objekt werden lässt. Auf jeder Stufe dieses «Subjekt-Objekt-Gleichgewichts» werden die Gleichgewichtsverhältnisse neu organisiert und Konflikte produktiver bewältigt als zuvor.
    Diese vier Stufen werden von Kegan als Ergebnisse eines bestimmten Subjekt-Objekt-Gleichgewichts betrachtet (Kegan 1994 S.64).
    Ein Gleichgewicht wird dann aufgegeben, wenn die kognitiven Strukturen des Kindes nicht mehr ausreichen, um neue Informationen der Umwelt zu verarbeiten (Assimilation), ein neues Gleichgewicht wird dadurch gewonnen, daß die inneren Strukturen umorganisiert werden (Akkomodation) (Zimbardo 1983 S.122). Durch das Heraustreten aus einer Stufe kann eine Beziehung mit dieser eingegangen werden. So kann beispielsweise ein Kind in der konkret-operativen Phase sein voroperatives Denken, seine Wahrnehmungen, gewissermaßen von außen betrachten und diese hinterfragen. Nun ist es aber in das konkret-operative Denken, die „reversiblen Operationen“ (Kegan 1994 S.65), eingebunden, was bedeutet, daß es diese Gedankengänge noch nicht objektivieren kann. Durch diese Umorganisation der Bedeutung und durch das Wechselspiel zwischen Differenzierung und Reintegration wird Entwicklung ermöglicht.
    Für unser Thema hier besonders interessant ist auch bei Kegan wiederum die letzte Stufe, welche ähnlich der von Riegel hinzugefügten fünften Stufe in Piagets Entwicklungstheorie, dem dialektischen Stadium, und der Kohlbergschen sechsten Stufe wo es um den Erwerb von fundamentalen ethische Prinzipien (Ethischer Universalismus, ähnlich Nussbaums aristotelischem Essentialismus in Kap.9) geht: Die Stufe der überindividuellen Zugehörigkeit, vgl. Abb. rechts.

    Piaget, Kohlberg, Kegan, Entwicklung, Dialektik, Kognition, sensomotorisch, präoperational, operational, dialektisch, konkret, Symbolisierung, Mentalisierung, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse

    Entwicklung als dialektische Bewegung

    Der zuletzt erwähnte Robert Kegan hat ähnlich wie Klaus Riegel dem von Piaget entwickelten Stufen-Konzept eine fünfte Stufe hinzugefügt und diese interessanterweise "post-formal/dialektisch" (Abb. dazu s.o.) genannt:
    Auf der soziomoralischen Ebene stimmt das überindividuelle Gleichgewicht in etwa mit Kohlbergs fünfter Stufe überein. Die Orientierung an allgemeingültigen Prinzipien und nicht nur an veränderbaren Gesetzen, gewinnt an Bedeutung. Die Menschen auf der fünften Stufe sind zu echter Intimität fähig, denn sie akzeptieren die Identität und die Integrität des Partners, der Partnerin "als eine Person aus eigenem Recht" (Jessica Benjamin).
    Auf der überindividuellen Gleichgewichtsstufe ist die Person in die wechselseitige Durchdringung der Systeme eingebunden und die Kultur der Intimität ermöglicht ihr echte und erwachsene Liebesbeziehungen, in denen die Partner die dialektische Spannung zwischen a) der Differenzierung und b) der Verschmelzung auszuhalten bereit sind und gelernt haben eine Fähigkeit zur interdependenten Selbstbestimmung zu kultivieren (vgl. Kegan 1994 S.315ff.). Robert Kegan fordert dazu auf, die Welt, bzw. die Zusammenhänge zwischen Ding und Prozess in dialektischen Beziehungen zu sehen und weniger in gegensätzlichen Polen, die sich ausschließen; die Spannung zwischen Differenzierung und Integration wird hier als entwicklungsbedeutsam, als Motor der Entwicklung, erachtet. „Gegenstand dieses Buches ist der Mensch, wobei mit dem Begriff ‘Mensch’ gleichzeitig auf eine Aktivität und auf ein Ding verwiesen wird - auf eine immer fortschreitende Bewegung, die ständig einer neuen Gestalt entgegenstrebt“ (Kegan 1994 S.27). Mit der Uebernahme dieser gestalttheoretischen Sichtweise (vgl. Kap.1 und 6) betont Kegan die Einheit und Ganzheit des Menschen, welche auch bestehen bleibt, wenn sich die Erscheinung verändert. Die Person wird als dynamisches Ganzes betrachtet und ist mehr als die Summe ihrer Teile. „Wir nennen also allgemein 'Gestalten' solche Gebilde, die, wie Piaget richtig bemerkt hat, ihre Form dem Gleichgewicht von Kräften verdanken“ (Metzger 1986 S.130).

    ...................

    "Es liegt in der Dialektik der Grenze begründet, dass der Tastsinn ebenso die Trennung von der Welt begründet wie die ursprüngliche Kommunikation mit ihr. […] Die Haut ist daher zugleich trennende und verbindende Grenzfläche, Sinnes- und Ausdrucksorgan. […]
    Von Anfang an geschieht in der Mutter-Kind-Beziehung auch eine ›Abgrenzung durch Kontakt‹: Indem die Mutter das Kind streichelt und liebkost, hilft sie ihm ebenso zur Erfahrung seiner Eigenständigkeit, wie sie es ihre Nähe und Wärme spüren lässt. Umgekehrt kann mangelnder physischer Kontakt zur Mutter zu der bleibenden Empfindungs- und Kontaktarmut des Schizoiden führen. Die Bedeutung der leiblichen Berührung geht also weit über eine lustvolle Stimulation hinaus; sie ist die erste Sprache, in der das Kind angesprochen und durch die sein Selbstempfinden geweckt wird" (Fuchs 2000 S.114f)
    Quelle: Fuchs, Thomas (2000). Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie. Stuttgart: .........

    Literatur zur Dialektik in der Entwicklungspsycholgie:
    Piaget, Kohlberg, Kegan, Entwicklung, Dialektik, Kognition, sensomotorisch, präoperational, operational, dialektisch, konkret, Symbolisierung, Mentalisierung, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dt., erw. Herausgabe v. Alexa Franke. Tübingen: Dgvt.
    Arbeitskreis OPD (2016, 3.Aufl. Hrsg). Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD. Grundlagen und Manual. Bern u.a.: Hans Huber.
    Ciompi, L. (1992). Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. 3.Aufl. Stuttgart: Klett.
    del Monte, Damir (2010). Kausale Psychotherapie nach Gottfried Fischer. Dissertation im Selbstverlag.
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    Deneke, F.-W. (1999). Psychische Struktur und Gehirn. Die Gestaltung subjektiver Wirklichkeiten. Stuttgart und New York: Schattauer.
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    Prechtl, P., Burkhard, F.P. (1999 Hrsg.). Metzler Philosophielexikon. Begriffe und Definitionen. 2.aktual. u.erw.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Riegel, K.F. (1980). Grundlagen der dialektischen Psychologie. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Sulz, Serge (20..). ...............


    Entwicklung der Narzisstischen Kränkbarkeit

    Die Urverunsicherung und die Trennung von Selbst und Objekten

    Heinz Henseler (2000) beschreibt diese erste "narzisstische Kränkung" des Säuglings wie folgt:

    Kompensationsmechanismen

    Die Kompensationsversuche dieser 'Urverunsicherung' beschreibt H. Henseler (2000) folgendermassen (ebenda S. 76f.):

    Strukturale Psychoanalyse: Entwicklung nach Jacques Lacan

    Lacans Theorie des Spiegelstadiums


    Entwicklungspsychologie des Strukturalismus

    WHORF: Bedeutung von Sprache - GEHLEN: Mängelwesen Mensch - LACAN: Spiegelstadium

    In seinem Buch »Sprache – Denken – Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie« schrieb Anfang der 1960er-Jahre der amerikanische Sprachphilosoph und Kulturanthropologe Benjamin Lee Whorf:
    --> Einschub über Saussure und den Strukturalismus

    "Der Strukturalismus breitete sich als ein Systemdenken aus, das den Menschen, seine Vergesellschaftung und die ihn umgebenden Dinge unter die Ordnung und Kohärenz der ihm als vorgängig erachteten sprachlichen und sprachanalogen Strukturen setzte. Leitdisziplin war die vom Genfer Sprachwissenschafter Ferdinand de Saussure entwickelte strukturale Linguistik, welche der Sprache einen eigenständigen und umschriebenen Gegenstandsbereich zuwies und die ihr zugrundeliegenden autonomen Strukturen und Gesetze innerhalb bestimmter kultureller Räume und begrenzter Epochen freilegte. Damit verbunden war die Erkenntnis einer nicht-hierarchischen Beziehung von Denken und Sprache bzw. die Auffassung, dass sich Denken und Sprache gegenseitig konstituieren" (Ruhs 2010 S.32).

    "Der Eintritt des Kindes in die symbolische Ordnung

    Sprachentwicklung und Strukturalismus

    Literatur:
    Ducrot, O. (1973): Der Strukturalismus in der Linguistik. In: F. Wahl (Hrsg): Einführung in den Strukturalismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 13-104
    Saussure de, F. (1967) : Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin

    Entwicklungspsychologie des Strukturalismus: Saussure und Peirce

    Das Lebewesen ›Mensch‹ ist ein Mängelwesen (Arnold Gehlen) und erhält Sprache als Antwort auf seine Hilflosigkeit. Die einzige Sprache des Neugeborenen sind Artikulationen voller Unbestimmtheit und Offenheit: Schreien, Kreischen, Lallen, Quieken und Jauchzen – all dies gehört zum riesigen Repertoire kleinkindlicher Aeusserungen. Die Frage, die deshalb alle Eltern bewegt, lautet: ›Was willst du?‹ Da das Baby nicht sprechen kann, sind sie auf ihre Interpretationen angewiesen. Ihre Körpersprache, ihre Mimiken und Gesten, ihr Sprechen und all die sorgend-umsorgenden wie mahne nd-verzweifelten Haltungen und Handlungen beherbergen zwar immer Unsicherheiten, doch gleichzeitig sind es Signale und Zeichen, die das Kleinkind von ihnen zur Antwort auf sein Schreien erhält.
    (...) Aus dem Fundus solch ausdifferenzierter Sprachwelten der Eltern erhalten Kleinkinder die Antwort auf ihre sprachlose Befindlichkeit und werden über Sprache in die Familienbande eingebunden und mit ihnen verbunden.
    Es versteht sich von selbst, dass zwischen Bedarf des Kindes und Anspruch der Eltern ein unhintergehbarer Unterschied bestehen bleiben muss, der zur Folge hat, dass Eltern niemals den kindlichen Bedarf vollständig einlösen können. Das rätselhaft bleibende Artikulieren des Kleinkindes bleibt grundsätzlich immer unlösbar und nicht beantwortbar, und allen Eltern bleibt nur der Versuch, diesen Bedarf durch ihren An-Spruch im wahrsten Sinne des Wortes zu stillen.
    Aufgrund dieses Sachverhalts wird verständlich, dass jeder sprachliche Zugriff auf Welt immer mit dem Manko der Unvollständigkeit behaftet ist. Doch gleichzeitig markiert diese Lücke den Ort von Freiheit, den uns Sprache gibt. Solange sprachliche Zeichen nicht eineindeutig festgelegt sind, bleibt die Möglichkeit bestehen, mithilfe von Zeichen neue Sinnzusammenhänge zu stiften. Dieses Potenzial von Sprache ist Motor von Literatur im Besonderen und von Kunst im Allgemeinen. Die Besonderheit von Lyrik zum Beispiel ist es, durch kreative Sprachgestaltung neue Sinnbezüge zu stiften und Bedeutungsgehalte zu schaffen. Gerade der ungewöhnliche, gegen die Alltäglichkeit des Sprachgebrauchs gerichtete Umgang mit sprachlichen Zeichen erlaubt es, neue Denkräume und Denkzusammenhänge zu artikulieren.

    Diese durch die Zeichennatur von Sprache bedingte irreduzible Differenz darf aber auch als Motor für den Spracherwerb des Kindes gewertet werden. Doch statt ins Paradies der Worte kommt es vom Regen in die Traufe. Mit dem Spracherwerb ist das Kleinkind gezwungen, seinen Bedarf als Bedürfnis mit der Sprache seiner Eltern, seiner Herkunft und damit seiner Kultur zu artikulieren. Das Drama des Mängelwesens ›Mensch‹ wiederholt sich erneut. Sehr bald wird das Kind die Erfahrung machen, dass Worte, Zeichen, Signale, Gestik und Mimik gleichwohl nicht hinreichen, alles zu bedeuten, was man empfindet, fühlt und denkt. Dieser Mangel ist grundlegend und kennzeichnend für das, was Menschsein ausmacht, weshalb Religionen Orte wie das Paradies erfunden haben, wo diese irreduzible Differenz als aufgehoben versprochen wird.
    Doch das Paradies ist der Ort des Todes und nicht von dieser Welt. Deshalb sind Menschen gezwungen, mit den Gegebenheiten des Irdischen zurechtzukommen. Das heisst zuallererst: Die Sprache, die sie als Kleinkinder ab dem Alter von zwei Jahren erlernen, ist die Sprache ihrer Eltern – und damit erlernen sie mit dieser Sprache zugleich auch deren Vorstellungen, Wünsche, Aengste, Glücksgefühle, Abhängigkeiten, Haltungen und Werte.
    Ueber Sprache wird das Kind zu einem sich mitteilenden, weil kommunizierenden Mitglied des Familiensystems, was auch heisst, dass es ›Nein‹ sagen kann.

    - Vorsprachliche Artikulationen kennen nur ein ›Entweder – Oder‹
    - sprachlich Artikuliertes aber beinhaltet immer auch ein ›Sowohl – als auch‹.

    So kann das Kind sagen, dass es keinen Brei essen möchte, doch zugleich mitteilen, dass es lieber Pudding wolle; sein Nein ist kein absolutes, sondern immer ein Angebot, dessen Durchsetzbarkeit erprobt werden kann. Mit anderen Worten: Mit Sprache ist das Feld eröffnet, auf dem man manipulieren kann.

    LACAN: Das Spiegelstadium als "Bildner des Ich"

    In jener frühkindlichen Entwicklungsphase vor und nach seinem Spracherwerb werden beim Kleinkind zugleich psychische Grundstrukturen herausgebildet, die für die Beziehung des Menschen zu sich selbst, d.h. seinem Selbstbild, wie aber auch gegenüber seinen Mitmenschen von fundamentaler Bedeutung sind. Es sind dies zwei Grundmodelle, die ein Leben lang jenes Spannungsfeld begründen, das unser Menschsein ausmacht und aus dem viele zwischenmenschliche Störungen und psychische Instabilitäten hervorgehen. Diese beiden Grundmodelle bestimmen unser Verhältnis zur Sprache und zum Gespräch, und gleichzeitig machen sie deutlich, über welche Mechanismen das Mängelwesen ›Mensch‹ sein Manko vergessen machen will oder anerkennen muss.

    I. Ordnung des Imaginären

    II. Ordnung des Symbolischen

    Quellen:
    Brigitte Lämmle, Frank Haase (2002). Erklär mir deine Welt - Das Geheimnis der Gesprächsführung von Brigitte Lämmle. Hamburg: Hoffmann & Campe
    Lacan, Jacques (1949). »Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion«. In: Jacques Lacan [1973], Schriften I, Walter-Verlag: Olten, S.61-70).
    Whorf, Benjamin Lee (1984): Sprechen – Denken – Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie. Rowohlt Taschenbuch Verlag: Reinbek, S. 20.

    Das Spiegelstadium bei Jacques Lacan

    Die folgenden Seitenangaben in Perners Text beziehen sich auf Lacan's wegweisenden Text aus dem Jahre 1949: Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion (Schriften I, S. 61-70).

    Jacques Lacans Ueberlegungen gehen von einer einfachen Frage aus:

    Quelle: Weike, Kerstin (2007). Adoleszenzkonflikte in der Schule: Eine empirische Studie mit Ueberlegungen zu Schule als "potential space", S. ... - ...

    Winnicott, Übergangsraum, Übergangsobjekt, Konzept, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Depression, Burnout, Aggression, Verhalten, Erleben

    Winnicott, Übergangsraum, Übergangsobjekt, Konzept, Anerkennung, Psychoanalyse, Aggression, Verhalten, Erleben


    Heinz KOHUT: Die Funktion des gesunden narzisstischen Systems

    Henseler, Kohut, Narzissmus, Entwicklung, Idealisierung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Suizid, Aggression, Verhalten, Erleben

    Berücksichtigt man die in nebenstehender Tabelle dargestellten Wechselwirkungen und dynamischen Veränderungen des Systems, lässt das Kohutsche Entwicklungs-Modell (hier in der modifizierten Version von Henseler 2000, S. 79) folgende Vorstellungen über die Funktionsweise des Regulationssystems zu: Bei Henseler lesen wir zu Kohuts Entwicklungstheorie weiterführend folgendes (Henseler 2000, S. 80):

    DANIEL STERN und die 'Boston Study Group': Ergebnisse der modernen Säuglingsforschung

    Daniel N. Stern’s „Entwicklung des Selbst“ - aus der Sicht von Thure von Uexküll et al. 1997 S.127–133:

    Selbst- und Beziehungsentwicklung
    Nach D. Stern (1991, 1992) wird die kindliche Entwicklung in den ersten beiden Jahren - also auch schon in der präverbalen Zeit - durch vier aufeinanderfolgende Selbstempfindungen oder -gefühle ("senses of self") als primäre organisierende und strukturierende Prinzipien gesteuert. Unter dieser Perspektive lassen sich mehrere Zeitabschnitte beschreiben, in denen sich auch besondere Formen intersubjektiver Bezogenheit ("domains of relatedness") herausbilden. Die Entwicklung, die also den "anderen" stets einbezieht, verläuft zwar in einer bestimmten reifungsbedingten Abfolge und die einzelnen Abschnitte bauen aufeinander auf, aber die Selbst- und Beziehungsaspekte jeder einzelnen Phase bleiben in den weiteren Verwicklungen des gesamten Lebens - als steuernde und erlebbare Prinzipien - erhalten und wirksam (Bohleber 1989; Johnen 1990, 1991a, 1991b; Johnen und Cluss 1991; Köhler 1990; Schüssler und Bertl-Schüssler 1992a). Die im folgenden vor allem nach Stern zusammengefassten Erkenntnisse der Säuglingsforschung, die durch einige Ueberlegungen Sanders (1975) ergänzt werden, haben einen engen Bezug zur Ich-, Selbst- und Objektbeziehungspsychologie der Psychoanalyse.

    "Welt der Gefühle"
    In der Zeit von der Geburt bis zum dritten Monat kann von einem auftauchenden oder entstehenden Selbst ("sense of an emergent self" mit "domain of emergent relatedness") gesprochen werden. Die Grenzen zur Umwelt, zwischen innen und aussen, sind dabei noch unscharf. Das Leben setzt sich aus einzelnen Augenblicken zusammen, und die Gerichtetheit der Zeit wird noch nicht erfahren. Das Erleben findet in einzelnen Episoden statt und noch nicht vor dem Hintergrund eines zusammenhängenden Zeitflusses. Personen oder Gegenstände werden v.a. über die von ihnen hervorgerufenen unterschiedlichen Gefühle erlebt. Als erfahrbarer Raum gilt dem Säugling der Bereich, den er mit den Armen durchmessen kann. Dieser durch die motorischen Möglichkeiten definerte „Erlebnisraum" ist übrigens ein wesentlicher Aspekt der Konzentrativen Bewegungstherapie (Becker 1981; Müller-Braunschweig 1990a). In diesem Zeitabschnitt stehen folgende angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten des Säuglings, die sich zum grossen Teil aus den genannten Motivationssystemen ableiten lassen, bereits zur Verfügung:

    1. Es findet sich ein Nebeneinander mehrerer abgestufter Bewusstseinszustände ("states"), die unterschiedlichen physiologischen Aktivitätsabstufungen entsprechen und die Basis der verschiedenen Bedürfnisse bilden (Lichtenberg 1991a; Wolff 1966). So können Schreien, aufmerksame Wachheit, ruhige Wachheit, REM-Schlaf und Nicht-REM-Schlaf unterschieden werden. Beim Neugeborenen stellen zwar Schlafen und Stillen von Durst und Hunger wichtige Bedürfnisbefriedigungen dar, für das Erkunden der Umwelt und die Kontaktaufnahme zu den Pflegepersonen ist aber der Zustand der aufmerksamen Wachheit von entscheidender Bedeutung.
    2. Von Geburt an besteht eine Tendenz zur aktiven Erkundung der Umwelt, ein Bedürfnis nach Reizaufnahme im Wachzustand mit bestimmten taktilen, visuellen, akustischen, gustatorischen, olfaktorischen, aber auch geometrischen Präferenzen (Stork 1986). Dies betrifft etwa bestimmte Geschmacksrichtungen oder vertraute Töne, v.a. aber Gesicht, Stimme und Geruch der Pflegeperson. Die Kontingenz von eigener Aktivität und Folgen in der Umwelt, auf deren Bedeutung schon Bettelheim (1983) hingewiesen hat, ist ein wichtiger Motivationsfaktor zur Anregumg sensomotorischer Systeme. Mit Recht wird diese Aktivität des Säuglings als eine "rudimentäre Form von Intentionalität" (Stork 1986, S. 14) bezeichnet. Beim Einstellen auf neue Reize spielen die Uebereinstimmung mit anderen Ereignissen (Bekanntheitsgrad) und der Zusammenhang von Ursache und Wirkung von Abläufen (Kausalität) eine grosse Rolle. Neben der Stimulationssuche besteht ebenfalls schon früh die Möglichkeit zur Regulation der Reizaufnahme und damit des Erregungsniveaus durch Abschirmung (Mikrovermeidungsmöglichkeiten), z.B. durch (Blick-)Abwendung, Wegstossen, Ins-Leere-Schauen oder Schreien (Brazelton und Cramer 1991; Brazelton et al. 1974). Bei der Regulation der Reizaufnahme spielt die Haut auch als Organ der Be- und Abgrenzung wahrscheinlich eine besonders wichtige Rolle. Dies wird nicht nur durch die Bedeutung der mütterlichen taktilen Kontaktaufnahme unmittelbar nach der Geburt nahegelegt, sondern auch durch das Verständnis einiger Hauterkrankungen als "frühe Störungen" und das bereits erwähnte "therapeutische Anfassen".
    3. Nach Stern werden die angeborenen kategorialen Affekte von den Vitalitätsaffekten unterschieden. Als kategorial werden die reinen, durch bestimmte quantitative Reizmuster ausgelösten Affekte wie z.B. Ueberraschung, Traurigkeit oder Freude bezeichnet (Eibl-Eibesfeldt 1984; Krause 1983; Tomkins 1981). Bei den Vitalitätsaffekten handelt es sich um dynamisch-kinetische Handlungserfahrungen, die im Alter von 2 1/2 Monaten in den beiden Dimensionen Aktivierungsgrad und hedonische Tönung (d.h. Grad des Lust-Unlust-Charakters) fassbar sind. Als dritte Dimension kommt mit ca 4 1/2 Monaten - also erst im nächsten Abschnitt der Selbstentwicklung - die Möglichkeit zur Differenzierung nach der (internalen oder externalen) Herkunft des Auslösers hinzu. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass körperbezogene Therapieverfahren gewöhnlich zwar am Körpererleben und an Sinneswahrnehmungen ansetzen, dass sie aber durchaus auch mit dem Auftreten und Erleben von Affekten zu tun haben und diese verändern können. So sind bestimmte Körperwahrnehmungen mit den Affekten gekoppelt, die in der frühen Interaktion bedeutsam waren. Auch kann die Entdeckung der eigenen Körperwelt Affekte wie Freude und Ueberraschung, aber auch Trauer und Wut auslösen.
    4. Primitive, aber differenzierte Wahrnehmungen in allen Sinnesmodalitäten sind von Geburt an möglich, wobei von allen Wahrnehmungsdimensionen zunächst der Intensität besondere Bedeutung zukommt. Im Alter von etwa 3 Wochen lässt sich eine transmodale Wahrnehmungsweise und -integration, also eine intersensorische Koordination (Schüssler und Bertl-Schüssler 1992a) belegen. Die durch die fünf Sinne wahrgenommenen Qualitäten können - mittels abstrakter Enkodierungen von Intensität, Zeitablauf, Rhythmus und Gestalt - ineinander übersetzt werden. So wird beispielsweise ein im Mund getasteter Schnuller von einem wenige Tage alten Säugling im Vergleich mit anders geformten Schnullern allein beim Anschauen "wiedererkannt". Oder es tritt eine Schreckreaktion auf, wenn das Kleinkind beim Anblick der Mutter eine andere Stimme hört. Durch diese transmodale Wahrnehmung wird die Entwicklung eines Gefühls für Uebereinstimmung (Stimmigkeit) und Zusammengehörigkeit, aber natürlich auch von Unterschiedlichkeit und Abgegrenztheit gefördert. Episoden und Objekte werden global erfasst, was der von Spitz (1989) beschriebenen "koenästhetischen Wahrnehmungsweise" entspricht. Die Wahrnehmungs- und Erfahrungseinheiten werden noch nicht in einzelne Elemente (Selbst, Objekt, Emotion und Kognition) differenziert.
    Wie andere körperbezogene Therapieverfahren zielt auch die FE [Funktionelle Entspannung] auf das Erreichen dieser frühen Erfahrungseinheiten (Johnen 1991a). Zusammen mit dem Spuren des eigenen Körpers schaffen diese Erlebenseinheiten eine Verbindung zwischen Körpererleben, Emotion und Beziehung.
    5. Auch einfache kognitive Funktionen sind bereits nach der Geburt vorhanden. Als frühe Lernformen können konditioniertes Lernen, Gewöhnung und Nachahmung genannt werden. So kann etwa die Mimik Erwachsener bereits im Alter von 3 bis 10 Tagen imitiert werden. Hierbei wird angenommen, dass der Säugling propriozeptiv das spürt, was er bei der Pflegeperson sieht und nachahmt. In den ersten Lebensmonaten steht handlungsorientiertes Lernen im Vordergrund, im Verlauf des 2. Lebensjahres wird über die innere Abbildungsfähigkeit von Sinneseindrücken schliesslich symbolische Repräsentation möglich. Was nun die auftauchende, die beginnende Beziehungsform angeht, bilden sich in den ersten 3 bis 4 Wochen wesentliche Elemente von Austausch, Abfolge und Ordnung innerhalb der Mutter-Kind-Dyade aus. Es entsteht eine erste Syntax der Konversation im Mutter-Kind-System (Sander 1975, 1983). Dabei handelt es sich um einen Dialog mittels non- und averbaler Kommunikationsweisen. Das Zusammenspiel, das Ineinandergreifen der Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Mutter und Kind wird als „fit" oder "match" bezeichnet.
    "Wie von ungefähr will man das gleiche"(Stork 1986). Die Mutter steht dabei v.a. immer wieder vor der Aufgabe, Bedürfnisse und Verhalten des Kindes zu deuten und zu beantworten. Die Mutter erlebt Freude und Erfolgsgefühle beim Deuten und Befriedigen der kindlichen Bedürfnisse, der Säugling erlebt Wohlsein durch mütterliche Hilfe und Pflege. Störungen dieser frühen Interaktionen können zu schweren Beeinträchtigungen führen (Müller-Braunschweig 1990b). Sander (1975) hat die ersten drei Monate der Mutter-Kind-lnteraktion als "initiales Einspielen" bezeichnet. Die in diesem Abschnitt entstehende Basis für Zusammenspiel und zwischenmenschliches Vertrauen wird von der FE in der Weise berührt, als ein Gefühl von Stimmigkeit („fit" bzw. "match“) entstehen kann, wenn Körpererleben und Benennung in der therapeutischen Situation übereinstimmen (Johnen 1991b).


    Neben der direkten Kommunikation zwischen Mutter und Kind kommt dem "Spielraum" (Winnicott 1958), dem "privaten Raum in der Zeit" (Sander 1983) eine besondere Bedeutung zu. Das Kind ist in Gegenwart einer anderen Person allein. Es befindet sich in einem Gleichgewichtszustand ohne innere oder äussere Anforderungen und kann seine ersten eigenen Initiativen entwickeln. Hier befinden wir uns bereits im Uebergangsbereich zum Kern-Selbst.
    In den meisten Psychotherapien, insb. aber in den Körpertherapien (siehe Kap. 8) wie z.B. der FE (Funktionellen Entspannung) wird der Patient immer wieder ermutigt, in Gegenwart des Therapeuten, aber ohne dessen unmittelbares Eingreifen, das Eigenerleben seines Körpers im spielerischen Tun zu fördern.
    Die Aufgabe dieser ersten Phase der Selbstentwicklung ist das Herstellen von Uebereinstimmung und Zusammengehörigkeit bei sich selbst, v.a. was den eigenen Körper angeht, und mit der Umwelt, v.a. im Hinblick auf die Mutter. Damit werden die Grundlagen für Sicherheit und Vertrauen gelegt.

    "Welt der Kontakte"
    Zwischen dem 3. und 7. Lebensmonat entsteht das Kern-Selbst ("sense of a core self" mit "domain of core relatedness"), das vier Bereiche umfasst, die allmählich eine Struktur bekannter und verlässlicher Erfahrungen bilden: Der "sense of agency" (Selbsttätigkeit) meint die Erfahrung von Urheberschaft und Aktivität, der "sense of affectivity" (Selbstaffektivität) das Erleben eigener Affekte und erwarteter Verhaltensweisen des "Anderen", der "sense of coherence" (Selbstkohärenz) bezeichnet das Erleben von physischer Ganzheit und der "sense of continuity" (oder "self-history", Selbstgeschichte) schliesslich die Erfahrung von Identität über die Zeit mit eigener Geschichte. An diesen Aspekten des Kern-Selbst lässt sich die Vorgehensweise der FE besonders gut veranschaulichen. Den "sense of agency" etwa erfuhr eine Patientin mit psychosomatischen Störungen erstmals in einer Therapiestunde, als sie spürte, dass sie mit ihrem sich beim Einatmen entfaltenden Rücken die Hand der Therapeutin wegdrücken konnte. Dieses Erlebnis löste bei ihr heftige emotionale Erschütterungen aus (Mitteilung von T. Woelk, zit. n. Müller-Braunschweig 1992b).
    Weiter wird der "sense of coherence " dadurch angesprochen, dass die Arbeit an einem Teil des Körpers Veränderungen in anderen Körperteilen zur Folge hat, und der "sense of continuity" durch wiederholte Erfahrungen, die über die Zeit hinweg - etwa während einer längeren Behandlung mit der FE, aber natürlich auch bei anderen Formen der Psychotherapie - gemacht werden.

    Von grosser Bedeutung sind in dieser Zeit erste Gedächtnisinhalte. Wahrnehmung, Speicherung und Erinnerung von Ereignissen erfolgen beim Kleinkind zunächst ganzheitlich. Sein Gedächtnis ist episodisch organisiert und enthält v.a. solche Wahrnehmungen, Stimmungen und Affekte, die in der Interaktion mit der Mutter von Bedeutung sind. Stern spricht von "sensomotorisch-affektiven Erfahrungseinheiten" (1979), Lichtenberg von "affektiven Handlungs-Reaktionsmustern" (1991a). Allmählich entstehen aus den Einzelepisoden ähnlicher Abläufe generalisierte Episoden, die die Struktur des Ablaufes von Ereignissen abbilden und die der im 2. Lebensjahr entstehenden symbolischen Repräsentation vorausgehen.
    In dieser Zeit bilden sich verschiedene Rhythmen zwischen Mutter und Kind heraus, die von der Situation des Anblickens und Angeblicktwerdens - vermutlich im Anschluss an das Stillen - ihren Ausgang nehmen. Es kommt zu einem "Spiel", bei dem es darum geht, dass sich die Blicke von Mutter und Kind in einem überwiegend vom Kind bestimmten Rhythmus treffen. Das Verständnis dieser sich in Sekundenbruchteilen abspielenden Interaktionen war überhaupt erst mit den modernen Aufzeichnungs- und Analysemethoden möglich.
    Die grosse Bedeutung, die physiologische und interaktionale Rhythmen bereits im Entwicklungsprozess der frühen Säuglingszeit haben, wird von der FE dadurch aufgenommen, dass sie Spüren und Verändern des Körpererlebens an den basalen, unwillkürliches und willkürliches Tun verbindenden Atemrhythmus koppelt (Fuchs 1989).

    Folgende Interaktionsformen bzw. -rhythmen können bereits als Aspekte der Kernbezogenheit unterschieden werden:
    1. Bei den alternierenden Episoden (Beebe 1985) erfolgt die Interaktion im Wechsel, also diachron. Die Zyklen des Rhythmus sind genau aufeinander abgestimmt, Stern spricht von "dyadischen Reiz-Reaktions-Prozessen" (1979) bzw. von "Reziprozität" (1991). Bei dieser Interaktionsform handelt es sich um einen "Vorläufer des Erwachsenendialoges" (Köhler 1990). Als Beispiel sei der Wechsel von Zu- und Abwenden genannt.
    2. Die koaktiven Episoden (Beebe 1985) sind durch synchrone Interaktionen charakterisiert. Dabei handelt es sich nicht nur um zeitliche Simultanität, sondem auch um Uebereinstimmung im Hinblick auf Inhalt und Intensität der beteiligten Affekte. Stern (1979) spricht von einer "programmierten dyadischen Verhaltenssequenz". Dieses Zusammenspiel, das zu stark affektiv besetzten Bindungen führt, ist für die Entwicklung der Intimität von grosser Bedeutung. Gemeinsames Lachen kann hier beispielhaft angeführt werden.
    3. Als weitere Form sozialer Handlungen ist der "Spielraum" (nach Winnicott und Sander) bereits genannt worden.

    Sander (1975) nennt die Zeit vom 4. bis zum 6. Monat die des affektiven und psychosozialen "reziproken Austausches". Er betont, dass die immer wiederkehrenden Handlungsabläufe von Pflege, Ernährung und Spiel für die ersten motorisch-koordinativen Bewegungsabläufe und die kognitiven Funktionen des Kindes von grosser Bedeutung sind und darüber hinaus zu einer beglückenden Gegenseitigkeit führen. Hier sei auf die Bedeutung von sich regelmässig wiederholenden Handlungsabläufen in der verbalen Psychotherapie (Regelmässigkeit der Stunden, Therapieunterbrechungen als Krisenzeiten), aber auch in körperbezogenen Verfahren hingewiesen. In diesem zweiten Entwicklungsabschnitt sind das Einüben von sozialem Austausch, das Erleben von Bindung und Intimität wesentlich.

    "Welt der Gedanken"
    Zwischen dem 7. und dem 18. Monat entstehen das subjektive Selbst ("sense of a subjective self") und die subjektive Bezogenheit ("domain of intersubjective relatedness") Etwa ab dem 7. Monat ist das Kind zum Erleben mentaler Zustände (Gefühle, Motive, Intentionen) fähig. Es merkt, dass es hinter dem (äusseren) Verhalten ein (inneres) Erleben, "seine eigene private Gedankenwelt" (Stern 1991) gibt. Dazu trägt die sogenannte Affektabstimmung ("affect attunement") wesentlich bei, bei der die Mutter die beim Kind wahrgenommenen Gefühlszustände in einer anderen Weise, nämlich in einer anderen Sinnesmodalität widerspiegelt und damit sein Erleben bestärkt. Dieser Vorgang setzt bei beiden Interaktionspartnern die bereits erwähnte transmodale Wahrnehmung voraus. An die Stelle der Imitation des Kindes durch die Mutter tritt "ein Eingehen und Sicheinstellen der Mutter auf das, was im Inneren des Kindes vor sich geht" (Köhler 1986, S. 87) oder - präziser formuliert - auf die in seinem Verhalten zum Ausdruck kommenden Vitalitätsaffekte. Dadurch wird auch das Erleben und Wiedergeben der mentalen Zustände des anderen, das Teilen gemeinsamer und das Erleben unterschiedlicher Erfahrungen auf präverbaler Ebene möglich. Mit der affektiven Einstimmung beginnt nicht nur die Bedeutungsvermittlung, die beim späteren Erwerb von Symbolisierungsfähigkeit und Sprache fortgesetzt wird, sondern es werden auch die Kommunikationsfähigkeit und die Intersubjektivität weiterentwickelt. Für die Intersubjektivität sind neben den genannten gemeinsamen Affektzuständen v.a. gemeinsame Intentionen und die gemeinsame Aufmerksamkeit von Bedeutung.

    Etwa mit dem 8. Lebensmonat, in der Zeit also, in der das Kleinkind sich durch die beginnenden Fortbewegungsmöglichkeiten auch in Gefahr bringen kann, tritt das Erleben von Furcht erstmals auf. Damit einhergehend erhalten die Affekte, die zuvor ausschliesslich der Aktivierung der Pflegepersonen dienten, auch eine direkte Bedeutung für das Kind selbst. Neben die kommunikativ-soziale Funktion nach aussen tritt die Signalfunktion nach innen (Köhler 1986). Zur "Welt der Gedanken" gehören auch die beginnende kognitive Funktion des Ueberprüfens von Hypothesen und Erwartungen sowie die Vorgänge des Spezifizierens bzw. Generalisierens.
    Für den Zeitraum der Entwicklung von subjektivem Selbst und intersubjektiver Beziehung stellt Sander (1975) drei Aspekte heraus. Zunächst verweist er für die Zeit des 7. bis 9. Monats auf "erste Initiativen", die der Säugling innerhalb des mütterlichen Sicherheits- und Umsorgungssystems ergreift. Diese Eigeninitiativen begleitet die Mutter mit ermutigender Unterstützung oder Einspruch. Zwischen dem 10. und 13. Monat ist die "Verfügbarkeit der Mutter", deren Manipulierbarkeit und Grenzen das Kleinkind gleichzeitig austestet, von grosser Bedeutung. Erfahrungen und - v.a. soziales - Lernen werden von den mütterlichen Reaktionsweisen geformt. Die anschliessende Zeit bis etwa zum 20. Monat nennt Sander die "Phase der Selbstdurchsetzung". Das Kind entdeckt eigene Handlungsmotivationen, die z.T. in Konflikt mit den mütterlichen Motiven geraten. Ein Ueberwiegen der Eigenmotivation fördert jeweils die Entwicklung der kindlichen Autonomie. In diesem Zeitabschnitt entfalten sich also v.a. Grundlagen der Intersubjektivität und die Fähigkeit zur Empathie.

    "Welt der Wörter"
    In der Zeit ab dem 15 Monat bildet sich das verbale Selbst ("sense of a verbal self" mit "domain of verbal relatedness"). Im einzelnen entstehen v.a. die Fähigkeiten zu Selbstreflexion und symbolischer Repräsentation sowie - im engen Zusammenhang damit - zum Produzieren und Begreifen von Sprache. Mit dem Spracherwerb entstehen neue Möglichkeiten der Verständigung. Sander (1975) spricht von "shared awareness", Stern (1992) vom "Teilen von Bedeutungen". Mit der Herausbildung von Symbolisierung und Sprache entsteht zunächst zum episodischen das semantische Gedächtnis (Tulving 1983). Dieses ist nach Begriffen und Symbolen, nach Regeln und Klassen geordnet. Es enthält nicht Einzelerlebnisse, sondern Verallgemeinerungen, also Wissen und nicht nur Erinnerungsspuren. Seine Struktur ist verbal und symbolisch und nicht – wie die des episodischen Gedächtnisses – präverbal und sensorisch.
    Die Entstehung der Symbolisierungs- und Sprachfähigkeit, die Ausbildung der "semiotischen Funktion" (Piaget und Inhelder 1991), markiert einen durchaus zwiespältigen Entwicklungsschritt, da das frühere ganzheitliche Erleben von dieser Zeit an dual kodiert wird bzw. zwei Bereichen angehört, dem vorsprachlich erfahrbaren und dem symbolisier- und verbalisierbaren (Schmoll und Haltenhoff 1993). Stern spricht von "parallelen Wirklichkeiten". Vermutlich können nicht alle Erfahrungen auch symbolisch repräsentiert werden, was wohl besonders für die Gefühlszustände und die interpersonellen Erfahrungen zutrifft. Nach Lichtenberg (1991a) zerfällt das kindliche Selbst in ein "erlebendes" und ein "begriffliches Selbst", was an die Gegenüberstellung Freuds (1915) von den "Sach-" und "Wort-vorstellungen" erinnert (vgl. Loewald 1986). Kleinkinder bewegen sich über einen längeren Zeitraum zwischen diesen beiden – präverbalen bzw. verbalen – Formen des Selbsterlebens und der Bezogenheit hin und her, Stern (1992) spricht von einer "Krise des Selbstverständnisses". Die ursprünglichen Erfahrungseinheiten werden nicht mehr global, sondern zunehmend distinkt in ihren einzelnen Kategorien Wahrnehmung, Kognition und Handlung erlebt. Insgesamt ergibt sich durch Reflexion und Symbolisierung für das Kleinkind eine neue Struktur der Wirklichkeit, wozu auch das Erleben der Zeit und ihrer Gerichtetheit gehört.
    In der Terminologie des Situationskreiskonzeptes beginnt in dieser Zeit die Entsteheung einer je "individuellen Wirklichkeit" (v.Uexküll und Wesiack 1988).

    An der Reaktion des Kindes auf sein Spiegelbild lässt sich die Entwicklung der Symbolisierungsfähigkeit am Beispiel der Selbstrepräsentation gut verfolgen (Lichtenberg 1991a). Gegen Ende des ersten Lebensjahres ruft das Spiegelbild – wie andere neue Erfahrungen auch – zunächst ein durch Freude und Interesse charakterisiertes Verhalten hervor. Eine im Gesicht des Kindes angebrachte Markierung führt ebensowenig zu einer besonderen Reaktion wie ein verzerrtes Spiegelbild. Zu Beginn des zweiten Jahres ist das Verhalten angesichts des eigenen Spiegelbildes durch Ernst und geringere Aktivität gekennzeichnet. Eine verzerrte Wiedergabe wird bemerkt, und ein Farbklecks auf Stirn oder Nase wird auf dem Spiegel, nicht aber im eigenen Gesicht berührt. Im Alter von 15 – 22 Monaten schliesslich berührt das Kleinkind den Farbfleck in seinem Gesicht.
    An diesen Verhaltensänderungen lässt sich ablesen, dass das Spiegelbild zunächst als Auslöser einer handlungsbezogenen Reaktion aufgefasst wird. Erst nach einem Uebergangsstadium, in dem das Bild zu einem Anschauungsobjekt "da draussen" geworden ist, an dem nun auch Veränderungen festgestellt werden, kann es als Spiegelung des Selbst wahrgenommen werden. In ähnlicher Weise dürfte auch der Aufbau der anderen Selbstrepräsentanzen sowie der Objektrepräsentanzen ablaufen. Dieser Prozess führt im Verlauf der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres allmählich zu einer Konstituierung des "ganzheitlichen Selbst" (Lichtenberg) und zu einer sicheren Differenzierung zwischen dem Selbst und der "Welt der Objekte" (E. Jacobson 1973).

    Die Wirksamkeit körperbezogener Psychotherapieverfahren kann dadurch erklärt werden, dass sie einen methodisch angeleiteten Weg zum Wiedererleben der globalen, ganzheitlichen Wahrnehmungsweise aufzeigen (vgl. Kap. 11). So können bei der FE durch Kopplung an den (Atem-)Rhythmus, durch wenige Wiederholungen kleinster Veränderungen und durch Nachspüren (Fuchs 1989) unbewusste, dem willkürlichen Zugriff entzogene körperliche Funktionen und Haltungen erreicht und evtl. verändert werden. Nach Sander (1975) entwickeln Mutter und Kind in der Zeit des verbalen Selbst, v.a. aber zwischen dem 24. und 30. Monat eine neue Ebene der Gegenseitigkeit, die besonders durch "Anerkennung" gekennzeichnet ist. Das mütterliche Verständnis für die zunehmende Aktivität und Expansivität des Kindes, aber auch das Bereithalten von Geborgenheit fordern die Lösung von ihr und das Entstehen von Selbstkonstanz.
    Zusammengefasst sind die Möglichkeiten zur Symbolisierung und zur sprachlichen Verständigung die Hauptcharakteristika dieses vierten Lebensabschnittes.



    Die Mahlerschen Postulate (siehe oben), insbesondere dasjenige des frühkindlichen Autismus, wurden in den 1980 und '90er Jahren v.a. von Daniel Stern und W. Lichtenberg empirisch und theoretisch gründlich widerlegt bzw. relativiert. Gemäss diesen Autoren (u.a.) sind Babys bereits in den ersten Wochen zu differentieller Wahrnehmung fähig.
    Daniel Stern modifizierte deshalb die Mahlersche Entwicklungstheorie in den angesprochenen Punkten (siehe Stern 1991 und 1992 oder auch Petzold 1993). Sterns Konzeption postuliert einen "aktiven", "kompetenten" Säugling:
    Nach Daniel Stern (1991 und 1992) wird die kindliche Entwicklung in den ersten beiden Lebensjahren, also auch schon in der präverbalen Zeit, durch vier aufeinanderfolgende Selbstempfindungen oder -Gefühle ("senses of self") als primär organisierende und strukturierende Prinzipien gesteuert. Unter dieser Perspektive lassen sich mehrere Zeitabschnitte beschreiben, in denen sich auch besondere Formen intersubjektiver Bezogenheit ("domains of relatedness") herausbilden. Die Entwicklung, welche den "anderen" also stets einbezieht, verläuft zwar in einer ganz bestimmten reifungsbedingten Abfolge, aber die Selbst- und Beziehungsaspekte jeder einzelnen Phase bleiben in den nachfolgenden Lebensabschnitten, als steuernde und erlebbare Prinzipien, erhalten und wirksam:

    1. "Welt der Gefühle"
    In der Zeit von der Geburt bis zum dritten Monat kann von einem auftauchenden oder entstehenden Selbst ("sense of emergent self") gesprochen werden. Die Grenzen zur Umwelt, zwischen innen und aussen, sind dabei noch unscharf. Das Leben setzt sich aus einzelnen Augenblicken zusammen, und die Gerichtetheit der Zeit wird noch nicht erfahren. Das Erleben findet in einzelnen Episoden statt und noch nicht vor dem Hintergrund eines zusammenhängenden Zeitflusses. Personen oder Gegenstände werden v.a. über die von ihnen hervorgerufenen, unterschiedlichen Gefühle erlebt.
    Die Aufgabe dieser ersten Phase der Selbstentwicklung ist das Herstellen von Uebereinstimmung und Zusammengehörigkeit bei sich selbst, v.a. was den eigenen Körper angeht, und mit der Umwelt, v.a. im Hinblick auf die primäre Bezugsperson. Damit werden die Grundlagen für Sicherheit und Vertrauen gelegt (vgl. auch Erikson 1982).

    2. "Welt der Kontakte"
    Zwischen dem 3. und dem 7. Lebensmonat ensteht das Kern-Selbst ("sense of a core-self"), welches vier Aspekte umfasst:
    - Selbsttätigkeit (Erfahrung von Urheberschaft, vgl. Bandura’s "self-efficacy-expectation")
    - Selbstaffektivität (Erleben eigener Affekte und erwarteter Verhaltensweisen des "Anderen")
    - Selbstkohärenz (Erleben der eigenen physischen Ganzheit)
    - Selbstgeschichte (Erfahrung von "Identität" über die Zeit mit eigener Geschichte)
    In diesem zweiten Entwicklungsabschnitt sind das Einüben von sozialem Austausch, das Erleben von Bindung und Intimität wesentlich.

    3. "Welt der Gedanken"
    Zwischen dem 7. und dem 18. Monat entsteht das subjektive Selbst und die subjektive Bezogenheit. Das Kind merkt, dass es hinter dem "äusseren" Verhalten ein "inneres" Erleben, "seine eigene private Gedankenwelt" (Stern 1991) gibt. Die Fähigkeit der Affektabstimmung ("affect attunement") wird ebenfalls in dieser Phase erworben.
    In diesem Zeitabschnitt entfalten sich also v.a. Grundlagen der Intersubjektivität und die Fähigkeit zur Empathie.
    Stern, Bezogenheit, Anerkennung, Entwicklung, Säugling, Baby Watcher, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Depression, Burnout, Aggression, Verhalten, Erleben
    4. "Welt der Wörter"
    In der Zeit ab dem 15. Monat bildet sich das verbale Selbst. Im einzelnen entstehen die Fähigkeit zu Selbstreflexion und symbolischer Repräsentation sowie zum Produzieren und Begreifen von Sprache ("Teilen von Bedeutungen", Stern 1991). Wichtig ist ebenfalls, dass jetzt zusätzlich zum episodischen das semantische Gedächtnis (sensu Tulving) entsteht. Diese Ausbildung der "semiotischen Funktion" (sensu Piaget) markiert einen durchaus zwiespältigen Entwicklungsschritt, da das frühere ganzheitliche Erleben von dieser Zeit an dual codiert wird. Insbesondere Gefühlszustände und interpersonale Erfahrungen können oft nicht symbolisch repräsentiert werden. Nach Lichtenberg (1991) zerfällt deshalb das kindliche Selbst in ein "erlebendes" und ein "begriffliches" Selbst (Stern spricht von "parallelen Wirklichkeiten").

    Der Uebergang in dieser Symbolisierungskrise (Piaget: erreichen des operationalen Stadiums) bedeutet also auch einen Verlust von von unmittelbarem Empfinden, weil von jetzt an die sprachliche Symbolisierung sozusagen neben dem Erleben herläuft und somit analoge in digitale Information umgewandelt wird. Das Wiedergewinnen dieser frühkindlichen, "unbewussten" Fähigkeit zu ganzheitlicher Wahrnehmung ohne sofortige Interpretation ist oft ein zentrales Anliegen in Psychotherapien.
    Zusammengefasst sind die Möglichkeiten zur Symbolisierung und zur sprachlichen Verständigung die Hauptcharakteristika dieses vierten Lebensabschnittes.
    Das Kind hat somit die von den meisten Erwachsenen geteilte Welt der sprachlichen Kommunikation bereits erreicht, obwohl es natürlich selber noch kein solcher ist.
    Die weiteren Entwicklungsschritte sind ab zwei Jahren bereits so individuell, dass sie nicht mehr in allgemeingültige Phasen eingeteilt werden können (Stern 1991, Lichtenberg 1991, Petzold 1993 u.a.), obwohl beispielsweise Erik Erikson eine heuristisch nützliche Konzeption einer "lebenslangen" Entwicklung erstellt hat (Erikson 1982).
    Quelle: Stern, Daniel N. (1985). Die interpersonale Welt des Babys. Stuttgart: Klett-Cotta



    Entwicklung des Kindes aus Sicht der Intersubjektivitätstheorien

    Welches Interesse hat ein Subjekt, den Anderen zu entdecken, wenn nicht mehr Triebabfuhr alleiniges Movens ist, soziale Kompetenzen zu entwickeln? Oder muss der Andere gar nicht erst entdeckt werden, sondern ist existentielle Voraussetzung für die individuelle Entwicklung?

    Es gibt dazu unterschiedliche Erklärungstheorien, einige gehen von einer stärker genetischen Ausstattung des Säuglings aus, andere beschreiben den Erwerb der intersubjektiven Kompetenz ausschliesslich sozial. Zu den ersteren gehört Stein Bråten mit seiner Idee eines inneren „virtuellen Anderen“ (vgl. Dornes 2002).
    Danach ist das sich entwickelnde Selbst von Beginn an intrapsychisch dyadisch konstruiert, es erwartet den Anderen, um ihn in seinen inneren Raum einzulassen.
    Der spätere reale Andere betritt den intersubjektiven Raum, der bereits innerlich existiert und nur noch ausgestaltet werden muss.

    Stephen A. Mitchell beschreibt den „Ausgestaltungsprozess“ dann so: „Am Anfang steht eine relationale, eine soziale, eine sprachliche Matrix, in der wir uns selbst erst entdecken. Innerhalb dieser Matrix bildet sich die individuelle Psyche bzw. sie kristallisiert sich heraus, mitsamt subjektiv erlebten inneren Räumen. Mit anderen Worten: Zwischenmenschliche Beziehungen generieren intrapsychische Beziehungen, die auf zwischenmenschliche Beziehungen verändernd zurückwirken, wodurch sich die intrapsychischen Beziehungen verändern und so weiter.“ (Mitchell 2000, 99f.)

    Jessica Benjamin spezifiziert die Entstehung der intersubjektiven Kompetenz als eine sich entwickelnde Kompetenz: Das Selbst erwirbt ein Bewusstsein von sich als handelnder Person durch die Interaktion, durch den Blick des Anderen auf sich selbst. Benjamin spricht von der existentiell notwendigen Anerkennung durch ein anderes Subjekt, also einer wechselseitigen Anerkennung zweier Subjekte.

    Donna Orange et al. (2006) gehen einen Schritt weiter: „Dagegen haben wir den Begriff Intersubjektivität immer für ein Feld oder ein System reserviert, das sich im Zusammenspiel zwischen zwei oder mehreren Erfahrungswelten konstituiert, die ihrerseits relational verfasst sind.
    Das Dogma von der abgeschlossenen Psyche haben wir mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen und stattdessen jene in einem radikal-phänomenologischen Sinn lebensweltlicher Zusammenhänge zu erfassen gesucht, aus denen sich all unsere Selbst- und Beziehungserfahrungen zusammensetzen.“ (161 f.) Nach dieser Vorstellung wird die intersubjektive Kompetenz des Kindes ausschließlich durch soziale Interaktion erworben, sie sind Ko-Konstruktionen der jeweiligen Beziehungspartner. Bewusste und unbewusste Erfahrungen liegen zwischen und nicht in den Subjekten.
    Für welche Sichtweise man sich auch entscheidet: die systemtheoretische oder die Relation zweier Subjekte, auf jeden Fall aber werden die Erwartungen und Bedürfnisse des Subjekts durch diejenigen der Interaktionspartner/innen modifiziert. Stern fasst die Forschungslage so zusammen: „Die entwicklungspsychologischen Befunde zeigen, dass der Säugling mit seiner Geburt in eine intersubjektive Matrix eintritt … Mit der Entwicklung neuer Fähigkeiten und dem Erwerb neuer Erfahrungen gleitet der Säugling in die intersubjektive Matrix hinein, die ihrer eigenen Ontogenese folgt.“ (Stern 2005, 103)
    Quelle: Mittelsten Scheid, B. (2012). Die Bedeutung der intersubjektiven Wende der Psychoanalyse für eine gruppenanalytische Supervision. In: Dinger, W. (Hrsg.). Gruppenanalytisch denken – supervisorisch handeln - Gruppenkompetenz in Supervision und Arbeitswelt. Kassel: Uni-Selbstverlag.

    BOWLBY: Bindungstheorie

    Die Bindungstheorie untersucht die normale und sog. unsichere Form früher Bindungen. Sie erklärt, wie unter negativen Umständen abnormale frühe Bindungen den negativen Aspekt früher Erfahrungen und negative Affekte verstärken können, sodass das negative Segment der frühen Erfahrung prädominant wird und in der depressiven Phase keine Integration erfolgt. Kurz zusammengefasst: Der Mutter kommt eine wichtige Funktion zu in der Organisation des Affekts des Babys. Wenn das Baby zum Beispiel entsetzliche Angst zeigt und die Mutter verständnisvoll reagiert - „Du hast Angst, Du fürchtest Dich, hast Angst ...“, also empathisch gegenüber der Angst des Babys ist und sie versteht, dann zeigt sie eine konkordante Reaktion und zugleich aber auch, durch ihre ruhige Art, dass sie diese Angst nicht teilt. Das ist die normale Reaktion der Mutter. Wir nennen sie kongruent, aber markiert.
    Hat jedoch auch die Mutter entsetzliche Angst und reagiert sie ängstlich - „Du hast Angst, Du bist erschrocken, Du hast Angst...“, dann ist dies auch eine kongruente Reaktion, aber sie ist nicht markiert und verstärkt das Angstgefühl des Babys. Eine ständige kongruente, aber nicht markierte Reaktion verstärkt dann die negative Affektzone.
    Oder aber, das Baby hat Angst und die Mutter reagiert gleichgültig - „Ah, Du hast Bauchweh, Du hast Bauchweh ...“, dann ist die Reaktion markiert, aber nicht kongruent, und das Baby fühlt sich nicht verstanden. Auch das verstärkt die negative Reaktion. Das heisst also, eine unsichere Bindung, die sich aufgrund chronischer abnormaler Interaktionen in der frühen Bindung entwickelt, verstärkt das negative Segment der Affekte und führt zu einer Verstärkung des aggressiven Teils des inneren Erlebens, das weiterhin die Spaltung benötigt. Und somit bleibt diese frühe Situation stabil und gelangt nicht zur normalen Integration. Hier haben wir also bei abnormaler Bindung ein wichtiges ätiologisches Element für die chronische Prädominanz des aggressiven Sektors bei der Entwicklung einer inneren Welt.
    Weiterführendes: Fonagy Peter (2006). Bindungstheorie und Psychoanalyse. Klett-Cotta, Stuttgart

    Mentalisierungsbasierte Entwicklungstheorien (Fonagy/Target et al.)

    Fonagy, Target, Affektregulation, Jessica, Benjamin, Herr, Knecht, Ohnmacht, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Depression, Burnout, Aggression, Verhalten, Erleben

    Fonagy, Target, Affektregulation, Repräsentation, Entwicklung, Selbst, Ohnmacht, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Aggression, Verhalten, Erleben

    Fonagy, Target, Affektregulation, Repräsentation, Entwicklung, Selbst, Desorganisation, Psychoanalyse, Psychotherapie, Aggression, Verhalten, Erleben

    Fonagy, Target, Affektregulation, Repräsentation, Entwicklung, Fremdes, Selbst, Ohnmacht, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Aggression, Verhalten, Erleben

    Fonagy, Target, Interaktion, Affektregulation, Repräsentation, Entwicklung, Selbst, Ohnmacht, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Aggression, Verhalten, Erleben

    Fonagy, Target, Gedächtnis, Repräsentation, Entwicklung, Selbst, Anerkennung, Psychoanalyse, Psychotherapie, Aggression, Verhalten, Erleben

    Quelle: Schultz-Venrath, U. (2010). Vortrag übers Mentalisieren an den Lindauer Psychotherapietagen

    Symbolisierung, Mentalisierung, Praementalistische, Modi, Euler, MBT, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Teleologischer, Modus, Euler, Symbolisierung, Mentalisierung, Praementalistische, Modi, Euler, MBT, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Aequivalenz, Modus, Euler, Symbolisierung, Mentalisierung, Praementalistische, Modi, Euler, MBT, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Als-ob-Modus, Euler, Symbolisierung, Mentalisierung, Praementalistische, Modi, Euler, MBT, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Symbolisierung, Mentalisierung, Praementalistische, Modi, Euler, MBT, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Stern, Entwiclung, Säugling, Kleinkind, Forscuung, Symbolisierung, Mentalisierung, Praementalistische, Modi, MBT, symbolisch, imaginär, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Quelle: Euler, Sebastian (2016). Vortragsskripte übers Mentalisieren (MBT) am Basler Kantonsspital und an der ETH in Zürich



    Entwicklung nach dem "relational turn": wechselseitige Anerkennung statt Oedipus

    Jessica Benjamin: Balance von Mütterlichem und Väterlichem

    In der Vision einer Balance von »mütterlichen« und »väterlichen« Seiten, einer »Doppelherrschaft« von Ich-Ideal und Ueber-Ich erkennt Jessica Benjamin auch die Möglichkeit einer »Rehabilitierung des Narzissmus«, der in seinen beiden pathologischen Entwicklungsformen, dem Solipsismus auf der einen und der Symbiose (Verschmelzung) auf der anderen Seite nicht dem väterlichen beziehungsweise dem mütterlichen Pol zuzuordnen sei.
    Auch der Narzissmus treibe vorwärts und sei nicht nur die Sirene, die in den archaischen Abgrund der Regression lockt. Da er dem Bedürfnis nach Verleugnung der faktischen Abhängigkeit entspreche, sei diese Aufteilung verhängnisvoll und verstelle den Weg zur Konzeptualisierung eines psychischen Gleichgewichts von Ich-Ideal und Ueber-Ich, in dem beide Strukturen jeweils väterliche und mütterliche Anteile haben.

    Das ödipale Modell der Entwicklung enthalte eine latente Abwertung der Mutter und ihrer haltenden Funktion und eine Ueberbewertung des Vaters und seiner Autoritätsrolle. Wenn die Auflösung der ödipalen Situation aber eine Differenzierung von Subjekt und Objekt fördern solle, gelinge das nicht ohne die Anerkennung der Mutter. Der Junge müsse nicht nur erkennen, dass die Mutter zum Vater gehört und ihm als Sexualobjekt verwehrt wird, er müsse sie auch anerkennen »als ein Subjekt mit eigenem Begehren [und eigenem 'Recht'], als eine Person mit eigenem Willen« (S.160). Diese Anerkennung setzt aber voraus, dass er in der präödipalen Phase selbst geliebt und anerkannt worden ist und die Erfahrung von Einstimmung und vertrauter Gemeinsamkeit, Sicherheit und Geborgenheit verinnerlicht hat, dass also die Basis eines gesunden Narzissmus gelegt ist.

    Die beiden pathologischen Dimensionen des Narzissmus, wie sie in den »narzisstischen Allmachtsphantasien perfekten Einsseins oder absoluter Selbständigkeit« (S.136) in der Ödipalen Phase aufgegeben werden müssen, hatte Benjamin ja - wie beschrieben - als zwei entgegengesetzte Abwehrformen gegen die schmerzhafte Erfahrung der Abhängigkeit aufgefasst, in der das Objekt entweder durch völlige Loslösung durch Symbiose ausgelöscht wird (...).
    Solche Abwehrformen beinhalten Phantasien über das Objekt, die um die fehlende (aber existentiell notwendige) Anerkennung kreisen müssen. Ich bin der Auffassung, dass fehlende Anerkennung ersetzt wird durch eine phantasierte Omnipotenz (»Ich bin so gross, ich brauche den anderen nicht mehr und auch nicht seine Anerkennung!«) oder durch eine Verschmelzungsphantasie (»Wenn ich mit dem anderen eins bin, brauche ich als eigenes Wesen nicht anerkannt werden!)" (Benjamin 1993, zit. nach Altmeyer (2004 S.165).

    Integratives Entwicklungskonzept der "Relationalen Psychoanalyse" (Martin Altmeyer 2006)

    „Der Mensch ist keine Monade - er wird vielmehr in menschliche Beziehungen hineingeboren, gewinnt durch soziale Beziehungen hindurch ein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt und bleibt bis ins hohe Alter auf solche Beziehungen angewiesen. Als Menschen werden wir gerade dadurch zu einzigartigen, unverwechselbaren Individuen, dass wir unsere >Beziehungsschicksale< verinnerlichen und zum Aufbau unserer psychischen Struktur verwenden.“ (Altmeyer&Thomä 2006 S.8)

    „In meiner Sicht und in der der psychoanalytisch inspirierten zeitgenössischen Säuglings- und Kleinkindforschung sind Mutter und Kind nicht so sehr Triebobjekte für einander als vielmehr Resonanzräume für eine Vielfalt von körperlichen und seelischen Bedürfnissen: physiologische Regulation, sinnliches Vergnügen, Neugier, Bindung, Kommunikation und vielleicht auch Anerkennung. Keines von ihnen sollte in seiner Bedeutung privilegiert werden.“ (Dornes 2008 S.245)

    Die Stern - Green - Kontroverse: Triebtheorie vs. Intersubjektivität


    Entwicklung und Integration

    - Biographisches Arbeiten an sich selbst: Lebenspanorama, Kreatives Schreiben, Facebook Chronik als Persönlichkeitsentwicklungsinstrument etc.

    - Erik Erikson bahnbrechendes Werk:

    - Alice Millers Entdeckungen und Schriften:

    - Pasqualina Perrig-Chiello: Berner Entwicklungspsychologin für das Erwachsenenalter

    - Daniel Stern, Peter Fonagy, Jean Piaget: Kognitive Entwicklung aus psychoanalytischer und kognitivpsychologischer Sicht


    Folgender Text beschreibt die für die (kognitive) Entwicklung enorme Wichtigkeit des sog. Mentalisierens (vgl. Kap. XX: Narzissmustherapie mit Mentaliseren):
    "In der gelungenen Interaktion mit den primären Objekten entdeckt das Kind, dass ihm seine eigene Befindlichkeit gespiegelt wird. Es entdeckt einen Kontingenzzusammenhang zwischen seinem eigenen unwillkürlichen Emotionsausdruck und der mimischen wie vokalen Antwort der Mutter. Da die Mutter die kindlichen Regungen verstärkt und kommentiert, wird der Säugling nicht nur über das informiert, was er hat, sondern auch angeregt, etwas Neues zu entwickeln (vgl. Dornes 1999b, 53). Gergely nennt dies „markierte Affektspiegelung“ (vgl. Gergely 2002, 820 ff). Diese Markierung des empathischen Affektspiegelns bewirkt, dass ein Unterschied zum realistischen emotionalen Ausdruck der Mutter sichtbar wird, ähnlich wie beim so genannten So-tun-als-ob-Spiel. Das ist vor allem für die Spiegelung negativer Affekte wichtig, denn das Kind merkt, dass die markierte Wut der Mutter nicht echt ist, sie ist nicht wirklich böse (vgl. Gergely 2002, 820).
    Auf diese Weise erlebt sich das Kind bei der Regulierung seiner schlimmen Gefühlszustände als aktiver kausaler Akteur und kann lernen, diese Affekte in sein Selbst zu integrieren. Die wiederholte Erfahrung des markierten mütterlichen Affektspiegelns führt zum Aufbau sekundärer Repräsentationen. Emotionale Selbstkontrolle wird nur möglich, wenn sich sekundäre Regulations- oder Kontrollstrukturen über Repräsentationengebildet haben (vgl. Fonagy, Target 2002, 841).
    Im Alter von eineinhalb bis vier Jahren treten zwei Modi gleichzeitig auf, die sich eigentlich gegenseitig ausschliessen. Zunächst gewinnt das „playing with reality“ des symbolischen Spiels an Bedeutung (vgl. Dornes 2006, 528 ff). Ein Kind spielt jetzt zum Beispiel, dass die Tiere schlafen gehen, bezieht sich also auf die Realität und entkoppelt sich von ihr. Im Spiel kommt der Teufel aus der Wand, aber weil das Kind weiss, dass es kein realer Teufel ist, kann so etwas gespielt werden. Der Umgang der Eltern mit diesem Als-ob-Modus erfüllt dabei die gleiche Funktion wie zuvor das Affektspiegeln. Daneben erlebt das Kind seine Gedanken, als wären sie Realität: „Der Gedanke an ein Krokodil unter dem Bett hat eine ähnlich ängstigende Wirkung wie ein wirkliches Krokodil (...) Im Spiel werden Gedanken und Gefühle von der Wirklichkeit abgekoppelt und sind dann irreal, im Äquivalenzmodus sind sie überreal“ (vgl. Dornes 2006, 530). Das Kind hat Angst vor dem Krokodil unter dem Bett und weiss im selben Moment, dass es dort nicht vorhanden ist.
    Unter geglückten Entwicklungsbedingungen findet mit vier bis fünf Jahren eine Integration von Als-ob- und Äquivalenzmodus statt. Sie ermöglicht eine neue Qualität im Erleben der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt. Ab diesem Zeitpunkt kann man von einer ausgeprägten Fähigkeit zur Mentalisierung sprechen (vgl. Dornes 2006, 532).
    Zunächst erwartet das Kind, dass seine eigene innere Welt und die Innenwelt anderer Personen der äusseren Realität entsprechen, es weiss aber auch, dass sein inneres Erleben beim intensiven Spiel die äussere Realität nicht zwangsläufig widerspiegelt. Mit etwa vier Jahren beginnt es dann, diese beiden Modi zu integrieren und gelangt auf die Stufe der Mentalisierung (vgl. Fonagy, Target 2006, 370).
    Das Kind kann nun die vermuteten mentalen Zustände selbst wieder zum Gegenstand des (Nach-)Denkens machen (vgl. Dornes 2006, 521) und auch über den Wahrheitsgehalt seiner eigenen Phantasien und Ängste nachsinnen.
    Beim Aufbau der Mentalisierungsfunktion werden unterschiedliche Phasen durchlaufen. Sie reichen vom Affektspiegeln über das Mit-der-Realität-Spielen bis zum Nachdenken als einer intuitiven und habituellen Form des Umgangs mit den eigenen Gedanken und Gefühlen oder denen anderer (vgl. Dornes 2006, 523).

    Am Ende fassen Fonagy und Target ihre Mentalisierungsvorstellungen wie folgt zusammen:
    Wir konzeptualisieren die Fähigkeit der Eltern, sich gegenüber dem Kind spielerisch empathisch zu verhalten, als wahrscheinlich unabdingbare Voraussetzung dafür, dass ein Kind seine Projektionen so erleben kann, dass sie aufgefangen (contained) werden. Wenn Eltern für das Kind affektiv unerreichbar sind, verhindern sie, dass das Kind in den Eltern eine mentale Abbildung seiner eigenen inneren Welt etabliert, die es dann wiederum internalisieren könnte als Kristallisationspunkt eines eigenen Kern-Selbst“ (vgl. Fonagy, Target 2001a, 969).
    An anderer Stelle heisst es: „Wenn Mentalisierung und sichere Bindung das Ergebnis erfolgreichen Containments sind, dann könnte man eine unsichere Bindung als Identifizierung des Säuglings mit dem Abwehrverhalten der Mutter betrachten“ (vgl. Fonagy, Target 2006, 374).

    Wenn also ein Kind Angst davor hat, dass ein Krokodil unter seinem Bett liegt, es diese Angst der Mutter gegenüber äussert und diese wiederum ebenfalls mit Angst reagiert, weil sie mit heftigen Affekten ihres Kindes nicht umgehen kann, fühlt sich das Kind durch die Ansteckung seiner Mutter mit Angst in seinen Vorstellungen einer Gefahr bestätigt: Jetzt liegt also tatsächlich ein Krokodil unter dem Bett! Seine Gefühle und Gedanken haben demnach die Realität richtig vorausgesagt, und dieses Gefühl scheint offenbar mehr und schneller zu ‚wissen’ als die Mutter. Erhalten bleibt dann im impliziten Wissen bis ins Erwachsenenalter die Überzeugung, dass die Realität genauso ist, wie die eigenen Vorstellungen sie beschreiben.
    Im Falle gelungener Affektspiegelung reagiert die Mutter zwar auch erst, nachdem das Kind seine Angst zum Ausdruck gebracht hat, aber sie reagiert nicht mit eigener Angst, sondern mit Massnahmen, die ihm helfen sollen, seine Angst zu mildern und so die wahrgenommene Gefahr zu relativieren. Die Mutter signalisiert dem Kind, dass sie die Situation anders als es selbst eingeschützt hat und bei ihrer Einschätzung bleibt. So beginnt das Kind zu lernen, dass seine Wahrnehmung der Realität weder mit der Wahrnehmung anderer noch der Realität selbst übereinstimmen muss (vgl. Bielska-Content 2007, 763 f).

    "Gefördert wurde er möglicherweise auch durch die Sozialisationsbedingungen der heutigen 25- bis 35-jährigen. Denn wer nach der Entdeckung der Pille in den sechziger Jahren geboren wurde, war häufig ein Wunschkind und wurde nicht nur verwöhnt, sondern sollte auch grossartig sein. Das Kind wurde zum erweiterten Selbst der Eltern - wie die Psychoanalytiker es formulieren - und ist damit natürlich auch anfälliger für die narzisstische Thematik. Einerseits muss es grossartig sein, andererseits übersteigen die Erwartungen häufig seine Fähigkeiten. Weil es aber seine Eltern nicht enttäuschen will, bleibt oftmals nur die Lüge oder der Bluff." (............, S....)

    Literatur:
  • Perrig-Chiello, Pasqualina (2008). In der Lebensmitte - die Entdeckung des mittleren Lebensalters. Verlag Neue Zürcher Zeitung.
  • Faltermeier, ... Entwicklungspsychologie für das Erwachsenenalter


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    Narzissmus und Säuglingsforschung

    Unter Bezugnahme auf neuere Ergebnisse der Säuglingsforschung kommt Soref (1995) zu der Annahme, dass Bindung und Kompetenz entscheidende Voraussetzungen für eine gesunde seelische Entwicklung sind. Eine sichere Bindung, d.h. lieben und geliebt werden, ist Vorbedingung erfolgreichen Explorationsverhaltens (Bowlby 1989).
    Die Zuwendung eines anderen hervorrufen zu können, führt zur Erfahrung eigener Urheberschaft (Stern 1985). Die frühe Bindungsentwicklung erlaubt dabei Vorhersagen auf bestimmte Bindungstypen bis in die Adoleszenz (Grossmann u. Grossmann 1995) bzw. von der Elterngeneration über Vorhersagen aus der Schwangerschaft bis in die nächste Generation (Fonagy et al. 1991), während in anderen Bereichen der Entwicklung die Stabilität von Mustern geringer ist.

    Die klassischen Vorstellungen zum Narzissmus (Freud 1914; Fenichel 1945; Mahler et al. 1975) sind mit den Ergebnissen der modernen Säuglingsforschung (Dornes 1993, 1997) nicht mehr vereinbar. Die Betonung liegt weniger auf dem zu leistenden Verzicht auf primären Narzissmus und infantile Omnipotenz, als auf der Erleichterung der individuellen Entwicklung und Reifung, gestützt auf von Geburt an vorhandene Kompetenzen (z.B. kreuzmodale Wahrnehmung, angeborene Basisaffekte). Die vom Neugeborenen gemachten Erfahrungen geben dabei keineswegs Grund für die Annahme paradiesischer Zustände oder Omnipotenz.
    Wie Tronick und Cohn (1989) herausfanden, erleben Säuglinge in nicht unbedeutendem Ausmass negative Affekte.
    Auch treten koordinierte und affektabgestimmte Reaktionen mit primären Bezugspersonen noch nicht einmal halb so häufig auf als unkoordinierte und fehlabgestimmte Reaktionen (Gianino u. Tronick 1988); allerdings kommt es in insgesamt 50–70% der Interaktionen zur Nachregulierung fehlabgestimmter Reaktionen innerhalb von wenigen Sekunden.
    Die Bedeutung von Kompetenzerfahrungen ist bereits von Freud (1920) in seinem Konzept des Bemächtigungstriebs erfasst und von Hendrick (1942) und White (1959) ausgearbeitet worden. Weitere Ueberlegungen dazu finden sich bei Basch (1988).

    Sterns Konzeptualisierung des Kernselbst-Empfindens trägt frühen Kompetenzerfahrungen mit dem Begriff der Urheberschaft Rechnung, und die psychoanalytische Selbstpsychologie gibt der Wichtigkeit des Bewirkenkönnens durch Annahme des Selbstobjektbedürfnisses nach Effektanz Ausdruck (Wolf 1988).
    Auch die Haupt-Vertreter der interpersonalen Psychotherapie, Weiss und Sampson (1986), nehmen zentral auf Kompetenz (bzw. Bemeisterung, engl. mastery) Bezug. In der Säuglingsforschung werden entsprechende Experimente unter dem Begriff Kontingenz subsumiert. DeCasper und Carstens (1981) ermöglichten drei Tage alten Säuglingen, ein Tonband mit weiblichen Gesang durch Verlängerung ihrer Saugpausen an- bzw. auszuschalten.
    Während sie dies bei freudiger Erregung schnell erlernten, zeigten sie negative Affekte (Schreien) und grimassierten, wenn das Tonband nicht mehr ihrem Einfluss gehorchte und sich zufällig ein- und ausschaltete. Ähnliche Experimente wurden von Papousek und Papousek (1975) und Watson (1985) durchgeführt (s.a. Dornes 1993 sowie Stern 1985).

    Die entscheidende Bedeutung von Kompetenzerfahrung für die Entwicklung eines gesunden Narzissmus liegt in der Angemessenheit der zu bewältigenden Aufgabe, die möglichst in der proximalen Zone der gegenwärtigen Möglichkeiten des Säuglings liegen sollte (Wygotski 1934).
    Die wechselseitige Regulation von Säugling und Bezugsperson spielt dabei eine besondere Rolle. Es kommt darauf an, den Säugling nicht zu überfordern [Entwicklungshemmend ist natürlich die (in Wirklichkeit kaum verhinderbare) Vermeidung von Frustration und sofortiger Tröstung. Dies führt auch zur Enteignung des eigenen Affektes durch Verhinderung seiner Wahrnehmung (Lichtenberg 1990)], sondern ihm ggf. behilflich zu sein, damit aus einer affektiv negativ getönten Interaktion ein affektiv positives Erlebnis werden kann. Die Erfahrung der eigenen reparativen Kompetenz unter Zuhilfenahme des anderen stärkt das Selbstgefühl und beugt einer vorzeitigen Selbstregulation und narzisstischem Rückzug aus der Objektwelt vor. Diese Annahme wird auch durch Untersuchungen von Malatesta et al. (1989) sowie Beebe und Lachmann (1994) bestätigt.
    Die negativen Auswirkungen infantiler Ohnmachtserfahrungen werden besonders bei Kindern depressiver Mütter deutlich (Tronick et al. 1978). Diese Kinder geben schon im Alter von vier bis sechs Monaten das Bemühen auf, ihre Mütter emotional zu erreichen (im Vergleich zu Kindern nichtdepressiver Mütter). Die Folge ist eine mangelnde Erfahrung, etwas bewirken zu können und das fortbestehende Angewiesensein auf konkrete Regulationshilfen anderer.

    Die Bedeutung sicherer Bindungserfahrungen für die Entwicklung eines gesunden Narzissmus ist ebenfalls erheblich. Neugeborene bzw. Säuglinge sind ihrer Umwelt spontan zugeneigt und ihr Verhalten benötigt lediglich angemessene Responsivität, damit Selbstvertrauen über Anerkennung und Akzeptanz entstehen kann.
    Zuneigung und Interesse für andere entwickelt sich dann nicht, wenn die Umwelt kein Interesse und keine liebevollen Reaktionen zeigt. Der nachfolgende narzisstische Rückzug ist daher keine Regression auf primäre Zustände!

    Wie wir heute wissen, ist selbst der Fetus bereits höchst interessiert an seiner Umwelt und speichert Erinnerungen: z.B. Klang und Wortfolge der mütterlichen Stimme (Fifer und Moon, 1988; DeCasper und Spence, 1986). Auch Erinnerungen von Bewegungsschablonen und bestimmte Lagewahrnehmungen, z.B. bei Interaktion von Zwillingen intrauterin, kommen vor (Piontelli, 1996)]
    Das Interesse an der Bezugsperson und der ganzen Umwelt nimmt postpartal weiter zu. Field et al. (1982) haben bei 36 Stunden alten Neugeborenen bereits Imitationen des Gesichtsausdrucks Erwachsener festgestellt und in einer anderen Untersuchung (Field et al. 1984) herausgefunden, dass zwei Tage alte Neugeborene sich bevorzugt dem Gesicht der Mutter zuwenden. Vier Tage alte Neugeborene unterscheiden am Geruch die mütterliche Brust von der Brust anderer stillender Frauen (Mac-Farlane 1975).
    Auch können Neugeborene die mütterliche Stimme von anderen Frauenstimmen unterscheiden (DeCasper u. Fifer, 1980). Die Bedeutung der Reziprozität in der Mutter-Kind-Interaktion ist von Sander (1989) schon für die Entwicklung der sog. Grundregulation (Schlaf-Wach-Rhythmus, REM- und Non-REM-Schlafphasen, Distress, ruhige und aufmerksame Wachheit) nachgewiesen worden. Reziprozität spielt allerdings auch in vielen anderen Bereichen eine Rolle (z.B. Vokalisierung, s. Beebe und Stern 1977 und weitere Lit.), womit die Bedeutung der Reaktion des anderen für die Entwicklung unterstrichen wird.

    Trevarthen (1979) spricht wegen dieses frühen Interesses des Säuglings am anderen und seiner Neigung, die Interaktion mit ihm zu beeinflussen und abzustimmen von einer primären Intersubjektivität.
    Nach Bowlby (1989) ist Bindung biologisch begründet und gehört zur Grundausstattung jedes Menschen. Unter Bezug auf die oben genannten Theorien und empirischen Forschungsergebnisse haben narzisstische Störungen in besonderem Masse mit ungenügender Kompetenzerfahrung und fehlender liebevoller Anerkennung der eigenen Individualität zu tun: Die Bewunderung seines Spiegelbilds ist für Narziss unter diesen Voraussetzungen Folge nichterlebter Responsivität.
    Säuglinge reagieren hierauf mit Trauer und Rückzug (Tronick u. Gianino 1986), aktiver Vermeidung oder, im Alter von unter zwei Monaten, mit katatonieähnlichen Zuständen (Papousek u. Papousek 1975). Bekanntlich werden solche unangenehmen Affekte gerne verdrängt. Besonders gut gelingt dies mit einer narzisstischen Abwehr. Soref (1995) bringt zwei Beispiele für narzisstische Abwehrformen, die das oben Gesagte illustrieren.
    Zuerst geht sie auf die bekannte Neigung narzisstischer Patienten ein, perfekt und etwas besonderes sein zu wollen. Dies wird als Kompensationsversuch nicht gehabter und ersehnter Bewunderung und Anerkennung der eigenen Individualität gesehen und als Versuch, jene Bewunderung doch noch zu erhalten. Perfektes Verhalten steht im Zusammenhang mit ungenügenden frühen Kompetenzerfahrungen, deren schmerzliche affektive Komponente damit abgewehrt werden soll. Es entsteht zwangsläufig eine Spirale von Versagen und immer höheren Ansprüchen an die eigene Leistung, eine realistische Zielsetzung ist nicht mehr möglich. Tatsächliche Anerkennung wird nicht wahrgenommen, da die Wertschätzung für die eigene Person fehlt. Auf diese Weise wiederholt sich innerlich die frühe Ablehnung und Entwertung durch die primären Bezugspersonen.
    Ein weiteres Kennzeichen narzisstischer Abwehr ist die Selbstbezogenheit. Der Mangel an Interesse am Selbst des Säuglings kann beim narzisstisch gestörten Erwachsenen zum intensiven Bedürfnis nach eigener Wichtigkeit führen. Abwendung kann dann nicht toleriert werden und führt zu heftiger (narzisstischer) Wut. Dadurch bedingt ziehen sich andere zurück und die Selbstbezogenheit wird verstärkt.
    Nicht zu vergessen ist die bei fehlender oder ungenügender wechselseitiger Regulation auftretende vorzeitige Selbstregulation des Säuglings.
    Das fehlende Vertrauen in andere führt auch bei narzisstisch gestörten Erwachsenen dazu, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Das Angewiesensein auf andere wird deshalb verleugnet oder deren Hilfe für die Aufrechterhaltung des eigenen Selbstgefühls ruft höchstens Neid auf deren Fähigkeiten hervor. Aus bindungstheoretischer Sicht kann argumentiert werden, dass unsichere Bindung, die zu einer Vermeidung von Intimität führt, in besonderem Mass mit narzisstischer Vulnerabilität verknüpft ist (Pistole 1995). Ein unsicherer Bindungsstil (vermeidend oder ambivalent) kann insofern als Abwehr gesehen werden.



    Das Neugeborene begegnet in seiner Mutter einer es organisierenden Lebensgeschichte

    Nach Joseph D. Lichtenberg (1991) ist der Säugling ein Wesen, das auf der Basis von angeborenen und gelernten Mustern agiert und reagiert: Diese Muster sind perzeptiv-affektive Antworten auf intersubjektive Erfahrungen. Sie sind die erste Art von Handlungsantworten und Antworthandlungen, deren ein Mensch fähig ist. Sie funktionieren schon, bevor sich Selbst- und Objektrepräsentanzen gebildet haben und sind deren Grundlage. Mittels dieser genetischen Ausstattung kann ein Säugling vom ersten Lebenstag an mit seiner Umwelt in Interaktion treten. Sie sind keine Triebe, sondern kommen erst durch interaktionale Stimuli aus der Aussenwelt (Bezugspersonen) oder aus der Innenwelt (verinnerlichte Figuren aus der Erinnerung und der Fantasie) zustande.

    Durch den grossen Einfluss des Säuglingsforschers und Psychoanalytikers Daniel Stern (1992) hat sich das Konzept der Intersubjektivität in der frühen Kindheitsentwicklung weiter etabliert.
    Daniel Stern und KollegInnen berufen sich auf Donald Winnicott (1974), seinerseits Kinderarzt, Entwicklungspsychologe und Psychoanalytiker, der mit seiner Konzeption einer intersubjektiven Genese des Selbst den Boden dafür vorbereitet hat. Winnicott (1974) schreibt, dass „[d]ie Einheit nicht das Individuum [ist], die Einheit ist ein Gefüge aus Umwelt und Individuum. Der Schwerpunkt des Seins geht nicht vom Individuum aus, er liegt im Gesamtgefüge“ (S. 127). Damit hat Winnicott die Wichtigkeit einer intersubjektiven Perspektive vorweggenommen und eine vorläufige Hypothese aufgestellt, wie Intersubjektivität entwicklungsgeschichtlich erreicht wird. Dieser Kerngedanke, dass Subjektivität intersubjektiv verfasst ist – ohne sich freilich in Intersubjektivität aufzulösen – wurde von der Säuglings- und Bindungsforschung weiterentwickelt. Das Selbst ist demnach nicht monadisch konstruiert, sondern von Anfang an auf den Anderen bezogen.

    Laut Stern (1992) gibt es in der Entwicklung des Selbst eine Phase der intersubjektiven Bezogenheit, in der das Kind lernt, subjektive (vor allem emotionale) Erfahrungen mit anderen zu teilen. Dieser „Quantensprung in der Entwicklung des Selbstempfindens“ (Stern 1992, S. 179) findet dann statt, wenn der Säugling zwischen dem siebten und neunten Lebensmonat entdeckt, dass er ein Seelenleben besitzt und dies auch auf andere Personen zutrifft. Dieses gemeinsame subjektive Erleben wird durch Intersubjektivität möglich. „Eine – wie auch immer beschaffene – Verbindung subjektiver psychischer Erfahrungen“, so Stern (1992) „ist paradoxerweise vor dem Einsetzen der Intersubjektivität nicht denkbar“ (S. 183).
    In dieser entwicklungspsychologischen Konzeption bezeichnet Intersubjektivität das gemeinsame Erleben psychischer Zustände, wie es Dornes (2002) in seiner Definition von Intersubjektivität zusammenfasst:

    „Ich verstehe darunter die Beziehung zweier Subjekte, in der die Subjektivität beider, also ihr Denken, Fühlen und/oder ihre nicht-instinkthaften expressiven Aeusserungen Gegenstand wechselseitiger Reaktionen oder Antworten sind.“ (S. 304) - zit. nach: Jens Tiedemann (2007). Die intersubjektive Natur der Scham, S. 107

    Daniel Stern: Ergebnisse der modernen Säuglingsforschung

    Daniel Stern gehört zu den kreativsten psychoanalytischen und empirischen Entwicklungsforschern.
    Sein erstes Buch: „Die Lebenserfahrungen eines Säuglings“ (1985) wurde begeistert aufgenommen, zum Anlass heftigster Kontroversen und in viele Sprachen übersetzt. Er formuliert darin eine neue psychoanalytische Entwicklungstheorie des Selbst, die sich vor allem auf Direktbeobachtungen von Säuglingen und ihren Interaktionen mit ihren ersten Bezugspersonen und in weit weniger ausgeprägtem Masse auf seine klinischen Beobachtungen als Psychoanalytiker von Kindern und Erwachsenen stützt. Sie basiert daher auf empirischen und nicht nur klinisch-psychoanalytischen Daten. Zudem orientiert sie sich nicht an pathologischen, sondern an der normalen Entwicklung gesunder Säuglinge und Kleinkinder.
    Im Zentrum seiner Studien steht die Entwicklung des Selbst und die damit verbundene sukzessive Reorganisation subjektiver Sichtweisen des Selbst und des Anderen. Dabei folgt er der alten psychoanalytischen Tradition, dass er immer von biologischen Reifungsprozessen einerseits und der Beziehungserfahrung, also der sozialen Umgebung, andererseits ausgeht. Das Selbst ermöglicht eine Erfahrung der zeitlichen Kontinuität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Selbst scheint aus inneren Quellen zu strömen, ist aber immer auch abhängig von den Bestätigungen anderer, die das Selbstgefühl unterstützen, aber auch stören können. Stern begreift daher das Selbst nicht als statische Struktur, sondern plädiert für ein prozessuales Verständnis des Selbst:
    „Die Struktur, das Immergleiche zeigt sich nur in der Bewegung, der Veränderung, und das prozessuale Selbst ist nur in bezug auf eine Struktur erkennbar“ (Ludwig-Körner, 1992)

    Die Entwicklung des Selbst beginnt vom ersten Tag an und ist nie abgeschlossen. Stern definiert vier (später fünf) Stufen des Selbsterlebens, die immer mit einer charakteristischen Form der Bezogenheit zum Objekt verbunden sind.
    Dabei ist wichtig, dass diese verschiedenen Stufen des Selbsterlebens zwar in einem bestimmten Alter erworben werden und dann eine gewisse Priorität aufweisen. Sie werden aber nicht in dem Sinne überwunden werden, als sie den späteren Formen des Selbsterlebens weichen: sie bleiben als charakteristische Modalitäten des Selbsterlebens ein Lebenlang nebeneinander bestehen.

    Selbst- und Beziehungsentwicklung
    Nach D. Stern (1991, 1992) wird die kindliche Entwicklung in den ersten beiden Jahren - also auch schon in der präverbalen Zeit - durch vier aufeinanderfolgende Selbstempfindungen oder -gefühle ("senses of self") als primäre organisierende und strukturierende Prinzipien gesteuert. Unter dieser Perspektive lassen sich mehrere Zeitabschnitte beschreiben, in denen sich auch besondere Formen intersubjektiver Bezogenheit ("domains of relatedness") herausbilden. Die Entwicklung, die also den "anderen" stets einbezieht, verläuft zwar in einer bestimmten reifungsbedingten Abfolge und die einzelnen Abschnitte bauen aufeinander auf, aber die Selbst- und Beziehungsaspekte jeder einzelnen Phase bleiben in den weiteren Verwicklungen des gesamten Lebens - als steuernde und erlebbare Prinzipien - erhalten und wirksam (Bohleber 1989; Johnen 1990, 1991a, 1991b; Johnen und Cluss 1991; Köhler 1990; Schüssler und Bertl-Schüssler 1992a). Die im folgenden vor allem nach Stern zusammengefassten Erkenntnisse der Säuglingsforschung, die durch einige Ueberlegungen Sanders (1975) ergänzt werden, haben einen engen Bezug zur Ich-, Selbst- und Objektbeziehungspsychologie der Psychoanalyse.

    "Welt der Gefühle"
    In der Zeit von der Geburt bis zum dritten Monatkann von einem auftauchenden oder entstehenden Selbst ("sense of an emergent self" mit "domain of emergent relatedness") gesprochen werden. Die Grenzen zur Umwelt, zwischen innen und aussen, sind dabei noch unscharf. Das Leben setzt sich aus einzelnen Augenblicken zusammen, und die Gerichtetheit der Zeit wird noch nicht erfahren. Das Erleben findet in einzehnen Episoden statt und noch nicht vor dem Hintergrund eines zusammenhängenden Zeitflusses. Personen oder Gegenstände werden v.a. über die von ihnen hervorgerufenen unterschiedlichen Gefühle erlebt. Als erfahrbarer Raum gilt dem Säugling der Bereich, den er mit den Armen durchmessen kann. Dieser durch die motorischen Möglichkeiten definerte „Erlebnisraum" ist übrigens ein wesentlicher Aspekt der Konzentrativen Bewegungstherapie (Becker 1981; Müller-Braunschweig 1990a). In diesem Zeitabschnitt stehen folgende angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten des Säuglings, die sich zum grossen Teil aus den genannten Motivationssystemen ableiten lassen, bereits zur Verfügung:

    1. Es findet sich ein Nebeneinander mehrerer abgestufter Bewusstseinszustände ("states"), die unterschiedlichen physiologischen Aktivitätsabstufungen entsprechen und die Basis der verschiedenen Bedürfnisse bilden (Lichtenberg 1991a; Wolff 1966). So können Schreien, aufmerksame Wachheit, ruhige Wachheit, REM-Schlaf und Nicht-REM-Schlaf unterschieden werden. Beim Neugeborenen stellen zwar Schlafen und Stillen von Durst und Hunger wichtige Bedürfnisbefriedigungen dar, für das Erkunden der Umwelt und die Kontaktaufnahme zu den Pflegepersonen ist aber der Zustand der aufmerksamen Wachheit von entscheidender Bedeutung.

    2. Von Geburt an besteht eine Tendenz zur aktiven Erkundung der Umwelt, ein Bedürfnis nach Reizaufnahme im Wachzustand mit bestimmten taktilen, visuellen, akustischen, gustatorischen, olfaktorischen, aber auch geometrischen Präferenzen (Stork 1986). Dies betrifft etwa bestimmte Geschmacksrichtungen oder vertraute Töne, v.a. aber Gesicht, Stimme und Geruch der Pflegeperson. Die Kontingenz von eigener Aktivität und Folgen in der Umwelt, auf deren Bedeutung schon Bettelheim (1983) hingewiesen hat, ist ein wichtiger Motivationsfaktor zur Anregumg sensomotorischer Systeme. Mit Recht wird diese Aktivität des Säuglings als eine "rudimentäre Form von Intentionalität" (Stork 1986, S. 14) bezeichnet. Beim Einstellen auf neue Reize spielen die Uebereinstimmung mit anderen Ereignissen (Bekanntheitsgrad) und der Zusammenhang von Ursache und Wirkung von Abläufen (Kausalität) eine grosse Rolle. Neben der Stimulationssuche besteht ebenfalls schon früh die Möglichkeit zur Regulation der Reizaufnahme und damit des Erregungsniveaus durch Abschirmung (Mikrovermeidungsmöglichkeiten), z.B. durch (Blick-)Abwendung, Wegstossen, Ins-Leere-Schauen oder Schreien (Brazelton und Cramer 1991; Brazelton et al. 1974). Bei der Regulation der Reizaufnahme spielt die Haut auch als Organ der Be- und Abgrenzung wahrscheinlich eine besonders wichtige Rolle. Dies wird nicht nur durch die Bedeutung der mütterlichen taktilen Kontaktaufnahme unmittelbar nach der Geburt nahegelegt, sondern auch durch das Verständnis einiger Hauterkrankungen als "frühe Störungen" und das bereits erwähnte "therapeutische Anfassen".

    3. Nach Stern werden die angeborenen kategorialen Affekte von den Vitalitätsaffekten unterschieden. Als kategorial werden die reinen, durch bestimmte quantitative Reizmuster ausgelösten Affekte wie z.B. Ueberraschung, Traurigkeit oder Freude bezeichnet (Eibl-Eibesfeldt 1984; Krause 1983; Tomkins 1981). Bei den Vitalitätsaffekten handelt es sich um dynamisch-kinetische Handlungserfahrungen, die im Alter von 2 1/2 Monaten in den beiden Dimensionen Aktivierungsgrad und hedonische Tönung (d.h. Grad des Lust-Unlust-Charakters) fassbar sind. Als dritte Dimension kommt mit ca 4 1/2 Monaten - also erst im nächsten Abschnitt der Selbstentwicklung - die Möglichkeit zur Differenzierung nach der (internalen oder externalen) Herkunft des Auslösers hinzu. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass körperbezogene Therapieverfahren gewöhnlich zwar am Körpererleben und an Sinneswahrnehmungen ansetzen, dass sie aber durchaus auch mit dem Auftreten und Erleben von Affekten zu tun haben und diese verändern können. So sind bestimmte Körperwahrnehmungen mit den Affekten gekoppelt, die in der frühen Interaktion bedeutsam waren. Auch kann die Entdeckung der eigenen Körperwelt Affekte wie Freude und Ueberraschung, aber auch Trauer und Wut auslösen.
    4. Primitive, aber differenzierte Wahrnehmungen in allen Sinnesmodalitäten sind von Geburt an möglich, wobei von allen Wahrnehmungsdimensionen zunächst der Intensität besondere Bedeutung zukommt. Im Alter von etwa 3 Wochen lässt sich eine transmodale Wahrnehmungsweise und -integration, also eine intersensorische Koordination (Schüssler und Bertl-Schüssler 1992a) belegen. Die durch die fünf Sinne wahrgenommenen Qualitäten können - mittels abstrakter Enkodierungen von Intensität, Zeitablauf, Rhythmus und Gestalt - ineinander übersetzt werden. So wird beispielsweise ein im Mund getasteter Schnuller von einem wenige Tage alten Säugling im Vergleich mit anders geformten Schnullern allein beim Anschauen "wiedererkannt". Oder es tritt eine Schreckreaktion auf, wenn das Kleinkind beim Anblick der Mutter eine andere Stimme hört. Durch diese transmodale Wahrnehmung wird die Entwicklung eines Gefühls für Uebereinstimmung (Stimmigkeit) und Zusammengehörigkeit, aber natürlich auch von Unterschiedlichkeit und Abgegrenztheit gefördert. Episoden und Objekte werden global erfasst, was der von Spitz (1989) beschriebenen "koenästhetischen Wahrnehmungsweise" entspricht. Die Wahrnehmungs- und Erfahrungseinheiten werden noch nicht in einzelne Elemente (Selbst, Objekt, Emotion und Kognition) differenziert.
    Wie andere körperbezogene Therapieverfahren zielt auch die FE [Funktionelle Entspannung] auf das Erreichen dieser frühen Erfahrungseinheiten (Johnen 1991a). Zusammen mit dem Spuren des eigenen Körpers schaffen diese Erlebenseinheiten eine Verbindung zwischen Körpererleben, Emotion und Beziehung.
    5. Auch einfache kognitive Funktionen sind bereits nach der Geburt vorhanden. Als frühe Lernformen können konditioniertes Lernen, Gewöhnung und Nachahmung genannt werden. So kann etwa die Mimik Erwachsener bereits im Alter von 3 bis 10 Tagen imitiert werden. Hierbei wird angenommen, dass der Säugling propriozeptiv das spürt, was er bei der Pflegeperson sieht und nachahmt. In den ersten Lebensmonaten steht handlungsorientiertes Lernen im Vordergrund, im Verlauf des 2. Lebensjahres wird über die innere Abbildungsfähigkeit von Sinneseindrücken schliesslich symbolische Repräsentation möglich. Was nun die auftauchende, die beginnende Beziehungsform angeht, bilden sich in den ersten 3 bis 4 Wochen wesentliche Elemente von Austausch, Abfolge und Ordnung innerhalb der Mutter-Kind-Dyade aus. Es entsteht eine erste Syntax der Konversation im Mutter-Kind-System (Sander 1975, 1983). Dabei handelt es sich um einen Dialog mittels non- und averbaler Kommunikationsweisen. Das Zusammenspiel, das Ineinandergreifen der Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Mutter und Kind wird als „fit" oder "match" bezeichnet.
    "Wie von ungefähr will man das gleiche"(Stork 1986). Die Mutter steht dabei v.a. immer wieder vor der Aufgabe, Bedürfnisse und Verhalten des Kindes zu deuten und zu beantworten. Die Mutter erlebt Freude und Erfolgsgefühle beim Deuten und Befriedigen der kindlichen Bedürfnisse, der Säugling erlebt Wohlsein durch mütterliche Hilfe und Pflege. Störungen dieser frühen Interaktionen können zu schweren Beeinträchtigungen führen (Müller-Braunschweig 1990b). Sander (1975) hat die ersten drei Monate der Mutter-Kind-lnteraktion als "initiales Einspielen" bezeichnet. Die in diesem Abschnitt entstehende Basis für Zusammenspiel und zwischenmenschliches Vertrauen wird von der FE in der Weise berührt, als ein Gefühl von Stimmigkeit („fit" bzw. "match“) entstehen kann, wenn Körpererleben und Benennung in der therapeutischen Situation übereinstimmen (Johnen 1991b).

    Neben der direkten Kommunikation zwischen Mutter und Kind kommt dem "Spielraum" (Winnicott 1958), dem "privaten Raum in der Zeit" (Sander 1983) eine besondere Bedeutung zu. Das Kind ist in Gegenwart einer anderen Person allein. Es befindet sich in einem Gleichgewichtszustand ohne innere oder äussere Anforderungen und kann seine ersten eigenen Initiativen entwickeln. Hier befinden wir uns bereits im Uebergangsbereich zum Kern-Selbst. Auch in der FE wird der Patient immer wieder ermutigt, in Gegenwart des Therapeuten, aber ohne dessen unmittelbares Eingreifen, das Eigenerleben seines Körpers im spielerischen Tun zu fördern.
    Die Aufgabe dieser ersten Phase der Selbstentwicklung ist das Herstellen von Uebereinstimmung und Zusammengehörigkeit bei sich selbst, v.a. was den eigenen Körper angeht, und mit der Umwelt, v.a. im Hinblick auf die Mutter. Damit werden die Grundlagen für Sicherheit und Vertrauen gelegt.

    "Welt der Kontakte"
    Zwischen dem 3. und 7. Lebensmonat entsteht das Kern-Selbst ("sense of a core self" mit "domain of core relatedness"), das vier Bereiche umfasst, die allmählich eine Struktur bekannter und verlässlicher Erfahrungen bilden: Der "sense of agency" (Selbsttätigkeit) meint die Erfahrung von Urheberschaft und Aktivität, der "sense of affectivity" (Selbstaffektivität) das Erleben eigener Affekte und erwarteter Verhaltensweisen des "Anderen", der "sense of coherence" (Selbstkohärenz) bezeichnet das Erleben von physischer Ganzheit und der "sense of continuity" (oder "self-history", Selbstgeschichte) schliesslich die Erfahrung von Identität über die Zeit mit eigener Geschichte. An diesen Aspekten des Kern-Selbst lässt sich die Vorgehensweise der FE besonders gut veranschaulichen. Den "sense of agency" etwa erfuhr eine Patientin mit psychosomatischen Störungen erstmals in einer Therapiestunde, als sie spürte, dass sie mit ihrem sich beim Einatmen entfaltenden Rücken die Hand der Therapeutin wegdrücken konnte. Dieses Erlebnis löste bei ihr heftige emotionale Erschütterungen aus (Mitteilung von T. Woelk, zit. n. Müller-Braunschweig 1992b). Weiter wird der "sense of coherence " dadurch angesprochen, dass die Arbeit an einem Teil des Körpers Veränderungen in anderen Körperteilen zur Folge hat, und der "sense of continuity" durch wiederholte Erfahrungen, die über die Zeit hinweg - etwa während einer längeren Behandlung mit der FE, aber natürlich auch bei anderen Formen der Psychotherapie - gemacht werden.

    Von grosser Bedeutung sind in dieser Zeit erste Gedächtnisinhalte. Wahrnehmung, Speicherung und Erinnerung von Ereignissen erfolgen beim Kleinkind zunächst ganzheitlich. Sein Gedächtnis ist episodisch organisiert und enthält v.a. solche Wahrnehmungen, Stimmungen und Affekte, die in der Interaktion mit der Mutter von Bedeutung sind. Stern spricht von "sensomotorisch-affektiven Erfahrungseinheiten" (1979), Lichtenberg von "affektiven Handlungs-Reaktionsmustern" (1991a). Allmählich entstehen aus den Einzelepisoden ähnlicher Abläufe generalisierte Episoden, die die Struktur des Ablaufes von Ereignissen abbilden und die der im 2. Lebensjahr entstehenden symbolischen Repräsentation vorausgehen.
    In dieser Zeit bilden sich verschiedene Rhythmen zwischen Mutter und Kind heraus, die von der Situation des Anblickens und Angeblicktwerdens - vermutlich im Anschluss an das Stillen - ihren Ausgang nehmen. Es kommt zu einem "Spiel", bei dem es darum geht, dass sich die Blicke von Mutter und Kind in einem überwiegend vom Kind bestimmten Rhythmus treffen. Das Verständnis dieser sich in Sekundenbruchteilen abspielenden Interaktionen war überhaupt erst mit den modernen Aufzeichnungs- und Analysemethoden möglich.
    Die grosse Bedeutung, die physiologische und interaktionale Rhythmen bereits im Entwicklungsprozess der frühen Säuglingszeit haben, wird von der FE dadurch aufgenommen, dass sie Spüren und Verändern des Körpererlebens an den basalen, unwillkürliches und willkürliches Tun verbindenden Atemrhythmus koppelt (Fuchs 1989).

    Folgende Interaktionsformen bzw. -rhythmen können bereits als Aspekte der Kernbezogenheit unterschieden werden:
    1. Bei den alternierenden Episoden (Beebe 1985) erfolgt die Interaktion im Wechsel, also diachron. Die Zyklen des Rhythmus sind genau aufeinander abgestimmt, Stern spricht von "dyadischen Reiz-Reaktions-Prozessen" (1979) bzw. von "Reziprozität" (1991). Bei dieser Interaktionsform handelt es sich um einen "Vorläufer des Erwachsenendialoges" (Köhler 1990). Als Beispiel sei der Wechsel von Zu- und Abwenden genannt.
    2. Die koaktiven Episoden (Beebe 1985) sind durch synchrone Interaktionen charakterisiert. Dabei handelt es sich nicht nur um zeitliche Simultanität, sondem auch um Uebereinstimmung im Hinblick auf Inhalt und Intensität der beteiligten Affekte. Stern (1979) spricht von einer "programmierten dyadischen Verhaltenssequenz". Dieses Zusammenspiel, das zu stark affektiv besetzten Bindungen führt, ist für die Entwicklung der Intimität von grosser Bedeutung. Gemeinsames Lachen kann hier beispielhaft angeführt werden.
    3. Als weitere Form sozialer Handlungen ist der "Spielraum" (nach Winnicott und Sander) bereits genannt worden.

    Sander (1975) nennt die Zeit vom 4. bis zum 6. Monat die des affektiven und psychosozialen "reziproken Austausches". Er betont, dass die immer wiederkehrenden Handlungsabläufe von Pflege, Ernährung und Spiel für die ersten motorisch-koordinativen Bewegungsabläufe und die kognitiven Funktionen des Kindes von grosser Bedeutung sind und darüber hinaus zu einer beglückenden Gegenseitigkeit führen. Hier sei auf die Bedeutung von sich regelmässig wiederholenden Handlungsabläufen in der verbalen Psychotherapie (Regelmässigkeit der Stunden, Therapieunterbrechungen als Krisenzeiten), aber auch in körperbezogenen Verfahren hingewiesen. In diesem zweiten Entwicklungsabschnitt sind das Einüben von sozialem Austausch, das Erleben von Bindung und Intimität wesentlich.

    "Welt der Gedanken"
    Zwischen dem 7. und dem 18. Monat entstehen das subjektive Selbst ("sense of a subjective self") und die subjektive Bezogenheit ("domain of intersubjective relatedness") Etwa ab dem 7. Monat ist das Kind zum Erleben mentaler Zustände (Gefühle, Motive, Intentionen) fähig. Es merkt, dass es hinter dem (äusseren) Verhalten ein (inneres) Erleben, "seine eigene private Gedankenwelt" (Stern 1991) gibt. Dazu trägt die sogenannte Affektabstimmung ("affect attunement") wesentlich bei, bei der die Mutter die beim Kind wahrgenommenen Gefühlszustände in einer anderen Weise, nämlich in einer anderen Sinnesmodalität widerspiegelt und damit sein Erleben bestärkt. Dieser Vorgang setzt bei beiden Interaktionspartnern die bereits erwähnte transmodale Wahrnehmung voraus. An die Stelle der Imitation des Kindes durch die Mutter tritt "ein Eingehen und Sicheinstellen der Mutter auf das, was im Inneren des Kindes vor sich geht" (Köhler 1986, S. 87) oder - präziser formuliert - auf die in seinem Verhalten zum Ausdruck kommenden Vitalitätsaffekte. Dadurch wird auch das Erleben und Wiedergeben der mentalen Zustände des anderen, das Teilen gemeinsamer und das Erleben unterschiedlicher Erfahrungen auf präverbaler Ebene möglich. Mit der affektiven Einstimmung beginnt nicht nur die Bedeutungsvermittlung, die beim späteren Erwerb von Symbolisierungsfähigkeit und Sprache fortgesetzt wird, sondern es werden auch die Kommunikationsfähigkeit und die Intersubjektivität weiterentwickelt. Für die Intersubjektivität sind neben den genannten gemeinsamen Affektzuständen v.a. gemeinsame Intentionen und die gemeinsame Aufmerksamkeit von Bedeutung.

    Etwa mit dem 8. Lebensmonat, in der Zeit also, in der das Kleinkind sich durch die beginnenden Fortbewegungsmöglichkeiten auch in Gefahr bringen kann, tritt das Erleben von Furcht erstmals auf. Damit einhergehend erhalten die Affekte, die zuvor ausschliesslich der Aktivierung der Pflegepersonen dienten, auch eine direkte Bedeutung für das Kind selbst. Neben die kommunikativ-soziale Funktion nach aussen tritt die Signalfunktion nach innen (Köhler 1986). Zur "Welt der Gedanken" gehören auch die beginnende kognitive Funktion des Ueberprüfens von Hypothesen und Erwartungen sowie die Vorgänge des Spezifizierens bzw. Generalisierens. Für den Zeitraum der Entwicklung von subjektivem Selbst und intersubjektiver Beziehung stellt Sander (1975) drei Aspekte heraus. Zunächst verweist er für die Zeit des 7. bis 9. Monats auf "erste Initiativen", die der Säugling innerhalb des mütterlichen Sicherheits- und Umsorgungssystems ergreift. Diese Eigeninitiativen begleitet die Mutter mit ermutigender Unterstützung oder Einspruch. Zwischen dem 10. und 13. Monat ist die "Verfügbarkeit der Mutter", deren Manipulierbarkeit und Grenzen das Kleinkind gleichzeitig austestet, von grosser Bedeutung. Erfahrungen und - v.a. soziales - Lernen werden von den mütterlichen Reaktionsweisen geformt. Die anschliessende Zeit bis etwa zum 20. Monat nennt Sander die "Phase der Selbstdurchsetzung". Das Kind entdeckt eigene Handlungsmotivationen, die z.T. in Konflikt mit den mütterlichen Motiven geraten. Ein Ueberwiegen der Eigenmotivation fördert jeweils die Entwicklung der kindlichen Autonomie. In diesem Zeitabschnitt entfalten sich also v.a. Grundlagen der Intersubjektivität und die Fähigkeit zur Empathie.

    "Welt der Wörter"
    In der Zeit ab dem 15 Monat bildet sich das verbale Selbst ("sense of a verbal self" mit "domain of verbal relatedness"). Im einzelnen entstehen v.a. die Fähigkeiten zu Selbstreflexion und symbolischer Repräsentation sowie - im engen Zusammenhang damit - zum Produzieren und Begreifen von Sprache. Mit dem Spracherwerb entstehen neue Möglichkeiten der Verständigung. Sander (1975) spricht von "shared awareness", Stern (1992) vom "Teilen von Bedeutungen". Mit der Herausbildung von Symbolisierung und Sprache entsteht zunächst zum episodischen das semantische Gedächtnis (Tulving 1983). Dieses ist nach Begriffen und Symbolen, nach Regeln und Klassen geordnet. Es enthält nicht Einzelerlebnisse, sondern Verallgemeinerungen, also Wissen und nicht nur Erinnerungsspuren. Seine Struktur ist verbal und symbolisch und nicht – wie die des episodischen Gedächtnisses – präverbal und sensorisch.
    Die Entstehung der Symbolisierungs- und Sprachfähigkeit, die Ausbildung der "semiotischen Funktion" (Piaget und Inhelder 1991), markiert einen durchaus zwiespältigen Entwicklungsschritt, da das frühere ganzheitliche Erleben von dieser Zeit an dual kodiert wird bzw. zwei Bereichen angehört, dem vorsprachlich erfahrbaren und dem symbolisier- und verbalisierbaren (Schmoll und Haltenhoff 1993). Stern spricht von "parallelen Wirklichkeiten". Vermutlich können nicht alle Erfahrungen auch symbolisch repräsentiert werden, was wohl besonders für die Gefühlszustände und die interpersonellen Erfahrungen zutrifft. Nach Lichtenberg (1991a) zerfällt das kindliche Selbst in ein "erlebendes" und ein "begriffliches Selbst", was an die Gegenüberstellung Freuds (1915) von den "Sach-" und "Wort-vorstellungen" erinnert (vgl. Loewald 1986). Kleinkinder bewegen sich über einen längeren Zeitraum zwischen diesen beiden – präverbalen bzw. verbalen – Formen des Selbsterlebens und der Bezogenheit hin und her, Stern (1992) spricht von einer "Krise des Selbstverständnisses". Die ursprünglichen Erfahrungseinheiten werden nicht mehr global, sondern zunehmend distinkt in ihren einzelnen Kategorien Wahrnehmung, Kognition und Handlung erlebt. Insgesamt ergibt sich durch Reflexion und Symbolisierung für das Kleinkind eine neue Struktur der Wirklichkeit, wozu auch das Erleben der Zeit und ihrer Gerichtetheit gehört.
    In der Terminologie des Situationskreiskonzeptes beginnt in dieser Zeit die Entstehung einer je "individuellen Wirklichkeit" (v.Uexküll und Wesiack 1988).

    An der Reaktion des Kindes auf sein Spiegelbild lässt sich die Entwicklung der Symbolisierungsfähigkeit am Beispiel der Selbstrepräsentation gut verfolgen (Lichtenberg 1991a). Gegen Ende des ersten Lebensjahres ruft das Spiegelbild – wie andere neue Erfahrungen auch – zunächst ein durch Freude und Interesse charakterisiertes Verhalten hervor. Eine im Gesicht des Kindes angebrachte Markierung führt ebensowenig zu einer besonderen Reaktion wie ein verzerrtes Spiegelbild. Zu Beginn des zweiten Jahres ist das Verhalten angesichts des eigenen Spiegelbildes durch Ernst und geringere Aktivität gekennzeichnet. Eine verzerrte Wiedergabe wird bemerkt, und ein Farbklecks auf Stirn oder Nase wird auf dem Spiegel, nicht aber im eigenen Gesicht berührt. Im Alter von 15 – 22 Monaten schliesslich berührt das Kleinkind den Farbfleck in seinem Gesicht.
    An diesen Verhaltensänderungen lässt sich ablesen, dass das Spiegelbild zunächst als Auslöser einer handlungsbezogenen Reaktion aufgefasst wird. Erst nach einem Uebergangsstadium, in dem das Bild zu einem Anschauungsobjekt "da draussen" geworden ist, an dem nun auch Veränderungen festgestellt werden, kann es als Spiegelung des Selbst wahrgenommen werden. In ähnlicher Weise dürfte auch der Aufbau der anderen Selbstrepräsentanzen sowie der Objektrepräsentanzen ablaufen. Dieser Prozess führt im Verlauf der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres allmählich zu einer Konstituierung des "ganzheitlichen Selbst" (Lichtenberg) und zu einer sicheren Differenzierung zwischen dem Selbst und der "Welt der Objekte" (E. Jacobson 1973).

    Zusammengefasst sind die Möglichkeiten zur Symbolisierung und zur sprachlichen Verständigung die Hauptcharakteristika dieses vierten Lebensabschnittes.
    (z.T. zitiert aus: Thure von Uexküll et al. 1997, S. 127 – 133.

    5. Stadium des selbstreflexiven Selbst (in der Adoleszenz)
    Oft wird auch unter Fachleuten zu wenig berücksichtigt, dass sich die Fähigkeit zur abstrakten Selbstreflexion erst dank der kognitiven Entwicklung in der Adoleszenz herausbildet. Erst in diesem Alter wird der Jugendliche fähig, abstrakt über sich selbst nachzudenken und eine Metaperspektive sich selbst und seinen eigenen Werten und Idealen gegenüber zu gewinnen.

    Erwähnenswert ist, dass Damasio (1999/2000) – aus neurowissenschaftlicher Sicht – drei Formen des Selbst und zwei Formen des Bewusstseins beschreibt, die grosse Aehnlichkeiten mit Sterns Entwicklungsphasen aufweisen:
    (1) Das Proto- Selbst wird in Verbindung mir tieferen Hirnstrukturen in Verbindung gebracht, die fortlaufend den physischen Zustand des Organismus in seinen vielen Dimensionen abbildet. Er spricht auch von den „neuronalen Karten erster Ordnung“.

    (2) „Neuronale Karten zweiter Ordnung“ repräsentieren die Geschichte der Veränderungen, die durch die Interaktion des Organismus mit einem Objekt im ursprünglichen Proto-Selbst hervorgebracht haben (Damasio, S. 214 ff.) (entspricht dem Kern-Selbst nach Stern). Diesen Karten zweiter Ordnung liegen andere Hirnschaltkreise zugrunde.
    Durch die Interaktion des „Proto-Selbst“ mit einem Objekt entsteht ein Zustand der erhöhten Aufmerksamkeit, aus dem, so Damasio, schliesslich das Bewusstsein hervorgeht.

    (3) „Neuronale Karten dritter Ordnung“ ermöglichen ein erweitertes Bewusstsein im Zusammenhang mit der neuronalen Repräsentation der Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit im „Kern-Selbst“ vollziehen (vgl. subjektives Selbst nach Stern).



    Bindungsforschung: von Bowlby/Ainsworth bis zu Fonagy/Target

    Als zweites Standbein der relationalen Sichtweise der Entwicklungspsychologie muss nebst der Säuglingsforschung die Bindungsforschung und -theorie angesehen werden. Erst beide zusammen führten in den Nuller Jahren des 21. Jahrhunderts zu den Mentalisierungsbasierten einerseits (Schwerpunkt Bindungstheorie und Theory of Mind) und den Relational/Intersubjektiven (Schwerpunkt Säuglingsforschung) Praxis-Konzepten andererseits:
    Das universelle menschliche Bedürfnis nach emotionaler Bindung und Zusammengehörigkeit wird sicher nicht nur von Bowlby (1969, 1973), dem Begründer der Bindungstheorie, sondern auch von anderen Therapeuten berücksichtigt.
    Lange Zeit wurde dieses Bedürfnis im Gefolge Freuds als eine gehemmte oder sublimierte sexuelle Triebregung betrachtet. Das Verdienst Bowlbys ist, dass er die schon beim Säugling beobachtbare starke Bedürftigkeit nach einer solchen Bindung als ein primär vorgegebenes Muster, mit der Funktion der Herstellung von Nähe, erkannt hat. Gerade in Gefahrensituationen wird dieses Muster aktiviert oder wenn das Kind spürt, dass die Erreichbarkeit einer Bindungsperson nicht gesichert ist. Unter diesen Umständen werden viele andere Verhaltensmuster zurückgedrängt und es wird alles darauf ausgerichtet, Nähe wiederherzustellen bzw. aufrechtzuerhalten. Dagegen wird dieses Muster deaktiviert, sofern ein Zustand von Sicherheit erreicht worden ist. Das Kind wendet sich anderen Aktivitäten zu.
    Die theoretischen Annahmen der Bindungstheorie konnten insbesondere durch die Arbeiten der Schülerin von Bowlby, Mary Ainsworth, empirisch zum Teil bestätigt werden. Mit Hilfe einer experimentell eingesetzten speziellen Situation, der »fremden Situation« (die Mutter ist abwesend und kommt nach einer Zeit zurück in den Raum), konnte sie das Verhalten von 11 bis 20 Monate alten Kindern untersuchen. Aufgrund solcher Beobachtungen unterschieden Ainsworth (Ainsworth u.a., 1978) und andere Autoren drei Klassen von Bindungsqualitäten bei Kleinkindern (Strauss 2000 S.98ff.):

    a) Kinder mit sicher gebundenem Verhaltensmuster sind in der fremden Situation beunruhigt, also so lange die Mutter von ihnen getrennt ist; aber nach der Rückkehr der Mutter wenden sie sich ihr unmittelbar zu.
    b) Kinder mit unsicher-vermeidend gebundenem Verhaltensmuster bieten zwar keine offenen Zeichen von Beunruhigung w ährend der Trennung von der Mutter, dafür aber eine Vermeidung von Nähe und Kontakt, nachdem die Mutter zurückgekommen ist.
    c) Kinder mit unsicher-ambivalent gebundenem Verhaltensmuster sind während der Trennung von der Mutter verängstigt und lassen sich im Gegensatz zu den sicher gebundenen Kindern nur langsam durch die zurückgckehrte Mutter beruhigen. Sie wechseln dabei zwischen Suche nach Nähe und aggressiver Ablehnung des Kontaktes.

    Die Mainstream-Psychoanalyse zeigte sich bis zuletzt eher sehr zurückhaltend gegenüber der Bindungstheorie. Köhler (zitiert bei Strauss 2000 S.101) spricht sogar von einer unüberbrückbaren Abgrenzung. Er ist aber selbst der Meinung, dass der längst fällige Erkenntnisfortschritt durch eine wechselseitige Akzeptanz möglich wäre. Die deutlichen Bezüge zu den Objektbeziehungstheorien Winnicotts und Fairbairns, zu Melanie Klein und zur Selbstpsychologie Kohuts, meint Strauss, seien nicht zu verkennen. Es bestünden prinzipiell Aehnlichkeiten zwischen Psychoanalyse und Bindungstheorie beispielsweise bei dem psychoanalytischen Empathie-Konzept und dem Konzept der Feinfühligkeit in der Bindungsforschung.

    Es gibt mehrere Untersuchungen zur Bedeutung der Bindungstheorie für das Verständnis von psychischen Störungen bei Erwachsenen (z.B. eine Verbindung zwischen desorganisierten Bindungsmustern in der Kindheit und dem Auftreten / dissoziativer Störungen im Erwachsenenalter (vgl. Strauss 2000 S.102).

    Vom Bindungsbedürfnis zu Bindungsstilen

    Bowlby hat den Kern seiner Bindungstheorie in drei zentralen Postulaten zusammengefasst:
    1. „Wenn ein Individuum darauf vertraut, dass eine Bindungsfigur verfügbar ist, wann immer es das wünscht, dann neigt dieses Individuum weniger zu intensiver oder chronischer Furcht als eine andere Person, die dieses Vertrauen aus irgendwelchen Gründen nicht besitzt.

    2. Vertrauen in die Verfügbarkeit einer Bindungsperson oder das Fehlen desselben entwickeln sich nach und nach in den Jahren der Unreife- Kleinkindzeit, Kindheit und Jugend-, und was immer sich an Erwartungen in diesen Jahren entwickelt, bleibt für den Rest des Lebens relativ unverändert bestehen.

    3. Die mannigfaltigen Erfahrungen in Bezug auf die Zugänglichkeit und Reaktionsbereitschaft von Bindungsfiguren, die unterschiedliche Individuen in den Jahren der Unreife entwickeln, sind ziemlich genaue Reflektionen der Erfahrungen, die diese Individuen tatsächlich bereits gemacht haben." (Bowlby, 1976, S. 246)

    Bowlby bezeichnete den Niederschlag dieser Erfahrungen als „inneres Arbeitsmodell".
    Innerhalb des konsistenztheoretischen Modells entspricht dieses innere Arbeitsmodell ungefähr den motivationalen Schemata, die um das Bindungsbedürfnis herum entwickelt werden. Das Kind verinnerlicht seine frühen dyadischen Beziehungserfahrungen.
    Sie schlagen sich in seinem impliziten Gedächtnis in Form von Wahrnehmungs-, Verhaltens-, emotionalen Reaktionsbereitschaften und motivationalen Bereitschaften nieder.
    Auch Youngs (1994) „Early Maladaptive Schemata" kann man großenteils als Niederschlag solcher frühen Beziehungserfahrungen ansehen. Welche motivationalen Schemata sich aus den Beziehungen zu den primären Bezugspersonen in der frühen Kindheit entwickeln, hängt maßgeblich von der Verfügbarkeit und der Einfühlsamkeit dieser ersten Bezugspersonen ab. In einer guten Bindung sind die Bezugspersonen ein immer erreichbarer Zufluchtsort, der physische Nähe, Schutz, Sicherheit und Trost bietet. Ungünstige motivationale Schemata entwickeln sich nach diesen Vorstellungen dann, wenn entweder die Erreichbarkeit der Bezugspersonen nicht gegeben ist oder wenn auf Seiten der Bezugspersonen mangelnde „Feinfühligkeit" besteht, wenn also die Bezugspersonen entweder konsistent oder inkonsistent-unvorhersehbar nicht zugänglich sind.

    „Die Abweisung führt zu einer emotionalen Entfremdung des Kindes von der Bindungsperson, die Unvorhersagbarkeit macht es übermäßig abhängig von ihr, d.h. das Bindungssystem ist wegen der Angst vor Verlust der Bindungsperson chronisch aktiviert. In einer ungestörten Bindungsbeziehung erhält das Kind Trost, Fürsorge und Schutz, wenn es danach verlangt, es kann aber auch seiner Neugier und seinen sozialen Wünschen nach neuen Bekanntschaften nachgehen, ohne von der Bindungsperson ungebührlich gehindert oder gar dafür bestraft zu werden." (Grossmann, 1990, S. 232)
    Bowlbys Mitarbeiterin Mary Ainsworth (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978) entwickelte ein standardisiertes Beobachtungsverfahren zur Untersuchung, wie Kinder auf Trennung von ihren primären Bezugspersonen reagieren. Dabei werden in der Regel Kinder zwischen 11 und 20 Monaten untersucht. Mit diesem Beobachtungsverfahren wurden später auch von vielen anderen Arbeitsgruppen empirische Untersuchungen zum Bindungsverhalten durchgeführt (s. dazu die Überblicke bei Schmidt & Strauss (1996) sowie bei Strauss & Schmidt (1997)).
    Aus diesen Untersuchungen schälten sich vier immer wieder vorkommende Bindungsmuster heraus, die nach den gerade vorangegangenen Überlegungen gewissermaßen als Momentaufnahme der bis dahin entwickelten Konstellation motivationaler Schemata der untersuchten Kinder angesehen werden können:
    In den Untersuchungen von Ainsworth et al. (1978) zeigten zwei Drittel der Kinder ein sicheres Bindungsmuster. Immerhin hat aber ein Drittel der Kinder einer unausgelesenen (amerikanischen) Population schon im Alter zwischen 11 und 20 Monaten ein Beziehungsverhalten, das stark durch Vermeidung und/oder negative Emotionen gekennzeichnet ist. Diese Kinder haben also bereits in diesem jungen Alter rudimentäre Vermeidungsschemata, die auf den weiteren Verlauf ihrer Beziehungserfahrungen ungünstigen Einfluss nehmen. Main, Kaplan und Cassidy (1985) haben Kinder, deren Bindungsmuster zwischen 11 und 20 Monaten untersucht worden waren, etwa fünf Jahre später, im Alter von sechs Jahren, nachuntersucht. Es zeigte sich, dass bei etwa 80 % der Kinder das Bindungsmuster über diesen Zeitraum stabil geblieben war. Waters, Merrick, Treboux, Crowell und Albersheim (2000) erhoben den Bindungsstil bei Kindern im Alter von 12 Monaten und dann wieder 20 Jahre später. Die Zuordnung zu einem sicheren versus unsicheren Bindungsstil stimmte in 72 % der Fälle überein. Änderungen im Bindungsstil konnten in den meisten Fällen mit gravierenden negativen Lebensereignisse wie Scheidung oder Depression der Eltern in Verbindung gebracht werden.
    Beckwith, Cohen und Hamilton (1999) konnten in den meisten Fällen plausible lebensgeschichtliche Ursachen für Veränderungen des Bindungsstils in negative und positive Richtungen ausmachen.

    Zwischen Kindern mit sicherem und unsicherem Bindungsmuster fanden sich in Untersuchungen im Vorschulalter bedeutsame Unterschiede im Spielverhalten, im sozialen Kontaktverhalten, in der Ausgewogenheit und Flüssigkeit der Kommunikation sowie in Autonomie und Selbstvertrauen (Erickson, Sroufe & Egeland, 1985; Grossmann, Grossmann, Sprangler, Suess & Unzne, 1985; Main, Kaplan & Cassidy, 1985; Renken, Egeland, Marvinney, Mangelsdorf & Sroeufe,1989). Die Unterschiede waren immer zu Gunsten der Kinder mit sicherem Bindungsmuster.
    Die Beziehungserfahrungen eines Menschen schon in den ersten Lebensmonaten legen also die Grundlage für motivationale Schemata, die dann ihrerseits schon sehr früh auf das Beziehungsverhalten des Kindes so Einfluss nehmen, das eine diese Schemata bestätigende Rückmeldung wahrscheinlich ist. Einen entscheidenden Einfluss darauf hat die Verfügbarkeit und insbesondere die Feinfühligkeit der primären Bindungspersonen des Säuglings und Kleinkindes. Deren Feinfühligkeit wiederum ist wenigstens zum Teil ein Resultat ihrer eigenen frühkindlichen Beziehungserfahrungen. Benoit und Parker (1994) untersuchten den Bindungsstil von Müttern mit dem Adult Attachment Interview, einem inzwischen sehr viel eingesetzten Instrument zur Erfassung von Bindungsmustern bei Erwachsenen. Sie konnten aus der Kenntnis des so festgestellten Bindungsstils der Mutter in 81 % der Fälle voraussagen, was für eine Bindungsqualität diese Mütter mit ihrem Kind hatten. Sogar der Bindungsstil der Grossmutter sagte zu 75 % das Bindungsmuster ihrer Enkel voraus! Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Main et al. (1985) sowie Grossmannn et al. (1989).
    Quelle: Grawe, Klaus (2005). Neuropsychotherapie, S. 192-195

    Joseph D. Lichtenberg

    Bei der Auswertung von Säuglingsbeobachtungen, die sich über ganze Tage (24 Std.) erstreckten, fand Lichtenberg fünf basale Verhaltenskategorien, die sich folgerichtig ebenso vielen Motivationssystemen zuordnen liessen. Diese Neu-Konzeption wurde von ihm in der Absicht geschaffen, das unzureichende, dualistische Triebmodell zu ersetzen:
    "Es war mein Ziel, Psychoanalytikern eine Möglichkeit anzubieten, Motivation zu begreifen, die die duale Triebtheorie ersetzen könnte, während sie allen Phänomenen gerecht wird, die die Theorie hatte erklären helfen können (Lichtenberg, 1989, S. 336. Übersetzt: D.K.).
    Lichtenberg spricht verkürzt von motivationalen Systemen, obwohl sie seiner Erklärung nach, vollständigerweise, als motivational-funktionale Systeme bezeichnet werden müssten, da es sich um funktionale biologisch-psychologische Einheiten handelt, die wichtige überlebenssichernde, entwicklungsfördernde und bedürnisbefriedigende Aufgaben erfüllen.

    Diese fünf Systeme repräsentieren folgende fünf Grundbedürfnisse, bzw. entwickeln sich als Antwort auf diese (Lichtenberg 1989 S.1):
    1. Das Bedürfnis (need) nach psychischer Regulation von physiologischen Erfordernissen
    2. das Bedürfnis nach Bindung (attachment) und Anschluss an Gruppen (affiliation)
    3. das Bedürfnis nach Exploration und Selbstbehauptung (assertion)
    4. das Bedürfnis abweisend zu reagieren, durch Widerstand oder Rückzug
    5. das Bedürfnis nach sinnlichem Vergnügen und sexueller Erregung.

    Nach Lichtenberg besteht jedes motivationale System aus einer Gruppe, untereinander verbundener Bedürfnisse und Wünsche, die bestimmte funktionelle Gemeinsamkeiten aufweisen. Sie stehen in einer hierarchischen Ordnung zueinander, gemäss der Reihenfolge ihres Auftretens in der psychischen Entwicklung. Zu Beginn des Lebens stehen die eher biologisch geprägten Bedürfnisse im Vordergrund, dann treten Bedürfnisse, die die Bildung komplexerer und eher psychologischer Verhaltens-Schemata zu ihrer Befriedigung voraussetzen, hinzu. Diese Schemata entwickeln sich zu absichtsvollen, komplexer werdenden Planungs-Schemata. Auf noch höherer Stufe werden mit der Entstehung begrifflich-symbolischer Repräsentanzen, ab der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres, auch symbolische Wünsche und entsprechende psychologische Befriedigungs-Strukturen möglich (vgl. Lichtenberg 1989 S.17).
    Die unterste biologische Ebene der motivationalen Systeme schliesst sowohl angeborene physiologisch ausgelöste Bedürfnis-Wahrnehmungen - wie z.B. das Durstgefühl bei Flüssigkeitsmangel -, wie auch ererbte Verhaltens-Muster und - Bereitschaften - z.B. auf Bedrohung mit Kampf oder Flucht zu reagieren - ein (vgl. Lichtenberg 1989 S.2). Die höchste Stufe der Wünsche beinhaltet auch symbolische Repräsentanzen von Zielen, Ambitionen und Idealen.
    Alle drei Ebenen dieser Systeme, d.h. die der Bedürfnisse (needs) in Form grundlegender biologischer Anforderungen; die der Intentionen und Pläne in Form perzeptiv-affektiver Handlungsmuster und drittens, die der symbolischen Repräsentanzen in Form von Wünschen, bestehen über das ganze Leben fort. Diese drei Ebenen lassen sich am Beispiel des motivationalen Systems der Bindung wie folgt beschreiben: Zu Beginn des Lebens finden sich biologisch vorgeprägte Verhaltensmuster, die, die Bildung und Festigung von Bindung fördern, etwa die visuelle Präferenz des Neugeborenen für das menschliche Gesicht. Später entwickelt sich ein riesiges Repertoire gelernter Schemata, die wir in Form vorbewusster Automatismen ausführen, z.B. Gruss- und Abschieds-Rituale. Darüberhinaus verleihen wir einer scheinbar unendlichen Bandbreite von Wünschen und Phantasien, die mit Bindungen und Beziehungen zusammenhängen, symbolisch repräsentierte Formen, die unser Innenleben bereichern (vgl. Lichtenberg 1989 S.17).
    Lichtenberg vertritt aus entwicklungspsychologischer Sicht die These, dass Motivationen sich allein aus erlebten Erfahrungen entwickeln.

    Konsequenzen aus der Säuglingsforschung für die Psychotherapie

    Dieter Kunzke schreibt in "Die Auswirkungen der modernen Säuglingsforschung auf die Psychoanalyse" bereits 1993 folgendes:
    Kurz: Nicht die historische Wahrheit ist massgeblich für die unbewusste Steuerung, sondern die, die sich narrativ präsentiert (Spence 1982). Von anderer Seite wird dem entgegengehalten, dass oft erst das Aufdecken und vorsichtige Rekonstruieren realer Traumatisierungen und Entbehrungen dem Verständnis und den heilenden Verarbeitungen genügend emotionale Tiefe vermittelt. Starke, oft lebenslang unterdrückte Affekte gegenüber teilweise abgewehrten Erlebnissen werden oft erst im Angesicht leidlich genau rekonstruierter Ereignisse als berechtigt empfunden, können dann erst zugelassen und damit nachträglich erlebt werden. Gerade aber befreites Affekterleben kann, wenn es therapeutisch begleitet wird, ein bedeutender kurativer Faktor sein (vgl. Jacobs, 1989 und Haynal, 1989). Oft ist es gerade der beharrliche Versuch, die realen, frühen Lebensumstände so genau als möglich zu rekonstruieren, der stark abgewehrtes Material überhaupt erst auffindbar macht (vgl. Damm 1993).

    Auch dem Argument, dass die realen Umstände der frühen Lebensgeschichte generell nicht aufhellbar wären, da sie immer nur über eine erlebnishafte, nachträgliche Interpretation des Patienten zugänglich wären, kann widersprochen werden. Erstens weiss ein Patient oft mehr über die realen Umstände seines frühen Lebens, z.B. aus Erzählungen von anderen Familienmitgliedern mehr, als ein erster Eindruck glauben macht und zweitens lassen sich die tatsächlichen Lebensereignisse in vielen Fällen durch das dargebrachte Material mit relativ grosser Genauigkeit rekonstruieren (z.B. Anthi 1983 und Wallace 1985). Bescheidet man sich von vorneherein mit eher impressionsartigen Einsichten des Patienten, statt zu versuchen, auch die realen Umstände früher Erfahrungen zu eruieren, besteht die Gefahr, dass viele realitätsbedingte Aspekte von Erfahrungen unentdeckt, unverstanden, und damit unverarbeitet bleiben. Ein erfahrener Analytiker mit reichen Kenntnissen aus der experimentellen und beobachtenden Säuglingsforschung kann ein breiteres Spektrum möglicher realer Ereignisse, Abläufe und Traumatisierungen als prägend ins Auge fassen und in die Behandlung einbeziehen. Vage und allgemeine Vorstellungen über diese frühe Zeit und ihre psychischen Zusammenhänge sind für die Gewinnung eines umfassenden und tiefen Verständnisses des Patienten und seiner persönlichen Lebensgeschichte sicherlich ein Hemmnis. Dass letztlich auch der bemühteste Versuch, die frühe Lebensgeschichte zu erhellen, eine intersubjektive Konstruktion sein muss, ist evident, entbindet aber nicht von der Notwendigkeit, zu versuchen, der historischen Wahrheit, soweit als möglich gerecht zu werden. (Ausführlicher ist dieser Diskurs in Dornes 1992 S.29ff. und 231ff. besprochen).

    Es ist für die Psychoanalyse geradezu kennzeichnend, dass sie versucht in der Behandlung die unterschiedlichen Modi der Wahrnehmung, der sozialen Beziehungen, der kognitiven Funktionen und der unterschiedlichen Erlebnisweisen im Laufe der Entwicklung zu berücksichtigen. Aus den Ergebnissen der Säuglingsforschung ergeben sich neue Hinweise zur Gestaltung heilungsfördernder Interaktionen zwischen Patient und Therapeut und damit bedeutsame Implikationen für die Beantwortung der Fragen:
    Wie heilt und korrigiert die Beziehung zum Therapeuten und was muss in einer aussichtsreichen Behandlung gegeben sein, dass neue Erfahrungen in der Therapie stattfinden und verändernd wirksam werden können?
    Bei aller Begeisterung für das 'neue` Gebiet der Säuglingsforschung und für die sich erweiternden Möglichkeiten der Behandlung 'früher Störungen' sollten nicht andere, spätere Lebensphasen in ihrer Bedeutung für die gesamte psychische Entwicklung vernachlässigt werden. Es gibt noch andere weisse Flecken auf der psychoanalytischen Landkarte der Entwicklung, man denke etwa an die nachödipale Lebensspanne bis zur Pubertät.
    Zentrales Ziel dieser Arbeit war es zu zeigen, welche Teile des theoretischen und behandlungstechnischen Inventars der Psychoanalyse, durch die Erkenntnisse der modernen Säuglingsforschung infrage gestellt, überdacht oder aufgegeben werden sollten und welche Aenderungen und Ergänzungen möglich und nötig sind. Dass diese Arbeit nur Partikel zu dieser grossen und schwierigen Aufgabe beisteuern kann, ist selbstverständlich.

    Emotionspsychologie: Affektregulation

    Ein weiteres Gebiet, auf dem sich die empirische Säuglingsforschung als ausgesprochen fruchtbar erwies, ist die Affektregulation, eine Thematik, die für alle Ansätze der Frühprävention entscheidend ist. Eine mangelnde Entwicklung einer adäquaten Impuls- und Affektregulation ist bekanntlich aus psychoanalytischer Sicht einer der wesentlichen Faktoren bei der Genese von AD(H)S und anderen Entwicklungspathologien.
    So enthalten die unterschiedlichsten psychoanalytischen Entwicklungstheorien ein implizites Emotionsmodell. Nach Spezzano (1993) ist es vor allem das Verdienst von William R.D. Fairbairn, in den 1940iger Jahren die explizite Auseinandersetzung mit Affektregulierungen initiiert zu haben. Er ist vor allem bekannt geworden durch die oben schon zitierte Aussage, die Libido sein primär nicht lustsuchend, sondern objektsuchend. Affekte dienen dabei als Möglichkeit, psychisch zwischen „guten“ und „schlechten“ Objekten bzw. Erfahrungen und damit verbundenen Ichzuständen zu unterscheiden, was eine grosse seelische Bedeutung hat, weil die unerträglichen negativen internalisierten Objekte, Ichanteile und Beziehungserfahrungen ins Unbewusste verdrängt werden. – Doch waren es vor allem die empirischen Befunde der Säuglingsforschung, die auch bei Psychoanalytikern das Interesse an Affektregulierungen weckte. Zahlreiche Untersuchungen konnten belegen, dass das wichtigste Verstärkungssystem der frühen Kindheit die Affektivität des Sozialpartners ist (Krause, 1998, 2005). Dies gilt sowohl für die ersten Lebensmonate als auch später, wenn etwa mit einem Jahr das Kind im Zusammenhang mit der zunehmenden Mobilität und damit verbundenen kognitiven, sprachlichen und emotionalen Veränderungen vermehrt auf ein soziales, sicherheitsspendendes Versichern seiner „Heimatbasis“ durch seine primäre Bezugsperson angewiesen ist. Zu dem sogenannten „Social Referencing“ wurde eine Vielzahl eindrücklicher Studien vorgelegt. Wahrscheinlich das bekannteste Experiment ist eine Modifikation des Kriechens über eine „visuelle Klippe“, womit ursprünglich die Wahrnehmung des Kindes und alteradäquqte Angstreaktionen untersucht wurden. Nun zeigten neue Analysen der Videobänder, dass Krabbelkinder den Blickkontakt zu ihren Müttern suchen, sobald sie die (vermeintliche) Gefahr wahrnehmen. Dabei zeigt sich in eindrücklicher Weise, dass nicht die rein kognitive oder sprachliche Rückmeldungen die Angst der Kinder mildert: es ist vor allem die resonante, emotionale Reaktion der Bezugsperson, die dem Kind Sicherheit spenden kann. – Auch an diesem Beispiel sehen wir die Relevanz einer empathischen Begleitung der frühen Entwicklungsschritte für das Ausbilden emotionaler, kognitiver und sozialer Kompetenzen. Fehlen die Fähigkeiten zum „attunement“, containing und holding, sowie später zum social referencing, kann das Kind nicht durch Identifikation mit dem „genüngend guten“ Objekt sich mit diesen Fähigkeiten identifizieren und sukzessiv eine eigene innere Impuls- und Affektregulierung entwickeln.

    Daniel Stern (1985), um nur ein Beispiel herauszugreifen, hat in Mikroanalysen von Video aufgezeichneten Interaktionen eindrucksvoll gezeigt, wie Säuglinge auf ihre depressive Mütter reagieren. Er hat verschiedene Typen solcher Reaktionen unterschieden. Säuglinge eines Typs scheinen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu versuchen, ihre “toten Mütter” zum Leben zu erwecken: ein beobachtbares hyperaktives Verhalten ist die Folge. Zudem scheinen diese Babys über zu wenig innere und äussere Spielräume zu verfügen. um ihre eigenen Impulse und Gefühle als Indikatoren eines “auftauchenden Selbst “ erleben zu können. Sie können zu wenig die wiederkehrende Erfahrung einer “Selbst-Wirkung”, “Selbst-Kohärenz” und “Selbst-Affektivität” machen, das ihnen das basale Gefühl einer eigenen Selbst-Geschichte vermittelt, ein Gefühl, das, wie wir inzwischen wissen, eine der Voraussetzungen darstellt, ein stabiles Kernselbstgefühl zu entwickeln. Dies mag einer der Gründe sein, warum in psychoanalytischen Psychotherapien häufig die Entwicklung eine “falschen Selbst” bei ADHS Kindern beobachtet werden kann.

    Resonanz- und Synchronisations-Entwicklung

    Oft ist es eine Reihe von kleinen Missverständnissen, die ein Zusammenkommen verhindern. Beide, Mutter und Kind, sind in einem Erregungszustand, der sich immer weiter aufschaukelt und aus dem keiner von beiden herausfindet. Manche Mütter beschreiben diese Situation, „wir waren in einem Hamsterrad gefangen und konnten uns nicht helfen“.
    Wenn sich diese missglückten Interaktionen häufig wiederholen, können sie fatale Folgen haben, weil die Babys in ihrem Erregungszustand nicht wirklich beruhigt werden können. Der Erregungszustand baut sich mit jeder weiteren missglückten Interaktion weiter auf und wird mehr und mehr zum Muster. Und auch die Mutter gerät immer mehr unter Druck: Wann kommt das nächste Schreien, wie lange wird es dauern, Angst vor dem Versagen... es ist ein Teufelskreis, der das Zusammenleben mit einem Baby so schwer macht und die Freude aneinander erstickt. Beide suchen sich und können nicht zueinander finden. In dieser Situation bleibt als Ausweg für das Baby der Ausstieg aus der Beziehung und der Rückzug auf sich selbst [was den 'Narzissmus-Modus' auslösen kann, s.o.]. Ohne Intervention, ohne Unterstützung mag es Mutter und Kind unmöglich werden, neue Lösungen zu finden, neu zusammenzukommen.

    Psychopathie-Entwicklung bei ausbleibender Resonanz und Vernachlässigung

    „Kälte“ in menschlichen Alltagsbeziehungen (Götz Eisenberg)

    An einem der ersten schönen Tage saß ich auf dem Balkon und genoss die Sonne. Von der Straße drang das Schreien eines Kleinkindes herauf. Eine junge Mutter schob ihr Kind in einem schwarzen Designer-Kinderwagen vor sich her.
    Sie trug eine Hiphop-Mütze und eine großflächige Sonnenbrille. Sie telefonierte mit ihrem Handy. Das Schreien des Kindes wurde immer wütender und lauter. Die Mutter hielt an, beugte sich hinab und nestelte aus dem am Wagen hängenden Einkaufsnetz irgendeine Süßigkeit hervor, die sie dem Kind in den Mund stopfte. Gierig lutschte es die Süssigkeit in sich hinein. Die Frau schob den Wagen weiter und setzte ihr Telefonat fort. 150 Meter weiter begann das Schreien von neuem. Seine Dezibelstärke konnte mit einer Kreissäge konkurrieren. Wieder folgte der Griff ins Einkaufsnetz, wieder bekam das Kind „das Maul gestopft“.
    Lachend sagte die Mutter etwas in ihr Telefon und ging weiter.
    Auf die Idee, dass das Kind weint, weil es sich einsam fühlt und das Telefonieren als Missachtung empfindet, kam diese Mutter offensichtlich nicht. […]. Was sollen diese Kinder machen? Sie schreien sich die Seele aus dem Leib, weil die erfahrene Bindungslosigkeit sie in einen Zustand bodenloser Angst versetzt. Vorbei die Zeiten, da Mütter den Kinderwagen schoben und dabei mit ihrem Kind plapperten und lauthals Kinderlieder sangen, […].
    Die Sterne des Kindes sind […] die Augen der Mutter – und der Glanz des Glücks in ihnen, der auf das Kind zurückfällt und von ihm als Glücksversprechen und Gewissheit des eigenen Werts verinnerlicht wird. Die Mutter und die Welt sind anfangs eins, die Mutter gibt dem Kind im Rahmen dessen, was Margaret Mahler als die „psychische Geburt des Kindes“ bezeichnet hat, also in einem Akt fortgesetzter Schöpfung, seine Realität: Das Kind existiert, weil und insofern die Mutter es sieht. […] Mütter und Väter sollten also, wenn sie mit ihrem Kind zusammen sind, mit ihm im Dialog und einem regen emotionalen Austauschprozess und nicht mit anderen Dingen beschäftigt sein.
    […] Wenn Kälte und Indifferenz, die aus der Grundstruktur dieser Gesellschaft stammen, inzwischen bis in die Poren des Alltagslebens und die intimen Binnenwelten der Menschen vorgedrungen sind und sogar das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern prägen, ist es zu spät. Man darf sich nicht wundern, dass unter solchen Bedingungen vermehrt psychisch frigide und moralisch verwilderte Menschen heranwachsen. Der nur an privater Nutzenmaximierung interessierte und zur Einfühlung in andere unfähige „Psychopath“ droht zur sozialpsychologischen Signatur des globalen Zeitalters zu werden. Es mag sein, dass heutige Kinder weniger geschlagen und körperlich gezüchtigt werden, aber dafür haben sie unter neuartigen Entbehrungen zu leiden, die womöglich nicht minder grausam sind.
    Quelle: www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Kinder-leiden-unter-neuartigen-Entbehrungen-id15271736.html

    Missglückte Mutter-Kind-Begegnungen

    "Oft ist es eine Reihe von kleinen Missverständnissen, die ein Zusammenkommen verhindern. Beide, Mutter und Kind, sind in einem Erregungszustand, der sich immer weiter aufschaukelt und aus dem keiner von beiden herausfindet. Manche Mütter beschreiben diese Situation, „wir waren in einem Hamsterrad gefangen und konnten uns nicht helfen“.
    Wenn sich diese missglückten Interaktionen häufig wiederholen, können sie fatale Folgen haben, weil die Babys in ihrem Erregungszustand nicht wirklich beruhigt werden können. Der Erregungszustand baut sich mit jeder weiteren missglückten Interaktion weiter auf und wird mehr und mehr zum Muster. Und auch die Mutter gerät immer mehr unter Druck: Wann kommt das nächste Schreien, wie lange wird es dauern, Angst vor dem Versagen... es ist ein Teufelskreis, der das Zusammenleben mit einem Baby so schwer macht und die Freude aneinander erstickt. Beide suchen sich und können nicht zueinander finden. In dieser Situation bleibt als Ausweg für das Baby der Ausstieg aus der Beziehung und der Rückzug auf sich selbst. Ohne Intervention, ohne Unterstützung mag es Mutter und Kind unmöglich werden, neue Lösungen zu finden, neu zusammenzukommen".
    Quelle: Gisela M. Lenz & Dorothee von Moreau. Resonanz und Synchronisation als regulative Faktoren von Beziehung.

    Die Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstregulation

    Den Erkenntnissen der Säuglingsforschung folgend kommt der Säugling mit einer Fülle von angeborenen Fähigkeiten und Kompetenzen auf die Welt (siehe Ueberblick bei Dornes, 1993 und 1999).
    Trotz seiner motorischen Unbeholfenheit verfügt er über sehr feine Fähigkeiten zur Unterscheidung verschiedener Erlebensqualitäten über die Sinne (vgl. Papousek, 2001). Schon aus seiner vorgeburtlichen Zeit „kennt“ er verschiedene Befindlichkeiten und Erregungszustände, denen er jetzt, nach der Geburt, neu ausgeliefert ist: Körperlich und hormonell von der Mutter getrennt, gilt es diese anders, nämlich selbständiger bewältigen zu lernen.
    Der Säugling empfindet „Objekte und Ereignisse vor allem als die Gefühle, die sie in ihm wachrufen.... Alles, was das Kind erlebt, .... hat seinen besonderen Gefühlston“ (Stern, 2000 b, 21), z.B. als ein leuchtender oder klingender Raum, ein Ansturm, eine Welle. Er ist darin selbst verwoben und erlebt sich in einem dynamischen Fluss mit unterschiedlichen Gefühlskonturen.
    Diese unterscheiden sich in Zeitkontur, Intensität, Spannungsauf- und abbau. Im Empfinden der Welt entwickelt der Säugling eine differenziertere Palette innerer Zustände. Für Basch (1994) sind diese Zustände (states) Vorläufer der Gefühle. Sie zeigen ähnliche Qualitäten wie die Vitalitätsaffekte (Stern 2000 a) und die background-feelings (= Hintergrundemotionen, Damasio, 2001). Es handelt sich um schnell wechselnde Veränderungen von Spannungszuständen, die als dramatisch erlebt werden können oder als in ihrer Feinheit kaum wahrnehmbar, wie ein permanentes Schwingen um einen Punkt herum. Entscheidend ist, dass diese Zustände reguliert werden. Dazu stehen dem Säugling angeborene Möglichkeiten wie Blickzu- oder abwendung, Schreien, Saugen, Strampeln zur Verfügung. Durch diese Verhaltensweisen teilt er sich anderen mit, ist aber darauf angewiesen, dass er von diesen darin auch verstanden wird, sonst läuft er mit seinen Botschaften ins Leere. Das angeborene Verhaltensrepertoire verliert dann seinen Sinn, kann nicht zu selbstregulativen Prozessen genutzt werden und verliert sich in einem Teufelskreis der Selbstbezogenheit.
    Dennoch ist der Säugling bei der Regulation seiner Befindlichkeit auf weitere Unterstützung angewiesen. Laut Basch (1994) erwirbt er diese Fähigkeit zur Regulation seiner Befindlichkeit in seinen ersten sechs Lebensmonaten über die Interaktion mit dem Anderen. Dadurch, so Basch, vollzieht sich für den Säugling eine erste Anpassung an die Welt: Mit der Erfahrung von Regelmäßigkeit und Wiederholung in seinen Lebensabläufen und in der Interaktion mit anderen erhält sein Leben Struktur und Überschaubarkeit; im Fluss und Wechsel seiner verschiedenen inneren Zustände wächst ein Gefühl von Beherrschbarkeit und Sicherheit.

    Gegenseitige Regulation ist für beide Partner ein angenehmes Erlebnis: jetzt ist die Welt in Ordnung. Für den Säugling bedeutet dieses Empfinden, dass er offen auf das reagieren kann, was als nächstes kommt. Mit dieser Offenheit für die Welt gewinnt er an Erfahrung des „In-der-Welt-Seins“ und an Flexibilität. Denn je mehr Personen seines Umfeldes mit ihm in dieser Weise umgehen, desto mehr und umfassender wird er in seinen Fähigkeiten ausgebildet, sich an die Welt anzupassen. Die Interaktion mit seinen Bezugspersonen und anderen wird den Hintergrund seiner sozialen Empfindungen legen und schafft Flexibilität im psychologischen System des Kindes.
    Was aber passiert, wenn der Säugling nicht reguliert wird, wenn zum wiederholten Mal der Uebergang von einer höchst unangenehmen Erregung hin zum Wohlbefinden nicht gelingt, wenn kleine Irritationen immer wieder in Katastrophen münden, wenn zwischenmenschlichen Begegnungen der Schatten von Angespanntheit innewohnt und eine Kette von Missverständnissen nach sich zieht? Welche Erfahrungen des In-der-Welt-Seins, welches implizite Wissen über die Welt prägt sich, welche Erregungsmuster bilden sich hier und wie groß mag dann die Palette sein, auf die Erfahrungen von außen und innen flexibel zu reagieren? Um in der Welt der komplexen Emotionen bestehen zu können, ist die grundlegende frühe Qualität der ersten Interaktionen bedeutsam, auf der sich alles aufbaut und die entscheidet, ob das Leben als anstrengend erlebt wird oder mit Leichtigkeit zu bewältigen ist.
    Unbestritten spielen bei diesem feinen Anpassungsprozeß Faktoren wie Temperamentseigenschaften oder Irritabilität des Kindes eine Rolle (vgl. Kohnstamm, Bates & Rothbart, 1989; Spangler & Scheubeck 1993), doch wird dieser Prozess auch getragen von der Feinfühligkeit und Flexibilität der Mutter.

    Implizites Wissen – Das „Wissen“ von der Welt

    Implizites Wissen ist die Summe aller sensorischen und sozialen Erfahrungen. Es ist die Essenz unserer Eindrücke, unseres Empfindens von der Welt und von uns selbst. Dieses „Wissen“ ist nicht sprachlich-symbolisch, sondern rein sensorisch kodiert, es ist „vorbewusst“, prozedural, d.h. wir verfügen darüber nicht bewusst, es ist auch nur schwer in Worte zu fassen, wir können es nicht bei Bedarf abrufen oder einfach über kognitive Strategien verändern. Strukturveränderungen des Impliziten sind ausschließlich über neue multisensorische und/oder soziale Erfahrungen möglich oder, wie Roth (2001) sagt, wenn wir emotional tief erschüttert werden.
    Prozedurales Wissen bezieht sich meist auf Lernvorgänge, die sich automatisiert haben. Daher bevorzugen verschiedene Autoren Begriffe wie „erfahrungsabhängiges Wissen“. Im Kontext des sozialen Lernens tauchen auch Begriffe wie „moody memory“ (stimmungsabhängige Erinnerung) oder „state-dependant learning“ (LeDoux, 1999, 2001) auf. Roth (2001) spricht vom „unbewussten emotionalen Erfahrungsgedächtnis“.

    Mit der Geburt und der neuen Existenz als getrenntes Wesen beginnt für das Kind der lebenslange Prozess des Hineinwachsens in eine Welt sozialer Beziehungen.
    Das implizite Wissen (the implicit knowing), gespeist aus seinen vorgeburtlichen Erfahrungen des In-der-Welt-Seins, wird nun, zu diesem frühen Zeitpunkt seiner postnatalen Entwicklung, zu einem impliziten Beziehungs-Wissen (implicit relational knowing, Stern, 1998). Dieses implizite Beziehungs-Wissen bildet gleichsam die Folie, auf deren Hintergrund das Kind neuen Erfahrungen begegnet, diese wahrnimmt, „bewertet“ und integriert. Je nach Qualität des Hintergrundes wird die neue Erfahrung also offen oder voreingenommen aufgenommen, eine neue Begegnung als potenziell interessant, langweilig, anstrengend oder gar gefährlich erahnt.
    Aufgrund der Struktur des Impliziten sind Veränderungen des Beziehungs-Wissens nur über neue, unmittelbare Beziehungserfahrungen möglich. Dies hat wichtige Implikationen für unsere therapeutische Arbeit mit Babys und deren Müttern: Die wichtigste Aufgabe ist demnach, neue Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.

    Missglückter Beginn

    Uns sind viele Bedingungen bekannt, die während und kurz nach der Geburt zu erheblichen Störungen für das Neugeborenen führen können: Frühgeburt, Geburtskomplikationen, prä- und postnatale Schädigungen sind da zu nennen oder auch organische Fehlbildungen oder Erkrankungen des Kindes.
    Wir können auf dem Hintergrund des Gesagten nur erahnen, was es für Frühgeborene oder Neugeborene bedeuten mag, wenn deren Entwicklung durch medizinische Probleme und lange Krankenhausaufenthalte in den genannten Bereichen nur bruchstückhaft ist, oder wenn ihnen aus anderen Gründen ein feinfühliges Gegenüber nicht verfügbar ist, das ihm hilft, sich zu regulieren, um von seinen Affekten nicht überschwemmt zu werden. Stress, seelische Belastungen der Mutter durch Rollenkonfusionen, Partnerschaftskonflikte oder mangelnde Unterstützung durch ein hilfreiches Netzwerk mag zusammen mit einem Gefühl von Überforderung oder dem Bemühen, alles richtig zu machen, oft schon ausreichen, die Feinfühligkeit der Mutter und ihre angeborenen elterlichen Fähigkeiten so weit zu blockieren, dass die Beziehung zu ihrem Kind erschwert ist.
    Ohne adäquate Regulationshilfen von der Mutter (oder anderen Bezugspersonen), ohne Antwort und Resonanz ist das Kind sich selbst und seinen Affekten ausgeliefert. Es hat keine Hilfe, diese adäquat zu verarbeiten und reagiert im wiederholten Fall irritiert, ängstlich und angespannt auf alle belastenden Eindrücke – seien es Hungergefühle, Reize von außen oder Interaktionsangebote der Mutter. Ein Teufelskreis aus Angespanntheit und Ängstlichkeit, Unverständnis, Resonanz- und Synchronisationsmangel entsteht, der zu dem Bild des „irritablen Babys“ (vgl. dazu Van den Boom & Hoeksma 1994) – und weiter chronifiziert zu Schreistörungen, Fütter- und Schlafstörungen führen mag, wie sie eingangs beispielhaft geschildert wurden.
    In der Folge bleibt der Anpassungsprozess des Kindes an die Welt erschwert, seine angeborenen Fähigkeiten mögen sich nur schwierig und ungenügend ausprägen oder verkümmern. Dies hat emotionale Folgen und damit Auswirkung auf die Ausbildung neuronaler Strukturen im Gehirn, die die Startbedingungen des Kindes zusätzlich erschweren (Hüther, 2001).
    Quelle: Gisela M. Lenz & Dorothee von Moreau. Resonanz und Synchronisation als regulative Faktoren von Beziehung. In: Monika Nöcker-Ribaupierre (2003, Hrsg.). Hören - Brücke ins Leben, Vandenhoeck&Ruprecht.


    Intersubjektivitätsentwicklung nach Martin Dornes

    In der Zeit vor dem achten Lebensmonat reagieren Kinder meist nicht darauf, wenn man ihnen einen entfernten Gegenstand zeigt – sie reagieren auf die Hand, und nicht auf das eigentliche Ziel. Erst ab ca. neun Monaten schauen Kinder zu dem gezeigten Objekt und beginnen auch damit, selber etwas zu zeigen „ein gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus zwischen Mutter und Kind entsteht.“ (Dornes 2004 S.152) „Es geht nicht nur darum, dass beide dasselbe sehen (joint attention), sondern darum, dass sie es gemeinsam sehen (shared attention).“ (Dornes 2004, 153) Das Kind bemerkt nun, dass seine eigenen Erfahrungen mit anderen teilbar sind und es kommunizieren kann, was nun über Affekte geschieht. (S.152)
    Mit dem Begriff „social referencing“ beschreibt der Autor die Nachahmung der Reaktion der Mutter eines Kindes, wenn es auf ein ihm unbekanntes, verunsicherndes Objekt, wie zum Beispiel ein ferngesteuertes, Töne erzeugendes Auto trifft. Das Kind sucht den Blickkontakt zur Mutter und reagiert je nach deren Verhalten positiv oder negativ auf das Spielzeug. (vgl. Dornes 2004, 153)
    Kinder können nicht von Anfang an Affekte in anderen Gesichtern lesen. Im Alter von ca. zwei Monaten können sie verschiedene Gefühlsausdrücke noch nicht differenzieren, sie beginnen erst mit ca. fünf bis sieben Lebensmonaten auf diese Ausdrücke selbst emotional zu reagieren. Später, mit ca. neun Monaten, besitzen sie wirkliches Affektverständnis. Nun besitzen Kinder die Fähigkeit andere Affekte zu lesen, und diese auf sich selbst zu beziehen (vgl. Dornes 2004 S.153f). „Affektzustände zweier Subjekte werden aufeinander bezogen, und es entsteht Interaffektivität.“ (Dornes 2004 S.154)
    Eine Form des social referencing, die die „affektive Kommunikation zweier Personen unter Bezugnahme auf ein äusseres Objekt“ (Dornes 2004, 154) beschreibt, nennt sich „affect attunement“ und wird anhand folgendem Beispiel verdeutlicht:
    Ein neuneinhalb Monate altes Mädchen sitzt am Boden und möchte ihre Trinkflasche von einem etwa fünfzig Zentimeter hohen Tisch nehmen. Die Entfernung ist für das Kind zu gross, und trotz bis aufs äusserste gestreckter Hand und Finger erreicht sie es nicht. Der Vater beobachtet seine Tochter und begleitet ihre Bemühungen mit einem gedehnten „uuuhhh“, welches die Anstrengung und die Dehnung des Körpers darstellt.

    Affect attunement ist keine Imitation, bezieht sich also nicht auf das äussere Verhalten des Kindes, sondern auf die damit verbundenen Emotionen. Es kommentiert die Charakteristika der kindlichen Ausdrucksweisen. (vgl. Dornes 2004, 154)
    Dornes unterscheidet drei Formen des attunements. Die erste Form, „communing attunement“, erlaubt Eltern und ihrem Kind ein Höchstmass an Gemeinsamkeit im Erleben von Gefühlen. Eltern wollen mit ihrem Kind sein und beabsichtigen keine Manipulation der Affektäusserung. (vgl. Dornes 2004, 155-159) Diese Form der Einfühlung wird vom Kind offensichtlich nicht wahrgenommen, denn, „,befriedigende mütterliche Fürsorge wird nicht bemerkt’“. (Winnicott 1960, 67 zit. nach Dornes 2004, 158)
    Bei der zweiten Form, dem selektiven attunement, geben Eltern dem Kind nonverbal ihre bewussten und unbewussten Wünsche und Abneigungen zu verstehen.
    Positive Rückmeldung auf seine gezeigten Emotionen bekommt das Kind beim tuning, der dritten Variante, allerdings sind die Reaktionen der Mutter entweder stärker oder schwächer als der kindliche Ausdruck. (vgl. Dornes 2004, 156)



    Identität und Identitätsdiffusion

    zit. aus: Michael Ermann „Identität, Identitätsdiffusion, Identitätsstörung“ - Vortrag im Rahmen der 60. Lindauer Psychotherapiewochen 2010 (www.Lptw.de)
    (...) Diese Konzepte gehen auf die frühe amerikanische Sozialpsychologie und den sog. Symbolischen Interaktionismus zurück, die bereits annahmen, dass die Persönlichkeitsentwicklung an zwischenmenschliche Beziehungen geknüpft ist. Erikson hat diesen Ansatz aufgegriffen und als Identität die Fähigkeit beschrieben, zu sich selbst die Sicht anderer einzunehmen. Robert Storolow und George Atwood, die später die Selbstpsychologie von Heinz Kohut weiterentwickelten, haben in letzter Zeit daran wieder angeknüpft. Sie vertreten, dass sich das Selbsterleben in der Beziehung zu anderen konstelliert, und sprechen von einem wechselseitigen Austausch von Subjektivitäten. Das Selbst – und wir können ergänzen: auch die Identität – sind eine Ko-Konstruktion aus der Bezogenheit heraus.

    Nehmen wir unsere Primärbeziehung, die zu unserer ersten bedeutsamen Pflegeperson, als Beispiel:
    Erwartungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und der gesamte komplexe psychosoziale Kontext bestimmen darüber, mit welcher Gestimmtheit wir empfangen und gesehen und in diese Welt aufgenommen werden. Das vermittelt sich über Mimik, Gestik und andere Äusserungen der nichtsprachlichen Komminikation. Auf diese Weise konstelliert sich unser Befinden, mit dem wir wiederum auf die Anderen einwirken. So entstehen Interaktionsschleifen und Beziehungskonstellationen, an denen jeder der Akteure beteiligt ist – eine Beziehung als Ko-Konstruktion, die zwischen den Beteiligten ausgehandelt wird. So erleben sich Mutter und Kind erst in der Matrix einer versorgenden Bezogenheit in ihrer Identität als Mutter und Pflegling, ebenso wie Analysand und Analytiker, die erst im Kontext der Analyse zu einem Selbstverständnis als Analysand und Analytiker finden. Ähnliches ereignet sich lebenslang in unseren Beziehungen.

    Identitätsdiffusion
    Wenn das aber so ist, wenn Identität das Ergebnis sozialer Bezogenheit ist, dann wird auch verständlich, dass und wie sehr wir auf unsere Einbettung in beständige soziale Kontexte angewiesen sind, um eine positive Identität aufrecht zu erhalten. Ebenso erscheint es dann plausibel, dass Brüche in der Beziehung zum sozialen Umfeld Labilisierungen unseres Identitätserlebens bewirken.
    Wenn unsere Selbstwahrnehmung und das durch das Umfeld gespiegelte Selbst nicht mehr zusammenpassen, dann kippt die Balance, die unser Identitätsgefühl aufrechterhält.
    - Dieser Zustand des Verlustes eines tragenden Identitätsgefühls ist das Wesen der Identitätsdiffusion.

    Diffusion von diffundere „ausgiessen, verstreuen, ausbreiten“ bedeutet dabei, dass das Identitätsgefühl zerfliesst und ein Zustand der Orientierungslosigkeit entsteht.
    Dieser Zustand begleitet bis zu einem gewissen Grade vorübergehend jede Entwicklungsschwelle mit Ratlosigkeit und Unsicherheit im Handeln und in Entscheidungen. Wir sprechen dann von phasenspezifischer Identitätskrise. Erikson hat insbesondere die Adoleszenz als eine normative Identitätskrise beschrieben. Sie wächst sich gewissermassen aus, wenn die Jugendlichen ihren endgültigen Platz in der Gesellschaft gefunden haben.
    Auch die anderen phasenspezifischen Krisen der Identität lösen sich, wenn die Betroffenen sich in ihrer neuen Lebensphase zu Recht gefunden haben.
    Die Identitätsdiffusion kann aber auch Folge einer Entwicklungsstörung sein. Dann sprechen wir von entwicklungsbedingter Identitätsstörungen um den Mangel an dauerhafter Identität zu betonen. Sie treten im Allgemeinen im Rahmen von schweren Persönlichkeitsstörungen auf und werden uns abschliessend beschäftigen.
    Zwischen phasenspezifischen Krisen der Identität und entwicklungsbedingter Identitätsstörung sind die reaktive Identitätsstörungen anzusiedeln. Es handelt sich dabei um Anpassungsstörungen mit einer Identitätsdiffusion, die durch schicksalhafte Brüche im Lebensverlauf entstehen.

    Reaktive Identitätsstörungen
    Solche Brüche sind zum Beispiel der Verlust bedeutsamer Menschen, so dass das ganze Leben sich verändert, der Verlust der Arbeit, der Heimat, Migrationserfahrungen mit kultureller und sozialer Entwurzelung, das Coming out einer nicht gesellschaftskonformen Sexualität, schwere Krankheit und Behinderung, die das Leben gleichsam auf den Kopf stellen, und schliesslich die Begegnung mit den Einschränkungen des Alters.
    Das Gemeinsame all dieser Situationen, so unterschiedlich und unvergleichlich sie im Einzelnen auch sein mögen, ist der Verlust der Verankerung als Person in einem dauerhaften mitmenschlichen und kulturellen Gefüge, das uns Halt gibt und schützt. Die Kohärenz des Identitätserlebens löst sich auf, indem das Selbst sich nun in einer Umgebung wiederfindet, die nicht mehr zu ihm passt. Damit zerbricht das Gefühl von Kontinuität als Person im Bezug zur Welt. Das Wissen um das eigene Selbst verblasst, Teilidentitäten verschwimmen und die Vorstellung vom Anderen löst sich auf. So können das Innen und das Aussen nicht mehr zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Das Integrationsvermögen versagt, das Identitätsgefühl schwindet und zurück bleibt ein entfremdetes Selbst ohne Hoffnung und Ziele.

    Ich kann diese Dynamik an einem Probanden erläutern, den ich vor Jahren zur Begutachtung gesehen habe. Ich nenne ihn Herrn K. Er war damals 52 Jahre alt, ein kräftiger, stabil wirkender Mann mit schwerem Gang. Er kam mit einem aggressiven Gebaren. Als ich ihn später darauf ansprach, erwiderte er: „Ich habe in den letzten Jahren nie von jemandem Gutes erfahren. Ich erwarte auch hier nichts Gutes.“ Seine Art zu Sprechen klang wie Schreien. Ich dachte, ein Schrei der Verzweiflung.
    K. strebte eine Berufsunfähigkeitsrente an, nachdem er seit 5 Jahren unter Depressionen, Beklemmungsgefühlen und Schmerzen litt. Er schilderte Verzweiflung und Gedanken sich auf dem Dachboden zu erhängen. Er sagte: „Es ist nichts mehr wie es war. Mein Leben hat keine Zukunft mehr. Ich kenne mich nicht mehr, weiss nicht wer ich bin und wohin es gehen soll.“
    Bereitwillig schilderte er seinen Leidensweg. „Bis zur EU“, und damit meint er die Europäische Union, „war alles gut“, sagte er. Er war nie krank gewesen, hatte ein zufriedenes Leben in einem kleinen Häuschen mit seiner Frau und zwei inzwischen erwachsenen Kindern gelebt. Er hatte über 25 Jahren bei einer Importfirma an der Grenze gearbeitet und war zufrieden mit sich und seiner Arbeit gewesen. Er war beliebt gewesen und hatte als zuverlässig und kameradschaftlich gegolten. Das hatte ihm ein gutes Gefühl gegeben.
    Dann kam der Einbruch: Mit der Union wurde seine Position überflüssig, und er wurde entlassen.
    Er fiel in ein tiefes Loch. „Anfangs war mir“, sagte er, „als würde ich allen Halt verlieren.“ Er dachte an Selbstmord.
    Dann fing er sich wieder, als ihm eine Umschulung angeboten wurde. Danach aber kam der Zusammenbruch. Er fand keinen Job. „Sie glauben nicht, wo ich mich überall beworben habe, bis hinauf nach Hamburg. Aber niemand wollte mich nehmen. Jetzt merkte ich erst richtig, was mir geschehen war.“ Er war verzweifelt. „Ein Leben ohne Arbeit kann ich mir nicht vorstellen,“ sagte er. „Man fühlt sich wie weggeworfen.“ Und schliesslich: „Ich habe keinen Boden mehr unter den Füssen. Ich habe keine Zukunft.“
    Besonders schlimm war für ihn die Abhängigkeit von seiner Frau. Sonst war er immer der Macher gewesen, jetzt fühlte er sich wie ein Kind. Nach einer langen Pause sah er mich an und sagte mit schamvollem Blick: „Wissen Sie, wie das ist, wenn die Frau einem morgens für die Zigaretten 2,50 Euro hinlegt?“
    K. hatte eine unauffällige Entwicklung durchgemacht. Er war gut mit sich und dem Leben zu Recht gekommen. Er stammte aus einer Postbeamtenfamilie. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Treue waren die prägenden Familienideale. Die Post war allgegenwärtig. In ihr fand die Familie Sinn und Zugehörigkeit. „Ich schäme mich für meine Arbeitslosigkeit“, sagte K. „Das würden meine Eltern nie verstehen.“
    Entwicklungsbedingte Identitätsstörungen
    Wenden wir uns nun zum Abschluss den entwicklungsbedingten Identitätsstörungen zu, die viele der schweren Persönlichkeitsstörungen begleiten. Sie ist das Ergebnis einer Identitätsdiffusion, die bis in die Kindheit zurückreicht, so dass kein kohärentes Selbstbild und kein tragfähiges Identitätsgefühl entstehen konnten. Die Selbstwahrnehmung bleibt widersprüchlich, die Wahrnehmung anderer Menschen unscharf und oberflächlich.
    Meistens besteht das Erleben von Fremdheit gegenüber sich selbst und anderen und ein Gefühl von andauernder Leere. In dieser Form hat Kernberg Identitätsstörungen als ein Kernphänomen der Borderline-Persönlichkeitsorganisation beschrieben.
    Bei Identitätsstörungen versagt die Organisation des psychischen Erlebens. Insbesondere widersprüchliche und gegensätzliche Wahrnehmungen über die eigene Person können nicht zu einem Gesamtbild verbunden werden. Das gilt sowohl für das Selbst im eigentlichen Sinne als auch für die nach aussen gerichteten Selbstaspekte, die die Grundlage des Identitätsgefühls bilden. Sie bilden Fragmente, die von Situation zu Situation aktiviert werden und dann das Erleben überfluten.
    Sie stiften Chaos im Innern und Orientierungslosigkeit nach aussen. Auf diese Weise wird die Identitätsstörung manifest.
    Die Identitätsdiffusion kann bei Identitätsstörungen bis zur völligen Aufgabe der eigenen Identität führen. Ersatzweise entleihen die Betroffenen sich Identitäten durch unkritische Identifizierung mit Leitbildern und Idolen. Auch die Erschaffung gefacter Identitäten, vor allem im Internet, stellt oft einen Ersatz für eine nie erreichte persönliche Identität dar.
    Mein Patient, an dem ich Ihnen die entwicklungsbedingte Identitätsstörung illustrieren will, ist Herr Z. Er kam mit 25 Jahren in meine Behandlung. Er war anfangs ein ungepflegter Mann mit schlechter Haut und Körpergeruch und wirkte trotz seiner 25 Jahre wie ein Jugendlicher. Er machte einen verlorenen Eindruck und schaute sich bei mir um wie ein gejagtes Reh.
    Er wollte eine Gruppentherapie bei mir machen, weil er unter Leeregefühlen und Lustlosigkeit litt. Er sagte: „Ich habe null Bock“. Er hatte eine Zeitlang Drogen genommen, um sich, wie er sagte, aufzufüllen. Auch mit seinem Beruf als Fotograf war er unzufrieden. Er betrachtete sich als unentdeckten Künstler. Er hatte sich allerdings nie entschliessen können, eine systematische Ausbildung zu machen.
    Er lebte in einer Wohngemeinschaft und hatte sich dort mit einer jungen Studentin befreundet. Nun spürte er, dass er sich nicht an sie binden konnte, so sehr er sich nach ihr und nach einer festen Bindung sehnte. Er fühlte sich auf der Flucht vor ihr. Er hatte mit 25 noch nie eine feste Beziehung gehabt.
    Später in der Behandlung wurde offenbar, dass er auch unter massiven Entfremdungserlebnissen litt, die er nicht für erwähnenswert gehalten hatte, weil er sie für selbstverständlich und zu sich gehörig empfand. Einmal lächelte er mich in der Gruppe an und sagte verschmitzt: „Mein Kopf ist jetzt da oben unter der Decke.“ Ich war erschrocken und sagte in meinem Schreck: „Ja, dann schauen Sie, dass wir ihn wieder herunter kriegen.“
    Z. war das Kind von Spätaussiedlern. Sie kamen nach Deutschland, als er wenige Monate alt war. Er weiss aus Erzählungen, dass er danach acetonämisches Erbrechen entwickelt hatte. Sein Vater verstarb bald an Lungenkrebs, kurz darauf die Grossmutter, und er wuchs als Einzelkind mit seiner Mutter auf. Die Mutter fand sich in Deutschland nicht zurecht.
    Sie war enttäuscht, wie sie immer und immer wieder sagte, fand keine Freunde und scheint sich nach den Verwandten in Kasachstan gesehnt zu haben. Sie sprach mit russischem Akzent. Er erinnerte sich, wie sie ihn oft als Kind auf den Knien hielt, Lieder summte und in die Ferne schaute. Später in der Behandlung sagte er: „Sie war mir da so nah und so fremd.“ Er brachte das mit seinen eigenen Fremdheitsgefühlen in Verbindung und beschrieb, wie er die Welt wie aus der Ferne erlebte. Später zogen wir eine Parallele zu seiner Fotografie und seinem Selbstkonzept: „Es ist besser die Welt aus der Ferne des Objektivs zu betrachten, als sie gar nicht zu sehen.“
    Z. war ein stilles, einsames Kind gewesen und viel mit seinen Phantasien beschäftigt. Es waren zum grossen Teil Tagträume von einer fremden fernen Welt, in der er erfolgreich Abenteuer bestand. Er las früh und viel. In der Pubertät fühlte er sich sexuell stark zu Jungen hingezogen, suchte aber nie ihre Nähe, sondern die von Mädchen, mit denen er höchst ambivalente platonische Freundschaften einging. Um sich lebendig zu fühlen, befriedigte er sich zwanghaft und exzessiv.
    Z. wollte das Abitur machen und Architekt werden. Aber er versagte in der Vorprüfung, brach die Schule ab und blieb ohne Ausbildung. Über Jobs kam er zum Fotografieren und lebte von Gelegenheitsarbeit als Fotograf ohne Ausbildung.
    Ich habe Z. über lange Jahre behandelt, erst in der Gruppentherapie, später auch einzeln. Der Behandlungsbeginn liegt Jahre zurück. Z. konnte sich an mich binden und hat noch lange den Kontakt zu mir gehalten. Er kam ein- oder zweimal im Jahr, um zu erzählen, wie es ihm nach der Behandlung ging. Seine Fremdheitsgefühle hatten sich verflüchtigt. Er hatte eine Kunstschule abgeschlossen und schrieb Essays und Gedichte. Zwei Beziehungen zu Frauen, die er inzwischen gehabt hatte, hatten nicht lange gehalten.
    Gelegentlich schrieb er mir auch Postkarten mit Fotos von Bildern, die er inzwischen malte: Aus den weiten, menschenleeren Landschaften seiner früheren Fotografien waren jetzt Gestalten geworden: Liebespaare und Madonnenbilder.
    Wie können wir uns die Entstehung von Identitätsstörungen wie der von Herrn Z. vorstellen?
    - Meistens fehlen den Betroffenen positive Erfahrungen mit sich als sozial bezogener und auch wirkmächtiger Person. Das ist das Ergebnis von misslungenen Spiegelungsprozessen in sicheren Bindungen und Beziehungen. Im Falle von Z. dürfte der Umbruch in der Familie, der zweifache Verlust und die Enttäuschung und Heimatsehnsucht der Mutter wesentlich dazu beigetragen haben, dass er nicht zu einem konsistenten Identitätsgefühl gelangte. Sein Erleben blieb von Identitätsfragmenten beherrscht, die sich gelegentlich auch verselbständigten – der Kopf losgelöst unter der Decke des Behandlungszimmers.
    Eine positive Selbst-Erfahrung als Kern einer stabilen Identitätsentwicklung blieb bei ihm aus und musste in einem mühsamen, sicherlich sehr unvollkommenen Prozess in der Behandlung nachgeholt werden.
    In solchen Fällen muss der labile Uebergangsbereich zwischen innen und aussen, zwischen Selbst und Wir durch Abschottung gegenüber dem Aussen geschützt werden. So konnte Z. die Welt nur aus der Ferne durch das Medium der Fotografie betrachten. Ist dies aber der Fall, so droht die Bewältigung der natürlichen Herausforderungen des Lebens, der der persönlichen Veränderungen und sozialen Anforderungen zu scheitern. Alte und neue Identitätsfragmente können dann nicht mehr integriert werden. Neues wird abgewehrt und im Aussen bekämpft. So verödet das Leben und erschafft lebendige Tote - wie meinen Patienten Z. am Beginn seiner Behandlung oder wie den Medizinprofessor Isak Borg in Bergmanns „Wilden Erdbeeren“.

    Schlussbemerkung
    Wir leben in einer Welt des raschen Wandels unserer sozialen Bezüge. Die klassischen Orientierungspunkte, an denen sich Identität entwickelt, Familie und Arbeitswelt, befinden sich im Umbruch.
    Strukturen und Grenzen lösen sich auf zu Gunsten einer globaleren Welt mit unermesslichen Möglichkeiten. Eine der Anpassungen an diesen immer hitziger werdenden Gesellschaftsprozess ist die Zunahme der Identitätsdiffusion und der Identitätsstörungen, die wir heute noch als Ausdruck der Psychopathologie betrachten. Aber kündigt sich hier womöglich ein neuer Sozialisationstyp an? Ist ein Leben mit Identitätsfragmenten womöglich die Ankündigung der Normalität der Zukunft?
    Noch allerdings gibt es ein Leiden an den Brüchen der Identität. Aus ihr leitet sich eine veränderte Aufgabe für uns Psychotherapeuten ab. War das Ziel unserer Behandlungen früher der Zugewinn an Autonomie, so verschiebt sich der Fokus immer stärker hin zu einer Stärkung der Identitätsarbeit: zu einer Förderung der Fähigkeit, die Balance zwischen Selbst und sozialen Entwürfen zu halten und lebenslang zu einer Neubestimmung der Antworten auf die Fragen zu gelangen:

    - Wer bin ich im Kontext meines Umfeldes?



    Jessica Benjamin: Entwicklungspsychologie, Pädagogik und Sozialisation

    Jessica Benjamin wird von Martin Altmeyer als eine Autorin gewürdigt, "die den interdisziplinären Versuch unternommen hat, »das Paradoxon des Anerkennungsverhältnisses entwicklungspsychologisch zu fundieren und den Narzissmus als Frage der Verleugnung oder Anerkennung der eigenen Abhängigkeit zu behandeln«" (Benjamin in Altmeyer 2004, S. 157)

    Nun zum konkreten Entwicklungskonzept von Jessica Benjamin:
    "Benjamin hat Entwicklungsstufen der Fähigkeit zur Anerkennung beschrieben, die es uns ermöglichen, Trennungserfahrungen als lustvolle Möglichkeiten intersubjektiver Bezogenheit zu verstehen. (...) Zwischen der Auslöschung der Differenz, der Aneignung – durch Identifikation oder Objektbesetzung – auf der einen Seite, und der Anerkennung der Trennung, die nicht als tragisches Phänomen, sondern als Lust und als Bereicherung durch die Erfahrung des Fremden erlebt wird, oszillieren die Beziehungsformen hin und her.
    Benjamin greift auf, wie Stern das frühe Wechselspiel zwischen Mutter und Kind, z.B. im dritten Lebensmonat, beschreibt, nämlich als wechselseitige Stimulierung, als frühe Form der Bezogenheit. Sie geht hier weiter und sieht einen primordialen Modus der Anerkennung am Werk. Die Mutter wird als Mutter durch die Reaktion des Säuglings bestätigt, der Säugling entwickelt ein Kernselbst gerade dadurch, dass die Mutter seine selbständigen Reaktionen beantwortet und bejaht. Die Anerkennung liegt hier ganz im Atmosphärischen oder im Affekt der Freude aneinander. Explizit, d.h. auch bewusst wird diese wechselseitige Anerkennung in der von Stern – m.E. unglücklicherweise sog. – intersubjektiven Phase, etwa im achten Lebensmonat des Säuglings. Der Säugling kann in dieser Zeit wahrnehmen, dass andere Personen ähnliche Empfindungen wie er selbst haben und dass es möglich ist, sich gemeinsam, aber von unterschiedlichen Elebniszentren her, einem Ereignis zu widmen. Stern (1992) definiert Intersubjektivität durch diese geteilte Intentionalität, die geteilten Absichten und Motive, und durch die Abstimmung im affektiven Bereich.3 Nicht nur die Fähigkeit, Perspektiven teilen zu können, ist dabei wichtig, sondern das Empfinden des Säuglings, auf dem Boden dieser Gemeinsamkeit die eigene Perspektive bestätigt zu bekommen.
    An dieser Stelle sollen nicht systematisch die weiteren Entwicklungsschritte in der Fähigkeit zur Anerkennung durchgegangen werden. Einige Hinweise mögen genügen; z.B. beruht die Auflösung des Ödipuskomplexes, wie Freud sie beschreibt, ebenfalls auf Anerkennung; sie hat damit zu tun, dass das Kind, wenn es auf die Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil verzichtet, gleichzeitig mindestens zwei Unterschiede anerkennt, den Geschlechtsunterschied und den Generationsunterschied.
    Viele andere analytischen Konzepte verweisen auf diese Dimension der Anerkennung, ohne den Begriff zu benutzen, und zeigen weitere Facetten der Anerkennung auf. Winnicotts (1963/84) Fähigkeit zur Besorgnis, concern, gehört hierher, oder die Wiedergutmachung in der depressiven Position bei Melanie Klein.
    Wiedergutmachung ist die Anerkennung der Zerstörung, die dem Objekt angetan worden ist, weil es nicht in seiner Alterität berücksichtigt worden ist. – Die intersubjektive Theorie fragt demnach nicht, auf welche Weise wir genug von den Anderen in uns aufnehmen, um uns von ihnen entfernen zu können, sondern wie der Andere uns von Anfang an ermöglicht, selbständig zu sein.
    Einssein und Trennung werden nicht als Zeitpole einer Entwicklung, sondern als paradoxes Gleichgewicht zwischen zwei Polen verstanden, das sich immer neu ausbildet. (Küchenhoff 1999, S. 198-199




    Von der Triade zum triangulären Raum

    Triadisch denkend gelang es Freud, das ödipale Dreieck zu erkennen und zu beschreiben, triadisch denkend kreierte Winnicott sein Konzept vom Uebergangsobjekt und triadisch denkend fand Abelin (1971) das Dreieck der sog. "frühen Triangulierung":

    Der Begriff „Triangulierung“ wurde von Abelin (1971) in die psychoanalytische Entwicklungspsychologie eingeführt. Abelin war Mitarbeiter von Margaret Mahler und bezog sich auf deren Modell des Loslösungs- und Individuationsprozesses in den ersten drei Lebensjahren (Mahler et al. 1975). In diesem Individuationsprozess geht es darum, dass das Kind sein eigenes Selbst in Abgrenzung zu dem der Mutter herausbildet und dass es die so entstehenden Grenzen zwischen dem eigenen Selbst und den anderen aufrechterhalten kann. Gelingt dies, so kann es Nähe und Distanz zu den Objekten regulieren und gute und böse Beziehungsanteile integrieren.
    In diesem Prozess gerät das Kind in der Mitte des 2. Lebensjahres in das von Mahler als „Wiederannäherungskrise“ beschriebene Dilemma: Das Kind hatte sich unter anderem dank seiner Fähigkeit zur freien Fortbewegung zunehmend als selbstständiger und mehr von der Mutter abgelöst erlebt, muss nun aber realisieren, wie sehr es immer noch auf sie angewiesen ist. Diese realitätsgerechtere Wahrnehmung stellt eine Bedrohung dar, da die bis zu diesem Zeitpunkt noch wenig abgegrenzte Selbst-Struktur des Kindes in der Rckwendung zur Mutter wieder mit dem Selbst der Mutter zu verschmelzen und damit verloren zu gehen droht.
    In dieser Situation bekommt nun der Vater eine besondere Bedeutung, weil das Kind mit Hilfe seiner Beziehung zum Vater Nähe und Distanz in der Beziehung zur Mutter regulieren und sich dem regressiven Sog hin zur Mutter entziehen kann. Am Beispiel des Vaters lernt es die Möglichkeit kennen, dass man sich autonom gegenüber der Mutter verhalten und die Beziehung zu ihr mit Hilfe eines Dritten regulieren kann.
    Im Konzept der frühen Triangulierung kehrt sich die von Melanie Klein beschriebene Kausalität um: Nun provoziert nicht mehr die Mutter mit dem Abstillen des Kindes dessen Hass und als Folge seine Abwendung von ihr und die Hinwendung zum Vater, sondern das Kind entfernt sich im Zuge des Individuationsprozesses aktiv von der Mutter und verliert von sich aus das Interesse an der Brust, unter der Voraussetzung allerdings, dass die Mutter es ihm erlaubt, sich dem Vater zuzuwenden (vgl. Poluda 1999).
    Quelle: Grieser, Jürgen (2003). Von der Triade zum triangulären Raum. In: Forum für Psychoanalyse 19: S.100

    Ob sich das Kind nun enttäuscht, wie Melanie Klein meinte, unter dem Druck des Separationsprozesses (Mahler) oder neugierig auf den Dritten (Säuglingsforschung) von der Mutter abwendet, so oder so geht die Erkenntnis des Kindes, dass es nicht immer die absolute Priorität bei der Mutter hat, sondern dass diese sich gelegentlich sogar mit dem Vater zusammen von ihm abwendet, mit vorübergehenden Gefühlen des Ausgeschlossenseins, Verlorenseins und der Getrenntheit von den wichtigen Anderen einher. Diese Konstellation in der inneren Welt des Kindes bezeichnete Klein als die depressive Position; sie markiert einen Fortschritt in der psychosexuellen Entwicklung des Kindes, weil es nun aushalten kann, sich als getrennt und allein zu erleben, während es diesen Zustand zuvor mit paranoid-schizoiden Mechanismen abzuwehren versuchen musste.

    Aus dieser Perspektive ist die Anerkennung des väterlichen Dritten ebenso wie die Anerkennung der Symbole eine Errungenschaft der depressiven Position, denn beides setzt voraus, dass dem Wunsch hin zu einer ursprünglichen Vollkommenheit in der Verschmelzung mit dem mütterlichen Selbstobjekt nicht nachgegeben wird. Weil das Symbol nicht das Symbolisierte sein kann, beinhaltet die Anerkennung des Symbols notwendigerweise eine Distanz zum Symbolisierten.
    (...)
    Im Dreieck herrscht also eine Dialektik von An- und Abwesenheit: Diese Dialektik von An- und Abwesenheit fördert die Entwicklung. Auch die Bindungstheorie zeigt, dass eine sichere Bindung nicht wegen der ständigen Anwesenheit der primären Bezugsperson entsteht, sondern wegen der Gewissheit, dass die Pflegeperson grundsätzlich zur Verfügung steht, auch wenn sie nicht ständig anwesend ist. Dies führt Shulman (1997) zu der überraschenden Vermutung, dass das, „was wie väterliche Gleichgültigkeit oder Abgehobensein wirkt, in Wirklichkeit ein Anreiz für die Loslösung des Jugendlichen sein“ könnte (S. 329), da die Distanz zum Vater Raum für den Jugendlichen schaffe, seine Individualität auszuleben.
    Quelle: Grieser, Jürgen (2003). Von der Triade zum triangulären Raum. In: Forum für Psychoanalyse 19: S.105–106



    Dialektische und Relationale Narzissmus-Psychotherapie mit Kindern, Paaren und Gruppen

    Kinder und Jugendliche: Prävention gegen das Entstehen künftiger Egoisten ohne Empathie und Rücksicht

    Erfolgreich, glücklich, fürsorglich - so wünschen Eltern sich ihre Kinder. Doch eine Studie aus den USA zeigt, dass eine Generation leistungshungriger Egoisten heranzuwachsen droht. Psychologen geben Tipps für eine bessere Erziehung.

    Mehr als 10.000 Schüler hatten die Wissenschaftler in den USA befragt. Sie wollten wissen, was den 12- bis 18-Jährigen am wichtigsten sei: für andere da zu sein, gute Leistungen zu erbringen oder sich glücklich zu fühlen? Das Ergebnis findet Studienleiter Richard Weissbourd von der Harvard University in Cambridge "ernüchternd": Nur 20 Prozent der Schüler fanden es am wichtigsten, sich um ihre Mitmenschen zu kümmern. Für die Hälfte zählte dagegen vor allem Leistung, für weitere 30 Prozent das eigene Wohlbefinden.

    Weissbourd sorgt sich, "dass die Waagschale der Werte unserer Jugendlichen zu stark ins Ungleichgewicht geraten ist". Für eine Ursache hält er keineswegs die Vernachlässigung der Kinder, die oft angeprangert wird, sondern das Gegenteil: sogenannte Helikopter-Eltern, die ihre Kinder überbehüten, alle eigenen Bedürfnisse denen des Nachwuchses unterordnen und dessen Erfolg und persönliches Glück über alles andere stellen.

    Dabei ergeben Studien regelmässig, dass Charakterstärke, Ehrlichkeit und Freundlichkeit für Eltern ganz oben auf die Liste der Eigenschaften stehen, die sie ihren Kindern mitgeben wollen. Doch beim Nachwuchs kommt offenbar eine andere Botschaft an. 80 Prozent der in Weissbourds Studie befragten Teenager glauben, dass Leistung und persönliches Glück den Eltern wichtiger sind als freundliches Verhalten gegenüber anderen.

    "Wenn Eltern ihren Kindern sagen, dass es nur darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein, dann aber während des gesamten Abendessens über das neue Auto der Nachbarn oder die Stipendien der Schulkameraden sprechen, merken Kinder natürlich, welche Botschaft wirklich zählt", sagt die Psychologin Madeline Levine, die nicht an der neuen Untersuchung beteiligt war. "Die meisten Eltern wollen zwar freundliche und verantwortungsbewusste Kinder, haben aber Angst, dass ihrem Nachwuchs Nachteile drohen, wenn Leistungsbereitschaft nicht ständig in den Vordergrund gestellt wird."

    Was also tun? Weissbourds Team vom "Making Caring Common"-Projekt der Harvard University gibt Eltern vier Tipps für die Erziehung:

    1. Fürsorge praktizieren
    "Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit auszudrücken und auf andere Menschen zuzugehen, kann man genauso üben wie Hausaufgaben oder ein Instrument", sagt Weissbourd.
    Das können Eltern tun:
    Verantwortung übertragen, z.B. für tägliche Hilfe im Haushalt oder Hausaufgabenhilfe für Mitschüler, Engagement fordern und fördern, etwa in gemeinnützigen Projekten, Raum für Dankbarkeit schaffen, beispielsweise als Ritual beim Tischgespräch oder zu besonderen Anlässen.

    Das sagen andere:
    "Um jungen Leute zu einfühlsamen und verantwortungsbewussten Bürgern zu erziehen, ist nichts wichtiger, als ihnen regelmässige Gelegenheiten zu geben, Fürsorge und Hilfsbereitschaft selbst zu praktizieren", sagt Roger Weissberg von der University of Chicago.

    2. Neue Perspektiven üben
    Fürsorglichkeit steht und fällt mit der Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Auch das will geübt werden, erklärt Weissbourd. Sein Team empfiehlt, sowohl das "Heranzoomen" an die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu trainieren, als auch das "Herauszoomen", also den Blick auf Menschen, die man im Alltag oft übersieht.
    Das können Eltern tun:
    - auf Höflichkeit im Umgang mit Fremden bestehen, ihre Kinder dazu ermuntern, neuen Nachbarn oder Klassenkameraden das Einleben zu erleichtern, über die Gefühle und Bedürfnisse Dritter sprechen, etwa anhand von Zeitungsartikeln, Büchern oder Filmen.

    Das sagen andere:
    "Eltern müssen sehr aufpassen, was sie an ihre Kinder kommunizieren, wenn es um Werte geht", sagt Jean Twenge, Autorin des Buchs "Generation Me". "Wer deutlichmachen will, dass Freundlichkeit und Fürsorge gegenüber anderen wichtig sind, muss den Blick regelmässig vom eigenen Nabel weglenken."

    3. Werte konsequent vorleben
    "Eltern müssen das, was sie predigen, natürlich auch selbst praktizieren", sagt Weissbourd.
    Das können Eltern tun:
    - den eigenen Kindern zuhören, fair bleiben, sich für die Kinder nachvollziehbar für Andere engagieren.

    Das sagen andere:
    "Eltern sollten in der Zeit mit ihren Kindern bewusst Themen und Aktivitäten den Vorzug geben, die Empathie und Fürsorge für andere stärken", sagt Psychologin Levine . "Redet nicht über Noten oder materielle Wünsche; das hören die Kinder sowieso schon den ganzen Tag."

    4. Kindern dabei helfen, mit negativen Gefühlen klarzukommen
    "Sich schlecht zu fühlen, ist okay, aber Kinder müssen lernen, mit diesen Gefühlen so umzugehen, dass sie dabei andere nicht verletzen", sagt Weissbourd.
    Das können Eltern tun:
    - mit Kindern Techniken üben, die man in einer emotionalen Krise einsetzen kann - zum Beispiel fünf tiefe Atemzüge, bevor man in einer aufgewühlten Situation antwortet, ethische Fragen in Familiengesprächen thematisieren.
    Das sagen andere:
    "Eltern sollten vor allem selbst sensibel mit den Gefühlen ihrer Kinder umgehen", meint Alfie Kohn, Autor des Buchs "Der Mythos des verwöhnten Kindes". "Kindern, die sich darauf verlassen können, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse respektiert werden, fällt es leichter, dies auch anderen gegenüber zu tun."
    Die Arbeit an der Nettigkeit lohnt sich - davon sind die Experten überzeugt. "Kinder, denen Fürsorge für andere wichtig ist, wachsen zu empathischen Erwachsenen heran", sagt Jean Twenge. Das fördere übrigens auch den von vielen Eltern angestrebten beruflichen Erfolg ihrer Kinder: "Sie sind glücklicher, und ihr Einfühlungsvermögen öffnet ihnen im Beruf viele Türen."

    Quelle:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/erziehung-psychologen-sagen-wie-kinder-erfolgreich-und-nett-werden-a-984950.html

    Mehr auf SPIEGEL ONLINE:
    Psychologie: Helikopter-Eltern sind glücklicher (04.11.2013): http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psychologie-helikopter-eltern-sind-gluecklich-a-931209.html
    Lobgesang einer behüteten Tochter: Danke Mama, danke Papa (12.08.2013): http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/helikopter-kinder-es-geht-uns-wunderbar-a-915552.html
    Kinder-Psychologie: Zu viel des Guten (14.08.2013): http://www.spiegel.de/schulspiegel/helikopter-eltern-wie-ueberbehuetung-den-kindern-schaden-kann-a-915507.html
    Ueberbehütete Kinder: Ich bin ein Helikopter-Papa (15.08.2013): http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/helikopter-eltern-ja-ich-bin-ein-rettungshubschraubervater-a-916330.html

    Mehr im Internet:
    Die Studie über glückliche Helikopter-Eltern: http://spp.sagepub.com/content/early/2013/03/13/1948550613479804.full.pdf
    Leistungshunger und Egoismus: Umfrage von Weissbourds Team: http://sites.gse.harvard.edu/sites/default/files/making-caring-common/files/mcc_report_7.2.14.pdf
    "Making Caring Common"-Projekt: http://makingcaringcommon.org




    Literatur zu Entwicklungspsychologie, Identität und Bezogenheit:
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