Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, ErlebenMarkus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe
für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39
e-mail: praxis-frauchiger@bluewin.ch
Homepage: http://www.psychotherapeut-bern.ch

Das doppelte Selbst und die Agonie des Realen

Vom digitalen Narzissmus zum analogen Selbst - Wirklichkeitskonzepte für Psychotherapie und Gesellschaft

Markus Frauchiger, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf und Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

Selfie, Narzissmus, Smartphone, Fake, Real, Lacan, Blick, visuell, digital, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

- EINLEITUNG: Die Dimensionen "Struktur & Dynamik"
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- RELATION: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren anerkennender, relationaler Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



Zusammenfassung - Summary:

Dies ist der Versuch, das Zusammenspiel 'analoger und digitaler Selbstzustände' zu beschreiben und daraus eine postmoderne Narzissmustheorie aus dialektisch-systemischer Sicht zu entwickeln, einen tertiären Narzissmus zu postulieren, der nur in einer medial überspannten und neoliberal bewirtschafteten und technisch-entfremdeten Gesellschaft entstehen kann.
Ausgehend von den beiden als universell postulierten 'Aggregatszuständen', dem Digital-Narzisstischen und dem Analog-Resonanten werden wir eine Reise unternehmen in spannende wissenschaftliche und populäre Themengebiete, immer auf der Suche nach diesem dialektischen Zusammenspiel der zwei Grundpolaritäten in den verschiedensten Ausprägungen: analog vs. digital, Struktur vs. Dynamik, innen vs. aussen, Demokratie vs. Autoritarismus, visuell vs. auditiv, Naturwissenschaft vs. Geisteswissenschaft, Technik vs. Natur, Reales vs. Imaginäres etc. etc.
Mithilfe zahlreicher AutorInnen, Theorien, Konzepten und Methoden wie u.v.a. der Lacan'schen, der Baudrillard'schen und der McLuhan'schen Sichtweise wird unser anfänglich noch verschwommenes Narzissmus- und Selbst-Konzept immer konkreter und angewandter werden, sodass es zum Schluss sogar möglich wird Aussagen zur Re-Demokratisierung einer immer autoritärer werdender Welt im Kollektiven und zu einer 'Dialektischen Psychotherapie' narzisstischer Seinszustände im Individuellen zu machen und konzeptbildend ein handliches Werkzeug dazu zu entwickeln.

Nachdem im ersten Teil v.a. das Narzisstische Prinzip in Gesellschaft und Individuum dargestellt wird, entwickle ich als dialektisches Gegenstück dazu im zweiten Teil Konzepte zu einem 'resonanten und relationalen Selbst', welches nach innen und nach aussen wirkt und überzeugt ohne manipulativ und überangepasst ein selbstbewusstes 'Sein statt Schein' lebt und in Bezogenheit auf seine Umwelt ein 'Gleichgewicht des Selbstwertes' immer wieder neu und dynamisch sucht und so in Anerkennung des und der Anderen 'relational und regulierend' eine Philosophie von 'Mass und Mitte' lebt und mitmenschlich vorlebt.

Nebst Konzepten aus der psychoanalytischen, systemischen, kognitiv-behavioralen und humanistischen Psychologie und Psychotherapie beziehe ich auch und v.a. Erkenntnisse aus Nachbarwissenschaften wie u.a. der Soziologie, der Pädagogik und der (Sozial-)Philosophie mit ein, aber auch Kunstgeschichte, Medien- und Literaturwissenschaften und sogar Technik, 'Life Sciences', Physik und Hirnforschung werden herangezogen um dieses Konzept des 'Digital-visuellen Narzissmus' in der nötigen Tiefe zu begründen und darzustellen.
Ich werde das Rad selbstverständlich nicht neu erfinden, sondern zahlreiche Befunde und Konzepte zusammentragen und ordnen, mit eigenen Hypothesen ergänzen, wo nötig "ins 21. Jahrhundert übertragen" und um neuere Phänomene wie z.B. Digitalisierung, Big Data und den Selfie-Kult ergänzen und so für ein breiteres (Fach-)Publikum aufbereiten.
Somit werden nebenher zahlreiche (Buch-)Perlen aus verschiedenen Disziplinen bekannter und für einen breiteren Diskurs in Form dieser Veröffentlichung kostengünstig und niederschwellig besser zugänglich werden. Der Nebeneffekt einer durchs Recherchieren entstandenen umfassenden Online-Materialsammlung soll nebst den therapeutisch Tätigen auch für u.a. PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen aus z.B. der Wirtschaft und der Verwaltung im Blick auf einen verbesserten Zugang zur Psychotherapie für alle Bevölkerungsschichten zur freien Verfügung stehen.

Die Konzeption eines 'tertiären Narzissmus der Postmoderne' erachte ich übrigens für dringend notwendig aufgrund zahlreicher Beobachtungen und Befunde aus meiner 20-jährigen Praxistätigkeit, wo zunehmend "narzisstische Tendenzen" festzustellen sind, wie u.a. im dritten Kapitel begründet werden wird.
Als seit 1997 in verschiedensten Institutionen und seit 2008 in eigener Praxis tätiger Psychotherapeut in Bern stelle ich oft fest, dass Aspekte des Sozialen, des Kontextes, der Technik ("Internet-Surfen", sog. 'Soziale Medien', Smartphone-Gebrauch, Medien-Konsum im Allgemeinen etc.), der fehlenden Anerkennung und anderer Entfremdungsdynamiken in und mit der Um- und Lebenswelt sowie der 'Weltbeziehungen' (Rosa 2012) in der real-existierenden und praktizierten Mainstream-Psychotherapie aber auch in der Theoriebildung m.E. zuwenig berücksichtigt werden.

Als grosse dialektische Klammer, um all diese heterogenen Themen wie Anerkennung, Triangulierung, Resonanz, Entfremdung, Anomie, Sozialcharakter einerseits aber auch Esoterik, Antisemitismus, Religions-, Kapitalismus- und Wachstumskritik u.v.a.m. andererseits, zusammenzuhalten, soll eine neu gewichtete und situierte (in einer sog. 'Psychotherapie-Wissenschaft') Narzissmus-Konzeption (sog. 'Regulation in Relation') einerseits, aber auch eine 'Dialektische Psychotherapie'-Konzeption andererseits, dienen, welche sich einerseits nahe an Ovids Metamorphosen ("Narcissus und Echo") orientiert (v.a. um das Visuelle am Mythos neu zu bewerten), andererseits zahlreiche Erkenntnisse anderer sozialpsychologisch und -philosophisch argumentierender AutorInnen miteinbezieht, sodass das Verbindende und Aehnliche zwischen den genannten Disziplinen betont wird und so eine Erweiterung und Fruchtbarmachung für eine breit fundierte Psychotherapie-Wissenschaft (PTW) erreicht werden kann.




Die hier vorgestellten Modelle und Konzepte ergänzen die eher hermeneutisch-verstehende, begegnungsorienterte Psychotherapie, welche ich in früheren Texten aus der Jahrhundertwende (Frauchiger 1994, 1997, 1998 sowie 2002) bereits dargelegt habe; hiermit kommt zum bisherigen relationalen, humanistischen, eher geisteswissenschaftlichen Ansatz (im neuen Modell durch eine waagrechte, Dynamik repräsentierende X-Achse dargestellt) eine regulierende, an v.a. Kognitionen und "Embodiment" orientierte rationalere, eher naturwissenschaftliche Sichtweise, dargestellt auf der vertikalen (y), Struktur-Achse, hinzu.

Einen weiteren Schwerpunkt und wichtiges Anliegen dieser Arbeit bildet die Frage nach der Echtheit/Ehrlichkeit/Offenheit von Menschen und Systemen und der weiteren Frage ob und wie denn dem im ersten Teil als narzisstisch analysierten "Unechten/Künstlichen/Scheinbar-Echten" etc. gesellschaftlich zu begegnen ist und welche gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen die indivuelle Narzissmus-Bereitschaft möglicherweise begünstigt haben und aktuell z.B. in der "Selfie-Produktion" und den populistisch-simplen Hass-Postings auf u.a. Facebook medial sichtbar werden.

In dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, dass der „Narzissmus“ auch als eine Störung des bio-psycho-sozialen Gleichgewichts dargestellt werden kann. Gemeint ist also weniger der in ICD und DSM mit Symptomen definierte Narzissmus in Form der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) sondern vielmehr eine allgemein-menschliche Bereitschaft zu unempathisch-simplifizierenden, rücksichtslosen Erlebens- und Verhaltensweisen, womit wir wieder beim anfangs postulierten 'narzisstischen Aggregatszustand' angelangt wären.

Diese Regulation des Selbst wie ich es nenne, wird in mehreren Modellen dargestellt und als Grundkonzept menschlichen Erlebens und Verhaltens begründet mithilfe eines bunten Strausses an Quellentexten aus Fachbüchern, wissenschaftlichen Artikeln, aber auch aus Ratgebern und Belletristik sowie aus der Tages- und Wochen-(Fach-)Presse.

Die Selbstwertregulation findet demnach an zahlreichen Schnittstellen statt: einerseits als REGULATION gewissermassen „im“ Menschen drinn in Form von Konflikten zwischen biologischen Trieb-Anforderungen des ES und dem verinnerlichten Wertesystem des Ueber-Ich, wie das Freudsche Strukturmodell sehr schön darstellt - andererseits aber auch RELATIONAL zwischen dem Individuum und der Gesellschaft bzw. der Mit- und Umwelt ganz allgemein, wozu auch die Ressourcen der Natur und das real existierende ressourcenzehrende Wirtschaftssystem gehören.

Auf zahlreicher Literatur basierend, v.a. auf der sozialphilosophischen Anerkennungstheorie (Honneth 1994) und ihren Anwendungen in der Psychoanalyse (u.a. Benjamin 1990, 2004, Grimmer 2006), postuliert der Autor in einem ersten Schwerpunkt (dargestellt in den Kapiteln mit geraden Zahlen) ein vom Individuum immer wieder neu zu erlangendes „prekäres Gleichgewicht“ des Narzissmus (als Selbstwertregulation); kontextbedingt pendelnd und suchend zwischen den Polen Symbiose (Abhängigkeit, Bezogenheit, Gegenseitigkeit, Anerkennung) einerseits und Solipsismus (Unabhängigkeit, Isolation, also Narzissmus im eher triebtheoretischen Sinne, vgl. Freud, Kernberg u.a.m.) andererseits.
In der langjährigen Arbeit mit Menschen mit narzisstischen Problematiken ist eine immerwährende „Regulation“ (Coping mittels Leistungserbringung, Liebesbeweisen etc., im Spektrum Idealisierung vs. Abwertung bzw. Depression vs. NPS/Soziopathie) „in (non-)Relation“ (Coping im Spektrum schamhafter sozialer Rückzug vs. Wut, Gewalt bzw. Opfer vs. Täter; Therapieziel: Beziehung/Bezogenheit, also Achtsamkeit ermöglichen) festzustellen.

In einem zweiten Schwerpunkt (als alternierende Themenkomplexe mit ungeraden Kapitelnummern strukturiert) versucht der Autor auf der Grundlage extensiver Literatursichtungen und auch exemplarisch aufzuzeigen ob und wie sich Narzissmus kollektiv auswirkt (z.B. als Esoterik, Propaganda und Populismus) um so dem Küstlichen bzw. dem Echten auf die Spur zu kommen und was dagegen bzw. dafür getan werden kann (im Sinne von Charles Taylor, Hartmut Rosa und Axel Honneth: Anerkennung, Resonanz, Fülle und Tiefe in einer multikulturellen Demokratie).

Welche Auswirkungen haben nun die Befunde aus den beiden Schwerpunkten für die Theorie und Praxis der Psychotherapie von Einzelnen, Paaren und Systemen?

In einem dritten und letzten Schwerpunkt entwickle ich als Moderator/Autor eine auf dem Haupt-Wirkfaktor der Therapiebeziehung und der Intersubjektivität aufbauende Methoden-integrierende „Dialektisch-Relationale Psychotherapie“ (vgl. auch Mitchell 2003), wo allgemeine (common-factors, vgl. Frauchiger 1997, Blaser et al. 1992, Grawe 2005) sowie humanistische, systemisch-kybernetische und auch psychoanalytische Konzepte (u.a. das Mentalisieren, Fonagy et al.) eine sowohl integrierende als auch indikationsspezifische Rolle spielen.
Aus der Erfahrung von 20 Jahren psychotherapeutischer Praxis in verschiedensten Settings sowie unter Hinzunahme obiger Quellen wird das vom Autor entwickelte Konzept des „Narzissmus im Gleichgewicht“ ergänzt durch eine eigene „Praxis der Dialektischen Psychotherapie“ (vgl. Kap. 10 und eine geplante Buchveröffentlichung ca. 2020).

Stichworte: Narzissmus, Anerkennung, „relational turn“, Triangulierung, Begehren, Bindung, Resonanz, Gleichgewicht, Spektrum, Paradoxon, Dialektik, Relationale, Psychotherapie, Psychoanalyse, Intersubjektivität, Mentalisieren, Populismus, Psychopathie, Esoterik, Skeptiker, Macht, Scham, Wut, Depression



Hinführung

Von der "Kunst ein Egoist zu sein" (Buchtitel aus den 70er Jahren) zur "Kunst KEIN Egoist zu sein" (Buchtitel aus den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts) und umgekehrt!

Das "Helfersyndom" (Buchtitel und Schimpfwort aus den 70er Jahren) ist weitgehend verschwunden und hat dem hedonistischen Konsum-Narzissmus, dem autistischen Pseudo-Selbst, welches nur noch virtuell-spiegelnd mit anderen Menschen verbunden ist, platzgemacht: Autonomie und Freiheit sind zwar gewachsen, gleichzeitig sind Zusammengehörigkeitgefühl, Anerkennung des Anderen sowie die resonante, sinnliche Bezogenheit zum Mitmenschen geschwunden und zunehmend in ein Ungleichgewicht geraten.

Gerade wegen dieser narzisstischen Entgleisungen möchte ich für einen gesunden Narzissmus und Selbstwert eine Lanze brechen und in einem ersten Teil einer Synthese bestehender Konzepte für eine umfassende Revision des Begriffs NARZISSMUS plädieren: Regulative Strukturelemente aus der Triebtheorie Freuds und Kernbergs stehen in Wechselwirkung mit relationalen dynamischen Faktoren der Intersubjektivität, welche der Philosophie von Hegel bis Honneth, der Soziologie und Sozialpsychologie von Parsons bis Mead sowie Strömungen aus innerhalb der Psychoanalyse (Ferenczi, Balint, Winnicott, Bowlby bis Jessica Benjamin und Peter Fonagy) entstammen.

Ein ganz zu Beginn präsentiertes sehr einfaches und allgemein gehaltenes dialektisches Modell mit den Achsen Senkrecht und Waagrecht bzw. Struktur und Dynamik bzw. Selbst und Andere usw. begleitet uns durch alle Kapitel hindurch, sei es um einen Spannungs-Raum zu öffnen bzgl. individuellen Themen (z.B. Narzissmus vs. Altruismus) oder gesellschaftlich relevanten Themen wie z.B. Fragen der Anerkennung, Demokratie, Konsum, Gerechtigkeit, Rechtsprechung, Moral, Ethik und Würde.

In einem Zweiten Teil, sozusagen über den Narzissmus hinausgehend, versuche ich aufzuzeigen, dass der lediglich aus Spiegelung und Aufmerksamkeit bestehende Selbstwert schnell zu entgleisen droht in ein von Werbung, Konsum und Esoterik umzingeltes "'Falsches' bzw. digitales Selbst", welches Theater spielend schnell mal von Sinnen gerät und die auf Wachstum programmierte Bühne des Hochleistungssports namens Erwerbsarbeit mit der geruhsamen, gelassenen und Mensch und Natur achtenden und anerkennenden Realität des "wahren Selbst" verwechselt.
Die Kunst des Hin- und Her-Wechselns zwischen den beiden "Aggregatszuständen", zwischen Performanz und Resonanz ist eine schwierige Herausforderung und moderne Psychotherapie sollte auf beiden Ebenen Erkenntnisgewinne bzw. Handlungsanleitungen bereitstellen. Eine dazu passende relationale, anerkennende und Resonanz suchende integrative Psychotherapie wird im letzten Kapitel sowie einem weiteren Buch (Arbeitstitel: 'Dialektische Psychotherapie') vorgestellt.

Ein Zitat soll als zusammenfassende Ausgangssituation dieser Arbeit dienen - dem Kontext in dem wir leben, also der ökologischen Um- und Mitwelt:
"Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappsten Ressourcen aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit. Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen. Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit Glück." (Niko Paech in der schweizer Zeitschrift "Zeitpunkt" Nr. 112)


Und nun wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Erkenntnisgewinn, aber auch viel Spass und Vergnügen auf dieser Reise durch viele verschiedene Wissensgebiete, diverse vom Autor sorgfältig ausgewählte und kommentierte Originaltexte aus vielen Disziplinen der Wissenschaft, wo die Psychoanalyse und die Sozialphilosophie als "Hauptfächer" immer wieder didaktisch-strukturierend als Drittes, als Dazwischen und als verbindener Raum einen hoffentlich roten Faden bilden werden.

Markus Frauchiger, lic.phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, CH-3012-Bern, praxis-frauchiger@bluewin.ch


1. EINLEITUNG: Die Dimensionen "Struktur & Dynamik"

TEIL I: Paradigmen, Menschenbilder und Wissenschaftstheorie TEIL II: Strukturmodelle in der Psychologie TEIL III: Von der Moderne zur Postmoderne: Systemtheorie, Konstruktivismus und Dekonstruktion

TEIL I: Paradigmen, Menschenbilder und Wissenschaftstheorie

Anknüpfend an eigene Ueberlegungen ("Forschung und Metatheorie - Anmerkungen zu wissenschaftstheoretischen Postionen" 1998) welche ich im Anschluss an meine Lizentiatsarbeit ("Psychotherapeutische Modelle und ihre Wirkfaktoren" 1997) angestellt habe, beginne ich dieses Buch mit der Präsentation wichtiger (Meta-)Theorien und Methoden um das Feld zu bestellen, worauf in den nachfolgenden Kapiteln die Saat einer eigenen Narzissmus- und Psychotherapie-Konzeption, gedeihen und wachsen soll.

Es folgt nun, das Thema von damals weiterführend, ein leicht bearbeiteter Auszug aus Frauchiger 1998:
Ludwig Wittgenstein (1960) diagnostizierte eine „Begriffsverwirrung“ innerhalb der Psychologie. Ein Grund dafür sind die stark differierenden Erkenntnisweisen von Natur- und Geisteswissenschaften.
Wilhelm Dilthey (1894) [ein Deutscher, deshalb "diltei" ausgesprochen] hat die einflussreiche Formel geprägt:
„Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“.
Wilhelm Wundt, der Begründer der modernen Psychologie, ging ebenfalls von einer Zweiteilung unseres Faches aus (bei ihm: die physiologische vs. die sog. Völker-Psychologie). Erst später, durch den Einfluss des amerikanisch-russischen Behaviorismus, wurde die positivistische, naturwissenschaftliche Wissenschaftsauffassung auf die gesamte Psychologie übertragen. Diese „Vereinnahmung“ dauert trotz „Kognitiver [und emotionaler] Wende“ bis heute an.

Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Das Descart’sche Maschinen- bzw. (post-modern ausgedrückt: Computer-)Modell impliziert eine Zerlegbarkeit des Menschen in messbare Variablen. Diese Sichtweise favorisiert logischerweise ein empirisch-nomothetisches Vorgehen, wie es sich in immer raffinierteren statistischen Methoden heute an den meisten Universitäten als Fach Psychologie scheinbar abschliessend darstellt.
Es gibt aber ein grundsätzlich anderes, dazu komplementäres, dialektisches [s.u.] Wissenschaftsverständnis:
Die Hermeneutik basiert auf der viel weiter in die Menschheitsgeschichte zurückreichenden Tradition des Naturverstehens durch „Zeichendeutung“, wie sie z.B. Jäger und Medizinmänner praktiziert haben. Die Natur ist nach dieser Auffassung ein Buch, dessen Wörter und Sätze der Kundige auf der Grundlage seines Erfahrungswissens lesen und auslegen kann. Die Bedeutung eines Zeichens erschliesst sich nicht aufgrund von mathematischen Gesetzen, sondern durch den Zusammenhang, in dem es steht [vgl. hierzu das Synergetik-Kapitel weiter unten].
Es wird eine Zirkularität postuliert: zwischen dem Ganzen und dem Detail, aber auch zwischen Erkenntnisobjekt und Erkenntnissubjekt. Diese Interpretationen sind zudem geschichtlich bedingt, wie Gadamer (1960) lehrt. Wie in einem Zerrspiegel (geschichtlich-sprachliche Deutungsmuster) nehmen wir die Umwelt und uns selbst wahr. Gemäss Gadamer können wir aber durchaus unsere Grenzen des Erkennens im Austausch mit dem Erkenntnisgegenstand schrittweise erweitern - ohne dass aber jemals eine geschichtslose, „objektive“ (wie sie der Positivismus postuliert) Erkenntnis erreichbar wäre (vgl. Legewie/Ehlers 1992 S.16-29).

Die Abbildung rechts (aus Legewie/Ehlers 1992 S.18) stellt die beiden grundsätzlichen Formen von Wissenschaftsauffassung einander gegenüber:
Quellen:
Frauchiger, M. (1998). Wissenschaftstheoretische Ueberlegungen zu Metatheorien in der Psychotherapie. Online: http://www.psychotherapeut-bern.ch/metatheorie.htm
Legewie, Heiner; Ehlers, Wolfram (1992). Knaurs modeme Psychologie. Neu bearbeitete und wesentlich überarbeitete Ausgabe. München: Droemer Knaur.

Grundlagenforschung, Alltagspraxis, Generic, Model, Psychotherapy, Orlinsky, Howard, Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Noch kürzer formuliert kann die Gegenüberstellung der beiden Paradigmen so bezeichnet werden:
- Nomothetik als Regulationsdimension (y-Achse): Naturwissenschaften inkl. Medizin und Psychiatrie

Hierher gehören nebst der Quantifizierbarkeit (Popper 1972) auch Begriffe wie u.a. Struktur, Ordnung, Präzision, Messung, Maschinenmodell und Autorität, vgl. Kapitel 2-4 in diesem Buch

- Idiographik als Relationale Dimension (x-Achse): Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften
Hierher gehören nebst dem Qualitativen Paradigma (Thomas Kuhn 1976) auch Prozess, Dynamik, Intuition, Resonanz, Relation, Dialog und Demokratie etc., vgl. Kapitel 5-9.

Obige Ausführungen ergeben in einer Gegenüberstellung der zwei zunächst unversöhnlich erscheinenden Philosophien des Erklärens bzw. des Verstehens (Dilthey u.a.) die Darstellung eines Koordinatensystems, bestehend aus zwei sich dialektisch (!) kreuzenden Dimensionen bzw. Achsen.

"Richtig vs. falsch" oder "Innen vs. Aussen" oder "Analog vs. Digital"?

Man Ray
Man Ray "Gräfin Casati" 1928 © Man Ray Trust, Paris/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Wenn Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, sich "innen und aussen" als "links und rechts" auf der x-Achse eines Koordinatensystems vorstellen und "analog und digital" als "oben und unten" (y-Achse), haben Sie bereits eine erste "Kürzestformel" dieses Buches grafisch vor Augen.
Falls Ihnen dieses solcherart entstandene "Fadenkreuz" (Grafiken dazu im 1. Kapitel) noch wenig sagt, was ich gut verstünde, werden Sie in diesem Buch Kapitel für Kapitel immer näher an diesen im Kern simplen Grundgedanken einer Narzissmus- und Selbstkonzeption herangeführt.
Die Konzepte und Methoden welche ich Ihnen im folgenden vorstellen und nahelegen möchte, sollen einfach zu handhabende Werkzeuge sein, sowohl für PraktikerInnen wie auch für wissenschaftlich tätige KollegInnen. Falls jemand empirische Untersuchungen dazu vornehmen möchte, würde mich das sehr freuen. Ich selber habe leider die Zeit (übervolle Praxis plus Familie) und das Geld (bin leider kein Königssohn..., habe auch keinen Mäzen...) dazu nicht, hätte aber Ideen zu Methodik und Durchführung solcher Studien. Kontakt: praxis-frauchiger@bluewin.ch

In neuerer Zeit findet sich dieses "Fadenkreuz" der beiden sich ergänzenden "Welten" u.a. wieder bei Gödde und Buchholz (2012) in ihrem monumentalen Zweibänder "Der Besen mit dem die Hexe fliegt - Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten", auf insgesamt 1354 Seiten...:
Der Besen entpricht im metaphorischen Bild der beiden renommierten Professoren dem oben kurz beschriebenen nomothetischen, quantitativ-messenden Zugang zu den Phänomenen, welche v.a. die universitäre, Steuergeld-alimentierte Forschung untersucht, währenddem die Hexe (an Freuds "Hexe Metapsychologie" erinnernd) als Symbolbild für die idiografischen, qualitativ-hermeneutischen Zugänge steht bzw. fliegt, im Sinne von lebendig-sinnlichem, erspürenden, in Resonanz (Kap. 8) und Relation (Kap. 6) stehenden Forschens und In-der-Welt-Seins.

Eine Synthese dieser beiden, m.E. in einem dialektischem Verhältnis (s.u.) stehenden Zugänge liest sich in der Metaphern-Sprache von Buchholz und Gödde so:
Gödde und Buchholz beschreiben die hier auch von mir und bereits im Artikel "Anmerkungen zu den Metatheorien" von 1997 vertretenen Thesen so treffend und sprachlich elegant, dass ich mir erlaube ein paar längere Auszüge (mit eigenen Hervorhebungen und Zwischentiteln) aus diesem m.E. unterschätzten und leider wenig beachteten interdisziplinären Werk wiederzugeben:

'Gestaltsehen' und Paradigmenwechsel

Die wissenschaftliche Psychologie

"Sie bewegte sich einerseits in der Polarität zwischen einer Psychologie des Bewussten und des Unbewussten, andererseits in der Polarität zwischen einer naturwissenschaftlich-nomothetisch-obiektivierend-erklärenden und einer geisteswissenschaftlich-idiographisch-subjektivierend-verstehenden Wissenschaftsauffassung. Auch in der Psychologie kam demnach das viel diskutierte Problem der »Zwei Kulturen« (Snow 1967, Kreuzer 1987, Wuchterl 1997, Kap.4), der naturwissenschaftlich-technischen und der geisteswissenschaftlich­humanistischen Kultur, voll zum Tragen. Erst viel später entdeckte man die Dimension der Sozialität.
Die naturwissenschaftlich-szientifische Forschungsrichtung hat in der Psychologie mit einem Basisproblem zu ringen, das man als Dekontextualisierung ihres Forschungsgegenstandes bezeichnen kann. Für experimentelles Vorgehen ist es notwendig, komplexe Sachverhalte in analytische Einheiten aufzuteilen und zu diesem Zweck weitgehend auf die Berücksichtigung des konkreten Kontextes zu verzichten. Aber nicht nur vom Kontext, sondern auch »in einer überaus einschneidenden Weise vom erlebenden Subjekt« wird abstrahiert (Jüttemann 2010 S.14). Wurde der Forschungsgegenstand - Menschen in ihrer Lebendigkeit, Subjektivität und Sozialität - entsprechend dieser »Abstraktionen« eingeengt, so räumte man nach und nach der Forschungsmethode Priorität ein. Jede Methode schafft einen »unmarked space« dessen, was ihr entgeht. Sie schließt aus, was sie nicht erfasst und missversteht das von ihr Eingeschlossene als das Ganze dessen, was es zu wissen gibt. Der »Wiedereinschluss« des so Ausgeschlossenen kann nur durch andere Methoden komplementiert werden.
Diese Einsicht, analog zum demokratischen Prinzip der Gewaltenteilung, hat sich in der Psychologie noch keineswegs durchgesetzt" (Goedde/Buchholz 2012 Band I S.21-22).

Der 'Siegeszug' des Empirismus und des Positivismus

Zunehmende Selbstkritik aus dem Lager des RCT-Paradigmas


...............................

Auf die Erweiterung des Buchholz/Gödde'schen "Fadenkreuzes" auf die zwei Dimensionen des Unbewussten komme ich in Kapitel 6 (Relation) noch ausführlicher zu sprechen.

Quellen:
Buchholz, Michael B. (2000). Effizienz oder Qualität? Was in Zukunft gesichert werden soll. In: Forum der Psychoanalyse 16, S. 59-80.
Buchholz, MB, Gödde, Günter (2006 Hrsg). Das Unbewusste - Band III: Das Unbewusste in der Praxis. Giessen: Psychosozial.
Caspar, Franz (2011). Editorial: Hat sich der störungsspezifische Ansatz in der Psychotherapie »zu Tode gesiegt«? In: Psychother. Psychosom. med. Psychol. 61, S.199.
Fischer, G., Möller, H. (2006). Psychodynamische Psychologie und Psychotherapie im Studiengang Psychologie. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft. Kröning: Asanger.
Fleck, Ludwig (1935). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache - Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980.
Gödde, Günter, Buchholz, Michael B. (2012 Hrsg). Der Besen, mit dem die Hexe fliegt - Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten. Band I: Psychologie als Wissenschaft der Komplementarität. Giessen: Psychosozial.
Hacking, Ian (1983). Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Stuttgart: Reclam 1996.
Jüttemann, G., Mack, W. (2010 Hrsg). Konkrete Psychologie - Die Gestaltungsanalyse der Handlungswelt. Lengerich: Pabst.
Kuhn, Thomas (1962). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1976
Rath, N. (2010). Vom Wandern in Seelenlandschaften. In: Jüttemann&Mack (2010) S.109-123.
Rheinberger, HJ (2007). Historische Epistemologie zur Einführung. Hamburg: Junius.
Walach, H. (2009). Psychologie - Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Ein Lehrbuch. 2.aktual.Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.
Wampold, B. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods and Findings. Mahwah, NJ/London: Lawrence Erlbaum Asssociates.



Die drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit: Kopernikus, Darwin und Freud

Eine kollektive Kränkungsgeschichte

Den historischen Ausgangspunkt für dieses Unterkapitel, wo es nun erstmals um den Narzissmus im engeren Sinne [vertieft in Kap.2] gehen soll, bilden drei aufeinander aufbauende, bahnbrechende Entdeckungen, welche gesamtgesellschaftliche, kollektive, kränkende Wirkungen zur Folge hatten (vgl. u.a. Freud 1917, Laplanche 1996, Haller 2015 u.v.m., s.u.):
  • I. Das heliozentrische Weltbild (Kopernikus u.a., 16. Jahrhundert)

  • II. Die Evolutionstheorie (Charles Darwin, 19. Jahrhundert)

  • III. Die Psychoanalyse (Sigmund Freud, 20. Jahrhundert)

Sigmund Freud schrieb in »Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse« (1917) über die drei genannten Kränkungen Kränkungen, Grundlagenforschung, Alltagspraxis, Psychotherapy, Legewie, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich

An dieser Stelle möchte ich auf den nomothetischen bzw. 'RCT'-Pol (s.o.) der wissenschaftstheoretischen Dichotomie (s.o.) zu sprechen kommen: den Naturalismus bzw. Realismus bzw. Humanismus wie er aktuell im sog. "Manifest des evolutionären Humanismus" von Schmidt-Salomon als Vertreter der Skeptiker und streng naturwissenschaftlich sich verortenden Autoren, aufscheint. Auch er spricht von "fundamentalen Kränkungen" (Schmidt-Salomon 2006 S.9). Das klingt dann so: "Auf der Hitliste der Kränkungen finden sich heute: Weiterführendes:
Bischof, Norbert (19xy). Rätsel Oedipus. PIPER.
Carnap, Rudolf (1932). Psychologie in physikalischer Sprache. In: Erkenntnis 3 S.107-142 (dort S.109f).
Damasio, Antonio (2003). Der Spinoza-Effekt - Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München.
Dawkins, Richard (1998). Und es entsprang ein Fluss in Eden. Das Uhrwerk der Evolution. München
Dörner, Dietrich (1993). Die Logik des Misslingens. Reinbek.
Freud, Sigmund (1917). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Bd.V S.1–7.
Freud, Sigmund (1917). 18.Vorlesung: Die Fixierung an das Trauma, das Unbewusste. In: Ders.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und ders.: Studienausgabe. Frankfurt/M. 1969, Bd.1,S.283f.
Fromm, Erich (1989). Die Furcht vor der Freiheit. In: Fromm, Erich: Gesamtausgabe. München, Bd.I.
Gould, Stephen J. (1990). Die Entdeckung der Tiefenzeit. München.
Guwak, Barbara, Strolz, Matthias (2012). Die vierte Kränkung: Wie wir uns in einer chaotischen Welt zurechtfinden. Wien: Goldegg.
Haller, Reinhard (2015). Die Macht der Kränkung. Salzburg: Ecowin.
Kanitscheider, Bernulf (1995). Auf der Suche nach dem Sinn. Frankfurt/M..
Klingholz, Reiner (201x). Sklaven des Wachstums. Die Geschichte einer Befreiung. Campus.
Klingholz, Reiner (2014). Das Ende des Wachstums ist näher, als wir denken. Lernt das Schrumpfen zu lieben! The Huffington Post 29.März.
Kösch, Sascha (2014). Die vierte Kränkung der Menschheit. In: http://www.de-bug.de.
Kraiker, Christoph (1994). The story of the three blows. In: Hypnos. XXI, Nr.3 S.176–180 (deutsche Version: Die Geschichte von den drei Kränkungen).
Laplanche, Jean (1996). Die unvollendete kopernikanische Revolution. Frankfurt: Suhrkamp.
Lobo, Sascha (2014). Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen. Frankfurt: FAZ-Online.
Lorenz, Konrad/Leyhausen, Paul (1968). Antriebe tierischen und menschlichen Verhaltens. München
Lorenz, Konrad (1977). Die Rückseite des Spiegels - Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München.
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Wuketits, Franz M. (1998). Naturkatastrophe Mensch - Evolution ohne Fortschritt. Düsseldorf.
Wuketits, Franz M. (2001). Der Affe in uns. Warum die Kultur an unserer Natur zu scheitern droht. Stuttgart.

Sigmund Freud hat die Psychoanalyse also als die dritte grosse Zumutung für das menschliche Selbstbewusstsein angesehen: durch Darwin in der Frage der Abstammung, durch Kopernikus in der Frage nach der Stellung im All desillusioniert, wurden durch die Entdeckung des Unbewussten (Freud) das menschliche Bewusstsein und die Souveränität des Ichs entthront.
Die Psychoanalyse reiht sich ein in die grossen Denkansätze des 20. Jahrhunderts, welche die jenseits der eigenen menschlichen Intention liegenden Bedingungen und Ordnungen des menschlichen Lebens herausarbeiten: seien es nun die vorsubjektiven Strukturen im Strukturalismus (Claude Lévi-Strauss, Jacques Lacan, Roland Barthes, Paul Ricoeur, Anthony Giddens), die vor aller Reflexion liegenden Weisen des In-der-Welt-seins in der Existenzialphilosophie (v.a. Jean-Paul Sartre, Albert Camus), die gesellschaftlichen Diskurse, die sich in das Denken des Individuums einschreiben, in der Diskursanalyse (v.a. Foucault und Habermas), oder den Vorrang des Gesprächs vor dem individuellen Denken in der Hermeneutik (Dilthey, Heidegger, Gadamer u.a.).

Die Psychoanalyse untersucht unbewusste Motivationen, wie sie sich je eigenwillig zusammensetzen aus den natürlichen, d.h. biologischen, Anlagen, insbesondere der Triebnatur, den (Un-)Verfügbarkeiten frühester Lebenserfahrungen und den auf beide antwortenden Phantasiebildungen (Neurosen, aber auch Träume).

Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

Weil für meine eigene tägliche Arbeit als Psychotherapeut in freier Praxis in Bern die klassische Psychoanalyse nach Freud sowie die strukturale Psychoanalyse nach Lacan die Hauptgrundlagen sind, möchte ich im folgenden die Konzepte und Methoden des "Entdeckers" der Psychoanalyse, Sigmund Freud (es gab "Vorgänger im Geiste", wie Nietzsche, Schopenhauer, Breuer, Charcot, Janet u.a.) beschreiben, bevor wir dann in Kapitel 2 zur Beschreibung diverser und auch meines eigenen Narzissmus-Konzepts kommen:

Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856-1939) begründet. Freud, in armen Verhältnissen in der Provinz aufgewachsen, hat sich im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Psychiater und Psychotherapeuten hochgearbeitet; dies, nachdem er eine universitäre Karriere aufgrund seiner jüdischen Herkunft (!) hatte aufgeben müssen. Diese "Degradierung" (aus Sicht der oberen Gesellschaftsschicht) vom Forscher zum Praktiker hat sich in der Folge aber als fruchtbar erwiesen. Die Psychoanalyse wäre im Elfenbeinturm der Universität kaum entdeckt und kreativ weiterentwickelt worden. Hier zeigt sich ein erstes Mal die Notwendigkeit einer Verschränkung von Theorie und Praxis.

Nachdem Freud in den 1890er Jahren in Ermangelung etwas Besseren, zusammen mit seinem väterlichen Freund Josef Breuer, v.a. mit Hypnose gearbeitet hatte (sehr spannend: Studien über Hysterie, 1895), kam er zum bahnbrechenden Schluss, dass dieselben Gedächtnis-Inhalte (sog. "Material") auch bei vollem Bewusstsein hervorzuholen sein müssten und er erfand die Methode der "Freien Assoziation". Erst dadurch konnte das in der Therapiesitzung Erkannte (damals noch oft durch relativ autoritäre Deutungen des Analytikers, heute meist gemeinsam und partnerschaftlich mit dem Klienten zusammen), auch in den Alltag der PatientInnen transferiert werden.

Von 1895-1905 arbeitete Freud die Psychoanalyse zu einer geschlossenen Theorie aus. 1897: Oedipus-Komplex, 1900: Traumdeutung, 1901: Fehlleistungen, 1905: Sexualtheorie.
Da ich an dieser Stelle nur auf ausgewählte Themen näher eingehen kann, sei auf ein ausführliches Literaturverzeichnis mit Buchtitel-Abbildungen etc. verwiesen: www.psychotherapeut-bern.ch/literatur.htm.

(..........)

Die erste Topik: Bewusst, Unbewusst, Vorbewusst

Freud gliedert das psychische Erleben in die Bereiche Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstsein. Grosse Bedeutung kommt auch den Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Projektion etc. zu, die in der frühen Kindheit gegen bedrohliche Erlebnisinhalte aufgebaut werden.
Ziel der Psychoanalytischen Behandlung ist es, Einschränkungen im Erleben der/s PatientIn dadurch zu beheben, dass Unbewusstes bewusst gemacht wird. Dies geschieht vor allem durch die "freie Assoziation" (alles, was der/m KlientIn in den Sinn kommt, soll geäussert werden) und durch die Analyse der auftauchenden Uebertragungsphänomene.
Die/der AnalytikerIn bewahrt eine "gleich schwebende Aufmerksamkeit", d.h., er nimmt alle vorgebrachten Aeusserungen möglichst selektionsfrei, unvoreingenommen und nicht wertend wahr und hilft, diese durch Deutung ihres verborgenen Sinnes zu entschlüsseln. Zudem hält sich die/der AnalytikerIn hinsichtlich persönlicher Aeusserungen weitgehend zurück ("Abstinenz"), um die Uebertragung, d.h. die Verschiebung von Gefühlen, Einstellungen und Verhaltensweisen der/des AnalysandIn gegenüber früheren Bezugspersonen auf die/den TherapeutIn zu fördern.

Setting: 3 bis 5 mal wöchentlich, oft über mehrere Jahre. Um das freie Assoziieren zu erleichtern, liegt die/der KlientIn auf der Couch, die/der AnalytikerIn sitzt für ihn nicht sichtbar am Kopfende (zitiert nach: Paul Gumhalter, Beatrix Teichmann-Wirth, Martin Voracek und Gerhard Stumm).

Lebenslang steht diesem freudschen Modell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mässigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit.

Im 7. Kapitel, Abschnitt F seines Hauptwerkes (provozierend, weil irreführend, "Die Traumdeutung" (1899) genannt), beschreibt Freud ein erstes Mal drei wichtige Bewusstseinszustände des Menschen, als sog. "erste Topik" bekannt geworden:

- Bewusst = wach, klar, sofort und jederzeit beschreibbar
- Vorbewusst = bewusstseinsfähig, nur mittels tiefenpsychologischer Methoden zu erkennen
- Unbewusst, inkl. verdrängt, nur mittels psychoanalytischer Methoden zu erkennen

Der aus dieser Dreigliederung abgeleitete wichtigste Abwehrmechanismus (s.u.) ist die Verdrängung (von ehemals Bewusstem ins Unbewusste "hinunter").

Die zweite Topik: Das Strukturmodell oder "Wo Es war, soll Ich werden"

Zweite Topik - Integrationsmodell - Freud - 1932
Da Sigmund Freud, wie erwähnt, seine Konzepte einerseits aus der praktischen Arbeit gewann, andererseits diese auch wieder anhand konkreter Begebenheiten immer wieder überprüfte (vgl. auch Prof. Klaus Grawes (!) Forschungszyklus, beschrieben in Frauchiger, 1997, Wirkfaktoren der Psychotherapie), modifizerte er seine Theorie des Unbewussten allmählich und es entstand folgendes, zweites Schichtenmodell (sog. zweite Topik (1923) oder Instanzenlehre):

- ICH: bewusstseinsfähige Werkzeuge wie Sprache, Rechnen, Feinmotorik
- ES: unbewusste, lebenswichtige Antriebe des Menschen (v.a. Sexualität, Aggression, später: Todestrieb)
- Ueber-ICH (Ich-Ideal): von den Eltern bzw. Gesellschaft unbewusst übernommene Normen

Beide Modelle kombiniert (er hat die erste Topik nie aufgegeben!), ergeben folgendes Bild:

(...............)

ICH-IDEAL

[englisch: ego ideal, französisch: ideal du moi.]
Freud benuzte den Ausdruck Ich-Ideal, um den Bezugsrahmen des Ich [s.o.] näher zu bezeichnen. Das Ich-Ideal ist dabei gleichzeitig als Ersatz für den aufgegebenen kindlichen Narzissmus (Idealisierung des Ich) zu verstehen und als Identifikation mit den Eltern sowie deren sozialem Bezugssystem.
Der Begriff Ich-Ideal ist ein wesentlicher Bezugspunkt in der Entwicklung des Freud'schen Denkens vom Beginn der Ueberarbeitungen des ersten topischen Modells [s.o.] an bis zur Einführung des Ueber-Ich (ebenda) im zweiten topischen Modell (Strukturtheorie, s. Ausführungen zu Topik I und II in Kap. 1).
Die Dimension eines Ideals als Bezugspunkt des Ich taucht bei Freud 1914 in "Zur Einführung des Narzissmus" auf (vgl. Kap. 2).

Strukturmodelle der Persönlichkeit in der Zeit nach Freud

Freud selber hat noch nicht klar differenziert zwischen Ich und Selbst (s.u.) und nur wenig zwischen Ueber-Ich und dem Duo Ich-Ideal und Ideal-Ich.
Die Selbstkonzepte, deren modernere Varianten wir im 6. und 8. Kapitel besprechen werden, kamen erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts richtig auf (für unser Thema wichtig v.a. Karen Horney und Donald Winnicott) und gipfelten in der Selbstpsychologie Kohuts: In dieser Arbeit hier verwende ich (wo nicht anders angegeben) den Begriff des Selbst in derselben Weise wie Kollege Perner: als Uebersetzung des 'JE' bei Lacan und somit als das sog. 'echte', das 'wahre Selbst' bei Winnicott und Horney - vgl. kritisch hierzu die Selbstkonzepte von u.a. Gergen und Tschacher in Kap. 6, 8+10 sowie meine eigene Konzeption.

Als nächstes möchte ich kurz einführen in die Ueber-Ich-Differenzierung in Ich-Ideal bzw. Ideal-Ich einerseits und in die Erweiterung Freuds erster Topik in die drei Register Imaginäres, Symbolisches und Reales im französischen Strukturalismus Lacans anderseits:

'Ich-Ideal' und 'Ideal-Ich' bei Jacques Lacan und Peter V. Zima

Es ist mir ein grosses Anliegen, fächerübergreifend zu argumentieren und so aufzuzeigen, dass das schillernde Phänomen des Narzissmus in fast allen Wissenschaftsgebieten vorkommt und in Kombination derselben zu spannenden und aktuellen Konzeptionen führt.
Der Literaturwissenschaftler Peter V. Zima von der Universität Klagenfurt hat eine m.E. sehr wichtige und leider wenig beachtete Unterscheidungen der beiden hier zur Diskussion stehenden Aspekte des Freudschen Ueber-Ichs, also des 'Ich-Ideals' einerseits und des 'Ideal-Ichs' andererseits vorgelegt bzw. an die 'Postmoderne' (s.u.) angepasst: Def. Ichideal: "Eine Instanz der Persönlichkeit, die aus der Konvergenz des Narzissmus (Idealisierung des Ichs) und den Identifizierungen mit den Eltern, ihren Substituten und den kollektiven Idealen entsteht. Als gesonderte Instanz stellt das Ichideal ein Vorbild dar, an das da Subjekt sich anzugleichen sucht." (Laplanche/Pontalis 1986 S.202f)
Im Gegensatz zum Ichideal ist das Idealich kein gesellschaftliches, kein kollektives Ideal, das aus dem sozialen Wertsystem hervorgeht. Laplanche und Pontalis definieren es wie folgt:

Def. Idealich: "Eine intrapsychische Bildung, die manche Autoren, sie vom Ichideal unterscheidend, als ein Ideal narzisstischer Allmacht definieren, das nach dem Vorbild des infantilen Narzissmus geprägt ist." (Laplanche/Pontalis 1986 S.217)

Peter V. Zima verknüpft diese allgemein anerkannten Definitionen aus dem 'Vokabular der Psychoanalyse' (gewissermassen das 'Grundgesetz' bzw. die 'Verfassung' der Psychoanalyse) mit ausserhalb des Mainstreams liegenden Konzepten des Selbstpsychologen Heinz Kohut:

Die vier Grundannahmen der Lacanschen Theorie

Weil Jacques Lacan's Neuinterpretation der Freudschen Psychoanalyse durch das ganze Buch hindurch als Leittheorie dient, hier eine kurze Zusammenschau der wesentlichen Positionen (aus dem Online-Lexikon 'Wikipedia') mit den Verweisen auf die entsprechenden Kapitel wo diese Konzepte vertieft dargestellt werden:
Lacans Theorie lässt sich vereinfacht in vier Grundannahmen zusammenfassen:
  • I. Das Ich entwickelt sich im Spiegelstadium, welches die grundlegende Matrix der Subjektivität bildet, vgl. Kap.2: Entwicklung und 3: Narzissmus.
  • II. Das Subjekt ist ein Sprachwesen, das heisst durch die symbolische Ordnung der Sprache geprägt: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“, vgl. Kap. 2, 6: Relation und 8: Resonanz
  • III. Das Subjekt ist ein begehrendes Subjekt. Da das Objekt des Begehrens (Objekt klein a) immer schon verloren ist, ist es ein grundsätzlicher Mangel, der das Begehren des Menschen aufrechterhält, s.o.: Freud.
  • IV. Die menschliche Psyche konstituiert sich in der unauflösbaren Trias 'Imaginäres – Symbolisches – Reales' (RSI), s.u.: Die drei Register.

    Jacques Lacan kritisierte die Ich-Psychologie, als er das zweite Freud'sche topische Modell (s.o.) neu interpretierte. Er führte unter anderem in die Freudsche Theorie ein nicht-phänomenologisch definiertes Subjekt ein, das es ihm erlaubte, anstatt ein "ego" vom "self" ein "je" von einem "moi" [i.e. die beiden verschiedenen Ich-Formen des Französischen] zu unterscheiden und auf diese Weise ein "sujet representé" zu definieren, das durch einen Signifikanten dargestellt wird: a [klein a]. Diese strukturalistische Sichtweise Lacans wird im Kapitel 2 zum Narzissmus vertieft und zu einer tragenden Säule meines eigenen Konzeptes ausgebaut.

    Quellen:
    Kohut, Heinz (1973). Narzissmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, hier: S. 130.
    Laplanche, J., Pontalis, J.B. (1986, 7.Aufl.). Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt: Suhrkamp, hier: S.202-203 und S.217
    Zima, Peter V. (20xy). Subjektivität und Identität in der Postmoderne - Narzissmus zwischen Ichideal und Idealich

    Die drei Register 'Das Reale, das Imaginäre und das Symbolische' im französischen Strukturalismus Jacques Lacans

    Der Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981) gilt als bedeutendster Vertreter der Psychoanalyse im Frankreich des 20. Jahrhunderts. Die von ihm gegründete École Freudienne de Paris war zeitweise die einflussreichste und mitgliederstärkste psychoanalytische Organisation Frankreichs, und seine Seminare bildeten in den 50er und 60er Jahren einen bedeutenden Anziehungspunkt der Pariser Intelligenz. Lacans wichtigste theoretische Leistung ist die Neuinterpretation des Freud’schen Werkes im Licht der strukturalistischen Linguistik, was ihn zugleich zu einem wichtigen Ideengeber des Poststrukturalismus macht. Ausserhalb der psychoanalytischen Praxis wird er vor allem in den Kulturwissenschaften rezipiert, wo zentrale Elemente seines Denkens die Funktion eines konzeptionellen Rahmens für Medien-, Literatur- und Kulturtheorien einnehmen, am prominentesten bei dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, von dem auch noch die Rede sein wird.
    Lacan, Reales, Symbolisches, Imaginäres, real, symbolisch, imaginär, Knoten, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Eines der wichtigsten Konzepte Lacans ist seine Theorie der drei ›Register‹ des Psychischen – des Realen, des Imaginären und des Symbolischen. Lacan denkt diese drei Bereiche als triadische Struktur, wechselseitig aufeinander bezogen und unauflöslich miteinander verwoben wie in einem Borromäischen Knoten, vgl. Abbildung rechts.
  • Der Begriff des Symbolischen verweist auf die makrosoziale Ordnung der Sprache und der sozialen Codes, des Diskurses, die Institutionen des Gesetzes und der Autorität. Als System von Signifikanten stiftet die ›symbolische Ordnung‹ sinnhafte Bedeutungen und bildet damit die Grundlage der intersubjektiven Wirklichkeit: Erst das Symbolische macht die Welt lesbar und sagbar. So ist das Symbolische einerseits einschränkend und reglementierend (Lacan spricht sogar von einer ›symbolischen Kastration‹ des Subjekts), andererseits aber auch befreiend, sofern es dem Subjekt überhaupt erst ermöglicht, sich zu artikulieren und eine Sprechposition zu beziehen. Der Geltungsbereich dieser symbolischen Ordnung erstreckt sich bis in den Bereich des Unbewussten: »Das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache« (Lacan 1964 S.26).
  • Im Gegensatz zur sprachlich strukturierten Ordnung des Symbolischen ist das Imaginäre ein eher mikrosozial konnotierter Begriff, der auf die Interaktion des Subjekts mit seinen inneren Bildern verweist. Das Imaginäre ist der Ort, an dem zwei Menschen sich begegnen, sich sehen, sich ein Bild voneinander machen und einander begehren; es ist aber auch jener Ort, an dem ein einzelner Mensch sich selbst begegnet und seine ›Ich-Funktion‹ wahrnimmt, die in der Entwicklungsphase des ›Spiegelstadiums‹ (6. bis 18. Lebensmonat, vgl. Kap. 4) ausgebildet wird. Zum Imaginären gehört dabei immer auch eine Dimension der Täuschung und der Verkennung.
  • Während die alltägliche Lebenswelt vor allem durch das Symbolische und das Imaginäre strukturiert wird, verweist der Begriff des Realen auf »das, was weder symbolisch noch imaginär ist« (Widmer 1990/1997: 58), also dasjenige, was sich der Symbolisierung ebenso entzieht wie der Imagination. Oftmals verknüpft mit den ›absurden‹ Dimensionen von Grenzsituationen wie Sexualität, Tod und Gewalt, trägt es traumatische Züge, indem es auf die Abwesenheit und den Zusammenbruch von Sinn verweist. Die Instanz des Realen erscheint vor allem negativ im Aufklaffen des Risses zwischen Zeichen und Bezeichnetem, im »Gleiten des Signifikats unter dem Signifikanten« (Lacan 1957: 36); eben darum ist es begrifflich nur schwer zu greifen. Es bildet den wesenhaft entzogenen Ort einer stummen Präsenz des Traumatischen, die beständig unter der Oberfläche der Diskurse und der Bilder lauert und einzubrechen droht.
    Quelle: Strehle, S. (2012). Zur Aktualität von Jean Baudrillard. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.89-90
    Weiterführende Literatur: Weber 1978, Widmer 1990/1997, Zizek 1991.

    Es lassen sich also folgende drei Ebenen von Realität differenzieren:
    1. die Ebene des Realen: faktisch beobachtbarer, „greifbarer“ Wirklichkeit, die natürlich in den Dingen der Welt gegeben ist (Wallner 1990) bzw. vom Menschen hergestellter Realität
    2. die Ebene des Imaginären: gedankliche bzw. vorstellungsmäßige, oft visuelle Repräsentation abwesender – in Vergangenheit, Zukunft oder an anderem Ort liegender, also imaginierter – Realität bzw. Wirklichkeit
    3. die Ebene des Symbolischen: symbolisch verdichtete und übergreifend kontextualisierte. meist sprachliche, d.h. mit Bedeutungen versehene Realität bzw. Wirklichkeit.

    Zur weiteren Unterscheidung und Definition von Wirklichkeit bzw. Realität vgl. den Abschnitt zu Gernot Böhme ('Was ist ein Bild') in Kapitel 2 sowie die Abschnitte zu Baudrillard und Blumenberg in Kapitel 7.
    Durch die beiden Medien des Imaginären und des Symbolischen wird das Subjekt zu einem doppelt repräsentierten Subjekt und seine Umwelt zu einer doppelt repräsentierten Umwelt.
    Aus dem Lacanschen Kategoriensystem R-S-I, das sich an die zwei Freudschen topologischen Modelle des psychischen Apparats anschließt, ergibt sich auch die Grundlage für eine psychoanalytische Medientheorie (siehe v.a. Kap. 7), welche Neues und Wesentliches zum Gegenstandsbereich der sogenannten angewandten Psychoanalyse, insbesondere für kultur- und kunsttheoretische Fragen beigetragen hat. Allerdings bilden auch die drei Register Real-Symbolisch-Imaginär ein topologisches Modell, das als Versuch einer Topologie des psychischen Seins von Lacan als sogenannter Borromäischer Knoten dargestellt wird. Dabei handelt es sich um drei Ringe, die in einem Knoten so miteinander verbunden sind, daß die Herauslösung eines Ringes die ganze Verbindung auflöst (vgl. Abbildung oben rechts).

    Diese gerade skizzierte Trias von Realem, Imaginärem und Symbolischem strukturiert u.a. auch Friedrich Kittlers für die Medientheorien wegweisendes Buch "Grammophon - Film - Typewriter". Die Thematik des Visuellen, des Bildes und der Medien wird im Narzissmuskapitel (Kap. 2) von zentraler Bedeutung sein.

    Quellen:
    Kittler, Friedrich (1986). Grammophon - Film - Typewriter. Berlin.
    Ruhs, August (2010). Lacan - Eine Einführung in die strukturale Psychoanalyse. Wien: Löcker, S.10-14


    Gesellschaftskritik, Kultur- und Metapsychologie

    Es gibt noch einen "zweiten Freud". Während bisher v.a. von individuellen und innerfamiliären Vorgängen die Rede war, geht es im folgenden noch mehr um die "dunkle Seite" des Menschen, so wie sie sich offenbaren kann im Zusammenleben grösserer Gruppen, z.B. in Staaten.

    Dieses viel gescholtene Spätwerk Freuds, ist für meine psychotherapeutische Arbeit ebenso wichtig wie seine individualpsychologischen Erkenntnisse. Ziel jeder Psychotherapie sollte sein, nebst einer Verringerung der Symptome, auch eine dem Klienten angemessenere, ev. sogar verbesserte, Position in der Gesellschaft und in der Kultur zu finden:
    - Evolution und Kultur: gemäss Freud (und vor ihm auch schon Darwin) ist der Mensch, biologisch gesehen, nichts mehr als ein Säugetier "mit kulturellem Mäntelchen".
    In "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) stellt Freud die Sublimierung als einzige Lösung dar, Sexualität (s.o.) und Aggression sozialverträglich auszuleben = Kreativität = Kultur !
    Anders ausgedrückt: Kultur ist ohne Triebverzicht nicht zu haben.

    Schon viel früher schrieb er: "Unsere Kultur ist auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut. Somit bezahlt die Gesellschaft die Unterordnung ihrer Mitglieder unter ihre Sexualmoral mit einer Zunahme von psychischen Störungen" ! (1908).

    Auf die Frage nach der Zukunft der Religion hat Freud zwei Antworten parat: eine ideale, die sich auf Rationalität, Wissenschaft und Religionsentzug gründet, doch für ihn ist die Zeit für den "Primat des Intellekts" noch nicht gekommen.
    Eine zweite, realistischere Perspektive hingegen sieht er in der "Beibehaltung des religiösen Lehrsystems": Formal interessant ist hier m.E. zu bemerken, dass für Freud offenbar das Ziel ('Erhaltung unserer Kultur') die Mittel legitimiert: ein autoritär auftretender Autor mit einer "hidden agenda" sieht sich legitimert im Dienst einer guten Sache auch zu Beeinflussung und Manipulation zu greifen. Kritisch hierzu die Kapitel 5 (Esoterik und Populismus) und 9 (Demokratie vs. Totalitarismus).

    Seine Hoffnung aber gibt Freud nicht auf. Langfristig glaubt er, dass die vernunft sich gegen die Religion wird durchsetzen können. Dies formuliert er ebenfalls 1927 im folgenden inzwischen berühmt gewordenen Satz: Quelle: Freud, Sigmund (1927). Die Zukunft einer Illusion. In: Gesamtwerk GW Band XIV: Werke aus den Jahren 1925-1931

    Von Freud zu McLuhan: vom Prothesengott zu den extendierten Extremitäten

    Da ich in dieser Arbeit besonderes Augenmerk (!) auf menschliche Kulturleistungen und insbesondere auf mediengestützte, visuelle Bildgebungen legen werde, möchte ich noch aus einem weiteren sehr faszinierenden und bis heute validen Buch aus Freuds Gesamtwerk zitieren. Wir finden hier eine griffige Definition von Kultur einerseits und von Medialität (im Sinne von: "medial über sich hinauswachsend") andererseits.
    Freud, so gesehen als früher Medientheoretiker (vgl. Kap. 2), schrieb 1930 in 'Das Unbehagen in der Kultur': "Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht grossartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen"(ebenda S.450-451) (...)


    Von der Moderne zur Postmoderne: Systemtheorie, Konstruktivismus und Dekonstruktion

    Auf der Zeitachse voranschreitend sollen folgende Texte, Auszüge und Zitate weitere Orientierungspunkte beschreiben im Dschungel (post-)moderner philosophischer Strömungen der letzten etwa 70 Jahre. In den weiteren Kapiteln dieses Buches werden die einzelnen Ansätze vertieft und mit Narzissmus- bzw. Selbstkonzepten verknüpft. Nun also rasch zu einem weiteren 'Schnelldurchlauf', methodisch bereits in sich ein postmodernes Vorgehen mit keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit oder Wahrheit oder Exaktheit oder ... dialektisch eben...:

    Die aus der französischen Philosophie kommende Debatte der »Postmoderne« bzw. »Posthistoire« und damit verwandte sprachphilosophische Ueberlegungen beeinflussen seit Ende der achtziger Jahre alle Wissenschaftsbereiche. Als einen Startpunkt (starting point) kann man eine Schrift von Jean François Lyotard ansehen, die 1979 erschien: »Das postmoderne Wissen«.
    Darin diagnostiziert Lyotard für das postindustrielle Zeitalter das »Ende der grossen Meta-Erzählungen«, denen heute kein Glaube mehr geschenkt werde. Zu diesen Meta-Erzählungen gehören die großen Schöpfungsmythen und die großen heilsversprechenden Zukunftsentwürfe. Lyotard sieht diese mit Wittgenstein übereinstimmend als »Sprachspiele«, wirft ihnen Anfälligkeit für Totalitarismus vor und diagnostiziert eine Zerstreuung, Heterogenisierung, Pluralisierung dieser Sprachspiele: Viele heterogene Theorien und Entwürfe existieren gleichberechtigt nebeneinander; sie lassen sich nicht mehr auf eine große, integrierende, »bessere und wahrere« Meta-Theorie zurückführen.
    Vor allem zwei Denker des französischen Poststrukturalismus haben der Postmoderne-Diskussion besondere Anstösse gegeben: Foucault und Derrida. Die Hoffnung ihrer geistigen Vorgänger, der Strukturalisten (z.B. Levi-Strauss und Jacques Lacan, s.o.) war, über das Studium unbewußter kollektiver Strukturen letztlich auf die Struktur des menschlichen Geistes zu stoßen (also noch die 'moderne' Hoffnung auf einen »großen Entwurf«!). Die Philosophie des 'Strukturalismus' (hierzu sehr zu empfehlen die beiden Bände von Dosse) beeinflußte Mitte des 20. Jahrhunderts das Denken in grossen Bereichen der Psychoanalyse, vor allem der französischen (insbesondere Jacques Lacan, s.o.: Strukturale Psychoanalyse).
    Foucault und Derrida beschäftigten sich vor allem mit der Sprache. Es interessierte sie, welche Strukturen, vor allem welche gesellschaftlichen Machtstrukturen sich hinter der Sprache und unserer Sprachverwendung verbergen und sich in der Sprache reproduzieren.
    Jacques Derrida, ein Schüler Foucaults, Philosoph und Literaturtheoretiker, setzt die Suche nach den Hintergründen dessen fort, was unsere Sicht von Wirklichkeit vorgibt und prägt. Aehnlich wie Foucault geht es ihm weniger darum, ein neues System des Wissens zu entwerfen, als vielmehr Zweifel an den herrschenden Diskursen zu wecken. Für ihn ist Verstehen mit einem Bruch des gewohnten Bezuges (z.B. mit der Vernunft) verbunden. Er vertritt eine »Strategie einschneidender Pluralisierung«. Dazu braucht es »ein neues Schreiben – eines, das mehrere Sprachen zugleich spricht und mehrere Texte zugleich hervorbringt« (zit. nach Welsch 1991 S.143). Entscheidend ist für ihn, dass der Sinn nie präsent ist, sondern immer auf verschiedene Bahnen verstreut, verschoben. Aus diesem Grund schreibt Derrida oft in einer schwer verstehbaren dichterischen, fast surrealistischen Sprache.

    Dekonstruktion als zentrale Praxis Derridas lässt sich am ehesten als eine bestimmte kritische »Haltung« gegenüber jeglichen bestehenden Beschreibungen verstehen: "bei einem klassischen philosophischen Gegensatz hat man es nicht mit der friedlichen Koexistenz eines Vis-à-Vis, sondern mit einer gewaltsamen Hierarchie zu tun. Einer der beiden Ausdrücke beherrscht den anderen, steht über ihm. Eine Dekonstruktion des Gegensatzes besteht zunächst darin, im gegebenen Augenblick die Hierarchie umzustürzen" (Derrida zit. nach Culler 1988 S.95). Der Praktiker der Dekonstruktion arbeitet zwar innerhalb eines Begriffssystems, aber mit der Absicht, es aufzubrechen, mit dem Sinn zu spielen, indem immer wieder neue Verbindungen, Korrelationen und Kontexte bereitgestellt werden. Kenneth Gergen hat einen ähnlichen Ansatz in den 90er Jahren in die Sozialpsychologie eingebracht und im Artikel "Die Konstruktion des Selbst im Zeitalter der Postmoderne" (Gergen 1990) ausgeführt. Dieser 'Soziale Konstruktionismus' Gergens wird in Kapitel 8 weiter ausgeführt.
    Der herrschende Diskurs soll durch Dekonstruktion aufgebrochen werden. In dieser Haltung steckt eine tiefe Skepsis gegenüber der dargestellten Wirklichkeit und eine ständige Bereitschaft, die vorgegebenen Konstruktionen wieder aufzulösen, eine »Politisierung dessen, was sonst als neutraler Rahmen gilt« (Culler 1988 S.174).
    Bereits die Beschreibung eines Gegenstandes aus mehreren Perspektiven ist Dekonstruktion, aber auch die Suche nach den scheinbar nebensächlichen Details, die einer Geschichte, wenn sie aufgegriffen werden, eine andere Wendung geben können: »Etwas Geschriebenes zu ›dekonstruieren‹, bedeutet daher, eine Art strategische Umkehrung einzusetzen, indem man besonders jene nicht beachteten Details aufgreift (wie z.B. beiläufige Metaphern, Fußnoten, zufällige Richtungsänderungen der Argumente), die immer und notwendigerweise von den Interpreten der orthodoxeren Meinungen übergangen werden« (Derrida zit. nach Jones 1993 S.139). Dekonstruktion erlaubt, darüber nachzudenken, welche Geschichte sich hinter einer dominierenden Erzählung verbirgt: wo liegt alternatives Wissen, welche Gesichtspunkte wurden ausgelassen, unterdrückt?

    Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

    »Ein System ist nicht ein Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein Etwas, das von ihm erkannt wird« (Maturana 1982 S.175). In diesem Satz steckt die Essenz systemischer Erkenntnistheorie: Ein System wird nicht als etwas angesehen, das es »gibt«, sondern als etwas, von dem nur dann sinnvoll gesprochen werden kann, wenn man es in Beziehung zu demjenigen sieht, der es erkennt. Der Beobachter fällt die Entscheidung darüber, wie er oder sie die hochkomplexe Ganzheit eines Oekosystems aufteilt in Subganzheiten, zum Beispiel »Mensch«, »Familie«, »Verhalten« etc. etc.
    Damit stellt sich die Frage nach einem systemischen Verständnis von Wirklichkeit. Wirklichkeit kann nie losgelöst gesehen werden von ihrem Betrachter. Das heißt nicht, daß es keine Realität »an sich« gäbe, daß es aber sinnlos ist, von ihr zu sprechen, ohne den konstitutiven Prozeß zu berücksichtigen, der in der Wechselwirkung zwischen einem erfahrenden System und einem zu erfahrenden System liegt: »Systeme erkennen Systeme« (Schiepek 1987). Die Frage, ob »Wirklichkeit« unabhängig vom erkennenden System existiert, ist müßig (Kriz 1981).
    Kernfrage des soeben skizzierten Konstruktivismus ist, auf welche Weise wir aktiv an der Konstruktion unserer eigenen Erfahrungswelt Anteil haben. Erkennen ist das Vornehmen von Unterscheidungen durch das erkennende Subjekt. Ohne diese Fähigkeit wäre keinerlei Orientierung möglich und damit kein Ueberleben. Wir sind darauf angewiesen, Konzepte, »Landkarten« über die Welt zu entwickeln, die uns das Zurechtfinden erleichtern. Auch bei scheinbar selbstverständlichen Begriffen wie z.B. »Seele«, »Körper«, »Krankheit«, »Familie« handelt es sich um solche Konzepte. Es ist ein folgenschwerer Schritt, wenn man die Konzepte, die man sich konstruierte, um in der Welt Orientierung zu finden, mit der Wirklichkeit verwechselt (ein Kategorialfehler). Die Kernfrage ist: »Wo befindet sich das, wovon ich spreche: ›da draußen‹ oder in meinem Kopf?« oder noch genauer: »Wo ›ist‹ eigentlich der ›Kopf‹, von dem ich spreche?« Wir neigen dazu, zu vergessen, daß es sich bei unseren Begriffen um Möglichkeiten des Begreifens handelt und nicht um die Dinge selbst: »Bei unserer Wahrnehmung der Welt vergessen wir alles, was wir dazu getan haben, sie in dieser Weise wahrzunehmen« (Varela 1981).
    Der Konstruktivismus steht in der Tradition der These Kants, daß der Verstand seine Gesetze nicht aus der Natur schöpft, sondern sie ihr vorschreibt, daß also jede Theorie immer auch eine Theorie des Beobachters, des Forschers sein muß. Auch scheinbar feststehende Säulen der Erkenntnis, wie Raum und Zeit, müssen statt als Gegebenheit der objektiven Welt als unvermeidliches Begriffsgerüst unserer Vernunft betrachtet werden. Dies bringt eine radikale Verschiebung des Wissensbegriffs mit sich: Wirklichkeit ist das Produkt wirksamer Unterscheidungen. Das bedeutet, daß es prinzipiell möglich ist, Weltkomplexität auf verschiedene Weise zu reduzieren. Gleichzeitig sind wir in einem hohen Ausmaß persönlich verantwortlich für das, was wir als »wirklich« oder »wahr« ansehen. Die Entscheidung für ein Modell kann nämlich nicht aufgrund von »richtig« und »falsch« fallen, höchstens aufgrund einer bestimmten Vorstellung von richtig und falsch. Passender ist es daher, sich aufgrund von Kriterien der Angemessenheit und ethischen Vertretbarkeit für eine Sicht von Wirklichkeit zu entscheiden. Aus einer systemischen Weltsicht folgt daher die Achtung vor allen Versuchen, die Komplexität der Welt zu reduzieren und auf immer neue Weise in Konzepte zu bringen, die als Landkarten Handlungsleitlinien bieten.
    Menschen leben nicht allein, sondern immer in sozialen Zusammenhängen. Was wir als »Wirklichkeit« bezeichnen, entsteht im Dialog, im Gespräch. Das, was wir für wirklich halten, haben wir in einem langen Prozeß von Sozialisation und Versprachlichung als wirklich anzusehen gelernt. Systeme konstruieren gemeinsame Wirklichkeiten als Konsens darüber, wie die Dinge zu sehen sind. Die gemeinsame Sichtweise davon, was als »Wirklichkeiten« in einem System erlebt wird, ist sehr weitgehend bestimmend für Glück oder Unglück, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit.
    Quellen:
    Culler, J. (1988). Dekonstruktion - Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek: Rowohlt
    Derrida, ......................
    Foucault, M. (2001). Short Cuts. Frankfurt a. Main.
    Gergen, K.J. (1990). Die Konstruktion des Selbst im Zeitalter der Postmoderne. In: Psychologische Rundschau 41, S.191-199.
    Glasersfeld, E.v. (1991). Abschied von der Objektivität. In: Watzlawick, P., Krieg, P. (Hrsg.). Das Auge des Betrachters. München: Piper, S. 17–30
    Jones, E. (1993). Systemische Familientherapie. Dortmund: Modernes Lernen
    Kriz, J. (1981): Artefakte in der empirischen Sozialforschung. Stuttgart: Teubner
    Lacan, J. ...............
    Lyotard, Francois (1979). Das postmoderne Wissen. .............
    Maturana, H.R. (1982). Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn
    Maturana, H.R., Varela, F. (1987). Der Baum der Erkenntnis. Bern/München: Scherz.
    Schiepek, G. (1987, Hrsg.). Systeme erkennen Systeme. Weinheim/München: Psychologie Verlags Union
    Varela, F. (1981). Der kreative Zirkel, Skizzen zur Naturgeschichte der Rückbezüglichkeit. In: Watzlawick, P. (Hrsg.). Die erfundene Wirklichkeit. München: Piper
    Watzlawick, P. (1983). Anleitung zum Unglücklichsein. München: Piper
    Watzlawick, P., Beavin, J., Jackson, D. (1969). Menschliche Kommunikation. Bern/Stuttgart: Huber
    Welsch, W. (1991). Unsere Postmoderne Moderne. Weinheim: VCH, Acta Humaniora

    Der postmoderne Mensch als Sozialcharakter

    Meine in Kapitel 2 noch genauer auszuformulierende These vom "neuen Narzissmus in der digitalen Postmoderne", der sich grundsätzlich vom 'alten' Narzissmus wie er von Kernberg und Kohut und vielen anderen beschrieben wurde (ausführlich in Kap.2), unterscheidet, hat mein Kollege Hans Swildens m.E. sehr treffend bereits 2005 in der Fachzeitschrift "Der Psychotherapeut" in anderer Form beschrieben - leider blieb sein Beitrag meines Wissens damals ohne grosses Echo, ein Grund mehr, gute zehn Jahre später einen erneuten Anlauf zur Beschreibung des "Sozialcharakters zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (Swildens 2005) zu unternehmen. Es folgt deshalb thesenartig ein längerer Auszug aus Swildens sehr lesenswertem Artikel zur "neuen, nämlich postmodernen, Art der narzisstischen Abwehr":

    Everything Turns: Die Lawine der Wenden im 20. Jahrhundert

    Wenden bzw. "Turns" in den Sozialwissenschaften der letzten 100 Jahre

    Hier sei nur eine kleine Auswahl aufgezählt:
    - Adorno/Horkheimer: Der autoritäre Charakter der 30er bis 60er Jahre
    - Soziale Wende der 70er und 80er Jahre: Lasch, Sennett u.a.
    - Linguistic Turn der 90er Jahre: Rorty, Habermas, Chomsky, Lacan u.a.
    - Relational Turn der Nuller-Jahre: Mitchell, Benjamin, Honneth, Altmeyer
    - Embodiment Turn der 2010er-Jahre: Buchholz, Tschacher, Leuzinger-Bohleber, Storch, Cantieni, Staemmler, Bocian, ...
    - Visual Turn bzw. Iconic Turn der 2015er Jahre als Comeback der 60er: "Visual Cultural Studies" - in Rekurs auf Lacan, Baudrillard und McLuhan

    Medientheorien, Kulturwissenschaften und die (Visual) Culture Studies

    Von all diesen "Wenden" und Schwerpunktsetzungen ist nebst dem "Linguistic Turn" v.a. der "Cultural Turn" besonders hervorzuheben, weil nur diese beiden 'Wenden' m.E. wirklich nachhaltig und für unsere postmoderne Zeit prägend ist wie keine andere Bewegung oder Fachgebiet:

    Die kulturelle »Kränkung«

    Die kulturelle »Kränkung« (Reich 1998) ontologischer Weltbilder ist also bei weitem nicht, womit sie sich häufig in einer zu engen Perspektive identifiziert findet, eine Spezialität etwa des Dekonstruktivismus oder des Radikalen Konstruktivismus. Das im Zuge des 'linguistic turns' manifest in die »Krise« geratene Paradigma der Repräsentation (Rorty 1987, vgl. Wimmer/Schäfer 1999) – und mit ihm ein Wahrheitsbegriff als 'adaequatio rerum et intellectus', der von der Antike ausgehend über die Scholastik und Descartes die neuzeitlich-moderne Wissenschaft bestimmt hat – hat sich seither kaum erholt. Im Gegenteil legen auch die neuesten Tendenzen – die Hinwendung zur 'visual culture' (Sturken/Cartwright 2001) und der 'performative turn' in den Kultur- und Sozialwissenschaften (Fischer-Lichte 1998) andererseits nahe, dass der Patient wohl nicht mehr zu retten ist.
    Quellen:
    Freud, Sigmund (1930). Das Unbehagen in der Kultur. In: Gesamtwerk GW Band XIV: Werke aus den Jahren 1925-1931, S.419-505
    Helbig, J., Russegger, A., Winter, R. (2014 Hrsg). Visuelle Medien - Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur. Köln: Halem
    Paradigmen der Feldtheorie - Online: Das Paradigma der Struktur- und Feldtheorien


    Marshall McLUHAN: Kultur- und Medienwissenschaften

    Tetrade und Chiasmus

    In den 1970er Jahren will McLuhan eine Grundstruktur ausgemacht haben, die alle Medien und ihre Effekte betreffen. Im posthum veröffentlichten Buch 'Laws of Media' werden diese Strukturen in Form von Gesetzen ausformuliert. Die zentrale These dieser sogenannten Tetrade lautet: Jedes Medium ist durch eine viergliedrige Struktur gekennzeichnet, die folgende tetradische Form aufweist (vgl. Abb. rechts) - an jedes Medium lassen sich somit folgende Fragen stellen:
    McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Wenden, Turns, Postmoderne, Strukturalismus, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies, Linguistic Turn, Iconic Turn, Narzissmus (1) Was hat es erweitert bzw. verstärkt?
    (2) Welche Prozesse hat es erneuert bzw. wiedererlangt?
    (3) In was hat es sich im Laufe der Entwicklung umgekehrt bzw. ist es umgekippt? [Chiasmus]
    (4) Was ließ es veralten?


    McLuhan selbst gibt zahllose Beispiele, v.a. im leider vergriffenen Buch "Global Village" (Junfermann-Verlag Paderborn). Hier seien diese 'Gesetze' nur an einem neueren und sehr einfachen Beispiel vorgestellt, von dem McLuhan noch nichts wissen konnte, dem Handy:
    (1) Verstärkt wurde durch das mobile Telefon die kommunikative Vernetzung der Menschen, die sich räumlich an unterschiedlichen Orten befinden.
    (2) Einen Aufschwung erlebte dadurch erneut die orale Kommunikation.
    (3) Die Kommunikation per Handy ist aber schnell in etwas umgekippt, das kaum zu erwarten war: Es ist inzwischen sehr viel weniger mehr ein auditives Medium, denn ein Schreibmedium. Vor allem werden damit inzwischen Kurznachrichten verschickt, kurz: SMS.
    (4) Veraltet wurde der Festnetzanschluss. Tatsächlich haben inzwischen viele Personen überhaupt keinen Festnetzanschluss mehr.
    Beim Durchspielen dieser Gesetze zeigt sich sehr konkret, was es nach McLuhan bedeutet, ein Medium als ein formgebendes Milieu zu verstehen, das vielerlei Effekte hat, die — und das zeigen die vier Gesetze — gleichzeitig in sehr unterschiedliche, ja widerstreitende Richtungen weisen.

    Renaissance von Schrift und Mündlichkeit


    Genealogie der Medien

    McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Kulturepochen, Medienepochen, Postmoderne, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies, Linguistic Turn, Iconic Turn 1. Orale Stammeskultur: Wissensüberlieferung und Kommunikation erfolgen mündlich - Herrschaft des Ohres.
    2. Literale Manuskript-Kultur: durch Einführung der phonetischen Schrift, Lesen erfolgt laut, alle Sinne werden mit einbezogen.
    3. Gutenberg-Zeitalter: durch Erfindung des Buchdrucks - Herrschaft des Auges und des linearen Denkens.
    4. Zeitalter der Elektrizität un des Computers: durch Erfindung des drahtlosen Telegraphen - harmonische Einbeziehung aller Sinne: Taktilität.



    Neuro-Psychoanalyse:

    Es ist klar, dass ein mehr als hundert Jahre altes Behandlungsverfahren der heutigen Zeit angepasst werden muss. Insbesondere die Nachweise der Wirksamkeit sind heute viel besser möglich als noch vor zehn Jahren und erst recht als zu Freuds Zeiten wo v.a. wegen mangelnder technischen Möglichkeiten noch keine (natur-)wissenschaftliche Ueberprüfung seiner genialen Konzepte möglich war.
    Heute sind mit den bildgebenden Verfahren MRI, PET etc. moderne Möglichkeiten vorhanden, der Psychoanalyse ein biologisches Fundament zu verleihen. Dieses Fundament muss heutzutage biologisch sein, weil die Leitwissenschaft nicht mehr die Philosophie ist wie zu Freuds Zeiten, sondern die Hirnforschung (Neurologie) und damit die Naturwissenschaften anstelle der Geisteswissenschaften früher. Mir persönlich und auch den meisten meiner tefenpsychologisch fundiert arbeitenden KollegInnen ist aber eine Integration beider Herangehensweisen wichtig, weil es nach wie vor Bereiche gibt, die sich einer objektivierbaren Naturwissenschaft entziehen, vgl. auch meinen eigenen Aufsatz zur Metatheorie Frauchiger 1998.

    Ein Zitat eines führenden Forschers dazu: "Hilfreich und überzeugend kommt immer mehr hinzu, dass Freuds Konzepte z.B. des Unbewussten, der Verdrängung, der Übertragung, des Widerstandes etc., neuerdings von unvermuteter Seite bestätigt werden: von der Neurologie und Neuropsychologie!" (...........).

    Lange Zeit ließ sich das Theoriegebäude von Freud experimentell nicht stützen. Nun aber bestätigen neue Untersuchungen der Hirnforschung viele seiner umstrittenen Thesen über das Unbewusste. Deshalb wollen in Zukunft Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker die letzten Rätsel der Psyche gemeinsam entschlüsseln.

    Mark SOLMS: Neuropsychoanalyse

    "Nachts offenbart sich unsere biologische, tierische Seite, die der kulturellen, sozialen unseres Geisteslebens gegenübersteht" (zitiert aus einem Spiegel-Interview mit Mark Solms)
    Führender Kopf hinter diesen Integrationsbemühungen ist Prof. Mark Solms.
    Seine Bewunderung für Freud geht über die der meisten anderen Psychoanalytiker hinaus, wie er selbst meint. Zwar stimme er keineswegs in allen Punkten mit dem Altmeister überein, betont er: "Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, Freuds großes Ziel weiterzuführen, nämlich das Seelenleben in die Naturwissenschaften zu integrieren".
    Auch geht es ihm und seinen Kollegen keineswegs darum, zu beweisen, dass Freud Recht hatte. Vielmehr: "Freud hat versucht, eine Sprache und eine Methode für die Wissenschaft vom Innenleben zu finden. Er hat eine Art Basis-Topografie der Seele und ihrer grundlegenden Bestandteile geschaffen. Und wir bringen nun diese Arbeit zu Ende".

    Auch Kritik an der Psychoanalyse, d.h. an den Fehlentwicklungen nach Freuds Tod 1939: Leider ist vieles vom aufrührerischen Geist, der Kulturtheorie, der Religionstheorie und vielen anderen unkonventionellen und mutigen Anätzen Freuds verloren gegangen im Versuch, die Psychoanalyse in den Mainstream des vom Behaviorismus und den Kognitionswissenschaften beherrschten "offiziellen" Kanons der von Kassen bezahlten Behandlungsmethoden zur¨ckzukehren. Diesen verlorengegangenen kritischen und nie mehrheitsfähigen Geist versuche ich (mit vielen anderen zusammen) wiederaufleben zu lassen in meiner täglichen psychotherapeutischen Praxis und auch mit Texten wie diesem.

    Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan: eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart: Kohlhammer: 2007.

    Als zweites Beispiel einer Kombination von Neurologie und Psychologie bzw. Philosophie, möchte ich kurz Thomas Fuchs erwähnen, welcher in unserem oben bereits kurz skizzierten 2-Achsen-Modell die relationale, also waagrechte Ebene, einer vertikalen Strukturperspektive (wie sie z.B. auch Solms oben vertritt), vorzieht, was gemäss Fuchs aus dem Gehirn als feste Struktur ein "Beziehungsorgan in einem Kontext" macht: ....................



    Soziologie/Sozialpsychologie: Erich Fromm und die 'erste relationale Wende' in der Psychoanalyse

    "Die meisten Psychoanalytiker kamen aus der gleichen, städtischen, intellektuellen Mittelschicht, der auch die meisten ihrer Patienten entstammten. Kaum mehr als eine Handvoll von Psychoanalytikern hatte radikale politische Ansichten. Der bekannteste von ihnen war Wilhelm Reich, der glaubte, dass die Hemmung der Sexualität einen anti-revolutionären Charakter erzeuge und dass andererseits sexuelle Freiheit revolutionäre Charaktere hervorbringen würde. Natürlich hatte Reich damit völlig unrecht, wie die spätere Entwicklung zeigte.
    Diese sexuelle Befreiung gehörte weitgehend zur immer stärkeren Ausdehnung der Konsumhaltung. Wenn man den Menschen beibrachte, mehr und mehr Geld auszugeben, anstatt, wie im neunzehnten Jahrhundert, zu sparen - wenn man sie also in Konsumenten verwandelte, dann musste man auch den sexuellen Konsum nicht nur zulassen, sondern geradezu fördern. Er ist schliesslich die einfachste und billigste Form des Konsums. Reich wurde dadurch irregeführt, dass zu seiner Zeit die Konservativen eine strenge sexuelle Moral vertraten, und er schloss daraus, dass sexuelle Freiheit zu einer anti-konservativen, revolutionären Einstellung führen würde. Die historische Entwicklung hat aber gezeigt, dass die sexuelle Befreiung der Entwicklung der menschlichen Konsumhaltung diente und - wenn überhaupt - den politischen Radikalismus schwächte. Leider verstand und kannte Reich wenig von Marx. Man könnte ihn einen 'sexuellen Anarchisten' nennen."
    Quelle: Fromm, Erich (1979). Sigmund Freuds Psychoanalyse - Grösse und Grenzen. Stuttgart: DVA, S.163f

    Als er sich 1970 über den Verfall der psychoanalytischen Bewegung Gedanken machte, forderte er zu ihrer Sanierung z.B.: "Sie wird die psychischen Phänomene studieren, die die Pathologie der gegenwärtigen Gesellschaft ausmachen: Entfremdung, Angst, Vereinsamung, die Furcht vor tiefen Empfindungen, den Mangel an Aktivität, den Mangel an Freude. Diese Symptome haben die zentrale Rolle übernommen, die die sexuelle Unterdrückung zu Freuds Zeiten innehatte."
    Quelle: Fromm, Erich (1978). Die Krise der Psychoanalyse. In: Fromm. 'Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie'. Frankfurt/M: Suhrkamp, 5. Aufl., S.227

    Kunst: Pohlen, Theweleit, Weibel - Psychoanalyse als Kunstform und Gesellschaftskritik

    Korrigierende kognitive und emotionale Erfahrung (Manfred Pohlen und die Kognitive Verhaltenstherapie)
    In seiner Radikalität einzigartig hat es mir der Psychoanalytiker Prof. Dr. Manfred Pohlen besonders angetan. Sein Hauptanliegen ist es, die originale und originelle Arbeitsweise (Praxis im konkreten und nicht im überlieferten Sinne!) von Sigmund Freud wieder hervorzuholen und vom institutionellen Staub zu befreien. Es ist leider so, dass die einst so lebendige "Bewegung" Psychoanalyse zu einem elfenbeinturmartigen, verkrusteten Gebilde verkommen ist und ein Grossreinemachen dringend Not tut.
    (...) V.a. der Anpassungsdruck von Seiten der Geldgeber sowohl für Forschung wie auch f&uum;r die Praxis (sprich: Krankenkassen), hat dazu geführt, dass der Psychoanalyse die Zähne gezogen wurden und diese einst so revolutionäre Kraft zu einem braven Hauskätzchen hat werden lassen.
    Es ist also Zeit für den "wahren Freud", will heissen, den kreativen, intuitiven, Unangenehmes ansprechenden, genialen Denker und Praktiker wieder hervorzuholen. Dies gelingt am besten wenn man das bisher leider einzige Transkript einer gesamten von Freud durchgeführten Therapie sich anschaut - genau das hat Manfred Pohlen getan in seinem sehr empfehlenswerten Buch "Freuds Analyse" aus dem Jahre 2006.

    Dabei wurde, nach Pohlens Ueberzeugung, der Psychoanalyse ein harmonisiertes, kleinbürgerliches Menschenbild untergeschoben, das der düstere, pessimistische Freud wohl nie und nimmer akzeptiert hätte. Für ihn stand, laut Pohlen, die letztlich unzähmbare menschliche Triebnatur im Mittelpunkt seines Denkens: ein "biologischer Fels", der allen Zivilisationsbemühungen trotzt.
    Lebenslang steht diesem Psychomodell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mäßigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit.
    Die malträtierte Psyche produziert Leidenssymptome: Macken, fixe Ideen, Aengste, Wahnvorstellungen oder Depressionen.
    Wie unerlöste Wiedergänger, fremd und bedrohlich, spuken die unterdrückten, "verdrängten" Triebe durch das Bewusstsein der Patienten - so jedenfalls sehen es Pohlen und Bautz-Holzherr. Symptome sind in ihren Augen vor allem Zeichen einer berechtigten Revolte der Psyche.

    zum Inhaltsverzeichnis

    Dialektik als Grundprinzip für Theorie und Praxis

    Als letzte und als Klammer dienende Konzeption soll uns die Hegel'sche DIALEKTIK dienen. Nach einer kurzen Begriffsdefinition dieser zwar sehr bekannten, aber auch sehr schillernden und umstrittenen Methodik komme ich zu einem ersten Resumé bzw. Exposé was meine eigene Grundposition für das Verständnis im weiteren Verlauf dieses Buches anbetrifft.

    Damir Del Monte (früher: Damir Lovric) hat mit seiner Dissertation bei und in der Nachfolge des leider früh verstorbenen Kölner Uni-Professors Gottfried Fischer (1944-2013) eine m.E. didaktisch überzeugende, sehr anschauliche Zusammenstellung eines Entwurfes für eine 'Allgemeine' oder wie ich es nenne: 'Dialektische Psychotherapie' vorgelegt und führt darauf aufbauend Kurse und Seminare durch, u.a.: 'Kausale Psychotherapie'. Seinen Ausführungen folge ich im nächsten längeren Abschnitt zur Dialektik:

    Dialektik in der Philosophie

    Negation der Negation nach Hegel

    Dialektische Aufhebung

    Dialektische Logik

    Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie, Logik, Negation, Aufhebung, Grundlagenforschung, Alltagspraxis, cartesianisch, hermeneutisch, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich Quellen:
    Aristoteles, Tugend, Ethik, Alltagspraxis, Psychotherapy, Legewie, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Delmonte-Lovric, Damir (2010). Kausale Psychotherapie nach Gottfried Fischer. Online: www.kausalepsychotherapie.de und www.damirdelmonte.de [zuletzt abgerufen am 19.Okt.2016]
    Fischer, G. (1989). Dialektik der Veränderung in Psychoanalyse und Psychotherapie. Modell, Theorie und systematische Fallstudie. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G. (2000). KÖDOPS - Kölner Dokumentations- und Planungssystem für dialektische Psychotherapie, Psychoanalyse und Traumabehandlung. Köln/Much: DIPT.
    Fischer, G. (2000). Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie MPTT. Manual zur Behandlung psychotraumatischer Störungen. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G. (2005). Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen. 4.Aufl. Düsseldorf und Zürich: Walter.
    Fischer, G. (2005). Konflikt, Paradox und Widerspruch. Für eine dialektische Psychoanalyse. Völlig neu bearb. u. erw. Ausg. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G. (2007). Kausale Psychotherapie - Aetiologieorientierte Behandlung psychotraumatischer und neurotischer Störungen. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G., Klein B. (1997): Psychotherapieforschung – Forschungsepochen, Zukunftsperspektiven und Umrisse eines dynamisch-behavioralen Verfahrens. In: Hildemann, Klaus D., Potthoff, Peter (Hrsg.). Psychotherapieforschung – Quo vadis. Ziele, Effektivität und Kosten in Psychiatrie und Psychosomatik. Göttingen: Hogrefe. S.17-35.
    Fischer, G., Riedesser, P. (2003). Lehrbuch der Psychotraumatologie. 3., aktual. u. erw. Aufl. München und Basel: Reinhardt.
    Fischer, G., Riedesser, P. (2006). Psychotraumatologie und Psychoanalyse. Forum der Psychoanalyse; 22: 103-6.
    Gadamer, H.-G. (1977). Vom Zirkel des Verstehens. In: H.-G. G. (Hrsg.): Kleine Schriften. Bd. 4. Tübingen. S. 54-61.
    Grawe, K. (2000). Psychologische Therapie. 2., korr. Aufl. Göttingen u. a.: Hogrefe.
    Hegel, G.F.W. (1988). Phänomenologie des Geistes. Neu hrsg. v. Hans-Friedrich Wessels, u. a. Hamburg: Meiner.
    Hegel, G.F.W. (1969). Werke in zwanzig Bänden. Bde. 5 und 6: Wissenschaft der Logik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Kesselring, Thomas (1981). Entwicklung und Widerspruch. Ein Vergleich zwischen Piagets genetischer Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Kohut, H. (1996). Die Heilung des Selbst. 6. Aufl. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
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    Lovric, Damir (2009). Multimediale Visualisierung als Werkzeug moderner Wissenskommunikation - Der Einfluss systematisierender externer Repräsentationsformen auf Lernleistung und Lernemotion im Fach Klinische Psychologie. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades Dr. phil. an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln
    Mertens, Wolfgang (2005). Psychoanalyse. Grundlagen, Behandlungstechnik und angewandte Psychoanalyse. 6., vollst. überarb. Neuaufl. Stuttgart: Kohlhammer.
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    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg.). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band IV. 2.neu bearb.u.wesentl.erg. Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
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    Riegel, K.F. (1980). Grundlagen der dialektischen Psychologie. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Ruffing, R. (2005). Einführung in die Geschichte der Philosophie. München: W. Fink.



    Psychologie als dialektische Kulturwissenschaft

    Im folgenden möchte ich die Methode und die Philosophie der Dialektik zuerst historisch und danach logisch (Aristotelische Logik) herleiten. Humanwissenschaftler betonen, je nach Schulrichtung, in ihren Theorien "die beharrenden oder aber die vergänglichen Teile des Lebens" (Vollmers 1999). Der Psychologe Burkhard Vollmers hat zur Geschichte der Dialektik folgendes geschrieben:

    Die Axiome der formalen Logik bei Aristoteles

    "Was unterscheidet eine dialektische Logik von der formalen Logik, die im Kern auf Aristoteles zurückzuführen ist?"
    Mit disem Satz aus Stefan Müllers Dissertation (2011 S.17) möchte ich zu den Grundlagen und Herkunft der Dialektik als "Philosophie der Vermittlung" kommen. Diese sind erstaunlicherweise in der (strengen, vgl. Popper weiter unten) Logik des Aristoteles zu finden, wie Müller im folgenden weiter ausführt: Die Axiomatisierung, will heissen: allgemeingültige Regeln, der formalen Logik ist auf den griechischen Grossphilosophen der Antike Aristoteles zurückzuführen. Er untersuchte die Bedingungen vernünftiger Rede und Aussagen in einer bis heute verbindlichen Art und Weise. Sein Bestreben, die Bedingungen 'richtiger' und 'falscher' Aussagen anzugeben, führte ihn auf die Frage nach dem dahinter stehenden Prinzip einer solchen Axiomatisierung, den drei Axiomen der aristotelischen Logik:

    Fuzzy-Logik und die Grade der Wahrheit

    "Ein sinnvoller produktiver Umgang mit Widerspruchskonstellationen jenseits aristotelischer Logik kann unter anderem in formallogischen Ansätzen gesucht werden, die insbesondere in der Auseinandersetzung mit Paradoxien sehr vielfältige und aufschlussreiche Lösungsmöglichkeiten hervorgebracht haben" (Müller 2011 S.23).
    Formallogisch können quasi als Erweiterung der oben genannten drei Axiome drei- oder mehrwertige Systeme gedacht und dargestellt werden. So geht u.a. die Fuzzy-Logik per definitionem von einer generellen Mehrwertigkeit aus. Den Schwerpunkt der 'fuzzy logic' bilden Anwendungen vor allem in der Steuerungstechnik mobiler Objekte: Zwei zentrale Elemente der 'fuzzy logic' erscheinen mir für unser Thema besonders wichtig: die Abgrenzung zur klassischen Logik und der Begriff der Wahrheit:

    Gotthard Günthers Suche nach dem Dritten

    Stefan Müller schreitet in seinem Buch voran zu immer elaborierteren Konzeptionen, welche die Axiome der Logik (s.o.) zwar erweitern oder aufweichen, nicht aber verletzen. Ein weiterer Versuch stellt das von Herbert Marcuse (vgl. Kap.2) gelobte fast vergessene Werk Gotthard Günthers dar, welches Müller folgendermassen skizziert (ebd.S.29): Erforderlich ist gemäss Gotthard Günther in den Sozialwissenschaften also eine Erweiterung der klassischen, d.h. aristotelischen, zweiwertigen Logik:

    Die trans-klassische Formallogik und Erkenntnistheorie

    An dieser Stelle möchte ich einen Zwischenhalt einlegen und mit Klaus Merten das bisherige zusammenfassen und um den systemische und KI-Aspekt (Künstliche Intelligenz s.u.) erweitern:

    Die 'strikte Antinomie' als Dialektik des 21. Jahrhunderts

    Als zweitletzten Punkt im Dialektik-Kapitel soll eine weitere Entwicklung hin zu einer logisch und mathematisch sauber begründbaren "mehrwertigen Logik", des "Tertium datur" also (Erweiterung des zweites aristotelischen Axioms, des 'tertium NON datur'), der Triangulation oder Synthese in der Dialektik, vorgestellt werden, welche v.a. mit den Namen Dieter Wandschneider und Thomas Kesselring verbunden ist, das Konzept der 'strikten Antinomie':
    Definition 'Strikte Antinomie' bei Thomas Kesselring:
    'Kreisförmige und prozesshafte Logik' bei Dieter Wandschneider

    Die strikte Antinomie als formallogisches Prinzip der Dialektik bei Ritsert und Knoll

    Die Hinweise, die Kesselring und Wandschneider zur Struktur und zu möglichen Umgangsweisen mit strikten Antinomien geben, tragen vorrangig zu einer rationalen Klärung hegelscher Kategorien, insbesondere der Dialektik, des Widerspruchs und der Negation bei. Ritsert und Knoll erweitern die Diskussion um strikte Antinomien und diskutieren ihre grundlegende Bedeutung für die Sozialwissenschaften (Ritsert 1995, 1997a, 2008, Knoll/Ritsert 2006, Knoll 2009b).
    Insbesondere arbeiten sie zur genaueren sozialwissenschaftlichen Bestimmung weitere konstitutive Eigenschaften strikter Antinomien heraus. Dabei handelt es sich um die folgenden Merkmale (Knoll/Ritsert 2006 S.18-31):
    1) Selbstbezüglichkeit (Reflexivität)
    2) Negative Selbstbezüglichkeit
    3) Gegensatz bei gleichzeitiger Implikation
    4) Strikte Antinomie als Prozess
    5) Formale Logik und Dialektik
    6) Negative Selbstbezüglichkeit als Kern der strikten Antinomie
    7) Pragmatischer Widerspruch
    8) Antinomien des Gegenstandbezugs

    Von der Dichotomie zur Antinomie - Negative Selbstbezüglichkeit

    Stefan Müller schreibt in seiner Zusammenschau verschiedenster Dialektik-Konzeptionen zum Verhältnis von Logik und Dialektik:
    Kommen wir nun endlich zur "Quadratur des Kreises", zur aus Sicht von Stefan Müller logischen Lösung des dialektischen Paradoxons der Gleichzeitigkeit von A und Nicht-A:

    Kritische und Negative Dialektik

    "Das Prinzip der Dialektik stammt aus der Philosophie. Wir haben es z.B. bei Aristoteles in seiner Trias von These, Antithese und Synthese kennengelernt. Die Dialektik wurde weiterentwickelt von Kant, der sie zur Logik hinzurechnet, und von Hegel, der darin nicht mehr nur eine (heuristische) Methode der Erkenntnis sieht, sondern die dem Sein zugrundeliegende, auf das Absolute (als abstraktes Allgemeines) zielende Gesetzmäßigkeit der Selbsterfahrung:
    Die Negation eines Dings hebt zwar das Positive auf, jedoch ist Negation und Position ungleich Null: Die Aufhebung des Positiven durch seine Negation ist nur die Negation des je Spezifischen, d.h. des besonderen Inhalts oder der besonderen Sache. Die Negation der gegenwärtigen Gesellschaft ist also nicht überhaupt, sondern nur in der Form oder nach dem Inhalt möglich. Hegel behauptet, daß der dialektische Prozeß durch das den Dingen innewohnende Bedürfnis nach Aufhebung von Widersprüchlichkeit vorangetrieben wird.
    Wenn man mit Hegel sagen kann, daß das Bewußtsein (der kognitive Apparat) bestimmt, wie das Sein erlebt wird, dann stellen Karl Marx und Friedrich Engels diese These radikal auf den Kopf. Das Sein bestimmt das Bewußtsein, der dialektische Widerspruch enzündet sich am Verhältnis von Arbeit und Kapital, also an der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft. Der heutige Begriff der Dialektik (vgl. Bernsdorf 1969 S.156ff) zeigt innerhalb einer marxistischen Soziologie vier unterschiedliche Bedeutungen:
    1.) Dialektik als Ausdruck der gesetzmäßigen Notwendigkeit geschichtlicher Veränderung
    2.) Dialektik als Einzelwissenschaft von den allgemeinsten Gesetzen der Bewegung und Entwicklung in Natur, Gesellschaft und menschlichem Denken als Lehre von der Negation der Negation 3.) Dialektik als Theorie und Methode der menschlichen Erkenntnis
    4.) Dialektik als Anleitung zum praktisch-umgestaltenden Handeln (Merten 1999 S.157-158)

    Die 'Dialektische Methode'

    Um die Themenbereiche weiter abzustecken und eine vertiefte Einordnung im oben beschriebenen Sinne konkreter vorzunehmen, werde ich mithilfe teilweise sehr langen Zitaten - eine Vorgehensweise wie ich sie durch das ganze Buch hindurch verwenden werde - einzelne Wissenschaftsgebiete "abstecken", auch um zu unterstreichen, dass ich "auf Schultern von Riesen stehend", die 'Welt' nicht neu erfinde, sondern lediglich 'neu' (?) ordne und Schneisen durch den Urwald der Theorien und Konzepte schlage um so hoffentlich auch den PraktikerInnen unter uns zwar "einfache aber nicht simple" (vgl. z.B. Rufer 2012) Werkzeuge ("Tools" wie es heute neudeutsch heisst) an und in die Hand zu geben.

    Somit bekommt der Leser/die Leserin von Anfang an einen Ueberblick und gleichzeitig zwei durch dieses Buch pendelnde Antagonismen (die 'Dialektik' wurde bereits oben breit dargelegt) vorgestellt, sichtbar an den geraden vs. ungeraden Kapitelthemen oder, wie ich es nennen möchte ein "Dialektisches Koordinatensystem" (s.o.) mit den Achsen "Struktur vs. Dynamik" bzw. "Regulation vs. Relation" - dies, um den weiteren Ausführungen zu meiner eigenen Narzissmus- bzw. Selbst-Konzeption besser folgen zu können.

    Antagonismen: Bipolare und dialektische Positionen und Haltungen

    Die hier zu entwickelnde 'Psychotherapie-Wissenschaft' (s.u.) will deshalb Natur- und Geisteswissenschaft wieder in ein Gleichgewicht bringen und setzt deshalb besonders auf qualitative Methoden und eine philosophische Fundierung ihrer Theorie (vgl. Fischer 2007 S.17).
    Es geht weniger um eine reine Methodenkritik wie z.B. bei Paul Feyerabend, als vielmehr um das Selbstverständnis der Psychologie als Wissenschaft überhaupt (sog. 'Psychotherapie-Wissenschaft' wie es die 'Schweizer Charta für Psychotherapie' nennt, vertiefend in Kap. 10). Wo die Naturwissenschaften messen, zählen, wiegen (quantitative Methoden) und „beweisen“, da können die Geisteswissenschaften hinschauen, beschreiben, deuten und „verstehen“ (Qualitative Methoden, z.B. Ruffing 2005). Es ist letztlich die Unterscheidung von ganzheitlichem Nachvollzug auf der einen Seite und analytisch-reduktionistischem Vorgehen auf der anderen Seite. Quellen:
    Danner, H. (2006 [orig.1979]). Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik. München: Reinhardt
    Delmonte Lovric, Damir (2010). Kausale Psychotherapie nach Gottfried Fischer. Online: www.kausalepsychotherapie.de [zuletzt abgerufen am 19.Okt.2016]
    Fischer, Gottfried (1989). Dialektik der Veränderung in Psychoanalyse und Psychotherapie. Modell, Theorie und systematische Fallstudie. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, Gottfried (2005). Konflikt, Paradox und Widerspruch. Für eine dialektische Psychoanalyse. Völlig neu bearb. u. erw. Ausg. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, Gottfried (2007). Kausale Psychotherapie - Aetiologieorientierte Behandlung psychotraumatischer und neurotischer Störungen. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G., Klein B. (1997). Psychotherapieforschung – Forschungsepochen, Zukunftsperspektiven und Umrisse eines dynamisch-behavioralen Verfahrens. In: Hildemann, K.D., Potthoff, P. (Hrsg.). Psychotherapieforschung – Quo vadis. Ziele, Effektivität und Kosten in Psychiatrie und Psychosomatik. Göttingen: Hogrefe. S.17-35.
    Gadamer, H.G. (1977). Vom Zirkel des Verstehens. In: ders. (Hrsg.): Kleine Schriften. Bd. 4. Tübingen. S.54-61.
    Grawe, Klaus (2000). Psychologische Therapie. 2.korr.Aufl. Göttingen, Bern: Hogrefe.
    Hegel, G.F.W. (1988). Phänomenologie des Geistes. Neu hrsg. v. Hans-Friedrich Wessels, u. a. Hamburg: Meiner.
    Hegel, G.F.W. (1969). Werke in zwanzig Bänden. Bde. 5 und 6: Wissenschaft der Logik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Kesselring, Thomas (1981). Entwicklung und Widerspruch. Ein Vergleich zwischen Piagets genetischer Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Kopp, B., Mandl, H. (2006). Wissensschemata. In: Mandl, Heinz, Friedrich, Helmut F. (Hrsg.): Handbuch Lernstrategien. Göttingen u.a.: Hogrefe. S.307-324.
    Kutter, P. (2000). Moderne Psychoanalyse. Eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse. 3., völlig überarb. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Landis, E.A. (2001). Die Logik der Krankheitsbilder. Gießen: Psychosozial.
    Lang, H. (1993): Hermeneutik und psychoanalytische Therapie. In: Tress, Wolfgang, Nagel, Stefan (Hrsg.): Psychoanalyse und Philosophie: eine Begegnung. Heidelberg: Asanger. S.12-20.
    Lovric, Damir (2009). Multimediale Visualisierung als Werkzeug moderner Wissenskommunikation - Der Einfluss systematisierender externer Repräsentationsformen auf Lernleistung und Lernemotion im Fach Klinische Psychologie. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades Dr. phil. an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln
    Mertens, Wolfgang (2005). Psychoanalyse. Grundlagen, Behandlungstechnik und angewandte Psychoanalyse. 6.,vollst.überarb.Neuaufl. Stuttgart: Kohlhammer.
    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band II. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band III. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band IV. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Orlinsky, D.E., Howard, K.J. (1986). Process and outcome in psychotherapy. In: Garfield, S.L., Bergin, A.E. (Eds.). Handbook of psychotherapy and behavior change. 3rd ed. New York: Wiley. S.311-384.
    Piaget, Jean (1992). Psychologie der Intelligenz. 3.Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Pine, F. (1990). Die vier Psychologien der Psychoanalyse und ihre Bedeutung für die Praxis. In: Forum der Psychoanalyse 6. S.232-249.
    Plessner, H. (1976). Die Frage nach der Conditio humana. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Prechtl, P., Burkhard, F.P. (1999 Hrsg.). Metzler Philosophielexikon. Begriffe und Definitionen. 2.aktual. u.erw.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Riegel, K.F. (1980). Grundlagen der dialektischen Psychologie. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Ruffing, R. (2005). Einführung in die Geschichte der Philosophie. München: W. Fink.
    Schweizer Charta für Psychotherapie (2017). 'Psychotherapie Wissenschaften' PTW. Unveröff. Manuskript



    Wie wir oben einführend gesehen haben, wird die vorliegende Arbeit methodisch-didaktisch "zusammengehalten" von zwei relativ einfachen Figuren, dem Modell des Narzisstischen Gleichgewichts und dem dialektischen Modell zur raumöffnenden Diskussion von Antagonistischen Positionen.
    Die nun folgenden Antagonismen oder Gegensatzpaare in Form von Autoren oder Haltungen sollen schlagwortartig illustrieren, wohin unsere geistige Reise noch gehen wird:

    Kernberg vs. Kohut: Narzissmus als Pathologie vs. Narzissmus als zweite Entwicklungslinie
    Stern vs. Green: Relationalismus vs. Strukturmodell und Monadentheorie
    Honneth vs. Whitebook: Anerkennungs- vs. Verteilungskämpfe
    Honneth vs. Fraser: Anerkennungs- vs. Verteilungskämpfe
    Naturwissenschaft vs. Geisteswissenschaft [vgl. Frauchiger 1997: Metatheorien]
    Winterhoff vs. Juul: Autoritäre Erziehung vs. demokratisch-partnerschaftliche Begegnung
    Kohl vs. Schmidt: Konservatismus vs. Sozialdemokratie
    USA vs. UdSSR: Kapitalismus vs. Kommunismus
    Ost vs. West: Kollektivismus vs. Individualismus
    etc. etc.






    2. NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes

    TEIL I:
    • 2.1.1. Ovids 'Metamorphosen' - Narziss und Echo
    • 2.1.2. Primärer Narzissmus - Sigmund Freud
    • 2.1.3. Sekundärer Narzissmus - Kohut/Kernberg
    • 2.1.4. Visuelle Wahrnehmung - Analogie von Auge und Kamera?
    • 2.1.5. "Der Sinn der Sinne" - Anthropologie der Sinne und Medien
    • 2.1.6. Philosophie: Höhlengleichnis bei Platon
    • 2.1.7. Das Ich als Vermittler zwischen Triebwünschen und Zivilisationsansprüchen
    • 2.1.8. Weitere Konzepte und Kontroversen
    • 2.1.9. "Tertiärer", medial-technischer Narzissmus - Frauchiger
    TEIL II:
    • 2.2.1. Falsches und wahres Selbst bei D.W. Winnicott, A. Miller, J.F Masterson u.a.
    • 2.2.2. Wohlstandsverwahrlosung - Jeunesse dorée - Verwöhnung
    • 2.2.3. Narzissmustheorien im Intersubjektivitäts-Paradigma: Selbstwert-Regulations-Modelle
    • 2.2.4. Prä-Relationale Konzepte bei Stolorow, Joffe und Sandler, Wink und Blatt
    • 2.2.5. Relational Turn: Hegel, Mead, Parsons, Honneth, Mitchell, Benjamin, Altmeyer
    • 2.2.6. Der narzisstische Funktionsmodus bzw. Aggregatszustand und 'Das narzisstische Gleichgewicht' - Frauchiger
    TEIL III:
    • 2.3.1. Psychopathie und Soziopathie als pathologischer Narzissmus mit starken sozialen Folgen
    • 2.3.2. Verführen, Belügen, Manipulieren aus psychologischer Sicht
    • 2.3.3. Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter
    • 2.3.4. Amok und School Schootings
    • 2.3.5. Destruktiver und maligner Narzissmus
    • 2.3.6. Psychopathie - Soziopathie - Dissozialität - Suizid
    • 2.3.7. Scham, Wut, Gewalt und die fehlende (Selbst-)Anerkennung
    • 2.3.8. Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit?

    NARZISSMUS

    "In seinem Buch »Narzissmus - Die Verleugnung des wahren Selbst« schreibt Alexander Lowen: »Als Narzissmus bezeichnen wir sowohl einen psychischen als auch einen kulturellen Zustand. Auf der individuellen Ebene ist er eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst … Auf der kulturellen Ebene kann man den Narzissmus an einem Verlust menschlicher Werte erkennen – an einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen."

    Narzissmus, Selfie, Selbst, Egoismus, Pathologie, imaginär, Bild, Spiegel, Glanz, Foto, Photo, Film, Kultur, Kommerz

    Narzissmus, Selfie, Selbst, Egoismus, Pathologie, imaginär, Bild, Spiegel, Glanz, Foto, Photo, Film, Kultur, Kommerz

    TEIL III:
    Keupp et al. (2006): Keupp, H., Ahbe, Th., Gmür, W., Höfer, R., Mitzscherlich, B., Kraus, W., Straus, F. (2006 Hrsg.). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne (3.Aufl.). Rowohlt: Reinbeck bei Hamburg.

    Entwicklung, Fonagy, Kegan, Kohlberg, Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie, Logik, Negation, Aufhebung, Geisteswissenschaft
    Entwicklung, Köhler, Amsterdam, Petzold, Fonagy, Kegan, Kohlberg, Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie



    5. ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch

    Teil I: Esoterik als narzisstische Kompensationsmöglichkeit jedes Menschen
    • Empirische Forschung: Kognitive Theorien – Dissonanztheorie von Festinger - Der Beitrag der Skeptiker
    • Esoterik 2.0: Perfekte Symbiose von Narzissmus und Kapitalismus - Johannes Fischler
    • "Magie" und Scripted Reality: Kommerz und Visualität (Bourdieu: Medienkritik)
    Teil II: Esoterik 2.0 als kapitalistischer Antrieb von Medien und Wirtschaft
    • Die Medien, die Esoterik und der Kommerz: ein Traum-Trio des kollektiven Narzissmus
    Teil III: Esoterik und ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen
    • Esoterik und Rechtspopulismus - Politische Implikationen narzisstischer Kompensationen und des Falschen Selbst
    • Propaganda als Kernelement des Antisemitismus und Faschismus


  • Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit?
  • PROPAGANDA

    Beginnen wir mit dem Wikipedia-Eintrag zu Propaganda:
    "Esoterische Angebote bieten Lebenshilfe: Sie dienen den Einzelnen dazu, in der flexiblen, hybriden Moderne zurechtzukommen. Sie fördern das Gefühl der Authentizität, liefern Erklärungen und Entlastung für Erfahrungen des Scheiterns und verschaffen scheinbare Erleichterung angesichts des Gefühls von Entfremdung und Selbstentfremdung" (Claudia Barth 2012).

    Die Leipziger "Mitte-Studien"

    Seit 2002 erstellt die Universität Leipzig im Zweijahresrhythmus ihre "Mitte"-Studien. Die aktuelle Version "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
    Für die Erhebung wurden im Frühjahr 2016 insgesamt 2420 repräsentativ ausgewählte Personen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt - 1917 in den alten und 503 in den neuen Bundesländern. Die Stichprobe umfasste 1338 Frauen und 1082 Männer. Zur Erhebung besuchten Interviewer die Befragten in deren Wohnungen. Die Teilnehmer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus.
    Die Autoren machen eine rechtsextreme Einstellung an sechs Dimensionen fest:
    - Befürwortung einer Diktatur: Der Aussage "Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform" stimmten 6,7 Prozent der Befragten zu - 13,8 Prozent im Osten und 4,8 Prozent im Westen.
    - Ausländerfeindlichkeit: Drei von zehn Deutschen glauben, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den Sozialstaat auszunutzen.
    - Antisemitismus: Rund zehn Prozent der Deutschen glauben, dass Juden mehr als andere Menschen mit üblen Tricks arbeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
    - Chauvinismus: Mehr als jeder fünfte Befragte ist der Ansicht, es sollte das oberste Ziel deutscher Politik sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.
    - Sozialdarwinismus: Knapp neun Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass es wertvolles und unwertes Leben gibt.
    - Verharmlosung der NS-Zeit: Mehr als acht Prozent der Deutschen glauben, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte - und knapp sechs Prozent finden, ohne Judenvernichtung wäre Hitler als großer Staatsmann in die Geschichte eingegangen.

    Zu diesen sechs Faktoren legten die Forscher allen Befragten jeweils drei Aussagen vor, die auf einer fünfstufigen Skala bewertet werden konnten: von "Stimme überhaupt nicht zu" bis "Stimme voll und ganz zu". Die Höhe der Zustimmung ergab sich aus der Summe der "Stimme überwiegend zu"- und "Stimme voll und ganz zu"-Angaben.

    Hass auf Muslime, Parolen gegen Asylbewerber: Eine Studie zeigt das rechtsextreme, antidemokratische Potenzial in der Gesellschaft. Viele Bürger denken völkisch - und finden in der AfD eine politische Heimat.
    Deutschland im Jahr 2016: Jeder Zehnte wünscht sich einen Führer, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Elf Prozent der Bürger glauben, dass Juden zu viel Einfluss haben. Zwölf Prozent sind der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen. Ein Viertel der U30-Generation in Ostdeutschland ist ausländerfeindlich. Und ein Drittel der Deutschen hält das Land für gefährlich überfremdet.
    Die Zahlen sind der Studie "Die enthemmte Mitte" der Universität Leipzig entnommen. Die repräsentative Erhebung ist der neueste Teil eines Langzeitforschungsprojekts, das seit 2002 politische Einstellungen in Deutschland untersucht. Die jüngsten Ergebnisse sind bedenklich.
    "Noch immer sind weite Teile der Bevölkerung bereit, abzuwerten und zu verfolgen, was sie als abweichend und fremd wahrnehmen", schreiben Oliver Decker und Elmar Brähler, zwei der Studien-Herausgeber. Aus der Mitte der Gesellschaft - lange der "Schutzraum der Demokratie" - erwachse inzwischen ein großes antidemokratisches Potenzial. Was die NPD in der Vergangenheit nicht geschafft habe, gelinge nun der AfD: diese Wählerschaft für sich zu mobilisieren.
    "Rechtsextreme haben in der AfD eine neue Heimat gefunden", sagt Forscher Decker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei Nazis und Rechtsextremen denkt man an die Ränder der Gesellschaft. Das trifft es aber nicht, die Ideologie des völkischen Denkens ist sehr verbreitet."
    Quelle: Schulz, Benjamin (2016). Studie zu Rechtsextremismus: Deutschlands hässliche Fratze. In: Der Spiegel Online vom 15.6.2016
    Rechtsextremismus-Studie - die enthemmte Mitte


  • Die narzisstische Kraft der Medien in Moderne und Postmoderne

    - EINLEITUNG: Die Dimensionen "Struktur & Dynamik"
    - NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
    - SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
    - ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
    - ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
    - RELATION: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
    - TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
    - RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
    - DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
    - PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren der 'Dialektischen Psychotherapie'
    - LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



    6. RELATION: Empathie und Bezogenheit - Dialog, Kongruenz und Echtheit

    Nach Maturana lässt sich Selbstreferenz so charakterisieren:
    "Aufgrund seiner zirkulären Organisation hat ein lebendes System eine selbstbezogene Domäne der Interaktion – es ist also ein "Selfrefering-System". Seine Bedingung, eine Einheit der Interaktionen darzustellen, ist deshalb aufrecht erhalten, weil seine Organisation nur dadurch funktionale Bedeutung hat, dass sie auf die Aufrechterhaltung seiner Zirkularität ausgerichtet ist und auf diese Weise seine Domäne der Interaktion definiert“ (Maturana 1970; Uebersetzung von Mitterauer 2009).
    Hier handelt es sich um eine systemtheoretische Beschreibung der Selbstreferenz, die man aus psychologischer Sicht den lebensnotwendigen und ungestörten Narzissmus nennen kann.
    Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass unser Forschungsergebnis aus den Siebzigerjahren mittlerweile in der Psychiatrie, allerdings unzitiert, berücksichtigt wird. So wurde in den gängigen Diagnoseschemata bei narzisstischen Störungen auch die Selbstbezogenheit als diagnostisches Kriterium eingeführt.
    Im Jahre 2003 habe ich diesen Ansatz weiter entwickelt und versucht, das „Prinzip des Narzissmus als Modell der polyontologischen Selbstreferenz“ darzustellen (Mitterauer 2003 a). Dabei geht es auch um eine neue Hirntheorie, auf deren Grundlage man Erklärungsmodelle für die so genannten endogenen Psychosen (Depression, Manie, Wahn) entwickeln kann.

    Bis hierher können wir festhalten:
    Psychische Gesundheit bedingt ein jeweils adäquates, kontextabhängiges Einpendeln und Aktivieren sowohl des inneren als auch des äusseren Selbst.
    Gemäss der 50/50-Regel (siehe Kap. 5): ca. 50% muss ich selbstbewusst (!) selber beitragen zu meinem Glück, die anderen 50% muss ich die Spannung des nichts-tun-könnens aushalten und muss anerkennen, dass ich auch von Anderen und vom Kontext abhängig bin) sollte beides in der Summe ausbalanciert sein.

    Ausgehend von der Beobachtung „echter“, authentischer Momente, überraschender Wendungen mit oft stark "berührender" Intensität und grosser zwischenmenschlicher "Stimmigkeit" in zahlreichen Psychotherapie-Sitzungen, aber auch im Alltag, möchte ich im folgenden der Frage nachgehen, wie es kommt, dass wir Menschen einen grossen Teil unseres Lebens hinter einer Fassade von Anpassung, Konvention, sozialer Erwünschbarkeit bis hin zu Manipulation, Täuschung, Esoterik und Kitsch (D.W. Winnicott und Karen Horney nennen dies "das falsche Selbst") verbringen und wie es möglich wird, das dahinter bzw. daneben vermutete und in spontanen Momenten des Ausbrechens aus den üblichen sozialen Rollen spürbare "wahre Selbst" lebendiger werden und in ein stimmigeres Zusammenspiel mit dem äusseren oder Rollen-Selbst (siehe z.B. Mead oder Goffman bzw. Moreno oder Petzold) kommen zu lassen.
    Wir werden feststellen, dass es nicht um ein 'entweder-oder' dieser beiden 'Selbste' geht, sondern um ein dialektisches Zusammenspiel der beiden Instanzen oder treffender: Ausprägungen des einen unteilbaren Selbst in Form von 'Aggregatszuständen'; dem oft eher scheuen und ängstlichen 'inneren Selbst' wie ich es nennen möchte (statt dem "wahren" Selbst) und dem eher eloquenten, berechnenden, manchmal aber auch strategisch schweigenden oder sich bewusst verstellenden etc., 'äusseren ("falschen") Selbst'.

    Die intersubjektive Wende

    Relationalität und Anerkennung

    Quelle: Prengel, Annedore (2013). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Opladen: Barbara Budrich

    Begriff und Metapher des Relationalen

    In der Einführung haben wir das "Fadenkreuz-Modell" mit den beiden Achsen kennengelernt und wollen nun nach der inhaltlichen Präsentation der y-Achse mit Henselers Narzissmus-Text, eine Vorstellung der x-Achse vornehmen, wo Frau Prof. Prengel die relationale Dimension des Menschseins beschreibt und historisch-philosophisch herleitet.
    Ich erlaube mir kurz ein Wort zur Darstellungsweise: Hervorhebungen in Form von Fettschrift bzw. von Unterstreichungen (bzw. in der Online-Version als "Links" versehene Stellen) stammen wie immer von mir, dem die Originaltextlektüre begleitenden Kommentator. Längere Zitate sind der wissenschaftlichen Usanz entsprechend leicht eingezogen, [auch wenn darin in eckigen Klammern eigene Anmerkungen zum Zitat eingebunden sind]:
    Das Doppelstandbild stellt die lesen lernende Maria und die lesen lehrende Anna dar, während sie sich auf das Buch zwischen ihnen, das sie gemeinsam halten, konzentrieren. Es liegt nahe zu fragen, ob und wie es als eine historisch frühe, vielleicht sogar klassisch zu nennende Imagination zur triangulierenden relationalen Struktur der Kommunikation im menschlichen Generationenverhältnis, Habermas 2009, gedeutet werden könnte: eine Balance im Didaktischen Dreieck, das, eingebettet in ein vielschichtiges Umfeld, aus den Beziehungen zwischen lernendem Kind, lehrender Erwachsener und Lerngegenstand entsteht und veranschaulicht, dass die kognitive Beziehung zum zu vermittelnden Lerngegenstand mit der emotionalen Beziehung zur lehrenden Person verbunden ist Annedore Prengel spricht hier in verdichteter, lebendiger Form sehr wichtige AutorInnen und deren Texte an [Verweise auf eigene Kapitel in eckigen Klammern an Ort und Stelle im zitierten Text: Bourdieu, Rosa, Mead], wie sie auch für meine eigene Konzeption massgebend sind. Es war deshalb ein grosser Glücksfall, dass ich gegen Ende meiner fünfjährigen in meiner Freizeit vorgenommenen Recherche-Arbeit (2010-2015) auf dieses kleine, feine Büchlein mit der eine Triangulation "Lehrerin, Schülerin und Buch (als Uebergangsobjekt", vgl. Kap. 8 und 10) darstellenden sakralen Skulptur auf dem Deckblatt stiess und nun die Ehre habe, es ganz zu Beginn meines eigenen Buches einbauen zu dürfen um darzulegen, wieviel reichhaltige, spannende und erbauende Literatur aus den unterschiedlichsten Richtungen und Zeiten es zum Thema der Bezogenheit (hier zunächst bewusst trocken-technisch verkürzt als x-Achse eingeführt) gibt. Doch hören wir weiter der Autorin zu, wie sie im nächsten Zitat spannende Philosophiegeschichte betreibt:

    Bezogenheitskonzepte und Dialogtheorien von Buber bis Nussbaum

    Wenn wir nun mit Annedore Prengel Relation bzw. das Relatum definiert und eingeordnet haben und nun historisch-philosophisch weitergehen und schauen, was die Moderne zum Thema zu bieten hat, wird bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich, dass die Dialektik bzw. der Gegensatz von Aufklärerisch-versachlichenden Ansichten und romantisch-gefühlsbetonenden Philosophien nicht beendet wird, sondern im Gegenteil sich bis heute eher noch zuspitzt und teilweise verhärtet, wenn wir z.B. aktuelle politische und weltanschauliche Konflikte zwischen eher konservativ-hierarchischen Denkweisen westlicher und östlicher Diktatoren und Diktaturen betrachten und auf der anderen Seite den Versuchen, eine demokratische, auf Dialog und Begegnung der Kulturen progressiv-sozialen Denk- und Handlungsweise.
    Die in der Einleitung dargestellten Gegensatzpaare im Fadenkreuz von x- und y-Achse finden sich nicht nur in der Wissenschaftstheorie wieder sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen, inklusive Politik, Philosophie, Psychologie und Pädagogik.
    Prengel stellt in der Folge deshalb dar, wie wichtig und unabdingbar es ist, dass Dialogtheorien wieder- und weiterbelebt werden, wollen wir aus dem "Unbehagen an der Moderne" (Buchtitel von Charles Taylor, ähnlich zu finden auch bei Sigmund Freud und Alain Ehrenberg) herausfinden und eine lebenswerte, enkeltaugliche Mit- und Umwelt erhalten und hegen und pflegen: Gerade letzterer Punkt Prengels zur "Pluralität der Forschungsperspektiven" ist mir besonders wichtig, weil gerade dadurch der Respekt und die Anerkennung des jeweils Anderen, auch und gerade in ihrem/seinem Anderssein hervorgehoben wird. Es geht mir also nicht um ein Entweder-Oder des z.B. Normorientierten vs. dem Subjektiven, sondern um eine Zusammenarbeit und Synergie welche entsteht, wenn derselbe Gegenstand oder Mensch von verschiedenen Seiten her betrachtet wird, um in der Sphäre des Forschens zu bleiben einerseits also messend-normativ-strukturiert und andererseits begegnend-emotional-subjektiv.
    Wenn wir auf diesen Erkenntnissen weiter aufbauend die politische und gesellschaftliche Dimension (oder 'Sphäre' gemäss Michael Walzer) hinzunehmen und die relationale Betrachtungs- und Seinsweise dominant werden lassen im Fadenkreuz der Perspektiven (also nach rechts auf der x-Achse) landen wir bei Emotionen und Menschenrechten, bei Demokratie und Gerechtigkeit und bei Empathie und Liebe, wie Prof. Prengel im folgenden sehr schön beschreibt: Zurückkehrend in die Sphäre des Individuellen und Privaten, bietet sich die Psychoanalyse und ihre Weiterentwicklungen an als Untersuchungsmethode intra- und auch intersubjektiver Vorgänge. Zu diesen konkreten psychotherapeutischen Anwendungen relationalen Denkens und damit auch Grundlagen zur Entwicklung von 'Narzissmus' liefernd (vgl. Kap. 2 und 4: Bindungen), hat Annedore Prengel folgendes geschrieben: Anerkennung (Honneth würde von "Anerkennung in der Sphäre des Rechts" sprechen, Kap. 6 und 9) erhält die Bindungstheorie sogar von allerhöchster gesundheitspolitischer Stelle, von der Weltgesundheitsorganisation WHO, welche bereits 1946 folgenden Satzungsartikel beschlossen hat: Abschliessend zu dieser 'Tour d'Horizon du relationnel' möchte ein letztes mal Prof. A. Prengel zitieren, wie sie sich zur empirischen Befund- und Studienlage bezüglich Empathie, Intuition, Beziehung, Kooperation, ... kurz: zur Relationalität (oder wer's lieber so mag: zur Intersubjektivität) und im Anschluss daran zu den Menschenrechten äussert:
  • Der Andere, das moralische/sittliche Dritte, das Zwischen, Triangulierung; Resonanzraum, Feld, Empathie
  • Anerkennungskonzepte: Jessica Benjamin und die Relationale Psychoanalyse
  • Paartherapie, Täter/Opfer, Kollusion und Anerkennung (Jürg Willi et al.)
  • Anerkennungskonzepte in Pädagogik, Pflegewissenschaft und Sozialarbeit
  • Martin Altmeyer: Narzissmus und Objekt
  • Martin Altmeyer: Mentale Bezogenheit
  • Martin Altmeyer, Helmut Thomä (Hrsg.): Die vernetzte Seele
  • Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung
  • Jürgen Habermas: Naturalismus und Religion
  • Otto F. Kernberg/Diana Diamond: Narzissmus und die Gesellschaft
  • Daniel N. Stern: Gegenwartsmomente (Now-Moments)
  • Peter Fonagy, Mary Target et al.: Affektregulierung und Mentalisieren

    7. TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum und digital-visueller Narzissmus
    TEIL I: Technokratie oder das Ge-stell
    • 7.1.1. Die Menschheit schafft sich ab - Die Erde im Griff des Anthropozän
    • Prometheus und das "prometheische Grauen"
    • Der eindimensionale Mensch - Frühe Technikkritik als Technokratiethese
    • Martin Heidegger: Das Ge-stell
    • Norbert Bolz: Das Ge-stell
    • Technokratie: "Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt"
    • Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit
    TEIL II: Digital-visueller Narzissmus
    • 7.2.1. Vom Analogen ins Digitale - vom Echten zum Falschen?
    • 7.2.2. Digitale Entfremdung und Oberflächentechnik
    • 7.2.3. Aesthetischer Narzissmus
    • 7.2.4. Narzisstisches Scheinen in der darstellenden Kunst
    • 7.2.5. Politisches Handeln – politisches Scheinen: Symbolische Politik
    • 7.2.6. Entfremdung und Selbst-Design
    • 7.2.x. Das Selfie und die 'Oekonomie der Aufmerksamkeit'
    • 7.2.7. Narzissmus in den Social Media: Selfie-'Kultur' auf Facebook, Twitter und Youtube
    • 7.2.8. Narzissmus im Fernsehen: Casting Formate und Medienkritik à la Bourdieu, Luhman und Postman
    TEIL III: Das digitale Zeitalter - Dataismus, Big Data, Spieltheorie und Algorithmen
    • 7.3.1. Wie wirklich ist die Wirklichkeit I - Strukturalismus und Semiotik
    • 7.3.2. Wie wirklich ist die Wirklichkeit II - Jean Baudrillard: Simulakra und Simulation
    • 7.3.3. Wie wirklich ist die Wirklichkeit III - Hans Blumenberg: Wirklichkeitsverhältnisse
    • 7.3.4. KONSUM: Falsch statt Echt: Der Siegeszug des Kommerzes – Ernst Fehr und R.D. Precht
    • 7.3.5. Das Selbst - Die Maske - Der Bluff - Manfred Prisching
    • 7.3.6. Der Existenzbastler in der Multioptionsgesellschaft - Hitzler/Gross
    • 7.3.7. Baudrillard II: Die Konsumgesellschaft - Ihre Mythen, ihre Strukturen
    • 7.3.8. Spieltheorie und Big Data-Manipulationen bei Frank Schirrmacher
    • Stammeskultur im Netz, Re-Tribalisierung und die geschlossene digitale Gesellschaft
    • Adorno, Horkheimer, Marcuse, Fromm und die Frankfurter Schule - Kritische Theorie und Neo-Psychoanalyse
    TEIL IV: Das Post-Digitale Zeitalter: Psychopolitik, Superintelligenz und 'Homo Deus'
    • ..........................
    • Byung-Chul HAN: Psychopolitik und Kritik des Neoliberalismus
  • Müdigkeitgesellschaft: Optimierung des "falschen Selbst" macht schlapp TEIL V: KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus
    • Erdheim: «Der Konsumwunsch erwächst aus den kapitalistischen Arbeitsbedingungen»
    • Décroissance, Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz
    • Kapitalismus- und Medienkritik: Was kommt nach dem Kapitalismus? Minimalismus, Urban Gardening, Tauschkreise?
    • Niko Paech: Grundzüge einer Postwachstumsökonomie
  • "Man muss sich fragen, ob der menschliche Geist das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
    (Paul Valery)
      "Mit Ernst Kapps Grundlinien einer Philosophie der Technik von 1877 wird Technik „zur Zentralkategorie der Selbstdeutung des Menschen“: Erstmals wird Geschichte als Technikgeschichte interpretiert, das heisst, die Geschichte des Menschen wird als die der Entwicklung und Verbesserung seiner technischen Artefakte angesehen. Seit dieser Zeit gibt es in den Kultur- und Sozialwissenschaften zahlreiche Autoren, die sich mit dem Problemfeld auseinandersetzen, das zwischen den Eckpfeilern 'Mensch', 'Natur' und 'Technik' aufgespannt wird. Diese zahlreichen und vielfältigen Versuche, dem 'Wesen' der technischen Artefakte auf die Spur zu kommen, insbesondere deren Einschätzung des Stellenwerts von Technik in bezug auf den Menschen, sind der Gegenstand dieser Untersuchung" (Fohler 2003 S.11)
    . Quelle: Fohler, Susanne (2003). Techniktheorien - Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen.

    Jacques Ellul: „The Technological Society“ (1954)

    Der französische Soziologe und Philosoph Jacques Ellul (1912–1994) war einer der ersten die eine "Dystopie einer monolithischen technischen Welt" (um nicht immer Orwell oder Huxley zu zitieren...) diagnostizierten bzw. voraussagten:
      Ellul "diagnostiziert, dass die moderne, durch die Technik dominierte Gesellschaft dabei sei, sich in eine effizient organisierte und planvoll gestaltete kollektivistische und autoritäre Gesellschaft zu verwandeln.
      Seine Basisargumentation lautet in komprimierter Form: Der Mensch hat sich vermittels der Technik von den Naturzwängen emanzipiert, aber dies führt in der Gegenwart zur Unterwerfung des Menschen und seiner Institutionen unter die Zwänge der Technik. Anstatt in der Befreiung von der Arbeitsfron resultiert die entfesselte Technik in der totalen Herrschaft einer technischen Rationalisierungsideologie, die ihren sinnfälligen Ausdruck in der modernen Planungseuphorie findet. Der Liberalkapitalismus verwandelt sich auf diese Weise in einen zentralistisch gesteuerten Staatskapitalismus; Politik reduziert sich auf die Koordination und Ausführung technisch vermittelter Handlungszwänge; und auch der Mensch regrediert zum Objekt der Technik, das heißt des Plans, der Verwaltung, der Propaganda und der Reklame. Das Versprechen der Freiheitsgewinne durch Technisierung entpuppt sich als ein großes Projekt der Freiheits- und Demokratieberaubung. Technologische Gesellschaften sind totalitär" (Bogner 2015 S.65)
    .
      "Technik ist damit das Gegenteil von menschlicher Kreativität, Improvisation und Spontaneität; sie gleicht in ihrer Rigidität einer Anleitung zum Bau von Bücherregalen. Die Technik ist für Ellul kein Gegenstand, sondern ein spezifisch modernes Denk- und Handlungsmuster, dessen Leitwert die Effizienz ist: „what characterizes technical action within a particular activity, is the search for greater efficiency. Completely natural and spontaneous effort is replaced by a complex of acts designed to improve, say, the yield.“ (Ellul 1964 S.20)" (zit. in Bogner 2015 S.65/66)
    .
      "Die Antwort kann im Sinne Elluls nur lauten: Weil die Technik in der Moderne als Königsweg zu einem guten Leben für alle gilt. Schliesslich soll dieses gute Leben über Produktivitätssteigerung und Wachstum erreicht werden. Das heißt, die Zielvorgaben sind gewissermaßen schon technisch formuliert („durch Wachstum zum Glück“); Fortschritt wird auf diese Weise als Steigerung des quantitativ Messbaren ausbuchstabiert. Eine derartige Zielbestimmung muss zwangsläufig die Technik ins Spiel bringen. Dass deren Entfesselung nicht ins erwartete Paradies führt, sondern in die traurige Realität einer durchrationalisierten Gesellschaft, scheint Ellul evident. Dafür will er sensibilisieren" (Bogner 2015 S.66)
    . Quelle: Bogner, Alexander (2015, 2te Aufl.): Gesellschaftsdiagnosen - ein Ueberblick. Weinheim: Beltz Juventa.

    Digitalisierung: "Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt"

      "In Anlehnung an das Kommunistische Manifest von Karl Marx kann der Leser vermuten: 'Es geht ein Gespenst um in Deutschland'.
      ...........................

      7.3.4. KONSUM: Falsch statt Echt: Der Siegeszug des Kommerzes – Ernst Fehr und R.D. Precht

      Scripted Reality - TV

        "Was sich verkauft, ist der Unterhaltungswert der Jauche-Information. Die höchsten Einschaltquoten erzielen Sendungen, die Durchschnittsmenschen dazu manipulieren, ihre Intimsphäre zu exhibieren, vor allem weil dies für den Zuschauer authentisch ist und die ihn manipulierende Absicht verdeckt. Da werden Teilnehmer in peinliche Situationen gebracht, Lebensberatung in Call-In-Shows angeboten (etwa für schmutzige Wäsche zwischen Partnern, unerwünschte Schwangerschaft); in Talkshows (zur Zeit über 50 im deutschen Fernsehen) wird den Teilnehmern suggeriert, sich mit ihren Ansichten und Forderungen profilieren zu können, während der Profimoderator Fallen aufgestellt und die Talkpartner sich unterbrechen, abwerten, Polemik betreiben und die Beschädigung anderer als Pluspunkte einzufahren suchen. Das Reality-TV reicht von Amateuraufnahmen über Dokumentation mit versteckten oder offiziell überwachenden Kameras bis zur Reality-Soap à la Big Brother. Weitere Information in Gözen 2000 [s.u.].
        Masseninformation nutzt öffentliches Interesse als Alibi, um durch Jauche Auflagen und Einschaltquoten zu steigern. Rücksichtnahme auf Nebenwirkungen und gesellschaftliche Folgeschäden gibt es kaum; denn gerade im Medienbereich erweist sich, dass rechtliche Reglementierung gegen Manipulation nur schwer greift, Richard Forno spricht von Hightech-Heroin. Und das Energiesparprinzip sorgt dafür, dass sich der Geruchssinn der Oeffentlichkeit dem Informationsgestank immer wieder anpasst und die Duldungsgrenze sich entsprechend verschiebt. Forno hat deshalb bereits einen Nachruf auf das Informationszeitalter verfasst (Website infowarrior.org).
        Was Jauche heutzutage alles an Zeit und Produktivität vernichtet! Um in solchem Klima „gesund“ zu bleiben, gibt es nur einen Weg: sich eine angemessene manipulative Eigenkompetenz zuzulegen. Wir dürfen für diese Schattenseite der Psyche und unserer Kulturepoche nicht persönlich verletzbar sein, müssen uns gegen sie immunisieren" (Brendl 2004 S.68).
      Quellen:
      Brendl, Erich (2004 2teAufl.). Clever manipulieren: Die Kunst, sich geschickt und erfolgreich durchzusetzen. Wiesbaden: Gabler
      Jire Emine Gözen (2000). „Menschen als medienkreierte Produkte - Authentizität, Banalität und Big Brother“. Referat "Medienkritik Teil I: Requiem auf das Fernsehen" im Sommersemester 2000
      Online: J.E. Gözen über Big Brother

      TEIL V: KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus

      Konsumkritik - Wachstumskritik

      „Pointiert gesagt, basiert ein Grossteil heutiger Wirtschaft auf dem gelangweilten Konsumenten, denn der Konsum von Gütern soll Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass sie neue Bedürfnisse nähren. Die Tretmühle muss in Gang gehalten werden. Kann man sie zum Stillstand bringen? Will man es überhaupt?“ (Kaeser 2014 S.27)



      8. RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"

      Literatur zu Körper, Embodiment und Resonanz: - Althans, Birgit (2010). Zur anthropologischen Notwendigkeit des Verkennens. In: Jörissen/Zirfas - Schluesselwerke der Identitaetsforschung, S.55-66. Springer VS. - Buchholz - Cantieni, Benita - Honer, Anne (2011). Kleine Leiblichkeiten. VS - Leuzinger-Bohleber, - Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. - Seier, Andrea / Surma, Hanna (2008): Schnitt-Stellen. Mediale Subjektivierungsprozesse in THE SWAN. In: Villa, Paula (Hrsg.): Schön Normal - Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst. Bielefeld: transcript, S.173-197. - Storch, Maja - Tschacher, Wolfgang


      "Es mutet nachgerade zynisch an, wenn Silicon-Valley-Veteranen, die uns das Starren auf den Bildschirm als höchstes Glück verkaufen und daraus ihre exorbitanten Gewinne abschöpfen, im realen Leben physischen Freuden zuneigen, sich an edlem Essen und Spitzenweinen delektieren, gerne die Gesellschaft realer Freunde pflegen, sich abenteuerliche Hobbys zulegen. Die Reichen können es sich leisten, offline zu leben. Während der Plebs sich in virtuellen Pubs mit virtuellen Kumpels vergnügt. Ein neuer Klassengegensatz tut sich mittlerweile auf, nicht zwischen den Herren des Kapitals und dem Proletariat, sondern zwischen den Herren der elektronischen Luftschlösser und deren Bewohnern (Kaeser 2014 S.38).
        "(...) m.E. erscheint heute nichts dringender, als mit einer kritischen Sensibilität der «Mischexistenz» innezuwerden, die wir im Umgang mit den neuen Medien führen.
        Die «Mischexistenz» ist der Normalzustand. Wer am Morgen zu Kaffee und Gipfeli auf dem Tablet liest, exemplifiziert diesen Normalzustand in seiner vollen Banalität: Er nimmt sowohl Atome als auch Bits zu sich (das tut übrigens auch der Zeitungsleser, das tut der Mensch seit je).
        Makroskopisch gesehen, verhält es sich mit Online und Offline so, wie wenn wir in einer Salatsauce leben würden, in der sich Oel und Essig nur schwer, falls überhaupt, scheiden lassen. Aber gerade deshalb sollten wir ein kulturelles Trennverfahren pflegen, in Form einer medialen Mikrokompetenz, über die wir alle verfügen. Sie lässt sich mit einem einfachen unprätentiösen Wort definieren: Unterscheidungsvermögen.
        Entscheiden lernen, wann ich das Gerät brauchen will und wann nicht; wann ich ihm trauen soll uns wann nicht. Genau das macht uns «real». Denn «Augmented reality» ist ein Euphemismus für das Suchtpotenzial all der schönen smarten Dinge, die darauf optimiert werden, uns zu sagen, was wir tun und lassen sollen. Dahinter stecken natürlich deren Entwickler. Höchste Zeit, ihr Menschenbild zu durchleuchten, das sie in ihre Gadgets zum alleinigen Zweck der «Wertschöpfung» verpacken.
        Ich vermute, der eigenständige, der «reale» Mensch findet darin kaum noch Platz. Und genau das ist die Katastrophe, die sich still und flächendeckend in Gestalt des entfesselten Elektronikm arktes ereignet. Wie schrieb McLuhan vor fast 50 Jahren: «Unsere Augen, Ohren und Nerven an kommerzielle Interessen zu verpachten ist fast das Gleiche, wie wenn man die menschliche Sprache einem Privatunternehmen übergäbe, oder die Erdatmosphäre zu einem Monopol einer Firma machte».
        Ein neuer Klassengegensatz?
        Vor über fünfzig Jahren, angesichts des massenhaften Aufkommens von Radio und Fernsehen, sprach Günther Anders vom «prometheischen Gefälle» zwischen Mensch und Technik [vgl. Kap.7]. Der Mensch sei dem immer weniger gewachsen, was er hervorbringt. Er wird zum Anhängsel seiner Erfindungen. Heute machen sich in der ehemaligen Avantgarde des Virtuellen ähnliche Anzeichen eines Zauberlehrling-Effekts bemerkbar.
        Jaron Lanier, einer der Pioniere der Virtual Reality, hat kürzlich ein Manifest publiziert, das den Titel trägt «You are not a Gadget». Er trifft den Nagel auf den Kopf: Du bist kein Gerät, kein technischer Schnickschnack - kein Avatar. Du bist eine verkörperte Person in einer physischen Welt, mit all den Beschränkungen, Unzulänglichkeiten, Verletzlichkeiten, aber auch all den Freuden, der Lust, der Sinnerfüllung, die eine solche Existenz mit sich bringt.
        Philip Rosedale zum Beispiel, der Schöpfer von «Second Life», ist ein passionierter Flieger, und zwar nicht im Flugsimulator. Es mutet nachgerade zynisch an, wenn Silicon-Valley-Veteranen, die uns das Starren auf den Bildschirm als höchstes Glück verkaufen und daraus ihre exorbitanten Gewinne abschöpfen, im realen Leben physischen Freuden zuneigen, sich an edlem Essen und Spitzenweinen delektieren, gerne die Gesellschaft realer Freunde pflegen, sich abenteuerliche Hobbys zulegen. Die Reichen können es sich leisten, offline zu leben. Während der Plebs sich in virtuellen Pubs mit virtuellen Kumpels vergnügt. Ein neuer Klassengegensatz tut sich mittlerweile auf, nicht zwischen den Herren des Kapitals und dem Proletariat, sondern zwischen den Herren der elektronischen Luftschlösser und deren Bewohnern.
        Na und, ist das ein Widerspruch? Geht es denn nicht darum, das Beste aus beiden Welten herauszuholen?, kann man zurückfragen. Doch, eben darum geht es: um beide Welten. Und zuvor darum, den Unterschied nicht zu verlernen. Vor noch nicht allzu langer Zeit Hessen südkoreanische Eltern ihr Baby verhungern, weil sie sich mehr um ihr Avatarbaby kümmerten. Das reale Baby war das «Zweitbeste» [Turkle 2012]. Wenn unser inneres Navigationssystem durch die Grenzverwischung zwischen Realität und Simulation derart in Schieflage gerät, haben wir in der Tat ein Problem, ein echtes. Mit ungeheurer Geschwindigkeit sind wir innert zwanzig Jahren zu Bürgern zweier Welten geworden, einer materiellen und einer immateriellen. Und die Grenzen verwischen sich von Tag zu Tag mehr.
        Fast scheint es, als hätten wir in dieser digitalen Vertigo den aufrechten Gang ein zweites Mal zu lernen. Diesmal nicht naturgeschichtlich, sondern zivilisationsgeschichtlich. Denn es gibt kein richtiges Leben im virtuellen" (Kaeser 2014 S.36-39)
      . Kaeser, Eduard (2014). 'Simulo ergo sum' oder 'Der digitale Dualismus'. In: ders. "Trost der Langeweile" S.S.29-39

      Turkle, Sherry (2009). Frontline-PBS-Interview. Online:www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/digitalnation/interviews/turkle.html - abgerufen 10.11.2017

        "Sex ist gefährlich und bringt die Menschen buchstäblich an ihr Limit. Denn es gibt keinen Sex, wenn zwei Wesen, die sich aneinander freuen, nicht bereit sind, im entscheidenden Moment die Kontrolle zu verlieren. Plötzlich geben sie bedrohliche Laute von sich, sagen etwas Unpassendes, werden grob. Zweideutigkeit, Kontrollverlust, körperliche Intensität: All dies ist in der abgedämpften Welt der Political Correctness nicht mehr vorgesehen.

        Der letzte kommerzielle Schrei in den USA ist das sogenannte «Affirmative Consent Kit», das online vom «Affirmative Consent Project» für zwei Dollar vertrieben wird: eine kleine Tasche mit einem Kondom, einem Stift, einigen Minzetabletten und einem einfachen Vertrag. Letzterer hält fest, dass beide Parteien darin übereinkommen, einvernehmlichen Sex zu haben" (Zizek 2017).
        Quelle: Zizek, Slavoj (2017). Das Leben ist nun einmal krass - Vertraglich geregelter Sex. Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 25.3.17
        Zizek über die Notwendigkeit von Kontrollverlust

      Das Schicksal der Echo

      Stimme, Ueber-Ich und Musik - Von der Triebhaftigkeit im Akustischen

      Die beiden tragenden menschlichen Kommunikationsfelder, also sowohl Sehen/Gesehenwerden als auch Sprechen/Hören, finden sich in ihrer Bedeutung für den Subjektivierungsprozess im Mythos von »Narziss und Echo« thematisiert. Die von den beiden Figuren der Geschichte jeweils verkörperten Spiegelfunktionen, die zunächst für die Bildung eines imaginären Ich [hierzu in Kap. 4: Entstehung des Spiegelstadiums] – einerseits durch den Blick und andererseits durch die Stimme – bedeutsam sind, werden aber zumeist zugunsten einer letztlich nicht haltbaren Vorrangigkeit des Visuellen gegenüber dem Akustischen abgehandelt.
      So hat man auch in den klassischen psychoanalytischen Triebkonzepten zwar einen dem Auge korrespondierenden Schautrieb herausgearbeitet, nicht aber ein aus Stimme und Gehör zusammengesetztes eigenes Triebdispositiv. Hingegen hat Lacan einen sogenannten Anrufungstrieb ('pulsion invocante') konzipiert, welcher der besonderen Topologie und der speziellen Dynamik eines aus »Hören und Tönen« bestehenden Partialtriebgeschehens Rechnung trägt. Das für Bewusstseinsbildung und Intersubjektivitätsentwicklung relevante Ur-Objekt dieses Triebs, dessen Elemente man als »sonore Objekte« bezeichnen kann, ist die menschliche Stimme. Sie soll unter dem Blickwinkel ihrer Bedeutung für die Genese der Ueber-Ich-Strukturen Beachtung finden, bevor auf ihre Rolle für das Geniessen im Musikalischen eingegangen wird, das durch spezifische Sublimierungs- und Idealisierungsvorgänge auf Trieb- und Objektseite ermöglicht wird.
      Zunächst aber sei an die mythische Geschichte der Echo im Zusammenhang mit jener von Narziss/Narkissos erinnert:
        "Narkissos war der Sohn der Nymphe Leiriope, die der Flussgott Kephissos einst mit seinen gewundenen Flüssen umschlungen und hernach vergewaltigt hatte. Narkissos war von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt und wies schon früh herzlos die Liebe von Männern und Frauen zurück. Auch die Nymphe Echo verliebte sich in ihn. Sie war mit dem Verlust ihrer Sprache bestraft worden – sie konnte nur die Rufe anderer nachschwätzen –, weil sie Hera einst mit langen Geschichten unterhalten hatte, so dass die Konkubinen des Zeus ihrem eifersüchtigen Auge entwischen konnten. Eines Tages ging Narkissos zur Hirschjagd. Echo folgte ihm leise durch den weglosen Forst und wollte mit ihm sprechen. Sie konnte aber das Gespräch nicht selbst beginnen. Endlich rief Narkissos, als er sich verirrt hatte: »Ist jemand hier?« - »Hier!« antwortet Echo zur Verwunderung des Narkissos, da er niemanden sehen konnte. »Komm!« - »Komm!« - »Warum meidest du mich?« - »Warum meidest du mich?« - »Laß uns hier zusammenkommen!« - »Laß uns hier zusammenkommen!« wiederholte Echo und rannte voller Freude aus ihrem Versteck, um Narkissos zu umarmen. Roh schüttelte er sie von sich und lief davon. »Ich würde eher sterben, als mit dir liegen!« rief er.
        »Mit mir liegen!« flehte Echo. Doch Narkissos war bereits fortgegangen, und sie verbrachte den Rest ihres Lebens in einsamen Schluchten. Dort siechte sie vor Liebeskummer dahin, bis nur ihre Stimme zurückblieb. Als Narkissos eines Tages auf Jagd war, folgte sie ihm. Und als er sich verirrte und nach jemandem rief, konnte sie auf seinen Ruf antworten und sich schliesslich zeigen. Als sie ihm aber auch ihre Liebe zeigen wollte, wies er sie schrof zurück, worauf sie sich in Liebesgram verzehrte. Und während sich der eitle Narziß in sein eigenes Bild verliebte und dahinschmachtete, bis er in eine Blume verwandelt war, lebt Echos Stimme, der Widerhall, auf den Bergen und in den Wäldern fort" (nach Ranke-Graves 1985 S.259f) [vgl. Kap.2: Narzissmus].
      Ovid führt dazu aus:
        »Die Stimme allein und die Knochen sind übrig; jene hat Dauer, die Knochen, sie wurden zu Stein, so erzählt man. Und jetzt ist sie verborgen in Wäldern; man sieht sie auf keinem Berg, doch jedermann hört sie: ihr Ton ist lebendig geblieben« (Ovid 1964 S.104).
      Es liegt offenbar an der scheinbaren Uebermacht des Auges und an der aussergewöhnlichen Sinnfälligkeit des Visuellen, dass in den alltäglichen Kurzfassungen der hauptsächlich als »Narzissmythos« tradierten Geschichte das Schicksal der Echo so konsequent unterschlagen wird, was uns wie eine tragische Wiederholung ihres Verschmähtwerdens in der Erzählung selbst anmutet.
      Dabei ist dem Primat des Optischen und der Vorrangigkeit des Visuellen die Vorgängigkeit des Akustischen gegenüberzustellen. Denn in der Entwicklung des Subjekts und in seiner Naturgeschichte der Sinne geht das Universum des Hörbaren der Welt des Sichtbaren eindeutig voraus, wenngleich die offenbar grössere Gier des Auges und die stärkere Ueberzeugungskraft seiner Bilder das von Immaterialität und Intensität bestimmte Akustische stets in den Hintergrund zu drängen versucht. Hingegen ist es aber der ursprünglich von der Stimme getragene Diskurs, der uns einen Ausschnitt aus der Unendlichkeit des Sichtbaren liefert, indem er bestimmt, was zu sehen ist und damit der Intentionalität des Schautriebs Inhalte und Strukturen bereitstellt.
      Damit wird der Sprache und ihrer Ordnung eine organisierende Funktion gegenüber der reinen Dingwelt eingeräumt, was auf die Anerkennung hinausläuft, dass die Ordnung der Wörter der Ordnung der Dinge vorausgeht.
      Ohne Zweifel hat sich in unserer Kultur während der letzten Jahre der vielbeschworenen Bilderflut ein Tonschwall und ein Stimmengewirr hinzugesellt. Diese Phonomanie, die einem gegenwärtigen Panoptikum ein Panakustikum gegenüberstellt und im Rahmen einer bereits gesellschaftlich geforderten akustischen Tele-Präsenz mit einem (Lust-)Zwang zu intersubjektiver Kommunikation auf partieller Basis einhergeht, ist selbstverständlich soziokulturell vielschichtig determiniert. In Anbetracht einer bisweilen in die Obszönität der öffentlichen und privaten Telefonerotik reichenden Hör- und Sprechlust, welcher immer auch der Verdacht einer Vermeidung sogenannter ganzheitlicher zwischenmenschlicher Beziehungen anhaftet, lässt allerdings auch die Frage nach einer akustisch determinierten Triebhaftigkeit auftauchen, welcher von der Psychoanalyse bisher – wenn überhaupt – nur randständige Bedeutung eingeräumt worden ist. In diesem Zusammenhang wäre es übrigens verlockend, der vom Auge dominierten Gefallsucht des Narzissmus eine als »Echoismus« zu bezeichnende Neigung, sich selbst gerne reden zu hören, gegenüberzustellen. Ein aus Stimme und Gehör zusammengesetztes Triebdispositiv, welches die Zusammenarbeit zweier getrennter Apparate bzw. Organe impliziert, zeigt sich im allgemeinen aber eher von sublimem Charakter, weil es vor allem von dem von Mässigung und Vernunft getragenen Feld des Sprechens besetzt wird. Bezieht man sich hingegen stärker auf das rein Stimmliche, so ist man dem Triebhaften bereits näher. Einerseits kommt der Stimme in der Radikalität des Schreies unmittelbare und unvermittelte Ausdruckskraft realen seelischen Erlebens zu, andererseits spielt sie, vereint mit sadomasochistischen Strebungen, in jeder Macht- und Herrschaftsausübung eine entscheidende Rolle.
      Hier trefen Mündigkeit und Hörigkeit in aggressiver Weise zusammen, wenngleich dem Hören in seiner scheinbaren Passivität nicht von vornherein dieselbe Triebhaftigkeit wie dem stimmlich Expressiven eingeräumt werden kann. Es ist jedoch zu bedenken, dass auch dem Begriffsfeld des Hörens Wahrnehmungsmodalitäten verschiedener Intensität mit verschiedenem Aktivitätsgrad zugehören, so dass Steigerungsstufen etwa vom Zuhören über das Lauschen, Horchen, Aushorchen, Verhören bis hin zum sogenannten Lauschangriff die Unschuldsvermutung des Ohrs in Frage stellen und seine Einbindung in ein triebdynamisches Geschehen als sinnvoll erscheinen lassen. In dieser Hinsicht wäre dann auch das Ohr, so wie das Auge, eine autonome erogene Zone und die Quelle eines spezifischen Triebes.

      Der Anrufungstrieb

      Wie bereits angedeutet, kommt in Freuds Triebtheorie und in seiner Entwicklungsgeschichte der Triebe zwar dem Sehen, aber nicht dem Hören/Sprechen triebhafte Bedeutung zu. Dies ist umso erstaunlicher, als Freud auf seinem Erkenntnisweg gerade mit seinem Richtungswechsel von der Beobachtung zur Anhörung zu einem besseren Verständnis des menschlichen Psychismus dahingehend gelangte, dass sich die Spezifität des Menschen der Sprache und dem Sprechen verdankt und dass das menschliche Subjekt – als 'animal symbolicum' im Sinne Cassirers – vor allem ein der symbolischen Ordnung unterworfenes Subjekt und damit ein höriges und mündiges Subjekt ist. Auch in späteren psychoanalytischen Standardwerken sind Stichworte aus dem Bereich von Stimme und Gehör kaum zu finden. Es scheint, als ob die an das Sprechen und Zuhören gebundene Psychoanalyse nur schwer ihr Standbein bewegen könne, um sich durch Infragestellung und Analyse ihres entscheidenden Trägermediums nicht ihres Fundaments zu berauben.
      So bildet sich am Ort der Psychoanalyse als dem Ort des schärfsten Hörens ein Zentrum aus, das analog zum blinden Fleck auf der Netzhaut als tauber Fleck im Ohr imponiert.
      Es bedurfte offenbar einer Wende in der Geschichte der psychoanalytischen Theoriebildung, um die Existenz eines spezifischen und relativ abgegrenzten akustischen Partialtriebs in Erwägung zu ziehen. Der von Lacan und seiner strukturalen Psychoanalyse eingeführte Perspektivenwechsel, den man nach dem 'linguistic-turn' Freuds als 'imaginary-return' bezeichnen könnte, hat offenbar die Frage nach der Funktion der Stimme und ihrer Objekthaftigkeit bezüglich eines spezifischen, an das Gehör gebundenen Triebes in den Vordergrund gerückt. Die Herausarbeitung von Blick und Stimme als eher verkannte Objekte zweier Partialtriebe sind auch in Zusammenhang mit der psychiatrischen Erfahrung Lacans und insbesondere mit seiner Beschäftigung mit der Ich-Entstehung und dem Problem der Psychosen zu sehen.
      Unter der Prämisse, dass es eine so genannte ganze Sexualstrebung als Repräsentation einer Triebgesamtheit am Endpunkt der psychosexuellen Entwicklung nicht gibt, ist jeder Trieb (und damit auch der Genitaltrieb) prinzipiell Partialtrieb und als solcher bekanntlich durch seine Quelle, durch sein Objekt und durch sein Ziel bestimmt. Aus diesem Grund unterscheidet Lacan, Freud folgend, die Ebene der (Sexual-)Triebe relativ deutlich von jener der Liebe, welche im Gegensatz zum »kopflosen« Subjekt des Triebs die Bildung eines zunächst imaginären Gesamt-Ich sowie schliesslich eines vom sprachlich/symbolischen Anderen her bestimmten Subjekts impliziert.
      Während sich der Partialtrieb an einem Objekt Befriedigung verschaffen kann, bleibt er andererseits stets zielgehemmt, weil das Ziel der Sexualität der Arterhaltung und der geschlechtlichen Reproduktion dient. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint dann auch das Triebobjekt als etwas Sekundäres, was Freud bekanntlich in der Weise ausgedrückt hat, dass das Variabelste am Trieb das Objekt sei. Dieses Triebobjekt ist als solches immer als ein Rest und als ein Abfall zu verstehen, Effekt der Verhaftung des Subjekts und seiner Um- bzw. Innenwelt mit der Sprache. Es ist der Rest eines ursprünglichen, unvermittelten, aber auch nicht bewussten Geniessens, worauf das Subjekt zu verzichten hat, wenn es sich in der sogenannten symbolischen Kastration der Vermittlungsfunktion des Zeichens und der Sprache unterwirft.
      "Das Wort ist der Mord am Ding", sagt Hegel, und das aus dem unvermittelten Ding durch das Symbol entstandene Objekt ist somit Abfall des Signifikanten und damit Ur-Sache des Begehrens als Ausdruck eines symbolisch nicht assimilierbaren Ueberbleibsels, das nur im imaginären Szenario des Phantasmas dem Subjekt gegenüber seinen Platz findet. Dieses Objekt, das ewig fehlt, dieses stets gesuchte und für immer verlorene Objekt, das bei jeder erneut auftretenden Bedürfnisspannung auf ein ursprüngliches Befriedigungserlebnis verweist und durch eine Besetzung von Erinnerungsspuren charakterisiert ist, kennzeichnet Lacan, wie bereits mehrmals erwähnt, mit dem Begriff des Objekts »a«. Dabei wird jedem Partialtrieb ein spezifisches Ur-Objekt zugeordnet, dessen Merkmal es aber ist, Objektalität dadurch zu besitzen, dass es sich von einem Körper ablösen lässt, weil sich zunächst alle Erfahrungen des Kindes auf den Körper beziehen. Dieser Körper ist sowohl der Körper des anderen als auch der eigene Körper, weil auf dieser Ebene der Subjektgenese der Transitivismus der imaginären (Spiegel-)Beziehung vorherrscht [vgl. Kap.4: Spiegelstadium] (nach Freud ist die erste Objektbeziehung eine Identifizierung: 'Ich ist ein anderer und der andere ist Ich', bzw.: 'Was ich begehre, das bin ich auch!').
      So stellt Lacan den Freudschen Triebmodalitäten des Oral-, Anal- und Schautriebs die von einem Körper ablösbaren Objekte Brust, Faeces und Blick gegenüber, und obwohl in dieser Liste auch die Stimme als spezifisches Objekt figuriert, ergibt sich für deren Zuordnung zu einem entsprechenden Partialtrieb ein Problem (siehe dazu v.a. Lacan 1964 S.204f; Miller, 1994; Ruhs 2003 S.147-164).

      Beim Versuch, dem Objekt Stimme einen genuinen akustischen Partialtrieb zuzuordnen, ergibt sich in erster Annäherung die Schwierigkeit, dass hier offensichtlich zwei im Organismus voneinander getrennte Organe im Spiel sind. Denn in die Modalitäten des Hörens und des Sich-hören-Machens treten sowohl der Stimmapparat als auch der Hörapparat in ihrer Heterotopie in Funktion. Lacan macht für die Eigenart eines solchen Triebs, den er als 'pulsion invocante'/Anrufungstrieb bezeichnet, eine von vornherein bestehende sozialkommunikative Funktion geltend.
      Zunächst ist zu beachten, dass die Ohren als Wahrnehmungsorgane Körperöffnungen sind, die sich nicht schliessen können. Im Gegensatz zum Sich-sehen-machen im Bereich des Schautriebs, wo im Exhibitionismus eine narzisstische Rückkehrbewegung vom Objekt zum Subjekt stattindet, indem man letztlich sich selbst über den anderen beschaut, geht aus strukturellen Gründen das analoge Sich-hören-machen an den Anderen, was einen entscheidenden Schritt in die Dimension des intersubjektiven Miteinanders bedeutet.
      So ist es offenbar gerade diese Streckung des Bogens der Triebbewegung, welche durch das Zusammenwirken zweier erogener Zonen innerhalb eines Partialtriebkomplexes bedingt ist, dass der Stimme und ihrem Ausdrucks- und Rezeptionsapparat eine so bedeutsame Stelle in der Bildung des Ueber-Ich zuteil wird. In diesem Aufklaffen eines Bedürfnisses müsste also einer der Gründe für die Möglichkeit dessen liegen, was einer Objektbeziehung ausserhalb einer unmittelbaren und unvermittelten, eben kopflosen Reflexivität anderer Partialtriebdynamiken entspricht.

      Ueber-Ich

      In Bezug auf das Ueber-Ich, das sich im psychoanalytischen Diskurs nicht auf eine Instanz der Moral, der Kritik und der idealen Werte im Sinne eines Ueber-Ichs des Bewusstseins reduzieren lässt, müssen wir bekanntlich zwei Formationen der Ueber-Ich-Strukturen unterscheiden und dem Ueber-Ich im engeren Sinne (d.h. als Erbe des Oedipuskomplexes) ein grundsätzlich unbewusstes archaisches und tyrannisches Ueber-Ich gegenüberstellen. Denn ausser der mit der Fähigkeit zur Objektbesetzung und Identifizierung mit dem Objekt (als anderem Subjekt) einhergehenden Bildung des Ich-Ideals, welches die Wurzel des reiferen Ueber-Ich darstellt [vgl. Kap.1], ist Freud zufolge eine zweite Instanz zu beachten, welche sich in der primitiven oralen Phase des Individuums noch diesseits einer Trennung von Objektbesetzung und Identifizierung konfiguriert. In »Das Ich und das Es« schreibt Freud:
        »Dies führt uns zur Entstehung des Ich-Ideals zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit. Dieser scheint zunächst nicht der Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede Objektbesetzung« (Freud 1923 S.298f).
      Erst auf dieser widersprüchlich und paradox anmutenden totalen Identifizierung mit einem Objekt als ganzem scheinen sich mit der Organisation des Geniessens in der ödipalen Phase jene imaginären und symbolischen Identifizierungen als Ueber-Ich im engeren Sinne herauszubilden, welche ebenfalls eine Paradoxie und Widersprüchlichkeit zu überwinden haben. Denn Freud weist darauf hin, dass das Ueber-Ich nicht einfach ein Residuum der ersten Objektwahlen des 'Es' ist, sondern dass es auch die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen dieselben hat:
        »Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: ›So (wie der Vater) sollst Du sein‹, sie umfasst auch das Verbot: ›So (wie der Vater) darfst Du nicht sein« (ebd. 301f).
      In diesem Sinne lässt sich das Ueber-Ich nicht auf das Gesetz reduzieren, sondern auf einen Komplex von Gesetz und Geniessen, wobei das Gesetz nicht das (inzestuöse) Begehren des Kindes verbietet, sondern nur dessen Befriedigung, dessen Genießen. Daraus folgt weiterhin, dass sich ein Teil des Individuums mit dem Begehren identifiziert, ein anderer mit dem Gesetz bzw. mit dem Verbot, was hinsichtlich des Genießens zu drei verschiedenen Verhaltensweisen führt: zunächst muss das Objekt auf das verbotene Genießen verzichten, sodann aber auch sein Begehren bezüglich des als unerreichbar erachteten Genießens aufrechterhalten und schließlich seine körperliche und seelische Integrität vor der Gefahr der Zerstörung retten, was sich insbesondere auf die Rettung des Penis durch die Kastrationsdrohung als Stütze des Gesetzes bezieht. »Wenn das Ueber-Ich diese drei Prinzipien auf eine einzige zwingende Formel bringen könnte, würde es dem Ich anordnen: ›Begehre das Absolute, auf das Du verzichten musst, weil es für Dich verboten und gefährlich ist!« (Nasio 1999 S.108).
      Die Beziehung des Ueber-Ich zum Genießen entspricht der engen Es-Ueber-Ich-Relation bei Freud: »Somit steht das Ueber-Ich dem Es dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür entfernter vom Bewusstsein als das Ich« (Freud 1923 S.315). Und an anderer Stelle: »Während das Ich wesentlich Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Ueber-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber« (ebd. 303). Weiter ausgeführt bedeutet dies folgendes:
        »Das Ueber-Ich spricht für das Es, das Ueber-Ich ist die Stimme des Dings. Das Ueber-Ich als Imperativ des Es ist somit die Stimme des Genießens; die Stimme, die das Genießen einerseits begrenzt – indem sie erfahrbar macht, was definitionsgemäss jede Form von Umrahmung überschreitet –, andererseits befördert sie es auf eine Art und Weise, die gelegentlich jede Kontrollfähigkeit des Subjekts übersteigt. Das Ueber-Ich ist eine Instanz, die das Genießen gleichzeitig repräsentiert und eingrenzt, und gerade darin liegt die Funktion der Vermittlung des Genießens mit dem Anderen..., worin es dem Partialobjekt (Objekt »a«) nahe kommt« (Leikert 1995 S.38, Uebers.: August Ruhs).
      Das andere schon von Freud postulierte archaische Ueber-Ich ist aber diesem Ueber-Ich des moralischen Bewusstseins mit seinen Funktionen des Verbots, der Ermunterung und des Schutzes entgegengesetzt. Es ist von besonderer psychoanalytischer Relevanz, weil es unbewusst das moralische, kritische und ideale Bewusstsein des hauptsächlich dem Rationalen untergeordneten Ueber-Ich subvertiert.
      »Während das Trachten des Ueber-Ichs des Bewusstseins zur Förderung des Wohlbefindens beiträgt, gibt es ein anderes, wildes und grausames Ueber-Ich, das zum großen Teil Ursache für menschliches Elend sowie absurder und infernalischer Handlungen des Menschen (Selbstmord, Mord, Zerstörung und Krieg) ist.
      Das ›Gute‹, das uns das wilde Ueber-Ich zu finden befiehlt, ist nicht die gute Moral (d.h. das, was aus der Sicht der Gesellschaft gut ist), sondern das absolute Genießen selbst. Es befiehlt uns, jede Grenze zu überschreiten und die Unmöglichkeit eines unaufhörlich sich entziehenden Genießens zu erlangen. Das tyrannische Ueber-Ich befiehlt und wir gehorchen, ohne zu wissen, auch dann, wenn es oft den Verlust und die Zerstörung dessen herbeiführt, was uns das Teuerste ist« (Nasio 1999 S.110).
      Dieses grausame Ueber-Ich repräsentiert gegenüber dem Ich nun ausschließlich die ekstatische Kraft des Es, dem es befehlenden Nachdruck verleiht. In diesem Sinne müssen wir Lacans Formulierung »Das Ueber-Ich ist der Imperativ des Genießens – Genieße!« verstehen. Auf der (vergeblichen) Suche nach einer absoluten Befriedigung führt dieses Ueber-Ich das Subjekt zu den grausamsten Handlungen bis hin zu Verbrechen, Selbstmord und Mord, wodurch es sich als die »kulturelle« Ausformung des Todestriebes bzw. des reinen Triebhaften erweist. Aber auch dieses Ueber-Ich wirkt auf den drei Ebenen des Verbots, der Ermunterung und des Schutzes, wenn auch auf krankhafte Weise übersteigert. Während die übertriebene Ermahnung zur Realisierung destruktiver Impulse führt, gibt das zu strenge Verbot Anlass zu absurden Manifestationen der Selbstbestrafung wie etwa im Falle der Melancholie oder bestimmten paranoiden Entwicklungen. Als Ich-Protektor kann es schliesslich derartig eifersüchtig über das Subjekt wachen, dass es zu einem von sinnlosen Verboten charakterisiertem Verhalten führt.
      Was nun die Genese dieses grausamen Ueber-Ich anbelangt, ist es als »Erbe eines primitiven Traumas« zu betrachten, in welchem das Zerrbild eines Verbots in einer zum grotesken Schrei deformierten Stimme zur Wirkung gelangt und ein Phantasma erzeugt, das durchaus jenen oralen und sadistischen Phantasmen des Säuglings entspricht, wie sie durch die Schule Melanie Kleins in Bezug auf eine frühzeitige Ueber-Ich-Bildung herausgearbeitet wurden. Innerhalb einer solchen Phantasiebildung kann das Kind die Stimme eines Erwachsenen wie einen brutalen und verletzenden Befehl erleben:
        »Wie in einem Rausch spürt das Kind das Gewicht der elterlichen Autorität und Einschüchterung, ohne zu verstehen, worauf sich das von den phantasierten Stimmen der Eltern geäußerte Verbot wirklich bezieht. Der Sinn des Verbotes, ein Sinn, der grundsätzlich über jedes symbolische und strukturierende Sprechen vermittelt werden kann, wird durch den penetranten Ton des elterlichen Schreiens aufgehoben. Der phantasierte Ton vertreibt den symbolischen Sinn und wird innerhalb des Ich zum klingenden, isolierten und herumirrenden Ort, in dem sich das tyrannische Ueber-Ich einrichtet« (ebd. 113).
      Indem das Symbolische im Sinne einer Verwerfung energisch zurückgewiesen wird, reduziert sich die Substanz dieses Ueber-Ichs auf ein herumirrendes Stimmfragment, das als ein Partialobjekt das sinn- und bedeutungslose Loch im Realen imaginär als »wildes und unsinniges Dröhnen des Gesetzes« (ebd. 114) auffüllt.

      Musik

      Von dieser wahrlich archaischen Dimension der Stimme ausgehend ergibt sich ein anderer Zugang zum psychoanalytischen Verständnis des Wesens musikalischer Phänomene als von jener Verfassung der Stimme, die bereits von der Kategorie des Wortes eingenommen worden ist. In diesem letzteren Sinn ist sie nicht mehr als partielles Ur-Objekt im Sinne eines Objekts »a« zu betrachten, sondern als ein vom signifikanten System eingefangenes phonematisches Objekt. Aber gerade in Bezug auf das Genießen in der Musik zeigt sich mit Nachdruck die Möglichkeit der Umgehung der symbolischen Kastration, weil sich die Musik besonders vehement gegen Sinn- und Bedeutungszuordnungen wehrt.
      Wenn auch die Stimme im weitesten Sinn des Begriffes jenem Realen des Körpers und der Körper entspricht, in welches die notierten Signifikanten ihre Einschnitte, Modulationen und Artikulationen einbringen, und wenn sie als solche ein grundsätzliches Urobjekt der Musik darstellt, so ist doch für die Erfassung der reinen Dimension des Genießens in der Musik jenseits des Symbolischen ein Begrif zu erwägen, welcher einer präziseren Bestimmung und damit einer gewissen Festlegung entgeht. Man könnte sich diesbezüglich an den Terminus eines Klangobjekts halten, welches wie alle anderen Objekte von Trieben ein vages, unabgegrenztes und verlorenes Objekt repräsentiert. Dieses Klangobjekt scheint dem Restobjekt Lacans, dem Objekt des Genießens und des ursprünglichen Befriedigungserlebnisses, das, wie bereits erwähnt, durch die Einschreibung als Erinnerungsspur ins Register der Signifikanten verloren geht und immer wieder gesucht wird, eher zu entsprechen als das in den Dimensionen von Psychose und Neurose relevante Objekt der Stimme in ihrer Nähe zum Geniessen und zum bewusstseinsfähigen und bewusstseinsnahen Organ des ödipalen Ueber-Ichs.
      Durch Sprache und Sprechen, durch die Wirkung des Signifikanten verwandelt sich nach Lacan das Objekt »a« als »Objekt des Genießens« in ein »Objekt-Ursache des Begehrens«, welches nun, dem Begehren als einem grundsätzlichen Begehren des (immer) anderen unterworfen, ein stets ersehntes und gesuchtes Objekt ist. Für einen Autor wie Leikert (1994) bedeutet die Suche nach dem verlorenen Objekt in der Musik vor allem die Suche nach der absoluten Stimme, wobei gerade im Kastraten dieses ultimative Klangobjekt in herausragender Weise verkörpert erscheint. Die reale Kastration anstelle der symbolischen bedeutet für das Subjekt, nicht zum Subjekt des Signifikanten, sondern zum Objekt des Genießens zu werden, wodurch die Fetischfunktion des Kastraten und der Zusammenhang von Musik und Perversion deutlich wird. Hier nimmt also der Kastrat den Platz des Klangobjekts ein. Das Absolute an diesem Objekt ist für Leikert (ebd.) der Schrei jenseits der binären Artikulation des Sprechens, in dem der Signifikant das Geniessen aufgehoben hat. Dabei wird auch die Zeit-Ordnung aufgehoben, die eine Leistung des Signifikanten ist (nach Hegel ist bekanntlich der Begriff die Zeit des Dings).
      So wird der Begriff des Moments der Stimme, welcher in verschiedenen Variationen in den diversen Musikstücken auftaucht, zum Inbegriff eines Moments des Geniessens. Die dem Schrei benachbarte musikalische Stimme als Klangobjekt eines akustischen Partialtriebes ist somit der letzte Schutzschirm vor der Unerträglichkeit des Realen des Triebs, welcher hier in besonderer Weise seine imaginäre Zähmung erlangt.
      Der reale Untergrund der Musik bedeutet auch eine Verkörperung des Seins und eine Vergegenwärtigung der Existenz selbst. Als Sublimierung eines angeblich kaum erträglichen Ur-Geräusches im Mutterleib, eines ontogenetischen Ur-Knalles gewissermaßen, siedelt sich die Musik am Rande des Diskurses an, aus welchem sie hinunterreicht in die Unmittelbarkeit und Unvermitteltheit des Realen und damit sowohl in den Bereich des reinen Lebens als auch des reinen Todes.
      Quellen:
      Freud, S. (1923): Das Ich und das Es. Studienausgabe Bd. III, S.273-330
      Lacan, J. (1964): Das Seminar von Jacques Lacan, Buch XI: Die vier Grundbegrife der Psychoanalyse. Olten: Walter, 1978
      Leikert, S.(1994): Das Objekt des Geniessens in der Musik. In: RISS, Nr.26, S.5-18
      Miller, J.-A. (1994): Lacan et la voix. Quarto Nr. 54 (1994): 47-52
      J.-D.Nasio (1988): 7 Hauptbegrife der Psychoanalyse. Turia & Kant, Wien 1999
      Ovid: Metamorphosen. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1964
      Ranke-Graves, R. (1955). Griechische Mythologie. Reinbek: Rowohlt, 1985
      Ruhs, August (2003). Der Vorhang des Parrhasios. Schriften zur Kulturtheorie der Psychoanalyse. Sonderzahl, Wien
      Ruhs, August (2010). Lacan - Eine Einführung in die strukturale Psychoanalyse. Wien: Löcker, hier: S.174-188




      Ganze Welten und Systeme scheinbar gesicherter Erkenntnis sind im vergangenenen Jahrhundert zusammengebrochen. In dieser Situation ist der Klangcharakter der Welt eine der wenigen Sicherheiten, die wir besitzen: Die Welt ist Klang, ist Rhythmus und Schwingung. Behrendts Buch ist eine Reise durch Asien und Europa, durch Afrika und Lateinamerika, aber vor allem ist es eine Reise durch die unerforschten Regionen des Unbewußten, das sich uns als eine Landschaft aus Klängen darstellt.
      Quellen:
      Berendt, Joachim-Ernst (2005). Nada Brahma - Die Welt ist Klang. XY: Rowohlt.
      Sloterdjik, Peter (20xy) ..........................

      Nachdem in den bisherigen Argumentationen ein erster dialektischer Raum eröffnet wurde zwischen Strukturmerkmalen bzw. einer Sichtweise der Regulation (y-Achse) und dynamischen Mermalen der Relation (x-Achse, vgl. Tab. xy), bildet die im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu skizzierende Denkfigur ein zweites Modell zum Verständnis narzisstischer Phänomene: die Dialektik von wahrem und falschem Selbst wie es v.a. bei Donald Winnicott und Karen Horney (zwei Psychoanalytikern) bereits Mitte des 20. Jahrhunderts auftaucht, in den 70er Jahren aber auch z.B. bei Alice Miller und James Masterson vorkommt und in jüngerer Zeit sogar in der Soziologie eines Manfred Prisching oder eines Ronald Hitzler, vgl. Kap. XY.

      Wir werden im folgenden feststellen, dass uns hierzu die diversen Narzissmus-Konzepte nicht mehr sehr weiterhelfen, weil Narzissmus per definitionem immer etwas Künstliches, Gespieltes, Unechtes in sich birgt, also weitgehend dem falschen Selbst entspricht.
      Zur Unterscheidung von Echt vs. Falsch oder auch zwischen innen und aussen oder auch zwischen Selbst und Andere, sind körpernahe und begegnungsorientierte Resonanzphänomene eine viel bessere Orientierungshilfe, um die unterschiedlichsten bewussten wie unbewussten Manipulationsversuche (der Werbung beispielsweise, Kap. 3 oder der Propaganda, Kap. 5) zu entlarven und somit zu unterscheiden von echten, engagierten und kraftvollen (Stichwort: Empowerment, Embodiment, Enactment) Handlungen und Erlebensweisen.

      Balance, Rhythmus, Resonanz: Auf dem Weg zu einer Komplementarität zwischen »vertikaler« und »resonanter« Dimension des Unbewussten

      Aus dem bis hierher beschriebenen folgt: Das wahre Selbst ist nicht besser oder schlechter, nicht wahrer oder falscher als das falsche Selbst bzw. der Narzissmus, sondern erfüllt andere, nach innen gerichtete, "private" Funktionen des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Im Zusammenspiel der beiden (daher der Buchuntertitel: 'Regulation in Relation') entsteht erst ein ausbalanciertes und "stimmiges", bzgl. sich und glztg. den anderen achtsames Lebensgefühl und eine robuste Identität als Andere anerkennender und wertebewusster Mensch.

      • Ueber den Narzissmus hinaus: Vom Schein zum Sein - Selbstkonzepte
      • "Von der Regulation des Narzissmus zum Anerkennen des Anderen"
      • Intuition und Resonanz

        Sozusagen als dritte Dimension zu diesem skizzierten Fadenkreuz-Modell in die Tiefe gehend, kommt ein Kontinuum hinzu, welches ausgehend vom Digitalen (noch zweidimensionalen, narzisstischen!) als stumme Oberfläche bzw. BILD (2D) bis hin zu einem immer grösser und analoger werdenden, körperlich erfahrbaren RAUM (3D), dem ich die Resonanz zuordne, wo das Selbstgefühl ein klingendes, eben resonantes und rhythmisches ist.
        Es fallen mir fast nur Metaphern und Sprachspiele aus der Musik (wenn es ums erfahren des analogen Selbst geht) und Malerei/Fotografie/Film dazu ein, wenn es ums narzisstisch-digitale Selbst geht, was, wie wir sehen werden, natürlich kein Zufall ist.

        Somit wird durch das ganze Buch hindurch immer deutlicher ein hoffentlich gangbarer Weg aufgezeigt werden, eine Diagnostik und Therapie für ein ausgewogenes, "stimmiges" In-der-Welt-Sein.
        Dies wird konzeptuell und anhand von Anwendungen und Beispielen aus zahlreichen Lebensbereichen dargelegt werden um eine Sinnhaftigkeit und Lebendigkeit (wieder-)zuermöglichen, wo Spontaneität, Mut und Freude Raum greifen statt narzisstischer Depressivität und Leere, wie sie nur allzuoft in unseren Praxen und anderswo anzutreffen sind.

        Verwirrend dabei könnte für den einen oder für die andere sein, dass es beide 'Selbste' oder eben "Aggregatszustände", also den digitalen (visuellen) wie den analogen (akustischen), für ein ausgeglichenes Leben braucht, obwohl das intuitive Verständnis des 'common sense' und auch der Mainstream in der Psychologie darauf schliessen lassen könnten, dass das Narzisstisch-Digitale immer negativ und unerwünscht wäre und das analog-"schwingende" Selbst immer positiv und richtig und eben "wahr" sei.
        Dieses für manche contra-Intuitive ist auch ein Grund weshalb ich lieber von z.B. "innen vs. aussen" spreche und nicht von "wahr vs. falsch" um diese einseitigen Wertigkeiten zu vermeiden.
        C.G. Jungs "Person vs. Persona"-Selbstkonzept hat beispielsweise Aehnlichkeiten damit, es gibt aber noch viele weitere Anleihen bei diversesten Schulen und Richtungen auch noch, wie wir weiter unten entdecken werden.

        Robert Spaemann - Person-Sein

          "Die grundlegende Bedeutung, die unserem Selbstverständnis als Personen für unseren Zugang zur Wirklichkeit überhaupt zukommt, entfaltet Robert Spaemann in seinem Beitrag "Wirklichkeit als Anthropomorphismus" [vgl. ausführlich Kap.7 Teil III], der zugleich als „Summe“ seiner Philosophie der Person verstanden werden kann:
          Personen sind das Paradigma von Wirklichkeit, denn Personen sind füreinander objektive Subjektivitäten, die über die Zeit hinweg ihre Identität bewahren. Sie geben einander zu verstehen, daß sie selbst noch etwas jenseits dessen sind, als was sie sich zeigen. Weil wir in uns selbst den ersten und grundlegenden Zugang zur Wirklichkeit besitzen, können wir auch aussermenschliches Leben und überhaupt alle Wirklichkeit nicht anders betrachten als unter dem Aspekt ihrer größeren oder geringeren Aehnlichkeit mit uns:
          Wir müssen sie 'anthropomorph' verstehen. Ein solcher Zugang zur Wirklichkeit markiert die notwendige Alternative zum Weltverständnis der modernen Naturwissenschaften. Denn er überwindet den für diese grundlegenden Dualismus von Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Bewußtsein und Sein, indem der Mensch nicht mehr teleologisch und als lebendige Substanz verstanden und die Wirklichkeit der Person letztlich zum Verschwinden gebracht wird (Nissing 2008 S.8).
          Quelle: Nissing, H.G. (2008 Hrsg). Grundvollzüge der Person - Dimensionen des Menschseins bei Robert Spaemann. München: Institut zur Förderung der Glaubenslehre, hier: Vorwort S.8.

        Empowerment:

      • Resonanz statt blosse (narzisstische) Spiegelung
      • Anerkennung statt blosse Aufmerksamkeit
      • Anerkennung statt Narzissmus
      • Real statt Fake

        Enactment:

      • Sinnlich (auditiv, taktil, olfaktorisch) statt bloss visuell wie im Narzissmus
      • relational-anerkennend statt bloss empathisch
      • Audio statt Video
      • Analog statt Digital
      • Rogers' Variablen: Wertschätzung, Echtheit und Kongruenz

        Embodiment:

      • Systemtheoretische Grundlagen des "psychologischen Selbst" (Tschacher/Storch)
      • Felt Sense, Focusing, Experiencing (Eugene Gendlin)
      • Now Moments (Daniel N. Stern)
      • Psychoanalytisches Ereignis (Trimborn)


      9. DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"

    • Demokratie oder Diktatur: in Politik, Pädagogik und Psychotherapie
    • Das demokratische Zusammenleben der Kulturen jenseits eurozentristischer Arroganz
    • Ein psychoanalytischer Beitrag zum Verständnis des Islam: Die Verletzung des Selbstwertgefühls
    • Demokratie, Gerechtigkeit, Kommunitarismus und Ethik
    • HEGEL - Kampf um Anerkennung im deutschen Idealismus
    • Axel Honneth: "Verwilderungen" - Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert
    • Verwilderung - Die Empörung des Wutbürgers
    • Kritische Theorie und der Narzissmus in der Gesellschaft
    • Gesellschaft: Demokratie, Terrorismus, Gewalt und Destruktivität
    • Hans-Jürgen Wirth: Macht als Verleugnung von Abhängigkeit
    • Demokratie als Shitstorm
    • Charles Taylor, Michael Sandell und der Kommunitarismus
    • Jessica Benjamin: Das Prinzip sittliche ANERKENNUNG
    • "Ich bin weil Du bist" - Ubuntu und der Multikulturalismus
      "Die Technokratie repräsentiert (...) so etwas wie den „sanften Faschismus“, eine Form totaler Herrschaft, die nicht auf Basis politischer Ideologie operiert, sondern im Dienste technischer Rationalisierung steht. Für die westlichen Ländern heißt dies: Herrschaft der Technik bei formalem Weiterbestehen der Demokratie. Die jeweilige politische Ordnung wird zur bloßen Hülle. Ob Faschismus oder Kommunismus oder Demokratie: Ueberall regiert der Zwang zur Effizienz, zur Vereinheitlichung und Vermassung, zur Anpassung und zum Konformismus: „the social order is everywhere essentially identical“, fasst Jacques Ellul [vgl. Kap.7] zusammen, „the variation from democracy to Communism to Fascism represents a merely superficial phenomenon.“ (Ellul 1964 S.420)" (zit. in Bogner 2015 S.68/69)
    Quelle: Bogner, Alexander (2015 2teAufl.): Gesellschaftsdiagnosen - ein Ueberblick. Weinheim: Beltz Juventa.
      "So werden digitale Zeiten zu Weimarer Zeiten. Der anti-liberale, rein antagonistisch gedachte Begriff des Politischen, wie ihn Carl Schmitt konzipierte, erfährt nicht zufällig jetzt, im Zeitalter von digitalen sozialen Netzwerken, eine Renaissance. Politik wird auf das Niveau von Einsen oder Nullen reduziert. Freund oder Feind, dazwischen gibt es nichts mehr. Und aus dieser Frontstellung werden immer hermetischere, immer einseitigere Filterblasen".
    Alt-Left - die Neue Linke?

    Mit dem "Gleichgewicht des Selbstwertes" ist nebst persönlicher Entwicklung auch eine Grundlage gelegt um mehr Demokratie im Kollektiven und mehr "wahres Selbst" im Individuellen zu ermöglichen.
    Nach der Analyse der "verkauften Gesellschaft" und des "erschöpften Selbst" (Ehrenberg) geht es im zweiten Teil deshalb um die über die Diagnose hinausgehenden, weiterführenden, konstruktiven Themen Resonanz, Bezogenheit im Individuellen sowie Anerkennung und Demokratie im Kollektiven um ebendiesen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken und in unserem Fall psychotherapeutisch aktiv zu werden.

    Ein auf Ausgleich der Extreme ausgerichtetes Vorgehen bedeutet demnach auch, dass das Zusammenwirken individueller (Krankheits-)Faktoren mit gesellschaftlichen Veränderungen stark gewichtet wird und deshalb in der Psychotherapie vorrangig behandelt werden sollte.
    Psychotherapie so verstanden ist nicht neutral, kann und will es nicht sein; will heissen: Arbeit an sich selber ist gleichzeitig immer auch sozial/politisch/gesellschaftlich Stellung-nehmend und ethisch-moralisch wertend (gemäss Charles Taylors Konzept der "starken Wertungen", s.u.).

    Demokratie - Das prekäre Projekt

    Der Facebook Faktor - Ein 'Süddeutsche'-Spezial

    Post-Demokratie

    "Aus diesen medialen, kulturellen und politischen Entwicklungen ergibt sich eine Situation, die als postpropagandistisch bezeichnet werden kann. Die Diagnose postpropagandistischer Verhältnisse betrifft nicht allein die Vereinigten Staaten. Die Selbstthematisierung des Regierens wird weltweit zunehmend auf partizipative Techniken umgestellt, in denen eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den Diskursen und Bildern des Regierens und ihres Image praktiziert wird – wenn auch in viel geringerem Umfang eine Beteiligung an den politischen Entscheidungen.
    Dies läuft auf nichts weniger hinaus als eine medientechnische und -ästhetische Perfektionierung liberaler Gouvernementalität (Foucault 2004), die in den neuen Medienverhältnissen – als Gouvernemedialität (Traue 2009, Engemann 2014) – zu sich selbst kommt. Jeder offene Machiavellismus, jede explizite Setzung, die Widerspruch herausfordern könnte, wird in diesem kybernetischen Regierungsmodus, der auf kommunikativen Rückkopplungsschleifen beruht (Tiqqun 2007), vermieden. Andererseits gibt es Hinweise, dass im Zuge solcher symbolischer bzw. ikonischer Partizipationsangebote auch Bedürfnisse nach einer Beteiligung an Entscheidungsprozessen zunimmt, was sich in neuen Beteiligungsverfahren wie Mediationsverfahren, Bürgerforen, raumgreifenden Protestformen wie Occupy etc. wiederspiegelt."
    Quelle: Traue, Boris (2014). Resonanzbild und ikonische Politik. Eine visuelle Diskursanalyse partizipativer Propaganda. In: Michael Kauppert & Irene Leser (Hrsg.). Hillarys Hand - Zur politischen Ikonographie der Gegenwart S.131-156. Bielefeld: transcript.

    Postdemokratie mittels Wortneuschöpfungen und Simulakra-Konstruktion, sprich: Bewirtschaftung aufgebauschter "Probleme", Aengste und Sorgen des “Volkes”...:
      "Der amerikanische Linguist George Lakoff hat beschrieben, wie Sprache, wie eine bestimmte Bezeichnung für eine bestimmte Politik dafür sorgen kann, dass Menschen sie anders wahrnehmen. Schon in den 1960ern beginnt das in der Handelspolitik durch die Karriere einer Wortkombination. Sie lautet: „nichttarifäre Handelshemmnisse“. Zunächst nimmt diese Wortkombination über den engen Zirkel der Fachleute hinaus kaum ein Mensch wahr – und auch heute kennen viele Leute sie noch nicht. Und doch ermöglicht sie einen anderen Blick auf die Politik und die Gesellschaft, einen Blick, den bewusst oder unbewusst immer größere Teile der Eliten übernehmen." (Harald Welzer in der TAZ im Mai 2016)



    Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft - Heiner Keupp

    Der Figur eines Spannungsfeldes zwischen Autonomie und Anpassung (sensu Jessica Benjamin) begegnen wir bereits in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts:
      "Als Erik H. Erikson 1970 in einer autobiographisch angelegten Rückschau die Resonanz seines 1946 eingeführten Identitätsbegriffs kommentierte, stellte er fest, „dass der Begriff Identität sich recht schnell einen angestammten Platz im Denken, oder jedenfalls im Wortschatz eines breiten Publikums in vielen Ländern gesichert hat - ganz zu schweigen von seinem Auftauchen in Karikaturen, die die jeweilige intellektuelle Mode spiegeln“ (Erikson 1982 S.15). Dreieinhalb Jahrzehnte später müsste wohl seine Diagnose noch eindeutiger ausfallen: Identität ist ein Begriff der im Alltag angekommen ist und dessen Nutzung durchaus inflationäre Züge angenommen hat. Er ist von Erikson längst abgekoppelt, aber der Anspruch auf eine fachwissenschaftliche Fortführung der Identitätsforschung sollte sinnvoller Weise bei Erikson anknüpfen. Auf den „Schultern des Riesen“ stehend lässt sich dann gut fragen, ob seine Antworten auf die Identitätsfrage ausreichen oder ob sie differenziert und weiterentwickelt werden müssen.

      Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht bei Identität immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Aussen“, also zur Produktion einer individuellen sozialen Verortung. Aber diese Passungsarbeit ist in „heissen Perioden“ der Geschichte für die Subjekte dramatischer als in „kühlen Perioden“, denn die kulturellen Prothesen für bewährte Passungen verlieren an Bedeutung. Die aktuellen Identitätsdiskurse sind als Beleg dafür zu nehmen, dass die Suche nach sozialer Verortung zu einem brisanten Thema geworden ist.
      Die universelle Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als „Mängelwesen“ bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äusseren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das soziale Akzeptable darstellbar machen.
      Insofern stellt sie immer eine Kompromissbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar, insofern ist der Identitätsdiskurs immer auch mit Bedeutungsvarianten von Autonomiestreben (z.B. Nunner-Winkler 1983) und Unterwerfung (so Adorno oder Foucault) assoziiert, aber erst in der dialektischen Verknüpfung von Autonomie bzw. Unterwerfung mit den jeweils verfügbaren Kontexten sozialer Anerkennung entsteht ein konzeptuell ausreichender Rahmen".
      (...) Dieses Problem der Gleichheit in der Verschiedenheit beherrscht auch die aktuellen Identitätstheorien. Für Erik Erikson, der den durchsetzungsfähigsten Versuch zu einer psychologischen Identitätstheorie unternommen hat, besteht „das Kernproblem der Identität in der Fähigkeit des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuität aufrechtzuerhalten“ (1964 S.87). An anderer Stelle definiert er Identität als ein Grundgefühl: „Das Gefühl der Ich-Identität ist ... das angesammelte Vertrauen darauf, dass der Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat, eine Fähigkeit entspricht, eine innere Einheitlichkeit und Kontinuität (also das Ich im Sinne der Psychologie) aufrechtzuerhalten“ (1966 S.107).
      Identität wird von Erikson also als ein Konstrukt entworfen, mit dem das subjektive Vertrauen in die eigene Kompetenz zur Wahrung von Kontinuität und Kohärenz formuliert wird. Dieses „Identitätsgefühl“ (vgl. Bohleber 1997) oder dieser „sense of identity“ (Greenwood 1994) ist die Basis für die Beantwortung der Frage: „Wer bin ich?“, die in einfachster Form das Identitätsthema formuliert. So einfach diese Frage klingen mag, sie eröffnet darüber hinaus komplexe Fragen der inneren Strukturbildung der Person.
      Die Konzeption von Erikson ist in den 80er Jahren teilweise heftig kritisiert worden. Die Kritik bezog sich vor allem auf seine Vorstellung eines kontinuierlichen Stufenmodells, dessen adäquates Durchlaufen bis zur Adoleszenz eine Identitätsplattform für das weitere Erwachsenenleben sichern würde. Das Subjekt hätte dann einen stabilen Kern ausgebildet, ein "inneres Kapital" (Erikson 1966 S.107) akkumuliert, das ihm eine erfolgreiche Lebensbewältigung sichern würde.
      So wird die Frage der Identitätsarbeit ganz wesentlich an die Adoleszenzphase geknüpft. In einem psychosozialen Moratorium wird den Heranwachsenden ein Experimentierstadium zugebilligt, in dem sie die adäquate Passung ihrer inneren mit der äusseren Welt herauszufinden haben.
      Wenn es gelingt, dann ist eine tragfähige Basis für die weitere Biographie gelegt. Thematisiert wurde auch die Eriksonsche Unterstellung, als würde eine problemlose Synchronisation von innerer und äusserer Welt gelingen. Die Leiden, der Schmerz und die Unterwerfung, die mit diesem Einpassungspassungsprozess gerade auch dann, wenn er gesellschaftlich als gelungen gilt, verbunden sind, werden nicht aufgezeigt.
      Das Konzept von Erikson ist offensichtlich unauflöslich mit dem Projekt der Moderne verbunden.
      Es überträgt auf die Identitätsthematik ein modernes Ordnungsmodell regelhaft-linearer Entwicklungsverläufe. Es unterstellt eine gesellschaftliche Kontinuität und Berechenbarkeit, in die sich die subjektive Selbstfindung verlässlich einbinden kann. Gesellschaftliche Prozesse, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung angesprochen sind, haben das Selbstverständnis der klassischen Moderne grundlegend in Frage gestellt. Der dafür stehende Diskurs der Postmoderne hat auch die Identitätstheorie erreicht. In ihm wird ein radikaler Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität vollzogen.
      Es wird unterstellt, „dass jede gesicherte oder essentialistische Konzeption der Identität, die seit der Aufklärung den Kern oder das Wesen unseres Seins zu definieren und zu begründen hatte, der Vergangenheit angehört“ (Hall 1994 S.181).
      In der Dekonstruktion grundlegender Koordinaten modernen Selbstverständnisses sind vor allem Vorstellungen von Einheit, Kontinuität, Kohärenz, Entwicklungslogik oder Fortschritt zertrümmert worden. Begriffe wie Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch, Zerstreuung, Reflexivität oder Uebergänge sollen zentrale Merkmale der Welterfahrung thematisieren. Identitätsbildung unter diesen gesellschaftlichen Signaturen wird von ihnen durch und durch bestimmt.
      Identität wird deshalb auch nicht mit mehr als Entstehung eines inneren Kerns thematisiert, sondern als ein Prozessgeschehen beständiger „alltäglicher Identitätsarbeit“, als permanente Passungsarbeit zwischen inneren und äusseren Welten. Die Vorstellung von Identität als einer fortschreitenden und abschliessbaren Kapitalbildung wird zunehmend abgelöst durch die Idee, dass es bei Identität um einen „Projektentwurf' des eigenen Lebens“ (Fend 1991 S.21) geht oder um die Abfolge von Projekten, wahrscheinlich sogar um die gleichzeitige Verfolgung unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Projekte über die ganze Lebensspanne hinweg".
      Quelle: Keupp, Heiner. Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft - Vortrag im Rahmen der 60. Lindauer Psychotherapiewochen 2010 (www.Lptw.de)


    Auswirkungen der individuellen narzisstischen Störungen auf die Gesellschaft und umgekehrt

    Ich möchte im folgenden aufzeigen, dass es auch bei aktuellen, wie auch bei längst vergangenen Ereignissen und Zeitdiagnostiken immer wieder um ein Ringen zwischen Demokratie auf der einen Seite und Autorität auf der anderen Seite geht. Diese Menschenbild-Diskussion erleben wir beispielhaft im Erziehungs- und Schulbereich wo es um Fragen geht, ob kollektiv gestraft werden kann als Extrem auf der Autoritätsseite oder ob die Kinder alles selber wählen dürfen und nach Lust und Laune lernen oder eben nicht, was der anti-autoritären Grundhaltung entspräche, vgl. hierzu Kapitel 4 in diesem Buch.
    In der Pädagogik wird intuitiv viel deutlicher, was auch Gesellschaftlich verhandelt werden muss: wieviel Staat versus wieviel individueller Freiheit, wieviel und wie strenge Gesetze vs. libertäre deregulierte Wirtschaft etc. etc. Es geht in beiden Sphären (ein Ausdruck von Honneth um die Ebenen zu unterscheiden, siehe Kap. 9) um einen Mittelweg, einen Kompromiss und v.a. um einen zu findenden Konsens zwischen konservativen und progressiven Wertvorstellungen, auch hier gilt: eine narzisstische Balance finden, damit keine Gesellschaftsgruppe aussen vor bleibt und ohne Anerkennung als z.B. APO-Bewegung wie Pegida oder in den 70ern die RAF einen Weg ausserhalb des Konsenses und der Demokratie suchen muss.

    Die Demokratische Grundhaltung ist auf der Basis eines "Gesellschaftsvertrages" (z.B. Rawls), einer normativen Moral (z.B. Honneth), eines Grundgesetzes bzw. wie es in der Schweiz heisst: der Verfassung, zu jeder Zeit dialog- und verhandlungsbereit. Innerhalb des weit gesteckten Rahmens der Menschenrechte und des Völkerrechts wird immer wieder gestritten, debattiert, diskutiert und ab und zu sogar abgestimmt bzw. gewählt, in welcher Art und in welchem Mass gesellschaftsrelevante Grundfragen verändert, nachjustiert oder Gesetze neu geschrieben bzw. auch mal verworfen werden sollen.
    Dieser auf wechselseitiger Anerkennung (vgl. Jessica Benjamins Beiträge weiter hinten im Buch bzw. Online-Text) und v.a. RESPEKT aufbauenden politischen Philosophie steht diametral entgegen eine Haltung des autoritären Herrschens einer Klasse, eines Clans oder auch eines einzelnen, gottähnlichen Königs, Kaisers, Gurus oder wie auch immer genannten Despoten.

    "Wir" als jeweilige Gesellschaft, als bestimmte Nation, als gewachsene Region, als Stadt, als Dorf, aber auch als Familie, als Paar etc., bis hinunter zu jedem einzelnen Individuum, müssen uns immer wieder neu und grundsätzlich entscheiden, ob wir den Weg der Auseinandersetzung, der Aufklärung und des lernenden, neugierigen Bewusstwerdens beschreiten oder aber uns unterwerfen wollen unter Herrscher oder eine herrschende Klasse, welche nicht-hinterfragbare, vereinfachende Parolen, Sprüche oder auch ganze Bücher (z.B. Bibel, Koran etc.), welche in Form einer definitiven Lehre alle Antworten parat halten und diese autoritär und unhinterfragbar vor sich her tragen und bei Zuwiderhandlung empört, störrisch, gekränkt oder wie auch immer, auf jeden Fall aber nicht-dialogisch, mit Repression und ohne Respekt Andersdenkenden gegenüber sogar mit Waffengewalt durchzusetzen bereit sind.


    Es ist vielleicht gar nicht schlecht, dieses Kapitel mit einem klassisch-psychoanalytischen Ansatz im Paradigma der Freudschen Triebtheorie zu versehen und auf diesem Wege nebenbei eine kleine Auffrischung in Sachen Staatskunde mitzunehmen, welche uns dann in den nächsten "kollektiven" Kapiteln wo es u.a. um die Demokratie und die Anerkennungstheorie von Honneth und Benjamin geht, weiter begleiten wird:

    Das Gewaltmonopol des Staates

    Gewalt als Ausdruck missglückter narzisstischer Regulation

    - Benno Winker -
      "Gewalt steht im Zusammenhang mit dem Narzissmus, Gewalt ist eine Regulationsmöglichkeit des Narzissmus [vgl. mein Modell in Kap. 2], das ist das Thema und der Ausgangspunkt dieser Ausführungen, es ist auch deren Ziel.
      Wenn wir von Narzissmus reden, dann meinen wir damit Selbstzufriedenheit, also das, was für den Menschen wohl das Wichtigste ist im Leben. Wir meinen damit die Zufriedenheit mit sich selbst, seinem Leben und seinem Schicksal. Streben nach Geld, Streben nach Schönheit, Streben nach Macht, Streben nach Ansehen - all das dient dazu, uns zufrieden zu machen, uns klarzumachen, dass wir wertvoll sind, dass wir wichtig sind. Und als solche wertvollen und anerkannten Menschen sind wir auch zufriedene Menschen.

      Während dieses Ziel klar ist, ist der Weg dahin das eigentliche Problem. Denn die Erreichung dieses Zieles hängt von vielerlei ab. Es hängt ab von den Gaben und Anlagen, die wir mitbekommen haben, es hängt ab von der sozialen Struktur, in die wir hineingeboren werden, es hängt ab von der gesellschaftlichen und kulturellen Gesamtsituation, welche Chance und Möglichkeiten sich hier öffnen, welche Förderung wir erfahren oder welche Hemmungen.

      Da diese Voraussetzungen sehr unterschiedlich verteilt sind, kommt der narzisstischen Eigenregulation eine sehr grosse Bedeutung zu. Deren Aufgabe besteht darin, Zufriedenheit zu erreichen unter den gegebenen Umständen, also auch dann, wenn diese nicht dem entsprechen, was wir uns eigentlich wünschen. Wenn wir also nicht so reich, nicht so schön, nicht so mächtig, nicht so angesehen sind, wie wir es gerne möchten. Wie kann man unter diesen Umständen dennoch Selbstzufriedenheit erreichen? Das ist die Frage und das ist das Problem, das sich der Regulation des Narzissmus stellt.
      Ein Versagen derselben, eine Krise des Narzissmus also, hat Henseler als Ursache für den Suizid beschrieben, der ja Gewalt ist gegen die eigene Person. Hier wird der Zusammenhang sichtbar zwischen dem Zusammenbruch der Narzisstischen Regulation und dem Sichtbar-Werden, dem Auftreten von Gewalt. Beim Suizid richtet sich die Gewalt gegen die eigene Person, sie kann sich aber genauso gegen andere Objekte richten, sofern diese als Ursache der narzisstischen Krise betrachtet und angeschuldigt werden. Gewalt kann also das letzte Mittel sein, nachdem alle anderen versagten, um zu einer wenn auch nur vorübergehenden Befriedigung zu kommen. Ausser dieser aus der Not entstandenen narzisstischen Gewaltäusserung gibt es allerdings auch eine bewusste und gewollte Identifizierung mit der Gewaltanwendung als fest etablierte Abwehr gegen die tatsächliche oder befürchtete Schwäche des narzisstischen Gleichgewichtes. Vor allem bei gewaltbereiten Ideologien findet sich diese Dynamik [vgl. das NS-Unterkapitel im Esoterik-Kapitel 5].
      Was meinen wir, wenn wir von Gewalt sprechen? Wir meinen damit, dass jemand seine eigenen Interessen, seine eigenen momentan vorherrschenden und nach Entladung und Entlastung drängenden Gefühle und Triebe, aber auch seine hoch besetzen Meinungen und Vorstellungen durchsetzt oder durchzusetzen versucht, ohne Rücksicht auf die Mitmenschen, auf die persönliche und soziale Umwelt.
      Wir unterscheiden prinzipiell zwei Motive für die Ausübung von Gewalt. Einmal dient die Anwendung von Gewalt dazu,
      I. sich selbst rigoros zu behaupten, aus der Ueberzeugung, dass man selber der Wichtigste ist und dass die anderen sich zu fügen haben.
      Ein Beispiel: Der Held, der Eroberer, der sich allein von der Ueberzeugung seiner eigenen Grossartigkeit leiten lässt und die anderen Menschen im Grunde verachtet. Der andere Grund für brachiale Gewaltanwendung ist
      II. der Drang, sich zu befreien von einem zunehmend starken inneren Druck, entstanden und herrührend von unerträglichen und auf andere Weise unüberwindlichen Kränkungen.
      Typisches Beispiel dafür ist der Ehemann, der sich seiner Frau unterlegen fühlt, der deshalb ins Wirtshaus geht, sich betrinkt und dann nach Hause kommt und sie schlägt. Wir verurteilen Gewalt, weil sie unseren kulturellen und gesellschaftlichen Vorstellungen zuwider läuft, obwohl uns andererseits die Erfahrung lehrt, dass Gewalt ein Teil der Natur des Menschen ist, des Teiles allerdings, den wir als kulturfeindlich betrachten, und den wir deswegen zu kontrollieren trachten. Denn:
      Kennen wir nicht alle zumindest gewalttätige Phantasien? Es geht also weniger um die Frage der Herkunft von Gewalt sondern darum, unter welchen Umständen die Steuerung von Gewalt versagt.
      Nicht vergessen wollen wir aber jene indirekte Gewalt derer sich die Schwäche bedient, und die wir als Erpressung bezeichnen. Diese entfaltet unter dem Deckmantel einer positiven kulturellen Errungenschaft, nämlich dem Ueber-Ich, ihre Wirkung. In der Verkleidung einer moralischen oder ethischen Forderung veranlasst sie den Mitmenschen zu Handlungen, die dessen Erkenntnis und freier Entscheidung widersprechen, die ihn zwingen, Dinge zu tun, die er eigentlich seinen eigenen Idealen und Ueberzeugungen gegenüber nicht vertreten kann. Auf eine weitere Form der indirekten Gewalt werde ich später eingehen.

      In unserer aktuellen politischen Realität wird die Frage einer natürlichen Neigung zur Gewalt allerdings nicht überall in dieser Weise gesehen, wie es hier vorgetragen wird. Wenn auch rein pazifistische Bewegungen und Richtungen in der politischen Realität nicht präsent sind, so gibt es doch sowohl bei den Grünen als auch bei anderen Gruppierungen den so genannten politischen Pazifismus, womit ein der Realpolitik angepasster und insgesamt abgemildeter Pazifismus gemeint ist. Aber auch hier steht im Hintergrund die Phantasie, dass Gewalt etwas sei, was eigentlich überwunden werden könnte, was prinzipiell vermeidbar wäre.
      Da Gewalt immer eine soziokulturelle Umgebung voraussetzt, weil der Mensch sich immer schon als Mitmensch vorfindet und weil gerade darin die Begrenzung seiner reinen narzisstischen Strebungen besteht, müssen wir nach dem Verhältnis von Gewalt und Kultur fragen. Wir beziehen uns hier auf die Vorstellungen von Sigmund Freud über das Entstehen der Kultur, dass sie aufgrund eines Triebverzichtes zustande kommt. Zwar meint Freud hier den Verzicht auf libidinöse Strebungen, das gilt jedoch genauso für den narzisstischen Bereich des Menschen.

    Das Gewaltmonopol des Staates

      "Das Funktionieren einer sozialen, staatlichen und kulturellen Umwelt setzt den Verzicht auf das ungehinderte Ausleben narzisstischer Bedürfnisse voraus. Das heisst: Um ein Gemeinwesen zu etablieren und um es aufrecht zu erhalten und sein Funktionieren zu ermöglichen, verzichtet der Einzelne in gewissem Umfang auf seine narzisstischen Strebungen, also auf die gewalttätige Durchsetzung dieser Strebungen und gibt diese Möglichkeit der Gewalt an den Staat ab, wo diese Gewalt sich in kontrollierter Weise in Form von Gesetzen und Verordnungen niederschlägt. Der Verzicht des Einzelnen auf Gewaltanwendung zur Durchsetzung seiner narzisstischen Wünsche und Forderungen führt so zum Gewaltmonopol des Staates.
    Der Gewalttätige missachtet dies und besteht auf dem Vorrecht der Ausübung und Darstellung seiner Machtansprüche und seiner Selbstbehauptung. So wird der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Gewalt sichtbar als ein Reflex der immer schon vorgegebenen Spannung zwischen dem einzelnen Individuum mit seinen narzisstischen Wünschen und der dieses Individuum umgebenden Welt, bestehend aus anderen Individuen, die ihr Recht einfordern und denen gegenüber deswegen auf eigene Ansprüche verzichtet werden muss, soweit sie nur mit Gewalt durchgesetzt werden könnten.

    Das Gewaltmonopol des Staates und der kulturellen Gemeinschaft verbietet nun zwar, wie gesagt, die gewaltsamen Lebensäusserungen des Einzelnen, es bietet dafür aber auch jedem dieser Einzelnen Schutz vor der Gewalt des anderen. Es ist dies in der Tat ein wesentlicher, wenn nicht der wesentliche Bestandteil unserer kulturellen Entwicklung und anders als auf diese Weise kann wohl kein Staat existieren. Allerdings ist festzuhalten, dass durch diese Konstruktion Gewalt nicht etwa verschwunden ist, sondern dass sie nur verschoben wurde vom Einzelnen auf das Kollektiv, dass sie aber als prinzipiell anwesend und auf irgendeine Art und Weise auch als berechtigt - wenn nicht gar notwendig - angesehen wird. Entscheidend dabei ist, dass die Form der Gewalt und das Recht, Gewalt auszuüben, streng determiniert sind durch Gesetze, die das Kollektiv sich gibt. In ihnen wird also der Vorgang des Verschiebens von Gewalt einerseits sichtbar, andererseits begrenzt. Wir alle erlauben es also dem Staat, dass er Gewalt anwendet, und wir fordern es sogar von ihm. Objekte und Opfer der gesetzlichen Gewalt sind dabei diejenigen, die sich an diese Grundvereinbarung nicht gebunden fühlen, die diesen kulturstiftenden Vorgang »rückgängig« machen wollen, indem sie für sich selbst beanspruchen, mit Gewalt ihre Interessen durchzusetzen - auch gegen die kulturellen Forderungen.

    Gewalt ist also als Phänomen nicht nur vorhanden, sondern sie wird in vorgegebenen Formen auch prinzipiell akzeptiert. Damit befinden wir uns in Uebereinstimmung mit der alltäglichen Erfahrung und wir verzichten deshalb auf den Versuch, die Ursachen von Gewalt in misslungenen oder unzureichenden sozialen Strukturen zu finden.

    Die phänomenologischen Beschreibung von Gewalt führt uns zu der Einsicht, dass Gewalt ein Verstoss ist gegen etwas. Dieses Etwas ist immer schon vorhanden und determiniert das Wesen von Gewalt. Dieses Etwas bezeichnen wir als die innere Repräsentanz der Kultur. Diese können wir in unserem Zusammenhang vor allem durch die Begriffe Ethos und Moral charakterisieren. Dabei versuchen wir den Inhalt dessen, was wir Ethik nennen, mit den Begriffen Vernunft, Kritikfähigkeit und Willensfreiheit zu beschreiben. Vernunft meint die Entwicklung allgemein gültiger und verpflichtender Vorstellungen und Verhaltensanweisungen im Hinblick auf die Forderungen eines Zusammenlebens in der Gesellschaft. Diese ethischen Normen, die von der Vernunft determiniert sind, beziehen sich vorwiegend, wenn nicht ausschliesslich, auf die geltende soziokulturelle Umgebung. Auf die religiös und ideologisch bedingten Forderungen, die eher einen absoluten Anspruch erheben, die eine metaphysische Transformation von oft unbewussten Vorstellungen sind und die wir hier als Moral bezeichnen, werden wir anschliessend eingehen.

    Es ist also die Vernunft, die im demokratischen Verfahren Gesetze, Normen und Verhaltensweisen aufstellt, nachdem sie deren Tauglichkeit für das Gemeinschaftsleben überprüft hat. Die Kritikfähigkeit ist es, die den Menschen in die Lage versetzt, diese vorgegebenen Werte und Normen ständig zu überprüfen, sie auf ihre aktuelle Gültigkeit hin zu untersuchen, sie daun anzuerkennen und das eigene Verhalten, die eigenen Wünsche, die eigenen Strebungen damit in Übereinstimmung zu bringen. Die Willensfreiheit schliesslich ist die Bereitschaft, der Entschluss, sich von diesen Erkenntnissen im I landein leiten zu lassen und gegebenenfalls Triebverzicht zu leisten.

    Willensfreiheit setzt voraus, dass das Subjekt zwischen diesen kulturell anerkannten Normen und den eigenen inneren Wünschen und Motiven wählen kann, dass es sich dann in positiver Weise im Hinblick auf die allgemeine Angemessenheit für die Motive aus den vorgegebenen Normen entscheidet und sich nicht ausschliesslich von den eigenen Gefühlen und Trieben leiten lässt, die von sich aus eine starke Neigung haben, die Herrschaft im Bereich des Handelns zu übernehmen.
    Nun zu der unterschiedlichen Entstehung von Ethik einerseits und Moral, wie wir sie hier verstehen, andererseits.

    Dem Niederschlag narzisstischer Gewaltstrebungen in Gesetzen, soweit diese in demokratischer Weise zustande gekommen sind, kommt neben der kollektiv notwendigen auch eine ethische Bedeutung zu. So beschreiben wir also Ethos als einen Gewaltverzicht, der auf demokratischem Weg, also mit Zustimmung der Mehrheit der Beteiligten, zustande gekommen ist. Die Grundlage bilden vernünftige Überlegungen im Hinblick auf das Zusammenleben und die Achtung der Rechte sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft.
    Gesetze und Normen werden aber auch in anderen kulturellen Bereichen aufgestellt, vor allem in autoritären Saaten sowie im religiösen und ideologischen Bereich. Während im staatlichen Bereich das Autoritäre mehr oder weniger deutlich zutage tritt, geschieht das im religiösen und ideologischen Bereich oft indirekt und im Verborgenen. Der Wahrheitsanspruch einer Religion oder einer Ideologie birgt in sich immer eine Neigung zur Intoleranz und damit auch zur Gewalt. Die geschichtlichen Beispiele dafür brauchen hier und heute nicht ausgeführt werden. Religiöse Vorschriften zum Beispiel kommen nicht als Zustimmung der Vielen zustande, sondern sie werden hergeleitet von einem göttlichen Willen.
    Zwar wird von vielen religiösen Gemeinschaften auch das Ideal der Toleranz vertreten, aber es ist nicht zu übersehen, dass hier fast immer eine Aporie besteht in dem Sinn, als das Recht des Einzelnen auf eine eigene Meinung dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit der vorgelegten und verkündeten Dogmen widerspricht. Die Beziehung zum Narzissmus wird deutlich in der Herleitung der religiösen Vorschriften aus einem göttlichen Willen, der eben nur dieser speziellen Religion in besonderer Weise als ein Akt der Gnade und Bevorzugung kund getan wurde. Gnade, Unfehlbarkeit, Auserwähltheit, ewige Wahrheit, unerschütterliche Gewissheit sind denn auch die Begriffe, die wir immer im Bereich des Religiösen und teilweise auch bei den Ideologien finden. Dies zusammen mit einem allwissenden und allmächtigen Gott, den die Religion sich zu eigen macht, weist hin auf die narzisstische Grundstruktur. Die Gefahr von Intoleranz und Gewalt sind die logischen Folgen dieser absoluten Ansprüche. Je demokratischer eine Religion ist, je mehr sie auf besondere Auserwähltheit, auf besonderes Wissen, auf besondere Eingebungen, auf besondere Gnade verzichtet, umso toleranter kann sie sein und um so weniger wird sie zu Gewalt neigen.

    Die vom Kollektiv an Kirchen und ideologische Gruppierungen, wie zum Beispiel Parteien, abgetretenen Gewalt ist also im Allgemeinen umfangreicher und tiefgreifender als die im demokratischen Prozess an den Staat abgegebene.
    Vor allem aber ist sie indirekter und deshalb oft nicht als solche zu erkennen. Der narzisstische Gewaltverzicht fliesst also zunächst der Kirche oder der Partei zu und gelangt von dort in Form von Vorschriften und Gesetzen über das Über-Ich der Gläubigen in die Erziehung der Kinder. Das ist der Punkt, wo wir uns als Analytiker wieder auf sicherem, von der täglichen Praxis bestätigten Boden befinden, wenn wir uns nur vor Augen halten, in welchem Ausmass nicht nur früher, sondern auch heute noch direkte, vor allem aber indirekte Gewalt die Erziehung beeinflusst. Immer noch glauben Eltern, sie müssten autoritär vorgegebene moralische Vorschriften und Vorstellungen über die freie Entscheidung ihrer Kinder stellen, über deren Autonomie und deren Recht, ihren Lebensweg selbst zu wählen. Je mehr sich ein Kind dagegen wehrt, umso mehr Gewalt ist notwendig, um die Autonomie zu unterdrücken.
    Der Kreislauf der narzisstischen Gewalt schliesst sich dann, wenn ein junger Mensch sich nicht mehr anders zu helfen weiss, als mit offener und brutaler Gewalt gegen alles Bestehende, letztlich aber gegen die Unterdrückung seiner Autonomie vorzugehen. Das aber ist genau der Punkt, von dem die kulturelle Entwicklung ausging, indem man daran ging, eben diese absolute Autonomie freiwillig und im Interesse aller einzuschränken.

    Werfen wir nun einen Blick auf den Narzissmus, genauer gesagt sowohl auf die innere Dynamik, als auch auf die Struktur dieses wichtigen Aspekts Gewalt als Ausdruck missglückter narzisstischer Regulation der Persönlichkeit. Freud spricht in diesem Zusammenhang auch vom Selbstgefühl und er entwickelt die Vorstellung, dass dieses Selbstgefühl, man könnte auch sagen das narzisstische Wohlbefinden des Menschen sich zusammensetzt aus drei Elementen:
    - Da ist einmal ein Rest des alten primären Narzissmus aus der frühesten Kindheit, aus jener Zeit also, wo Selbsttriebe und Libido noch nicht zu unterscheiden waren und wo das Kind noch in der paradiesischen Vorstellung lebte, dass ihm alles möglich sei.
    - Ein anderer Teil dieses Selbstgefühles stammt aus der Zustimmung des Ich-Ideals. Dieses Ich-Ideal, wir wissen es, ist einst entstanden parallel zur Herausbildung des Ichs aus dem primären Narzissmus. Es ist insofern ein Nachfolger desselben, als das Ich ständig bestrebt ist, durch dieses Ich-Ideal bestätigt und gelobt zu werden. Dies geschieht allerdings nur dann, wenn es den Wünschen und Forderungen des Ich-Ideals entspricht.
    - Der dritte Teil dieses Selbstgefühls stammt aus der Befriedigung der Objektlibido. Dies entspricht unserer alltäglichen Erfahrung, dass in der Tat gelungene Objektbeziehungen eine Befriedigung für uns darstellen und auch das Gefühl unseres eigenen Wertes erhöhen. Es gefällt uns und es bestätigt uns, wenn wir liebe und gute Freunde haben, wenn wir eine gelungene Partnerbeziehung leben dürfen.
    Es scheint so, als ob diese drei Komponenten des Selbstgefühls sich komplementär verhalten, dass hier sozusagen ein "steady state" herrscht, dass es sich also um ein dynamisches Gleichgewicht handelt und nicht etwa um eine festgezurrte Struktur. Ein Teil dieses Gedankenganges ist für unser Thema nun von besonderer Bedeutung, nämlich der, dass dem Ich-Ideal nicht nur ein individueller, sondern wie Freud sagt, ein sozialer Aspekt, wir könnten auch sagen, dass ihm ein kollektiver Aspekt zukommt. Dieses Ich-Ideal kann nämlich die Identität mit einer Gruppe, mit einer Nation, mit einer Kasse, mit einer Hautfarbe, mit was auch immer verkörpern. Und vor allem, hier ist der Sitz der Ideologien. Dieser kollektive Teil des Ich-Ideals erhebt in gleicher Weise wie der individuelle Anteil einerseits ganz bestimmte Forderungen, andererseits gewährt er Bestätigung und Befriedigung, so wie wir sie im individuellen Bereich erfahren, wenn wir uns den Forderungen unseres individuellen Ich-Ideals nähern. Als Gewissen beschreibt Freud die Instanz, die ständig die Uebereinstimmung - oder auch nicht Übereinstimmung - unseres Handelns mit den Inhalten des Ich-Ideals überprüft. Es scheint nun durchaus so zu sein, dass der eine Teil dieses Ich-Ideals jeweils auf Kosten des anderen wächst bzw. zugunsten des anderen abnimmt, dass also mit einer Abnahme des individuellen Anteils der kollektive Aspekt des Ich-Ideals zu nimmt und schliesslich auch die beherrschende Position einnehmen kann.

    Zwischen diesen drei Bereichen also, diesen drei Aspekten spielt sich das ab, was wir die narzisstische Regulation nennen. Dabei ist offensichtlich, dass diese drei Teile verschiedenen Entwicklungsstufen entsprechen. Das ist das eine. Das andere ist, dass sie korrespondieren mit den Möglichkeiten des Individuums.
    So finden sich z. B. im Ich-Ideal nicht nur idealistische und ethische Forderungen, dass der Mensch gut sein soll, sozial, hilfsbereit und so weiter. Die Erfüllung dieser Forderungen ist insofern am einfachsten, als das im Prinzip jedem Menschen möglich ist, soweit er es überhaupt will. Es finden sich dort aber auch andere Forderungen, denen nicht immer in ausreichendem Masse entsprochen werden kann, die aber wesentlich Inhalte unserer gegenwärtigen Kultur sind. Gemeint sind Begriffe wie Reichtum, Ansehen, Stärke, Einfluss, Macht, soziales Prestige. Selbstzufriedenheit und ein Bewusstsein des eigenen Wertes hängt in hohem Masse von diesen Faktoren ab. In dieser Hinsicht reichen aber die Anlagen, Gaben und Möglichkeiten es Einzelnen nicht immer aus, um Zufriedenheit in dieser Hinsicht zu erreichen.
    Gelingt das nämlich nicht oder nur unzureichend, dann weicht die Regulation auf andere Bereiche aus. Entweder werden jetzt die Niederschläge der Objektbeziehungen verstärkt und vergrössert, oder aber, wenn auch das misslingt, wird unter bestimmten Umständen zurückgegriffen auf die Reste des primären Narzissmus. Dieser tritt immer dann in den Vordergrund, wenn die höher strukturierten Anteile versagen, und er induziert dann durch Entzug von Besetzung deren Regression und Entdifferenzierung. Im Hinblick auf das Ich-Ideal bedeutet das, dass an die Stelle der positiven allgemein gültigen kulturellen Ideale Gruppenideale installiert und besetzt werden. Diese zeichnen sich aus durch Pseudowerte. Sie setzten auch weitgehend keine besondere Leistung oder Begabung des Einzelnen voraus, vielmehr stellt allein die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe eine Auszeichnung dar und ein Auserwähltsein.
    Entsprechend gross ist dabei die narzisstische Gratifikation.
    Kehren wir noch einmal zu der beschriebenen Dreiteilung des Narzissmus zurück. Dieser bedeutet eine Differenzierung, weg von autokratischer Selbstherrlichkeit, hin zu einer sozial verträglichen narzisstischen Befriedigung. Diese individuelle Reifung und Entwicklung ist Ursache und zugleich Parallele der kulturellen Entwicklung. Die Verschiebung der narzisstischen Befriedigung weg vom primären Narzissmus hin zu sekundären Strukturen, führt den kollektiven Werten Energie zu und festigt und bestätigt diese so in ihrer Gültigkeit. Gewaltverzicht nennen w ir das in Analogie zum Triebverzicht und w ir stehen damit vor der grundsätzlichen Frage, ob Kultur nur auf diesem Weg entstehen kann, oder ob es vielleicht auch noch eine von den beschriebenen Mechanismen unabhängige Eigendynamik der Menschheitsentwicklung gibt. Das ist aber ein weites Feld und sprengt den Rahmen dieses Vortrages.
    Wenn wir nun anknüpfend an das weiter oben Gesagte uns vor Augen halten, welcher Zusammenhang zwischen Kultur und Gewalt besteht, so geht es bei unserer Untersuchung nicht um das Problem, inwiefern durch die Kultur, durch bestimmte gesellschaftliche Umstände Gewalt provoziert und gefördert wird. Denn da, wie gesagt, individuelle Gewalt sozusagen ein vorkultureller Zustand ist, der zugunsten der Kulturentwicklung eingeschränkt wurde, so lautet die Frage: Unter welchen Umständen gelingt es der Kultur nicht mehr, die ursprüngliche und archaische Gewaltbereitschaft zu zügeln und zu kontrollieren. Besteht, so müssen wir fragen, ein Zusammenhang zwischen der Stärke, mit der Vitalität einer Kultur und ihrer Fähigkeit, die auf sie übertragene Gewalt voll zu nutzen und es nicht zuzulassen, dass in regressiver Weise diese Gewalt zurückfliesst zum Individuum, das nun gegen die Gesetze in archaischer Weise das Recht des Stärkeren für sich beansprucht und durchsetzt? Wovon aber mag diese Vitalität der Kultur abhängen?
    Hängt sie ausschliesslich ab von dem möglichst breiten Konsens aller Beteiligten oder müssen wir davon ausgehen, dass davon unabhängige, autonome Vorgänge die Kultur stärken oder schwächen. Wir hören zwar vermehrt die Klage, dass es keine Werte mehr gäbe, keine verpflichtenden Werte. Es ist aber die Frage ob solche plakativen und unüberprüften Äusserungen hilfreich sind, oder ob es sich dabei nicht vielmehr um den Ausdruck einer subdepressiven Grundeinstellung handelt. Ob w ir es also, mit anderen Worten, mit einem abgewehrten kollektiven Schuldgefühl zu tun haben, und dass wir in der davon ausgehenden Schwächung einen der Gründe dafür zu sehen haben, dass die Kontrolle der individuellen Gewalt immer wieder versagt, oder doch insgesamt nur ungenügend funktioniert.
    Wenn wir unter diesem Aspekt die rechte Gewalt als Beispiel betrachten, die uns ja im Moment sehr beschäftigt, so müssen wir sehr genau darüber nachdenken, welcher Weg zu beschreiten ist, wobei natürlich unbestritten ist, dass gewalttätige junge Menschen, die über das Leben und die Gesundheit Anderer einfach hinweggehen, bestraft werden müssen. Es wird aber aus unseren bisherigen Ueberlegungen auch klar, dass wir ein Symptom behandeln und nicht die Krankheit. Die Krankheit ist, so vermuten wir, eine Schwäche unserer gegenwärtigen Kultur, deren Ursachen noch zu untersuchen wären. Es scheint so zu sein, dass die jugendlichen Gewalttäter sich ein Gruppenideal aussuchen und sich diesem verpflichtet fühlen, einem Ideal, das allerdings primitiver Natur ist, jedoch eine hohe Kohärenz der Gruppe verspricht.
    Dieses primitive Ich-Ideal erlaubt es, in regressiver Weise die an die kulturelle Gemeinschaft abgegebene Gewalt zurückzuholen, indem eigene Gesetze geschaffen werden, deren Durchsetzung auch mit Gewalt erfolgen darf. Wir erinnern uns: Gesetzlichkeit ist immer mit Gewalt verbunden, insofern als ihre Geltung denen gegenüber rigoros durchgesetzt werden muss, die sich ihr entziehen wollen. Eine Entdifferenzierung des Ich-Ideals in Richtung auf eine primitivere Struktur (Kollektivierung und Entindividualisierung) desselben bedeutet, so scheint es, auch einen Rückgang der Sublimierungsfähigkeit, indem in diesem Fall aggressive Triebe ihrer höheren Bedeutung, die sie vielleicht einmal erreicht hatten, wieder beraubt werden und in einen früheren Zustand zurückkehren. Warum aber wählen diese jungen Leute diesen Weg, um narzisstische Selbstzufriedenheit zu erlangen und ein starkes Selbstgefühl zu bekommen?
    Hängt es vielleicht damit zusammen, dass unsere Kultur und Gesellschaft sehr hohe Anforderungen stellt, die nur schwer zu erfüllen sind und deshalb erst spät zu einer Befriedigung führen? Wenn wir fragen, was den Menschen heute ein gutes Selbstgefühl vermittelt, das Gefühl, jemand zu sein, etwas darzustellen, wertvoll zu sein und wichtig, so stossen wir auf Begriffe, wie Schönheit, Reichtum, Popularität, Berühmtheit, hohe soziale Positionen, Einfluss, Macht. Wenn wir uns das vor Augen halten, dann müssen wir erneut darüber nachdenken, ob an dieser Wertediskussion doch etwas sein könnte.

    Ein Beispiel: Wenn Nächstenliebe in unserer Gesellschaft wirklich ein Wert wäre, wäre dann nicht die Erfüllung dieses Ideals vielleicht einer grösseren Anzahl von Menschen möglich, als wenn es um Reichtum und Macht geht, um Einfluss und Schönheit? Gelangen wir aber damit zu der Feststellung, dass unsere kollektiven Ideale Zeichen einer regressiven Primitivität aufweisen, indem sie nämlich nicht mehr durch individuelle Anstrengung zu erreichen sind, sondern sich herleiten aus natürlichen Gaben, also gewissermassen eine natürliche Bevorzugung darstellen? Diese Tendenz zu einer kollektiven narzisstischen Regression verstärkt dann aber auch die Regressionsneigung in den gesellschaftlichen Randgruppen, indem nun auch deren Ideale, wenngleich von anderer Art, vermehrt primitive Züge aufweisen und durch den ständigen Zufluss entdifferenzierter Energie gestärkt werden. Sicher scheint zu sein, wenn wir diese Randgruppen betrachten, dass sie eben nicht zu denen gehören, die erfolgreich sind, und die aus diesem Grund einen erheblichen Mangel an narzisstischer Befriedigung und an Selbstwertgefühl haben und so einerseits, dynamisch betrachtet, wieder Gewalt für sich zurückfordern, also mit der Übertragung der Gewalt an die Gesellschaft nur noch begrenzt einverstanden sind, andererseits zu alten regressiven Ich-Idealen zurückkehren, die zwar im übrigen kulturellen Kontext erheblich stören, denen aber eine triebhaft archaische Kraft und Gewalt inne wohnt und die durch die zurückflutende und denaturierte aggressive Energie verstärkt werden.
    Gewalt als narzisstische Regulation stellt sich uns also dar als ein Phänomen, das uns zwar gegenwärtig besonders beschäftigt, von dem ich aber nicht sicher bin, ob es nur in unserer Gegenwart herrscht. Ich neige eher zu der Annahme, dass in den verschiedensten kulturellen Zuständen die Neigung bestand oder besteht, dass einzelnen oder auch Gruppen den früher einmal stattgehabten Gewaltverzicht verneinen, dass sie mangels anderer Möglichkeiten, das Selbstgefühl zu stärken, auf einen ursprünglichen Narzissmus zurückgreifen, der seine Erfüllung in Machtphantasien findet, in Grössenphantasien und im Verzicht auf und im Abwerfen von kulturellen Banden und Bindungen. Dieser kulturell geforderte Verzicht auf narzisstische Gewalt, auf narzisstisches Durchsetzen eigener Interessen ohne Rücksicht auf andere kann nur dann erfolgreich sein, wenn eine entsprechende narzisstische Gratifikation auf höherer Ebene gewährt wird, denn das prinzipielle Problem der narzisstischen Zufriedenheit bleibt bestehen und es geht immer nur um die Frage, auf welcher Ebene diese Befriedigung stattfinden kann. Da ich mir, wie gesagt, nicht sicher bin, ob das Gewaltproblem in unserer Gegenwart wirklich so gravierend ist im Vergleich zu anderen Zeiten, weiss ich auch nicht zu sagen, ob der gegenwärtige Umgang mit dieser Gewalt der richtige ist. Freuds Kulturpessimismus ist sicher nach wie vor verbreitet. Immer wieder klingt es durch, dass eigentlich alles Kulturelle nur mehr oder weniger mühsam zustande kommt und dass darunter ständig das Böse lauert. Könnte es nicht sein, dass die aktuellen und konkreten Erscheinungen von Gewalt Ausdruck eines zunehmenden Kulturpessimismus sind?
    Dass diese vermutete Schwäche unserer Kultur eben darin besteht, dass sie sich selber nicht mehr traut, dass sie den Optimismus verloren hat, die tiefe Ueberzeugung, dass Kultur etwas ist, das aus sich selber wächst und stark ist und nicht nur Folge eines Dressuraktes? Kann es sein, dass viele heutzutage nicht mehr davon überzeugt sind, dass die beschriebene Abgabe narzisstischer Gewalt des Einzelnen an das Kollektiv auch freiwillig erfolgen kann und nicht nur unter dem Druck, unter dem Zwang, da sonst Chaos herrscht, wenn jeder einfach tut, was er will? Kann es sein, dass diese Schwäche der Kultur einer Schwäche der Vernunft entspricht? Wäre es dann aber nicht besser, wir würden unsere Aufmerksamkeit mehr diesen Problemen unserer Kultur zuwenden, anstatt uns zu sehr auf das Symptom, nämlich die Gewalt, die wir darunter beobachten, zu konzentrieren?
    Könnte es nicht sein, dass die ständige Diskussion dieser Gewalt eine Abwehr ist, indem wir unseren eigenen Pessimismus, unsere eigene Gewaltproblematik projizieren auf die anderen, auf die also, die in der Tat und aktuell gewalttätig handeln?

    »Homo homini lupus« sagt ein altes lateinisches Sprichwort [vgl. auch den schottischen Moralphilosophen Hobbes, M.F.]. Sollen wir ihm glauben? Wenn allerdings tatsächlich Kultur nichts anderes wäre, als eine Zwangsmassnahme, dann wäre es nicht verwunderlich, wenn es immer wieder zu Ausbrüchen archaischer Zustände kommt. Aber wie wären dann die positiven Leistungen der Kultur zu verstehen? Reicht die Idee einer Sublimierung wirklich aus, um das alles zu erklären? Manche neigen ja dazu, das Zurückgehen von Religiosität als typisches Beispiel zu sehen für die Werteproblematik, aber könnte dieses Phänomen nicht auch eine Emanzipation bedeuten, ein Erwachsenwerden der Menschen gegenüber einem supponierten, einem angenommenen Gott? Wenn wir ein aktuelles Gottesbild betrachten, wie es zum Beispiel in der Diskussion um die Implantationsdiagnostik oder um die Forschung an und mit Stammzellen vorgestellt wird, eines Gottes also, der den Menschen zwar den Verstand gibt, ihm dann aber plötzlich nicht mehr erlaubt, diesen Verstand zu gebrauchen. Eines Gottes, der eigensinnig und eifersüchtig auf Vorrechten beharrt. Wenn wir diesen Gott also betrachten, ist es dann nicht eher ein Fortschritt, wenn er überwunden wird, wenn er ersetzt wird durch einen Gott, der den Menschen die Freiheit auch wirklich lässt, die er ihm gegeben hat, der sich vielleicht sogar daran erfreut, wenn der göttliche Funken, den er in diese Menschen gelegt hat, immer heller leuchtet und wenn diese seine Kinder, wie es bezeichnenderweise immer heisst, erwachsen werden, gleichberechtigt. Es ist sicher kein Zufall, dass auch und gerade in unserer Gegenwart Religion so häufig mit Gewalt verbunden ist. Ich denke, dies sind Anzeichen, die uns nachdenklich machen müssten und die uns nach den grösseren Zusammenhängen suchen lassen sollten, wenn wir von Gewalt sprechen.
    Es wäre also von Vorteil, wenn wir zu einer komplexeren Vorstellung von Narzissmus kämen, indem w ir den Zusammenhang verstehen mit dem, was man als Gott oder das Göttliche bezeichnet, dass wir also aus der Kinderwelt, in der wir zum Teil immer noch leben, uns befreien, indem wir nicht nur aus Zwang auf unsere gewalttätigen narzisstischen Wünsche verzichten und den Gesetzen gehorchen, getrieben von der Angst vor Strafe, sondern freiwillig und aus Einsicht und Achtung vor den Rechten des anderen. Nur so kann Gewaltfreiheit zu einem echten, positiven Wert werden der dann auch in freier Entscheidung erkannt, anerkannt und gewürdigt wird. Literatur
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    Henseler, H. (1976). Der psychoanalytische Beitrag zum Suizidproblem. In: Eicke, D. (Hg.) (1976): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Zürich (Kindler), S.824-837.



    10. PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren dialektischer Psychotherapie

    In nunmehr 20 Jahren Psychotherapie-Praxis sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich bin ich immer mehr zur Erkenntnis gelangt, dass die allermeisten psychischen Phänomene und Störungen Regulationsphänomene sind, will heissen: es besteht ein mehr oder weniger breites Spektrum zwischen zwei Extremen bzw. zwischen Antagonisten, welche eine, wennauch labile, Balance findend das beste "Ergebnis" erzielen, seien es Ausgleichsprozesse auf der biologischen Ebene z.B. Adrenalin/Noradrenalin oder Serotonin/Dopamin etc. oder auf der psychischen Ebene zwischen Depression und Manie oder zwischen Extraversion und Introversion, auf der sozialen Ebene zwischen männlich und weiblich (Vorsicht: gender!) oder, sehr zentral in diesem Buch, zwischen den Konzepten Konkurrenz und Kooperation oder zwischen Egoismus und Altruismus bzw. innerem und äusserem Selbst.

    Dieser dialektische Raum, welcher m.E. als Grundkonzeption für fast alle psychischen Phänomene anwendbar ist, bildet den roten Faden dieses Buches.
    Dies, weil nach meiner Erfahrung die weitaus meisten Fragestellungen in heutigen Psychotherapien sich um narzisstische Regulations- und Relationssphänomene ranken, zu deren Beantwortung für jeden Einzelnen von uns optimalerweise ein zwar labiles, aber kreatives, stets gefährdetes "Gleichgewicht des Selbst und des Narzissmus" gefunden und erprobt oder gar erfunden und angewendet werden muss.

    Es wird ein weiter Weg sein, der uns beschreibend, argumentativ und sogar in Ansätzen empirisch auf diese etwas ungewohnte Narzissmus-Definition und-Behandlung bringen wird. Es werden nebst psychologischen und biologischen auch soziologische, historische und philosophische Betrachtungen und Phänomene eine wichtige Rolle spielen. Denn auch zwischen den Diziplinen gilt: ein Ausgleich der Sichtweisen (Dialektik: These/Antithese), ein Austarieren der Faktoren und Konzepte bringt uns erst den zu beschreibenden Phänomenen am nächsten.

    Eine auf Ausgleich und Integration der Extreme ausgerichtete Psychotherapie, will heissen: das gesunde Mass findend, egal in welchem Lebensbereich, ist ein Hauptziel jeder (meiner) psychotherapeutischen Bemühungen, unabhängig davon, welche Symptome jemand "präsentiert".

    Ein Klient von mir hat einmal gesagt: "Wenn ich mich verändere, verändere ich automatisch auch meine Mit- und Umwelt und damit ein klein wenig auch die gesellschaftlichen Verhältnisse".
    Dieser hoffnungsvolle und optimistische kollektive Aspekt der sozialen, therapeutischen Arbeit mit Menschen wird meines Erachtens noch immer stark unterschätzt in einer noch immer zu stark auf individuelle Defizite ausgerichteten Psychotherapie-Szene.

    Als Abschluss des Buches werden die beiden zuvor als dialektisch beschriebenen Achsen (Y: die strukturelle Sichtweise (Narzissmus als Kontinuum zwischen den Extremen Psychopathie und Depression) und X: die dynamische Sichtweise) wieder "heruntergebrochen" auf die konkrete Therapiesituation und ein darauf aufbauender "relational-regulativer" Psychotherapie-Ansatz entworfen:
    Die wichtigste Dimension der alltäglichen psychotherapeutischen Praxis bildet dabei die Beziehung bzw. der Kontakt zwischen TherapeutIn und KlientIn. Auch hier ist immer wieder ein Mass zu finden zwischen Nähe und Distanz, zwischen Intensität und Entspannung. Besonders betonen möchte ich, dass die Extreme, z.B. des Engagements, auch mal an einem Wochenende oder während des Urlaubs oder der langen Distanznahme und Abstinenz, sehr wohl vorkommen sollen - über viele Sitzungen hinweg gesehen, sollte sich aber ein gesundes Klima einer mittleren Aufmerksamkeit, einer Ausgewogenheit zwischen z.B. Involviertheit und Loslassen, zwischen Konfrontation und Entstehen-lassen einstellen.

    Es gilt demnach immer wieder von Neuem, d.h. in jeder Lebenslage und -phase, sogar in jeder einzelnen Situation, ein Gleichgewicht zu finden zwischen zahreichen Antagonisten oder Gegenspielern, wie z.B. Egoismus versus Altruismus, kurz: das Gleichgewicht von Narzissmus und Selbst zu finden!

    Die Extreme für sich genommen und ohne Kontext, tun uns und den anderen nicht gut:
    Egoismus ins Extreme gesteigert bekommt, klinisch betrachtet, eine Tendenz zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung bis hin zu Psychopathie und Soziopathie, einen Mangel an Empathie also, was übrigens die meisten Kriminellen "auszeichnet" (siehe z.B. Kevin Dutton 2013)...
    Altruismus auf der anderen Seite, also das selbstlose anderen helfen und eine "andere immer zuerst"-Haltung (vgl. u.v.a. Schmidbauers "Die hilflosen Helfer"), tendiert klinisch überspitzt gesehen, zu allerlei Sucht(verhalten), zu diversen Depressionsarten bis hin zu Psychose und Suizid.

    Diese im letzten Teil dargestellte "Relational-regulative Psychotherapie" (Arbeitstitel...) hat nebst der Psychoanalyse vielerlei Quellen: Gestalttherapie nach Fritz Perls, Integrative Therapie nach Hilarion Petzold, Mentalisierungs-Konzept nach Fonagy und den von der universitären Forschung abgeleiteten kognitiven und systemischen Verhaltenstherapieansätzen (u.v.a. Klaus Grawe, Wolfgang Tschacher und Peter Fiedler).
    Die Freudsche Psychoanalyse und das chaostheoretisch-systemische Denken dienen dabei v.a. als theoretischer Hintergrund, das Mentalisieren und die weiteren genannten v.a. kognitiven Verfahren erweisen sich als v.a. für die Praxis sehr wertvoll.


    Byung-Chul HAN, für einmal optimistisch Perspektiven aufzeigend:
      Die Zeitkrise von heute heißt nicht Beschleunigung. Das Zeitalter der Beschleunigung ist bereits vorbei. Was wir derzeit als Beschleunigung empfinden, ist nur eines der Symptome der temporalen Zerstreuung. Die heutige Zeitkrise geht auf eine Dyschronie zurück, die zu unterschiedlichen temporalen Störungen und Mißempfindungen führt. Der Zeit fehlt ein ordnender Rhythmus. Dadurch gerät sie ausser Takt. Die Dyschronie läßt die Zeit gleichsam schwirren. Das Gefühl, das Leben beschleunige sich, ist in Wirklichkeit eine Empfindung der Zeit, die richtungslos schwirrt.
      Die Dyschronie ist nicht das Resultat forcierter Beschleunigung. Verantwortlich für die Dyschronie ist vor allem die Atomisierung der Zeit. Auf diese geht auch das Gefühl zurück, die Zeit vergehe viel rascher als früher. Aufgrund der temporalen Zerstreuung ist keine Erfahrung der Dauer möglich. Nichts verhält die Zeit. Das Leben wird nicht mehr eingebettet in die Ordnungsgebilde oder Koordinaten, die eine Dauer stiften. Flüchtig und ephemer sind auch Dinge, mit denen man sich identifiziert. So wird man selbst radikal vergänglich. Die Atomisierung des Lebens geht mit einer atomistischen Identität einher. Man hat nur sich selbst, das kleine Ich. Man nimmt gleichsam radikal ab an Raum und Zeit, ja an Welt, an Mitsein. Die Weltarmut ist eine dyschronische Erscheinung. Sie läßt den Menschen auf seinen kleinen Körper zusammenschrumpfen, den er mit allen Mitteln gesund zu erhalten sucht. Sonst hat man ja gar nichts. Die Gesundheit seines fragilen Körpers ersetzt Welt und Gott. Nichts überdauert den Tod. So fällt es heute einem besonders schwer, zu sterben. Und man altert, ohne alt zu werden.
      Das vorliegende Buch [Han: 'Duft der Zeit'] spürt historisch und systematisch den Ursachen und Symptomen der Dyschronie nach. Es wird aber auch über die Möglichkeiten einer Genesung nachgedacht. Dabei werden zwar Heterochronien oder Uchronien aufgesucht, aber auf die Auffindung und Rehabilitierung dieser außergewöhnlichen, außeralltäglichen Orte der Dauer beschränkt sich die vorliegende Studie nicht. Vielmehr wird vermittels einer historischen Rückschau prospektiv auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, daß das Leben bis in den Alltag hinein eine andere Form anzunehmen hat, damit jene Zeitkrise abgewendet wird. Nachgetrauert wird nicht der Zeit der Erzählung. Das Ende der Erzählung, das Ende der Geschichte muß nicht eine temporale Leere mit sich bringen. Es eröffnet vielmehr die Möglichkeit einer Lebenszeit, die ohne Theologie und Teleologie auskommt, die jedoch einen eigenen Duft besitzt.
      Sie setzt aber eine Revitalisierung der 'vita contemplativa' voraus.
      Die heutige Zeitkrise hängt nicht zuletzt mit der Absolutsetzung der vita activa zusammen. Sie führt zu einem Imperativ zur Arbeit, der den Menschen zum 'animal laborans' degradiert. Die Hyperkinese des Alltags nimmt dem menschlichen Leben jedes kontemplative Element, jede Fähigkeit zum Verweilen. Sie führt zum Verlust von Welt und Zeit. Die sogenannten Strategien der Entschleunigung beseitigen diese Zeitkrise nicht. Sie verdecken sogar das eigentliche Problem. Notwendig ist eine Revitalisierung der 'vita contemplativa'. Die Zeitkrise wird erst in dem Moment überwunden sein, in dem die 'vita activa' in ihrer Krisis die 'vita contemplativa' wieder in sich aufnimmt.
      Quelle: Han. Duft der Zeit. Bielefeld: Transcript, S.7-8


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    11. LITERATUR: Quellenangaben und Buchempfehlungen


    Kürzest-Zusammenfassung des Mittelteils des Buches bzw. der Kapitel 2-9 (ohne 1 und 10)

    Das 'Triumvirat', die 'Dreieinigkeit' meiner Narzissmus-Konzeption als Zusammenspiel dreier Sichtweisen aus drei ganz verschiedenen Fachrichtungen:
    Medientheorie (I), Soziologie (II) und Psychologie (III).

    I. Narzissmus als "Extension of Man" (McLuhan) II. Narzissmus als "Agonie des Realen" (Baudrillard) III. Narzissmus als "Spiegelstadium als Bildner des Ich" (Lacan) im R-I-S

    Diese drei Theorien bilden den Kern meiner Narzissmus-Konzeption:
    LACAN – Kap 2 und 4 - Baudrillard – Kap 3, 5, 7 und 9 - McLuhan – Kap 6 und 8

    a) Lacan: Das Symbolische (Sprache, Diskussion, Dialog, Kultur etc.) wird immer mehr abgelöst/ersetzt vom Imaginären (Bilder, Filme, Mythen, Werbung, Propaganda, Parolen, Regressives wie Tribalismus, Hooliganismus, Pegida etc.) – damit entfernt sich die Gesellschaft noch mehr vom Realen als es durch die Symbolisierungsfähigkeit (heute: Mentalisierung) sowieso gegeben ist durch die seit dem Spiegelstadium gegebene Ver-kennung und Ent-fremdung der Teilnehmer des Sozialen.

    b) Baudrillard: anstelle von Simulationen sind Simulakra getreten, der Uebergang von der ersten Ordnung der Simulakra zur dritten wird gerade vollzogen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

    c) McLuhan: durch die Dominanz des Visuellen, des Linkshemisphärischen und damit des Digitalen gegenüber dem Analogen (wo das Auditive überwog) entstand in der Tetrade eine Einseitigkeit, welche nun allmählich Chiasmus-bedingt in seiner Positiv-Utopie durch einen Umschlag in eine erneute Tribalisierung und Oralität einer Integration und Synästhesie der Sinne den Boden bereitet wo im ‘Global Village’ jeder mit jedem verbunden ist.



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    - SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
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