Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, ErlebenMarkus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe
für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39
e-mail: praxis-frauchiger@bluewin.ch
Homepage: http://www.psychotherapeut-bern.ch

Das doppelte Selbst - Regulation und Relation des visuellen Narzissmus

Vom digitalen Narzissmus zum analogen Selbst - Wirklichkeits- und Relationskonzepte für Psychotherapie und Gesellschaft

Markus Frauchiger, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf und Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

Selfie, Narzissmus, Smartphone, Fake, Real, Lacan, Blick, visuell, digital, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

- EINLEITUNG: Dialektische Einführung in die beiden Koordinaten
- NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
- MARKETING: "Haben-wollen" und das Ich-Ideal im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- RELATION: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus
- RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren anerkennender, relationaler Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



Zusammenfassung - Summary:

Dies ist der Versuch, eine postmoderne Narzissmustheorie aus dialektisch-systemischer Sicht zu entwickeln, einen tertiären Narzissmus zu postulieren, der nur in einer medial überspannten und neoliberal bewirtschafteten und somit entfremdeten Gesellschaft (sprich: "Menschen-Darsteller im Fake-Modus") entstehen kann.
Als dialektisches Gegenstück dazu entwickle ich ein 'resonantes Selbst', welches "echt und real" nach innen und nach aussen wirkt und überzeugt ohne manipulativ und überangepasst ein selbstbewusstes 'Sein statt Schein' lebt und in Bezogenheit auf seine Umwelt ein 'Gleichgewicht des Selbstwertes' immer wieder neu und dynamisch sucht und so in Anerkennung des und der Anderen 'relational und regulierend' eine Philosophie von 'Mass und Mitte' lebt und vorlebt.

Nebst Konzepten aus der psychoanalytischen, systemischen, kognitiv-behavioralen und humanistischen Psychologie und Psychotherapie beziehe ich auch und v.a. Erkenntnisse aus Nachbarwissenschaften wie u.a. der Soziologie, der Pädagogik und der (Sozial-)Philosophie mit ein, aber auch Kunstgeschichte, Medien- und Literaturwissenschaften werden punktuell herangezogen um dieses Konzept des 'Visuellen Narzissmus' in der nötigen Tiefe zu begründen und darzustellen.
Ich werde das Rad nicht neu erfinden, sondern zahlreiche Befunde und Konzepte zusammentragen und ordnen, mit eigenen Hypothesen ergänzen, wo nötig "ins 21. Jahrhundert übertragen" und um neuere Phänomene wie z.B. Big Data und den Selfie-Kult ergänzen und so für ein breiteres (Fach-)Publikum aufbereiten.
Somit sollten zahlreiche (Buch-)Perlen aus verschiedenen Disziplinen bekannter und für einen breiteren Diskurs in Form dieser Online-Veröffentlichung kostenlos und niederschwellig besser zugänglich werden; dieser Nebeneffekt einer durchs Recherchieren entstandenen Materialsammlung soll auch für PolitikerInnen und Entscheidungsträger aus z.B. der Wirtschaft und der Verwaltung im Blick auf einen verbesserten Zugang zur Psychotherapie für alle Bevölkerungsschichten zur freien Verfügung stehen.

Die Konzeption eines 'tertiären Narzissmus der Postmoderne' erachte ich für notwendig aufgrund zahlreicher Beobachtungen und Befunde zunehmender "narzisstischer Tendenzen".
Als seit 1997 in verschiedensten Institionen und seit 2008 in eigener Praxis tätiger Psychotherapeut in Bern stelle ich oft fest, dass Aspekte des Sozialen, des Kontextes, der fehlenden Anerkennung und anderer Entfremdungsdynamiken in und mit der Um- und Lebenswelt sowie der 'Weltbeziehungen' (Rosa 2012) in der real-existierenden und praktizierten Mainstream-Psychotherapie, in Praxis aber auch in der Theorie m.E. zuwenig berücksichtigt werden.
Als grosse dialektische Klammer, um all diese heterogenen Themen wie Anerkennung, Triangulierung, Resonanz, Entfremdung, Anomie, Sozialcharakter einerseits aber auch Esoterik, Antisemitismus, Religions-, Kapitalismus- und Wachstumskritik u.v.a.m. andererseits, zusammenzuhalten, soll eine neu gewichtete und situierte (in einer sog. 'Psychotherapie-Wissenschaft') Narzissmus-Konzeption (sog. 'Regulation in Relation') einerseits, aber auch eine 'Dialektische Psychotherapie'-Konzeption andererseits dienen, welche sich einerseits nahe an Ovids Metamorphosen ("Narcissus und Echo") orientiert (v.a. um das Visuelle am Mythos neu zu bewerten), andererseits zahlreiche Erkenntnisse anderer sozialpsychologisch und -philosophisch argumentierender AutorInnen miteinbezieht, sodass das Verbindende und Aehnliche zwischen den genannten Disziplinen betont wird und so eine Erweiterung und Fruchtbarmachung für eine breit fundierte Psychotherapie-Wissenschaft erreicht werden kann.


"Richtig vs. falsch" oder "Innen vs. Aussen" oder "Analog vs. Digital"?

Man Ray
Man Ray "Gräfin Casati" 1928 © Man Ray Trust, Paris/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Wenn Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, sich "innen und aussen" als "links und rechts" auf der x-Achse eines Koordinatensystems vorstellen und "analog und digital" als "oben und unten" (y-Achse), haben Sie eine Kürzestform dieses Buches grafisch vor Augen.
Falls Ihnen dieses solcherart entstandene "Fadenkreuz" (Grafiken dazu im 1. Kapitel) noch wenig sagt, was ich gut verstünde, werden Sie in diesem Buch Kapitel für Kapitel immer näher an diesen im Kern simplen Grundgedanken einer Narzissmus- und Selbstkonzeption herangeführt.
Die Konzepte und Methoden welche ich Ihnen vorstellen und nahelegen möchte, sollen einfach zu handhabende Werkzeuge sein, sowohl für PraktikerInnen wie auch für wissenschaftlich tätige KollegInnen. Falls jemand empirische Untersuchungen dazu vornehmen möchte, würde mich das sehr freuen. Ich selber habe leider die Zeit (übervolle Praxis plus Familie) und das Geld (bin leider kein Königssohn) dazu nicht, hätte aber Ideen zu Methodik und Durchführung solcher Studien.

Die hier vorgestellten Modelle und Konzepte ergänzen die eher hermeneutisch-verstehende, begegnungsorienterte Psychotherapie, welche ich in früheren Texten aus den 90er Jahren (Frauchiger 1994, 1997a+b) sowie 2002 bereits dargelegt habe; hiermit kommt zum bisherigen relationalen, humanistischen, eher geisteswissenschaftlichen Ansatz (im neuen Modell durch eine waagrechte, Dynamik repräsentierende X-Achse dargestellt) eine regulierende, an v.a. Kognitionen und "Embodiment" orientierte rationalere, eher naturwissenschaftliche Sichtweise, dargestellt auf der vertikalen (y), Struktur-Achse, hinzu.

Einen zweiten Schwerpunkt und wichtiges Anliegen dieser Arbeit bildet die Frage nach der Echtheit/Ehrlichkeit/Offenheit von Menschen und Systemen und der weiteren Frage ob und wie denn dem im ersten Teil als narzisstisch analysierten Unechten/Künstlichen/Scheinbar-Echten etc. gesellschaftlich zu begegnen ist und welche gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen die indivuelle Narzissmus-Bereitschaft möglicherweise begünstigt haben und aktuell z.B. in der "Selfie-Produktion" medial sichtbar werden.

In dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, dass der „Narzissmus“ als eine Störung des bio-psycho-sozialen Gleichgewichts dargestellt werden kann.

Diese Regulation des Selbst wie ich es nenne, wird in mehreren Modellen dargestellt und als Grundkonzept menschlichen Erlebens und Verhaltens begründet mithilfe eines bunten Strausses an Quellentexten aus Fachbüchern, wissenschaftlichen Artikeln, aber auch aus Ratgebern und aus der Tages- und Wochen-Presse.

Die Selbstwertregulation findet demnach an zahlreichen Schnittstellen statt: einerseits als REGULATION gewissermassen „im“ Menschen drinn in Form von Konflikten zwischen biologischen Trieb-Anforderungen des ES und dem verinnerlichten Wertesystem des Ueber-Ich, wie das Freudsche Strukturmodell sehr schön darstellt - andererseits aber auch RELATIONAL zwischen dem Individuum und der Gesellschaft bzw. der Mit- und Umwelt ganz allgemein, wozu auch die Ressourcen der Natur und das real existierende Wirtschaftssystem gehören.

Auf zahlreicher Literatur basierend, v.a. auf der sozialphilosophischen Anerkennungstheorie (Honneth 1994) und ihren Anwendungen in der Psychoanalyse (u.a. Benjamin 1990, 2004, Grimmer 2006), postuliert der Autor in einem ersten Schwerpunkt (dargestellt in den Kapiteln mit geraden Zahlen) ein vom Individuum immer wieder neu zu erlangendes „prekäres Gleichgewicht“ des Narzissmus (als Selbstwertregulation); kontextbedingt pendelnd und suchend zwischen den Polen Symbiose (Abhängigkeit, Bezogenheit, Gegenseitigkeit, Anerkennung) einerseits und Solipsismus (Unabhängigkeit, Isolation, also Narzissmus im eher triebtheoretischen Sinne, vgl. Freud, Kernberg u.a.m.) andererseits.
In der langjährigen Arbeit mit Menschen mit narzisstischen Problematiken ist eine immerwährende „Regulation“ (Coping mittels Leistungserbringung, Liebesbeweisen etc., im Spektrum Idealisierung vs. Abwertung bzw. Depression vs. NPS/Soziopathie) „in (non-)Relation“ (Coping im Spektrum schamhafter sozialer Rückzug vs. Wut, Gewalt bzw. Opfer vs. Täter; Therapieziel: Beziehung/Bezogenheit, also Achtsamkeit ermöglichen) festzustellen.

In einem zweiten Schwerpunkt (als alternierende Themenkomplexe mit ungeraden Kapitelnummern strukturiert) versucht der Autor auf der Grundlage extensiver Literatursichtungen und auch exemplarisch aufzuzeigen ob und wie sich Narzissmus kollektiv auswirkt (z.B. als Esoterik, Propaganda und Populismus) um so dem Küstlichen bzw. dem Echten auf die Spur zu kommen und was dagegen bzw. dafür getan werden kann (im Sinne von Charles Taylor, Hartmut Rosa und Axel Honneth: Anerkennung, Resonanz, Fülle und Tiefe in einer multikulturellen Demokratie).

Welche Auswirkungen haben nun die Befunde aus den beiden Schwerpunkten für die Theorie und Praxis der Psychotherapie von Einzelnen, Paaren und Systemen?

In einem dritten und letzten Schwerpunkt entwickelt der Autor eine auf dem Haupt-Wirkfaktor der Therapiebeziehung und der Intersubjektivität aufbauende Methoden-integrierende „Relationale Psychotherapie“ (vgl. auch Mitchell 2003), wo allgemeine (common-factors, vgl. Frauchiger 1997, Blaser et al. 1992, Grawe 2005) sowie humanistische, systemisch-kybernetische und auch psychoanalytische Konzepte (u.a. das Mentalisieren, Fonagy et al.) eine sowohl integrierende als auch indikationsspezifische Rolle spielen.
Aus der Erfahrung von 20 Jahren psychotherapeutischer Praxis in verschiedensten Settings sowie unter Hinzunahme obiger Quellen wird das vom Autor entwickelte Konzept des „Narzissmus im Gleichgewicht“ ergänzt durch eine eigene „Praxis der Dialektischen Psychotherapie“ (vgl. Kap. 10).

Stichworte: Narzissmus, Anerkennung, „relational turn“, Triangulierung, Begehren, Bindung, Resonanz, Gleichgewicht, Spektrum, Paradoxon, Dialektik, Relationale, Psychotherapie, Psychoanalyse, Intersubjektivität, Mentalisieren, Populismus, Psychopathie, Esoterik, Skeptiker, Macht, Scham, Wut, Depression



Hinführung

Von der "Kunst ein Egoist zu sein" (Buchtitel aus den 70er Jahren) zur "Kunst KEIN Egoist zu sein" (Buchtitel aus den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts) und umgekehrt!

Das "Helfersyndom" (Buchtitel und Schimpfwort aus den 70er Jahren) ist weitgehend verschwunden und hat dem hedonistischen Konsum-Narzissmus, dem autistischen Pseudo-Selbst, welches nur noch virtuell-spiegelnd mit anderen Menschen verbunden ist, platzgemacht: Autonomie und Freiheit sind zwar gewachsen, gleichzeitig sind Zusammengehörigkeitgefühl, Anerkennung des Anderen sowie die resonannte, sinnliche Bezogenheit zum Mitmenschen geschwunden und zunehmend in ein Ungleichgewicht geraten.

Gerade wegen dieser narzisstischen Entgleisungen möchte ich für einen gesunden Narzissmus und Selbstwert eine Lanze brechen und in einem ersten Teil einer Synthese bestehender Konzepte für eine umfassende Revision des Begriffs NARZISSMUS plädieren: Regulative Strukturelemente aus der Triebtheorie Freuds und Kernbergs stehen in Wechselwirkung mit relationalen dynamischen Faktoren der Intersubjektivität, welche der Philosophie von Hegel bis Honneth, der Soziologie und Sozialpsychologie von Parsons bis Mead sowie Strömungen aus innerhalb der Psychoanalyse (Ferenczi, Balint, Winnicott, Bowlby bis Jessica Benjamin und Peter Fonagy) entstammen.

Ein ganz zu Beginn präsentiertes sehr einfaches und allgemein gehaltenes dialektisches Modell mit den Achsen Senkrecht und Waagrecht bzw. Struktur und Dynamik bzw. Selbst und Andere usw. begleitet uns durch alle Kapitel hindurch, sei es um einen Spannungs-Raum zu öffnen bzgl. individuellen Themen (z.B. Narzissmus vs. Altruismus) oder gesellschaftlich relevanten Themen wie z.B. Fragen der Anerkennung, Demokratie, Konsum, Gerechtigkeit, Rechtsprechung, Moral, Ethik und Würde.

In einem Zweiten Teil, sozusagen über den Narzissmus hinausgehend, versuche ich aufzuzeigen, dass der lediglich aus Spiegelung und Aufmerksamkeit bestehende Selbstwert schnell zu entgleisen droht in ein von Werbung, Konsum und Esoterik umzingeltes "Falsches Selbst", welches Theater spielend schnell mal von Sinnen gerät und die auf Wachstum programmierte Bühne des Hochleistungssports namens Erwerbsarbeit mit der geruhsamen, gelassenen und Mensch und Natur achtende und anerkennende Realität des "wahren Selbst" verwechselt. Die Kunst des Hin- und Her-Wechselns zwischen den beiden "Aggregatszuständen", zwischen Performanz und Resonanz ist eine schwierige Herausforderung und moderne Psychotherapie sollte auf beiden Ebenen Erkenntnisgewinn bzw. Handlungsanleitungen bereitstellen. Eine dazu passende relationale, anerkennende und Resonanz suchende integrative Psychotherapie wird im letzten Kapitel vorgestellt.

Ein Zitat soll als zusammenfassende Ausgangssituation dieser Arbeit dienen - dem Kontext in dem wir leben, also der ökologischen Um- und Mitwelt:
"Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappsten Ressourcen aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit. Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen. Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren, bedeutet weniger Stress und damit Glück." (Niko Paech in der schweizer Zeitschrift "Zeitpunkt" Nr. 112)


Und nun wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Erkenntnisgewinn, aber auch viel Spass und Vergnügen auf dieser Reise durch viele verschiedene Wissensgebiete, diverse vom Autor sorgfältig ausgewählte und kommentierte Originaltexte aus vielen Disziplinen der Wissenschaft, wo die Psychoanalyse und die Sozialphilosophie als "Hauptfächer" immer wieder didaktisch-strukturierend als Drittes, als Dazwischen und als verbindener Raum einen hoffentlich roten Faden bilden werden.

Markus Frauchiger, lic.phil. Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, CH-3012-Bern, praxis-frauchiger@bluewin.ch


1. EINLEITUNG: Dialektische Einführung ins Koordinatensystem "Relation und Regulation"

Anknüpfend an eigene Ueberlegungen ("Forschung und Metatheorie - Anmerkungen zu wissenschaftstheoretischen Postionen" 1998) welche ich im Anschluss an meine Lizentiatsarbeit ("Psychotherapeutische Modelle und ihre Wirkfaktoren" 1997) angestellt habe, beginne ich dieses Buch mit der Präsentation wichtiger (Meta-)Theorien und Methoden um das Feld zu bestellen, worauf in den nachfolgenden Kapiteln die Saat einer eigenen Narzissmus- und Psychotherapie-Konzeption, gedeihen und wachsen soll.

Paradigmen, Menschenbilder und Wissenschaftstheorie

Es folgt das Thema weiterführend ein leicht bearbeiteter Auszug aus Frauchiger 1998:
Ludwig Wittgenstein (1960) diagnostizierte eine „Begriffsverwirrung“ innerhalb der Psychologie. Ein Grund dafür sind die stark differierenden Erkenntnisweisen von Natur- und Geisteswissenschaften.
Wilhelm Dilthey (1894) [ein Deutscher, "diltei" ausgespr.] hat die einflussreiche Formel geprägt: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“.
Wilhelm Wundt, der Begründer der modernen Psychologie ging ebenfalls von einer Zweiteilung unseres Faches aus (bei ihm: die physiologische vs. die sog. Völker-Psychologie). Erst später, durch den Einfluss des amerikanisch-russischen Behaviorismus, wurde die positivistische, naturwissenschaftliche Wissenschaftsauffassung auf die gesamte Psychologie übertragen. Diese „Vereinnahmung“ dauert trotz „Kognitiver Wende“ bis heute an.

Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Das Descart’sche Maschinen- bzw. (post-moderner) Computer-Modell impliziert eine Zerlegbarkeit des Menschen in messbare Variablen. Diese Sichtweise favorisiert logischerweise ein empirisch-nomothetisches Vorgehen, wie es sich in immer raffinierteren statistischen Methoden heute an den meisten Universitäten darstellt.
Es gibt aber ein grundsätzlich anderes, dazu komplementäres, dialektisches Wissenschaftsverständnis: Die Hermeneutik basiert auf der viel weiter in die Menschheitsgeschichte zurückreichenden Tradition des Naturverstehens durch „Zeichendeutung“, wie sie z.B. Jäger und Medizinmänner praktiziert haben. Die Natur ist nach dieser Auffassung ein Buch, dessen Wörter und Sätze der Kundige auf der Grundlage seines Erfahrungswissens lesen und auslegen kann. Die Bedeutung eines Zeichens erschliesst sich nicht aufgrund von mathematischen Gesetzen, sondern durch den Zusammenhang, in dem es steht (vgl. hierzu das Synergetik-Kapitel weiter unten).
Es wird eine Zirkularität postuliert: zwischen dem Ganzen und dem Detail aber auch zwischen Erkenntnisobjekt und Erkenntnissubjekt. Diese Interpretationen sind zudem geschichtlich bedingt, wie Gadamer (1960) lehrt. Wie in einem Zerrspiegel (geschichtlich-sprachliche Deutungsmuster) nehmen wir die Umwelt und uns selbst wahr. Gemäss Gadamer können wir aber durchaus unsere Grenzen des Erkennens im Austausch mit dem Erkenntnisgegenstand schrittweise erweitern - ohne dass aber jemals eine geschichtslose, „objektive“ (wie sie der Positivismus postuliert) Erkenntnis erreichbar wäre.

Die Abbildung rechts (aus Legewie/Ehlers 1992 S.18) stellt die beiden grundsätzlichen Formen von Wissenschaftsauffassung einander gegenüber:
Quellen:
Frauchiger, M. (1998). Wissenschaftstheoretische Ueberlegungen zu Metatheorien in der Psychotherapie. Online: http://www.psychotherapeut-bern.ch/metatheorie.htm
Legewie, Heiner, Ehlers, Wolfram (1992). Knaurs moderne Psychologie. .........: Knaur.

Grundlagenforschung, Alltagspraxis, Generic, Model, Psychotherapy, Orlinsky, Howard, Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Noch kürzer formuliert kann die Gegenüberstellung der beiden Paradigmen so bezeichnet werden:
- Nomothetik als Regulationsdimension (y-Achse): Naturwissenschaften inkl. Medizin und Psychiatrie

Hierher gehören nebst der Quantifizierbarkeit (Popper 1972) auch Begriffe wie u.a. Struktur, Ordnung, Präzision, Messung, Maschinenmodell und Autorität, vgl. Kapitel 2-4 in diesem Buch

- Idiographik als Relationale Dimension (x-Achse): Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften
Hierher gehören nebst dem Qualitativen Paradigma (Thomas Kuhn 1976) auch Prozess, Dynamik, Intuition, Resonanz, Relation, Dialog und Demokratie etc., vgl. Kapitel 5-9.


Ein dialektisches Koordinatensystem

Obige Ausführungen ergeben in einer Gegenüberstellung der zwei zunächst unversöhnlich erscheinenden Philosophien des Erklärens bzw. des Verstehens die Darstellung eines Koordinatensystems, bestehend aus zwei sich dialektisch überkreuzenden Dimensionen bzw. Achsen:

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Die 'Dialektische Methode'

Um die Themenbereiche weiter abzustecken und eine vertiefte Einordnung im oben beschriebenen Sinne konkreter vorzunehmen, werde ich mithilfe teilweise sehr langen Zitaten - eine Vorgehensweise wie ich sie durch das ganze Buch hindurch verwenden werde - einzelne Wissenschaftsgebiete abzustecken, auch um zu unterstreichen, dass ich "auf Schultern von Riesen stehend", die 'Welt' nicht neu erfinde, sondern lediglich 'neu' ordne und Schneisen durch den Urwald der Theorien und Konzepte schlage um so hoffentlich auch den PraktikerInnen unter uns zwar "einfache aber nicht simple" (vgl. z.B. Rufer 2012) Werkzeuge ("Tools" wie es heute neudeutsch heisst) an und in die Hand zu geben.

Somit bekommt der Leser/die Leserin von Anfang an einen Ueberblick und gleichzeitig zwei durch dieses Buch pendelnde Antagonismen (die 'Dialektik' wird im nächsten Kapitel begründet) vorgestellt, sichtbar an den geraden vs. ungeraden Kapitelthemen oder, wie ich es nennen möchte ein "Dialektisches Koordinatensystem" (s.o.) mit den Achsen "Struktur vs. Dynamik" bzw. "Regulation vs. Relation" um den weiteren Ausführungen zu meiner eigenen Narzissmus- bzw. Selbst-Konzeption besser folgen zu können.

Antagonismen: Bipolare und dialektische Positionen und Haltungen

Die hier zu entwickelnde 'Psychotherapie-Wissenschaft' (s.u.) will deshalb Natur- und Geisteswissenschaft wieder in ein Gleichgewicht bringen und setzt deshalb besonders auf qualitative Methoden und eine philosophische Fundierung ihrer Theorie (vgl. Fischer 2007 S.17).
Es geht weniger um eine reine Methodenkritik wie z.B. bei Paul Feyerabend, als vielmehr um das Selbstverständnis der Psychologie als Wissenschaft überhaupt (sog. 'Psychotherapie-Wissenschaft' wie es die 'Schweizer Charta für Psychotherapie' nennt, vertiefend in Kap. 10). Wo die Naturwissenschaften messen, zählen, wiegen (quantitative Methoden) und „beweisen“, da können die Geisteswissenschaften hinschauen, beschreiben, deuten und „verstehen“ (Qualitative Methoden, z.B. Ruffing 2005). Es ist letztlich die Unterscheidung von ganzheitlichem Nachvollzug auf der einen Seite und analytisch-reduktionistischem Vorgehen auf der anderen Seite. Quellen:
Danner, H. (2006 [orig.1979]). Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik. München: Reinhardt
Delmonte Lovric, Damir (2010). Kausale Psychotherapie nach Gottfried Fischer. Online: www.kausalepsychotherapie.de [zuletzt abgerufen am 19.Okt.2016]
Fischer, Gottfried (1989). Dialektik der Veränderung in Psychoanalyse und Psychotherapie. Modell, Theorie und systematische Fallstudie. Heidelberg: Asanger.
Fischer, Gottfried (2005). Konflikt, Paradox und Widerspruch. Für eine dialektische Psychoanalyse. Völlig neu bearb. u. erw. Ausg. Heidelberg: Asanger.
Fischer, Gottfried (2007). Kausale Psychotherapie - Aetiologieorientierte Behandlung psychotraumatischer und neurotischer Störungen. Heidelberg: Asanger.
Fischer, G., Klein B. (1997). Psychotherapieforschung – Forschungsepochen, Zukunftsperspektiven und Umrisse eines dynamisch-behavioralen Verfahrens. In: Hildemann, K.D., Potthoff, P. (Hrsg.). Psychotherapieforschung – Quo vadis. Ziele, Effektivität und Kosten in Psychiatrie und Psychosomatik. Göttingen: Hogrefe. S.17-35.
Gadamer, H.G. (1977). Vom Zirkel des Verstehens. In: ders. (Hrsg.): Kleine Schriften. Bd. 4. Tübingen. S.54-61.
Grawe, Klaus (2000). Psychologische Therapie. 2.korr.Aufl. Göttingen, Bern: Hogrefe.
Hegel, G.F.W. (1988). Phänomenologie des Geistes. Neu hrsg. v. Hans-Friedrich Wessels, u. a. Hamburg: Meiner.
Hegel, G.F.W. (1969). Werke in zwanzig Bänden. Bde. 5 und 6: Wissenschaft der Logik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Kesselring, Thomas (1981). Entwicklung und Widerspruch. Ein Vergleich zwischen Piagets genetischer Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Kopp, B., Mandl, H. (2006). Wissensschemata. In: Mandl, Heinz, Friedrich, Helmut F. (Hrsg.): Handbuch Lernstrategien. Göttingen u.a.: Hogrefe. S.307-324.
Kutter, P. (2000). Moderne Psychoanalyse. Eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse. 3., völlig überarb. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
Landis, E.A. (2001). Die Logik der Krankheitsbilder. Gießen: Psychosozial.
Lang, H. (1993): Hermeneutik und psychoanalytische Therapie. In: Tress, Wolfgang, Nagel, Stefan (Hrsg.): Psychoanalyse und Philosophie: eine Begegnung. Heidelberg: Asanger. S.12-20.
Lovric, Damir (2009). Multimediale Visualisierung als Werkzeug moderner Wissenskommunikation - Der Einfluss systematisierender externer Repräsentationsformen auf Lernleistung und Lernemotion im Fach Klinische Psychologie. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades Dr. phil. an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln
Mertens, Wolfgang (2005). Psychoanalyse. Grundlagen, Behandlungstechnik und angewandte Psychoanalyse. 6.,vollst.überarb.Neuaufl. Stuttgart: Kohlhammer.
Mittelstrass, J. (2005 Hrsg). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band II. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
Mittelstrass, J. (2005 Hrsg). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band III. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
Mittelstrass, J. (2005 Hrsg). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band IV. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
Orlinsky, D.E., Howard, K.J. (1986). Process and outcome in psychotherapy. In: Garfield, S.L., Bergin, A.E. (Eds.). Handbook of psychotherapy and behavior change. 3rd ed. New York: Wiley. S.311-384.
Piaget, Jean (1992). Psychologie der Intelligenz. 3.Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
Pine, F. (1990). Die vier Psychologien der Psychoanalyse und ihre Bedeutung für die Praxis. In: Forum der Psychoanalyse 6. S.232-249.
Plessner, H. (1976). Die Frage nach der Conditio humana. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Prechtl, P., Burkhard, F.P. (1999 Hrsg.). Metzler Philosophielexikon. Begriffe und Definitionen. 2.aktual. u.erw.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
Riegel, K.F. (1980). Grundlagen der dialektischen Psychologie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Ruffing, R. (2005). Einführung in die Geschichte der Philosophie. München: W. Fink.
Schweizer Charta für Psychotherapie (2017). 'Psychotherapie Wissenschaften' PTW. Unveröff. Manuskript



In neuerer Zeit findet sich dieses "Fadenkreuz" der beiden sich ergänzenden "Welten" u.a. wieder bei Gödde und Buchholz (2012) in ihrem monumentalen Zweibänder "Der Besen mit dem die Hexe fliegt - Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten", auf 1354 Seiten...:
Der Besen entpricht im metaphorischen Bild der beiden renommierten Professoren dem nomothetischen, quantitativ-messenden Zugang zu den Phänomenen, welche v.a. die universitäre, Steuergeld-alimentierte Forschung untersucht, währenddem die Hexe (an Freuds "Hexe Metapsychologie" erinnernd) als Symbolbild für die idiografischen, qualitativ-hermeneutischen Zugänge steht bzw. fliegt, im Sinne von lebendig-sinnlichem, erspürenden, in Resonanz (Kap. 8) und Relation (Kap. 6) stehenden Forschens und In-der-Welt-Seins.

Eine Synthese dieser beiden in einem dialektischem Verhälnis stehenden Zugänge liest sich in der Metaphern-Sprache von Buchholz und Gödde so:
Gödde und Buchholz beschreiben meine hier auch von mir und bereits im Artikel "Anmerkungen zu den Metatheorien" von 1997 vertretenen Thesen so treffend und sprachlich elegant, dass ich mir erlaube ein paar längere Auszüge (mit eigenen Hervorhebungen und Zwischentiteln) aus diesem m.E. unterschätzten und leider wenig beachteten interdisziplinären Werk wiederzugeben:

'Gestaltsehen' und Paradigmenwechsel

Die wissenschaftliche Psychologie

"Sie bewegte sich einerseits in der Polarität zwischen einer Psychologie des Bewussten und des Unbewussten, andererseits in der Polarität zwischen einer naturwissenschaftlich-nomothetisch-obiektivierend-erklärenden und einer geisteswissenschaftlich-idiographisch-subjektivierend-verstehenden Wissenschaftsauffassung. Auch in der Psychologie kam demnach das viel diskutierte Problem der »Zwei Kulturen« (Snow 1967, Kreuzer 1987, Wuchterl 1997, Kap.4), der naturwissenschaftlich-technischen und der geisteswissenschaftlich­humanistischen Kultur, voll zum Tragen. Erst viel später entdeckte man die Dimension der Sozialität.
Die naturwissenschaftlich-szientifische Forschungsrichtung hat in der Psychologie mit einem Basisproblem zu ringen, das man als Dekontextualisierung ihres Forschungsgegenstandes bezeichnen kann. Für experimentelles Vorgehen ist es notwendig, komplexe Sachverhalte in analytische Einheiten aufzuteilen und zu diesem Zweck weitgehend auf die Berücksichtigung des konkreten Kontextes zu verzichten. Aber nicht nur vom Kontext, sondern auch »in einer überaus einschneidenden Weise vom erlebenden Subjekt« wird abstrahiert (Jüttemann 2010 S.14). Wurde der Forschungsgegenstand - Menschen in ihrer Lebendigkeit, Subjektivität und Sozialität - entsprechend dieser »Abstraktionen« eingeengt, so räumte man nach und nach der Forschungsmethode Priorität ein. Jede Methode schafft einen »unmarked space« dessen, was ihr entgeht. Sie schließt aus, was sie nicht erfasst und missversteht das von ihr Eingeschlossene als das Ganze dessen, was es zu wissen gibt. Der »Wiedereinschluss« des so Ausgeschlossenen kann nur durch andere Methoden komplementiert werden.
Diese Einsicht, analog zum demokratischen Prinzip der Gewaltenteilung, hat sich in der Psychologie noch keineswegs durchgesetzt" (Goedde/Buchholz 2012 Band I S.21-22).

Der 'Siegeszug' des Empirismus und des Positivismus

Zunehmende Selbstkritik aus dem Lager des RCT-Paradigmas

Quellen:
Buchholz, Michael B. (2000). Effizienz oder Qualität? Was in Zukunft gesichert werden soll. In: Forum der Psychoanalyse 16, S. 59-80.
Buchholz, MB, Gödde, Günter (2006 Hrsg). Das Unbewusste - Band III: Das Unbewusste in der Praxis. Giessen: Psychosozial.
Caspar, Franz (2011). Editorial: Hat sich der störungsspezifische Ansatz in der Psychotherapie »zu Tode gesiegt«? In: Psychother. Psychosom. med. Psychol. 61, S.199.
Fischer, G., Möller, H. (2006). Psychodynamische Psychologie und Psychotherapie im Studiengang Psychologie. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft. Kröning: Asanger.
Fleck, Ludwig (1935). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache - Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980.
Gödde, Günter, Buchholz, Michael B. (2012 Hrsg). Der Besen, mit dem die Hexe fliegt - Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten. Band I: Psychologie als Wissenschaft der Komplementarität. Giessen: Psychosozial.
Hacking, Ian (1983). Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Stuttgart: Reclam 1996.
Jüttemann, G., Mack, W. (2010 Hrsg). Konkrete Psychologie - Die Gestaltungsanalyse der Handlungswelt. Lengerich: Pabst.
Kuhn, Thomas (1962). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1976
Rath, N. (2010). Vom Wandern in Seelenlandschaften. In: Jüttemann&Mack (2010) S.109-123.
Rheinberger, HJ (2007). Historische Epistemologie zur Einführung. Hamburg: Junius.
Walach, H. (2009). Psychologie - Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Ein Lehrbuch. 2.aktual.Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.
Wampold, B. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods and Findings. Mahwah, NJ/London: Lawrence Erlbaum Asssociates.

Auf die Erweiterung des Buchholz/Gödde'schen "Fadenkreuzes" auf die zwei Dimensionen des Unbewussten komme ich in Kapitel 6 (Relation) noch ausführlicher zu sprechen.



Die drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit: Kopernikus, Darwin und Freud

Eine kollektive Kränkungsgeschichte

Den historischen Ausgangspunkt für dieses Unterkapitel, wo es nun erstmals um den Narzissmus im engeren Sinne [vertieft in Kap.2] gehen soll, bilden drei aufeinander aufbauende, bahnbrechende Entdeckungen, welche gesamtgesellschaftliche, kollektive kränkende Wirkungen zur Folge hatten (vgl. u.a. Freud 1917, Laplanche 1996, Haller 2015 u.v.m., s.u.):
  • Heliozentrisches Weltbild (Kopernikus u.a., 16. Jahrhundert)

  • Evolutionstheorie (Charles Darwin, 19. Jahrhundert)

  • Psychoanalyse (Sigmund Freud, 20. Jahrhundert)

Sigmund Freud schrieb in »Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse« (1917) über die drei genannten Kränkungen: Kränkungen, Grundlagenforschung, Alltagspraxis, Psychotherapy, Legewie, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Weiterführendes:
Carnap, Rudolf (1932). Psychologie in physikalischer Sprache. In: Erkenntnis 3, S.107-142 (dort S.109f.).
Freud, Sigmund (1917). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Bd.V, S.1–7.
Freud, Sigmund (1917). 18. Vorlesung: Die Fixierung an das Trauma, das Unbewusste. In: Ders.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse.
Guwak, Barbara, Strolz, Matthias (2012). Die vierte Kränkung: Wie wir uns in einer chaotischen Welt zurechtfinden. Wien: Goldegg.
Haller, Reinhard (2015). Die Macht der Kränkung. Salzburg: Ecowin.
Klingholz, Reiner (201x). Sklaven des Wachstums. Die Geschichte einer Befreiung. Campus.
Klingholz, Reiner (2014). Das Ende des Wachstums ist näher, als wir denken. Lernt das Schrumpfen zu lieben! The Huffington Post, 29. März.
Kösch, Sascha (2014). Die vierte Kränkung der Menschheit. In: http://www.de-bug.de.
Kraiker, Christoph (1994). The story of the three blows. In: Hypnos. XXI, Nr.3, S.176–180 (deutsche Version: Die Geschichte von den drei Kränkungen).
Laplanche, Jean (1996). Die unvollendete kopernikanische Revolution. Frankfurt: Suhrkamp.
Lobo, Sascha (2014). Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen. Frankfurt: FAZ-Online.
Lüttke, Mirko (2012). Die Kränkung des Menschen - Die Naturwissenschaften und das Ende des antik-mittelalterlichen Weltbildes. Würzburg: Königshausen und Neumann.
Pauen, Michael (2007). Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. München: Deutsche Verlags-Anstalt.
Schrader, Christopher (2006). Die Kränkungen der Menschheit. In: Süddeutsche Zeitung. 6./7. Mai, S.22
Vollmer, Gerhard (1994). Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen. Gehirn, Evolution und Menschenbild. In: Aufklärung und Kritik 1, S.81ff.

Sigmund Freud hat die Psychoanalyse also als die dritte grosse Zumutung für das menschliche Selbstbewusstsein angesehen: durch Darwin in der Frage der Abstammung, durch Kopernikus in der Frage nach der Stellung im All desillusioniert, wurden durch die Entdeckung des Unbewussten (Freud) das menschliche Bewusstsein und die Souveränität des Ichs entthront.
Die Psychoanalyse reiht sich ein in die grossen Denkansätze des 20. Jahrhunderts, welche die jenseits der eigenen menschlichen Intention liegenden Bedingungen und Ordnungen des menschlichen Lebens herausarbeiten: seien es nun die vorsubjektiven Strukturen im Strukturalismus (Claude Lévi-Strauss, Jacques Lacan, Roland Barthes, Paul Ricoeur, Anthony Giddens), die vor aller Reflexion liegenden Weisen des In-der-Welt-seins in der Existenzialphilosophie (v.a. Jean-Paul Sartre, Albert Camus), die gesellschaftlichen Diskurse, die sich in das Denken des Individuums einschreiben, in der Diskursanalyse (v.a. Foucault und Habermas), oder den Vorrang des Gesprächs vor dem individuellen Denken in der Hermeneutik (Dilthey, Heidegger, Gadamer u.a.).

Die Psychoanalyse untersucht unbewusste Motivationen, wie sie sich je eigenwillig zusammensetzen aus den natürlichen, d.h. biologischen, Anlagen, insbesondere der Triebnatur, den (Un-)Verfügbarkeiten frühester Lebenserfahrungen und den auf beide antwortenden Phantasiebildungen (Neurosen, aber auch Träume).

Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

Weil für meine eigene tägliche Arbeit als Psychotherapeut in freier Praxis in Bern die klassische Psychoanalyse nach Freud sowie die strukturale Psychoanalyse nach Lacan die Hauptgrundlagen sind, möchte ich im folgenden die Konzepte und Methoden des "Entdeckers" der Psychoanalyse, Sigmund Freud (es gab "Vorgänger im Geiste", wie Nietzsche, Schopenhauer, Breuer, Charcot, Janet u.a.) beschreiben, bevor wir dann in Kapitel 2 zur Beschreibung diverser und auch meines eigenen Narzissmus-Konzepts kommen:

Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856-1939) begründet. Freud, in armen Verhältnissen in der Provinz aufgewachsen, hat sich im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Psychiater und Psychotherapeuten hochgearbeitet; dies, nachdem er eine universitäre Karriere aufgrund seiner jüdischen Herkunft (!) hatte aufgeben müssen. Diese "Degradierung" (aus Sicht der oberen Gesellschaftsschicht) vom Forscher zum Praktiker hat sich in der Folge aber als fruchtbar erwiesen. Die Psychoanalyse wäre im Elfenbeinturm der Universität kaum entdeckt und kreativ weiterentwickelt worden. Hier zeigt sich ein erstes Mal die Notwendigkeit einer Verschränkung von Theorie und Praxis.

Nachdem Freud in den 1890er Jahren in Ermangelung etwas Besseren, zusammen mit seinem väterlichen Freund Josef Breuer, v.a. mit Hypnose gearbeitet hatte (sehr spannend: Studien über Hysterie, 1895), kam er zum bahnbrechenden Schluss, dass dieselben Gedächtnis-Inhalte (sog. "Material") auch bei vollem Bewusstsein hervorzuholen sein müssten und er erfand die Methode der "Freien Assoziation". Erst dadurch konnte das in der Therapiesitzung Erkannte (damals noch oft durch relativ autoritäre Deutungen des Analytikers, heute meist gemeinsam und partnerschaftlich mit dem Klienten zusammen), auch in den Alltag der PatientInnen transferiert werden.

Von 1895-1905 arbeitete Freud die Psychoanalyse zu einer geschlossenen Theorie aus. 1897: Oedipus-Komplex, 1900: Traumdeutung, 1901: Fehlleistungen, 1905: Sexualtheorie.
Da ich an dieser Stelle nur auf ausgewählte Themen näher eingehen kann, sei auf ein ausführliches Literaturverzeichnis mit Buchtitel-Abbildungen etc. verwiesen: www.psychotherapeut-bern.ch/literatur.htm.

(..........)

Die erste Topik: Bewusst, Unbewusst, Vorbewusst

Freud gliedert das psychische Erleben in die Bereiche Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstsein. Grosse Bedeutung kommt auch den Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Projektion etc. zu, die in der frühen Kindheit gegen bedrohliche Erlebnisinhalte aufgebaut werden.
Ziel der Psychoanalytischen Behandlung ist es, Einschränkungen im Erleben der/s PatientIn dadurch zu beheben, dass Unbewusstes bewusst gemacht wird. Dies geschieht vor allem durch die "freie Assoziation" (alles, was der/m KlientIn in den Sinn kommt, soll geäussert werden) und durch die Analyse der auftauchenden Uebertragungsphänomene.
Die/der AnalytikerIn bewahrt eine "gleich schwebende Aufmerksamkeit", d.h., er nimmt alle vorgebrachten Aeusserungen möglichst selektionsfrei, unvoreingenommen und nicht wertend wahr und hilft, diese durch Deutung ihres verborgenen Sinnes zu entschlüsseln. Zudem hält sich die/der AnalytikerIn hinsichtlich persönlicher Aeusserungen weitgehend zurück ("Abstinenz"), um die Uebertragung, d.h. die Verschiebung von Gefühlen, Einstellungen und Verhaltensweisen der/des AnalysandIn gegenüber früheren Bezugspersonen auf die/den TherapeutIn zu fördern.

Setting: 3 bis 5 mal wöchentlich, oft über mehrere Jahre. Um das freie Assoziieren zu erleichtern, liegt die/der KlientIn auf der Couch, die/der AnalytikerIn sitzt für ihn nicht sichtbar am Kopfende (zitiert nach: Paul Gumhalter, Beatrix Teichmann-Wirth, Martin Voracek und Gerhard Stumm).

Lebenslang steht diesem freudschen Modell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mässigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit.

Im 7. Kapitel, Abschnitt F seines Hauptwerkes (provozierend, weil irreführend, "Die Traumdeutung" (1899) genannt), beschreibt Freud ein erstes Mal drei wichtige Bewusstseinszustände des Menschen, als sog. "erste Topik" bekannt geworden:

- Bewusst = wach, klar, sofort und jederzeit beschreibbar
- Vorbewusst = bewusstseinsfähig, nur mittels tiefenpsychologischer Methoden zu erkennen
- Unbewusst, inkl. verdrängt, nur mittels psychoanalytischer Methoden zu erkennen

Der aus dieser Dreigliederung abgeleitete wichtigste Abwehrmechanismus (s.u.) ist die Verdrängung (von ehemals Bewusstem ins Unbewusste "hinunter").

Die zweite Topik: Das Strukturmodell oder "Wo Es war, soll Ich werden"

Zweite Topik - Integrationsmodell - Freud - 1932
Da Sigmund Freud, wie erwähnt, seine Konzepte einerseits aus der praktischen Arbeit gewann, andererseits diese auch wieder anhand konkreter Begebenheiten immer wieder überprüfte (vgl. auch Prof. Klaus Grawes (!) Forschungszyklus, beschrieben in Frauchiger, 1997, Wirkfaktoren der Psychotherapie), modifizerte er seine Theorie des Unbewussten allmählich und es entstand folgendes, zweites Schichtenmodell (sog. zweite Topik (1923) oder Instanzenlehre):

- ICH: bewusstseinsfähige Werkzeuge wie Sprache, Rechnen, Feinmotorik
- ES: unbewusste, lebenswichtige Antriebe des Menschen (v.a. Sexualität, Aggression, später: Todestrieb)
- Ueber-ICH (Ich-Ideal): von den Eltern bzw. Gesellschaft unbewusst übernommene Normen

Beide Modelle kombiniert (er hat die erste Topik nie aufgegeben!), ergeben folgendes Bild:

(...............)

ICH-IDEAL

[englisch: ego ideal, französisch: ideal du moi.]
Freud benuzte den Ausdruck Ich-Ideal, um den Bezugsrahmen des Ich [s.o.] näher zu bezeichnen. Das Ich-Ideal ist dabei gleichzeitig als Ersatz für den aufgegebenen kindlichen Narzissmus (Idealisierung des Ich) zu verstehen und als Identifikation mit den Eltern sowie deren sozialem Bezugssystem.
Der Begriff Ich-Ideal ist ein wesentlicher Bezugspunkt in der Entwicklung des Freud'schen Denkens vom Beginn der Ueberarbeitungen des ersten topischen Modells [s.o.] an bis zur Einführung des Ueber-Ich (ebenda) im zweiten topischen Modell (Strukturtheorie, s. Ausführungen zu Topik I und II in Kap. 1).
Die Dimension eines Ideals als Bezugspunkt des Ich taucht bei Freud 1914 in "Zur Einführung des Narzissmus" auf (vgl. Kap. 2).

Strukturmodelle der Persönlichkeit in der Zeit nach Freud

Freud selber hat noch nicht klar differenziert zwischen Ich und Selbst (s.u.) und nur wenig zwischen Ueber-Ich und dem Duo Ich-Ideal und Ideal-Ich.
Die Selbstkonzepte, deren modernere Varianten wir im 6. und 8. Kapitel besprechen werden, kamen erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts richtig auf (für unser Thema wichtig v.a. Karen Horney und Donald Winnicott) und gipfelten in der Selbstpsychologie Kohuts: In dieser Arbeit hier verwende ich (wo nicht anders angegeben) den Begriff des Selbst in exakt derselben Weise wie Perner: als Uebersetzung des 'JE' bei Lacan und somit als das sog. 'echte', das 'wahre Selbst' bei Winnicott und Horney - vgl. kritisch hierzu die Selbstkonzepte von u.a. Gergen und Tschacher in Kap. 6, 8+10 sowie meine eigene Konzeption.

Als nächstes möchte ich kurz einführen in die Ueber-Ich-Differenzierung in Ich-Ideal bzw. Ideal-Ich einerseits und in die Erweiterung Freuds erster Topik in die drei Register Imaginäres, Symbolisches und Reales im französischen Strukturalismus Lacans anderseits:

'Ich-Ideal' und 'Ideal-Ich' bei Jacques Lacan und Peter V. Zima

Es ist mir ein grosses Anliegen, fächerübergreifend zu argumentieren und so aufzuzeigen, dass das schillernde Phänomen des Narzissmus in fast allen Wissenschaftsgebieten vorkommt und in Kombination derselben zu spannenden und aktuellen Konzeptionen führt.
Der Literaturwissenschaftler Peter V. Zima von der Universität Klagenfurt hat eine m.E. sehr wichtige und leider wenig beachtete Unterscheidungen der beiden hier zur Diskussion stehenden Aspekte des Freudschen Ueber-Ichs, also des 'Ich-Ideals' einerseits und des 'Ideal-Ichs' andererseits vorgelegt bzw. an die 'Postmoderne' (s.u.) angepasst: Def. Ichideal: "Eine Instanz der Persönlichkeit, die aus der Konvergenz des Narzissmus (Idealisierung des Ichs) und den Identifizierungen mit den Eltern, ihren Substituten und den kollektiven Idealen entsteht. Als gesonderte Instanz stellt das Ichideal ein Vorbild dar, an das da Subjekt sich anzugleichen sucht." (Laplanche/Pontalis 1986 S.202f)
Im Gegensatz zum Ichideal ist das Idealich kein gesellschaftliches, kein kollektives Ideal, das aus dem sozialen Wertsystem hervorgeht. Laplanche und Pontalis definieren es wie folgt:

Def. Idealich: "Eine intrapsychische Bildung, die manche Autoren, sie vom Ichideal unterscheidend, als ein Ideal narzisstischer Allmacht definieren, das nach dem Vorbild des infantilen Narzissmus geprägt ist." (Laplanche/Pontalis 1986 S.217)

Peter V. Zima verknüpft diese allgemein anerkannten Definitionen aus dem 'Vokabular der Psychoanalyse' (gewissermassen das 'Grundgesetz' bzw. die 'Verfassung' der Psychoanalyse) mit ausserhalb des Mainstreams liegenden Konzepten des Selbstpsychologen Heinz Kohut:

Die vier Grundannahmen der Lacanschen Theorie

Weil Jacques Lacan's Neuinterpretation der Freudschen Psychoanalyse durch das ganze Buch hindurch als Leittheorie dient, hier eine kurze Zusammenschau der wesentlichen Positionen (aus dem Online-Lexikon 'Wikipedia') mit den Verweisen auf die entsprechenden Kapitel wo diese Konzepte vertieft dargestellt werden:
Lacans Theorie lässt sich vereinfacht in vier Grundannahmen zusammenfassen:
  • Das Ich entwickelt sich im Spiegelstadium, welches die grundlegende Matrix der Subjektivität bildet, vgl. Kap.2: Entwicklung und 3: Narzissmus.
  • Das Subjekt ist ein Sprachwesen, das heisst durch die symbolische Ordnung der Sprache geprägt: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“, vgl. Kap. 2, 6: Relation und 8: Resonanz
  • Das Subjekt ist ein begehrendes Subjekt. Da das Objekt des Begehrens (Objekt klein a) immer schon verloren ist, ist es ein grundsätzlicher Mangel, der das Begehren des Menschen aufrechterhält, s.o.: Freud.
  • Die menschliche Psyche konstituiert sich in der unauflösbaren Trias 'Imaginäres – Symbolisches – Reales' (RSI), s.u.: Die drei Register.

    Jacques Lacan kritisierte die Ich-Psychologie, als er das zweite Freud'sche topische Modell (s.o.) neu interpretierte. Er führte unter anderem in die Freudsche Theorie ein nicht-phänomenologisch definiertes Subjekt ein, das es ihm erlaubte, anstatt ein "ego" vom "self" ein "je" von einem "moi" [i.e. die beiden verschiedenen Ich-Formen des Französischen] zu unterscheiden und auf diese Weise ein "sujet representé" zu definieren, das durch einen Signifikanten dargestellt wird: a [klein a]. Diese strukturalistische Sichtweise Lacans wird im Kapitel 2 zum Narzissmus vertieft und zu einer tragenden Säule meines eigenen Konzeptes ausgebaut.

    Quellen:
    Kohut, Heinz (1973). Narzissmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, hier: S. 130.
    Laplanche, J., Pontalis, J.B. (1986, 7.Aufl.). Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt: Suhrkamp, hier: S.202-203 und S.217
    Zima, Peter V. (20xy). Subjektivität und Identität in der Postmoderne - Narzissmus zwischen Ichideal und Idealich

    Die drei Register 'Imaginäres, Symbolisches und Reales' im französischen Strukturalismus Jacques Lacans

    Der Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981) gilt als bedeutendster Vertreter der Psychoanalyse im Frankreich des 20. Jahrhunderts. Die von ihm gegründete École Freudienne de Paris war zeitweise die einflussreichste und mitgliederstärkste psychoanalytische Organisation Frankreichs, und seine Seminare bildeten in den 50er und 60er Jahren einen bedeutenden Anziehungspunkt der Pariser Intelligenz. Lacans wichtigste theoretische Leistung ist die Neuinterpretation des Freud’schen Werkes im Licht der strukturalistischen Linguistik, was ihn zugleich zu einem wichtigen Ideengeber des Poststrukturalismus macht. Ausserhalb der psychoanalytischen Praxis wird er vor allem in den Kulturwissenschaften rezipiert, wo zentrale Elemente seines Denkens die Funktion eines konzeptionellen Rahmens für Medien-, Literatur- und Kulturtheorien einnehmen, am prominentesten bei dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, von dem auch noch die Rede sein wird.
    Lacan, Reales, Symbolisches, Imaginäres, real, symbolisch, imaginär, Knoten, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Eines der wichtigsten Konzepte Lacans ist seine Theorie der drei ›Register‹ des Psychischen – des Realen, des Imaginären und des Symbolischen. Lacan denkt diese drei Bereiche als triadische Struktur, wechselseitig aufeinander bezogen und unauflöslich miteinander verwoben wie in einem Borromäischen Knoten, vgl. Abbildung rechts.
  • Der Begriff des Symbolischen verweist auf die makrosoziale Ordnung der Sprache und der sozialen Codes, des Diskurses, die Institutionen des Gesetzes und der Autorität. Als System von Signifikanten stiftet die ›symbolische Ordnung‹ sinnhafte Bedeutungen und bildet damit die Grundlage der intersubjektiven Wirklichkeit: Erst das Symbolische macht die Welt lesbar und sagbar. So ist das Symbolische einerseits einschränkend und reglementierend (Lacan spricht sogar von einer ›symbolischen Kastration‹ des Subjekts), andererseits aber auch befreiend, sofern es dem Subjekt überhaupt erst ermöglicht, sich zu artikulieren und eine Sprechposition zu beziehen. Der Geltungsbereich dieser symbolischen Ordnung erstreckt sich bis in den Bereich des Unbewussten: »Das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache« (Lacan 1964 S.26).
  • Im Gegensatz zur sprachlich strukturierten Ordnung des Symbolischen ist das Imaginäre ein eher mikrosozial konnotierter Begriff, der auf die Interaktion des Subjekts mit seinen inneren Bildern verweist. Das Imaginäre ist der Ort, an dem zwei Menschen sich begegnen, sich sehen, sich ein Bild voneinander machen und einander begehren; es ist aber auch jener Ort, an dem ein einzelner Mensch sich selbst begegnet und seine ›Ich-Funktion‹ wahrnimmt, die in der Entwicklungsphase des ›Spiegelstadiums‹ (6. bis 18. Lebensmonat, vgl. Kap. 4) ausgebildet wird. Zum Imaginären gehört dabei immer auch eine Dimension der Täuschung und der Verkennung.
  • Während die alltägliche Lebenswelt vor allem durch das Symbolische und das Imaginäre strukturiert wird, verweist der Begriff des Realen auf »das, was weder symbolisch noch imaginär ist« (Widmer 1990/1997: 58), also dasjenige, was sich der Symbolisierung ebenso entzieht wie der Imagination. Oftmals verknüpft mit den ›absurden‹ Dimensionen von Grenzsituationen wie Sexualität, Tod und Gewalt, trägt es traumatische Züge, indem es auf die Abwesenheit und den Zusammenbruch von Sinn verweist. Die Instanz des Realen erscheint vor allem negativ im Aufklaffen des Risses zwischen Zeichen und Bezeichnetem, im »Gleiten des Signifikats unter dem Signifikanten« (Lacan 1957: 36); eben darum ist es begrifflich nur schwer zu greifen. Es bildet den wesenhaft entzogenen Ort einer stummen Präsenz des Traumatischen, die beständig unter der Oberfläche der Diskurse und der Bilder lauert und einzubrechen droht.
    Quelle: Strehle, S. (2012). Zur Aktualität von Jean Baudrillard. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.89-90
    Weiterführende Literatur: Weber 1978, Widmer 1990/1997, Zizek 1991.

    Es lassen sich also folgende drei Ebenen von Realität differenzieren:
    1. die Ebene des Realen: faktisch beobachtbarer, „greifbarer“ Wirklichkeit, die natürlich in den Dingen der Welt gegeben ist (Wallner 1990) bzw. vom Menschen hergestellter Realität
    2. die Ebene des Imaginären: gedankliche bzw. vorstellungsmäßige, oft visuelle Repräsentation abwesender – in Vergangenheit, Zukunft oder an anderem Ort liegender, also imaginierter – Realität bzw. Wirklichkeit
    3. die Ebene des Symbolischen: symbolisch verdichtete und übergreifend kontextualisierte. meist sprachliche, d.h. mit Bedeutungen versehene Realität bzw. Wirklichkeit.

    Zur weiteren Unterscheidung und Definition von Wirklichkeit bzw. Realität vgl. den Abschnitt zu Gernot Böhme ('Was ist ein Bild') in Kapitel 2.
    Durch die beiden Medien des Imaginären und des Symbolischen wird das Subjekt zu einem doppelt repräsentierten Subjekt und seine Umwelt zu einer doppelt repräsentierten Umwelt.
    Aus dem Lacanschen Kategoriensystem R-S-I, das sich an die zwei Freudschen topologischen Modelle des psychischen Apparats anschließt, ergibt sich auch die Grundlage für eine psychoanalytische Medientheorie (siehe v.a. Kap. 7), welche Neues und Wesentliches zum Gegenstandsbereich der sogenannten angewandten Psychoanalyse, insbesondere für kultur- und kunsttheoretische Fragen beigetragen hat. Allerdings bilden auch die drei Register Real-Symbolisch-Imaginär ein topologisches Modell, das als Versuch einer Topologie des psychischen Seins von Lacan als sogenannter Borromäischer Knoten dargestellt wird. Dabei handelt es sich um drei Ringe, die in einem Knoten so miteinander verbunden sind, daß die Herauslösung eines Ringes die ganze Verbindung auflöst (vgl. Abbildung oben rechts).

    Diese gerade skizzierte Trias von Realem, Imaginärem und Symbolischem strukturiert u.a. auch Friedrich Kittlers für die Medientheorien wegweisendes Buch "Grammophon - Film - Typewriter". Die Thematik des Visuellen, des Bildes und der Medien wird im Narzissmuskapitel (Kap. 2) von zentraler Bedeutung sein.

    Quellen:
    Kittler, Friedrich (1986). Grammophon - Film - Typewriter. Berlin.
    Ruhs, August (2010). Lacan - Eine Einführung in die strukturale Psychoanalyse. Wien: Löcker, S.10-14


    Gesellschaftskritik, Kultur- und Metapsychologie

    Es gibt noch einen "zweiten Freud". Während bisher v.a. von individuellen und innerfamiliären Vorgängen die Rede war, geht es im folgenden noch mehr um die "dunkle Seite" des Menschen, so wie sie sich offenbaren kann im Zusammenleben grösserer Gruppen, z.B. in Staaten.

    Dieses viel gescholtene Spätwerk Freuds, ist für meine psychotherapeutische Arbeit ebenso wichtig wie seine individualpsychologischen Erkenntnisse. Ziel jeder Psychotherapie sollte sein, nebst einer Verringerung der Symptome, auch eine dem Klienten angemessenere, ev. sogar verbesserte, Position in der Gesellschaft und in der Kultur zu finden:
    - Evolution und Kultur: gemäss Freud (und vor ihm auch schon Darwin) ist der Mensch, biologisch gesehen, nichts mehr als ein Säugetier "mit kulturellem Mäntelchen".
    In "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) stellt Freud die Sublimierung als einzige Lösung dar, Sexualität (s.o.) und Aggression sozialverträglich auszuleben = Kreativität = Kultur !
    Anders ausgedrückt: Kultur ist ohne Triebverzicht nicht zu haben.

    Schon viel früher schrieb er: "Unsere Kultur ist auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut. Somit bezahlt die Gesellschaft die Unterordnung ihrer Mitglieder unter ihre Sexualmoral mit einer Zunahme von psychischen Störungen" ! (1908).

    Auf die Frage nach der Zukunft der Religion hat Freud zwei Antworten parat: eine ideale, die sich auf Rationalität, Wissenschaft und Religionsentzug gründet, doch für ihn ist die Zeit für den "Primat des Intellekts" noch nicht gekommen.
    Eine zweite, realistischere Perspektive hingegen sieht er in der "Beibehaltung des religiösen Lehrsystems": Formal interessant ist hier m.E. zu bemerken, dass für Freud offenbar das Ziel ('Erhaltung unserer Kultur') die Mittel legitimiert: ein autoritär auftretender Autor mit einer "hidden agenda" sieht sich legitimert im Dienst einer guten Sache auch zu Beeinflussung und Manipulation zu greifen. Kritisch hierzu die Kapitel 5 (Esoterik und Populismus) und 9 (Demokratie vs. Totalitarismus).

    Seine Hoffnung aber gibt Freud nicht auf. Langfristig glaubt er, dass die vernunft sich gegen die Religion wird durchsetzen können. Dies formuliert er ebenfalls 1927 im folgenden inzwischen berühmt gewordenen Satz: Quelle: Freud, Sigmund (1927). Die Zukunft einer Illusion. In: Gesamtwerk GW Band XIV: Werke aus den Jahren 1925-1931

    Von Freud zu McLuhan: vom Prothesengott zu den extendierten Extremitäten

    Da ich in dieser Arbeit besonderes Augenmerk (!) auf menschliche Kulturleistungen und insbesondere auf mediengestützte, visuelle Bildgebungen legen werde, möchte ich noch aus einem weiteren sehr faszinierenden und bis heute validen Buch aus Freuds Gesamtwerk zitieren. Wir finden hier eine griffige Definition von Kultur einerseits und von Medialität (im Sinne von: "medial über sich hinauswachsend") andererseits.
    Freud, so gesehen als früher Medientheoretiker (vgl. Kap. 2), schrieb 1930 in 'Das Unbehagen in der Kultur': "Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht grossartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen"(ebenda S.450-451)
    "Man muss sich fragen, ob der menschliche Geist das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
    (Paul Valery)

    Digitalisierung: "Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt"


    Nach einem Ausflug in weitere für unser Projekt wichtige Theorien und Sichtweisen kommen wir im übernächsten Kapitel auf den kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan zu sprechen der diese Freudschen Gedanken Mitte des 20. Jahrhunderts in ganz anderem Zusammenhang wiederaufnahm und zu einer sehr aktuellen und kontroversen "Mensch-Maschine-Interaktion" ausbaute.

    Von der Moderne zur Postmoderne: Systemtheorie, Konstruktivismus und Dekonstruktion

    Auf der Zeitachse voranschreitend sollen folgende Texte, Auszüge und Zitate weitere Orientierungspunkte beschreiben im Dschungel (post-)moderner philosophischer Strömungen der letzten etwa 70 Jahre. In den weiteren Kapiteln dieses Buches werden die einzelnen Ansätze vertieft und mit Narzissmus- bzw. Selbstkonzepten verknüpft. Nun also rasch zu einem weiteren 'Schnelldurchlauf', methodisch bereits in sich ein postmodernes Vorgehen mit keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit oder Wahrheit oder Exaktheit oder ... dialektisch eben...:

    Die aus der französischen Philosophie kommende Debatte der »Postmoderne« bzw. »Posthistoire« und damit verwandte sprachphilosophische Ueberlegungen beeinflussen seit Ende der achtziger Jahre alle Wissenschaftsbereiche. Als einen Startpunkt (starting point) kann man eine Schrift von Jean François Lyotard ansehen, die 1979 erschien: »Das postmoderne Wissen«.
    Darin diagnostiziert Lyotard für das postindustrielle Zeitalter das »Ende der grossen Meta-Erzählungen«, denen heute kein Glaube mehr geschenkt werde. Zu diesen Meta-Erzählungen gehören die großen Schöpfungsmythen und die großen heilsversprechenden Zukunftsentwürfe. Lyotard sieht diese mit Wittgenstein übereinstimmend als »Sprachspiele«, wirft ihnen Anfälligkeit für Totalitarismus vor und diagnostiziert eine Zerstreuung, Heterogenisierung, Pluralisierung dieser Sprachspiele: Viele heterogene Theorien und Entwürfe existieren gleichberechtigt nebeneinander; sie lassen sich nicht mehr auf eine große, integrierende, »bessere und wahrere« Meta-Theorie zurückführen.
    Vor allem zwei Denker des französischen Poststrukturalismus haben der Postmoderne-Diskussion besondere Anstösse gegeben: Foucault und Derrida. Die Hoffnung ihrer geistigen Vorgänger, der Strukturalisten (z.B. Levi-Strauss und Jacques Lacan, s.o.) war, über das Studium unbewußter kollektiver Strukturen letztlich auf die Struktur des menschlichen Geistes zu stoßen (also noch die 'moderne' Hoffnung auf einen »großen Entwurf«!). Die Philosophie des 'Strukturalismus' (hierzu sehr zu empfehlen die beiden Bände von Dosse) beeinflußte Mitte des 20. Jahrhunderts das Denken in grossen Bereichen der Psychoanalyse, vor allem der französischen (insbesondere Jacques Lacan, s.o.: Strukturale Psychoanalyse).
    Foucault und Derrida beschäftigten sich vor allem mit der Sprache. Es interessierte sie, welche Strukturen, vor allem welche gesellschaftlichen Machtstrukturen sich hinter der Sprache und unserer Sprachverwendung verbergen und sich in der Sprache reproduzieren.
    Jacques Derrida, ein Schüler Foucaults, Philosoph und Literaturtheoretiker, setzt die Suche nach den Hintergründen dessen fort, was unsere Sicht von Wirklichkeit vorgibt und prägt. Aehnlich wie Foucault geht es ihm weniger darum, ein neues System des Wissens zu entwerfen, als vielmehr Zweifel an den herrschenden Diskursen zu wecken. Für ihn ist Verstehen mit einem Bruch des gewohnten Bezuges (z.B. mit der Vernunft) verbunden. Er vertritt eine »Strategie einschneidender Pluralisierung«. Dazu braucht es »ein neues Schreiben – eines, das mehrere Sprachen zugleich spricht und mehrere Texte zugleich hervorbringt« (zit. nach Welsch 1991 S.143). Entscheidend ist für ihn, dass der Sinn nie präsent ist, sondern immer auf verschiedene Bahnen verstreut, verschoben. Aus diesem Grund schreibt Derrida oft in einer schwer verstehbaren dichterischen, fast surrealistischen Sprache.

    Dekonstruktion als zentrale Praxis Derridas lässt sich am ehesten als eine bestimmte kritische »Haltung« gegenüber jeglichen bestehenden Beschreibungen verstehen: "bei einem klassischen philosophischen Gegensatz hat man es nicht mit der friedlichen Koexistenz eines Vis-à-Vis, sondern mit einer gewaltsamen Hierarchie zu tun. Einer der beiden Ausdrücke beherrscht den anderen, steht über ihm. Eine Dekonstruktion des Gegensatzes besteht zunächst darin, im gegebenen Augenblick die Hierarchie umzustürzen" (Derrida zit. nach Culler 1988 S.95). Der Praktiker der Dekonstruktion arbeitet zwar innerhalb eines Begriffssystems, aber mit der Absicht, es aufzubrechen, mit dem Sinn zu spielen, indem immer wieder neue Verbindungen, Korrelationen und Kontexte bereitgestellt werden. Kenneth Gergen hat einen ähnlichen Ansatz in den 90er Jahren in die Sozialpsychologie eingebracht und im Artikel "Die Konstruktion des Selbst im Zeitalter der Postmoderne" (Gergen 1990) ausgeführt. Dieser 'Soziale Konstruktionismus' Gergens wird in Kapitel 8 weiter ausgeführt.
    Der herrschende Diskurs soll durch Dekonstruktion aufgebrochen werden. In dieser Haltung steckt eine tiefe Skepsis gegenüber der dargestellten Wirklichkeit und eine ständige Bereitschaft, die vorgegebenen Konstruktionen wieder aufzulösen, eine »Politisierung dessen, was sonst als neutraler Rahmen gilt« (Culler 1988 S.174).
    Bereits die Beschreibung eines Gegenstandes aus mehreren Perspektiven ist Dekonstruktion, aber auch die Suche nach den scheinbar nebensächlichen Details, die einer Geschichte, wenn sie aufgegriffen werden, eine andere Wendung geben können: »Etwas Geschriebenes zu ›dekonstruieren‹, bedeutet daher, eine Art strategische Umkehrung einzusetzen, indem man besonders jene nicht beachteten Details aufgreift (wie z.B. beiläufige Metaphern, Fußnoten, zufällige Richtungsänderungen der Argumente), die immer und notwendigerweise von den Interpreten der orthodoxeren Meinungen übergangen werden« (Derrida zit. nach Jones 1993 S.139). Dekonstruktion erlaubt, darüber nachzudenken, welche Geschichte sich hinter einer dominierenden Erzählung verbirgt: wo liegt alternatives Wissen, welche Gesichtspunkte wurden ausgelassen, unterdrückt?

    Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

    »Ein System ist nicht ein Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein Etwas, das von ihm erkannt wird« (Maturana 1982 S.175). In diesem Satz steckt die Essenz systemischer Erkenntnistheorie: Ein System wird nicht als etwas angesehen, das es »gibt«, sondern als etwas, von dem nur dann sinnvoll gesprochen werden kann, wenn man es in Beziehung zu demjenigen sieht, der es erkennt. Der Beobachter fällt die Entscheidung darüber, wie er oder sie die hochkomplexe Ganzheit eines Oekosystems aufteilt in Subganzheiten, zum Beispiel »Mensch«, »Familie«, »Verhalten« etc. etc.
    Damit stellt sich die Frage nach einem systemischen Verständnis von Wirklichkeit. Wirklichkeit kann nie losgelöst gesehen werden von ihrem Betrachter. Das heißt nicht, daß es keine Realität »an sich« gäbe, daß es aber sinnlos ist, von ihr zu sprechen, ohne den konstitutiven Prozeß zu berücksichtigen, der in der Wechselwirkung zwischen einem erfahrenden System und einem zu erfahrenden System liegt: »Systeme erkennen Systeme« (Schiepek 1987). Die Frage, ob »Wirklichkeit« unabhängig vom erkennenden System existiert, ist müßig (Kriz 1981).
    Kernfrage des soeben skizzierten Konstruktivismus ist, auf welche Weise wir aktiv an der Konstruktion unserer eigenen Erfahrungswelt Anteil haben. Erkennen ist das Vornehmen von Unterscheidungen durch das erkennende Subjekt. Ohne diese Fähigkeit wäre keinerlei Orientierung möglich und damit kein Ueberleben. Wir sind darauf angewiesen, Konzepte, »Landkarten« über die Welt zu entwickeln, die uns das Zurechtfinden erleichtern. Auch bei scheinbar selbstverständlichen Begriffen wie z.B. »Seele«, »Körper«, »Krankheit«, »Familie« handelt es sich um solche Konzepte. Es ist ein folgenschwerer Schritt, wenn man die Konzepte, die man sich konstruierte, um in der Welt Orientierung zu finden, mit der Wirklichkeit verwechselt (ein Kategorialfehler). Die Kernfrage ist: »Wo befindet sich das, wovon ich spreche: ›da draußen‹ oder in meinem Kopf?« oder noch genauer: »Wo ›ist‹ eigentlich der ›Kopf‹, von dem ich spreche?« Wir neigen dazu, zu vergessen, daß es sich bei unseren Begriffen um Möglichkeiten des Begreifens handelt und nicht um die Dinge selbst: »Bei unserer Wahrnehmung der Welt vergessen wir alles, was wir dazu getan haben, sie in dieser Weise wahrzunehmen« (Varela 1981).
    Der Konstruktivismus steht in der Tradition der These Kants, daß der Verstand seine Gesetze nicht aus der Natur schöpft, sondern sie ihr vorschreibt, daß also jede Theorie immer auch eine Theorie des Beobachters, des Forschers sein muß. Auch scheinbar feststehende Säulen der Erkenntnis, wie Raum und Zeit, müssen statt als Gegebenheit der objektiven Welt als unvermeidliches Begriffsgerüst unserer Vernunft betrachtet werden. Dies bringt eine radikale Verschiebung des Wissensbegriffs mit sich: Wirklichkeit ist das Produkt wirksamer Unterscheidungen. Das bedeutet, daß es prinzipiell möglich ist, Weltkomplexität auf verschiedene Weise zu reduzieren. Gleichzeitig sind wir in einem hohen Ausmaß persönlich verantwortlich für das, was wir als »wirklich« oder »wahr« ansehen. Die Entscheidung für ein Modell kann nämlich nicht aufgrund von »richtig« und »falsch« fallen, höchstens aufgrund einer bestimmten Vorstellung von richtig und falsch. Passender ist es daher, sich aufgrund von Kriterien der Angemessenheit und ethischen Vertretbarkeit für eine Sicht von Wirklichkeit zu entscheiden. Aus einer systemischen Weltsicht folgt daher die Achtung vor allen Versuchen, die Komplexität der Welt zu reduzieren und auf immer neue Weise in Konzepte zu bringen, die als Landkarten Handlungsleitlinien bieten.
    Menschen leben nicht allein, sondern immer in sozialen Zusammenhängen. Was wir als »Wirklichkeit« bezeichnen, entsteht im Dialog, im Gespräch. Das, was wir für wirklich halten, haben wir in einem langen Prozeß von Sozialisation und Versprachlichung als wirklich anzusehen gelernt. Systeme konstruieren gemeinsame Wirklichkeiten als Konsens darüber, wie die Dinge zu sehen sind. Die gemeinsame Sichtweise davon, was als »Wirklichkeiten« in einem System erlebt wird, ist sehr weitgehend bestimmend für Glück oder Unglück, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit.
    Quellen:
    Culler, J. (1988). Dekonstruktion - Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek: Rowohlt
    Derrida, ......................
    Foucault, M. (2001). Short Cuts. Frankfurt a. Main.
    Gergen, K.J. (1990). Die Konstruktion des Selbst im Zeitalter der Postmoderne. In: Psychologische Rundschau 41, S.191-199.
    Glasersfeld, E.v. (1991). Abschied von der Objektivität. In: Watzlawick, P., Krieg, P. (Hrsg.). Das Auge des Betrachters. München: Piper, S. 17–30
    Jones, E. (1993). Systemische Familientherapie. Dortmund: Modernes Lernen
    Kriz, J. (1981): Artefakte in der empirischen Sozialforschung. Stuttgart: Teubner
    Lacan, J. ...............
    Lyotard, Francois (1979). Das postmoderne Wissen. .............
    Maturana, H.R. (1982). Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn
    Maturana, H.R., Varela, F. (1987). Der Baum der Erkenntnis. Bern/München: Scherz.
    Schiepek, G. (1987, Hrsg.). Systeme erkennen Systeme. Weinheim/München: Psychologie Verlags Union
    Varela, F. (1981). Der kreative Zirkel, Skizzen zur Naturgeschichte der Rückbezüglichkeit. In: Watzlawick, P. (Hrsg.). Die erfundene Wirklichkeit. München: Piper
    Watzlawick, P. (1983). Anleitung zum Unglücklichsein. München: Piper
    Watzlawick, P., Beavin, J., Jackson, D. (1969). Menschliche Kommunikation. Bern/Stuttgart: Huber
    Welsch, W. (1991). Unsere Postmoderne Moderne. Weinheim: VCH, Acta Humaniora

    Der postmoderne Mensch als Sozialcharakter

    Meine in Kapitel 2 noch genauer auszuformulierende These vom "neuen Narzissmus in der digitalen Postmoderne", der sich grundsätzlich vom 'alten' Narzissmus wie er von Kernberg und Kohut und vielen anderen beschrieben wurde (ausführlich in Kap.2), unterscheidet, hat mein Kollege Hans Swildens m.E. sehr treffend bereits 2005 in der Fachzeitschrift "Der Psychotherapeut" in anderer Form beschrieben - leider blieb sein Beitrag meines Wissens damals ohne grosses Echo, ein Grund mehr, gute zehn Jahre später einen erneuten Anlauf zur Beschreibung des "Sozialcharakters zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (Swildens 2005) zu unternehmen. Es folgt deshalb thesenartig ein längerer Auszug aus Swildens sehr lesenswertem Artikel zur "neuen, nämlich postmodernen, Art der narzisstischen Abwehr":

    Everything Turns: Die Lawine der Wenden im 20. Jahrhundert

    Wenden bzw. "Turns" in den Sozialwissenschaften der letzten 100 Jahre

    Hier sei nur eine kleine Auswahl aufgezählt:
    - Adorno/Horkheimer: Der autoritäre Charakter der 30er bis 60er Jahre
    - Soziale Wende der 70er und 80er Jahre: Lasch, Sennett u.a.
    - Linguistic Turn der 90er Jahre: Habermas, Chomsky, Lacan
    - Relational Turn der Nuller-Jahre: Mitchell, Benjamin, Honneth, Altmeyer
    - Embodiment Turn der 2010er-Jahre: Buchholz, Leuzinger-Bohleber, Staemmler, Bocian, ...
    - Visual Turn bzw. Iconic Turn der 2015er Jahre als Comeback der 60er: "Visual Cultural Studies" - in Rekurs auf Lacan, Baudrillard und McLuhan

    Medientheorien, Kulturwissenschaften und die (Visual) Culture Studies

    Von all diesen "Wenden" und Schwerpunktsetzungen ist sicherlich der "Cultural Turn" besonders hervorzuheben, weil nur diese Wende m.E. wirklich nachhaltig und für unsere postmoderne Zeit prägend ist wie keine andere Bewegung oder Fachgebiet:

    Die kulturelle »Kränkung«

    (Reich 1998) ontologischer Weltbilder ist also bei weitem nicht, womit sie sich häufig in einer zu engen Perspektive identifiziert findet, eine Spezialität etwa des Dekonstruktivismus oder des Radikalen Konstruktivismus. Das im Zuge des 'linguistic turns' manifest in die »Krise« geratene Paradigma der Repräsentation (Rorty 1987, vgl. Wimmer/Schäfer 1999) – und mit ihm ein Wahrheitsbegriff als 'adaequatio rerum et intellectus', der von der Antike ausgehend über die Scholastik und Descartes die neuzeitlich-moderne Wissenschaft bestimmt hat – hat sich seither kaum erholt. Im Gegenteil legen auch die neuesten Tendenzen – die Hinwendung zur 'visual culture' (Sturken/Cartwright 2001) und der 'performative turn' in den Kultur- und Sozialwissenschaften (Fischer-Lichte 1998) andererseits nahe, dass der Patient wohl nicht mehr zu retten ist.
    Quellen:
    Freud, Sigmund (1930). Das Unbehagen in der Kultur. In: Gesamtwerk GW Band XIV: Werke aus den Jahren 1925-1931, S.419-505
    Helbig, J., Russegger, A., Winter, R. (2014 Hrsg). Visuelle Medien - Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur. Köln: Halem


    Marshall McLUHAN: Kultur- und Medienwissenschaften

    Tetrade und Chiasmus

    In den 1970er Jahren will McLuhan eine Grundstruktur ausgemacht haben, die alle Medien und ihre Effekte betreffen. Im posthum veröffentlichten Buch 'Laws of Media' werden diese Strukturen in Form von Gesetzen ausformuliert. Die zentrale These dieser sogenannten Tetrade lautet: Jedes Medium ist durch eine viergliedrige Struktur gekennzeichnet, die folgende tetradische Form aufweist (vgl. Abb. rechts) - an jedes Medium lassen sich somit folgende Fragen stellen:
    McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Wenden, Turns, Postmoderne, Strukturalismus, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies, Linguistic Turn, Iconic Turn, Narzissmus (1) Was hat es erweitert bzw. verstärkt?
    (2) Welche Prozesse hat es erneuert bzw. wiedererlangt?
    (3) In was hat es sich im Laufe der Entwicklung umgekehrt bzw. ist es umgekippt? [Chiasmus]
    (4) Was ließ es veralten?

    McLuhan selbst gibt zahllose Beispiele. Hier seien diese 'Gesetze' nur an einem neueren und sehr einfachen Beispiel vorgestellt, von dem McLuhan noch nichts wissen konnte, dem Handy:
    (1) Verstärkt wurde durch das mobile Telefon die kommunikative Vernetzung der Menschen, die sich räumlich an unterschiedlichen Orten befinden.
    (2) Einen Aufschwung erlebte dadurch erneut die orale Kommunikation.
    (3) Die Kommunikation per Handy ist aber schnell in etwas umgekippt, das kaum zu erwarten war: Es ist inzwischen sehr viel weniger mehr ein auditives Medium, denn ein Schreibmedium. Vor allem werden damit inzwischen Kurznachrichten verschickt, kurz: SMS.
    (4) Veraltet wurde der Festnetzanschluss. Tatsächlich haben inzwischen viele Personen überhaupt keinen Festnetzanschluss mehr.
    Beim Durchspielen dieser Gesetze zeigt sich sehr konkret, was es nach McLuhan bedeutet, ein Medium als ein formgebendes Milieu zu verstehen, das vielerlei Effekte hat, die — und das zeigen die vier Gesetze — gleichzeitig in sehr unterschiedliche, ja widerstreitende Richtungen weisen.

    Renaissance von Schrift und Mündlichkeit


    Genealogie der Medien

    McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Kulturepochen, Medienepochen, Postmoderne, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies, Linguistic Turn, Iconic Turn 1. Orale Stammeskultur: Wissensüberlieferung und Kommunikation erfolgen mündlich - Herrschaft des Ohres.
    2. Literale Manuskript-Kultur: durch Einführung der phonetischen Schrift, Lesen erfolgt laut, alle Sinne werden mit einbezogen.
    3. Gutenberg-Zeitalter: durch Erfindung des Buchdrucks - Herrschaft des Auges und des linearen Denkens.
    4. Zeitalter der Elektrizität un des Computers: durch Erfindung des drahtlosen Telegraphen - harmonische Einbeziehung aller Sinne: Taktilität.



    Neuro-Psychoanalyse:

    Es ist klar, dass ein mehr als hundert Jahre altes Behandlungsverfahren der heutigen Zeit angepasst werden muss. Insbesondere die Nachweise der Wirksamkeit sind heute viel besser möglich als noch vor zehn Jahren und erst recht als zu Freuds Zeiten wo v.a. wegen mangelnder technischen Möglichkeiten noch keine (natur-)wissenschaftliche Ueberprüfung seiner genialen Konzepte möglich war.
    Heute sind mit den bildgebenden Verfahren MRI, PET etc. moderne Möglichkeiten vorhanden, der Psychoanalyse ein biologisches Fundament zu verleihen. Dieses Fundament muss heutzutage biologisch sein, weil die Leitwissenschaft nicht mehr die Philosophie ist wie zu Freuds Zeiten, sondern die Hirnforschung (Neurologie) und damit die Naturwissenschaften anstelle der Geisteswissenschaften früher. Mir persönlich und auch den meisten meiner tefenpsychologisch fundiert arbeitenden KollegInnen ist aber eine Integration beider Herangehensweisen wichtig, weil es nach wie vor Bereiche gibt, die sich einer objektivierbaren Naturwissenschaft entziehen, vgl. auch meinen eigenen Aufsatz zur Metatheorie Frauchiger 1998.

    Ein Zitat eines führenden Forschers dazu: "Hilfreich und überzeugend kommt immer mehr hinzu, dass Freuds Konzepte z.B. des Unbewussten, der Verdrängung, der Übertragung, des Widerstandes etc., neuerdings von unvermuteter Seite bestätigt werden: von der Neurologie und Neuropsychologie!" (...........).

    Lange Zeit ließ sich das Theoriegebäude von Freud experimentell nicht stützen. Nun aber bestätigen neue Untersuchungen der Hirnforschung viele seiner umstrittenen Thesen über das Unbewusste. Deshalb wollen in Zukunft Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker die letzten Rätsel der Psyche gemeinsam entschlüsseln.

    Mark SOLMS: Neuropsychoanalyse

    "Nachts offenbart sich unsere biologische, tierische Seite, die der kulturellen, sozialen unseres Geisteslebens gegenübersteht" (zitiert aus einem Spiegel-Interview mit Mark Solms)
    Führender Kopf hinter diesen Integrationsbemühungen ist Prof. Mark Solms.
    Seine Bewunderung für Freud geht über die der meisten anderen Psychoanalytiker hinaus, wie er selbst meint. Zwar stimme er keineswegs in allen Punkten mit dem Altmeister überein, betont er: "Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, Freuds großes Ziel weiterzuführen, nämlich das Seelenleben in die Naturwissenschaften zu integrieren".
    Auch geht es ihm und seinen Kollegen keineswegs darum, zu beweisen, dass Freud Recht hatte. Vielmehr: "Freud hat versucht, eine Sprache und eine Methode für die Wissenschaft vom Innenleben zu finden. Er hat eine Art Basis-Topografie der Seele und ihrer grundlegenden Bestandteile geschaffen. Und wir bringen nun diese Arbeit zu Ende".

    Auch Kritik an der Psychoanalyse, d.h. an den Fehlentwicklungen nach Freuds Tod 1939: Leider ist vieles vom aufrührerischen Geist, der Kulturtheorie, der Religionstheorie und vielen anderen unkonventionellen und mutigen Anätzen Freuds verloren gegangen im Versuch, die Psychoanalyse in den Mainstream des vom Behaviorismus und den Kognitionswissenschaften beherrschten "offiziellen" Kanons der von Kassen bezahlten Behandlungsmethoden zur¨ckzukehren. Diesen verlorengegangenen kritischen und nie mehrheitsfähigen Geist versuche ich (mit vielen anderen zusammen) wiederaufleben zu lassen in meiner täglichen psychotherapeutischen Praxis und auch mit Texten wie diesem.

    Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan: eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart: Kohlhammer: 2007.

    Als zweites Beispiel einer Kombination von Neurologie und Psychologie bzw. Philosophie, möchte ich kurz Thomas Fuchs erwähnen, welcher in unserem oben bereits kurz skizzierten 2-Achsen-Modell die relationale, also waagrechte Ebene, einer vertikalen Strukturperspektive (wie sie z.B. auch Solms oben vertritt), vorzieht, was gemäss Fuchs aus dem Gehirn als feste Struktur ein "Beziehungsorgan in einem Kontext" macht: ....................



    Soziologie/Sozialpsychologie: Erich Fromm und die 'erste relationale Wende' in der Psychoanalyse

    "Die meisten Psychoanalytiker kamen aus der gleichen, städtischen, intellektuellen Mittelschicht, der auch die meisten ihrer Patienten entstammten. Kaum mehr als eine Handvoll von Psychoanalytikern hatte radikale politische Ansichten. Der bekannteste von ihnen war Wilhelm Reich, der glaubte, dass die Hemmung der Sexualität einen anti-revolutionären Charakter erzeuge und dass andererseits sexuelle Freiheit revolutionäre Charaktere hervorbringen würde. Natürlich hatte Reich damit völlig unrecht, wie die spätere Entwicklung zeigte.
    Diese sexuelle Befreiung gehörte weitgehend zur immer stärkeren Ausdehnung der Konsumhaltung. Wenn man den Menschen beibrachte, mehr und mehr Geld auszugeben, anstatt, wie im neunzehnten Jahrhundert, zu sparen - wenn man sie also in Konsumenten verwandelte, dann musste man auch den sexuellen Konsum nicht nur zulassen, sondern geradezu fördern. Er ist schliesslich die einfachste und billigste Form des Konsums. Reich wurde dadurch irregeführt, dass zu seiner Zeit die Konservativen eine strenge sexuelle Moral vertraten, und er schloss daraus, dass sexuelle Freiheit zu einer anti-konservativen, revolutionären Einstellung führen würde. Die historische Entwicklung hat aber gezeigt, dass die sexuelle Befreiung der Entwicklung der menschlichen Konsumhaltung diente und - wenn überhaupt - den politischen Radikalismus schwächte. Leider verstand und kannte Reich wenig von Marx. Man könnte ihn einen 'sexuellen Anarchisten' nennen."
    Quelle: Fromm, Erich (1979). Sigmund Freuds Psychoanalyse - Grösse und Grenzen. Stuttgart: DVA, S.163f

    Als er sich 1970 über den Verfall der psychoanalytischen Bewegung Gedanken machte, forderte er zu ihrer Sanierung z.B.: "Sie wird die psychischen Phänomene studieren, die die Pathologie der gegenwärtigen Gesellschaft ausmachen: Entfremdung, Angst, Vereinsamung, die Furcht vor tiefen Empfindungen, den Mangel an Aktivität, den Mangel an Freude. Diese Symptome haben die zentrale Rolle übernommen, die die sexuelle Unterdrückung zu Freuds Zeiten innehatte."
    Quelle: Fromm, Erich (1978). Die Krise der Psychoanalyse. In: Fromm. 'Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie'. Frankfurt/M: Suhrkamp, 5. Aufl., S.227

    Kunst: Pohlen, Theweleit, Weibel - Psychoanalyse als Kunstform und Gesellschaftskritik

    Korrigierende kognitive und emotionale Erfahrung (Manfred Pohlen und die Kognitive Verhaltenstherapie)
    In seiner Radikalität einzigartig hat es mir der Psychoanalytiker Prof. Dr. Manfred Pohlen besonders angetan. Sein Hauptanliegen ist es, die originale und originelle Arbeitsweise (Praxis im konkreten und nicht im überlieferten Sinne!) von Sigmund Freud wieder hervorzuholen und vom institutionellen Staub zu befreien. Es ist leider so, dass die einst so lebendige "Bewegung" Psychoanalyse zu einem elfenbeinturmartigen, verkrusteten Gebilde verkommen ist und ein Grossreinemachen dringend Not tut.
    (...) V.a. der Anpassungsdruck von Seiten der Geldgeber sowohl für Forschung wie auch f&uum;r die Praxis (sprich: Krankenkassen), hat dazu geführt, dass der Psychoanalyse die Zähne gezogen wurden und diese einst so revolutionäre Kraft zu einem braven Hauskätzchen hat werden lassen.
    Es ist also Zeit für den "wahren Freud", will heissen, den kreativen, intuitiven, Unangenehmes ansprechenden, genialen Denker und Praktiker wieder hervorzuholen. Dies gelingt am besten wenn man das bisher leider einzige Transkript einer gesamten von Freud durchgeführten Therapie sich anschaut - genau das hat Manfred Pohlen getan in seinem sehr empfehlenswerten Buch "Freuds Analyse" aus dem Jahre 2006.

    Dabei wurde, nach Pohlens Ueberzeugung, der Psychoanalyse ein harmonisiertes, kleinbürgerliches Menschenbild untergeschoben, das der düstere, pessimistische Freud wohl nie und nimmer akzeptiert hätte. Für ihn stand, laut Pohlen, die letztlich unzähmbare menschliche Triebnatur im Mittelpunkt seines Denkens: ein "biologischer Fels", der allen Zivilisationsbemühungen trotzt.
    Lebenslang steht diesem Psychomodell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mäßigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit.
    Die malträtierte Psyche produziert Leidenssymptome: Macken, fixe Ideen, Aengste, Wahnvorstellungen oder Depressionen.
    Wie unerlöste Wiedergänger, fremd und bedrohlich, spuken die unterdrückten, "verdrängten" Triebe durch das Bewusstsein der Patienten - so jedenfalls sehen es Pohlen und Bautz-Holzherr. Symptome sind in ihren Augen vor allem Zeichen einer berechtigten Revolte der Psyche.

    zum Inhaltsverzeichnis

    Dialektik als Grundprinzip für Theorie und Praxis

    Als letzte und als Klammer dienende Konzeption soll uns die Hegel'sche DIALEKTIK dienen. Nach einer kurzen Begriffsdefinition dieser zwar sehr bekannten, aber auch sehr schillernden und umstrittenen Methodik komme ich zu einem ersten Resumé bzw. Exposé was meine eigene Grundposition für das Verständnis im weiteren Verlauf dieses Buches anbetrifft.

    Damir Del Monte (früher: Damir Lovric) hat mit seiner Dissertation bei und in der Nachfolge des leider früh verstorbenen Kölner Uni-Professors Gottfried Fischer (1944-2013) eine m.E. didaktisch überzeugende, sehr anschauliche Zusammenstellung eines Entwurfes für eine 'Allgemeine' oder wie ich es nenne: 'Dialektische Psychotherapie' vorgelegt und führt darauf aufbauend Kurse und Seminare durch, u.a.: 'Kausale Psychotherapie'. Seinen Ausführungen folge ich im nächsten längeren Abschnitt zur Dialektik:

    Dialektik in der Philosophie

    Negation der Negation nach Hegel

    Dialektische Aufhebung

    Dialektische Logik

    Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie, Logik, Negation, Aufhebung, Grundlagenforschung, Alltagspraxis, cartesianisch, hermeneutisch, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich Quellen:
    Aristoteles, Tugend, Ethik, Alltagspraxis, Psychotherapy, Legewie, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Delmonte-Lovric, Damir (2010). Kausale Psychotherapie nach Gottfried Fischer. Online: www.kausalepsychotherapie.de und www.damirdelmonte.de [zuletzt abgerufen am 19.Okt.2016]
    Fischer, G. (1989). Dialektik der Veränderung in Psychoanalyse und Psychotherapie. Modell, Theorie und systematische Fallstudie. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G. (2000). KÖDOPS - Kölner Dokumentations- und Planungssystem für dialektische Psychotherapie, Psychoanalyse und Traumabehandlung. Köln/Much: DIPT.
    Fischer, G. (2000). Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie MPTT. Manual zur Behandlung psychotraumatischer Störungen. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G. (2005). Neue Wege aus dem Trauma. Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen. 4.Aufl. Düsseldorf und Zürich: Walter.
    Fischer, G. (2005). Konflikt, Paradox und Widerspruch. Für eine dialektische Psychoanalyse. Völlig neu bearb. u. erw. Ausg. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G. (2007). Kausale Psychotherapie - Aetiologieorientierte Behandlung psychotraumatischer und neurotischer Störungen. Heidelberg: Asanger.
    Fischer, G., Klein B. (1997): Psychotherapieforschung – Forschungsepochen, Zukunftsperspektiven und Umrisse eines dynamisch-behavioralen Verfahrens. In: Hildemann, Klaus D., Potthoff, Peter (Hrsg.). Psychotherapieforschung – Quo vadis. Ziele, Effektivität und Kosten in Psychiatrie und Psychosomatik. Göttingen: Hogrefe. S.17-35.
    Fischer, G., Riedesser, P. (2003). Lehrbuch der Psychotraumatologie. 3., aktual. u. erw. Aufl. München und Basel: Reinhardt.
    Fischer, G., Riedesser, P. (2006). Psychotraumatologie und Psychoanalyse. Forum der Psychoanalyse; 22: 103-6.
    Gadamer, H.-G. (1977). Vom Zirkel des Verstehens. In: H.-G. G. (Hrsg.): Kleine Schriften. Bd. 4. Tübingen. S. 54-61.
    Grawe, K. (2000). Psychologische Therapie. 2., korr. Aufl. Göttingen u. a.: Hogrefe.
    Hegel, G.F.W. (1988). Phänomenologie des Geistes. Neu hrsg. v. Hans-Friedrich Wessels, u. a. Hamburg: Meiner.
    Hegel, G.F.W. (1969). Werke in zwanzig Bänden. Bde. 5 und 6: Wissenschaft der Logik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Kesselring, Thomas (1981). Entwicklung und Widerspruch. Ein Vergleich zwischen Piagets genetischer Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Kohut, H. (1996). Die Heilung des Selbst. 6. Aufl. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
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    Landis, E.A. (2001). Die Logik der Krankheitsbilder. Gießen: Psychosozial.
    Lang, H. (1993). Hermeneutik und psychoanalytische Therapie. In: Tress, Wolfgang, & Stefan Nagel (Hrsg.): Psychoanalyse und Philosophie: eine Begegnung. Heidelberg: Asanger. S.12-20.
    Lovric, Damir (2009). Multimediale Visualisierung als Werkzeug moderner Wissenskommunikation - Der Einfluss systematisierender externer Repräsentationsformen auf Lernleistung und Lernemotion im Fach Klinische Psychologie. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades Dr. phil. an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln
    Mertens, Wolfgang (2005). Psychoanalyse. Grundlagen, Behandlungstechnik und angewandte Psychoanalyse. 6., vollst. überarb. Neuaufl. Stuttgart: Kohlhammer.
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    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg.). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band II. 2.neu bearb.u.wesentl.erg.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg.). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band III. 2.neu bearb.u.wesentl.erg. Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Mittelstrass, J. (2005 Hrsg.). Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Band IV. 2.neu bearb.u.wesentl.erg. Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Orlinsky, D.E., Howard, K.J. (1986). Process and outcome in psychotherapy. In: Garfield, S.L., Bergin, A.E. (Eds.). Handbook of psychotherapy and behavior change. 3rd ed. New York: Wiley. S.311-384.
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    Piaget, Jean (1992). Psychologie der Intelligenz. 3. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
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    Plassmann, R., Schütz, M. (2002). Biosemiotische Krankheitsmodelle. In: Plassmann, R., Schütz, M., von Uexküll, T. (Hrsg.): Integrierte Medizin: Neue Modelle für Psychosomatik und Psychiatrie. Gießen: Psychosozial-Verlag. S.113-128.
    Plessner, H. (1976). Die Frage nach der Conditio humana. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
    Prechtl, P., Burkhard, F.P. (1999 Hrsg.). Metzler Philosophielexikon. Begriffe und Definitionen. 2.aktual. u.erw.Aufl. Stuttgart und Weimar: Metzler.
    Riegel, K.F. (1980). Grundlagen der dialektischen Psychologie. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Ruffing, R. (2005). Einführung in die Geschichte der Philosophie. München: W. Fink.



    Wie wir oben einführend gesehen haben, wird die vorliegende Arbeit methodisch-didaktisch "zusammengehalten" von zwei relativ einfachen Figuren, dem Modell des Narzisstischen Gleichgewichts und dem dialektischen Modell zur raumöffnenden Diskussion von Antagonistischen Positionen.
    Die nun folgenden Antagonismen oder Gegensatzpaare in Form von Autoren oder Haltungen sollen schlagwortartig illustrieren, wohin unsere geistige Reise noch gehen wird:

    Kernberg vs. Kohut: Narzissmus als Pathologie vs. Narzissmus als zweite Entwicklungslinie
    Stern vs. Green: Relationalismus vs. Strukturmodell und Monadentheorie
    Honneth vs. Whitebook: Anerkennungs- vs. Verteilungskämpfe
    Honneth vs. Fraser: Anerkennungs- vs. Verteilungskämpfe
    Naturwissenschaft vs. Geisteswissenschaft [vgl. Frauchiger 1997: Metatheorien]
    Winterhoff vs. Juul: Autoritäre Erziehung vs. demokratisch-partnerschaftliche Begegnung
    Kohl vs. Schmidt: Konservatismus vs. Sozialdemokratie
    USA vs. UdSSR: Kapitalismus vs. Kommunismus
    Ost vs. West: Kollektivismus vs. Individualismus
    etc. etc.






    NARZISSMUS

    "In seinem Buch »Narzissmus - Die Verleugnung des wahren Selbst« schreibt Alexander Lowen: »Als Narzissmus bezeichnen wir sowohl einen psychischen als auch einen kulturellen Zustand. Auf der individuellen Ebene ist er eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst … Auf der kulturellen Ebene kann man den Narzissmus an einem Verlust menschlicher Werte erkennen – an einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen."

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    4. ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"

  • Dialektik von Differenzierung und Integration - Klein, Mahler, Erikson u.a.m.
  • Prozesse der Introjektion und Projektion (Melanie Klein 1930)
  • Theorie der Entwicklung von Separation und Individuation (Margaret Mahler 1952)
  • Entwicklung des narzisstischen Systems (Heinz Kohut 1975)
  • Psychoanalytische Säuglings- und Kleinkindforschung (Daniel Stern 1990, Martin Dornes 1993)
  • Bindungstheorie (John Bowlby 1969)
  • Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit (Fonagy 2002)
  • Integratives Entwicklungskonzept der "Relationalen Psychoanalyse" (Martin Altmeyer 2006)

  • Daniel Stern: Entwicklung und Säuglingsforschung (Boston School)
  • Bindungsforschung: Fonagy und die Londoner School (Mentalisieren)
    Entwicklung, Fonagy, Kegan, Kohlberg, Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie, Logik, Negation, Aufhebung, Geisteswissenschaft
    Entwicklung, Köhler, Amsterdam, Petzold, Fonagy, Kegan, Kohlberg, Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie



    5. ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch

    Teil I: Esoterik als narzisstische Kompensationsmöglichkeit jedes Menschen Teil II: Esoterik 2.0 als kapitalistischer Antrieb von Medien und Wirtschaft Teil III: Esoterik und ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen

    "Esoterische Angebote bieten Lebenshilfe: Sie dienen den Einzelnen dazu, in der flexiblen, hybriden Moderne zurechtzukommen. Sie fördern das Gefühl der Authentizität, liefern Erklärungen und Entlastung für Erfahrungen des Scheiterns und verschaffen scheinbare Erleichterung angesichts des Gefühls von Entfremdung und Selbstentfremdung" (Claudia Barth 2012).

    Die Leipziger "Mitte-Studien"

    Seit 2002 erstellt die Universität Leipzig im Zweijahresrhythmus ihre "Mitte"-Studien. Die aktuelle Version "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
    Für die Erhebung wurden im Frühjahr 2016 insgesamt 2420 repräsentativ ausgewählte Personen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt - 1917 in den alten und 503 in den neuen Bundesländern. Die Stichprobe umfasste 1338 Frauen und 1082 Männer. Zur Erhebung besuchten Interviewer die Befragten in deren Wohnungen. Die Teilnehmer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus.
    Die Autoren machen eine rechtsextreme Einstellung an sechs Dimensionen fest:
    - Befürwortung einer Diktatur: Der Aussage "Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform" stimmten 6,7 Prozent der Befragten zu - 13,8 Prozent im Osten und 4,8 Prozent im Westen.
    - Ausländerfeindlichkeit: Drei von zehn Deutschen glauben, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den Sozialstaat auszunutzen.
    - Antisemitismus: Rund zehn Prozent der Deutschen glauben, dass Juden mehr als andere Menschen mit üblen Tricks arbeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
    - Chauvinismus: Mehr als jeder fünfte Befragte ist der Ansicht, es sollte das oberste Ziel deutscher Politik sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.
    - Sozialdarwinismus: Knapp neun Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass es wertvolles und unwertes Leben gibt.
    - Verharmlosung der NS-Zeit: Mehr als acht Prozent der Deutschen glauben, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte - und knapp sechs Prozent finden, ohne Judenvernichtung wäre Hitler als großer Staatsmann in die Geschichte eingegangen.

    Zu diesen sechs Faktoren legten die Forscher allen Befragten jeweils drei Aussagen vor, die auf einer fünfstufigen Skala bewertet werden konnten: von "Stimme überhaupt nicht zu" bis "Stimme voll und ganz zu". Die Höhe der Zustimmung ergab sich aus der Summe der "Stimme überwiegend zu"- und "Stimme voll und ganz zu"-Angaben.

    Hass auf Muslime, Parolen gegen Asylbewerber: Eine Studie zeigt das rechtsextreme, antidemokratische Potenzial in der Gesellschaft. Viele Bürger denken völkisch - und finden in der AfD eine politische Heimat.
    Deutschland im Jahr 2016: Jeder Zehnte wünscht sich einen Führer, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Elf Prozent der Bürger glauben, dass Juden zu viel Einfluss haben. Zwölf Prozent sind der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen. Ein Viertel der U30-Generation in Ostdeutschland ist ausländerfeindlich. Und ein Drittel der Deutschen hält das Land für gefährlich überfremdet.
    Die Zahlen sind der Studie "Die enthemmte Mitte" der Universität Leipzig entnommen. Die repräsentative Erhebung ist der neueste Teil eines Langzeitforschungsprojekts, das seit 2002 politische Einstellungen in Deutschland untersucht. Die jüngsten Ergebnisse sind bedenklich.
    "Noch immer sind weite Teile der Bevölkerung bereit, abzuwerten und zu verfolgen, was sie als abweichend und fremd wahrnehmen", schreiben Oliver Decker und Elmar Brähler, zwei der Studien-Herausgeber. Aus der Mitte der Gesellschaft - lange der "Schutzraum der Demokratie" - erwachse inzwischen ein großes antidemokratisches Potenzial. Was die NPD in der Vergangenheit nicht geschafft habe, gelinge nun der AfD: diese Wählerschaft für sich zu mobilisieren.
    "Rechtsextreme haben in der AfD eine neue Heimat gefunden", sagt Forscher Decker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei Nazis und Rechtsextremen denkt man an die Ränder der Gesellschaft. Das trifft es aber nicht, die Ideologie des völkischen Denkens ist sehr verbreitet."
    Quelle: Schulz, Benjamin (2016). Studie zu Rechtsextremismus: Deutschlands hässliche Fratze. In: Der Spiegel Online vom 15.6.2016
    Rechtsextremismus-Studie - die enthemmte Mitte


  • Die narzisstische Kraft der Medien in Moderne und Postmoderne

    - EINLEITUNG: Dialektische Einführung in die beiden Koordinaten
    - NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
    - MARKETING: "Haben-wollen" und das Ich-Ideal im "Zeitalter des Narzissmus"
    - ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
    - ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
    - RELATION: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
    - KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus
    - RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
    - DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
    - PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren der 'Dialektischen Psychotherapie'
    - LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



    6. RELATION: Empathie und Bezogenheit - Dialog, Kongruenz und Echtheit

    Nach Maturana lässt sich Selbstreferenz so charakterisieren:
    "Aufgrund seiner zirkulären Organisation hat ein lebendes System eine selbstbezogene Domäne der Interaktion – es ist also ein "Selfrefering-System". Seine Bedingung, eine Einheit der Interaktionen darzustellen, ist deshalb aufrecht erhalten, weil seine Organisation nur dadurch funktionale Bedeutung hat, dass sie auf die Aufrechterhaltung seiner Zirkularität ausgerichtet ist und auf diese Weise seine Domäne der Interaktion definiert“ (Maturana 1970; Uebersetzung von Mitterauer 2009).
    Hier handelt es sich um eine systemtheoretische Beschreibung der Selbstreferenz, die man aus psychologischer Sicht den lebensnotwendigen und ungestörten Narzissmus nennen kann.
    Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass unser Forschungsergebnis aus den Siebzigerjahren mittlerweile in der Psychiatrie, allerdings unzitiert, berücksichtigt wird. So wurde in den gängigen Diagnoseschemata bei narzisstischen Störungen auch die Selbstbezogenheit als diagnostisches Kriterium eingeführt.
    Im Jahre 2003 habe ich diesen Ansatz weiter entwickelt und versucht, das „Prinzip des Narzissmus als Modell der polyontologischen Selbstreferenz“ darzustellen (Mitterauer 2003 a). Dabei geht es auch um eine neue Hirntheorie, auf deren Grundlage man Erklärungsmodelle für die so genannten endogenen Psychosen (Depression, Manie, Wahn) entwickeln kann.

    Bis hierher können wir festhalten:
    Psychische Gesundheit bedingt ein jeweils adäquates, kontextabhängiges Einpendeln und Aktivieren sowohl des inneren als auch des äusseren Selbst.
    Gemäss der 50/50-Regel (siehe Kap. 5): ca. 50% muss ich selbstbewusst (!) selber beitragen zu meinem Glück, die anderen 50% muss ich die Spannung des nichts-tun-könnens aushalten und muss anerkennen, dass ich auch von Anderen und vom Kontext abhängig bin) sollte beides in der Summe ausbalanciert sein.

    Ausgehend von der Beobachtung „echter“, authentischer Momente, überraschender Wendungen mit oft stark "berührender" Intensität und grosser zwischenmenschlicher "Stimmigkeit" in zahlreichen Psychotherapie-Sitzungen, aber auch im Alltag, möchte ich im folgenden der Frage nachgehen, wie es kommt, dass wir Menschen einen grossen Teil unseres Lebens hinter einer Fassade von Anpassung, Konvention, sozialer Erwünschbarkeit bis hin zu Manipulation, Täuschung, Esoterik und Kitsch (D.W. Winnicott und Karen Horney nennen dies "das falsche Selbst") verbringen und wie es möglich wird, das dahinter bzw. daneben vermutete und in spontanen Momenten des Ausbrechens aus den üblichen sozialen Rollen spürbare "wahre Selbst" lebendiger werden und in ein stimmigeres Zusammenspiel mit dem äusseren oder Rollen-Selbst (siehe z.B. Mead oder Goffman bzw. Moreno oder Petzold) kommen zu lassen.
    Wir werden feststellen, dass es nicht um ein 'entweder-oder' dieser beiden 'Selbste' geht, sondern um ein dialektisches Zusammenspiel der beiden Instanzen oder treffender: Ausprägungen des einen unteilbaren Selbst in Form von 'Aggregatszuständen'; dem oft eher scheuen und ängstlichen 'inneren Selbst' wie ich es nennen möchte (statt dem "wahren" Selbst) und dem eher eloquenten, berechnenden, manchmal aber auch strategisch schweigenden oder sich bewusst verstellenden etc., 'äusseren ("falschen") Selbst'.

    Die intersubjektive Wende

    Relationalität und Anerkennung

    Quelle: Prengel, Annedore (2013). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Opladen: Barbara Budrich

    Begriff und Metapher des Relationalen

    In der Einführung haben wir das "Fadenkreuz-Modell" mit den beiden Achsen kennengelernt und wollen nun nach der inhaltlichen Präsentation der y-Achse mit Henselers Narzissmus-Text, eine Vorstellung der x-Achse vornehmen, wo Frau Prof. Prengel die relationale Dimension des Menschseins beschreibt und historisch-philosophisch herleitet.
    Ich erlaube mir kurz ein Wort zur Darstellungsweise: Hervorhebungen in Form von Fettschrift bzw. von Unterstreichungen (bzw. in der Online-Version als "Links" versehene Stellen) stammen wie immer von mir, dem die Originaltextlektüre begleitenden Kommentator. Längere Zitate sind der wissenschaftlichen Usanz entsprechend leicht eingezogen, [auch wenn darin in eckigen Klammern eigene Anmerkungen zum Zitat eingebunden sind]:
    Das Doppelstandbild stellt die lesen lernende Maria und die lesen lehrende Anna dar, während sie sich auf das Buch zwischen ihnen, das sie gemeinsam halten, konzentrieren. Es liegt nahe zu fragen, ob und wie es als eine historisch frühe, vielleicht sogar klassisch zu nennende Imagination zur triangulierenden relationalen Struktur der Kommunikation im menschlichen Generationenverhältnis, Habermas 2009, gedeutet werden könnte: eine Balance im Didaktischen Dreieck, das, eingebettet in ein vielschichtiges Umfeld, aus den Beziehungen zwischen lernendem Kind, lehrender Erwachsener und Lerngegenstand entsteht und veranschaulicht, dass die kognitive Beziehung zum zu vermittelnden Lerngegenstand mit der emotionalen Beziehung zur lehrenden Person verbunden ist Annedore Prengel spricht hier in verdichteter, lebendiger Form sehr wichtige AutorInnen und deren Texte an [Verweise auf eigene Kapitel in eckigen Klammern an Ort und Stelle im zitierten Text: Bourdieu, Rosa, Mead], wie sie auch für meine eigene Konzeption massgebend sind. Es war deshalb ein grosser Glücksfall, dass ich gegen Ende meiner fünfjährigen in meiner Freizeit vorgenommenen Recherche-Arbeit (2010-2015) auf dieses kleine, feine Büchlein mit der eine Triangulation "Lehrerin, Schülerin und Buch (als Uebergangsobjekt", vgl. Kap. 8 und 10) darstellenden sakralen Skulptur auf dem Deckblatt stiess und nun die Ehre habe, es ganz zu Beginn meines eigenen Buches einbauen zu dürfen um darzulegen, wieviel reichhaltige, spannende und erbauende Literatur aus den unterschiedlichsten Richtungen und Zeiten es zum Thema der Bezogenheit (hier zunächst bewusst trocken-technisch verkürzt als x-Achse eingeführt) gibt. Doch hören wir weiter der Autorin zu, wie sie im nächsten Zitat spannende Philosophiegeschichte betreibt:

    Bezogenheitskonzepte und Dialogtheorien von Buber bis Nussbaum

    Wenn wir nun mit Annedore Prengel Relation bzw. das Relatum definiert und eingeordnet haben und nun historisch-philosophisch weitergehen und schauen, was die Moderne zum Thema zu bieten hat, wird bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich, dass die Dialektik bzw. der Gegensatz von Aufklärerisch-versachlichenden Ansichten und romantisch-gefühlsbetonenden Philosophien nicht beendet wird, sondern im Gegenteil sich bis heute eher noch zuspitzt und teilweise verhärtet, wenn wir z.B. aktuelle politische und weltanschauliche Konflikte zwischen eher konservativ-hierarchischen Denkweisen westlicher und östlicher Diktatoren und Diktaturen betrachten und auf der anderen Seite den Versuchen, eine demokratische, auf Dialog und Begegnung der Kulturen progressiv-sozialen Denk- und Handlungsweise.
    Die in der Einleitung dargestellten Gegensatzpaare im Fadenkreuz von x- und y-Achse finden sich nicht nur in der Wissenschaftstheorie wieder sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen, inklusive Politik, Philosophie, Psychologie und Pädagogik.
    Prengel stellt in der Folge deshalb dar, wie wichtig und unabdingbar es ist, dass Dialogtheorien wieder- und weiterbelebt werden, wollen wir aus dem "Unbehagen an der Moderne" (Buchtitel von Charles Taylor, ähnlich zu finden auch bei Sigmund Freud und Alain Ehrenberg) herausfinden und eine lebenswerte, enkeltaugliche Mit- und Umwelt erhalten und hegen und pflegen: Gerade letzterer Punkt Prengels zur "Pluralität der Forschungsperspektiven" ist mir besonders wichtig, weil gerade dadurch der Respekt und die Anerkennung des jeweils Anderen, auch und gerade in ihrem/seinem Anderssein hervorgehoben wird. Es geht mir also nicht um ein Entweder-Oder des z.B. Normorientierten vs. dem Subjektiven, sondern um eine Zusammenarbeit und Synergie welche entsteht, wenn derselbe Gegenstand oder Mensch von verschiedenen Seiten her betrachtet wird, um in der Sphäre des Forschens zu bleiben einerseits also messend-normativ-strukturiert und andererseits begegnend-emotional-subjektiv.
    Wenn wir auf diesen Erkenntnissen weiter aufbauend die politische und gesellschaftliche Dimension (oder 'Sphäre' gemäss Michael Walzer) hinzunehmen und die relationale Betrachtungs- und Seinsweise dominant werden lassen im Fadenkreuz der Perspektiven (also nach rechts auf der x-Achse) landen wir bei Emotionen und Menschenrechten, bei Demokratie und Gerechtigkeit und bei Empathie und Liebe, wie Prof. Prengel im folgenden sehr schön beschreibt: Zurückkehrend in die Sphäre des Individuellen und Privaten, bietet sich die Psychoanalyse und ihre Weiterentwicklungen an als Untersuchungsmethode intra- und auch intersubjektiver Vorgänge. Zu diesen konkreten psychotherapeutischen Anwendungen relationalen Denkens und damit auch Grundlagen zur Entwicklung von 'Narzissmus' liefernd (vgl. Kap. 2 und 4: Bindungen), hat Annedore Prengel folgendes geschrieben: Anerkennung (Honneth würde von "Anerkennung in der Sphäre des Rechts" sprechen, Kap. 6 und 9) erhält die Bindungstheorie sogar von allerhöchster gesundheitspolitischer Stelle, von der Weltgesundheitsorganisation WHO, welche bereits 1946 folgenden Satzungsartikel beschlossen hat: Abschliessend zu dieser 'Tour d'Horizon du relationnel' möchte ein letztes mal Prof. A. Prengel zitieren, wie sie sich zur empirischen Befund- und Studienlage bezüglich Empathie, Intuition, Beziehung, Kooperation, ... kurz: zur Relationalität (oder wer's lieber so mag: zur Intersubjektivität) und im Anschluss daran zu den Menschenrechten äussert:
  • Der Andere, das moralische/sittliche Dritte, das Zwischen, Triangulierung; Resonanzraum, Feld, Empathie
  • Anerkennungskonzepte: Jessica Benjamin und die Relationale Psychoanalyse
  • Paartherapie, Täter/Opfer, Kollusion und Anerkennung (Jürg Willi et al.)
  • Anerkennungskonzepte in Pädagogik, Pflegewissenschaft und Sozialarbeit
  • Martin Altmeyer: Narzissmus und Objekt
  • Martin Altmeyer: Mentale Bezogenheit
  • Martin Altmeyer, Helmut Thomä (Hrsg.): Die vernetzte Seele
  • Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung
  • Jürgen Habermas: Naturalismus und Religion
  • Otto F. Kernberg/Diana Diamond: Narzissmus und die Gesellschaft
  • Daniel N. Stern: Gegenwartsmomente (Now-Moments)
  • Peter Fonagy, Mary Target et al.: Affektregulierung und Mentalisieren

    7. KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus

    Medienhilosophie bei Jean BAUDRILLARD


    Die Simulakra-Theorie

    "Simulakren heissen Ordnungen im Gebrauch von Zeichen zum Zweck des Darstellens und Abbildens.
    Zu unterscheiden sind drei [bzw. vier] Simulakren:
  • die Imitation (mit Beziehung auf Analogie/Aehnlichkeit)
  • die Produktion (mit Beziehung auf serielle Herstellung = Aequivalenz)
  • die Simulation (mit der Beziehung auf Modelle und die Operationen des Codes)"
  • (Karpenstein-Essbach 2004 S.163).
  • die Hyper-Simulation (s.u.)"
  • Zusammenfassendes zu den Theorien von Jean Baudrillard - Leben und Arbeit:

    Jean Baudrillard ist 1929 geboren und ist französischer Soziologe und Philosoph. Seit 1966 lehrt er am soziologischen Institut der Université de Paris Nanterre. Sein Soziologielehrer war Henri Lefebre, der ihn mit den Lehren von Karl Marx und Friedrich Nietzsche vertraut machte.
    Bekannt wurde Baudrillard durch seine Untersuchungen zur Bedeutung des Symbolsystems der modernen Gesellschaft. 1968 erscheint Baudrillards erstes Buch "Le Système des Objets". Darin übt er starke Kritik an der Nachkriegskonsumgesellschaft.
    Einige Kapitel aus diesem Buch lauten: * Die Sprache der Gegenstände * Der subjektive Ausdruck * Gadgets und Roboter * Gegenstände und Verbrauch * Vor einer neuen Definition des „Verbrauchs“ - Seitdem gilt er als einer der schärfsten Kulturkritiker der Konsumgesellschaft.
    1968 ist das Jahr der Studentenbewegung, die sich gegen veraltete Zustände im Hochschulsystem, im Staat und in der Gesellschaft wendet. Baudrillard trägt diese mit und er kennzeichnet den Studentenaufstand als "Implosion des Sozialen". 1981 kommen die Sozialisten an die Macht. Inzwischen steht Baudrillard der Linken kritisch gegenüber, diese "Salonlinken" scheinen seine These vom Ende der Geschichte zu bestätigen.
    Weitere Bücher von Baudrillard sind: * Der symbolische Tausch und der Tod * Laßt Euch nicht verführen * Die fatalen Strategien * Die Göttliche Linke * Die Transparenz des Bösen
    Die Diagnose der "Sättigung des Systems" ist zentraler Bestandteil des Denkens von Baudrillard.
    Betrachtet wird auch der Zeichencharakter der Warenwelt im Zusammenhang mit Sozialisierungsmechanismen innerhalb der Moderne und Postmoderne, ein "Komplexerwerden" der Objekte gegenüber einer zunehmenden Vermassung des Subjekts.
    Zitat Baudrillard: „der Mangel ist niemals dramatisch, es ist die Sättigung, die fatal wirkt: denn sie führt gleichzeitig in den Prozeß eines Starrkrampfes und in die Bewegungslosigkeit.“
    Für die Gesellschaft und den Einzelnen resultieren daraus: Gleichgültigkeit, Ekel, Erstarrung und eine "Beschleunigung im Leeren"
    Baudrillard findet hierzu zahlreiche Analogien zum Wuchern eines Krebsgeschwüres, welches gekennzeichnet wird durch das ungerichtete Auftreten und einen Prozeß bildet, der das normale Funktionieren eines Organismus oder Systems unterbricht, indem etwas parasitär dessen Gesetze benutzt. Die Bezeichnung der Virulenz des Systems im Sinne von Baudrillard ist gekennzeichnet.
    Baudrillard prägt auch den Begriff "nach der Orgie" (*1) . Das meint die explosionsartigen Bewegungen der Moderne in puncto Befreiung auf allen Gebieten.
    Die politische Befreiung, die sexuelle Befreiung, die Befreiung der Produktions- und Destruktionskräfte, die Befreiung der Frau, des Kindes und der unbewußten Triebe, die Befreiung der Kunst. Alle Zwecksetzungen der Befreiung liegen hinter uns.
    Baudrillard versteht seine Schriften hierbei nicht als Theorie oder These, die die Sachverhalte aus der Distanz beschreiben, erklären oder rekonstruieren, da diese keinen Anspruch auf Wahrheit haben, sondern als Intervention oder Anschlag; sie wirken sozusagen durch Provokation und Baudrillard selbst ist der "theoretische Terrorist".

    Nach dem Buch „Der symbolische Tausch und der Tod“ gibt Baudrillard die Tradition der Theorie ganz auf. Er schreibt also aus der Dynamik des eingeschlagenen Weges; er schreibt und formuliert hyperreal. "Baudrillards Sprache ist poetisch-verführerisch. Wilde Metaphern und Wortschöpfungen ziehen den Leser in ihren Bann und bieten Ansichten, die – versuchsweise eingenommen – großes intellektuelles Vergnügen bereiten. Ein Vergnügen, das allerdings so mit Blicken in Abgründe versetzt ist, daß die Auseinandersetzung mit den Texten Baudrillards einer geistigen Achterbahnfahrt eher gleichkommt als einer philosophisch-besinnlichen Lektüre." (Zitat Florian Rötzer)
    Das stimmt im weitesten Sinne auch; er formuliert extrem deternimistische bzw. fatalistische Theorien. Immer wieder läßt er durchblicken, daß wir uns nicht kurz vor der Katastrophe befinden, sondern daß wir längst mittendrin, bzw. schon darüber hinaus sind.
    Wie Walter Benjamin erklärt Baudrillard die alltägliche Norm zur Katastrophe, doch gibt es für ihn keine "kleinen Sprünge" mehr, die die Rettung bedeuten könnten. Jedoch schafft Baudrillard durch seine innere Distanz und stellenweise auch durch seinen vorzüglichen Humor einen Ausgleich und eröffnet dadurch auch Wege bzw. eine geistige Haltung, wie man mit den Resultaten dieser von ihm proklamierten Katastrophe leben könnte.

    Die drei Simulakren
    Erstmals finden sie Ausdruck in dem 1976 erschienen Buch "Der symbolische Tausch und der Tod". Jean Baudrillard unterteilt die Geschichte der Menschheit seit der Renaissance in drei Stadien, die er als die "Drei Ordnungen der Simulakren" bezeichnet. Die Simulakren sind hierbei gleichbedeutend mit einem abstrakten System von Zeichen, die in einem bestimmten Verhältnis zur materiellen Welt stehen und so ein jeweils unterschiedliches Modell der Realität darstellen. Ein solches Modell sei für die Menschen generell unerläßlich, denn nur so können sie die Welt verstehen, deuten, reproduzieren und manifestieren. Die Simulakren selbst sind im Lauf ihrer Geschichte einer strukturellen Evolution unterworfen, die ihre Erscheinungsform, Funktion und theoretische Bedeutung verändert.
    I.) Die erste Ordnung der Simulakren befindet sich noch in direkter Korrespondenz mit der Realität. Hier könnte man als Beispiel eine normale Landkarte nennen, die im verkleinerten Maßstab ein Territorium zeigt.
    II.) Wird etwas Reales praktisch im Maßstab 1:1 kopiert (wie beispielsweise ein wertvolles Exponat in einem Museum), ist es also tauglich das Reale zu ersetzen, so ist es ein Simulakrum zweiter Ordnung. Es imitiert nicht mehr nur, sondern betreibt den Vorgang der identischen Reproduktion.
    III.) Die dritte Ordnung führt in eine selbstreproduzierende Welt, die nicht mehr auf Reales verweist, sondern immer nur auf sich selbst. Das "reale" Territorium ist in diesem Fall von der (begehbaren) "Karte" nicht mehr zu unterscheiden (ähnlich der holografischen Simulation in den Holodecks der Star-Trek-Filme).
    Nach Auffassung Baudrillards beeinflussen die Simulakren die Realität, doch genauso beeinflusse selbige auch die Simulakren bis schließlich beide zur Hyperrealität verschmelzen würden. Bis dahin sei die Beziehung reziprok, also wechselseitig. Die erste Ordnung der Simulakren bezeichnet Baudrillard auch als Zeitalter der Imitation, die zweite als Zeitalter der Produktion und die dritte als Zeitalter der Simulation.

    Simulakrum I: Imitation
    Situiert zwischen Renaissance und industrieller Revolution. Im Feudalismus waren die Anzahl und Art der Distinktionszeichen noch beschränkt. Der Zugang zu ihnen sei zum einem stark reglementiert und vom Status der Personen abhängig gewesen, die diesen Zugang erwünschten, zum anderen sei die Verletzung dieser Regeln als eine Uebertretung der gezogenen Grenzen verstanden und somit als Angriff auf die herrschende Ordnung und dementsprechend bestraft worden. Dadurch seien die Zeichen eindeutig gewesen und kaum interpretierbar. Dies habe eine Sicherheit geschaffen, die aber nur aufgrund dieser qualitativen und quantitativen Beschränkungen funktioniert habe.
    In dieser Zeit verfügten beispielsweise lediglich die staatliche und die kirchliche Gewalt über Bilder, die sie gezielt zur Repräsentation und Festigung ihrer Macht einsetzten.
    Zu Beginn der Renaissance habe sich das Prinzip des Status zu einem Prinzip der Nachfrage entwickelt. Die Exklusivität der Zeichen sei aufgebrochen worden, sie seien frei interpretierbar und kombinierbar und auch abbildbar geworden. Sie waren Imitationen der Originale, artifizielle Nachbildungen. Die Zeichen hätten eine Welt repräsentiert, die noch nicht von den Menschen manipuliert worden sei, deren Durchleuchtung aber hier ihren Anfang genommen habe. Das Streben des Menschen, sich neues Wissen anzueignen, äußere sich in dieser Zeit in dem Streben nach Universalität und dem Versuch "den Dingen ihre natürliche Beschaffenheit auszutreiben".
    All diese Zeichen waren aber immer noch der Natur oder dem Realen entlehnt. Als Beispiel sei hier der Stuck in den Häusern der Bourgeoise genannt, der es ermöglichte Natürliches durch Künstliches zu ersetzen. Die Renaissance simuliert in ihrer Formensprache die Antike. Es entsteht die Mode.
    "Fälschungen" aller Art profilieren (Falsche Hemdfronten, Barocke Architektur, Entstehung utopistischer Vorstellungen etc.). Die Zeichen reflektieren nicht mehr eine grundlegende Realität, sondern pervertieren und maskieren eine grundlegende Realität.

    Simulakrum II: Produktion
    Durch die industrielle Revolution ist eine neue Klasse von Zeichen entstanden. Diese Zeichen hätten nicht mehr die Natur imitiert und bilden somit einen radikalen Gegensatz zur Theatralik der Renaissance.
    Die neuen Zeichen, hergestellt durch mechanische Reproduktion und Fließbänder, hätten die Referenzsysteme Natur und Vernunft verloren.
    Die Beziehungen zwischen Signifikat und Signifikant, also dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten, wird hierbei gelöst, was eine Implosion von Bedeutungen auslöst.
    Unter diesen Voraussetzungen entsteht die Massenkultur, die als Zugangsberechtigung zu den einzelnen Zeichen nur noch das Geld kennt und deren neue Realität auf dem ökonomischen Prinzip gründet. Damit einher geht die Entzauberung des metaphysischen Glaubens an die Zeichen. Die Simulakren der zweiten Ordnung hätten eine Realität "ohne Echo, ohne Bild, ohne Schein" erzeugt, und weiter "so ist die Maschine, so ist das gesamte System der industriellen Produktion." Nicht zufällig ist das Aufkommen der Fotografie als Massenmedium in dieser Zeit zu situieren. Plötzlich steht eine sehr wirkungsvolle Methode einer breiten Masse zur Verfügung, beliebige Situationen einzufangen, abzubilden und zu vervielfältigen. Es herrsche eine beliebige Austauschbarkeit der Waren, des Geldes, eine grenzenlose Konvertierbarkeit und Indifferenz. Die Zeichen, produziert aus der Maschine, seien ohne Tradition. Die Anzahl der Objekte werde beliebig und die Objekte seien ununterscheidbar geworden und dadurch auch der Mensch. Während er im Zeitalter der Imitation noch ein aktives und kreativeres Wesen gewesen sei, werde der Mensch nun passiv.
    Er richtet sich nach den Laufzeiten der Fließbänder, nach den Vorgaben der Maschinen und den Standorten der Fabriken, erkennbar zur Zeit der industriellen Revolution im Pauperismus, in der Landflucht und damit zusammenhängend im Zusammenbruch der sozialen Netze der Dorfgemeinschaften und der Anonymisierung in den Städten, nicht nur bedingt durch das Zusammentreffen sich unbekannter Menschen aus zum Teil ganz unterschiedlichen Regionen, sondern auch durch die Unmöglichkeit des Aufbaus neuer sozialer Netze bei Arbeitszeiten von 15 Stunden und mehr täglich.
    Statt der Theatralik der Imitation nun die Nüchternheit der Produktion, der Beginn der "Mensch-Maschine" (Wolfgang Pirscher).
    Hier erwähnt werden sollte auch der grundsätzliche Gegensatz der klassischen Automaten der Antike, die als autark existierend, als "deus ex machina" verstanden wurden und der modernen Apparate bzw. Roboter, die ihre Bestimmung finden, als vom Menschen geschaffene und beherrschbare Prothesen zur Vervielfältigung oder Erweiterung der menschlichen Eingeschränktheit.
    Baudrillard: "Der Roboter (als Ideal) ist im Grunde immer ein Sklave. Er kann alle Eigenschaften besitzen, außer der einzigen, die gerade die Souveränität des Menschen ausmacht: er hat kein Geschlecht" (*1).
    Allerdings sollte hier noch erwähnt werden, daß Geschlecht und Fortpflanzungsorgan nicht zu verwechseln sind, denn zweiteres besitzt der Roboter im Menschen selbst.
    Trotz dieser einschneidenden Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur und im menschlichen Zusammenleben bezeichnet Baudrillard das Zeitalter der Produktion als relativ unbedeutende Phase in der menschlichen Entwicklung, denn unbegrenzte Reproduzierbarkeit sei vielleicht quantitativ eine beeindruckende Leistung, doch qualitativ eine eher dürftige Lösung zur Beherrschung der Welt.

    Simulakrum III: Simulation
    Die Grundidee der Virtualität und Virtualisierung ist keineswegs neu. Gestaltete Entwürfe, die unsere Welt in Form von Sprach-, Musik-, Text-, und Bildcodes modellieren, gibt es seit Beginn der Menschheit. "Sie finden sich als wegweisende Artefakte in Kunstwerken, in Büchern, auf Bildern und Plänen, im Film, in Kompositionen, in Maschinen, in Bauwerken. Immer wieder ergeben sich neue, aufregenden Kombinationen von Elementen der drei Universa des semiotischen Dreiecks: Realität, Mentalität, Symbolik."
    (*2) Durch die Revolution im Bereich der Informationstechnik werden die Grenzen, die es für die mechanische Reproduktion gab, aufgelöst. Wissen, Daten und Kultur können nun durch den digitalen Code und die Erfindung des Computers beliebig oft und schnell verarbeitet, verbreitet und kopiert werden.
    Damit verschwinde auch das letzte Referenzsystem Raumzeit. Dieses neue Zeitalter ermögliche die Erschaffung digitaler Welten und eine Dematerialisierung der vorhandenen Welt sowie die Verdrängung der Realität aus der Sinneswahrnehmung.
    Die Simulation verwische den Unterschied zwischen Imaginärem und Realität.
    Damit seien sowohl die physischen als auch die metaphysischen Referenzsysteme verschwunden. Die Zeichen verweisen also nicht mehr länger auf Inhalte und Ursachen, sondern nur noch auf Oberflächen und sich selbst.
    Dadurch verschwänden Bedeutungen und Differenzen, Kritik, Vernunft und Gut und Böse. Die Trennung zwischen Signifikat und Signifikant ist hiermit als absolut vollzogen anzusehen. Einschränkend stellt Baudrillard fest, daß es zwar noch reale Ereignisse gebe, diese aber hätten aufgrund ihrer Referenzlosigkeit ihren realen Bezugsrahmen verloren. In dieser referenzlosen Welt, in der es keinen Unterschied mehr gäbe zwischen Realität und Fiktion, entstehe die Hyperrealität. Dieser Begriff ist wohl am engsten mit Baudrillard verbunden.

    Die Hyperrealität
    "Umberto Ecos Hyperrealitätsdefinition ist eine Beschreibung des „Ueberrechten”. Doch bleibt seine Hyperrealität stets durchschaubar, stets erkennbar und immer als Kopie entlarvbar, wenn auch als Kopie, die sich ihrer Wahrnehmung her paradoxerweise „vor”das Original schiebt oder sich mindestens im Wettstreit mit ihm befindet."
    (*3) Baudrillard radikalisiert die Definition der Hyperrealität und bezeichnet sie als "...Generierung eines Realen ohne Ursprung in der Realität". Somit bedeutet für ihn das Hyperreale den totalen Verlust der wahrnehmbaren Differenz zwischen Kopie und Original und Auflösung allen Greifbaren, Referentiellen.
    Eine Referenz ist wie eine Art Rücklage, etwas worauf man zurückgreifen kann, ein Zeichen, welches sich auf etwas Reales bezieht. Im Verständnis der Moderne könnte man beispielsweise sagen, jede Form, jeder Quadratmeter in einem Gebäude hat seine Verankerung in der Funktion. Die Form ist somit Zeichen und die Funktion die Realität. Form follows Funktion - das Zeichen folgt der Realität. Im Verständnis der Hyperrealität ist das aber nicht so (...die Zeichen flottieren frei...
    (*1) ), das Zeichen ist losgelöst von der Realität, somit folgt die Form der Fantasie, der Selbstdarstellung oder der Selbsterfindung. Baudrillard meint dazu, der Begriff der Referenz, also der Bezug zum Realen spielt im Hyperrealen keine Rolle mehr. Wir leben also in einer Welt, die es uns beinahe unmöglich macht, jenseits von Repräsentationen, Modellen und Simulationen der Darstellung so etwas wie Realität auszumachen.

    Bilder der Simulation
    Zentral in Baudrillards Denken ist zudem die Vorstellung, daß sich im Signifikantenapparat des Kapitalismus und seiner Medienwirklichkeit die Aussage immer mehr von Wahrheitskriterien trennt, so daß eine umfassende Manipulation (das Ritual der "Verführung" (*1) ) des Konsumenten durch die permanente Simulation möglich wird.
    Laut Baudrillard verdrängt der gegenwärtige Umgang mit Medien und Konsumgütern die menschliche Interaktion, was folglich dazu führt, daß die Bedürfnisse der Konsumgesellschaft durch die Medien kontrolliert und manipuliert werden.
    Die Faszination, die Bilder in uns auslösen, sieht Baudrillard begründet in ihrer Asexualität und Unsterblichkeit in einer Zeit in der die Bedeutung des Geschlechts und des Todes immer mehr zurückweicht. Die Bilderflut, die die Medien erzeugen, sei nicht länger visuell, sondern taktil.
    Taktil deshalb, da der passive Nutzer oder Zuschauer ständig verschiedener "Tests" unterzogen wird. Diese Tests werden aber gar nicht ausgewertet; können sie auch gar nicht, da es die Bandbreite der Medien nicht zulässt, die Ströme der Information auch in eine andere Richtung fließen zu lassen.
    Es erfolgt also kein Feedback vom Zuschauer; vielmehr würden die Tests Verwendung finden um (politische) Meinungen oder Nachfrage (nach Produkten) zu modulieren, da jede Frage auch gleich die Antwort impliziere.
    Außerdem würden die ständigen Tests den Zuschauer betäuben, da sie in ihrer Fülle und ihrer Schnelligkeit überhaupt nicht mehr zu differenzieren seien.
    Auf dem Hintergrund dieser radikalen Einstellung kann Baudrillard auch das "Stattfinden" des Golfkrieges anzweifeln. Er zweifelt hierbei nicht an der historischen Tatsache des Konfliktes, sondern an der Hyperrealität der Berichterstattung in den Medien.
    Der eigentliche Kriegsschauplatz sei nicht der Irak, sondern das Medium, welches virtuelle Bilder einer Kriegssimulation gleich gesendet habe. Es verschwinde die Vorstellung von Zeit und Raum, selbst der eigene Tod werde hyperreal, da der Mensch durch die Echtzeitübertragungen die Möglichkeit erhalte, seinen eigenen Tod zu beobachten, etwa dann, wenn er die Bilder der raketeneigenen Kamera in seinem Fernseher sieht und erkennt, daß diese Rakete auf sein Haus zu rast und ihn töten wird.
    Während des Golfkrieges dominierte in den Medien eine äußerste Bilderflut, bei der kaum zu zwischen computersimulierten Bildern, Bildern von Waffenübungen und "echten" Bildern aus dem Konflikt zu unterscheiden war. Die Bilderflut verschleierte gleichermaßen das reale Ausmaß des Konflikts.
    Im krassen Gegensatz hierzu sei der Afghanistan-Konflikt zu erwähnen bei dem kaum Bilder die Öffentlichkeit erreichten, dafür aber immer und immer wieder die traumatischen Bilder des 11. Septembers in den Medien präsent waren. Die Flut der Bilder lässt es nicht mehr zu, sich und anderen Fragen zu den Inhalten zu stellen. Baudrillard dazu: "das Blatt hat sich also gewendet und die Medien haben unsere Rolle übernommen." Nicht mehr wir schaffen mit unseren visuellen bzw. sinnlichen Wahrnehmungen und unserem Verstand aus Umwelt Realität, sondern die Medien haben ein Eigenleben entwickelt und erzeugen Hyperrealität.
    Nur die Ereignisse, die in den Medien stattfinden, finden wirklich statt.
    Ereignisse werden im Hinblick auf die Medien erzeugt. Weitergehend sei an dieser Stelle Joseph Weizenbaum, emerierter Prof. am MIT, erwähnt; in diesem Zusammenhang über das Medium Internet: "das Internet ist stark wertend, da es nur den Dingen Existenzberechtigung einräumt, die es zum Inhalt hat."
    (*4) Marshall McLuhans Vorstellung "Medium is Message" verkommt also zu Medium ist Massage. Statt der Tatsache, daß sich jedes Individuum die Informationen, die es braucht besorgt und diese Möglichkeit auch nutzt entwickelt sich ein Stadium, in dem es keinerlei Kommunikation gibt.
    Die "magischen Kanäle" (McLuhan) verlaufen meist in einer Einbahnstraße. Die Indifferenz und Inhaltslosigkeit äußert sich desweiteren in dem Simulakrum der Wahlen und Umfragen. Auch hier liege, genau wie bei der Vielzahl der Radio- und Fernsehsender, die Täuschung einer Wahlmöglichkeit vor.
    Aufgrund der Indifferenz der Parteien, Institutionen, Interessengemeinschaften und Organisationen manifestiere das Trugbild der freien Meinungsäußerung die Unfreiheit. Bei einer Bundestagswahl hat der Bürger nur die Möglichkeit eine Partei zu wählen, welche in diesem System und von dieser Gesellschaft als demokratisch zugelassen ist (im Gegensatz zur Weimarer Zeit, welche laut Baudrillard vor dem Zeitalter der Simulation existierte) und unterstütze somit ganz unabhängig von seiner letztendlich getroffenen Wahl doch das Bestehende. Möchte er gegen diese Beschränkung klagen, kann er dies nur bei einem Gericht dieses Systems und spricht somit selbigen eine Legitimation aus, durch die er es wiederum manifestiert und reproduziert.

    Verschwinden
    Letztendlich löse sich der Mensch in der Hyperrealität ganz auf. Der Mensch wird reduziert auf die Funktion eines Werkzeuges und tritt nicht mehr visuell wahrnehmbar in Erscheinung. Baudrillard in diesem Zusammenhang über verschiedene Geräte:
    "der (Anrufbeantorter, der) für uns das Telefonieren übernimmt, oder der Videorecorders, der für uns die Filme schaut. Es scheint fast so, als ob wir ein schlechtes Gewissen hätten, uns dem System und den Medien zu entziehen und so elektronische Geräte zwischenschalten." (*1) Ein Symptom dieses Zustandes können wir bei der Technik des Motion Capture für die Herstellung voll-digitaler Filme erkennen. Dabei wird ein Schauspieler mit Referenzpunkten ausgestattet, die ein Computer erkennen und auswerten kann.
    Der Mensch "leiht" seinem digitalen Gegenspieler, dem Avatar seine sichtbare Körperfunktion, also seine gesamte körperliche Motorik, seine Gestik und seine Mimik, er selbst tritt aber in den Hintergrund, wird in diesem Falle von der "Maschine" im Baudrillardschen Sinne verdrängt. Ob das nun zum gängigen Mittel in der Filmindustrie wird, bleibt abzuwarten. Ich denke es wird eher als substituierendes Mittel weiterhin perfektioniert Verwendung finden.

    Fazit
    Der entscheidende Unterschied zwischen Simulation und Hyperrealität besteht meiner Meinung nach, darin, daß die Simulation in der Realität verankert ist, sie liefert eine Ersatzwirklichkeit. In der Hyperrealität jedoch steht nichts Ursprüngliches oder Reales mehr hinter dem Zeichen. Somit liefert diese Form der Repräsentation keine Ersatzwirklichkeit mehr, sondern entwickelt eine eigene Wirklichkeit - eine Hyperrealität.
    Ob das nun das "schlechte Gewissen" ist, wenn der Mensch Apparate zwischenschaltet, um der sozialen Interaktion zu entgehen ist dabei ziemlich fraglich.
    Fest steht, daß der Mensch sich schon immer über seine Fähigkeit definiert hat, Zeichen aufzunehmen, zu interpretieren und in einem neuen Zusammenhang zu reproduzieren. Das scheint essentiell wichtig zur Wahrnehmung der eigenen Existenz. Das reproduzierte Zeichen als Spiegel des eigenen "Sein" äußert sich im inneren Drang, Gegenstände zu beleben,sie mit einer "Seele" (Charakter, Intelligenz, etc.) zu versehen, also in diesem Sinne antropomorh zu gestalten.
    Komplexe Strukturen, wie wir sie in Maschinen und Wesen "einpflanzen", repräsentieren das Bild des Menschen selbst. Momentan stehen dafür so viele Mittel zur Verfügung wie noch nie in der Geschichte zuvor und diese reichen mittlerweile nicht nur an die Fähigkeiten des Menschen, sondern könnten diesen auch ersetzen (Klonen). Zumindest wäre die Gentechnik als logische Vollführung des Gedankens des "Schaffens" anzusehen.
    Im technischen Sinne ist ja heute schon alles denkbar und alles was denkbar ist, wird wohl früher oder später auch in die Tat umgesetzt werden.
    In der Hyperrealität macht es keinen Sinn mehr, zwischen inszenierten und authentischen Erfahrungen zu unterscheiden. Hyperreal bedeutet soviel wie realer als real. Realität ist unwichtig - ich bin realer. Eines möchte ich auswertend zu den genannten Beispielen noch sagen, inwieweit sich das Wahrheitsgehalt der Zeichen in Bezug auf die Realität in der heutigen Zeit schon verflüchtigt hat, mal mehr, mal weniger, mal noch völlige Zukunftsfiktion, eines ist klar, die Simulationen werden besser, die Verführung wächst und die Modellvorstellungen der Dinge, jede Illusion, jede aus heutiger Sicht noch so entfernte Fantasie, kann durch immer perfektere Simulationen hyperrealisiert werden.

    Quellennachweis:
    (*1) Jean Baudrillard in "Der Symbolische Tausch und der Tod", 1976, Merve-Verlag und in "Das System der Dinge", 1968, 2001, Frankfurt am Main, Campus Verlag GmbH
    (*2) Dietrich Peter in "Metasimulation und Hyperrealität" aus Carolo-Wilhelmina 1/2001
    (*3) Karina Preiß in "Orte des Vergnügens – Von Orten, Nicht-Orten und Simulationen" Vortrag an der Bauhaus-Universität Weimar 10/2001
    (*4) Joseph Weizenbaum auf dem Symposium "Netz und Netzwerke" organisiert von der Bauhaus-Stiftung und dem Ulmer Museum HfG-Archiv, 2001, Rotis
    Belegarbeit Designgeschichte II - Stefan Oßwald - mail: osswald@burg-halle.de - URL: www.burg-halle.de/~osswald



    8. RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"

    Das Schicksal der Echo

    Stimme, Ueber-Ich und Musik - Von der Triebhaftigkeit im Akustischen

    Die beiden tragenden menschlichen Kommunikationsfelder, also sowohl Sehen/Gesehenwerden als auch Sprechen/Hören, finden sich in ihrer Bedeutung für den Subjektivierungsprozess im Mythos von »Narziss und Echo« thematisiert. Die von den beiden Figuren der Geschichte jeweils verkörperten Spiegelfunktionen, die zunächst für die Bildung eines imaginären Ich [hierzu in Kap. 4: Entstehung des Spiegelstadiums] – einerseits durch den Blick und andererseits durch die Stimme – bedeutsam sind, werden aber zumeist zugunsten einer letztlich nicht haltbaren Vorrangigkeit des Visuellen gegenüber dem Akustischen abgehandelt.
    So hat man auch in den klassischen psychoanalytischen Triebkonzepten zwar einen dem Auge korrespondierenden Schautrieb herausgearbeitet, nicht aber ein aus Stimme und Gehör zusammengesetztes eigenes Triebdispositiv. Hingegen hat Lacan einen sogenannten Anrufungstrieb ('pulsion invocante') konzipiert, welcher der besonderen Topologie und der speziellen Dynamik eines aus »Hören und Tönen« bestehenden Partialtriebgeschehens Rechnung trägt. Das für Bewusstseinsbildung und Intersubjektivitätsentwicklung relevante Ur-Objekt dieses Triebs, dessen Elemente man als »sonore Objekte« bezeichnen kann, ist die menschliche Stimme. Sie soll unter dem Blickwinkel ihrer Bedeutung für die Genese der Ueber-Ich-Strukturen Beachtung finden, bevor auf ihre Rolle für das Geniessen im Musikalischen eingegangen wird, das durch spezifische Sublimierungs- und Idealisierungsvorgänge auf Trieb- und Objektseite ermöglicht wird.
    Zunächst aber sei an die mythische Geschichte der Echo im Zusammenhang mit jener von Narziss/Narkissos erinnert:
    Ovid führt dazu aus: Es liegt offenbar an der scheinbaren Uebermacht des Auges und an der aussergewöhnlichen Sinnfälligkeit des Visuellen, dass in den alltäglichen Kurzfassungen der hauptsächlich als »Narzissmythos« tradierten Geschichte das Schicksal der Echo so konsequent unterschlagen wird, was uns wie eine tragische Wiederholung ihres Verschmähtwerdens in der Erzählung selbst anmutet.
    Dabei ist dem Primat des Optischen und der Vorrangigkeit des Visuellen die Vorgängigkeit des Akustischen gegenüberzustellen. Denn in der Entwicklung des Subjekts und in seiner Naturgeschichte der Sinne geht das Universum des Hörbaren der Welt des Sichtbaren eindeutig voraus, wenngleich die offenbar grössere Gier des Auges und die stärkere Ueberzeugungskraft seiner Bilder das von Immaterialität und Intensität bestimmte Akustische stets in den Hintergrund zu drängen versucht. Hingegen ist es aber der ursprünglich von der Stimme getragene Diskurs, der uns einen Ausschnitt aus der Unendlichkeit des Sichtbaren liefert, indem er bestimmt, was zu sehen ist und damit der Intentionalität des Schautriebs Inhalte und Strukturen bereitstellt.
    Damit wird der Sprache und ihrer Ordnung eine organisierende Funktion gegenüber der reinen Dingwelt eingeräumt, was auf die Anerkennung hinausläuft, dass die Ordnung der Wörter der Ordnung der Dinge vorausgeht.
    Ohne Zweifel hat sich in unserer Kultur während der letzten Jahre der vielbeschworenen Bilderflut ein Tonschwall und ein Stimmengewirr hinzugesellt. Diese Phonomanie, die einem gegenwärtigen Panoptikum ein Panakustikum gegenüberstellt und im Rahmen einer bereits gesellschaftlich geforderten akustischen Tele-Präsenz mit einem (Lust-)Zwang zu intersubjektiver Kommunikation auf partieller Basis einhergeht, ist selbstverständlich soziokulturell vielschichtig determiniert. In Anbetracht einer bisweilen in die Obszönität der öffentlichen und privaten Telefonerotik reichenden Hör- und Sprechlust, welcher immer auch der Verdacht einer Vermeidung sogenannter ganzheitlicher zwischenmenschlicher Beziehungen anhaftet, lässt allerdings auch die Frage nach einer akustisch determinierten Triebhaftigkeit auftauchen, welcher von der Psychoanalyse bisher – wenn überhaupt – nur randständige Bedeutung eingeräumt worden ist. In diesem Zusammenhang wäre es übrigens verlockend, der vom Auge dominierten Gefallsucht des Narzissmus eine als »Echoismus« zu bezeichnende Neigung, sich selbst gerne reden zu hören, gegenüberzustellen. Ein aus Stimme und Gehör zusammengesetztes Triebdispositiv, welches die Zusammenarbeit zweier getrennter Apparate bzw. Organe impliziert, zeigt sich im allgemeinen aber eher von sublimem Charakter, weil es vor allem von dem von Mässigung und Vernunft getragenen Feld des Sprechens besetzt wird. Bezieht man sich hingegen stärker auf das rein Stimmliche, so ist man dem Triebhaften bereits näher. Einerseits kommt der Stimme in der Radikalität des Schreies unmittelbare und unvermittelte Ausdruckskraft realen seelischen Erlebens zu, andererseits spielt sie, vereint mit sadomasochistischen Strebungen, in jeder Macht- und Herrschaftsausübung eine entscheidende Rolle.
    Hier trefen Mündigkeit und Hörigkeit in aggressiver Weise zusammen, wenngleich dem Hören in seiner scheinbaren Passivität nicht von vornherein dieselbe Triebhaftigkeit wie dem stimmlich Expressiven eingeräumt werden kann. Es ist jedoch zu bedenken, dass auch dem Begriffsfeld des Hörens Wahrnehmungsmodalitäten verschiedener Intensität mit verschiedenem Aktivitätsgrad zugehören, so dass Steigerungsstufen etwa vom Zuhören über das Lauschen, Horchen, Aushorchen, Verhören bis hin zum sogenannten Lauschangriff die Unschuldsvermutung des Ohrs in Frage stellen und seine Einbindung in ein triebdynamisches Geschehen als sinnvoll erscheinen lassen. In dieser Hinsicht wäre dann auch das Ohr, so wie das Auge, eine autonome erogene Zone und die Quelle eines spezifischen Triebes.

    Der Anrufungstrieb

    Wie bereits angedeutet, kommt in Freuds Triebtheorie und in seiner Entwicklungsgeschichte der Triebe zwar dem Sehen, aber nicht dem Hören/Sprechen triebhafte Bedeutung zu. Dies ist umso erstaunlicher, als Freud auf seinem Erkenntnisweg gerade mit seinem Richtungswechsel von der Beobachtung zur Anhörung zu einem besseren Verständnis des menschlichen Psychismus dahingehend gelangte, dass sich die Spezifität des Menschen der Sprache und dem Sprechen verdankt und dass das menschliche Subjekt – als 'animal symbolicum' im Sinne Cassirers – vor allem ein der symbolischen Ordnung unterworfenes Subjekt und damit ein höriges und mündiges Subjekt ist. Auch in späteren psychoanalytischen Standardwerken sind Stichworte aus dem Bereich von Stimme und Gehör kaum zu finden. Es scheint, als ob die an das Sprechen und Zuhören gebundene Psychoanalyse nur schwer ihr Standbein bewegen könne, um sich durch Infragestellung und Analyse ihres entscheidenden Trägermediums nicht ihres Fundaments zu berauben.
    So bildet sich am Ort der Psychoanalyse als dem Ort des schärfsten Hörens ein Zentrum aus, das analog zum blinden Fleck auf der Netzhaut als tauber Fleck im Ohr imponiert.
    Es bedurfte offenbar einer Wende in der Geschichte der psychoanalytischen Theoriebildung, um die Existenz eines spezifischen und relativ abgegrenzten akustischen Partialtriebs in Erwägung zu ziehen. Der von Lacan und seiner strukturalen Psychoanalyse eingeführte Perspektivenwechsel, den man nach dem 'linguistic-turn' Freuds als 'imaginary-return' bezeichnen könnte, hat offenbar die Frage nach der Funktion der Stimme und ihrer Objekthaftigkeit bezüglich eines spezifischen, an das Gehör gebundenen Triebes in den Vordergrund gerückt. Die Herausarbeitung von Blick und Stimme als eher verkannte Objekte zweier Partialtriebe sind auch in Zusammenhang mit der psychiatrischen Erfahrung Lacans und insbesondere mit seiner Beschäftigung mit der Ich-Entstehung und dem Problem der Psychosen zu sehen.
    Unter der Prämisse, dass es eine so genannte ganze Sexualstrebung als Repräsentation einer Triebgesamtheit am Endpunkt der psychosexuellen Entwicklung nicht gibt, ist jeder Trieb (und damit auch der Genitaltrieb) prinzipiell Partialtrieb und als solcher bekanntlich durch seine Quelle, durch sein Objekt und durch sein Ziel bestimmt. Aus diesem Grund unterscheidet Lacan, Freud folgend, die Ebene der (Sexual-)Triebe relativ deutlich von jener der Liebe, welche im Gegensatz zum »kopflosen« Subjekt des Triebs die Bildung eines zunächst imaginären Gesamt-Ich sowie schliesslich eines vom sprachlich/symbolischen Anderen her bestimmten Subjekts impliziert.
    Während sich der Partialtrieb an einem Objekt Befriedigung verschaffen kann, bleibt er andererseits stets zielgehemmt, weil das Ziel der Sexualität der Arterhaltung und der geschlechtlichen Reproduktion dient. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint dann auch das Triebobjekt als etwas Sekundäres, was Freud bekanntlich in der Weise ausgedrückt hat, dass das Variabelste am Trieb das Objekt sei. Dieses Triebobjekt ist als solches immer als ein Rest und als ein Abfall zu verstehen, Effekt der Verhaftung des Subjekts und seiner Um- bzw. Innenwelt mit der Sprache. Es ist der Rest eines ursprünglichen, unvermittelten, aber auch nicht bewussten Geniessens, worauf das Subjekt zu verzichten hat, wenn es sich in der sogenannten symbolischen Kastration der Vermittlungsfunktion des Zeichens und der Sprache unterwirft.
    "Das Wort ist der Mord am Ding", sagt Hegel, und das aus dem unvermittelten Ding durch das Symbol entstandene Objekt ist somit Abfall des Signifikanten und damit Ur-Sache des Begehrens als Ausdruck eines symbolisch nicht assimilierbaren Ueberbleibsels, das nur im imaginären Szenario des Phantasmas dem Subjekt gegenüber seinen Platz findet. Dieses Objekt, das ewig fehlt, dieses stets gesuchte und für immer verlorene Objekt, das bei jeder erneut auftretenden Bedürfnisspannung auf ein ursprüngliches Befriedigungserlebnis verweist und durch eine Besetzung von Erinnerungsspuren charakterisiert ist, kennzeichnet Lacan, wie bereits mehrmals erwähnt, mit dem Begriff des Objekts »a«. Dabei wird jedem Partialtrieb ein spezifisches Ur-Objekt zugeordnet, dessen Merkmal es aber ist, Objektalität dadurch zu besitzen, dass es sich von einem Körper ablösen lässt, weil sich zunächst alle Erfahrungen des Kindes auf den Körper beziehen. Dieser Körper ist sowohl der Körper des anderen als auch der eigene Körper, weil auf dieser Ebene der Subjektgenese der Transitivismus der imaginären (Spiegel-)Beziehung vorherrscht [vgl. Kap.4: Spiegelstadium] (nach Freud ist die erste Objektbeziehung eine Identifizierung: 'Ich ist ein anderer und der andere ist Ich', bzw.: 'Was ich begehre, das bin ich auch!').
    So stellt Lacan den Freudschen Triebmodalitäten des Oral-, Anal- und Schautriebs die von einem Körper ablösbaren Objekte Brust, Faeces und Blick gegenüber, und obwohl in dieser Liste auch die Stimme als spezifisches Objekt figuriert, ergibt sich für deren Zuordnung zu einem entsprechenden Partialtrieb ein Problem (siehe dazu v.a. Lacan 1964 S.204f; Miller, 1994; Ruhs 2003 S.147-164).

    Beim Versuch, dem Objekt Stimme einen genuinen akustischen Partialtrieb zuzuordnen, ergibt sich in erster Annäherung die Schwierigkeit, dass hier offensichtlich zwei im Organismus voneinander getrennte Organe im Spiel sind. Denn in die Modalitäten des Hörens und des Sich-hören-Machens treten sowohl der Stimmapparat als auch der Hörapparat in ihrer Heterotopie in Funktion. Lacan macht für die Eigenart eines solchen Triebs, den er als 'pulsion invocante'/Anrufungstrieb bezeichnet, eine von vornherein bestehende sozialkommunikative Funktion geltend.
    Zunächst ist zu beachten, dass die Ohren als Wahrnehmungsorgane Körperöffnungen sind, die sich nicht schliessen können. Im Gegensatz zum Sich-sehen-machen im Bereich des Schautriebs, wo im Exhibitionismus eine narzisstische Rückkehrbewegung vom Objekt zum Subjekt stattindet, indem man letztlich sich selbst über den anderen beschaut, geht aus strukturellen Gründen das analoge Sich-hören-machen an den Anderen, was einen entscheidenden Schritt in die Dimension des intersubjektiven Miteinanders bedeutet.
    So ist es offenbar gerade diese Streckung des Bogens der Triebbewegung, welche durch das Zusammenwirken zweier erogener Zonen innerhalb eines Partialtriebkomplexes bedingt ist, dass der Stimme und ihrem Ausdrucks- und Rezeptionsapparat eine so bedeutsame Stelle in der Bildung des Ueber-Ich zuteil wird. In diesem Aufklaffen eines Bedürfnisses müsste also einer der Gründe für die Möglichkeit dessen liegen, was einer Objektbeziehung ausserhalb einer unmittelbaren und unvermittelten, eben kopflosen Reflexivität anderer Partialtriebdynamiken entspricht.

    Ueber-Ich

    In Bezug auf das Ueber-Ich, das sich im psychoanalytischen Diskurs nicht auf eine Instanz der Moral, der Kritik und der idealen Werte im Sinne eines Ueber-Ichs des Bewusstseins reduzieren lässt, müssen wir bekanntlich zwei Formationen der Ueber-Ich-Strukturen unterscheiden und dem Ueber-Ich im engeren Sinne (d.h. als Erbe des Oedipuskomplexes) ein grundsätzlich unbewusstes archaisches und tyrannisches Ueber-Ich gegenüberstellen. Denn ausser der mit der Fähigkeit zur Objektbesetzung und Identifizierung mit dem Objekt (als anderem Subjekt) einhergehenden Bildung des Ich-Ideals, welches die Wurzel des reiferen Ueber-Ich darstellt [vgl. Kap.1], ist Freud zufolge eine zweite Instanz zu beachten, welche sich in der primitiven oralen Phase des Individuums noch diesseits einer Trennung von Objektbesetzung und Identifizierung konfiguriert. In »Das Ich und das Es« schreibt Freud: Erst auf dieser widersprüchlich und paradox anmutenden totalen Identifizierung mit einem Objekt als ganzem scheinen sich mit der Organisation des Geniessens in der ödipalen Phase jene imaginären und symbolischen Identifizierungen als Ueber-Ich im engeren Sinne herauszubilden, welche ebenfalls eine Paradoxie und Widersprüchlichkeit zu überwinden haben. Denn Freud weist darauf hin, dass das Ueber-Ich nicht einfach ein Residuum der ersten Objektwahlen des 'Es' ist, sondern dass es auch die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen dieselben hat: In diesem Sinne lässt sich das Ueber-Ich nicht auf das Gesetz reduzieren, sondern auf einen Komplex von Gesetz und Geniessen, wobei das Gesetz nicht das (inzestuöse) Begehren des Kindes verbietet, sondern nur dessen Befriedigung, dessen Genießen. Daraus folgt weiterhin, dass sich ein Teil des Individuums mit dem Begehren identifiziert, ein anderer mit dem Gesetz bzw. mit dem Verbot, was hinsichtlich des Genießens zu drei verschiedenen Verhaltensweisen führt: zunächst muss das Objekt auf das verbotene Genießen verzichten, sodann aber auch sein Begehren bezüglich des als unerreichbar erachteten Genießens aufrechterhalten und schließlich seine körperliche und seelische Integrität vor der Gefahr der Zerstörung retten, was sich insbesondere auf die Rettung des Penis durch die Kastrationsdrohung als Stütze des Gesetzes bezieht. »Wenn das Ueber-Ich diese drei Prinzipien auf eine einzige zwingende Formel bringen könnte, würde es dem Ich anordnen: ›Begehre das Absolute, auf das Du verzichten musst, weil es für Dich verboten und gefährlich ist!« (Nasio 1999 S.108).
    Die Beziehung des Ueber-Ich zum Genießen entspricht der engen Es-Ueber-Ich-Relation bei Freud: »Somit steht das Ueber-Ich dem Es dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür entfernter vom Bewusstsein als das Ich« (Freud 1923 S.315). Und an anderer Stelle: »Während das Ich wesentlich Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Ueber-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber« (ebd. 303). Weiter ausgeführt bedeutet dies folgendes: Das andere schon von Freud postulierte archaische Ueber-Ich ist aber diesem Ueber-Ich des moralischen Bewusstseins mit seinen Funktionen des Verbots, der Ermunterung und des Schutzes entgegengesetzt. Es ist von besonderer psychoanalytischer Relevanz, weil es unbewusst das moralische, kritische und ideale Bewusstsein des hauptsächlich dem Rationalen untergeordneten Ueber-Ich subvertiert.
    »Während das Trachten des Ueber-Ichs des Bewusstseins zur Förderung des Wohlbefindens beiträgt, gibt es ein anderes, wildes und grausames Ueber-Ich, das zum großen Teil Ursache für menschliches Elend sowie absurder und infernalischer Handlungen des Menschen (Selbstmord, Mord, Zerstörung und Krieg) ist.
    Das ›Gute‹, das uns das wilde Ueber-Ich zu finden befiehlt, ist nicht die gute Moral (d.h. das, was aus der Sicht der Gesellschaft gut ist), sondern das absolute Genießen selbst. Es befiehlt uns, jede Grenze zu überschreiten und die Unmöglichkeit eines unaufhörlich sich entziehenden Genießens zu erlangen. Das tyrannische Ueber-Ich befiehlt und wir gehorchen, ohne zu wissen, auch dann, wenn es oft den Verlust und die Zerstörung dessen herbeiführt, was uns das Teuerste ist« (Nasio 1999 S.110).
    Dieses grausame Ueber-Ich repräsentiert gegenüber dem Ich nun ausschließlich die ekstatische Kraft des Es, dem es befehlenden Nachdruck verleiht. In diesem Sinne müssen wir Lacans Formulierung »Das Ueber-Ich ist der Imperativ des Genießens – Genieße!« verstehen. Auf der (vergeblichen) Suche nach einer absoluten Befriedigung führt dieses Ueber-Ich das Subjekt zu den grausamsten Handlungen bis hin zu Verbrechen, Selbstmord und Mord, wodurch es sich als die »kulturelle« Ausformung des Todestriebes bzw. des reinen Triebhaften erweist. Aber auch dieses Ueber-Ich wirkt auf den drei Ebenen des Verbots, der Ermunterung und des Schutzes, wenn auch auf krankhafte Weise übersteigert. Während die übertriebene Ermahnung zur Realisierung destruktiver Impulse führt, gibt das zu strenge Verbot Anlass zu absurden Manifestationen der Selbstbestrafung wie etwa im Falle der Melancholie oder bestimmten paranoiden Entwicklungen. Als Ich-Protektor kann es schliesslich derartig eifersüchtig über das Subjekt wachen, dass es zu einem von sinnlosen Verboten charakterisiertem Verhalten führt.
    Was nun die Genese dieses grausamen Ueber-Ich anbelangt, ist es als »Erbe eines primitiven Traumas« zu betrachten, in welchem das Zerrbild eines Verbots in einer zum grotesken Schrei deformierten Stimme zur Wirkung gelangt und ein Phantasma erzeugt, das durchaus jenen oralen und sadistischen Phantasmen des Säuglings entspricht, wie sie durch die Schule Melanie Kleins in Bezug auf eine frühzeitige Ueber-Ich-Bildung herausgearbeitet wurden. Innerhalb einer solchen Phantasiebildung kann das Kind die Stimme eines Erwachsenen wie einen brutalen und verletzenden Befehl erleben: Indem das Symbolische im Sinne einer Verwerfung energisch zurückgewiesen wird, reduziert sich die Substanz dieses Ueber-Ichs auf ein herumirrendes Stimmfragment, das als ein Partialobjekt das sinn- und bedeutungslose Loch im Realen imaginär als »wildes und unsinniges Dröhnen des Gesetzes« (ebd. 114) auffüllt.

    Musik

    Von dieser wahrlich archaischen Dimension der Stimme ausgehend ergibt sich ein anderer Zugang zum psychoanalytischen Verständnis des Wesens musikalischer Phänomene als von jener Verfassung der Stimme, die bereits von der Kategorie des Wortes eingenommen worden ist. In diesem letzteren Sinn ist sie nicht mehr als partielles Ur-Objekt im Sinne eines Objekts »a« zu betrachten, sondern als ein vom signifikanten System eingefangenes phonematisches Objekt. Aber gerade in Bezug auf das Genießen in der Musik zeigt sich mit Nachdruck die Möglichkeit der Umgehung der symbolischen Kastration, weil sich die Musik besonders vehement gegen Sinn- und Bedeutungszuordnungen wehrt.
    Wenn auch die Stimme im weitesten Sinn des Begriffes jenem Realen des Körpers und der Körper entspricht, in welches die notierten Signifikanten ihre Einschnitte, Modulationen und Artikulationen einbringen, und wenn sie als solche ein grundsätzliches Urobjekt der Musik darstellt, so ist doch für die Erfassung der reinen Dimension des Genießens in der Musik jenseits des Symbolischen ein Begrif zu erwägen, welcher einer präziseren Bestimmung und damit einer gewissen Festlegung entgeht. Man könnte sich diesbezüglich an den Terminus eines Klangobjekts halten, welches wie alle anderen Objekte von Trieben ein vages, unabgegrenztes und verlorenes Objekt repräsentiert. Dieses Klangobjekt scheint dem Restobjekt Lacans, dem Objekt des Genießens und des ursprünglichen Befriedigungserlebnisses, das, wie bereits erwähnt, durch die Einschreibung als Erinnerungsspur ins Register der Signifikanten verloren geht und immer wieder gesucht wird, eher zu entsprechen als das in den Dimensionen von Psychose und Neurose relevante Objekt der Stimme in ihrer Nähe zum Geniessen und zum bewusstseinsfähigen und bewusstseinsnahen Organ des ödipalen Ueber-Ichs.
    Durch Sprache und Sprechen, durch die Wirkung des Signifikanten verwandelt sich nach Lacan das Objekt »a« als »Objekt des Genießens« in ein »Objekt-Ursache des Begehrens«, welches nun, dem Begehren als einem grundsätzlichen Begehren des (immer) anderen unterworfen, ein stets ersehntes und gesuchtes Objekt ist. Für einen Autor wie Leikert (1994) bedeutet die Suche nach dem verlorenen Objekt in der Musik vor allem die Suche nach der absoluten Stimme, wobei gerade im Kastraten dieses ultimative Klangobjekt in herausragender Weise verkörpert erscheint. Die reale Kastration anstelle der symbolischen bedeutet für das Subjekt, nicht zum Subjekt des Signifikanten, sondern zum Objekt des Genießens zu werden, wodurch die Fetischfunktion des Kastraten und der Zusammenhang von Musik und Perversion deutlich wird. Hier nimmt also der Kastrat den Platz des Klangobjekts ein. Das Absolute an diesem Objekt ist für Leikert (ebd.) der Schrei jenseits der binären Artikulation des Sprechens, in dem der Signifikant das Geniessen aufgehoben hat. Dabei wird auch die Zeit-Ordnung aufgehoben, die eine Leistung des Signifikanten ist (nach Hegel ist bekanntlich der Begriff die Zeit des Dings).
    So wird der Begriff des Moments der Stimme, welcher in verschiedenen Variationen in den diversen Musikstücken auftaucht, zum Inbegriff eines Moments des Geniessens. Die dem Schrei benachbarte musikalische Stimme als Klangobjekt eines akustischen Partialtriebes ist somit der letzte Schutzschirm vor der Unerträglichkeit des Realen des Triebs, welcher hier in besonderer Weise seine imaginäre Zähmung erlangt.
    Der reale Untergrund der Musik bedeutet auch eine Verkörperung des Seins und eine Vergegenwärtigung der Existenz selbst. Als Sublimierung eines angeblich kaum erträglichen Ur-Geräusches im Mutterleib, eines ontogenetischen Ur-Knalles gewissermaßen, siedelt sich die Musik am Rande des Diskurses an, aus welchem sie hinunterreicht in die Unmittelbarkeit und Unvermitteltheit des Realen und damit sowohl in den Bereich des reinen Lebens als auch des reinen Todes.
    Quellen:
    Freud, S. (1923): Das Ich und das Es. Studienausgabe Bd. III, S.273-330
    Lacan, J. (1964): Das Seminar von Jacques Lacan, Buch XI: Die vier Grundbegrife der Psychoanalyse. Olten: Walter, 1978
    Leikert, S.(1994): Das Objekt des Geniessens in der Musik. In: RISS, Nr.26, S.5-18
    Miller, J.-A. (1994): Lacan et la voix. Quarto Nr. 54 (1994): 47-52
    J.-D.Nasio (1988): 7 Hauptbegrife der Psychoanalyse. Turia & Kant, Wien 1999
    Ovid: Metamorphosen. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1964
    Ranke-Graves, R. (1955). Griechische Mythologie. Reinbek: Rowohlt, 1985
    Ruhs, August (2003). Der Vorhang des Parrhasios. Schriften zur Kulturtheorie der Psychoanalyse. Sonderzahl, Wien
    Ruhs, August (2010). Lacan - Eine Einführung in die strukturale Psychoanalyse. Wien: Löcker, hier: S.174-188



    Ganze Welten und Systeme scheinbar gesicherter Erkenntnis sind im vergangenenen Jahrhundert zusammengebrochen. In dieser Situation ist der Klangcharakter der Welt eine der wenigen Sicherheiten, die wir besitzen: Die Welt ist Klang, ist Rhythmus und Schwingung.Behrendts Buch ist eine Reise durch Asienund Europa, durch Afrika und Lateinamerika, aber vor allem ist es eine Reise durch die unerforschten Regionen des Unbewußten, das sich uns als eine Landschaft aus Klängen darstellt.
    Quellen:
    Berendt, Joachim-Ernst (2005). Nada Brahma - Die Welt ist Klang. XY: Rowohlt.
    Sloterdjik, Peter (20xy) ..........................

    Nachdem in den bisherigen Argumentationen ein erster dialektischer Raum eröffnet wurde zwischen Strukturmerkmalen bzw. einer Sichtweise der Regulation (y-Achse) und dynamischen Mermalen der Relation (x-Achse, vgl. Tab. xy), bildet die im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu skizzierende Denkfigur ein zweites Modell zum Verständnis narzisstischer Phänomene: die Dialektik von wahrem und falschem Selbst wie es v.a. bei Donald Winnicott und Karen Horney (zwei Psychoanalytikern) bereits Mitte des 20. Jahrhunderts auftaucht, in den 70er Jahren aber auch z.B. bei Alice Miller und James Masterson vorkommt und in jüngerer Zeit sogar in der Soziologie eines Manfred Prisching oder eines Ronald Hitzler, vgl. Kap. XY.

    Wir werden im folgenden feststellen, dass uns hierzu die diversen Narzissmus-Konzepte nicht mehr sehr weiterhelfen, weil Narzissmus per definitionem immer etwas Künstliches, Gespieltes, Unechtes in sich birgt, also weitgehend dem falschen Selbst entspricht.
    Zur Unterscheidung von Echt vs. Falsch oder auch zwischen innen und aussen oder auch zwischen Selbst und Andere, sind körpernahe und begegnungsorientierte Resonanzphänomene eine viel bessere Orientierungshilfe, um die unterschiedlichsten bewussten wie unbewussten Manipulationsversuche (der Werbung beispielsweise, Kap. 3 oder der Propaganda, Kap. 5) zu entlarven und somit zu unterscheiden von echten, engagierten und kraftvollen (Stichwort: Empowerment, Embodiment, Enactment) Handlungen und Erlebensweisen.

    Balance, Rhythmus, Resonanz: Auf dem Weg zu einer Komplementarität zwischen »vertikaler« und »resonanter« Dimension des Unbewussten

    Aus dem bis hierher beschriebenen folgt: Das wahre Selbst ist nicht besser oder schlechter, nicht wahrer oder falscher als das falsche Selbst bzw. der Narzissmus, sondern erfüllt andere, nach innen gerichtete, "private" Funktionen des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Im Zusammenspiel der beiden (daher der Buchuntertitel: 'Regulation in Relation') entsteht erst ein ausbalanciertes und "stimmiges", bzgl. sich und glztg. den anderen achtsames Lebensgefühl und eine robuste Identität als Andere anerkennender und wertebewusster Mensch.



    9. DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"

  • Demokratie oder Diktatur: in Politik, Pädagogik und Psychotherapie
  • Das demokratische Zusammenleben der Kulturen jenseits eurozentristischer Arroganz
  • Ein psychoanalytischer Beitrag zum Verständnis des Islam: Die Verletzung des Selbstwertgefühls
  • Demokratie, Gerechtigkeit, Kommunitarismus und Ethik
  • HEGEL - Kampf um Anerkennung im deutschen Idealismus
  • Axel Honneth: "Verwilderungen" - Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert
  • Verwilderung - Die Empörung des Wutbürgers
  • Kritische Theorie und der Narzissmus in der Gesellschaft
  • Gesellschaft: Demokratie, Terrorismus, Gewalt und Destruktivität
  • Hans-Jürgen Wirth: Macht als Verleugnung von Abhängigkeit
  • Demokratie als Shitstorm
  • Charles Taylor, Michael Sandell und der Kommunitarismus
  • Jessica Benjamin: Das Prinzip sittliche ANERKENNUNG
  • "Ich bin weil Du bist" - Ubuntu und der Multikulturalismus Mit dem "Gleichgewicht des Selbstwertes" ist nebst persönlicher Entwicklung auch eine Grundlage gelegt um mehr Demokratie im Kollektiven und mehr "wahres Selbst" im Individuellen zu ermöglichen.
    Nach der Analyse der "verkauften Gesellschaft" und des "erschöpften Selbst" (Ehrenberg) geht es im zweiten Teil deshalb um die über die Diagnose hinausgehenden, weiterführenden, konstruktiven Themen Resonanz, Bezogenheit im Individuellen sowie Anerkennung und Demokratie im Kollektiven um ebendiesen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken und in unserem Fall psychotherapeutisch aktiv zu werden.

    Ein auf Ausgleich der Extreme ausgerichtetes Vorgehen bedeutet demnach auch, dass das Zusammenwirken individueller (Krankheits-)Faktoren mit gesellschaftlichen Veränderungen stark gewichtet wird und deshalb in der Psychotherapie vorrangig behandelt werden sollte.
    Psychotherapie so verstanden ist nicht neutral, kann und will es nicht sein; will heissen: Arbeit an sich selber ist gleichzeitig immer auch sozial/politisch/gesellschaftlich Stellung-nehmend und ethisch-moralisch wertend (gemäss Charles Taylors Konzept der "starken Wertungen", s.u.).

    Demokratie - Das prekäre Projekt

    Post-Demokratie

    "Aus diesen medialen, kulturellen und politischen Entwicklungen ergibt sich eine Situation, die als postpropagandistisch bezeichnet werden kann. Die Diagnose postpropagandistischer Verhältnisse betrifft nicht allein die Vereinigten Staaten. Die Selbstthematisierung des Regierens wird weltweit zunehmend auf partizipative Techniken umgestellt, in denen eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den Diskursen und Bildern des Regierens und ihres Image praktiziert wird – wenn auch in viel geringerem Umfang eine Beteiligung an den politischen Entscheidungen.
    Dies läuft auf nichts weniger hinaus als eine medientechnische und -ästhetische Perfektionierung liberaler Gouvernementalität (Foucault 2004), die in den neuen Medienverhältnissen – als Gouvernemedialität (Traue 2009, Engemann 2014) – zu sich selbst kommt. Jeder offene Machiavellismus, jede explizite Setzung, die Widerspruch herausfordern könnte, wird in diesem kybernetischen Regierungsmodus, der auf kommunikativen Rückkopplungsschleifen beruht (Tiqqun 2007), vermieden. Andererseits gibt es Hinweise, dass im Zuge solcher symbolischer bzw. ikonischer Partizipationsangebote auch Bedürfnisse nach einer Beteiligung an Entscheidungsprozessen zunimmt, was sich in neuen Beteiligungsverfahren wie Mediationsverfahren, Bürgerforen, raumgreifenden Protestformen wie Occupy etc. wiederspiegelt."
    Quelle: Traue, Boris (2014). Resonanzbild und ikonische Politik. Eine visuelle Diskursanalyse partizipativer Propaganda. In: Michael Kauppert & Irene Leser (Hrsg.). Hillarys Hand - Zur politischen Ikonographie der Gegenwart S.131-156. Bielefeld: transcript.

    Postdemokratie mittels Wortneuschöpfungen und Simulakra-Konstruktion, sprich: Bewirtschaftung aufgebauschter "Probleme", Aengste und Sorgen des “Volkes”...:



    10. PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren dialektischer Psychotherapie

    In nunmehr 20 Jahren Psychotherapie-Praxis sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich bin ich immer mehr zur Erkenntnis gelangt, dass die allermeisten psychischen Phänomene und Störungen Regulationsphänomene sind, will heissen: es besteht ein mehr oder weniger breites Spektrum zwischen zwei Extremen bzw. zwischen Antagonisten, welche eine, wennauch labile, Balance findend das beste "Ergebnis" erzielen, seien es Ausgleichsprozesse auf der biologischen Ebene z.B. Adrenalin/Noradrenalin oder Serotonin/Dopamin etc. oder auf der psychischen Ebene zwischen Depression und Manie oder zwischen Extraversion und Introversion, auf der sozialen Ebene zwischen männlich und weiblich (Vorsicht: gender!) oder, sehr zentral in diesem Buch, zwischen den Konzepten Konkurrenz und Kooperation oder zwischen Egoismus und Altruismus bzw. innerem und äusserem Selbst.

    Dieser dialektische Raum, welcher m.E. als Grundkonzeption für fast alle psychischen Phänomene anwendbar ist, bildet den roten Faden dieses Buches.
    Dies, weil nach meiner Erfahrung die weitaus meisten Fragestellungen in heutigen Psychotherapien sich um narzisstische Regulations- und Relationssphänomene ranken, zu deren Beantwortung für jeden Einzelnen von uns optimalerweise ein zwar labiles, aber kreatives, stets gefährdetes "Gleichgewicht des Selbst und des Narzissmus" gefunden und erprobt oder gar erfunden und angewendet werden muss.

    Es wird ein weiter Weg sein, der uns beschreibend, argumentativ und sogar in Ansätzen empirisch auf diese etwas ungewohnte Narzissmus-Definition und-Behandlung bringen wird. Es werden nebst psychologischen und biologischen auch soziologische, historische und philosophische Betrachtungen und Phänomene eine wichtige Rolle spielen. Denn auch zwischen den Diziplinen gilt: ein Ausgleich der Sichtweisen (Dialektik: These/Antithese), ein Austarieren der Faktoren und Konzepte bringt uns erst den zu beschreibenden Phänomenen am nächsten.

    Eine auf Ausgleich und Integration der Extreme ausgerichtete Psychotherapie, will heissen: das gesunde Mass findend, egal in welchem Lebensbereich, ist ein Hauptziel jeder (meiner) psychotherapeutischen Bemühungen, unabhängig davon, welche Symptome jemand "präsentiert".

    Ein Klient von mir hat einmal gesagt: "Wenn ich mich verändere, verändere ich automatisch auch meine Mit- und Umwelt und damit ein klein wenig auch die gesellschaftlichen Verhältnisse".
    Dieser hoffnungsvolle und optimistische kollektive Aspekt der sozialen, therapeutischen Arbeit mit Menschen wird meines Erachtens noch immer stark unterschätzt in einer noch immer zu stark auf individuelle Defizite ausgerichteten Psychotherapie-Szene.

    Als Abschluss des Buches werden die beiden zuvor als dialektisch beschriebenen Achsen (Y: die strukturelle Sichtweise (Narzissmus als Kontinuum zwischen den Extremen Psychopathie und Depression) und X: die dynamische Sichtweise) wieder "heruntergebrochen" auf die konkrete Therapiesituation und ein darauf aufbauender "relational-regulativer" Psychotherapie-Ansatz entworfen:
    Die wichtigste Dimension der alltäglichen psychotherapeutischen Praxis bildet dabei die Beziehung bzw. der Kontakt zwischen TherapeutIn und KlientIn. Auch hier ist immer wieder ein Mass zu finden zwischen Nähe und Distanz, zwischen Intensität und Entspannung. Besonders betonen möchte ich, dass die Extreme, z.B. des Engagements, auch mal an einem Wochenende oder während des Urlaubs oder der langen Distanznahme und Abstinenz, sehr wohl vorkommen sollen - über viele Sitzungen hinweg gesehen, sollte sich aber ein gesundes Klima einer mittleren Aufmerksamkeit, einer Ausgewogenheit zwischen z.B. Involviertheit und Loslassen, zwischen Konfrontation und Entstehen-lassen einstellen.

    Es gilt demnach immer wieder von Neuem, d.h. in jeder Lebenslage und -phase, sogar in jeder einzelnen Situation, ein Gleichgewicht zu finden zwischen zahreichen Antagonisten oder Gegenspielern, wie z.B. Egoismus versus Altruismus, kurz: das Gleichgewicht von Narzissmus und Selbst zu finden!

    Die Extreme für sich genommen und ohne Kontext, tun uns und den anderen nicht gut:
    Egoismus ins Extreme gesteigert bekommt, klinisch betrachtet, eine Tendenz zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung bis hin zu Psychopathie und Soziopathie, einen Mangel an Empathie also, was übrigens die meisten Kriminellen "auszeichnet" (siehe z.B. Kevin Dutton 2013)...
    Altruismus auf der anderen Seite, also das selbstlose anderen helfen und eine "andere immer zuerst"-Haltung (vgl. u.v.a. Schmidbauers "Die hilflosen Helfer"), tendiert klinisch überspitzt gesehen, zu allerlei Sucht(verhalten), zu diversen Depressionsarten bis hin zu Psychose und Suizid.

    Diese im letzten Teil dargestellte "Relational-regulative Psychotherapie" (Arbeitstitel...) hat nebst der Psychoanalyse vielerlei Quellen: Gestalttherapie nach Fritz Perls, Integrative Therapie nach Hilarion Petzold, Mentalisierungs-Konzept nach Fonagy und den von der universitären Forschung abgeleiteten kognitiven und systemischen Verhaltenstherapieansätzen (u.v.a. Klaus Grawe, Wolfgang Tschacher und Peter Fiedler).
    Die Freudsche Psychoanalyse und das chaostheoretisch-systemische Denken dienen dabei v.a. als theoretischer Hintergrund, das Mentalisieren und die weiteren genannten v.a. kognitiven Verfahren erweisen sich als v.a. für die Praxis sehr wertvoll.


    Byung-Chul HAN, für einmal optimistisch Perspektiven aufzeigend:

    Wirkfaktoren, Common Factors, Heiler, Jermoe, Frank, Strategie, Methoden, Interventionen, Wirksamkeit, Beziehung, Prozess, Steuerung, Haltung, Stabilität, Basis, Symbolisierung, Psychoanalyse, Psychotherapie Generic, Model, Psychotherapy, Orlinsky, Howard, Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Wirkfaktoren, Common Factors, Strategie, Methoden, Interventionen, Wirksamkeit, Beziehung, Prozess, Steuerung, Haltung, Stabilität, Basis, Symbolisierung, Mentalisierung, MBT, Psychoanalyse, Psychotherapie Psychotherapie, Evaluation, Test, Daignostik, Wirkfaktoren, Strategie, Methoden, Interventionen, Wirksamkeit, Beziehung, Prozess, Steuerung, Haltung, Stabilität, Basis, Symbolisierung, Mentalisierung, MBT, Psychoanalyse


    11. LITERATUR: Quellenangaben und Buchempfehlungen


    Kürzest-Zusammenfassung des Mittelteils des Buches bzw. der Kapitel 2-9 (ohne 1 und 10)

    Das 'Triumvirat', die 'Dreieinigkeit' meiner Narzissmus-Konzeption als Zusammenspiel dreier Sichtweisen aus drei ganz verschiedenen Fachrichtungen:
    Medientheorie (I), Soziologie (II) und Psychologie (III).

    I. Narzissmus als "Extension of Man" (McLuhan) II. Narzissmus als "Agonie des Realen" (Baudrillard) III. Narzissmus als "Spiegelstadium als Bildner des Ich" (Lacan)

    Diese drei Theorien bilden den Kern meiner Narzissmus-Konzeption:
    LACAN – Kap 2 und 4 - Baudrillard – Kap 3, 5, 7 und 9 - McLuhan – Kap 6 und 8

    a) Lacan: Das Symbolische (Sprache, Diskussion, Dialog, Kultur etc.) wird immer mehr abgelöst/ersetzt vom Imaginären (Bilder, Filme, Mythen, Werbung, Propaganda, Parolen, Regressives wie Tribalismus, Hooliganismus, Pegida etc.) – damit entfernt sich die Gesellschaft noch mehr vom Realen als es durch die Symbolisierungsfähigkeit (heute: Mentalisierung) sowieso gegeben ist durch die seit dem Spiegelstadium gegebene Ver-kennung und Ent-fremdung der Teilnehmer des Sozialen.

    b) Baudrillard: anstelle von Simulationen sind Simulakra getreten, der Uebergang von der ersten Ordnung der Simulakra zur dritten wird gerade vollzogen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

    c) McLuhan: durch die Dominanz des Visuellen, des Linkshemisphärischen und damit des Digitalen gegenüber dem Analogen (wo das Auditive überwog) entstand in der Tetrade eine Einseitigkeit, welche nun allmählich Chiasmus-bedingt in seiner Positiv-Utopie durch einen Umschlag in eine erneute Tribalisierung und Oralität einer Integration und Synästhesie der Sinne den Boden bereitet wo im ‘Global Village’ jeder mit jedem verbunden ist.

    McLuhan - Retribalisierung:
    Genau wie das Tattoo und das Piercing, wie Kleidung, Frisuren und Schminkstile, ist auch der Shitstorm Ausdruck der Re-Tribalisierung der sich abzeichnenden, nächsten Gesellschaft. Jemand beginnt die Buschtrommel zu schlagen und schon strömen die Stammesmitglieder zum Lagerfeuer — eine Rolle, die heutzutage bspw. von Facebook eingenommen wird — und tanzen sich in Trance.
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    - MARKETING: "Haben-wollen" und das Ich-Ideal im "Zeitalter des Narzissmus"
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    - LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



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