Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Probleme, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, ErlebenMarkus Frauchiger, lic.phil.
Eidg. anerkannter Fachpsychologe
für Psychotherapie FSP

Falkenweg 8
3012 Bern
Tel.: 031 302 00 30 oder 079 745 47 39
e-mail: praxis-frauchiger@bluewin.ch
Homepage: http://www.psychotherapeut-bern.ch

Die Wiederkehr des Imaginären - Das narzisstische Selbstmodell

Digitaler Narzissmus und analoges Selbst - Wirklichkeitskonzepte für Psychotherapie und Gesellschaft

Markus Frauchiger, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP in CH-3012 Bern

Markus Frauchiger: CV, Lebenslauf und Vernetzung des Autors

Veröffentlichung und Reproduktion nur auf Anfrage beim Autor möglich - dies ist ein vorläufiges Arbeitspapier, welches kontinuierlich erweitert wird.

Selfie, Narzissmus, Smartphone, Fake, Real, Lacan, Blick, visuell, digital, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

- Das REALE 'R' - Strukturmodelle, Wirklichkeit und Neurokonstruktivismus
- NARZISSMUS - Das Imaginäre 'I' - Regulation und Kompensation des Selbstwertes - Dunkle Triade
- SELBST - Das Symbolische 'S' - Soziologische Dimensionen im "Zeitalter des Narzissmus"
- ENTWICKLUNG ('R-I-S'): Identität, Spiegelstadium, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
- ESOTERIK ('I') - Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
- RELATION ('S') - Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
- TECHNIK ('I') - Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, 'Neue Medien' und digital-visueller Narzissmus
- RESONANZ ('S') - Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
- DEMOKRATIE ('S') - Von der Aufmerksamkeitsökonomie zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
- PSYCHOTHERAPIE (von 'I' zu 'S') - Wirkfaktoren anerkennender, relationaler und dialektischer Psychotherapie
- LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



Zusammenfassung - Summary:

Dies ist der Versuch, das Zusammenspiel 'analoger und digitaler Selbstzustände' zu beschreiben und daraus eine postmoderne Narzissmustheorie aus neuro-konstruktivistischer Sicht zu entwickeln, einen tertiären Narzissmus zu postulieren, der m.E. am besten in einer medial überspannten und neoliberal bewirtschafteten und technisch-entfremdeten Gesellschaft sich ausbreiten kann. Der zweite Teil des Titels "Die Wiederkehr des Imaginären" wird verständlicher unter Hinzunahme des vom Psychoanalytiker und Strukturalisten Jacques Lacan so benannten REALEN, einer der drei Dimensionen in der "verknoteten" Trias 'Das Reale - das Imaginäre und das Symbolische' (die wichtigsten Definitionen und Konzepte werden bereits in Kapitel 1 hergeleitet).
Wenn das REALE "R" gleichsam den "Boden der Tatsachen" darstellt, stehen die anderen beiden "Register" oder 'Aggregatszustände' "I" und "S" für die WIRLICHKEIT. Uebersetzt in die Praxis des Lebens sehen wir hier zwei 'Wirklichkeiten' aufeinandertreffen, die sich aus dem Realen in das das Digital-Narzisstische ("I") und das Analog-Resonante ("S") auffächern. In der Sprache der Neurowissenschaften handelt es sich hierbei um EMERGENZ, ein weiteres Grundkonzept meines Narzissmus- und Selbstmodells.
Wir werden zusammen eine längere Lese-Reise unternehmen in die verschiedensten, wie ich finde sehr spannenden, wissenschaftlichen und populären Wissensgebiete; dies immer auf der Suche nach dem Zusammenspiel der drei Grundzustände R-I-S in den verschiedensten Ausprägungen: Natur vs. Kultur, Geist vs. Seele, Analoges vs. Digitales, Struktur vs. Dynamik, innen vs. aussen, Demokratie vs. Diktatur, visuell vs. auditiv, Naturwissenschaft vs. Geisteswissenschaft, Technik vs. Natur, kurz: Reales vs. Imaginäres vs. Symbolisches (R-I-S).
Mithilfe zahlreicher AutorInnen, Theorien, Konzepten und Methoden wie u.v.a. der Lacan'schen, der Baudrillard'schen und der McLuhan'schen Sichtweise wird unser anfänglich noch verschwommenes Narzissmus- und Selbst-Konzept durch die zehn Kapitel hindurch immer konkreter und angewandter werden, sodass es zum Schluss sogar möglich sein wird, Aussagen zur Re-Demokratisierung einer zunehmend autoritärer werdender Welt (Schlagworte: Trump, Putin, Erdogan) im Kollektiven und zu einer 'Dialektischen Psychotherapie' narzisstischer Seinszustände im Individuellen zu machen und konzeptbildend handliche "Werkzeuge" zu deren Integration in ein 'gesundes' Selbstmodell konstruktivistisch zu entwickeln.

Nachdem in einem weiteren Teil (Kap.2-4) v.a. das Narzisstische Prinzip, also die Dimension des Imaginären ("I"), in Gesellschaft und Individuum dargestellt wird, entwickle ich als quasi 'dialektisches Gegenstück' in weiteren Kapiteln (5-10) Konzepte zu einem 'resonanten und relationalen Selbst', den Dimensionen des Symbolischen ("S"). Diese sprachlich und sozial gewonnenen, erkämpften, in wiederkehrenden Aushandlungsprozessen neu zu bestätigenden flexiblen 'Selbstmodelle der symbolischen Dimension' wirken sowohl nach innen und nach aussen. Dergestalt überzeugt dieses das Narzisstische überwindende SELBST der Sphäre 'S' aus sich heraus, ohne manipulativ und überangepasst zu sein, ein selbstbewusstes 'Sein statt Schein' zu leben imstande ist und in Bezogenheit auf seine Umwelt ein 'Gleichgewicht des Selbstwertes' immer wieder von neuem dynamisch sucht und so in Anerkennung des und der Anderen 'relational und regulierend' eine Philosophie von 'Mass und Mitte' lebt und mitmenschlich vorlebt.

Nebst Konzepten aus der psychoanalytischen, systemischen, kognitiv-behavioralen und humanistischen Psychologie und Psychotherapie beziehe ich auch und v.a. Erkenntnisse aus Nachbarwissenschaften wie u.a. der Neurobiologie, der Soziologie, der Pädagogik und der (Sozial-)Philosophie mit ein, aber auch Kunstgeschichte, Medien- und Literaturwissenschaften, aber auch Robotik, Künstliche Intelligenz, Big Data, 'Life Sciences', Astronomie etc. werden herangezogen um dieses Konzept des 'Digital-visuellen Narzissmus' ("I") und seines Pendants, dem symbolisierungsfähigen, mentalisierten SELBST ("S") in der nötigen Tiefe zu begründen und darzustellen.
Ich werde das Rad selbstverständlich nicht neu erfinden, sondern zahlreiche Befunde und Konzepte aus den letzten Jahrhunderten zusammentragen und ordnen, mit eigenen Hypothesen ergänzen, wo nötig "ins 21. Jahrhundert übertragen" und um neuere Phänomene (wie z.B. Digitalisierung, "Filter Bubbles", Framing und den Selfie-Kult) ergänzen und so für ein breiteres (Fach-)Publikum aufbereiten.
Somit werden nebenher zahlreiche (Buch-)Perlen aus verschiedenen Disziplinen bekannter und für einen breiteren Diskurs in Form dieser Veröffentlichung kostengünstig und niederschwellig besser zugänglich werden, insofern verstehe ich meine Aufgabe auch als der eines Moderatoren und Publizisten. Der Nebeneffekt einer durchs Recherchieren entstandenen umfassenden Online-Materialsammlung soll nebst den therapeutisch Tätigen auch für u.a. PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen aus z.B. der Wirtschaft und der Verwaltung im Blick auf einen verbesserten Zugang zur Psychotherapie für alle Bevölkerungsschichten zur freien Verfügung stehen.

Die Konzeption eines 'tertiären Narzissmus der Postmoderne' erachte ich auch deshalb für dringend notwendig, weil aufgrund zahlreicher Beobachtungen und Befunde aus meiner 20-jährigen Praxistätigkeit, wo zunehmend "narzisstische Tendenzen" festzustellen sind, m.E. Handlungsbedarf besteht in Form revidierter Psychotherapiemethoden wie im zehnten und letzten Kapitel dieser Monographie darzulegen und zu begründen sein wird. Als seit 1994 in verschiedensten Institutionen und seit 2008 in eigener Praxis tätiger Psychotherapeut in Bern stelle ich oft fest, dass Aspekte des Sozialen, des Kontextes, der Technik ("Internet-Surfen", sog. 'Soziale Medien', Smartphone-Gebrauch, Medien-Konsum im Allgemeinen etc.), der fehlenden Anerkennung und anderer Entfremdungsdynamiken in und mit der Um- und Lebenswelt sowie der 'Weltbeziehungen' (Rosa 2012) in der real-existierenden und praktizierten Mainstream-Psychotherapie aber auch in der Theoriebildung m.E. zuwenig berücksichtigt werden.




1. Das REALE und das WIRKLICHE - Die Sphären "Realität und Wirklichkeit"

TEIL I: Paradigmen, Menschenbilder und Wissenschaftstheorie TEIL II: Psychoanalyse und Strukturalismus: Selbst-Modelle und Narzissmus TEIL III: Kulturwissenschaften - Medienwissenschaften - Culture Studies TEIL IV: Von der Moderne zur Postmoderne: Systemtheorie, Konstruktivismus und Dekonstruktion TEIL V: Vom radikalen Konstruktivismus zu den Neurowissenschaften



TEIL I: Paradigmen, Menschenbilder und Wissenschaftstheorie

Anknüpfend an eigene Ueberlegungen ("Forschung und Metatheorie - Anmerkungen zu wissenschaftstheoretischen Postionen" 1998) welche ich im Anschluss an meine Lizentiatsarbeit ("Psychotherapeutische Modelle und ihre Wirkfaktoren" 1997) angestellt habe, beginne ich dieses Buch mit der Präsentation wichtiger Strukturmodelle, (Meta-)Theorien und Methoden um das Feld zu bestellen, worauf in den nachfolgenden Kapiteln die Saat einer eigenen Narzissmus- und Psychotherapie-Konzeption, gedeihen und wachsen soll.

Es folgt nun, das Thema von damals weiterführend, ein leicht bearbeiteter Auszug aus Frauchiger 1998:
Ludwig Wittgenstein (1960) diagnostizierte eine „Begriffsverwirrung“ innerhalb der Psychologie. Ein Grund dafür sind die stark differierenden Erkenntnisweisen von Natur- und Geisteswissenschaften.
Wilhelm Dilthey (1894) [ein Deutscher, deshalb "diltei" ausgesprochen] hat die einflussreiche Formel geprägt:
„Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“.
Wilhelm Wundt, der Begründer der modernen Psychologie, ging ebenfalls von einer Zweiteilung unseres Faches aus (bei ihm: die physiologische vs. die sog. Völker-Psychologie). Erst später, durch den Einfluss des amerikanisch-russischen Behaviorismus, wurde die positivistische, naturwissenschaftliche Wissenschaftsauffassung auf die gesamte Psychologie übertragen. Diese „Vereinnahmung“ dauert trotz „Kognitiver [und emotionaler] Wende“ bis heute an.

Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Das Descart’sche Maschinen- bzw. (post-modern ausgedrückt: Computer-)Modell impliziert eine Zerlegbarkeit des Menschen in messbare Variablen. Diese Sichtweise favorisiert logischerweise ein empirisch-nomothetisches Vorgehen, wie es sich in immer raffinierteren statistischen Methoden heute an den meisten Universitäten als Fach Psychologie scheinbar abschliessend darstellt.
Es gibt ein anderes, dazu komplementäres, dialektisch-systemisches [s.u.] Wissenschaftsverständnis:
Die Hermeneutik basiert auf der viel weiter in die Menschheitsgeschichte zurückreichenden Tradition des Naturverstehens durch „Zeichendeutung“, wie sie z.B. Jäger und Medizinmänner praktiziert haben. Die Natur ist nach dieser Auffassung ein Buch, dessen Wörter und Sätze der Kundige auf der Grundlage seines Erfahrungswissens lesen und auslegen kann. Die Bedeutung eines Zeichens erschliesst sich nicht aufgrund von mathematischen Gesetzen, sondern durch den Zusammenhang, in dem es steht [vgl. hierzu das Synergetik-Kapitel weiter unten].
Es wird eine Zirkularität postuliert: zwischen dem Ganzen und dem Detail, aber auch zwischen Erkenntnisobjekt und Erkenntnissubjekt. Diese Interpretationen sind zudem geschichtlich bedingt, wie Gadamer (1960) lehrt. Wie in einem Zerrspiegel (geschichtlich-sprachliche Deutungsmuster) nehmen wir die Umwelt und uns selbst wahr. Gemäss Gadamer können wir aber durchaus unsere Grenzen des Erkennens im Austausch mit dem Erkenntnisgegenstand schrittweise erweitern - ohne dass aber jemals eine geschichtslose, „objektive“ (wie sie der Positivismus postuliert) Erkenntnis erreichbar wäre (vgl. Legewie/Ehlers 1992 S.16-29).

Die Abbildung rechts (aus Legewie/Ehlers 1992 S.18) stellt die beiden grundsätzlichen Formen von Wissenschaftsauffassung einander gegenüber:
Quellen:
Frauchiger, M. (1998). Wissenschaftstheoretische Ueberlegungen zu Metatheorien in der Psychotherapie. Online: http://www.psychotherapeut-bern.ch/metatheorie.htm
Legewie, Heiner/Ehlers, Wolfram (1992). Knaurs moderne Psychologie. Neu bearb.u.wesentl.überarb.Ausg. München: Droemer Knaur.

Grundlagenforschung, Alltagspraxis, Generic, Model, Psychotherapy, Orlinsky, Howard, Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
Noch kürzer formuliert kann die Gegenüberstellung der beiden Paradigmen so bezeichnet werden:
- Nomothetik als Regulationsdimension (y-Achse): Naturwissenschaften inkl. Medizin und Psychiatrie

Hierher gehören nebst der Quantifizierbarkeit (Popper 1972) auch Begriffe wie u.a. Struktur, Ordnung, Präzision, Messung, Maschinenmodell und Autorität, vgl. Kapitel 2-4 in diesem Buch

- Idiographik als Relationale Dimension (x-Achse): Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften
Hierher gehören nebst dem Qualitativen Paradigma (Thomas Kuhn 1976) auch Prozess, Dynamik, Intuition, Resonanz, Relation, Dialog und Demokratie etc., vgl. Kapitel 5-9.

Obige Ausführungen ergeben in einer Gegenüberstellung der zwei zunächst unversöhnlich erscheinenden Philosophien des Erklärens bzw. des Verstehens (Dilthey u.a.) die Darstellung eines Koordinatensystems, bestehend aus zwei sich kreuzenden Dimensionen bzw. Achsen.

"Richtig vs. falsch" oder "Innen vs. Aussen" oder "Analog vs. Digital"?

Man Ray
Man Ray "Gräfin Casati" 1928 © Man Ray Trust, Paris/VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Wenn Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, sich "innen und aussen" als "links und rechts" auf der x-Achse eines Koordinatensystems vorstellen und "analog und digital" als "oben und unten" (y-Achse), haben Sie bereits eine erste "Kürzestformel" dieses Buches grafisch vor Augen.
Falls Ihnen dieses solcherart entstandene "Fadenkreuz" (Grafiken dazu im 1. Kapitel) noch wenig sagt, was ich gut verstünde, werden Sie in diesem Buch Kapitel für Kapitel immer näher an diesen im Kern simplen Grundgedanken einer Narzissmus- und Selbstkonzeption herangeführt.
Die Konzepte und Methoden welche ich Ihnen im folgenden vorstellen und nahelegen möchte, sollen einfach zu handhabende Werkzeuge sein, sowohl für PraktikerInnen wie auch für wissenschaftlich tätige KollegInnen. Falls jemand empirische Untersuchungen dazu vornehmen möchte, würde mich das sehr freuen. Ich selber habe leider die Zeit (übervolle Praxis plus Familie) und das Geld (bin leider kein Königssohn..., habe auch keinen Mäzen oder andere "Drittmittel" im Rücken) dazu nicht, hätte aber Ideen zu Methodik und Durchführung solcher Studien. Kontakt: praxis-frauchiger@bluewin.ch

In neuerer Zeit findet sich dieses "Fadenkreuz" der beiden sich ergänzenden "Welten" u.a. wieder bei Gödde und Buchholz (2012) in ihrem monumentalen Zweibänder "Der Besen mit dem die Hexe fliegt - Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten", auf insgesamt 1354 Seiten...:
Der Besen entpricht im metaphorischen Bild der beiden renommierten Professoren dem oben kurz beschriebenen nomothetischen, quantitativ-messenden Zugang zu den Phänomenen, welche v.a. die universitäre, Steuergeld-alimentierte Forschung untersucht, währenddem die Hexe (an Freuds "Hexe Metapsychologie" erinnernd) als Symbolbild für die idiografischen, qualitativ-hermeneutischen Zugänge steht bzw. fliegt, im Sinne von lebendig-sinnlichem, erspürenden, in Resonanz (Kap. 8) und Relation (Kap. 6) stehenden Forschens und In-der-Welt-Seins.

Eine Synthese dieser beiden, m.E. in einem dialektischem Verhältnis (s.u.) stehenden Zugänge liest sich in der Metaphern-Sprache von Buchholz und Gödde so:
Gödde und Buchholz beschreiben die hier auch von mir und bereits im Artikel "Anmerkungen zu den Metatheorien" von 1997 vertretenen Thesen so treffend und sprachlich elegant, dass ich mir erlaube ein paar längere Auszüge (mit eigenen Hervorhebungen und Zwischentiteln) aus diesem m.E. unterschätzten und leider wenig beachteten interdisziplinären Werk wiederzugeben:

'Gestaltsehen' und Paradigmenwechsel

Die wissenschaftliche Psychologie

"Sie bewegte sich einerseits in der Polarität zwischen einer Psychologie des Bewussten und des Unbewussten, andererseits in der Polarität zwischen einer naturwissenschaftlich-nomothetisch-obiektivierend-erklärenden und einer geisteswissenschaftlich-idiographisch-subjektivierend-verstehenden Wissenschaftsauffassung. Auch in der Psychologie kam demnach das viel diskutierte Problem der »Zwei Kulturen« (Snow 1967, Kreuzer 1987, Wuchterl 1997, Kap.4), der naturwissenschaftlich-technischen und der geisteswissenschaftlich­humanistischen Kultur, voll zum Tragen. Erst viel später entdeckte man die Dimension der Sozialität.
Die naturwissenschaftlich-szientifische Forschungsrichtung hat in der Psychologie mit einem Basisproblem zu ringen, das man als Dekontextualisierung ihres Forschungsgegenstandes bezeichnen kann. Für experimentelles Vorgehen ist es notwendig, komplexe Sachverhalte in analytische Einheiten aufzuteilen und zu diesem Zweck weitgehend auf die Berücksichtigung des konkreten Kontextes zu verzichten. Aber nicht nur vom Kontext, sondern auch »in einer überaus einschneidenden Weise vom erlebenden Subjekt« wird abstrahiert (Jüttemann 2010 S.14). Wurde der Forschungsgegenstand - Menschen in ihrer Lebendigkeit, Subjektivität und Sozialität - entsprechend dieser »Abstraktionen« eingeengt, so räumte man nach und nach der Forschungsmethode Priorität ein. Jede Methode schafft einen »unmarked space« dessen, was ihr entgeht. Sie schließt aus, was sie nicht erfasst und missversteht das von ihr Eingeschlossene als das Ganze dessen, was es zu wissen gibt. Der »Wiedereinschluss« des so Ausgeschlossenen kann nur durch andere Methoden komplementiert werden.
Diese Einsicht, analog zum demokratischen Prinzip der Gewaltenteilung, hat sich in der Psychologie noch keineswegs durchgesetzt" (Goedde/Buchholz 2012 Band I S.21-22).

Der 'Siegeszug' des Empirismus und des Positivismus

Zunehmende Selbstkritik aus dem Lager des RCT-Paradigmas


...............................

Epistemologie - Erkenntnistheorie

............... Kants 'Konstitutionstheorie' (die er als kopernikanische Wende in der Erkenntnistheorie bezeichnet hat), wurde von den Vertretern des deutschen Idealismus, wie z.B. Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1854), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) übernommen und ausdifferenziert.............



Auf die Erweiterung des Buchholz/Gödde'schen "Fadenkreuzes" auf die zwei Dimensionen des Unbewussten komme ich in Kapitel 6 (Relation) noch ausführlicher zu sprechen.

Quellen:
Buchholz, Michael B. (2000). Effizienz oder Qualität? Was in Zukunft gesichert werden soll. In: Forum der Psychoanalyse 16, S. 59-80.
Buchholz, MB, Gödde, Günter (2006 Hrsg). Das Unbewusste - Band III: Das Unbewusste in der Praxis. Giessen: Psychosozial.
Caspar, Franz (2011). Editorial: Hat sich der störungsspezifische Ansatz in der Psychotherapie »zu Tode gesiegt«? In: Psychother.Psychosom.med.Psychol.61 S.199.
Fischer, G./Möller, H. (2006). Psychodynamische Psychologie und Psychotherapie im Studiengang Psychologie. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft. Kröning: Asanger.
Fleck, Ludwig (1935). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache - Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980.
Gödde, Günter/Buchholz, Michael B. (2012 Hrsg). Der Besen, mit dem die Hexe fliegt - Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten. Band I: Psychologie als Wissenschaft der Komplementarität. Giessen: Psychosozial.
Hacking, Ian (1983). Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Stuttgart: Reclam 1996.
Jüttemann, G./Mack, W. (2010 Hrsg). Konkrete Psychologie - Die Gestaltungsanalyse der Handlungswelt. Lengerich: Pabst.
Kuhn, Thomas (1962). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1976
Rath, N. (2010). Vom Wandern in Seelenlandschaften. In: Jüttemann&Mack (2010) S.109-123.
Rheinberger, HJ (2007). Historische Epistemologie zur Einführung. Hamburg: Junius.
Walach, H. (2009). Psychologie - Wissenschaftstheorie, philosophische Grundlagen und Geschichte. Ein Lehrbuch. 2.aktual.Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.
Wampold, B. (2001). The Great Psychotherapy Debate. Models, Methods and Findings. Mahwah, NJ/London: Lawrence Erlbaum Asssociates.



Die narzisstischen Kränkungen der Menschheit: Kopernikus, Darwin, Freud, ...

Eine kollektive Kränkungsgeschichte

Den historischen Ausgangspunkt für dieses Unterkapitel, wo es nun erstmals um den Narzissmus im engeren Sinne [vertieft in Kap.2] gehen soll, bilden drei aufeinander aufbauende, bahnbrechende Entdeckungen, welche gesamtgesellschaftliche, kollektive, kränkende Wirkungen zur Folge hatten (vgl. u.a. Freud 1917, Laplanche 1996, Haller 2015 u.v.m., s.u.):

Sigmund Freud schrieb in »Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse« (1917) über die drei genannten Kränkungen Kränkungen, Grundlagenforschung, Alltagspraxis, Psychotherapy, Legewie, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich

An dieser Stelle möchte ich auf den nomothetischen bzw. 'RCT'-Pol (s.o.) der wissenschaftstheoretischen Dichotomie (s.o.) zu sprechen kommen: den Naturalismus bzw. Realismus bzw. Humanismus wie er aktuell im sog. "Manifest des evolutionären Humanismus" von Schmidt-Salomon als Vertreter der Skeptiker und streng naturwissenschaftlich sich verortenden Autoren, aufscheint. Auch er spricht von "fundamentalen Kränkungen" (Schmidt-Salomon 2006 S.9). Das klingt dann so: "Auf der Hitliste der Kränkungen finden sich heute: Weiterführendes:
Bischof, Norbert (19xy). Rätsel Oedipus. PIPER.
Carnap, Rudolf (1932). Psychologie in physikalischer Sprache. In: Erkenntnis 3 S.107-142 (dort S.109f).
Damasio, Antonio (2003). Der Spinoza-Effekt - Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München.
Dawkins, Richard (1998). Und es entsprang ein Fluss in Eden. Das Uhrwerk der Evolution. München
Dörner, Dietrich (1993). Die Logik des Misslingens. Reinbek.
Freud, Sigmund (1917). Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Bd.V S.1–7.
Freud, Sigmund (1917). 18.Vorlesung: Die Fixierung an das Trauma, das Unbewusste. In: Ders.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und ders.: Studienausgabe. Frankfurt/M. 1969, Bd.1,S.283f.
Fromm, Erich (1989). Die Furcht vor der Freiheit. In: Fromm, Erich: Gesamtausgabe. München, Bd.I.
Gould, Stephen J. (1990). Die Entdeckung der Tiefenzeit. München.
Guwak, Barbara, Strolz, Matthias (2012). Die vierte Kränkung: Wie wir uns in einer chaotischen Welt zurechtfinden. Wien: Goldegg.
Haller, Reinhard (2015). Die Macht der Kränkung. Salzburg: Ecowin.
Kanitscheider, Bernulf (1995). Auf der Suche nach dem Sinn. Frankfurt/M..
Klingholz, Reiner (201x). Sklaven des Wachstums. Die Geschichte einer Befreiung. Campus.
Klingholz, Reiner (2014). Das Ende des Wachstums ist näher, als wir denken. Lernt das Schrumpfen zu lieben! The Huffington Post 29.März.
Kösch, Sascha (2014). Die vierte Kränkung der Menschheit. In: http://www.de-bug.de.
Kraiker, Christoph (1994). The story of the three blows. In: Hypnos. XXI, Nr.3 S.176–180 (deutsche Version: Die Geschichte von den drei Kränkungen).
Laplanche, Jean (1996). Die unvollendete kopernikanische Revolution. Frankfurt: Suhrkamp.
Lobo, Sascha (2014). Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung des Menschen. Frankfurt: FAZ-Online.
Lorenz, Konrad/Leyhausen, Paul (1968). Antriebe tierischen und menschlichen Verhaltens. München
Lorenz, Konrad (1977). Die Rückseite des Spiegels - Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München.
Lüttke, Mirko (2012). Die Kränkung des Menschen - Die Naturwissenschaften und das Ende des antik-mittelalterlichen Weltbildes. Würzburg: Königshausen und Neumann.
Pauen, Michael (2007). Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes. München: Deutsche Verlags-Anstalt.
Roth, Gerhard (2003). Aus Sicht des Gehirns. Frankfurt/M.
Schmidt-Salomon, Michael (2006). Manifest des evolutionären Humanismus. Aschaffenburg: Alibri.
Schrader, Christopher (2006). Die Kränkungen der Menschheit. In: Süddeutsche Zeitung. 6./7. Mai S.22
Singer, Peter (2015). Effektiver Altruismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Singer, Wolf (2002). Der Beobachter im Gehirn - Essays zur Hirnforschung. Frankfurt/M.
Sommer, Volker (2000). Von Menschen und anderen Tieren. Stuttgart
Voland, Eckart (2000). Grundriss der Soziobiologie. Berlin.
Vollmer, Gerhard (1975). Evolutionäre Erkenntnistheorie. Stuttgart
Vollmer, Gerhard (1994). Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen. Gehirn, Evolution und Menschenbild. In: Aufklärung und Kritik 1 S.81ff
Vollmer, Gerhard (1995). Auf der Suche nach Ordnung. Beiträge zu einem naturalistischen Welt- und Menschenbild. Stuttgart S.43ff.
Wuketits, Franz M. (1998). Naturkatastrophe Mensch - Evolution ohne Fortschritt. Düsseldorf.
Wuketits, Franz M. (2001). Der Affe in uns. Warum die Kultur an unserer Natur zu scheitern droht. Stuttgart.



TEIL II: Psychoanalyse und Strukturalismus: Selbst-Modelle und Narzissmus

Sigmund Freud hat die Psychoanalyse also als die dritte grosse Zumutung für das menschliche Selbstbewusstsein angesehen: durch Darwin in der Frage der Abstammung, durch Kopernikus in der Frage nach der Stellung im All desillusioniert, wurden durch die Entdeckung des Unbewussten (Freud) das menschliche Bewusstsein und die Souveränität des Ichs entthront.
Die Psychoanalyse reiht sich ein in die grossen Denkansätze des 20. Jahrhunderts, welche die jenseits der eigenen menschlichen Intention liegenden Bedingungen und Ordnungen des menschlichen Lebens herausarbeiten: seien es nun die vorsubjektiven Strukturen im Strukturalismus (Claude Lévi-Strauss, Jacques Lacan, Roland Barthes, Paul Ricoeur, Anthony Giddens), die vor aller Reflexion liegenden Weisen des In-der-Welt-seins in der Existenzialphilosophie (v.a. Jean-Paul Sartre, Albert Camus), die gesellschaftlichen Diskurse, die sich in das Denken des Individuums einschreiben, in der Diskursanalyse (v.a. Foucault und Habermas), oder den Vorrang des Gesprächs vor dem individuellen Denken in der Hermeneutik (Dilthey, Heidegger, Gadamer u.a.).

Die Psychoanalyse untersucht unbewusste Motivationen, wie sie sich je eigenwillig zusammensetzen aus den natürlichen, d.h. biologischen, Anlagen, insbesondere der Triebnatur, den (Un-)Verfügbarkeiten frühester Lebenserfahrungen und den auf beide antwortenden Phantasiebildungen (Neurosen, aber auch Träume).
Die Psychoanalyse ist weder eine Weltanschauung
noch eine Philosophie, die vorgibt, den Schlüssel zum
Universum zu liefern. Sie wird regiert von einer
besonderen Absicht, die historisch durch die Heraus-
arbeitung des Subjektbegriffs definiert ist. Sie setzt
diesen Begriff neu, indem sie das Subjekt auf seine
signifikante Abhängigkeit zurückführt - Jacques Lacan

2.1. Psychoanalyse und Tiefenpsychologie

Weil für meine eigene tägliche Arbeit als Psychotherapeut in freier Praxis in Bern die klassische Psychoanalyse nach Freud sowie die strukturale Psychoanalyse nach Lacan wichtige Grundlagen auch für meine Praxis sind, möchte ich im folgenden die Konzepte und Methoden des "Entdeckers" der Psychoanalyse, Sigmund Freud (es gab "Vorgänger im Geiste", wie Nietzsche, Schopenhauer, Breuer, Charcot, Janet u.a.) beschreiben, bevor wir dann in Kapitel 2 zur Beschreibung diverser und auch meines eigenen Narzissmus-Konzepts kommen:

Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856-1939) begründet. Freud, in armen Verhältnissen in der böhmischen Provinz aufgewachsen, hat sich im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Psychiater und Psychotherapeuten hochgearbeitet; dies, nachdem er eine universitäre Karriere aufgrund seiner jüdischen Herkunft (!) hatte aufgeben müssen. Diese "Degradierung" (aus Sicht der oberen Gesellschaftsschicht) vom Forscher zum Praktiker hat sich in der Folge aber als fruchtbar erwiesen. Die Psychoanalyse wäre im Elfenbeinturm der Universität kaum entdeckt und kreativ weiterentwickelt worden. Hier zeigt sich ein erstes Mal die Notwendigkeit einer Verschränkung von Theorie und Praxis.

Nachdem Freud in den 1890er Jahren in Ermangelung etwas Besseren, zusammen mit seinem väterlichen Freund Josef Breuer, v.a. mit Hypnose gearbeitet hatte (sehr spannend: 'Studien über Hysterie 1895'), kam er zum bahnbrechenden Schluss, dass dieselben Gedächtnis-Inhalte (sog. "Material") auch bei vollem Bewusstsein hervorzuholen sein müssten und er erfand die Methode der "Freien Assoziation". Erst dadurch konnte das in der Therapiesitzung Erkannte (damals noch oft durch relativ autoritäre Deutungen des Analytikers, heute meist gemeinsam und partnerschaftlich, sog. "relational" [Kap.6] mit dem Klienten zusammen), auch in den Alltag der PatientInnen transferiert werden.

Von 1895-1905 arbeitete Freud die Psychoanalyse zu einer geschlossenen Theorie aus. 1897: Oedipus-Komplex, 1900: Traumdeutung, 1901: Fehlleistungen, 1905: Sexualtheorie.
Da ich an dieser Stelle nur auf ausgewählte Themen näher eingehen kann, sei auf ein ausführliches Literaturverzeichnis mit Buchtitel-Abbildungen etc. verwiesen: www.psychotherapeut-bern.ch/literatur.htm.

(..........)

Die erste Topik: Bewusst, Unbewusst, Vorbewusst

Freud gliedert das psychische Erleben in die Bereiche Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstsein. Grosse Bedeutung kommt auch den Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Projektion etc. zu, die in der frühen Kindheit gegen bedrohliche Erlebnisinhalte aufgebaut werden.
Ziel der Psychoanalytischen Behandlung ist es, Einschränkungen im Erleben der/s PatientIn dadurch zu beheben, dass Unbewusstes bewusst gemacht wird. Dies geschieht vor allem durch die "freie Assoziation" (alles, was der/m KlientIn in den Sinn kommt, soll geäussert werden) und durch die Analyse der auftauchenden Uebertragungsphänomene.
Die/der AnalytikerIn bewahrt eine "gleich schwebende Aufmerksamkeit", d.h., er nimmt alle vorgebrachten Aeusserungen möglichst selektionsfrei, unvoreingenommen und nicht wertend wahr und hilft, diese durch Deutung ihres verborgenen Sinnes zu entschlüsseln. Zudem hält sich die/der AnalytikerIn hinsichtlich persönlicher Aeusserungen weitgehend zurück ("Abstinenz"), um die Uebertragung, d.h. die Verschiebung von Gefühlen, Einstellungen und Verhaltensweisen der/des AnalysandIn gegenüber früheren Bezugspersonen auf die/den TherapeutIn zu fördern.

Setting: 3 bis 5 mal wöchentlich, oft über mehrere Jahre. Um das freie Assoziieren zu erleichtern, liegt die/der KlientIn auf der Couch, die/der AnalytikerIn sitzt für ihn nicht sichtbar am Kopfende (zitiert nach: Paul Gumhalter, Beatrix Teichmann-Wirth, Martin Voracek und Gerhard Stumm).

Lebenslang steht diesem freudschen Modell zufolge der Homo sapiens im Konflikt zwischen seinen naturwüchsigen Triebwünschen und gesellschaftlichen Zwängen, die ihn nötigen, sich zu mässigen oder Verzicht zu üben. Wo das misslingt, beginnt die seelische Krankheit.

Im 7. Kapitel, Abschnitt F seines Hauptwerkes (provozierend, weil irreführend, "Die Traumdeutung" (1899) genannt), beschreibt Freud ein erstes Mal drei wichtige Bewusstseinszustände des Menschen, als sog. "erste Topik" bekannt geworden:

- Bewusst = wach, klar, sofort und jederzeit beschreibbar
- Vorbewusst = bewusstseinsfähig, nur mittels tiefenpsychologischer Methoden zu erkennen
- Unbewusst, inkl. verdrängt, nur mittels psychoanalytischer Methoden zu erkennen

Der aus dieser Dreigliederung abgeleitete wichtigste Abwehrmechanismus (s.u.) ist die Verdrängung (von ehemals Bewusstem ins Unbewusste "hinunter").

Die zweite Topik: Das Strukturmodell oder "Wo Es war, soll Ich werden"

Zweite Topik - Integrationsmodell - Freud - 1932
Da Sigmund Freud, wie erwähnt, seine Konzepte einerseits aus der praktischen Arbeit gewann, andererseits diese auch wieder anhand konkreter Begebenheiten immer wieder überprüfte (vgl. auch Prof. Klaus Grawes (!) Forschungszyklus, beschrieben in Frauchiger, 1997, Wirkfaktoren der Psychotherapie), modifizerte er seine Theorie des Unbewussten allmählich und es entstand folgendes, zweites Schichtenmodell (sog. zweite Topik (1923) oder Instanzenlehre):

- ICH: bewusstseinsfähige Werkzeuge wie Sprache, Rechnen, Feinmotorik
- ES: unbewusste, lebenswichtige Antriebe des Menschen (v.a. Sexualität, Aggression, später: Todestrieb)
- Ueber-ICH (Ich-Ideal): von den Eltern bzw. Gesellschaft unbewusst übernommene Normen

Beide Modelle kombiniert (er hat die erste Topik nie aufgegeben!), ergeben folgendes Bild:

(...............)

Das ICH-IDEAL bei Freud

[englisch: ego ideal, französisch: ideal du moi.]
Freud benuzte den Ausdruck 'Ich-Ideal', um den Bezugsrahmen des Ich [s.o.] näher zu bezeichnen. Das Ich-Ideal ist dabei gleichzeitig als Ersatz für den aufgegebenen kindlichen Narzissmus (Idealisierung des Ich) zu verstehen und als Identifikation mit den Eltern sowie deren sozialem Bezugssystem.
Der Begriff Ich-Ideal ist ein wesentlicher Bezugspunkt in der Entwicklung des Freud'schen Denkens vom Beginn der Ueberarbeitungen des ersten topischen Modells [s.o.] an bis zur Einführung des Ueber-Ich (ebenda) im zweiten topischen Modell (Strukturtheorie, s.Ausführungen zu Topik I und II in Kap. 1).
Die Dimension eines Ideals als Bezugspunkt des Ich taucht bei Freud 1914 in "Zur Einführung des Narzissmus" auf (vgl.Kap.2).


2.2. Strukturmodelle des Subjektes und des Selbst in der Zeit vor und nach Freud

Freud selber hat noch nicht sehr klar differenziert zwischen Ich und Selbst (s.o.) und nur wenig zwischen Ueber-Ich und dem "Duo" Ich-Ideal und Ideal-Ich.
Die sog. Selbstkonzepte, deren "modernere" Varianten wir im 6. und 8. Kapitel besprechen werden, kamen erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts richtig auf (für unser Thema wichtig u.a. Karen Horney und Donald Winnicott) und gipfelten vorläufig in der 'Selbstpsychologie' Kohuts der 1970er Jahre.

2.2.1. Subjektkonstitution vs. Auflösung des Selbst - Agonie des Realen?

Dieser aktive Subjektbegriff ist durchaus "modern" und taucht wieder auf u.a. bei Bourdieu (Soziologie als Handlungs- und Praxistheorie) und Latour: Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), beide Ansätze werden in Kap.3 vorgestellt. Doch zuerst zurück zur Antike:
Mit Kant wurde die 'Moderne' geboren, das Zeitalter der 'Aufklärung' welches bis heute als "Mainstream der Rationalität" anhält. Durch die oben beschriebenen kollektiven "Kränkungserlebnisse" (Kopernikus, Darwin, Freud etc.) und barbarischen Rückfälle u.a. während den beiden Weltkriegen, sowie dem medialen und technologischen Wandel (aktuell ist es die 'Digitalisierung', vgl. Teil IV in diesem Kapitel), wurden Stimmen laut, welches eine "Agonie des Realen" (Baudrillard), ein "Wir sind nie modern gewesen" (Latour) postulieren und damit das vermeintlich rationale Subjekt in eine Sinn- oder gar Existenzkrise stürzten. Diesen 'Postmodernen' [vgl.auch Teil III] unter den Philosophen gehört der folgende Abschnitt:

2.2.2. Der Selbst- bzw. Subjektbegriff bei Jacques Lacan

Lacan verzichtet auf die Dialektik der Entfremdung und Wiederfindung des Subjekts und auf einen Identitätsbegriff von Subjektivität zugunsten einer andauernden Verschiebung [Metonymie, s.u.]. Das permanente Verfehlen des Ich und die damit verbundene unendliche Differenz setzt Lacan anstelle der möglichen Identität des Subjekts mit sich selbst (Dörfler 2001 29ff).
Lacan verzichtet in seiner Theorie jedoch nicht vollständig auf den Subjektbegriff, das Subjekt ist aber bei ihm ein „sujet décentré“ (Lacan 1966 zit.n. Zima 2000 S.255), ein Zerfallenes und Unterworfenes. Er fasst das Subjekt als dynamisches, ständig in oder durch Begehren seiendes Ich, dessen Mitte nicht kernhaft im Sinne einer Substanz gedacht wird, sondern als Differenz (von 'je' und 'moi') [d.h.zw.'I'und'S']. Nicht das schaffende, tätige Wesen sei der Mensch, sondern das sprachlich sozialisierte Wesen. Erst durch die Sprache wird bei Lacan der Mensch zum Mensch, verfehlt sich aber dadurch zugleich. Sprache ist für Lacan in strukturalistischer Tradition allgegenwärtig, total und systematisch organisiert und dem Menschen vorgängig (Dörfler 2001 S.120ff).
Lacan weist der Symbolisierung des Subjekts (dem Sprachlich-werden des Subjekts) grössere Bedeutung zu als dem reellen Objekt, d.h. er postuliert den Vorrang des Signifikanten vor dem Signifikat und das heißt zugleich, dass das Subjekt eine Wirkung der Signifikanten ist. Dadurch eröffnet sich für das Subjekt Räumlichkeit und Zeitlichkeit; allerdings erfährt es auch eine Entfremdung, die durch die Kluft zwischen Wort und Sache bedingt ist, oder anders ausgedrückt: "die Unmittelbarkeit geht verloren" (Widmer 1997 S.54ff).
Die sprachlich-symbolische Identität ist immer mit einem Verlust verbunden, gleichzeitig bietet sie aber eine wichtige identitätsstiftende Funktion, da die Signifikanten vorübergehend als Punkte fixiert werden, mit denen Bedeutung fixiert wird (Hipfl 2009 S.86).
Quellen:
Böck, Andrea (2011). Die Konstitution des Subjekts bei Foucault, Lacan und Butler - Kann das Subjekt der totalen Vereinnahmung entkommen? - Academia.edu
Bracher, Mark (2000). Lacanian Psychoanalysis and Postmodernism. In: Elliott, A/Spazzano, C (Hrsg.). Psychoanalysis at its Limits - Navigating the Postmodern Turn. London/New York: Free Association Books, S.145–172.
de Saussure, Ferdinand (1967): Grundfragen der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Hrsg.v.C.Bally/A.Sechehaye. 2.Aufl. Berlin: de Gruyter.
Evans, Dylan (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Aus dem Englischen von Gabriella Burkhart. Wien: Turia+Kant.
Dörfler, Thomas (2001). Das Subjekt zwischen Identität und Differenz - Zur Begründungslogik bei Habermas, Lacan, Foucault. Neuried: ars una.
Hipfl, Brigitte (2009). Jacques Lacan - Subjekt, Sprache, Bilder, Begehren und Fantasien. In: Hepp/Krotz/Thomas (Hrsg.). Schlüsselwerke der Cultural Studies. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.83-93.
Krempl, S. (1995). Ich – wer ist das heute? Das Subjekt zwischen Verschwinden und Selbstinszenierung. URL: http://www.nexttext.de/Pub/Subjekt.html (7.8.2018)
Kunzmann, P/Burkard, R/Wiedmann, F (2009). dtv-Atlas Philosophie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag dtv.
Pagel, Gerda (1989): Jacques Lacan zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.
Ror Malone, Kareen/Friedlander, Stephen R. (2000). Introduction. In: dies. (Hrsg.). The Subject of Lacan - A Lacanian Reader for Psychologists. New York: State University of New York Press, S.1–18.
Roudinesco, Elisabeth (1996): Jacques Lacan - Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems. Aus dem Franz.v.HD Gondek. Köln: Kiepenheuer&Witsch.
Samuels, Robert (1993): Between Philosophy & Psychoanalysis. Lacan’s Reconstruction of Freud. New York/Lon- don: Routledge.
Sarup, Madan (1992): Jacques Lacan. New York u.a.: Harvester Wheatsheaf.
Steenblock, V. (2002): Kleine Philosophiegeschichte. Reclam: Stuttgart
Tabari, E.(2000). Subjekt-Objekt-Entwicklungslinie. Tübingen.
Widmer, Peter (1997). Subversion des Begehrens - Eine Einführung in Jacques Lacans Werk. Wien: Turia+Kant.
Zima, P. (2000). Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübingen/Basel: A.Francke.
Zizek, Slavoj (1991): Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Ber- lin: Merve.
Zizek, Slavoj (1992): Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur. Wien: Turia+Kant.
Zizek, Slavoj (2000): Lacan in Hollywood. Wien: Turia+Kant.
Zizek, Slavoj (2008): Lacan. Eine Einführung. Aus dem Englischen von Karen Genschow und Alexander Roesler. Frankfurt a.M.: Fischer.

Das Ich-Ideal und das Ideal-Ich bei Lacan

Foucault und Lacan: für beide kein Subjekt außerhalb der Macht bzw. des Gesetzes gibt (Sarasin 2005 S.156f).
[Während Lacan sich für das Verhältnis des Subjekts zur Wahrheit interessiert, fragt Foucault, wie Diskurse über Subjekte gehalten werden. Erst in der „Hermeneutik des Subjekts“ (1982) fragt auch er nach dem Verhältnis von Subjekt und Wahrheit. (ebd., 23)]
Als nächstes möchte ich kurz einführen in die Ueber-Ich-Differenzierung in Ich-Ideal bzw. Ideal-Ich einerseits und in die Erweiterung Freuds erster Topik in die drei Register Imaginäres, Symbolisches und Reales im französischen Strukturalismus Lacans anderseits:
Es ist mir ein grosses Anliegen, fächerübergreifend zu argumentieren und so aufzuzeigen, dass das schillernde Phänomen des Narzissmus in fast allen Wissenschaftsgebieten vorkommt und in Kombination derselben zu spannenden und aktuellen Konzeptionen führt.
Im Gegensatz zum 'Ichideal' ist das 'Idealich' kein gesellschaftliches, kein kollektives Ideal, das aus dem sozialen Wertsystem hervorgeht. Laplanche und Pontalis definieren es wie folgt:

Def. Idealich: "Eine intrapsychische Bildung, die manche Autoren, sie vom Ichideal unterscheidend, als ein Ideal narzisstischer Allmacht definieren, das nach dem Vorbild des infantilen Narzissmus geprägt ist" (Laplanche/Pontalis 1986 S.217).

Peter V. Zima verknüpft diese allgemein anerkannten Definitionen aus dem 'Vokabular der Psychoanalyse' (gewissermassen das 'Grundgesetz' bzw. die 'Verfassung' der Psychoanalyse) mit ausserhalb des Mainstreams liegenden Konzepten des Selbstpsychologen Heinz Kohut: Perner beschreibt m.E. am besten die beiden Ueber-Ich-Instanzen sowie deren Unterscheidung. Weil diese "Différance" (Derrida) bzw. "Distinktion" (Bourdieu) mit der weiter unten zu definierenden Auffächerung der aus dem REALEN sich entwickelnden 'Emergenz' (im Sinne von Gerhard Roth und Josef Egger, s.u.) Lacan'schen Register IMAGINäRES und SYMBOLISCHES einhergehen insistiere ich an dieser Stelle bereits auf einem differenzierenden Verständnis dieser beiden Selbst-Modelle: In dieser Arbeit hier verwende ich (wo nicht anders angegeben) den Begriff des Selbst in derselben Weise wie Kollege Perner: als Uebersetzung des 'JE' bei Lacan und somit als das sog. 'echte', das 'wahre Selbst' bei Winnicott und Horney - vgl. kritisch hierzu die Selbstkonzepte von u.a. Gergen und Tschacher in Kap. 6, 8+10 sowie meine eigene Konzeption.

Der Literaturwissenschaftler Peter V. Zima von der Universität Klagenfurt hat eine m.E. sehr wichtige und leider wenig beachtete Unterscheidungen der beiden hier zur Diskussion stehenden Aspekte des Freudschen Ueber-Ichs, also des 'Ich-Ideals' einerseits und des 'Ideal-Ichs' andererseits vorgelegt bzw. an die 'Postmoderne' (s.u.) angepasst: Def. Ichideal: "Eine Instanz der Persönlichkeit, die aus der Konvergenz des Narzissmus (Idealisierung des Ichs) und den Identifizierungen mit den Eltern, ihren Substituten und den kollektiven Idealen entsteht. Als gesonderte Instanz stellt das Ichideal ein Vorbild dar, an das da Subjekt sich anzugleichen sucht." (Laplanche/Pontalis 1986 S.202f)

Die vier Grundannahmen der Lacanschen Theorie

Weil Jacques Lacan's Neuinterpretation der Freudschen Psychoanalyse durch das ganze Buch hindurch als Leittheorie dient, hier eine kurze Zusammenschau der wesentlichen Positionen (aus dem Online-Lexikon 'Wikipedia') mit den Verweisen auf die entsprechenden Kapitel wo diese Konzepte vertieft dargestellt werden:
Lacans Theorie lässt sich vereinfacht in vier Grundannahmen zusammenfassen:
  • I. Das Ich entwickelt sich im Spiegelstadium, welches die grundlegende Matrix der Subjektivität bildet, vgl.Kap.2/3.
  • II. Das Subjekt ist ein Sprachwesen, das heisst durch die symbolische Ordnung der Sprache geprägt: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“, vgl.Kap.2/6:Relation und 8:Resonanz
  • III. Das Subjekt ist ein begehrendes Subjekt. Da das Objekt des Begehrens (Objekt klein a) immer schon verloren ist, ist es ein grundsätzlicher Mangel, der das Begehren des Menschen aufrechterhält, s.o.: Freud.
  • IV. Die menschliche Psyche konstituiert sich in der unauflösbaren Trias 'Imaginäres – Symbolisches – Reales' (RSI), s.u.: Die drei Register.

    Jacques Lacan kritisierte die Ich-Psychologie, als er das zweite Freud'sche topische Modell (s.o.) neu interpretierte. Er führte unter anderem in die Freudsche Theorie ein nicht-phänomenologisch definiertes Subjekt ein, das es ihm erlaubte, anstatt ein "ego" vom "self" ein "je" von einem "moi" [i.e. die beiden verschiedenen Ich-Formen des Französischen] zu unterscheiden und auf diese Weise ein "sujet representé" zu definieren, das durch einen Signifikanten dargestellt wird: a [klein a]. Diese strukturalistische Sichtweise Lacans wird im Kapitel 2 zum Narzissmus vertieft und zu einer tragenden Säule meines eigenen Konzeptes ausgebaut.

    Quellen:
    Kohut, Heinz (1973). Narzissmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, hier: S. 130.

    LACAN - https://narzissmus.wordpress.com/2009/05/13/spiegelungen-lacan-stern/

    Laplanche, J/Pontalis, JB (1986 7.Aufl.). Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt: Suhrkamp, hier: S.202-203/S.217
    Zima, Peter V. (20xy). Subjektivität und Identität in der Postmoderne - Narzissmus zwischen Ichideal und Idealich

    2.3. Die "Strukturen des Strukturalismus"

    "Der Strukturalismus ist keine Methode,
    er ist das erwachte und unruhige Bewusstsein
    des modernen Wissens"

    Michel FOUCAULT in 'Die Ordnung der Dinge' S.260

    „In Wirklichkeit gibt es keine Struktur
    ausserhalb dessen, was Sprache ist“

    Gilles DELEUZE 1992 in 'Woran erkennt man den Strukturalismus?'

    Zunächst definiert Ferdinand de Saussure (1857-1913) in seiner wegweisenden 'strukturalen Linguistik' bzw. 'strukturellen Sprachwissenschaft' (Brügger/Vigso 2008 S.27ff) eine damals revolutionäre Differenz zwischen 'langue', dem Sprachsystem (bestehend aus Signifikat und Signifikant) und 'parole', dem Sprachgebrauch (vgl.Kunzmann/Burkard 2009 S.239): Kritisch zum Strukturalismus: Quellen zum Strukturalismus:
    Barthes, Roland (1964): Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Barthes, Roland (1976): Die Sprache der Mode. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Barthes, Roland (1981): Das Reich der Zeichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Barthes, Roland (1983): Elemente der Semiologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Baudrillard, Jean (1991a): Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. Frankfurt/Main; New York: Campus. [1968]
    Bourdieu, Pierre (1987): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. [1980]
    Bourdieu, Pierre (1988): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. [1979]
    Brügger, Niels/Vigso, Orla (2008). Strukturalismus. Paderborn: Wilhelm Fink.
    Culler, Jonathan (1988). Dekonstruktion - Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek: Rowohlt.
    Dosse, Francois (1999): Geschichte des Strukturalismus. 2 Bde. Frankfurt am Main: Fischer.
    Foucault, Michel (1974). Von der Subversion des Wissens. München.
    Foucault, Michel (1978). Dispositive der Macht. Berlin: Merve.
    Hinterberger, Johannes (2009). ......................
    Keller, Reiner (2008): Michel Foucault. Konstanz: UVK.
    Krempl, S. (1995). Ich – wer ist das heute? Das Subjekt zwischen Verschwinden und Selbstinszenierung. URL: http://www.nexttext.de/Pub/Subjekt.html (7.8.2018)
    Kunzmann, P/Burkard, R/Wiedmann, F (2009). dtv-Atlas Philosophie. München: Deutscher Taschenbuch Verlag dtv.
    Lacan, Jacques (1975): Schriften II. Olten und Freiburg: Walter.
    Laclau, Ernesto/Mouffe, Chantal (1991): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. Wien: Passagen-Verlag. [1985]
    Lévi-Strauss, Claude (1981): Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Lyotard, Jean-Francois (1986): Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. (Hrsg.v.Peter Engelmann) Graz/Wien: Edition Passagen. [1979]
    Peirce, Charles Sanders (1983): Phänomen und Logik des Zeichens. (Hg. Helmuth Pape) Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    Saussure, Ferdinand de (1967): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin/New York: de Gruyter. [1916]

    Schiwy, Günther (1984): Der französische Srukturalismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
    Simmel, Georg (1992): Zur Psychologie der Mode. Sociologische Studie, in: Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen 1894-1900. Gesamtausgabe Band 5. (Hrsg.v. HJ Dahme/D Frisby). Frankfurt am Main: Suhrkamp. [1895]
    Weber, Max (1985): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr [1922]
    Welsch, Wolfgang (1996): Vernunft. Zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    2.4. Die drei Register 'Das Reale - Das Imaginäre - Das Symbolische' im französischen Strukturalismus Jacques Lacans

    Der Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981) gilt als bedeutendster Vertreter der Psychoanalyse im Frankreich des 20. Jahrhunderts. Die von ihm gegründete École Freudienne de Paris war zeitweise die einflussreichste und mitgliederstärkste psychoanalytische Organisation Frankreichs, und seine Seminare bildeten in den 50er und 60er Jahren einen bedeutenden Anziehungspunkt der Pariser Intelligenz. Lacans wichtigste theoretische Leistung ist die Neuinterpretation des Freud’schen Werkes im Licht der strukturalistischen Linguistik, was ihn zugleich zu einem wichtigen Ideengeber des Poststrukturalismus macht. Ausserhalb der psychoanalytischen Praxis wird er vor allem in den Kulturwissenschaften rezipiert, wo zentrale Elemente seines Denkens die Funktion eines konzeptionellen Rahmens für Medien-, Literatur- und Kulturtheorien einnehmen, am prominentesten bei dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, von dem auch noch die Rede sein wird.
    Lacan, Reales, Symbolisches, Imaginäres, real, symbolisch, imaginär, Knoten, Strukturalismus, Psyche, Winnicott, Bollas, Stern, Klein, Psychoanalyse, Psychotherapie Eines der wichtigsten Konzepte Lacans ist seine Theorie der drei ›Register‹ des Psychischen – des Realen, des Imaginären und des Symbolischen. Lacan denkt diese drei Bereiche als triadische Struktur, wechselseitig aufeinander bezogen und unauflöslich miteinander verwoben wie in einem Borromäischen Knoten, vgl. Abbildung rechts.
  • Der Begriff des Symbolischen verweist auf die makrosoziale Ordnung der Sprache und der sozialen Codes, des Diskurses, die Institutionen des Gesetzes und der Autorität. Als System von Signifikanten stiftet die ›symbolische Ordnung‹ sinnhafte Bedeutungen und bildet damit die Grundlage der intersubjektiven Wirklichkeit: Erst das Symbolische macht die Welt lesbar und sagbar. So ist das Symbolische einerseits einschränkend und reglementierend (Lacan spricht sogar von einer ›symbolischen Kastration‹ des Subjekts), andererseits aber auch befreiend, sofern es dem Subjekt überhaupt erst ermöglicht, sich zu artikulieren und eine Sprechposition zu beziehen. Der Geltungsbereich dieser symbolischen Ordnung erstreckt sich bis in den Bereich des Unbewussten: »Das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache« (Lacan 1964 S.26).
  • Im Gegensatz zur sprachlich strukturierten Ordnung des Symbolischen ist das Imaginäre ein eher mikrosozial konnotierter Begriff, der auf die Interaktion des Subjekts mit seinen inneren Bildern verweist. Das Imaginäre ist der Ort, an dem zwei Menschen sich begegnen, sich sehen, sich ein Bild voneinander machen und einander begehren; es ist aber auch jener Ort, an dem ein einzelner Mensch sich selbst begegnet und seine ›Ich-Funktion‹ wahrnimmt, die in der Entwicklungsphase des ›Spiegelstadiums‹ (6. bis 18. Lebensmonat, vgl. Kap. 4) ausgebildet wird. Zum Imaginären gehört dabei immer auch eine Dimension der Täuschung und der Verkennung.
  • Während die alltägliche Lebenswelt vor allem durch das Symbolische und das Imaginäre strukturiert wird, verweist der Begriff des Realen auf »das, was weder symbolisch noch imaginär ist« (Widmer 1990/1997: 58), also dasjenige, was sich der Symbolisierung ebenso entzieht wie der Imagination. Oftmals verknüpft mit den ›absurden‹ Dimensionen von Grenzsituationen wie Sexualität, Tod und Gewalt, trägt es traumatische Züge, indem es auf die Abwesenheit und den Zusammenbruch von Sinn verweist. Die Instanz des Realen erscheint vor allem negativ im Aufklaffen des Risses zwischen Zeichen und Bezeichnetem, im »Gleiten des Signifikats unter dem Signifikanten« (Lacan 1957: 36); eben darum ist es begrifflich nur schwer zu greifen. Es bildet den wesenhaft entzogenen Ort einer stummen Präsenz des Traumatischen, die beständig unter der Oberfläche der Diskurse und der Bilder lauert und einzubrechen droht.
    Quelle: Strehle, S. (2012). Zur Aktualität von Jean Baudrillard. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.89-90
    Weiterführende Literatur: Weber 1978, Widmer 1990/1997, Zizek 1991.

    'R - I - S' als Entwicklungs- und Sozialisierungsprozess

    Quelle: List, Eveline (2013). Psychoanalytische Kulturwissenschaften. Wien: facultas.

    Es lassen sich also folgende drei Ebenen von Wirklichkeit (vgl.Kap.2) differenzieren:
    1. die Ebene des Realen: faktisch beobachtbarer, „greifbarer“ Wirklichkeit, die natürlich in den Dingen der Welt gegeben ist (Wallner 1990) bzw. vom Menschen hergestellter Realität
    2. die Ebene des Imaginären: gedankliche bzw. vorstellungsmäßige, oft visuelle Repräsentation abwesender – in Vergangenheit, Zukunft oder an anderem Ort liegender, also imaginierter – Realität bzw. Wirklichkeit
    3. die Ebene des Symbolischen: symbolisch verdichtete und übergreifend kontextualisierte. meist sprachliche, d.h. mit Bedeutungen versehene Realität bzw. Wirklichkeit.

    Zur weiteren Unterscheidung und Definition von Wirklichkeit bzw. Realität vgl. den Abschnitt zu Gernot Böhme ('Was ist ein Bild') in Kapitel 2 sowie die Abschnitte zu Baudrillard und Blumenberg in Kapitel 7.
    Durch die beiden Medien des Imaginären und des Symbolischen wird das Subjekt zu einem doppelt repräsentierten Subjekt und seine Umwelt zu einer doppelt repräsentierten Umwelt.
    Aus dem Lacanschen Kategoriensystem R-I-S, das sich an die zwei Freudschen topologischen Modelle des psychischen Apparats anschließt, ergibt sich auch die Grundlage für eine psychoanalytische Medientheorie (siehe v.a. Kap. 7), welche Neues und Wesentliches zum Gegenstandsbereich der sogenannten angewandten Psychoanalyse, insbesondere für kultur- und kunsttheoretische Fragen beigetragen hat. Allerdings bilden auch die drei Register Real-Symbolisch-Imaginär ein topologisches Modell, das als Versuch einer Topologie des psychischen Seins von Lacan als sogenannter Borromäischer Knoten dargestellt wird. Dabei handelt es sich um drei Ringe, die in einem Knoten so miteinander verbunden sind, daß die Herauslösung eines Ringes die ganze Verbindung auflöst (vgl. Abbildung oben rechts).

    Diese gerade skizzierte Trias von Realem, Imaginärem und Symbolischem strukturiert u.a. auch Friedrich Kittlers für die Medientheorien wegweisendes Buch "Grammophon - Film - Typewriter". Die Thematik des Visuellen, des Bildes und der Medien wird im Narzissmuskapitel (das Imaginäre! Kap.2) von zentraler Bedeutung sein.

    Quellen:
    Kittler, Friedrich (1986). Grammophon - Film - Typewriter. Berlin.
    Ruhs, August (2010). Lacan - Eine Einführung in die strukturale Psychoanalyse. Wien: Löcker, S.10-14


    2.5. Gesellschaftskritik, Kultur- und Metapsychologie

    Es gibt noch einen "zweiten Freud". Während bisher v.a. von individuellen und innerfamiliären Vorgängen die Rede war, geht es im folgenden noch mehr um die "dunkle Seite" des Menschen, so wie sie sich offenbaren kann im Zusammenleben grösserer Gruppen, z.B. in Staaten.

    Dieses viel gescholtene Spätwerk Freuds, ist für meine psychotherapeutische Arbeit ebenso wichtig wie seine individualpsychologischen Erkenntnisse. Ziel jeder Psychotherapie sollte sein, nebst einer Verringerung der Symptome, auch eine dem Klienten angemessenere, ev. sogar verbesserte, Position in der Gesellschaft und in der Kultur zu finden:
    - Evolution und Kultur: gemäss Freud (und vor ihm auch schon Darwin) ist der Mensch, biologisch gesehen, nichts mehr als ein Säugetier "mit kulturellem Mäntelchen".
    In "Das Unbehagen in der Kultur" (1930) stellt Freud die Sublimierung als einzige Lösung dar, Sexualität (s.o.) und Aggression sozialverträglich auszuleben = Kreativität = Kultur !
    Anders ausgedrückt: Kultur ist ohne Triebverzicht nicht zu haben.

    Schon viel früher schrieb er: "Unsere Kultur ist auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut. Somit bezahlt die Gesellschaft die Unterordnung ihrer Mitglieder unter ihre Sexualmoral mit einer Zunahme von psychischen Störungen" ! (1908).

    Auf die Frage nach der Zukunft der Religion hat Freud zwei Antworten parat: eine ideale, die sich auf Rationalität, Wissenschaft und Religionsentzug gründet, doch für ihn ist die Zeit für den "Primat des Intellekts" noch nicht gekommen.
    Eine zweite, realistischere Perspektive hingegen sieht er in der "Beibehaltung des religiösen Lehrsystems": Formal interessant ist hier m.E. zu bemerken, dass für Freud offenbar das Ziel ('Erhaltung unserer Kultur') die Mittel legitimiert: ein autoritär auftretender Autor mit einer "hidden agenda" sieht sich legitimert im Dienst einer guten Sache auch zu Beeinflussung und Manipulation zu greifen. Kritisch hierzu die Kap.5 (Esoterik und Populismus) und 9 (Demokratie vs. Totalitarismus).

    Seine Hoffnung aber gibt Freud nicht auf. Langfristig glaubt er, dass die vernunft sich gegen die Religion wird durchsetzen können. Dies formuliert er ebenfalls 1927 im folgenden inzwischen berühmt gewordenen Satz: Quelle: Freud, Sigmund (1927). Die Zukunft einer Illusion. In: Gesamtwerk GW Band XIV: Werke aus den Jahren 1925-1931

    Von Freud zu McLuhan: vom Prothesengott zu den extendierten Extremitäten

    Da ich in dieser Arbeit besonderes Augenmerk (!) auf menschliche Kulturleistungen und insbesondere auf mediengestützte, visuelle Bildgebungen legen werde, möchte ich noch aus einem weiteren sehr faszinierenden und bis heute validen Buch aus Freuds Gesamtwerk zitieren. Wir finden hier eine griffige Definition von Kultur einerseits und von Medialität (im Sinne von: "medial über sich hinauswachsend") andererseits.
    Freud, so gesehen als früher Medientheoretiker (vgl. Kap. 2), schrieb 1930 in 'Das Unbehagen in der Kultur': "Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht grossartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen"(ebenda S.450-451) (...)

    TEIL III: Kulturwissenschaften - Medientheorien - Culture Studies

    3.1. [Kulturwissenschaften - Medientheorien - Culture Studies]

    --> Stuart Hall: Encoding/Decoding und Identität - Friedrich Krotz. In: Culture-Studies-Kap-In-Hepp-Krotz-Thomas-Culture-Studies-2009-S207-220 ...........................

    3.2. Everything Turns: Die Lawine der Wenden im 20. Jahrhundert

    Hier sei nur eine kleine Auswahl aufgezählt:
    - Adorno/Horkheimer: Der autoritäre Charakter der 30er bis 60er Jahre
    - Soziale Wende der 70er und 80er Jahre: Lasch, Sennett u.a.
    - Linguistic Turn der 90er Jahre: Rorty, Habermas, Chomsky, Lacan u.a.
    - Relational Turn der Nuller-Jahre: Mitchell, Benjamin, Honneth, Altmeyer
    - Embodiment Turn der 2010er-Jahre: Buchholz, Tschacher, Leuzinger-Bohleber, Storch, Cantieni, Staemmler, Bocian, ...
    - Visual Turn bzw. Iconic Turn der 2015er Jahre als Comeback der 60er: "Visual Cultural Studies" - in Rekurs auf Lacan, Baudrillard und McLuhan
    Von all diesen "Wenden" und Schwerpunktsetzungen ist nebst dem "Linguistic Turn" v.a. der "Cultural Turn" besonders hervorzuheben, weil nur diese beiden 'Wenden' m.E. wirklich nachhaltig und für unsere postmoderne Zeit prägend ist wie keine andere Bewegung oder Fachgebiet:

    Die kulturelle »Kränkung«

    Die kulturelle »Kränkung« (Reich 1998) ontologischer Weltbilder ist also bei weitem nicht, womit sie sich häufig in einer zu engen Perspektive identifiziert findet, eine Spezialität etwa des Dekonstruktivismus oder des Radikalen Konstruktivismus. Das im Zuge des 'linguistic turns' manifest in die »Krise« geratene Paradigma der Repräsentation (Rorty 1987, vgl. Wimmer/Schäfer 1999) – und mit ihm ein Wahrheitsbegriff als 'adaequatio rerum et intellectus', der von der Antike ausgehend über die Scholastik und Descartes die neuzeitlich-moderne Wissenschaft bestimmt hat – hat sich seither kaum erholt. Im Gegenteil legen auch die neuesten Tendenzen – die Hinwendung zur 'visual culture' (Sturken/Cartwright 2001) und der 'performative turn' in den Kultur- und Sozialwissenschaften (Fischer-Lichte 1998) andererseits nahe, dass der Patient wohl nicht mehr zu retten ist.
    --> LINGUISTIC TURN - Pragmatismus (Richard RORTY)

    Die sprachkritische Wende - Die linguistische Wende

    Def. Medien: "Medien transportieren Unterschiede" (Ströhl 2014 S.230) Eigenschaften der Medien:
    Medien sind situativ: Die Situation entscheidet, was als Medium benutzt wird. Ein Knoten im Taschentuch macht das Taschentuch zum Speichermedium.
    Medien sind relational: Ein Medium wird dadurch Medium, dass es mindestens zwei Instanzen (z.B. einen Sender und einen Empfänger) miteinander verbindet.
    Medien sind konsensuell: Nur, wenn sich Sender und Empfänger einig sind, etwas als Medium zu nutzen (und über den gleichen Code verfügen), kann Kommunikation erfolgen.
    Medien sind prozessual: Nahezu alles kann als Medium dienen. Aber nur während des Kommunikationsakts ist es Medium. Was jetzt als Medium dient, kann im nächsten Moment tote Materie oder eine tote Institution sein.
    Medien bieten eine Auswahl von Elementen aus einem Repertoire potenzieller Formen: Das Medium Schrift bietet Kombinationsmöglichkeiten aus 26 Buchstaben. Das Fernsehen verfügt über eine definierte Zahl von Bildpunkten bei 25 Bildern pro Sekunde. Zwölftonmusik besitzt zwölf Töne. Computercodes sind binär.
    Medien sind hierarchisch verschachtelt: Das Medium »Schriftkultur« enthält Archive. Das Medium »Archiv« enthält hand­ schriftliche Dokumente. Briefe als Medien enthalten Schrift. Das Medium »Schrift« enthält Sprache.
    Quelle: Ströhl, Andreas 2014 S.229, Abb.19:Eigenschaften der Medien

    Quellen:
    Freud, Sigmund (1930). Das Unbehagen in der Kultur. In: Gesamtwerk GW Band XIV: Werke aus den Jahren 1925-1931, S.419-505
    Helbig, J., Russegger, A., Winter, R. (2014 Hrsg). Visuelle Medien - Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur. Köln: Halem
    Paradigmen der Feldtheorie - Online: Das Paradigma der Struktur- und Feldtheorien


    3.3. Marshall McLUHAN: Kultur- und Medienwissenschaften

    Tetrade und Chiasmus

    In den 1970er Jahren will McLuhan eine Grundstruktur ausgemacht haben, die alle Medien und ihre Effekte betreffen. Im posthum veröffentlichten Buch 'Laws of Media' werden diese Strukturen in Form von Gesetzen ausformuliert. Die zentrale These dieser sogenannten Tetrade lautet: Jedes Medium ist durch eine viergliedrige Struktur gekennzeichnet, die folgende tetradische Form aufweist (vgl. Abb. rechts) - an jedes Medium lassen sich somit folgende Fragen stellen:
    McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Wenden, Turns, Postmoderne, Strukturalismus, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies, Linguistic Turn, Iconic Turn, Narzissmus (1) Was hat es erweitert bzw. verstärkt?
    (2) Welche Prozesse hat es erneuert bzw. wiedererlangt?
    (3) In was hat es sich im Laufe der Entwicklung umgekehrt bzw. ist es umgekippt? [Chiasmus]
    (4) Was ließ es veralten?


    McLuhan selbst gibt zahllose Beispiele, v.a. im leider vergriffenen Buch "Global Village" (Junfermann-Verlag Paderborn). Hier seien diese 'Gesetze' nur an einem neueren und sehr einfachen Beispiel vorgestellt, von dem McLuhan noch nichts wissen konnte, dem Handy:
    (1) Verstärkt wurde durch das mobile Telefon die kommunikative Vernetzung der Menschen, die sich räumlich an unterschiedlichen Orten befinden.
    (2) Einen Aufschwung erlebte dadurch erneut die orale Kommunikation.
    (3) Die Kommunikation per Handy ist aber schnell in etwas umgekippt, das kaum zu erwarten war: Es ist inzwischen sehr viel weniger mehr ein auditives Medium, denn ein Schreibmedium. Vor allem werden damit inzwischen Kurznachrichten verschickt, kurz: SMS.
    (4) Veraltet wurde der Festnetzanschluss. Tatsächlich haben inzwischen viele Personen überhaupt keinen Festnetzanschluss mehr.
    Beim Durchspielen dieser Gesetze zeigt sich sehr konkret, was es nach McLuhan bedeutet, ein Medium als ein formgebendes Milieu zu verstehen, das vielerlei Effekte hat, die — und das zeigen die vier Gesetze — gleichzeitig in sehr unterschiedliche, ja widerstreitende Richtungen weisen.

    Züge eines Neo-Primitivismus

    Der Mensch ist ein Herdentier. Zusammenleben, Empathie, gutes und schlechtes Handeln lernt er zuerst im Kreis seiner Familie, seiner Angehörigen, seiner Bekannten. Selbst wenn er im Laufe seines Lebens zur «erwachseneren» Sicht heranreifen mag, dass friedliches ziviles Zusammenleben eines umfassenderen «Wir» bedürfte, bleibt immer ein Rest an Stammesmentalität an ihm haften.
    Wir leben mit Menschen des gleichen Stamms auf Smartphone-verbundenen Inseln im Internet.
    Wenn man also von «Eingeborenen des Netzes» spricht, muss man dem ethnologischen Einschlag im Ausdruck Rechnung tragen: Es handelt sich buchstäblich um eine Sozialstruktur, wie sie die klassische Ethnografie unter «Primitiven» studiert hat: eine Struktur, die der Stammesordnung stets Vorrang gegenüber einer umfassenderen Gesellschaftsordnung gibt. Und man kann im Verhalten der digitalen Stämme durchaus Züge eines Neo-Primitivismus ausmachen, in Gestalt von Mobbing, Shitstorm und dem rüden Ton in gewissen Blogs und Websites. Wobei nicht das Internet die Ursache dieser Phänomene ist; es verstärkt nur vorhandene tribale Tendenzen im Menschen.

    Von Marshal McLuhan stammt der Begriff des globalen Dorfs. Was er damit meinte, brachte er in einem seiner letzten Interviews unverblümt zum Ausdruck: «Eine der Hauptsportarten der Stammesmenschen ist das gegenseitige Abschlachten [...] Wenn die Menschen dichter zusammenrücken, werden sie barbarischer, gegenseitig ungeduldiger. [...] Das globale Dorf ist ein Ort mit sehr harten Schnittstellen und sehr ruppigen Situationen

    McLuhan - Retribalisierung

    --> viel mehr dazu in Kap.7 !!!

    Genau wie das Tattoo und das Piercing, wie Kleidung, Frisuren und Schminkstile, ist auch der Shitstorm Ausdruck der Re-Tribalisierung der sich abzeichnenden, nächsten Gesellschaft. Jemand beginnt die Buschtrommel zu schlagen und schon strömen die Stammesmitglieder zum Lagerfeuer — eine Rolle, die heutzutage bspw. von Facebook eingenommen wird — und tanzen sich in Trance.

    https://netzoekonomiecampus.com/2015/06/21/marshall-mcluhan-metallica-und-die-wiedergeburt-alter-fahigkeiten-in-neuer-qualitat/
    https://billionbooksbaby.org/pdf-jacques-lacan-wege-zu-seinem-werk.html

    McLuhan - Global Village:
    I. FORSCHUNGEN IM SEHRAUM UND IM HÖRRAUM 23
    1. Das resonierende Intervall 25
    2. Das Rad und die Achse 37
    3. Visueller und akustischer Raum 63
    4. Ost trifft West in den Hemisphären 77
    5. Plato und der Angelismus 87
    6. Verborgene Wirkungen 103
    II. DIE GLOBALEN WIRKUNGEN VIDEO VERWANDTER TECHNOLOGIEN 115
    7. Globaler Robotismus: Die Erfüllung — Satisfaction 117
    8. Globaler Robotismus: Welten der Unerfülltheit — Dissatisfaction 127
    9. Von Engeln zu Robotern: Vom euklidischen Raum zum einsteinschen Raum 169

    Internet als Bewusstseinserweiterung und Bewusstseinstrübung - Eine Ausdehnung des Nervensystems
    - von Uwe Justus Wenzel - 23.10.2010

    Auch das Internet. Der Stamm war früher geografisch gebunden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Ein Klick genügt, und ich bin in Kontakt mit meinesgleichen. Wenn ich einziger Verehrer des Fliegenden Spaghettimonsters an meinem Wohnort bin, dann hindert mich das nicht daran, Stammesangehöriger der globalen Fliegenden-Spaghettimonster-Diaspora zu werden. Was ich brauche, ist ein Relais im Netz, um Informationen und Nachrichten auszutauschen.
    Stämme sind familiär, ethnisch, sprachlich, religiös oder kulturell homogenisierte Gemeinschaften. Die sozialen Bindungskräfte – Vertrauen, Verpflichtung, Verantwortung – sind stark nach innen zentriert. Sitte und Brauch bestimmen Verhalten und Loyalität. Das ist auch im Netz so. Nur wird die Homogenität anders erzeugt. Man teilt ein Hobby, ist Fan von Lady Gaga oder Arsenal, verdammt Putin oder Beppe Grillo, will das Abendland retten oder einfach gute Pasta kochen. Die gleichen Hashtags, der gleiche Slang
    Bereits 2011 war im «Guardian» von «Twitter-Stämmen» die Rede. Angehörige digitaler Stämme identifizieren sich meist nicht als solche. Aber sie sind Follower der gleichen Leute auf Twitter oder Tumblr; lesen die gleichen Blogs; schauen die gleichen Videos auf Youtube; benutzen die gleichen Hashtags; reden den gleichen Slang; «liken» und «sharen» die gleichen Facebook-Links; verachten die gleichen Feinde. Und all dies, obwohl sie einander gar nicht als physische Personen kennen. Sie formieren als elektronische Monaden genau jene Phantom-Gemeinschaft, die Karl Popper vorausgeahnt hatte.
    Moderne Gesellschaften, so haben wir es von den Aufklärern gelernt, funktionieren auf der ideellen Basis universeller, und das heisst: antitribalistischer Leitlinien und Normen. Tribalisierung bedeutet also «Entgesellschaftung» der Gesellschaft; ein Prozess, in dessen Verlauf gemeinsames universelles Ideengut schleichend unterhöhlt wird durch partikulare Stammesansprüche. Einst galt die Stammesmentalität als Ausdruck eines beschränkten Horizonts. Der digitale Tribalismus ist eine gewollte Rückkehr zu solchen Zuständen auf technisch avanciertem Niveau. Macht das Netz neue Troglodyten aus uns?
    Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschien der Band «Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten» (2014).

    Stammeskultur im Netz

    "Ich finde den Gastkommentar von Eduard Kaeser (NZZ 11. 10. 16) über den Netz-Tribalismus sehr wohltuend im gegenwärtigen Hype um die weltweite Digitalisierung. Wenn wir schon von einem globalen Dorf sprechen, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass jetzt und wohl auch in Zukunft mit «gütiger» Hilfe der sozialen Medien eine «Stammtischisierung» des gesamten Weltgeschehens, insbesondere der Politik, stattfindet. Es würde mich nicht verwundern, wenn unsere von derart primitiven Kräften beherrschte Zivilisation trotz stetigen, vermeintlich sinnvollen technologischen Fortschritten wie schon frühere Kulturen dereinst an solcherart Tribalismus zerbräche. Die Voraussetzungen dazu sind heute schon gegeben. Nicht die Algorithmen und die digitale Revolution, sondern die Banalitäten der menschlichen Psyche werden dafür den Ausschlag geben" (Leserbrief von Franz Boesch, Menziken in der NZZ vom 24.Okt.2016 S.9).

    "Unter die Gürtellinie gehen hebt die Aufmerksamkeitsquote. Grob kann man vier Gravitationszentren des Obszönen unterscheiden:
    - das Heilige "HOLY"
    - den Körper "FUCK"
    - die Reinheit "SHIT" und
    - den Stamm "NIGGER".

    Daraus leiten sich die Beschimpfungsvarianten ab: Entheiligen, Sexualisieren, Beschmutzen und Verunglimpfen.
    Der amerikanische Kognitionswissenschafter Benjamin K. Bergen, der gerade ein Buch mit dem aparten Titel «What the F» veröffentlicht hat, nennt dieses Kategorisierungsschema unzimperlich das «Holy-Fuck-Shit-Nigger-Principle».
    Quellen: Das Schimpftier - von der «Vershittung» und «Verfuckung» der Sprache. Gastkommentar von EDUARD KAESER in der NZZ vom Donnerstag 13.April 2017 S.10
    https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0010-3497-2017-1-50.pdf

    3.4. Renaissance von Schrift und Mündlichkeit


    Genealogie der Medien

    McLuhan, Tetrade, Chiasmus, Kulturepochen, Medienepochen, Postmoderne, Moderne, Dekonstruktion, Culture Studies, Linguistic Turn, Iconic Turn 1. Orale Stammeskultur: Wissensüberlieferung und Kommunikation erfolgen mündlich - Herrschaft des Ohres.
    2. Literale Manuskript-Kultur: durch Einführung der phonetischen Schrift, Lesen erfolgt laut, alle Sinne werden mit einbezogen.
    3. Gutenberg-Zeitalter: durch Erfindung des Buchdrucks - Herrschaft des Auges und des linearen Denkens.
    4. Zeitalter der Elektrizität un des Computers: durch Erfindung des drahtlosen Telegraphen - harmonische Einbeziehung aller Sinne: Taktilität.





    TEIL IV: Von der Moderne zur Postmoderne: Systemtheorie, Konstruktivismus und Dekonstruktion

    Auf der Zeitachse voranschreitend sollen folgende Texte, Auszüge und Zitate weitere Orientierungspunkte beschreiben im Dschungel (post-)moderner philosophischer Strömungen der letzten etwa 70 Jahre. In den weiteren Kapiteln dieses Buches werden die einzelnen Ansätze vertieft und mit Narzissmus- bzw. Selbstkonzepten verknüpft. Nun also rasch zu einem weiteren 'Schnelldurchlauf', methodisch bereits in sich ein postmodernes Vorgehen mit keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit oder Wahrheit oder Exaktheit oder ... dialektisch eben...:

    4.1. »Moderne«, »Postmoderne« und »Posthistoire«

    Die aus der französischen Philosophie kommende Debatte der »Postmoderne« bzw. »Posthistoire« und damit verwandte sprachphilosophische Ueberlegungen beeinflussen seit Ende der achtziger Jahre alle Wissenschaftsbereiche. Als einen Startpunkt (starting point) kann man eine Schrift von Jean François Lyotard ansehen, die 1979 erschien: »Das postmoderne Wissen«.
    Darin diagnostiziert Lyotard für das postindustrielle Zeitalter das »Ende der grossen Meta-Erzählungen«, denen heute kein Glaube mehr geschenkt werde. Zu diesen Meta-Erzählungen gehören die großen Schöpfungsmythen und die großen heilsversprechenden Zukunftsentwürfe. Lyotard sieht diese mit Wittgenstein übereinstimmend als »Sprachspiele«, wirft ihnen Anfälligkeit für Totalitarismus vor und diagnostiziert eine Zerstreuung, Heterogenisierung, Pluralisierung dieser Sprachspiele: Viele heterogene Theorien und Entwürfe existieren gleichberechtigt nebeneinander; sie lassen sich nicht mehr auf eine große, integrierende, »bessere und wahrere« Meta-Theorie zurückführen.
    Vor allem zwei Denker des französischen Poststrukturalismus haben der Postmoderne-Diskussion besondere Anstösse gegeben: Foucault und Derrida. Die Hoffnung ihrer geistigen Vorgänger, der Strukturalisten (z.B. Levi-Strauss und Jacques Lacan, s.o.) war, über das Studium unbewußter kollektiver Strukturen letztlich auf die Struktur des menschlichen Geistes zu stoßen (also noch die 'moderne' Hoffnung auf einen »großen Entwurf«!). Die Philosophie des 'Strukturalismus' (hierzu sehr zu empfehlen die beiden Bände von Dosse) beeinflußte Mitte des 20. Jahrhunderts das Denken in grossen Bereichen der Psychoanalyse, vor allem der französischen (insbesondere Jacques Lacan, s.o.: Strukturale Psychoanalyse).
    Foucault und Derrida beschäftigten sich vor allem mit der Sprache. Es interessierte sie, welche Strukturen, vor allem welche gesellschaftlichen Machtstrukturen sich hinter der Sprache und unserer Sprachverwendung verbergen und sich in der Sprache reproduzieren.
    Jacques Derrida, ein Schüler Foucaults, Philosoph und Literaturtheoretiker, setzt die Suche nach den Hintergründen dessen fort, was unsere Sicht von Wirklichkeit vorgibt und prägt. Aehnlich wie Foucault geht es ihm weniger darum, ein neues System des Wissens zu entwerfen, als vielmehr Zweifel an den herrschenden Diskursen zu wecken. Für ihn ist Verstehen mit einem Bruch des gewohnten Bezuges (z.B. mit der Vernunft) verbunden. Er vertritt eine »Strategie einschneidender Pluralisierung«. Dazu braucht es »ein neues Schreiben – eines, das mehrere Sprachen zugleich spricht und mehrere Texte zugleich hervorbringt« (zit. nach Welsch 1991 S.143). Entscheidend ist für ihn, dass der Sinn nie präsent ist, sondern immer auf verschiedene Bahnen verstreut, verschoben. Aus diesem Grund schreibt Derrida oft in einer schwer verstehbaren dichterischen, fast surrealistischen Sprache.

    Dekonstruktion als zentrale Praxis Derridas lässt sich am ehesten als eine bestimmte kritische »Haltung« gegenüber jeglichen bestehenden Beschreibungen verstehen: "bei einem klassischen philosophischen Gegensatz hat man es nicht mit der friedlichen Koexistenz eines Vis-à-Vis, sondern mit einer gewaltsamen Hierarchie zu tun. Einer der beiden Ausdrücke beherrscht den anderen, steht über ihm. Eine Dekonstruktion des Gegensatzes besteht zunächst darin, im gegebenen Augenblick die Hierarchie umzustürzen" (Derrida zit. nach Culler 1988 S.95). Der Praktiker der Dekonstruktion arbeitet zwar innerhalb eines Begriffssystems, aber mit der Absicht, es aufzubrechen, mit dem Sinn zu spielen, indem immer wieder neue Verbindungen, Korrelationen und Kontexte bereitgestellt werden. Kenneth Gergen hat einen ähnlichen Ansatz in den 90er Jahren in die Sozialpsychologie eingebracht und im Artikel "Die Konstruktion des Selbst im Zeitalter der Postmoderne" (Gergen 1990) ausgeführt. Dieser 'Soziale Konstruktionismus' Gergens wird in Kapitel 8 weiter ausgeführt.
    Der herrschende Diskurs soll durch Dekonstruktion aufgebrochen werden. In dieser Haltung steckt eine tiefe Skepsis gegenüber der dargestellten Wirklichkeit und eine ständige Bereitschaft, die vorgegebenen Konstruktionen wieder aufzulösen, eine »Politisierung dessen, was sonst als neutraler Rahmen gilt« (Culler 1988 S.174).
    Bereits die Beschreibung eines Gegenstandes aus mehreren Perspektiven ist Dekonstruktion, aber auch die Suche nach den scheinbar nebensächlichen Details, die einer Geschichte, wenn sie aufgegriffen werden, eine andere Wendung geben können: »Etwas Geschriebenes zu ›dekonstruieren‹, bedeutet daher, eine Art strategische Umkehrung einzusetzen, indem man besonders jene nicht beachteten Details aufgreift (wie z.B. beiläufige Metaphern, Fußnoten, zufällige Richtungsänderungen der Argumente), die immer und notwendigerweise von den Interpreten der orthodoxeren Meinungen übergangen werden« (Derrida zit. nach Jones 1993 S.139). Dekonstruktion erlaubt, darüber nachzudenken, welche Geschichte sich hinter einer dominierenden Erzählung verbirgt: wo liegt alternatives Wissen, welche Gesichtspunkte wurden ausgelassen, unterdrückt?

    4.2. Wolfgang Welsch: Was ist die Postmoderne?

    Definitionen für die sog. „Postmoderne“: Den Begriff gibt es seit ca. 1870, als verschiedene Autoren über die heterogenen gesellschaftlichen Verhältnisse und Entwicklungen jener Zeit berichteten. Heute wird die Postmoderne folgendermaßen charakterisiert:
    • Verlust traditioneller Bindungen
    • Segmentierung der Gesellschaft in eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppierungen mit unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Denk­ und Verhaltensweisen
    • Radikale Pluralität der Gesellschaft mit Toleranz und persönlicher Freiheit
    • Individuelle Entgrenzung, Unabhängigkeit, Selbstinszenierung
    • Hinwendung zur Emotionalität
    Die heutigen postmodernen Verhältnisse wurden bereits vor 20 Jahren beschrieben (Gerken 1991, Schulze 1992).
    Quelle: G. Gutjahr (2015 3teAufl.). Markenpsychologie. Wiesbaden: Springer VS

    Die postmoderne Philosophie sei nun nichts anderes, so Welsch (1987 S.6u.77-85), als die ernsthafte Anerkennung des Pluralismus und der Auseinandersetzung mit ihm, das heißt, mit der Idee, dass die eine Wahrheit nicht gefunden werden könne und damit sei die postmoderne Philosophie nichts anderes als die radikale Vollendung der im 20. Jahrhundert begonnenen Kritik an dem Universalitäts- und Totalitätsdenken der Moderne (als Beispiele nennt er Veränderungen in der Naturwissenschafu: Einstein, Heisenberg, Gödel, die Chaostheorie sowie die Phänomenologie Husserls und andere Namen wie Ludwig Wittgenstein, Thomas Kuhn, Paul Feyerabend). Deswegen sei die Postmoderne eigentlich auch nicht mehr als eine radikale Moderne. Sie sei nur die Einlösung, der für die Moderne des 20. Jahrhunderts charakteristischen Sinnstruktur der Pluralität. Die Postmoderne sei die breitenwirksame Verwirklichung des zu Anfang des 20. Jahrhunderts nur in elitären Wissenschaftszirkeln bewussten Eingeständnisses der Heterogenität, der Pluralität. Als nach-modern könne man die Postmoderne nicht beschreiben, sie radikalisierte nur, was in der Moderne Stück für Stück herausgekommen sei, nämlich, dass ein Universalitätsdenken – wie das der 'Mathesis universalis' oder der Metaerzählung des absoluten Geistes oder der Metaerzählung des historischen Materialismus – nicht haltbar ist. (Heisterhagen 2018 S.149)

    Zentrale Aspekte der postmodernen Philosophie

    - Das zentrale Merkmal der postmodernen Philosophie ist ihr Eintreten für einen radikalen Pluralismus, das heißt, für eine Anerkennung von Diversität und für ein Aushalten des Unbestimmbaren. 'Diversity' ist hier der Kampfbegriff. Die postmoderne Philosophie ist gegen Totalitätsdenken. Postmoderner Pluralismus heißt: Es besteht ein Nebeneinander von unterschiedlichen Haltungen, Weisen des Denkens und das ist auch gut so. Agonistik ist das Prinzip der Begegnungsweise durch Sprechen. Sprechen ist Kämpfen im Sinne des Spielens nach Lyotard, das heißt, neben dem prinzipiell gleichzeitig legitimen – und weil strukturell gegeben, prinzipiell untilgbaren – Nebeneinander von verschiedenen Positionen, gibt es auch ein prinzipiell strukturell gegebenes Gegeneinander:
    „‚Post-modernes‘ Wissen zielt nicht auf Konsens, sondern auf Dissens ab. Das, worüber im post-modernen Denken allein Konsens besteht, das ist der Dissens“ (Mader 2005 S.556).
    Prinzipiell ist man sich also darüber einig, dass man sich weder einig werden kann noch muss, sondern, dass im Sprechen der Dissens strukturell verankert ist. Das heißt, erstens ist der Dissens als prinzipiell legitimes Nebeneinander, also als Pluralismus als solcher, strukturell gegeben, und zweitens ist der Dissens als Gegeneinander, also als Agonistik, strukturell gegeben. Postmoderner Pluralismus ist weitgehend gleichzusetzen mit postmodernem Relativismus. Pluralismus und Relativismus sind zwar nicht das Gleiche, in der Postmoderne aber sind sie verschmolzen, das heißt, sie ergänzen sich und bezeichnen das Gleiche. Relativismus heißt, dass es keine Meinung gibt, die behaupten kann, gerechtfertigter zu sein als eine andere. Keine Position könne „die Wahrheit“ für sich behaupten beziehungsweise keine Position könne eine höhere Legitimität oder Richtigkeit beanspruchen als eine andere Position. Relativismus heißt schlicht, keine Position ist besser oder richtiger als eine andere Position. Niemand könne behaupten, er hätte mehr Recht als ein Anderer. Pluralismus ist hingegen kein epistemologischer Standpunkt, so wie der Relativismus, sondern ist sein gesellschaftstheoretischer Ansatz, folglich, ist er die sozial reale Manifestation des Relativismus – zumindest in seiner radikalen Form. In seiner gesellschaftstheoretischen Perspektive ist er also einerseits die Realisierung beziehungsweise Verbreiterung des Relativismus, andererseits nicht der Relativismus selbst, sondern nur das Bekenntnis zum Relativismus. Daher ist er oberflächlich weitestgehend mit dem Relativismus gleichzusetzen.
    - Die Vergangenheit ist in der Postmoderne gewesen, das bedeutet, die Postmoderne ist nicht direkt mit einem posthistorischen Denken verbunden, aber das Gewordene und das Zu-Werdende, das Historische, spielt nicht mehr so eine starke Rolle. Die postmoderne Philosophie ist eher eine Philosophie des Hier und Jetzt. Generell gilt auch eine „No-future-Lebenshaltung“ (Barck 1991 S.166). Posthistorisch meint im postmodernen Sinne so etwas wie Absage an die Verzeitigung von Wahrheit, das bedeutet, Geschichtsphilosophien, wie die von Hegel oder Marx, sind deswegen auch falsch, weil sie ihre Bewahrheitung in die Zukunft verlegen, sich also durch ein Zeitargument gegen jede Hier-und-Jetzt-Kritik immunisieren. Die Eschatologie der Neuzeit ist durch die Postmoderne daher auch in Frage gestellt worden (Heisterhagen 2016).
    - Die postmoderne Philosophie hat einen emotionalen Subjektbegriff: „Viele Prinzipien der Postmoderne-Philosophie, die vom Aesthetischen weit entfernt erscheinen, entspringen aus dem Primat des gefühlshaften Aufnehmens und Gestaltens“ (Irrlitz 1991 S.149). Es ist das schöpferische Fühlen, die aus ästhetischer Innerlichkeit kommende Gewissheit, das ästhetische Produktive, das Eigengestalterische, was die postmodernen Philosophen herausstellen. Es geht in den postmodernen Theorien „um die Bewahrung schöpferischer Individualität in der zu den unendlichen neuen Möglichkeiten der elektronischen Beobachtung und Steuerung des Menschen erwachten Industriegesellschaft“ (Heisterhagen 2016 S.152).
    - Ein vernünftiges Argument könne einem anderen vernünftigen Argument entgegen stehen, das heißt, die Vernunft ist nicht mit Einheitlichkeit verbunden, sondern verschiedene Perspektiven auf den gleichen Sachverhalt müssen sich nicht ausschließen und sich auch nicht widersprechen, das meint, dass diese Perspektiven jede für sich eine Vernünftigkeit in Anspruch nehmen kann. Gerechtigkeit könne so beispielsweise nicht in einer einheitlichen vernünftigen Konzeption wiedergegeben werden, sondern es gibt immer mehrere Sichtweisen darauf. Es gibt mit anderen Worten nicht den erleuchteten Blick des Philosophen, der aus der Höhle kam, die Idee des Guten (der Gerechtigkeit) sah und nun zurückkehrt in die Höhle, um die einzig richtige vernünftige Wahrheit allen beizubringen. Der Singular der neuzeitlichen Moderne wird in der Postmoderne zum Plural:
    „Der Sinn postmoderner Rekonstruktion der irreduziblen und herrschaftslosen Vielfalt der Objektivierungsformen besteht in der Frage nach der Möglichkeit, die sich unvermeidlich auflösende Ganzheit des Menschen unter den ausdifferenzierten Systemen der Moderne durch Relativierung aller Objektivierungen (aller Diskurse) zurückzugewinnen“ (Heisterhagen 2016 S.154).
    Philosophen können dem Rest der Bevölkerung nichts mehr vorschreiben. Sie können nicht mehr den Finger erheben und sagen: „So und so, meine Schüler“. Postmoderne heißt: Die Zeit der Belehrung ist vorbei. Philosophen – insbesondere Moralphilosophen – sind nun Verwalter der Toleranz, Hüter der Pluralität, Hüter einer angemessen (gewaltfreien) Streitweise. Sie sind zu Tugendwächtern und Anstandslehrern geworden – reduziert worden. Sie sind zu einer Art Moralaposteln verkommen, weil ihnen nicht mehr zugebilligt wird, eine für die Gesellschaft zentrale Leitungsfunktion einzunehmen.
    - Mit der Gegenwendung gegen die Universalisierung ist auch ein Antiwestialismus verbunden, das bedeutet eine Absage an eurozentristische Positionen. Kulturen werden als inkommensurabel verstanden. Andere Länder, andere Sitten. Jedes Volk hat so seine eigene Kultur, die man respektieren müsse. Der Westen dürfe dem Rest der Welt seine Sichtweise nicht einfach aufdrücken. Damit ist meist auch eine starke Kapitalismuskritik und Globalisierungskritik verbunden. Der Westen habe kein Recht die Welt zu marktförmisieren und alles dem ökonomischen Diktat auszuliefern.
    - Antiandrozentrismus: Im Zuge des Aufkommens der postmodernen Philosophie hat sich ein postmoderner Feminismus gebildet, der vor allem den Differenzgedanken beziehungsweise den Diversitygedanken stark macht.
    - Die Postmodernisten plädieren für eine radikale Individualisierung. Sie schreiben und streiten für eine Entlassung der Personen aus traditionellen Bindungen. Sie kündigen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die gesellschaftliche Solidarität auf und plädieren für einen radikalen Perspektivismus, dementsprechend für einen radikalen Subjektivismus.
    - Die postmoderne Philosophie diagnostiziert und plädiert für ein Nebeneinander von verschiedenen Formen des Wissens, des Handelns, des Lebens, weil es keine Wahrheit gibt, die mittels der Vernunft vereinheitlicht werden könne. Man müsse praktisch für das Nebeneinander – für die Vielheit der heterogenen Sichtweisen – eintreten. Die postmodernen Philosophen treten den Metaerzählern der Neuzeit entgegen und wenden sich gegen ihre Totalitätskonzeptionen. Sie versuchen jede Hegemonisierung einer bestimmten Sichtweise zu verhindern und kritisieren jeden, der sich anmaßt, die Einheit zu denken. Vor allem richten sie sich deshalb auch gegen jede Art von Geschichtsphilosophie. Sie setzen sich für die Anerkennung von verschiedenen Lebensstilen und politisch auch für Minderheiten ein. Sie sagen: Es gibt keinen einheitlichen Denktyp, so wie man denken muss, sondern jeder hat das Recht so zu denken, wie er will, sofern das nicht intolerant ist. 'Diversity' ist ihre Kampfformel und Diversitykompetenz eine Tugend, die man besitzen müsse, um mit dem postmodernen Regime der Vielheit und Vielfalt umgehen zu können.
    - Die postmoderne Philosophie versucht nun daher eine Ethik zu entwickeln, die den Verlust des Allgemeinen aushaltbar macht. Die Art und Weise des Umgangs mit dem Heterogenen, mit dem Pluralen, wird entworfen, sodass man mit der neuen gesellschaftlich real gewordenen radikalen Pluralität auch umgehen könne. Die neue Ethik soll das Zurechtkommen mit der Pluralität ermöglichen. Diversityanerkennung ist ihr Inhalt. Das heißt auch, dass Minderheitsmeinungen anerkannt und gesichert werden müssen. Die Rechte der unterlegenden Minderheiten müssen eingehalten werden. Die Mehrheit dürfe den Minderheiten nicht ihren Kurs aufzwingen, da niemand mehr Recht habe als ein Anderer.
    - Weiterhin versuchen sie ein Vernunftkonzept zu entwickeln, in dem die alte neuzeitlich-moderne Idee der einheitlichen Vernunft verabschiedet wird und die Pluralität in die Vernunft eingelassen wird. Man kommt zu einer Vernunftkonzeption, mit der eine Vielheitsvernunft entwickelt wird – was eigentlich schon der Liberalismus in Ansätzen in seiner Gegenwendung gegen den Paternalismus der Vernunftkonzeption des deutschen Idealismus getan hatte. Nach den Postmodernen gibt es keine Ueberrationalität, keine Metarationalität. Dennoch sei zu der neuen pluralen Situation ein neuer Rationalitätstyp notwendig, weil man Rationalität nicht in die Heterogenität entlassen könne. Die Vernunft müsse Ordnungsinstanz bleiben, aber in neuer Form. Die Rationalität wird pluralisiert, aber die Pluralität der Rationalität wird zu dem neuen „einen“ Rationalitätsverständnis erklärt und somit wird die Heterogenität der Rationalität in einem neuen Rationalitätsverständnis versinnbildlicht und in eine einheitliche Form gebracht (Heisterhagen 2018 S.153-156).

    Peter Mattes: Postmoderne Psychologie

    http://web.fu-berlin.de/postmoderne-psych/links/mattes_postmoderne_psychologie.htm

    Als philosophischer Diskurs, als Thematisierung aktueller Lebenswelten sowie als Aesthetisierung stellt Postmodernes Denken Grundannahmen der Psychologie in Frage. Eben damit eröffnet es jedoch auch neue Möglichkeiten für psychologisches Wissen und Handeln.
    Der Term 'Postmoderne' steht für eine Reihe von auch anders lautenden Kennzeichnungen der in der abendländischen Kultur gegenwärtigen 'Moderne' (u.a.: 'reflexive Moderne', 'unerkannte Moderne', 'andere Moderne' - aber nicht: Post-histoire!), wobei eine Radikalisierung ebenso wie ein Aufbrechen des szientistischen Programms dieses Zeitalters gemeint ist. Gemeinsam ist ihnen der Verweis auf die weder eingelösten noch einlösbaren Totalentwürfe von rationaler Ordnung und Beherrschung einer Welt, als deren Zentrum das denkende und schaffende Subjekt angenommen wird. Postmodernes Denken, als Skepsis gegenüber jenen Großentwürfen schon früh aufgetaucht (u.v.a.: Montaigne, die Romantiker, Nietzsche, die Literatur und Kunst des fin-de-siècle), verbreitete sich seit den siebziger Jahren, vor dem Hintergrund des drastischen Scheiterns von Totalitarismen in Weltanschauung und Politik, von wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Großentwürfen. Es wird mit ihm das Besondere, Lokale, Zeitgebundene gegenüber dem Allgemeinen, Orts- und Zeitlosen thematisiert (Toulmin), die Vielfalt in gegenwärtigen Rationalitätskonzepten, Lebensformen und Gestaltungsmöglichkeiten ins Gespräch gebracht. In Übereinstimmung mit physikalisch-mathematischen Theoremen aus diesem Jahrhundert (Relativitätstheorie, Unschärferelation, Theorie der Fraktale, Konnektionistisches Paradigma der Informatik) werden Bezugssysteme eines präsumptiv geordneten Ganzen verabschiedet, wird diskreten Strukturen in mannigfachen Relationen Beachtung geschenkt. Es enden - wie Lyotard es für die Möglichkeiten zeitgenössischen Wissens benennt - die 'großen Erzählungen' zugunsten von 'Paralogien' und des 'Widerstreits der Diskursarten' (Lyotard 1993, frz. 1979).

    Die Wissenschaft Psychologie ist ein vergleichsweise spätes Produkt der Moderne. Koch (1959) kritisiert ihr erstes Jahrhundert als eine Phase abgehobenen, inhaltsleeren und selbstreferentiellen Bemühens um eine einheitliche theoretische Fassung. Die meisten ihrer Paradigmenstifter lehnten sich an die klassischen Naturwissenschaften an, die jedoch häufig in schon überholter Form rezipiert wurden. In der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie entwickelten sich demonstrative Methodenzentriertheit, Streben nach Universalität, formale Rationalität (u.a. des hypothetico-deduktiven Verfahrens und der Variablenkonstruktion).
    Trotz der in ihrer Geschichte immer präsenten gegenläufigen Intentionen (schon zu Beginn: W.James, partiell Wundt, Freud) hält sich die 'moderne' Option bis in die Gegenwart (vgl. Westmeyer: 'Experimentelle Psychologen sind Seefahrer auf der Suche nach Inseln der Ordnung. ... Daß es solche Inseln der Ordnung gibt, davon sind sie überzeugt. (1994, 50)). Der postmoderne Einwand wäre schon mit Wittgenstein zu formulieren. Er kritisiert das 'Streben nach Allgemeinheit', 'unsere Voreingenommenheit für die naturwissenschaftliche Methode', die versucht, 'die Erklärung von Naturerscheinungen auf die kleinstmögliche Anzahl primitiver Naturgesetze zurückzuführen. ... . Diese Tendenz ist die eigentliche Quelle der Metaphysik.' (Wittgenstein 1984, 5:38, 5:39)

    Postmoderne Psychologiekritik greift weiters auch die Universalentwürfe humanistischer, hermeneutisch arbeitender und Kritischer Psychologen an (vgl. Kvale 1992, Sichler 1994, Mattes 1994). Hier wird die Unhaltbarkeit der den 'großen Erzählungen' entstammenden Konzepte des sich entfaltenden Subjekts, des sich entbergenden Sinns und der dialektisch sich entwickelnden Gesellschaft in Frage gestellt. Solche Gesamtzusammenhänge sind nicht (mehr) einholbar. Kognitiv und sozial verhandelbar dagegen ist Disparates, Kontingentes und Fraktioniertes.

    Schließlich will postmoderne Kritik weg vom paradigmatischen, wissenschaftlich verpflichtenden Denken, hin zur 'ent-unterwerfenden' Bewegung in Diskursen. In Anschluß an Foucaults philosophisch-historische Analysen werden Unterwerfungs- und Ausschlußdispositive untersucht, die nicht nur in den Konzeptem der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie zu finden sondern auch in die Grundannahmen der qualitativ arbeitenden Psychologie (Individualität, Persönlichkeit, Subjektivität) sowie deren Methoden (Gesprächsführung, Interpretation, Psychoanalyse) eingeschrieben sind. Statt dessen werden vielstimmige, anarchische Diskursformen favorisiert, die Konzept- und Methodenbildung pluralisieren und dezentrieren (Feyerabend 1980). 'Die Vielheit hat weder Subjekt noch Objekt' (Deleuze & Guattari 1977, 13), was den generalisierten Beobachter ebenso wie einen generalisierten Untersuchungsgegenstand zugunsten rhizomartig sich bildender Konstellationen auflöst.

    Postmodern orientierte Persönlichkeits- und Sozialpsychologen verweisen auf die alltäglich gewordenen Lebensformen des 'proteischen' (Keupp 1996) oder des in der Vielfalt der sozialen Beziehungen konstruierten 'sozial gesättigten' (Gergen 1994) Selbst. In diesen Szenarien erscheint die Suche nach und das Denken eines Selbst als Identität als - allerdings verbreitete - reaktive Abwehr. Die dort tendenziell noch beibehaltenen Substanzannahmen vom gesellschaftlichen Subjekt werden von Narrativen (auch: Diskursiven) Psychologen (u.a. Shotter & Gergen 1989, Edwards & Potter 1992, Vaassen 1996) aufgelöst. Sie analysieren, 'dekonstruieren' Texte, in denen Verweisungen, Brüche, Ungleichzeitigkeiten aufgespürt, Differentes und Nicht-Präsentes zur Sprache gebracht werden können. Subjektivität wird als narrativ konstruiert, als rhetorisch performativ und als intertextuell relationiert angesehen. Hier trifft sich postmoderne Psychologie mit dem 'linguistic turn' in den Geistes- und Kulturwissenschaften sowie in der Kognitiven Psychologie (Harré & Gillett 1994). Einen Mittelweg zwischen Lebenswelt- und Textanalyse sucht dagegen die Reflexive Sozialpsychologie. In der Untersuchung lebensweltlicher Zusammenhänge stellt sie die Frage: 'Wer erzählt mir wer ich bin?' (Keupp 1996).

    Literatur:
    Deleuze, G. & Guattari, F. (1977). Rhizom. Berlin
    Edwards, D. & Potter, J. (1992). Discursive Psychology. London
    Feyerabend, P. (1980). Erkenntnis für freie Menschen. Frankfurt/M
    Gergen, K.J. (1991). The saturated self. Dilemmas of identity in contemporary life. New York
    Harré, R. & Gillett, G. (1994). The discursive mind. Thousand Oaks.
    Kvale, S. (1992). Postmodern psychology: a contradiction in terms? In: Kvale, S. (Hg.). Psychology and postmodernism. London
    Keupp, H. (1996), Wer erzählt mir wer ich bin? Identitätsofferten auf dem Markt der Narrationen. Psychologie & Gesellschaftskritik 20, H.4, 39-64
    Koch, S. (1959). Epilogue. In: Koch, S. (Hg.). Psychology: a study of a science. New York. 729-788
    Lyotard, J.-F. (1993). Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Wien
    Mattes, P. (1994). Kritische Psychologie am Grabmal des Intellektuellen - 'Handlungsfähigkeit' in postmoderner Sicht. Journal für Psychologie 2,H.2,29-36
    Shotter, J. & Gergen, K.J. (Hg.). Texts of identity. London
    Sichler, R. (1994). Pluralisierung und Perspektivität. Ueberlegungen zu einer postmodernen Version interpretativer Forschung. Journal für Psychologie 2, H.4, 5-15
    Toulmin, S. (1991). Kosmopolis. Die unerkannten Aufgaben der Moderne. Frankfurt/M
    Vaassen, B. (1996). Die narrative Gestalt(ung) der Wirklichkeit. Grundlinien einer postmodern orientierten Epistemologie der Sozialwissenschaften. Braunschweig
    Westmeyer, H. (1994). Psychologie - eine Wissenschaft in der Krise? In: Schorr, A. (Hg.). Die Psychologie und die Methodenfrage. Reflexionen zu einem zeitlosen Thema. Göttingen. S.37-53
    Wittgenstein, L. (1984). Das Blaue Buch. Frankfurt/M. Werkausgabe Band 5


    4.3. Radikaler Konstruktivismus und Systemtheorie - Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

    "Objektivität ist die Wahnvorstellung,
    Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden"
    von Foerster zit.nach von Glasersfeld 1997 S.16
    Spielarten des Konstruktivismus: Gehirn - Neurobiologischer Konstruktivismus - Vertreter: Gerhard Roth (s.u.)
    ‚Kognitives System‘, ‚Beobachter‘ - Konstruktivistische Bio-Epistemologie - Vertreter: Humberto R. Maturana (nchster Abschnitt)
    ‚Soziales System‘, Kommunikation Autopoietische Systemtheorie - Vertreter: Niklas Luhmann, Peter Fuchs u.a.
    Kultur (Konstruktivistischer) Kulturalismus - Vertreter: Peter Janich
    Medien Medienkultureller Konstruktivismus - Einzelmedien und Massenmedien-System - Vertreter: Gebhard Rusch, Klaus Merten u.a. (v.a.Kap.7)
    Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur Soziokultureller Konstruktivismus - Vertreter: Siegfried J. Schmidt (Kap.8)

    Die Geburt der Systemtheorie aus der Biologie

    KONSTRUKTIVISMUS als Paradigma für Selbst-Modelle

    Historisch-philosophische Herleitung des Konstruktivismus-Konzeptes als Rahmenmodell

    . Erkenntnistheoretischer Konstruktivismus
    Eine grobe Einordnung des konstruktivistischen Gedankenguts innerhalb der Erkenntnistheorie (Epistemologie) verdeutlicht seine Stellung zwischen Realismus und Idealismus.

    Der soziale Konstruktivismus

    Peter Berger und Thomas Luckmanns wissenssoziologische Theorie erklärt, wie Wissen und Wahrheit im konstruktivistischen Diskurs sozial produziert werden: Seit Ende der 60er Jahre der Bestseller „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ von Berger/Luckmann veröffentlicht wurde, hat der konstruktivistische Diskurs Einfluss auf die soziologische Theorienbildung genommen.

    Glossar Konstruktivismus (Siebert 2005 S.139-143)

    Affektlogik: Luc Ciompi betont den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen Emotion und Kognition. Emotionen haben ihre eigene »Logik« und Kognitionen sind affektiv verankert. Affekte steuern Kognitionen, Kognitionen können jedoch nur bedingt Affekte regulieren. Konstrukte lassen sich als ganzheitliche »Denk-/Fühl-/Verhaltensprogramme« beschreiben (z.B. das Konstrukt Psychotherapie). Nach Ciompi werden alle kognitiv-sensorischen Informationen durch das Gehirn affektiv gefärbt.

    Autopoiesis [griech.:autos+poiein=Selbsterhaltung]: »Als strukturdeterminierte Systeme sind wir von außen prinzipiell nicht gezielt beeinflussbar, sondern reagieren immer im Sinne der eigenen Struktur« (Maturana 1996 S.36). Die Selbstorganisation lebender Systeme dient dem Ueberleben und der Fortpflanzung. Ein Beispiel für Autopoiese ist die Zellteilung. Lebewesen als »autopoietische Organisationen« »erzeugen sich dauernd selbst« (Maturana/Varela 1987 S.50). Auch das Gehirn operiert autopoietisch, selbsttätig.

    Beobachtung II.Ordnung: Unsere Wirklichkeit ist das Ergebnis unserer Beobachtungen. Eine Beobachtung I.Ordnung registriert, was Beobachter (z.B. KlientInnen) beobachten. Eine Beobachtung II.Ordnung nimmt wahr, wie Wirklichkeiten konstruiert werden (z.B.dualisierend, technologisch, ökonomisch, normativ etc.). Zur Beobachtung II. Ordnung gehört auch die reflexive Selbstbeobachtung. »Das Erkennen hat es mit einer unbekannt bleibenden Aussenwelt zu tun und es muss folglich lernen zu sehen, dass es nicht sehen kann, was es nicht sehen kann« (Luhmann 1990 S.33). Durch Selbstbeobachtung und Metakognition werden wir uns (bedingt) unserer »blinden Flecken« bewusst.

    Biografische Synthetisierung: Neues Wissen sollte an den vorhandenen Kenntnissen und Deutungsmustern »verankert« werden können, um »nachhaltig« zu wirken. So werden Lerninhalte für das Selbstkonzept und die Wirklichkeitskonstruktion produktiv. Eine Realitätsdeutung ist zugleich ein »Identitätsangebot«. »Jeder Mensch braucht ein gewisses Mass an solcher Synthesis. Die Synthetisierungsleistung bringt praktische Stimmigkeit und Plausibilität in die Zerrissenheit des realen Lebenszusammenhanges« (Ziehe 1982 S.171). Biografisches Lernen stiftet so Ordnung, Sinn und Kontinuität.

    Differenzerfahrung: Der Konstruktivismus betont Differenzen, Heterogenität, Unterschiede, Vielfalt und weniger Konsens, Homogenität, Identität. Lernen setzt die Wahrnehmung von Differenzen, Fremdheit, anderen Perspektiven voraus. Daraus lässt sich folgern, »dass Lehren seinen Ausgang nicht in der Suche nach Konsens, sondern in der Aufklärung von relevanter Differenz zu nehmen hat. Lehren/Therapieren/Coachen etc. kann in diesem Verständnis als ›Entdeckung von Fremdheit‹ bezeichnet werden« (Schäffter 1985 S.48). Gelernt wird durch Vergleiche des Bekannten mit Neuem, mit Erfahrungen und Beobachtungen anderer, aber auch durch Vergleiche mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    Driftzone: Der Begriff »Driften« stammt aus der biologischen Evolutionstheorie. Lebewesen driften, indem sie sich an veränderte Umweltbedingungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten anpassen. Im pädagogischen Sinn markiert die Driftzone den Rahmen, in dem Menschen lernen und verstehen, in dem Neues »anschlussfähig« und in kognitive Systeme integrierbar ist. »Wenn Lernprozesse initiiert werden, so sehen wir, dass sowohl der Lehrende als auch die Lernenden in einem Interaktions-Feld innerhalb der Driftzone operieren« (Kösel 1993 S.238).

    Emergenz: Verständnis, Sinn, Bedeutung können nicht von außen vermittelt werden, sondern entstehen emergent innerhalb kognitiver Netzwerke. Durch neue Verknüpfungen, aber auch durch Handlungen und Impulse kommt es zu »Aha-Erlebnissen«, zu plötzlichen Einsichten. Ein Text, der bisher inhaltsleer erschien, wird durch eine veränderte Perspektive interessant, bedeutungsvoll. Umgangssprachlich formuliert: »Uns geht ein Licht auf«, es fällt uns »wie Schuppen von den Augen«. »Folgt man der neueren Kognitionstheorie, so erfolgt die ›Entstehung der Bedeutung im Gehirn emergent‹« (Arnold 1996 S.33).

    Intentionalität: Menschen handeln intentional, d.h. auf Ziele gerichtet, »absichtsvoll«. Diese Erkenntnis wurde von der Kognitionswissenschaft lange ignoriert, sodass Varela von der »Wiederentdeckung der Intentionalität durch die kognitionswissenschaftliche Forschung« spricht. Intentionalität ist ein Schlüsselbegriff für eine »handlungsbezogene Kognitionstheorie«: Unsere Wahrnehmung und Kognition ist auf »erfolgreiche Handlungen« (Varela 1990 S.110) und auf »Viabilität« ausgerichtet. Wir handeln nicht nur intentional, wir erkennen auch intentional, auch Erinnerungen sind intentional ausgerichtet.

    Interimswissen: Interimswissen ist vorläufig, noch ungenau, beinhaltet Zwischenlösungen und Begriffe, die noch differenziert werden können. Prinzipiell ist jedes Wissen »unabgeschlossen«. »Das Leitmotiv einer konstruktivistischen Didaktik muss die Frage sein, wie sich Lernumgebungen [bzw. Therapiekontexte] so inszenieren lassen, dass sie der Um- und Selbstorganisation des Interimswissens von Lernen jeder Art dienlich sind« (Müller 1996 S.62).

    Koevolution: Ein Begriff aus der biologischen Evolutionstheorie: Lebewesen werden nicht durch die Umwelt determiniert, sie passen sich nicht lediglich an diese an, sondern sie entwickeln sich mit der Umwelt und schaffen sich neue Umwelten (vgl.Varela/Thompson 1992 S.275). Koevolution ist also eine Variante der »strukturellen Koppelung«. Pädagogisch: Mehrere Menschen »koevolvieren«, d.h.,sie entwickeln sich gemeinsam und miteinander, z.B. durch gegenseitige Anregungen und Perturbationen. Koevolution erfordert eine produktive Lernatmosphäre in einer Seminargruppe.

    Kognitives Rauschen: Unsere Aufmerksamkeit ist selektiv. In einer Menschenmenge entdecken wir einen Freund, alle übrigen Personen sind lediglich Hintergrund. Wenn wir auf einer Party eine bekannte Stimme hören, werden alle anderen Stimmen bloßes »Rauschen«. In Bildungsveranstaltungen sind die meisten Aeusserungen kognitives Rauschen, aus dem sich gelegentlich ein Beitrag abhebt, der als relevant erscheint und aufmerksam zur Kenntnis genommen wird. [vgl. das Figur/Grund-Prinzip in der Gestalttherapie]

    Lern-Chreoden: Lern-Chreoden sind biografisch geprägte Lernzugänge, auch »Annäherungs-« und »Vermeidungsreaktionen«, erfahrungsbedingte Annahmen über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen, Interessen und Desinteressen. Die »Lern-Chreode« besteht aus motivationalen, emotionalen und kognitiven Faktoren des Lernens. »Neben den allgemeinen Verfahrensplänen, Aktionsplänen, Konzepten und Programmen von Ich- und Wir-Chreoden ist es für eine didaktische Betrachtung wichtig, welche spezifischen Chreoden bei einzelnen Lernenden in Bezug auf bestimmte Stoffe,Fächer und Problemfelder entworfen werden.« (Kösel 1993 S.248)

    Metakognition: Metakognitionen sind Erkenntnisse über das Erkennen, über kognitive Stärken und Schwächen, über Stile und Strategien menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Lernens. Zur Metakognition gehören Methoden der Selbstevaluation und Lerntechniken, aber auch ein Bewusstsein der »Beobachtungsabhängigkeit« menschlichen Erkennens (vgl.Beobachtung II.Ordnung). Nach Maturana/Varela (1987 S.31) kann »man das Phänomen des Erkennens nicht so auffassen, als gäbe es ›Tatsachen‹ und Objekte da draußen, die man nur aufzugreifen und in den Kopf hineinzutun habe«.

    Neuronale Netzwerke: »Das Nervensystem lässt sich auffassen als ein ›neuronales Netzwerk‹« (Maturana 1996 S.98). Diese Netzwerke »repräsentieren« nicht die Aussenwelt,sondern sie agieren autopoietisch, operational geschlossen. »In diesem parallel vernetzten System erfolgt die Verarbeitung von Daten assoziativ und ermöglicht damit die Fähigkeit der Mustererkennung, z.B. das Wiedererkennen von Personen.« (Hartkemeyer 1998 S.58)

    Perturbation: Neue Situationen und Umgebungen können zu Perturbationen, d.h. zu Störungen, führen. Dabei determiniert oder instruiert die Umwelt nicht das autopoietische System, sondern löst Veränderungen aus. Ein Wandel wird »zwar von dem perturbierenden Agens hervorgerufen, aber von der Struktur des perturbierten Systems determiniert« (Maturana/Varela 1987 S.106). Auch Lehren und neues Wissen können als Perturbationen und Irritationen verstanden werden.

    Reframing: Wörtlich: Um-Rahmung, Um-Deutung. Beobachtungen werden neu bewertet (ähnlich wie bei Kipp-Bildern), in einen neuen Bezugsrahmen eingeordnet. Z.B. wird Fremdes nicht mehr als bedrohlich, sondern als interessant, anregend wahrgenommen. Bei einer solchen Veränderung der Bedeutungsperspektive spricht Mezirow (1997) von »transformativem« Lernen. Reframing ist eine Re-Konstruktion, wenn die bisherigen Konstrukte sich als nicht mehr viabel erweisen. Reframing ist ein in der Familientherapie übliches Konzept.

    Rekursivität: Rekursiv heißt rückbezüglich, sich auf die eigene Erfahrung beziehend. Lernen erfolgt rekursiv, wenn es auf Gelerntem aufbaut.Was wir sehen, hängt davon ab, was wir bereits kennen. Dieses Lernen ist quasi »strukturkonservativ« und »strukturdeterminiert«. »Als rekursiv bezeichnet man einen Prozess, der seine eigenen Ergebnisse als Grundlage weiterer Operationen verwendet, also das, was weiterhin unternommen wird, mitbestimmt durch das, was bei vorherigen Operationen herausgekommen ist« (Luhmann 1990 S.44).

    Selbstorganisation: Die Systemtheorie verwendet diesen Begriff vor allem für die Selbststeuerung sozialer Systeme, z.B. von Arbeitsgruppen. Die neuere Kognitionswissenschaft wendet diesen Begriff auch auf unser Gehirn, auf die neuronalen Netzwerke an. Gehirne arbeiten »auf der Grundlage zahlloser weit verzweigter Verknüpfungen, sodass die tatsächlichen Beziehungen zwischen Neuronengruppen sich auf Grund von Erfahrungen verändern. Kurz, Neuronengruppen zeigen eine Fähigkeit der Selbstorganisation« (Varela 1990 S.54). Damit wird auch das Zusammenwirken von materiellen (z.B. biochemischen) und mentalen (z.B. kognitiven) Prozessen erklärbar.

    Selbstreferenz: »Das gesamte Nervensystem beobachtet ja nur die wechselnden Zustände des eigenen Organismus und nichts, was außerhalb stattfindet« (Luhmann 1990 S.36). Beobachten, Erkennen und Lernen sind selbst referenzielle, rekursive Prozesse. Was neu oder interessant ist, gilt immer nur für uns und in Relation zu unserem Wissen. In kritischer Absicht kann man Institutionen dann als selbstreferenziell bezeichnen, wenn sie nur noch am Erhalt der eigenen Macht und Struktur interessiert sind.

    Solipsismus: Der Solipsismus behauptet, dass nur das Selbst existiert (solus ipse). Diese egozentrische Position vertritt die Auffassung, der Mensch »sei die einzige Realität, alles Übrige existiere nur in seiner Vorstellung« (von Foerster in: Gumin/Mohler 1985 S.64). Der radikale Konstruktivismus dagegen bestreitet nicht das »Sein« außersubjektiver Realität, er bestreitet, dass wir diese Realität so erkennen, wie sie »wirklich« ist. Der Solipsismus argumentiert ontologisch, der Konstruktivismus epistemologisch.

    Strukturdeterminiertheit: Denken und Lernen werden nicht von außen determiniert, sondern durch die vorhandenen (kognitiven und emotionalen) Strukturen bestimmt. Wir lernen das, was in diesen Rahmen passt, was uns zugänglich ist. Menschen »interagieren mit ihren eigenen Zuständen«, d.h.: Menschen vergleichen neues Wissen mit vorhandenem Wissen, beziehen neue Erfahrungen auf frühere Erfahrungen. Das Nervensystem wird von außen allenfalls »perturbiert«. »Als strukturdeterminierte Wesen hören wir, was wir hören – nicht, was andere sagen« (Maturana 1996 S.236).

    Strukturelle Koppelung: Eine »Einheit« (z.B. ein Lebewesen) und das »Milieu« sind aufeinander angewiesen und »bilden füreinander reziproke Perturbationen. (...) Das Ergebnis wird (...) eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen sein, also das, was wir strukturelle Koppelung nennen« (Maturana/Varela 1987 S.85). Diese Koppelung veranschaulichtVarela an der Interaktion von Honigbiene und Blume. Auch das Verhältnis von Lehrenden und Teilnehmern kann als strukturelle Koppelung beschrieben werden; trotz der Autopoiese ist also Interaktion zwischen mehreren Menschen möglich.

    Viabilität: Wahrnehmen, Denken, Lernen sind »lebensdienlich«; sie ermöglichen es, sich in der Welt zu orientieren und »erfolgreich« zu handeln. »Viabel« heißt gangbar, passend, brauchbar, funktional. »Handlungen, Begriffe und begriffliche Operationen sind dann viabel, wenn sie zu den Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen. Nach konstruktivistischer Denkweise ersetzt der Begriff der Viabilität im Bereich der Erfahrung den traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff, der eine ›korrekte‹ Abbildung der Realität bestimmt.« (v.Glasersfeld 1997 S.43) Der Begriff Viabilität erinnert an den amerikanischen Pragmatismus.

    Zirkularität: Wir sind es gewohnt, in linearen, monokausalen Ursache-Wirkung-Zusammenhängen zu denken. In ökologischen Systemen, in sozialen Beziehungen, auch in unseren mentalen »Netzwerken« sind jedoch zirkuläre Wechselwirkungen die Regel. Dabei beeinflusst nicht nur die Gegenwart die Zukunft, sondern unsere Antizipationen der Zukunft schaffen Realitäten in der Gegenwart (z.B. bewirkt ein Gerücht über eine künftige Benzinknappheit Hamsterkäufe, sodass das Benzin tatsächlich knapp wird). Auf solche »selbst erfüllenden Prophezeiungen« hat vor allem Paul Watzlawick aufmerksam gemacht. Zirkularität ist charakteristisch für selbstreferenzielle, rekursive Systeme, auch für die Wechselwirkungen von Erkennen, Fühlen, Handeln.



    Selbstorganisationstheorien - SYNERGETIK

    Ricarda Schallnus (2005) fasst treffend zusammen: So beschreibt Carl Friedrich von Weizsäcker die Quantentheorie als „eine Theorie über mögliches menschliches Wissen in der Zeit“ (1992b S.981).
    Die Debatte um die Konsequenzen der Quantentheorie für die Wahrnehmungsmöglichkeiten von Wirklichkeit, Wissen und Bewusstsein sind noch lange nicht beendet (Weizsäcker 1996 S.198). Einige Erkenntnisse hat man aber schon heute aus der sogenannten Kopenhagener Deutung [->1] des Dualismusproblems [->2] der Quantenmechanik gewonnen. So ist die sinnliche Erfahrung zwar objektivierbar, sie gibt jedoch nie ein vollständiges anschauliches Bild der Realität, da die Erfahrung abhängig ist von der Situation des Beobachters (Weizsäcker 1974 S.228). Diese sinnliche Erfahrung ist an sich jedoch kein hinreichendes Fundament für Erkenntnis. Erst was „prinzipiell“ [->3] beobachtbar ist kann zu Erkenntnis führen. „Prinzipiell Unbeobachtbares sollte ausgeschlossen bleiben, aber erst die Theorie entscheidet, was prinzipiell beobachtbar ist“ (ders.1985 S.501). Deshalb gibt es keine Strukturen, die objektive zeitunabhängige Gegebenheiten sind und unabhängig vom Vorwissen beschreibbar wären. Damit tritt an die Spitze der Bedingungen für Erkenntnis die Zeit selbst, als Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft (a.a.O.S.727).
    1: Ihr Kern lautet: „Materie und Licht sind „an sich“ weder Teilchen noch Welle. Die Gültigkeit des einen Bildes erzwingt gleichzeitig die Gültigkeitsgrenzen des anderen“ (Weizsäcker 1985 S.503).
    2: Inhaltlich ging es um die Frage, ob das Elektron - das als Teilchen oder als Welle zur Erscheinung gebracht werden kann - oder das Atom objektiv als Ding, Teilchen oder Welle existieren oder nicht.
    3: Die „prinzipielle“ Beobachtung muss grundsätzlich möglich sein, wenn auch nicht notwendig gleichzeitig. Bspw. sind Ort und Impuls eines Teilchens nicht zugleich beobachtbar (Weizsäcker 1985 S.501f).

    Def. Selbstorganisation: „Selbstorganisation im Sinne der Synergetik meint die Fähigkeit eines Systems, bei Veränderungen der Umweltparameter Übergänge zwischen verschiedenen Strukturen vollziehen zu können, wobei für die Struktur(neu)bildung keine äußere Instanz bemüht werden muss. Sie wird durch die innere Dynamik des Systems vermittelt“ (Beisel 1996 S.61).

    Durch diese Betrachtung nimmt die Synergetik die ganze Wirklichkeit, die wir kennen, als ein Gefüge sich selbst stabilisierender Gestalten wahr, und fragt nach den Bedingungen für deren Möglichkeit (Dürr/Lumpe 1996 S.80).

    Es entwickelten sich in unterschiedlichen Disziplinen verschiedene Selbstorganisationstheorien, deren Entwicklungsstränge sich folgendermaßen unterscheiden lassen (vgl. Krohn/Küppers/Paslack 1994 S.447ff, Paslack 1991 S.7ff):
    - die biologische und kybernetische Systemtheorie (von Hv Förster)
    - die Ungleichgewichtsthermodynamik (I Prigogine)
    - die molekulare Selbstorganisation und Evolutionstheorie (M Eigen)
    - die Synergetik bzw. die Lasertheorie (H Haken)
    - Oekologie (PR Ehrlich; CS Holling; Lv Bertalanffy; A Lotka; V Voltera; RM May)
    - Chaostheorie (E Lorenz; BB Mandelbrot)
    - Autopoiese und Selbstreferentialität (HR Maturana, F Varela)

    Quelle: Schallnus, Ricarda (2005). Mitarbeiterqualifizierung und Wissensnutzung in Konzernen und Unternehmungsnetzwerken - Inaugural-Dissertation an der Freien Universität Berlin.

    SYNERGETIK - HAKEN/Schiepek: Synergetik - Kap. 4.11 Konstruktivismus

    4.11.2 Konstruktivistischer Realismus




    Obwohl in Teil V dieses Kapitels für unsere Themen relevante Aspekte der neueren Neurowissenschaft referiert werden, erfolgt bereits hier ein für das Verständnis von Systemtheorie und Konstruktivismus relevanter Ueberblick über die ältere damals noch so benannte 'Hirnfoschung'. Diesen Abschnitt mit de nkonkreten Bezügen zur Neurobiologie verdanke ich der ausgezeichneten Dissertation von Elisabeth Stachura (2010) zum 'Neurobiologischen Konstruktivismus':

    Das Prinzip der undifferenzierten Codierung

    Das Viabilitätskonzept

    Die Theorie der Autopoiese

    Quellen:
    Ameln, Falko von (2004). Konstruktivismus. Tübingen/Basel: A. Francke Verlag.
    Benesch, Hellmuth (1980). Der Ursprung des Geistes. Wie entstand unser Bewusstsein – wie wird Psychisches in uns hergestellt? DTV München
    Culler, J. (1988). Dekonstruktion - Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek: Rowohlt
    Derrida, ......................
    Foucault, M. (2001). Short Cuts. Frankfurt a. Main.
    Foerster, Heinz von: Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Vieweg Braunschweig, 1999
    Fröhlich, Günter: Ein neuer Psychologismus? Edmund Husserls Kritik am Relativismus und die Erkenntnistheorie des radikalen Konstruktivismus von Humberto R. Maturana und Gerhard Roth. Verlag Königshausen und Neumann GmbH Würzburg, 2000
    Gergen, K.J. (1990). Die Konstruktion des Selbst im Zeitalter der Postmoderne. In: Psychologische Rundschau 41 S.191-199.
    Gerrig, Richard J (2015). Psychologie, Hallbergmoos.
    Glasersfeld, E.v. (1991). Abschied von der Objektivität. In: Watzlawick, P., Krieg, P. (Hrsg.). Das Auge des Betrachters. München: Piper, S.17–30
    Glasersfeld, Ernst von: Wege des Wissens. Konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken. Carl-Auer-Systeme Heidelberg, 1997
    Glasersfeld, Ernst von: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1997
    Heisterhagen, Nils (2016). Die Eschatologie der Neuzeit gestern und heute, in: Debattenmagazin 'The European' vom 19.05.2016, http://www.theeuropean.de/nils-heisterhagen--2/10967-zukunftsdenken, letzter Zugriff: 14.02.2018.
    Heisterhagen, Nils (2018). Kritik der Postmoderne - Warum der Relativismus nicht das letzte Wort hat. Wiesbaden: Springer VS.
    Jones, E. (1993). Systemische Familientherapie. Dortmund: Modernes Lernen
    Kriz, J. (1981): Artefakte in der empirischen Sozialforschung. Stuttgart: Teubner
    Lacan, J. ...............
    Lyotard, Francois (1979). Das postmoderne Wissen. .............
    Maturana, H.R. (1982). Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn
    Maturana, Humberto R.: Erkennen: Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH Braunschweig, 1985 (2.Auflage)
    Maturana Humberto R.: Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Goldmann Verlag München, 1997 (7. Auflage)
    Maturana, H.R., Varela, F. (1987). Der Baum der Erkenntnis. Bern/München: Scherz.
    Schiepek, G. (1987, Hrsg.). Systeme erkennen Systeme. Weinheim/München: Psychologie Verlags Union
    Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1987
    Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus 2. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1992 (2. Auflage)
    Schmidt, Siegfried J.: Die Zähmung des Blicks. Konstruktivismus – Empirie – Wissenschaft. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1998
    Stachura, Elisabeth (2010). Der neurobiologische Konstruktivismus. Unveröff. Dissertation.
    Varela, F. (1981). Der kreative Zirkel, Skizzen zur Naturgeschichte der Rückbezüglichkeit. In: Watzlawick, P. (Hrsg.). Die erfundene Wirklichkeit. München: Piper
    Watzlawick, P. (1983). Anleitung zum Unglücklichsein. München: Piper
    Watzlawick, Paul: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper Verlag München, 1999 (25. Auflage)
    Watzlawick, Paul: Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben. Beiträge zum Konstruktivismus. Piper Verlag München, 1999 (11.Auflage)
    Watzlawick, P., Beavin, J., Jackson, D. (1969). Menschliche Kommunikation. Bern/Stuttgart: Huber
    Welsch, W. (1991). Unsere Postmoderne Moderne. Weinheim: VCH, Acta Humaniora

    Literatur zu Konstruktivismus, Synergetik und Neurobiologie

    --> [Quellen (insb. aus Haken/Schiepek 2010)]
    Antonowsky, Aaron/Franke, Alexa (1997). Salutogenese - .............
    Bartlett, FC (1932/1954). Remembering: A Study in Experimental and Social Psychology. Cambridge: University Press.
    Bateson, Gregory (1983). Oekologie des Geistes. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Beckermann, A. (2001 2teAufl.). Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. Berlin: de Gruyter.
    Bertalanffy, L.v. (1968). General System Theory. New York: Braziller.
    Beck, Ulrich (1995). Die feindlose Demokratie. Stuttgart.
    Beck, Ulrich/Giddens, Anthony/Lash, Scott (1996). Reflexive Modernisierung. Frankfurt.
    Berger, Peter/Luckmann, Thomas (1969): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt: Suhrkamp.
    Berger, Peter/Luckmann, Thomas (1977 5.Aufl.) Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a.M.: Fischer.
    Bieri, Peter (2006 6.Aufl.). Das Handwerk der Freiheit - Ueber die Entdeckung des eigenen Willens. Frankfurt a.M.: Fischer.
    Birbaumer, Nils / Schmidt ...............
    Bischof, Norbert ......... Rätsel Oedipus. Piper.
    Blaser, Andreas (1977). Der Urteilsprozess bei der Indikationsstellung zur Psychotherapie. Bern: Huber.
    Caspar, Franz .............
    Ciompi, Luc (1988). Außenwelt – Innenwelt. Göttingen.
    Ciompi, Luc (1997). Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Göttingen.
    Ciompi, Luc (2003). Affektlogik, affektive Kommunikation und Pädagogik. In: Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung 3,S.62ff.
    Cramer, F. (1996). Symphonie des Lebendigen................
    Cziczemmihayil .......... Flow ..................
    Damasio, Antonio (1994). Descartes’ Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: Ullstein.
    Damasio, Antonio (2002 3.Aufl.). Ich fühle, also bin ich - Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München: Ullstein.
    Derrida, Jacques (2001): Die unbedingte Universität. Frankfurt.
    Derrida, Jacques (1997): Die différance. In: Engelmann, Peter (Hrsg.). Postmoderne und Dekonstruktion. Stuttgart, S.76ff.
    Dewey, John (1948/1920): Die Erneuerung der Philosophie. Hamburg.
    Dörner, Dietrich (1993): Die Logik des Misslingens. Reinbek.
    Eccles, John C. (1994). Wie das Selbst sein Gehirn steuert. München: Piper.
    Eccles, John C./Popper, Karl R. (1982 2.Aufl.). Das Ich und sein Gehirn. Heidelberg: Springer.
    Foerster, Heinz v. (1993): KybernEthik. Berlin.
    Foerster, Heinz v. (1999). Sicht und Einsicht - Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Braunschweig: Vieweg.
    Förstl, Hans (2007 Hrsg.). Theory of Mind - Neurobiologie und Psychologie sozialen Verhaltens. Heidelberg: Springer.
    Gergen, Kenneth (2002): Konstruierte Wirklichkeiten. Stuttgart: ............
    Geyer, Christian (2004 Hrsg.). Hirnforschung und Willensfreiheit - Zur Deutung der neuesten Experimente. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Glasersfeld, Ernst v. (1994). Piagets konstruktivistisches Modell: Wissen und Lernen. In: DELFIN 1994: Piaget und der Radikale Konstruktivismus. Frankfurt, S.16ff.
    Glasersfeld, Ernst v. (1997). Radikaler Konstruktivismus.Frankfurt.
    Glasersfeld, Ernst v. (1998). Zuerst muss man das Lernen lernen. In: Voß, Reinhard (Hrsg.): Schul-Visionen. Heidelberg, S.33ff.
    Gottschalch, Wilfried (1991 2.Aufl.). Soziologie des Selbst - Einführung in die Sozialisationsforschung. Heidelberg: Asanger.
    HANSCH, ............
    Janich,Peter (1996): Konstruktivismus und Naturerkenntnis.Frankfurt.
    Jantsch, Erich (1987). Erkenntnistheoretische Aspekte der Selbstorganisation natürlicher Systeme. In: Schmidt, S. (Hrsg.). Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, S.159ff.
    Libet, Benjamin (2004). Haben wir einen freien Willen? In: Geyer, Christian (Hrsg.). Hirnforschung und Willensfreiheit - Zur Deutung der neuesten Experimente S.268-290. Frankfurt am M.: Suhrkamp.
    Libet, Benjamin (2005). Mind Time - Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Frankfurt am M.: Suhrkamp.
    Luhmann, Niklas (1985 2.Aufl.). Soziale Systeme - Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am M.: Suhrkamp.
    Luhmann, Niklas (1985). Die Autopoiesis des Bewusstseins.In: Soziale Welt 4, S.402ff.
    Luhmann, Niklas (1987). Strukturelle Defizite. In: Oelkers, Jürgen/Tenorth, Heinz (Hrsg.): Pädagogik,Erziehungswissenschaft und Systemtheorie. Weinheim, S.57ff.
    Luhmann, Niklas (1990). Soziologische Aufklärung, Bd.5. Opladen.
    Luhmann, Niklas/Schorr, Karl-Eberhard (1996 Hrsg). Zwischen System und Umwelt.Frankfurt.
    Luhmann, Niklas/Schorr, Karl-Eberhard (1998). Reflexionsprobleme im Erziehungssystem. Frankfurt.
    Lurija, Alexander Romanowitsch (2001 6.Aufl.). Das Gehirn in Aktion - Einführung in die Neuropsychologie. Hamburg: Rowohlt.
    Maturana, Humberto (1996). Was ist erkennen? Zürich.
    Maturana, Humberto/Varela, Francisco (1987): Der Baum der Erkenntnis. Bern: Scherz.
    Maturana, Humberto R. (1985 2.Aufl.). Erkennen: Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig: Vieweg.
    Maturana Humberto R. (1997 7.Aufl.) Der Baum der Erkenntnis: die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. München: Goldmann.
    Mead, George H. (1978 3.Aufl.). Geist, Identität und Gesellschaft - Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Metzinger, Thomas (1995). Bewusstsein – Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. Paderborn: Mentis.
    Metzinger, Thomas (1996). Wenn die Seele verloren geht: Der Fortschritt der Neurowissenschaften erfordert eine neue Bewusstseinskultur. DIE ZEIT Nr.45, 11/96
    Metzinger, Thomas (2000). Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität: Eine Kurzdarstellung in sechs Schritten. In: W. Greve (Hrsg.): Psychologie des Selbst. PVU Psychologie Verlags Union.
    Mezirow, Jack (1997). Transformative Erwachsenenbildung. Hohengehren.
    Pauen, Michael/Roth, Gerhard (2001 Hrsg). Neurowissenschaften und Philosophie. München: Fink.
    Piaget, Jean (1969ff.): Gesammelte Werke.Stuttgart.
    Postman, Neil (1997): Keine Götter mehr.München.
    Postman, Neil (2000): Die zweite Aufklärung.Berlin.

    Reich, Kersten (1996). Systemisch-konstruktivistische Didaktik. In: Voß, Reinhard (Hrsg.): Die Schule neu erfinden. Neuwied,S.70.
    Reich, Kersten (2016). ......................
    Roth, Gerhard (1987): Erkenntnis und Realität. In: Schmidt, Siegfried (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt, S.229ff.
    Roth, Gerhard (1997). Das Gehirn und seine Wirklichkeit - Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Roth, Gerhard (2001): Fühlen, Denken, Handeln. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Roth, Gerhard (2002): »90 Prozent sind unbewusst«. In: Psychologie Heute 2, S.44ff.
    Roth, Gerhard (2003). Aus Sicht des Gehirns. Frankfurt: Suhrkamp.
    Roth, Gerhard/Prinz, Wolfgang (1996 Hrsg): Kopf-Arbeit - Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Heidelberg: Spektrum.
    Roth, Gerhard (2002). Hirnforschung als Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften (Rede am 16.11.02).
    Schmidt, Siegfried (Hrsg.) (1987): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus.Frankfurt Suhrkamp.
    Schmidt, Siegfried (Hrsg.) (1992a): Gedächtnis. Frankfurt.
    Schmidt, Siegfried (1992b): Der Kopf, die Welt, die Kunst. Wien.
    Schmidt, Siegfried (1994): Kulturelle Autonomie und soziale Orientierung. Frankfurt.
    Schmidt, Siegfried (2001 Hrsg). Lernen im Zeitalter des Internets. Bozen.
    Schmidt, Siegfried/Zurstiege, Guido (2000): Orientierung Kommunikationswissenschaft. Reinbek.
    Schmidt, Siegfried (2003): Geschichten und Diskurse. Reinbek.
    Schnabel, Ulrich/von Thadden, Elisabeth (2006). Die Seele gehört nicht mir. Ein Gespräch mit Gerhard Roth und Harald Welzer. DIE ZEIT Nr.9 2/06 S.36f
    Schratz, Michael/Steiner-Löffler, Ulrike (1998): Sprechen wir von derselben Schule? In: Voß, Reinhard (Hrsg.): Schul-Visionen.Heidelberg,S.235ff.
    Searle,John (1997): Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Reinbek.
    Segal, Lynn (1998). Das 18. Kamel oder die Welt als Erfindung. München: Piper.
    Sennett, Richard (1998 5.Aufl.). Der flexible Mensch - Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag.
    Siebert, Horst (2005 3.Aufl.). Pädagogischer Konstruktivismus. Weinheim: Beltz.

    Simon,Fritz (1997): Die Kunst,nicht zu lernen. Heidelberg.
    Singer, Wolf (2002). Der Beobachter im Gehirn. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Singer, Wolf (2003). Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Spitzer, Manfred 2002): Lernen. Berlin.
    Sloterdijk,Peter (1993):Weltfremdheit.Frankfurt.
    Stachura, Elisabeth (2010). Der neurobiologische Konstruktivismus. Unveröff. Dissertation.
    Tomasello, Michael (2002). Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Varela,Francisco (1990): Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik. Frankfurt.
    Varela,Francisco/Thompson,Evan (1992): Der Mittlere Weg der Erkenntnis. Bern.
    Vogeley, Kai (1995). Repräsentation und Identität. Berlin: Duncker.
    Watzlawick,Paul (1987): Wie wirklich ist die Wirklichkeit? München.
    Watzlawick,Paul (Hrsg.) (1995): Die erfundene Wirklichkeit. München.
    Watzlawick,Paul (Hrsg.) (2003): Kurzzeittherapie und Wirklichkeit. München.
    Welsch,Wolfgang (1988): Postmoderne. Köln.
    Welsch,Wolfgang (1996):Vernunft. Frankfurt.
    Welsch, Wolfgang (1998): Die Normalität des Chaos. In: Götz, Klaus (Hrsg.): Theoretische Zumutungen.Heidelberg,S.15ff.
    Wygotski,Lew (1981): Denken und Sprechen. Frankfurt.



    4.4. Der postmoderne Mensch als Sozialcharakter

    Meine in Kapitel 2 noch genauer auszuformulierende These vom "neuen Narzissmus in der digitalen Postmoderne", der sich grundsätzlich vom 'alten' Narzissmus wie er von Kernberg und Kohut und vielen anderen beschrieben wurde (ausführlich in Kap.2), unterscheidet, hat mein Kollege Hans Swildens m.E. sehr treffend bereits 2005 in der Fachzeitschrift "Der Psychotherapeut" in anderer Form beschrieben - leider blieb sein Beitrag meines Wissens damals ohne grosses Echo, ein Grund mehr, gute zehn Jahre später einen erneuten Anlauf zur Beschreibung des "Sozialcharakters zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (Swildens 2005) zu unternehmen. Es folgt deshalb thesenartig ein längerer Auszug aus Swildens sehr lesenswertem Artikel zur "neuen, nämlich postmodernen, Art der narzisstischen Abwehr":


    TEIL V: Neurowissenschaften - Die 'Epistemologie der Wirklichkeit' und der Konstruktivismus

    „Fühlen, Denken, Handeln - Wie das Gehirn unser Verhalten steuert“ - „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“

    5.2. Vom Radikalen Konstruktivismus zum Neurobiologischen Konstruktivismus

    Das Gehirn als Konstrukteur unserer Wirklichkeit - der Mensch als virtueller Akteur in seinem Lebensraum:

    5.3. Der Neurobiologische Konstruktivismus

    .........................


    Neurokonstruktivismus

    Quelle: Söling, Caspar (1995). Das Gehirn-Seele-Problem - Neurobiologie und theologische Anthropologie. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

    Wirklichkeitskriterien

    Die Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit - nach Gerhard Roth 1996 S.324ff

    Wer bin/ist ich/Ich?

    Kommunikation und Strukturalismus bzw. "Das Symbolische" aus neurobiologischer Sicht

    Erkenntnistheorie - Epistemologie aus neurobiologischer Sicht

    Naiver Realismus:


    5.4. Neuro-Psychoanalyse:

    Es ist klar, dass ein mehr als hundert Jahre altes Behandlungsverfahren der heutigen Zeit angepasst werden muss. Insbesondere die Nachweise der Wirksamkeit sind heute viel besser möglich als noch vor zehn Jahren und erst recht als zu Freuds Zeiten wo v.a. wegen mangelnder technischen Möglichkeiten noch keine (natur-)wissenschaftliche Ueberprüfung seiner genialen Konzepte möglich war - man beachte die Tatsache, dass Freud bereits im Jahre 1895 es aufgab, seine Befunde neurowissenschaftlich zu begründen weshalb sein Frühwerk .......... Stückwerk blieb.
    Heute sind mit den bildgebenden Verfahren MRI, PET etc. moderne Möglichkeiten vorhanden, der Psychoanalyse ein (neuro-)biologisches Fundament zu verleihen. Dieses Fundament muss heutzutage biologisch sein, weil die Leitwissenschaft nicht mehr nur die Philosophie ist wie zu Freuds Zeiten, sondern die sog. 'Hirnforschung' bzw. korrekter die Neurowissenschaften und damit die Naturwissenschaften zu den Geisteswissenschaften aufgeholt haben und sich spätestens seit den 1990er Jahrten gegenseitig befruchten, wie ich unten darlegen werde.
    Mir persönlich und auch den meisten meiner tefenpsychologisch fundiert arbeitenden KollegInnen ist eine Integration beider Herangehensweisen wichtig, weil es nach wie vor Bereiche gibt, die sich m.E. einer objektivierbaren Naturwissenschaft entziehen (Stichwort: Qualia), vgl. auch meinen eigenen Aufsatz zur Metatheorie Frauchiger 1998.

    Ein Zitat eines führenden Forschers dazu: "Hilfreich und überzeugend kommt immer mehr hinzu, dass Freuds Konzepte z.B. des Unbewussten, der Verdrängung, der Übertragung, des Widerstandes etc., neuerdings von unvermuteter Seite bestätigt werden: von der Neurologie und Neuropsychologie!" (...........).

    Lange Zeit ließ sich das Theoriegebäude von Freud experimentell nicht stützen. Nun aber bestätigen neue Untersuchungen der 'Hirnforschung' viele seiner umstrittenen Thesen über das Unbewusste. Deshalb wollen in Zukunft Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker die letzten Rätsel der Psyche gemeinsam entschlüsseln.

    Mark SOLMS: Neuropsychoanalyse

    "Nachts offenbart sich unsere biologische, tierische Seite, die der kulturellen, sozialen unseres Geisteslebens gegenübersteht" (zitiert aus einem Spiegel-Interview mit Mark Solms)
    Führender Kopf hinter diesen Integrationsbemühungen ist Prof. Mark Solms.
    Seine Bewunderung für Freud geht über die der meisten anderen Psychoanalytiker hinaus, wie er selbst meint. Zwar stimme er keineswegs in allen Punkten mit dem Altmeister überein, betont er: "Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, Freuds großes Ziel weiterzuführen, nämlich das Seelenleben in die Naturwissenschaften zu integrieren".
    Auch geht es ihm und seinen Kollegen keineswegs darum, zu beweisen, dass Freud Recht hatte. Vielmehr: "Freud hat versucht, eine Sprache und eine Methode für die Wissenschaft vom Innenleben zu finden. Er hat eine Art Basis-Topografie der Seele und ihrer grundlegenden Bestandteile geschaffen. Und wir bringen nun diese Arbeit zu Ende".

    Auch Kritik an der Psychoanalyse, d.h. an den Fehlentwicklungen nach Freuds Tod 1939: Leider ist vieles vom aufrührerischen Geist, der Kulturtheorie, der Religionstheorie und vielen anderen unkonventionellen und mutigen Anätzen Freuds verloren gegangen im Versuch, die Psychoanalyse in den Mainstream des vom Behaviorismus und den Kognitionswissenschaften beherrschten "offiziellen" Kanons der von Kassen bezahlten Behandlungsmethoden zur¨ckzukehren. Diesen verlorengegangenen kritischen und nie mehrheitsfähigen Geist versuche ich (mit vielen anderen zusammen) wiederaufleben zu lassen in meiner täglichen psychotherapeutischen Praxis und auch mit Texten wie diesem.

    5.6. Thomas METZINGER: "Ich bin der Inhalt eines transparenten Selbstmodells"

    Philosophie des Geistes

    Thomas METZINGER - Vom Ego-Tunnel zu den Selbstmodellen

    „Eine der Kernaussagen (der Selbstmodell-Theorie) ist, dass es so etwas wie Selbste in der Welt nicht gibt: Selbste und Subjekte gehören nicht zu den irreduziblen Grundbestandteilen der Wirklichkeit. Was es gibt, ist das erlebte Ich-Gefühl und die verschiedenen, ständig wechselnden Inhalte unseres Selbstbewusstseins – das, was Philosophen das ‚phänomenale Selbst’ nennen. Dieses bewusste Erleben eines Selbst wird als Resultat von Informationsverarbeitungs- und Darstellungsvorgängen im zentralen Nervensystem analysiert.“ (Metzinger .........).
    Ego-Tunnel: „Letztlich ist subjektives Erleben ein biologisches Datenformat, eine innere Form des Gegebenseins, eine hochspezifische Weise der Präsentation von Information über die Welt, bei der diese so erscheint, als wäre sie das Wissen eines Ego. In Wirklichkeit aber existiert so etwas wie ‚das’ Selbst nicht. Ein biologischer Organismus als solcher ist kein Selbst.“ (Metzinger 2014 S.25)
    »Ich betrachte das menschliche Selbstmodell als eine bestimmte Datenstruktur, die das Gehirn von Zeit zu Zeit aktivieren kann, etwa wenn man morgens beim Aufwachen eine sensorische Wahrnehmung und sein motorisches Verhalten aufeinander abstimmen muß. Die Ego-Maschine schaltet einfach ihr phänomenales Selbst ein, und das ist der Moment, in dem man zu sich kommt.« (Metzinger in Blackmore 2007 S.215)
    Metzinger-Transkript-Zitate aus der Deutschlandfunk-Sendereihe (Wildermuth 2014):

    Hilary Putnam und Niels Birbaumer - Gehirn im Tank

    Das Coming-out des Locked-in: Wie das Gehirn den Sprachlosen Gehör verschafft
    Kaum etwas überfordert unsere Vorstellungskraft mehr als das Schicksal eines Locked-in-Patienten, dessen Gehirn auf aberwitzige Weise abgekoppelt ist vom übrigen Körper, weil kein Nervensignal mehr zu seinen Muskeln durchdringt. Das verdammt ihn zu absoluter Bewegungslosigkeit, die nicht nur bedeutet, dass er nicht mehr laufen, greifen, essen, trinken und aufs Klo gehen kann. Sie bedeutet auch das Versiegen sämtlicher Kommunikation. Denn Sprechen, Mimik und Gestik, all das funktioniert ohne Muskeln nicht mehr. Ein kompletter Locked-in-Patient kann nicht einmal die Augen bewegen, um sich mit seiner Umwelt zu verständigen. Was bleibt dann eigentlich noch?
    Der Schweizer Philosoph Ludwig Hohl lebte viele Jahre seines Lebens in einem dunklen Kellerloch, unverstanden und manchmal sogar unbemerkt von seiner Umwelt. Das ist noch ziemlich weit weg vom Locked-in, aber es brachte dem isolierten Dichter bereits die Erkenntnis: »Ist die Kommunikationsfähigkeit vorbei, so ist auch das Leben vorbei«. Und das trifft wohl auf den Punkt, den viele von uns mit dem Zustand der absoluten Kommunikationsunfähigkeit verbinden: dass nämlich einfach Schluss ist. Aus und vorbei!
    Denn wir sind ja keine Bäume oder Gräser. Wir sind Wesen mit einem hohen Mitteilungsbedürfnis, wir wollen reden oder uns auf andere Weise austauschen, wir wollen uns offenbaren, dem anderen zeigen, dass wir sind, wer wir sind. Doch all das verschwindet, wenn wir eingekerkert sind in einem Körper, der komplett gelähmt ist. Was soll also ein Locked-in-Zustand anderes sein als eine Art Tod im Diesseits, zu dessen Komplettierung im Jenseits nur noch fehlt, dass man die lebenserhaltenden Maschinen abstellt?

    Gibt es ein sinnvolles Leben in der Sinnlosigkeit? Tatsächlich ist Locked-in keineswegs eine Art diesseitiger Abschied vom Leben. Man muss sich allerdings zum Verständnis dessen in die Situation des Betroffenen hineinversetzen, das Unvorstellbare vorstellbar machen. Dazu gehört, sich von Vorurteilen über den Beginn dieses Zustandes zu befreien. Wie etwa, dass Locked-in plötzlich einsetzt. Denn Tatsache ist, dass es sich meistens einschleicht, am Anfang erst unerkannt, später dann offensichtlich werdend und sich unwiderruflich steigernd. Es sind weniger spontane Schlaganfälle, die zur Komplettlähmung führen, als vielmehr solche Krankheiten, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte entwickeln, wie etwa Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Multiple Sklerose (MS) und Parkinson. Was einerseits bedeutet, dass sich das Grauenvolle langsam steigert und die Hoffnungen auf Besserung immer wieder vom zunehmenden Verfall des Körpers geschluckt werden, andererseits aber auch, dass man sich daran gewöhnen kann. Klar, es ist das Gewöhnen an eine Katastrophe, aber eben doch etwas anderes, als wenn man von ihr ohne Ankündigung überrollt wird.
    Wenn dann sämtliche Muskelaktionen erloschen sind, liegt man bewegungslos im Bett, wird künstlich beatmet und durch eine Magensonde ernährt. Die Schleimhäute trocknen aus, wenn sie nicht künstlich befeuchtet werden. Die Augen sind geschlossen, und wenn jemand sie öffnet, sieht man allenfalls Schemen, weil die Hornhaut im Laufe der Jahre ausgetrocknet ist. Der Tastsinn ist ähnlich verkümmert, weil man lange Zeit nichts mehr gegriffen und immer in gleicher Position gelegen hat. Dadurch verliert der Locked-in-Patient, im wahrsten Sinne, den hautengen Kontakt zur Welt. Oft spürt er kaum noch Berührungen. Aber immerhin verschwindet damit häufig auch der Schmerz.
    Dafür bleiben die Ohren offen, der Locked-in-Patient hört noch. Er kriegt also auch mit, wenn Aerzte und Verwandte leichtfertig, weil sie den Patienten mit den geschlossenen Augen für einen bewusstlosen Dauerschläfer halten, über das Abstellen der lebenserhaltenden Maschinen debattieren. Laut Erhebungen meines Mitarbeiters Boris Kotchoubey handelt es sich bei jedem dritten angeblichen Wachkoma-Patienten – der aufgrund einer massiv geschädigten Großhirnrinde ohne bewusste Wahrnehmung ist – in Wahrheit um jemanden, der zwar im Locked-in gefangen, dessen Großhirnrinde aber annähernd oder sogar voll funktions- und aufnahmefähig ist. Kotchoubey hat mehr als hundert Patienten in Deutschland untersucht, und unsere Kooperationspartner in Belgien kommen in einer Studie an ebenfalls hundert Patienten zu einem ähnlichen Ergebnis. Man muss also davon ausgehen, dass allein in Deutschland etwa 3000 Menschen regungslos in einem Krankenhausbett liegen, die trotz ihrer bewussten Wahrnehmungsfähigkeit so behandelt werden, als würden sie nichts mitbekommen! Stattdessen dürfen sich nicht wenige von ihnen anhören, wie man darüber spricht, die lebenserhaltenden Maßnahmen für sie abzustellen. Ein Szenario, das sich Franz Kafka nicht beklemmender hätte ausdenken können (Birbaumer 2014 S.59-62

    Eine naturalistische Gegenposition von Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan

    --> Quantenphysik als Beleg einer Vermittlung von REAL und Wirklich (symbolisiert/mentalisiert)

    --> mit der Neurobiologie gegen die Neurobiologie ! (Ansatz von Gerhard Roth, wo die Psychologie durch die Hintertür wieder reinkommt quasi...)

    --> Neurokonstruktivistisches Embodiment: gerade WEIL das Gehirn ein "Gestell" (im Sinne Heideggers) über die Realität legt, wird soziale und leibliche Wirklichkeit zwischen den Menschen geschaffen, sind Synchronisationsprozesse möglich, ein Flow, ein Atunement etc. - durch naturalistisch-automatisches Schwarmverhalten ohne Koordination im Gehirn wäre nichts gewonnen... ich sehe die Kritik von Th. Fuchs et al. nicht ein ...

    Der Psychiater Thomas Fuchs vertritt eine auf den ersten Blick sympathische weil relationale Sicht der Erkenntnis. Seine Epistemologie, wie auch die seines Kollegen Tschacher, ist stark von der 'Embodiment'-These (vgl. Kap.8) geleitet, vermengt aber m.E. Realität mit Wirklichkeit, wodurch kein Konstruktivismus mehr möglich ist sondern eine krampfhaft naturalistische Monismus-Position beibehalten wird, obwohl die auch von uns favorisierte Unterscheidung in Hardware (Körper) und Software (Geist) logischer wäre.
    Weil dies aber eine recht populäre und bis auf Aristoteles (später u.a. Newton und Descartes) zurückreichende Erkenntnistheorie darstellt, zitiere ich diesen salopp gesagt "Atome (Realität) mit Wahrnehmung (Wirklichkeit)" gekoppelten Ansatz mit einem längeren Zitat: Als zweites Beispiel einer Kombination von Neurologie und Psychologie bzw. Philosophie, möchte ich den Mediziner Thomas Fuchs erwähnen, welcher in unserem oben bereits kurz skizzierten 2-Achsen-Modell die relationale, also waagrechte Ebene, einer vertikalen Strukturperspektive (wie sie z.B. auch Solms oben vertritt), vorzieht, was gemäss Fuchs aus dem Gehirn als feste Struktur ein "Beziehungsorgan in einem Kontext" macht: ....................

    Quelle:
    http://alltagundphilosophie.com/2009/05/31/thomas-fuchs-kritik-an-bestimmten-vertretern-der-gehirnforschung-und-sein-eigener-entwurf/

    Weiterführende Literatur und Quellenangaben:
    Birbaumer, Niels (2014). Dein Gehirn weiss mehr als du denkst. Berlin: Ullstein.
    Blackmore, Susan (2007). Gespräche über Bewußtsein. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
    Kant, Immanuel (1787 2teAufl.). Kritik der reinen Vernunft.
    Metzinger, Thomas (2003). Being No One - The Self-Model Theory of Subjectivity, Cambridge, MA: MIT Press.
    Metzinger, Thomas (2007 Hrsg.). Grundkurs Philosophie des Geistes, 3 Bände, Band 2, Münster: mentis.
    Metzinger, Thomas (2009 Hrsg.). Grundkurs Philosophie des Geistes, 3 Bände, Band 1, Münster: mentis.
    Metzinger, Thomas (2014, 2te erw.Ausg.). Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. München: Piper (1.Ausg.: Berliner Taschenbuch Verlag).
    Wildermuth, Volkart (2014). »Die Welt, wie sie scheint«. In: Sendereihe Philosophie im Hirnscan, 29.5.14
    http://www.deutschlandfunk.de/sendereihe-philosophie-im-hirnscan-manuskript-die-welt-wie.740.de.html?dram:article_id=287724

    5.7. Bewusstsein - Gehirn - Problem: EMERGENZ - Monismus

    Die starke Form von Emergenz wird definiert durch eine Reihe von Eigenschaften: Clayton nennt eine Reihe von Beispielen:
    Meine persönliche Position ist ein 'Neutraler Monismus', in dem die 'Entstehung des Bewusstseins mittels starker Emergenz' geschieht.

    EMERGENZ - Theorie der integrierten Information von Giulio Tononi

    In der mathematischen 'Theorie der integrierten Information' von Giulio Tononi wird für die Messung von Bewusstsein das informationstheoretischen Maß F eingeführt (mit dem griechischen Buchstaben Phi). F wächst mit Integration in Netzwerken hinreichender Komplexität und sinkt mit der Anzahl des nicht integrierten Wissens und der nicht integrierten Kompetenzen (Differenzierungen). Bewusstsein bildet sich durch Vernetzung, Differenzierung und gleichzeitig zunehmender Integration (auch weit auseinander liegender Module, Strukturen, Prozesse und Ebenen). Der Grad an Synergie und der Präsenz (= Verfügbarkeit = Abrufbarkeit) des Gesamtsystems ist entscheidend.

    ...................
    (..............)

    Quellen:
    Becker, Patrick (2009). In der Bewusstseinsfalle? Geist und Gehirn in der Diskussion von Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht.
    Beckermann, Ansgar (2008). Gehirn, Ich, Freiheit. ......... mentis.
    Clayton, Philip (2007). Emergenz und Bewusstsein - Evolutionärer Prozess und die Grenzen des Naturalismus.
    Crick, .............................

    Koch, Christof (2013). Bewusstsein - Bekenntnisse eines Hirnforschers. Berlin: Springer Spektrum

    Koch, C./Tononi, G. (2008). Can machines be conscious? IEEE Spectrum, 45, 54–59.
    Laureys, S./Tononi, G. (2009 Hrsg). The Neurology of Consciousness. New York: Elsevier.
    Metzinger, Thomas (2007). Ich bin der Inhalt eines transparenten Selbstmodells. In: Blackmore, Susan. Gespräche über Bewusstsein. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

    Tononi, Giulio .............

    Tononi, G. (2008). Consciousness as integrated information: A provisional manifesto. Biological Bulletin, 215, 216–242.
    Tononi, G. (2012). PHI: A Voyage from the Brain to the Soul. New York: Pantheon Books.


    Gehirn, Bewusstsein, Leib, Körper, Geist, Seele, Aristoteles, Plato, Konstruktivismus, Realismus, Idealismus, Materialismus, Naturalismus, Wahrnehmung, Epistemologie, Wirklichkeit, Realität, Sinne, Sinn, Descartes, Hermeneutik, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Gehirn, Bewusstsein, Leib, Körper, Geist, Seele, Aristoteles, Plato, Konstruktivismus, Realismus, Idealismus, Materialismus, Naturalismus, Wahrnehmung, Epistemologie, Wirklichkeit, Realität, Sinne, Sinn, Descartes, Hermeneutik, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Gehirn, Bewusstsein, Leib, Körper, Geist, Seele, Aristoteles, Plato, Konstruktivismus, Realismus, Idealismus, Materialismus, Naturalismus, Wahrnehmung, Epistemologie, Wirklichkeit, Realität, Sinne, Sinn, Descartes, Hermeneutik, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich

    Gehirn, Bewusstsein, Leib, Körper, Geist, Seele, Aristoteles, Plato, Konstruktivismus, Realismus, Idealismus, Materialismus, Naturalismus, Wahrnehmung, Epistemologie, Wirklichkeit, Realität, Sinne, Sinn, Descartes, Hermeneutik, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Gehirn, Bewusstsein, Leib, Körper, Geist, Seele, Aristoteles, Plato, Konstruktivismus, Realismus, Idealismus, Materialismus, Naturalismus, Wahrnehmung, Epistemologie, Wirklichkeit, Realität, Sinne, Sinn, Descartes, Hermeneutik, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich

    Konstruktivismus-Disziplinen.jpg

    Konstruktivismus-Mindmap.jpg

    Wirklichkeit-vs-Realitaet-Lampe-2006-S53.jpg

    Realismus-vs-Idealismus-Abb.jpg

    Wahrnehmung-Gedaechtnis-Kontext-Reiz.jpg

    Wahrnehmung-Faktoren.jpg

    Bibliographie: Philosophie des Geistes

    Alt, Jürgen August (1992). Karl R. Popper. Campus.
    Ankowitsch, Christian (2002). Generation Emotion. Berliner Taschenbuchverlag.
    Ariely, Dan (2012). Wer denken will, muss fühlen: Die heimliche Macht der Unvernunft. Knaur TB.
    Baggott, Jim (2007). Matrix oder Wie wirklich ist die Wirklichkeit. 1. Aufl. rororo.
    Bandelow, Borwin (2011). Wenn die Seele leidet: Handbuch der psychischen Erkrankungen. rororo.
    Baron-Cohen, Simon (2004). Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn. 1.Aufl. Patmos.
    Bateson, Gregory (1987). Geist und Natur: Eine notwendige Einheit. 9. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Bayertz, Kurt/Gerhard, Myriam/Jaeschke, Walter (2012 Hrsg). Der Ignorabimus-Streit: Texte von E.du Bois-Reymond, W.Dilthey, E.von Hartmann, F.A.Lange, C.von Nägeli, W.Ostwald, W.Rathenau und M.Verworn. Meiner.
    Beckermann, Ansgar (2008a). Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes. 3.Aufl. de Gruyter.
    Beckermann, Ansgar (2008b). Gehirn, Ich, Freiheit: Neurowissenschaften und Menschenbild. Mentis-Verlag.
    Beckermann, Ansgar (2011). Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes. 2.durchges. Aufl. UTB, Stuttgart.
    Bennett, Maxwell R./Hacker, Peter M. (2012). Die philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften. 2.Aufl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
    Bieri, Peter (2007 Hrsg). Analytische Philosophie des Geistes. 4.Aufl. Beltz.
    Blackmore, Susan (2007). Gespräche über Bewußtsein. 1.Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Boessmann, Udo (2013). Bewusstsein - Unbewusstes. 1.Aufl. Deutscher Psychologen Verlag.
    Bonhoeffer, Tobias (2011). Zukunft Gehirn: Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen. C.H.Beck.
    Breuer, Ingeborg/Leusch, Peter/Mersch, Dieter (1996). Welten im Kopf, England/USA: Bd.3.1.Aufl. Rotbuch Verlag.
    Bunge, Mario/Mahner, Martin (2004). Ueber die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. 1.Aufl. Hirzel, Stuttgart.
    Calvin, William H. (2004). Wie das Gehirn denkt: Die Evolution der Intelligenz. Spektrum Akademischer Verlag.
    Carter, Rita (2010). Das Gehirn: Anatomie, Sinneswahrnehmung, Gedächtnis, Bewusstsein, Störungen. Dorling Kindersley.
    Collins, Francis S. (2011). Meine Gene - mein Leben: Auf dem Weg zur personalisierten Medizin. Spektrum Akademischer.
    Crone, Katja (2010). Ueber die Seele - Originalausgabe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Damasio, Antonio R.(2000). Ich fühle, also bin ich: Die Entschlüsselung des Bewusstseins. List Hardcover.
    Damasio, Antonio R.(2004). Der Spinoza-Effekt: Wie Gefühle unser Leben bestimmen. List Taschenbuch.
    Damasio, Antonio R.(2013). Selbst ist der Mensch: Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. Pantheon Verlag.
    Davidson, Donald. 1990. Handlung und Ereignis. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 1993. Der Mythos des Subjektiven: Philosophische Essays. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.
    Davidson, Richard und Sharon Begley. 2012. Warum wir fühlen, wie wir fühlen: Wie die Gehirnstruktur unsere Emotionen bestimmt - und wie wir darauf Einfluss nehmen können. Arkana.
    Dawkins, Richard. 2010. Das egoistische Gen: Jubiläumsausgabe. 2.Aufl. 2006. Spektrum Akademischer Verlag.
    Dennett, Daniel C. 1999. Spielarten des Geistes. Bertelsmann.
    ---. 2007. Süße Träume: Die Erforschung des Bewußtseins und der Schlaf der Philosophie. 1.Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Dennett, Daniel C. und Reinhard Werth. 2008. Bewusstsein - wie es entsteht und vergeht. 1.Aufl. Galila Hörbuchverlag.
    Eagleman, David (2012). Inkognito: Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns. Campus Verlag.
    Eben, Alexander (2013). Blick in die Ewigkeit: Die faszinierende Nahtoderfahrung eines Neurochirurgen. 10.Aufl. Ansata.
    Eckoldt, Matthias. 2013. Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis. Carl-Auer.
    Engels, Eve-Marie (Hg.). 2005. Neurowissenschaften und Menschenbild. 1.Aufl. Mentis-Verlag.
    Engmann, Birk. 2011. Mythos Nahtoderfahrung. 1.Aufl. Hirzel S.Verlag.
    Falkenburg, Brigitte. 2012. Mythos Determinismus: Wieviel erklärt uns die Hirnforschung? Springer.
    Fine, Cordelia (2013). Wissen Sie, was Ihr Gehirn denkt?: Wie in unserem Oberstübchen die Wirklichkeit verzerrt wird ... und warum. Springer Spektrum.
    Fischer, Ernst Peter (2004). Das Genom. 2. Aufl. Fischer Taschenbuch.
    Freud, Sigmund (2013). Das Ich und das Es. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.
    Gazzaniga, Michael (2012). Die Ich-Illusion: Wie Bewusstsein und freier Wille entstehen. Carl Hanser Verlag GmbH&Co. KG.
    Gegenfurtner, Karl R. 2011. Gehirn und Wahrnehmung: Eine Einführung. 1. Aufl. Fischer Taschenbuch Verlag.
    Goller, Hans. 2003. Das Rätsel von Körper und Geist. Eine philosophische Deutung. 1. Aufl. Primus Verlag GmbH.
    Gruen, Arno. 2002. Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. Dtv.
    Gumbrecht, Hans Ulrich, Robert B. Laughlin, Robert Pogue Harrison und Michael R. Hendrickson. 2008. Geist und Materie: Zur Aktualität von Erwin Schrödinger. Originalausgabe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Hasler, Felix. 2013. Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. 3. Aufl. Transcript.
    Jahn, Andreas. 2012. Wie das Denken erwachte: Die Evolution des menschlichen Geistes Gehirn&Geist. 1. Aufl. Schattauer.
    Jakoby, Bernard. 2004. Auch du lebst ewig: Die Ergebnisse der modernen Sterbeforschung. 6. Aufl. rororo.
    Jamme, Christoph und Udo Reinhold Jeck. 2012. Natur und Geist. Die Philosophie entdeckt das Gehirn. München: Wilhelm Fink.
    Kaku, Michio. 2014. Die Physik des Bewusstseins: Über die Zukunft des Geistes. Rowohlt.
    Kandel, Eric. 2012. Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute. 4. Aufl. Siedler.
    Kant, Immanuel (1990). Die Metaphysik der Sitten. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.
    ---. 1995a. Werke in sechs Bänden Bd 2. Kritik der reinen Vernunft. Könemann, Köln.
    ---. 1995b. Werke in sechs Bänden Bd 3. Kritik der praktischen Vernunft und andere kritische Schriften. Könemann, Köln.
    ---. 1995c. Werke in sechs Bänden, Bd 4: Kritik der Urteilskraft. Könemann.
    ---. 1999. Philosophische Bibliothek, Bd.41, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. 7., durchges. Aufl. Meiner Felix Verlag GmbH.
    ---. 2001. Philosophische Bibliothek, Bd.540, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. Meiner.
    Kast, Bas. 2003. Revolution im Kopf. Berliner Taschenbuchverlag.
    Knaup, Marcus. 2012. Leib und Seele oder mind and brain? Zu einem Paradigmenwechsel im Menschenbild der Moderne. Verlag Karl Alber.
    Knaup, Marcus, Tobias Müller, Patrick Spät und Peter beim Graben (Hg.). 2011. Post-Physikalismus. Verlag Karl Alber.
    Koch, Christof. 2013. Bewusstsein: Bekenntnisse eines Hirnforschers. Springer Spektrum.
    Krämer, Sibylle (Hg ). 1996. Bewußtsein: Philosophische Beiträge. Erstausgabe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Libet, Benjamin. 2005. Mind Time: Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Liessmann, Konrad Paul (Hg.). 2014. Ich: Der Einzelne in seinen Netzen. Paul Zsolnay Verlag.
    Linden, David J. 2010. Das Gehirn - ein Unfall der Natur: Und warum es dennoch funktioniert. 2.Aufl. Rowohlt.
    Lutz, Jäncke. 2013. Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften. Bern: Huber.
    Madeja, Michael. 2012. Das kleine Buch vom Gehirn: Reiseführer in ein unbekanntes Land. Deutscher Taschenbuch Verlag.
    Manfred, Wolf Bertram (Hg.) Spitzer. 2012. Hirnforschung für Neu(ro)gierige: Braintertainment 2.0 - Mit einem Epilog von Eckart von Hirschhausen. Schattauer.
    McDowell, John (2001). Geist und Welt. 4. Aufl. Suhrkamp Verlag.
    McGinn, Colin. 2005. Wie kommt der Geist in die Materie? Das Rätsel des Bewusstseins: Das Rätsel des Bewußtseins. 3. Aufl. Piper Taschenbuch.
    Mettrie, Julien Offray de la. Der Mensch eine Maschine. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.
    Metzinger, Thomas (1996). Bewusstsein - Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. 3.erg.Aufl. Mentis/Schöningh.
    Metzinger, Thomas (1999). Subjekt und Selbstmodell. 2.durchges.Aufl. Mentis-Verlag.
    Metzinger, Thomas (2010). Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berlin Verlag Taschenbuch.
    Nagel, Thomas (2012). Der Blick von nirgendwo. 1.Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Nagel, Thomas (2013). Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Newen, Albert (2013). Philosophie des Geistes: Eine Einführung. C.H.Beck.
    Nitsch, Robert. 2012. Gehirn, Geist und Bedeutung: Zur Stellung der Neurowissenschaften in der Leib-Seele-Diskussion. Mentis-Verlag. Noë, Alva. 2010. Du bist nicht dein Gehirn. Piper Verlag GmbH.
    Noerretranders, Tor (1997). Spüre die Welt - Die Wissenschaft des Bewußtseins. Rowohlt Tb.
    Pauen, Michael (1999). Das Rätsel des Bewusstseins: Eine Erklärungsstrategie. Mentis.
    Pauen, Michael (2005). Grundprobleme der Philosophie des Geistes: Eine Einführung. 4. Aufl. Frankfurt a.M.: Fischer.
    Pauen, Michael (2007). Begriff, Erklärung, Bewusstsein: Neue Beiträge zum Qualia-Problem. Mentis-Verlag.
    Perler, Dominik und Markus Wild (2005 Hrsg). Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. 4. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Pinker, Steven. 2012. Wie das Denken im Kopf entsteht. 2. Aufl. Fischer TB.
    ---. 2014. Der Stoff, aus dem das Denken ist: Was die Sprache über unsere Natur verrät. Fischer.
    Prinz, Wolfgang. 2013. Selbst im Spiegel: Die soziale Konstruktion von Subjektivität. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Quante, Michael. 1999. Personale Identität. UTB, Stuttgart.
    Ravenscroft, Ian. 2008. Philosophie des Geistes: Eine Einführung. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.
    Rey, Martin. 2010. Die Kopernikanische Revolution der Denkart: Die Ironie des Schicksals. 1. Aufl. Monsenstein und Vannerdat.
    Ricard, Matthieu. 2008. Hirnforschung und Meditation: Ein Dialog. 6. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Rosenzweig, Rainer. 2009. Nicht wahr? Sinneskanäle, Hirnwindungen und Grenzen der Wahrnehmung. Mentis-Verlag.
    Roth, Gerhard. 1996. Das Gehirn und seine Wirklichkeit: Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. 10. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 2003. Aus Sicht des Gehirns. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Sacks, Oliver. 2009. Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. 33. Aufl. rororo.
    Schnabel, Ulrich und Andreas Sentker. 2004. Wie kommt die Welt in den Kopf? Rowohlt Tb.
    Schröder, Jürgen. 2004. Einführung in die Philosophie des Geistes. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Schwarz, Friedhelm. 2006. Muster im Kopf. Rowohlt.
    Searle, John R. 1982. Ausdruck und Bedeutung: Untersuchungen zur Sprechakttheorie. 6. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 1983. Sprechakte: Ein sprachphilosophischer Essay. 11. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 1991. Intentionalität: Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes. 4. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 1992. Geist, Hirn und Wissenschaft?: Die Reith Lectures 1984. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 1996. Die Wiederentdeckung des Geistes. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 1997. Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen. Rowohlt Tb.
    ---. 2004a. Freiheit und Neurobiologie. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 2004b. Geist, Sprache und Gesellschaft: Philosophie der wirklichen Welt: Philosphie in der wirklichen Welt. 2.Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 2006. Geist: Eine Einführung. 2. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    ---. 2012. Wie wir die soziale Welt machen: Die Struktur der menschlichen Zivilisation. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Searle, John R., Daniel C. Dennett, Maxwell Bennett und Peter Hacker. 2010. Neurowissenschaft und Philosophie: Gehirn, Geist und Sprache. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Siefer, Werner und Christian Weber. 2006. Ich: Wie wir uns selbst erfinden. 1. Aufl. Campus Verlag.
    Singer, Wolf. 2002. Der Beobachter im Gehirn: Essays zur Hirnforschung. 8. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Spät, Patrick. 2010. PANPSYCHISMUS EIN LÖSUNGSVORSCHLAG ZUM LEIB-SEELE-PROBLEM Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität. Freiburg i.Br. http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7608/pdf/Dissertation_Patrick_Spaet.pdf (Zugegriffen: 2. Februar 2014).
    Spät, Patrick (Hg.). 2008. Zur Zukunft der Philosophie des Geistes. Mentis-Verlag.
    Specht, Rainer. 1966. Descartes, Rene: In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 10. Aufl. rororo.
    Sturma, Dieter. 2005. Philosophie des Geistes: Grundwissen Philosophie. 1. Aufl. Reclam Leipzig.
    ---. 2006. Philosophie und Neurowissenschaften. 4. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Swaab, Dick. 2011. Wir sind unser Gehirn: Wie wir denken, leiden und lieben. Droemer.
    Taylor, Charles. 1996. Quellen des Selbst: Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. 8.Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Tetens, Holm. 1994. Geist, Gehirn, Maschine: Philosophische Versuche über ihren Zusammenhang. Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag.
    Urban, Martin. 2004. Wie die Welt im Kopf entsteht. Von der Kunst, sich eine Illusion zu machen. 1. Aufl. Bastei Lübbe.
    Vasek, Thomas. 2010. Seele. Eine unsterbliche Idee.
    Walde, Bettina. 2002. Metaphysik des Bewußtseins. Mentis-Verlag.
    Walter, Stefan Wolf (Hg.) Zimmerli. 1993. Künstliche Intelligenz: Philosophische Probleme. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.
    Warwick, K. 1998. In the Mind of the Machine: Breakthrough in Artificial Intelligence. Arrow Books Ltd.
    Werth, Reinhard. 2010. Die Natur des Bewusstseins: Wie Wahrnehmung und freier Wille im Gehirn entstehen. C.H.Beck.
    Williams, Bernard. 2001. Probleme des Selbst. Philosophische Aufsätze 1956 - 1972. Philipp Reclam jun. GmbH Verlag.




    2. NARZISSMUS - Das Imaginäre - Regulation und Kompensation des Selbstwertes

    TEIL I:
    • 2.1.1. Ovids 'Metamorphosen' - Narziss und Echo
    • 2.1.2. Primärer Narzissmus - Sigmund Freud
    • 2.1.3. Sekundärer Narzissmus - Kohut/Kernberg
    • 2.1.4. Visuelle Wahrnehmung - Analogie von Auge und Kamera?
    • 2.1.5. "Der Sinn der Sinne" - Anthropologie der Sinne und Medien
    • 2.1.6. Philosophie: Höhlengleichnis bei Platon
    • 2.1.7. Das Ich als Vermittler zwischen Triebwünschen und Zivilisationsansprüchen
    • 2.1.8. Weitere Konzepte und Kontroversen
    • 2.1.9. "Tertiärer", medial-technischer Narzissmus - Frauchiger
    TEIL II:
    • 2.2.1. Falsches und wahres Selbst bei D.W. Winnicott, A. Miller, J.F Masterson u.a.
    • 2.2.2. Wohlstandsverwahrlosung - Jeunesse dorée - Verwöhnung
    • 2.2.3. Narzissmustheorien im Intersubjektivitäts-Paradigma: Selbstwert-Regulations-Modelle
    • 2.2.4. Prä-Relationale Konzepte bei Stolorow, Joffe und Sandler, Wink und Blatt
    • 2.2.5. Relational Turn: Hegel, Mead, Parsons, Honneth, Mitchell, Benjamin, Altmeyer
    • 2.2.6. Der narzisstische Funktionsmodus bzw. Aggregatszustand und 'Das narzisstische Gleichgewicht' - Frauchiger
    TEIL III:
    • 2.3.1. Psychopathie und Soziopathie als pathologischer Narzissmus mit starken sozialen Folgen
    • 2.3.2. Verführen, Belügen, Manipulieren aus psychologischer Sicht
    • 2.3.3. Klaus Theweleit: Das Lachen der Täter
    • 2.3.4. Amok und School Schootings
    • 2.3.5. Destruktiver und maligner Narzissmus
    • 2.3.6. Psychopathie - Soziopathie - Dissozialität - Suizid
    • 2.3.7. Scham, Wut, Gewalt und die fehlende (Selbst-)Anerkennung
    • 2.3.8. Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit?

    NARZISSMUS

    "In seinem Buch »Narzissmus - Die Verleugnung des wahren Selbst« schreibt Alexander Lowen: »Als Narzissmus bezeichnen wir sowohl einen psychischen als auch einen kulturellen Zustand. Auf der individuellen Ebene ist er eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst … Auf der kulturellen Ebene kann man den Narzissmus an einem Verlust menschlicher Werte erkennen – an einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen."

    Narzissmus, Selfie, Selbst, Egoismus, Pathologie, imaginär, Bild, Spiegel, Glanz, Foto, Photo, Film, Kultur, Kommerz

    Narzissmus, Selfie, Selbst, Egoismus, Pathologie, imaginär, Bild, Spiegel, Glanz, Foto, Photo, Film, Kultur, Kommerz

    2.1.4. Visuelle Wahrnehmung - Analogie von Auge und Kamera?

    --> Biologie der Wahrnehmung und des Sehens

    Wahrnehmung oder: Wie kommt die Welt in den Kopf?

    THESE:
    Klischee: ausgehend vom Klischee differenzieren wir energiesparend die Welt, d.h. möglichst viele Abgleiche mit Gedächtnisinhalten (schnell) und möglichst wenig Sinneseindrücke (langsam) sollten notwendig sein, weil letztere viel aufwändiger und langsamer verarbeitet werden vom Kortex --> langsames (kortikales) Denken bei Kahnemann vs. schnelles (limbisches), eben: Klischee-Denken !

    Wahrnehmung, Epistemologie, Wirklichkeit, Realität, Sinne, Sinn, Descartes, Hermeneutik, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich, Gehirn, Bewusstsein, Leib, Körper, Geist, Seele, Aristoteles, Plato, Konstruktivismus, Realismus, Idealismus, Materialismus, Naturalismus
    Nebenstehende Grafik verdeutlicht sehr schön, wie die Sinnesorgane nur ein Faktor von vielen sind, welche uns "Wahrnehmungen" im Sinne von Wirklichkeitserfahrungen (nicht Realitäten!) ermöglichen.

    Identifizieren und Einordnen:
    Die wahrgenommenen Informationen werden nun identifiziert und eingeordnet nach:
    - Erwartungen
    - Vorwissen / Erfahrungen
    - Interessen / Aufmerksamkeit
    - Kontext

    Dabei treten folgende Prozesse auf:
    - Abgleich / Wiedererkennung
    - Filtereffekt
    - Bewertung
    - Bedeutungszusprechung

    Es entsteht somit ein aktiv konstruiertes, kognitiv-mentales Bild der "Wirklichkeit" [vgl.Kap..
    Das heißt, dass das „neu“ Wahrgenommene (im Sinne von sinnlich, als Perzept, vgl.unten) in das bereits bestehende System von Wissen und Werten integriert und dadurch verändert wird.

    -> Def. Wahrnehmung

    Wahrnehmung = Durch die Sinnesorgane vermittelte komplexe kognitive Inhalte im Sinne von Wahrnehmungserlebnissen (Perzept = Resultat der Informationsgewinnung durch Sinnesdaten).
    Aus der Vielfalt des theoretisch Wahrnehmbaren erfolgt in jeder Reizsituation eine Auswahl der Wahrnehmung (Selektivität der Wahrnehmung), deren Kriterien durch physiologische Grenzwerte (Aufmerksamkeit, Vigilanz) bestimmt werden und von den Lernerfahrungen des Individuums abhängen.
    Informationstheoretisch gesehen, gehören zu den Voraussetzungen jeder Wahrnehmung a) ein Reiz bzw. Reizmuster, b) ein Aufnahmeorgan (Rezeptor, z.B. die Zäpfchen und Stäbchen der Netzhaut des Auges), das die Reizenergien in nervöse Erregung (Impulse) umsetzt und verschlüsselt (Kodierung), c) die Erregungsleitung vom Sinnesorgan bis in das entsprechende Hirnzentrum, d) die Entschlüsselung (Dekodierung), Verarbeitung und Bewertung der Sinnesdaten im Hirnzentrum.
    Wahrnehmungsvorgänge umfassen kognitive Prozesse wie Gedächtnisleistungen und Denkabläufe (Schließen, Urteilen, Einordnen usw.) und werden von emotionalen Prozessen wie Stimmungen und Gefühlen eines Individuums in der jeweiligen Warnehmungssituation einerseits und von motivationalen (konativen) Prozessen wie Bedürfnissen und Erwartungen andererseits überlagert.
    Das Perzept bezieht sich 1. auf Gegebenheiten der Realität, wozu auch der eigene Körper eines Individuums gehört (Körperwahrnehmung), 2. auf symbolisierte (vergegenwärtigte) Zusammenhänge, wozu etwa Vorstellungen, Gedanken und Erinnerungen gehören, und 3. auf soziale Gegebenheiten, worunter insbesondere andere Menschen als Handlungspartner in Interaktionssituationen gehören (soziale Wahrnehmung als Personwahrnehmung). Der Begriff der sozialen Wahrnehmung (sozialen Kognition) im engeren Sinne kennzeichnet darüber hinaus solche Wahrnehmungsprozesse, die sozial bedingt und durch soziale Gegebenheiten und Einflüsse modifiziert werden können (http://www.medpsych.uni-freiburg.de/OL/glossar/body_wahrnehmung.html).

    Evolutionäre und ökologische Aspekte der Wahrnehmung:

    Der folgende Abschnitt ist insbesondere wichtig für die Embodiment-These meines Narzissmus-Ansatzes, wie er im Kap. X erläutert wird. Dies, weil in beiden Ansätzen, dem evolutionären wie dem ökologischen, die Wahrnehmung als Aktivität betont wird und sich gemäss Hagendorf "Sinnessysteme an relativ konstante Wahrnehmungsbedingungen anpassen" (S.21).

    Der ökologische Ansatz in der visuellen Wahrnehmung

    "We must perceive in order to move, but we must also move in order to perceive"
    (J.J. Gibson 1966, S.223)

    In Erweiterung des Funktionalistischen Denkens nach William James, welches in der Tradition der Evolutionstheorie die Anpassung der Wahrnehmung an die Erfordernisse der Handlung betont, sieht die ökologische Psychologie nach James Gibson die wahrnehmende Person als aktiv Handelnde. Durch ihre Eigenbewegung ergeben sich in Wechselwirkung mit der Umwelt vielfältige Informationsangebote.
    Mit der ökologisch-funktionalistischen Orientierung und der Betonung komplexer Umweltaspekte schloss Gibson, wenn auch unausgesprochen, inhaltlich an zentrale Einsichten von Jakob von Uexküll, Wilhelm Schapp, der Gestaltpsychologen, Ernst Cassirer, Karl Bühler, Egon Brunswik, Maurice Merleau-Ponty und Albert Michotte an. Anders als die Gestaltpsychologie (s.o.) machte Gibson nicht vorrangig interne Organisationsweisen des Organismus für die komplexen Wahrnehmungsleistungen verantwortlich, sondern die komplexe dynamische Struktur der Reize selbst. Für die Praxis: Fahrzeuglenkung

    Konstruktivität der Wahrnehmung

    Konstruktivistische Zugänge zur Wahrnehmung gehen u.a. auf den grossen deutschen Physiologen des 19. Jahrhunderts, Hermann von Helmholtz zurück und betonen - Helmholtz leistete bereits im 19.Jhdt. wichtige Beiträge zum Verständnis der Wahrnehmung.
    - Helmholtz betrachtete Empfindungen als Zeichen von etwas, aber nicht als Abbilder, vgl. Saussure und Peirce.
    - Nach Helmholtz muss die Wahrnehmung Informationen liefern, die für aktuelle Handlungen und die Einschätzung zukünftiger Aenderungen der Wahrnehmungssituation relevant sind, vgl. z.B. die Wissenssoziologie.
    - Wahrnehmungsprozesse sind uns nach Helmholtz i.allg. nicht bewusst. Er spricht von unbewussten Schlüssen, vgl. Freud.
    - Ueber Lernprozesse müssen die Interpretationen der Zeichen im Sinne von Helmholtz erlernt werden, vgl. Skinner und Pawlow.
    - Das Ergebnis eines Wahrnehmungsprozesses steht nur in einer indirekten Beziehung zu den sensorischen Daten, vgl. Konstruktivismus.

    Neurokonstruktivismus der Wahrnehmung

    --> vgl. Kap.1: Neurokonstruktivismus bei Gerhard Roth

    Folgende Grundprinzipien der Wahrnehmung der äußeren Welt, im Sinne des radikalen Konstruktivismus, schlägt Ernst von Glasersfeld (vgl.Kap.1: Systemtheorie) vor: Einerseits wird hier die aktive Bearbeitung der von aussen kommenden Information hervorgehoben. Im Laufe dieser Bearbeitung werden die neuen Informationen in die bereits vorhandenen entsprechend ihrer subjektiven Relevanz, Bedeutungszuweisung usw. integriert.
    Andererseits heisst aktiv nicht unbedingt bewusst. Im Gegenteil: sogar andersrum laufen solche Prozesse meist unbewusst ab.
    Hier kommt die „automatisierte“ Seite der Wahrnehmung, die stark im Un- bzw. Vorbewussten verankert ist, zur Geltung.
    Dieser Zugang zur Realitätserfassung erlaubt uns die blinden Flecken der persönlichen und der kollektiven Wahrnehmung zu untersuchen, sichtbar zu machen und damit eine Möglichkeit zu fördern, diese als Basis für die folgenden Handlungen und Problemlösung zu berücksichtigen" (Schwarzenböck 2014 S.33).

    Literatur zur Biologie der Wahrnehmung und des Sehens:
    Fodor, G (1983). Modularity of the Mind. Cambridge/AM: MIT Press
    Gibson, James J (1982, orig:1979). Wahrnehmung und Umwelt - Der ökologische Ansatz in der visuellen Wahrnehmung. München: Urban&Schwarzenberg
    Glasersfeld, E.v. (1998). Radikaler Konstruktivismus - Idee, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Goldstein, EB (2002). Wahrnehmungspsychologie (6. Aufl.). Heidelberg: Spektrum.
    Hagendorf, H/Krummenacher, J et al.(2011). Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Berlin: Springer.
    Haubold, Lena/Hexges, Ellen/Johannsmann, Christian/Kloock, Stefanie (20xy). Wahrnehmung oder: Wie kommt die Welt in den Kopf?
    http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/allg/lehre/050512_Wahrnehmung.ppt
    Helmholtz, H.v. (1855). Ueber das Sehen des Menschen. In H.von Helmholtz, Vorträge und Reden. Bd.1 (5.Aufl. 1903 S.85–118). Braunschweig: Vieweg.
    Helmholtz, H.v. (1878/1971). Ueber die Tatsachen der Wahrnehmung. In H Hörz/S Wollgast (Hrsg.). Hermann von Helmholtz. Philosophische Vorträge und Aufsätze. Berlin: Akademie-Verlag.
    Helmholtz, H.v. (1896). Handbuch der Physiologischen Optik. Hamburg: Voss.
    Kersten, B/Groner, MT (2005). Praxisfelder der Wahrnehmungspsychologie. Bern: Huber.
    Mausfeld, R (2005). Wahrnehmungspsychologie. In A Schütz/H Selg/S Lauterbach (Hrsg.). Einführung in die Psychologie. Stuttgart: Kohlhammer.
    Mausfeld, R (2005). Wahrnehmungspsychologie: Geschichte und Ansätze. In: Funke, J/French, P (Hrsg.). Handwörterbuch Allgemeine Psychologie: Kognition. Göttingen: Hogrefe.
    Michotte, A (1966). Die Kausalitätswahrnehmung. In W Metzger/H Erke (Hrsg.) Handbuch der Psychologie 1.Bd. Allgemeine Psychologie - Wahrnehmung und Bewusstsein. Göttingen: Hogrefe.
    Nakayama, K (2003). Modularity in Perception, its relation to Cognition and Knowledge. In E.B. Goldstein (Ed.), Blackwell Handbook of Perception. Oxford: Blackwell Publishers
    Norman, DA/Shallice, T (1986). Attention to Action: Willed and automatic control of Behaviour. In RJ Davidson/GE Schwartz/D. Shapiro (Eds.), Consciousness and self-regulation: Advances in research (Vol.4 S.1-18). New York: Plenum Press.
    Schaefer, Ralph/Goos, Matthias/Goeppert, Sebastian (2000). Glossar. Online-Lehrbuch Medizinische Psychologie. [Online-Zitat vom: 17. Oktober 2013.]
    http://www.medpsych.uni-freiburg.de/OL/glossar.html
    Schwarzenböck, Darya (2014). Global denken, lokal handeln: Lösung oder Falle? Die Berücksichtigung psychologischer Erkenntnisse bei der Lösung globaler Umweltprobleme. Wien: Diplomarbeit.
    Styles, EA (1997). The Psychology of Attention. Hove UK: Psychology Press.
    Wolfe JM/Kluender KR/Levi, DM/Bartoshuk, LM/Herz, RS/Klatzky, RL/Lederman, SJ (2006). Sensation&Perception. Sunderland: Sinauer Ass.



    TEIL III:

    2.3.1. Psychopathie und Soziopathie als pathologischer Narzissmus mit starken sozialen Folgen

    Psychopathie - Verrutschte und 'abgeschaltete' Empathiefähigkeit

    Quelle: Gödde, Buchholz 2011. Eine Schwierigkeit: Das Scannen des Gegenübers, S.121-124. In: Unbewusstes.

    Der Trait-theoretische Ansatz für Persönlichkeitseigenschaften

    Der Trait-theoretische Ansatz der Persönlichkeit besagt, dass
    "Not all psychopaths are in prison. Some are in the boardroom"
    (Robert Hare 2002)

    Die Dunkle Triade

    Psychopathie

    Machiavellismus

    Die dunkle Triade ins politisch-wirtschaftliche gewendet heisst: Machtspiele statt Rechtsordnung

    Im hervorragenden Zeit-Artikel "Das Recht bin ich" beschreibt Thomas Assheuer über die "Rückkehr des Realen" im wie ich es bezeichnen würde "Neo-Sozialdarwinismus" Donald Trumpscher Prägung nahezu in Lacanschem Duktus folgendes:

    "Der Krieg als Vater aller Dinge" oder: Politik als aggressives Machtspiel und als wirtschaftliches 'Dealmaking'

    Die sieben Tricks der Populisten (3Sat Dok vom 23.8.2017)

    - Aufmerksamkeit um jeden Preis
    - Wir gegen die: "Wir sind das Volk" vs. Feindbilder
    - Die Macht der Sprache, z.B. Opferdiskurse
    - Verschwörungstheorien
    - Wirkungsvolle Inszenierung, z.B. als Opferhaltung
    - Das Spiel mit der Angst
    - Fake News

    --> Die dunkle Triade ergänzen mit Externbrink 2018 !!!

    Quellen:
    Ashton, Michael C./Lee, Kibeom/Goldberg, Lewis R. (2004). A hierarchical Analysis of 1710 English personality-descriptive Adjectives. In: 'Journal of Personality and Social Psychology' 87.Jg.Nr.5 S.707-721.
    Amelang, Manfred/Bartussek, Dieter/Stemmler, Gerhard/Hagemann, Dirk (2006,6.Aufl.). Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Stuttgart: ......
    Assheuer, Thomas (2018). Das Recht bin ich - Donald J. Trump. In: Die ZEIT Nr.21 vom 17.05.18 S.41-42
    Externbrink, Kai/Keil, Moritz (2018). Die dunkle Triade................................
    Gerrig, Richard J./Zimbardo, Philip G. (2008). Psychologie, 18.Auflage, München.
    Hare, ............................
    Kruse, Sandra (2016). Die Dunkle Triade im Dienstleistungskontext. Wiesbaden: Springer Gabler
    Lee, Kibeom/Ashton, Michael C. (2005). Psychopathy, Machiavellianism and Narcissism in the Five-Factor Model and the HEXACO model of personality structure. In: 'Personality and Individual Differences' 38.Jg.Nr.7 S.1571-1582.
    Paulhus, Delroy L./Williams, Kevin M (2002). The dark triad of personality: Narcissism, Machiavellianism and Psychopathy. In: 'Journal of Research in Personality' 36.Jg.Nr.6 S.556-563.
    Rauthmann, John F./Kolar, Gerald P. (2012). How “dark” are the Dark Triad traits? Examining the perceived darkness of narcissism, machiavellianism, and Psychopathy. In 'Personality and Individual Differences' 53.Jg.Nr.7 S.884-889.
    Rauthmann, John F./Kolar, Gerald P. (2013). Positioning the Dark Triad in the interpersonal circumplex: The friendly-dominant narcissist, hostile-submissive Machiavellian, and hostile-dominant psychopath?. In 'Personality and Individual Differences' 54.Jg.Nr.5 S.622-627.

    Küfner, ACP/Dufner, M/Back, MD (2014). Das Dreckige Dutzend und die Niederträchtigen Neun: Kurzskalen zur Erfassung von Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Diagnostica, 61(2), 76–91.
    LeBreton, JM/Binning, JF/Adorno, AJ (2006). Subclinical psychopaths. In JC Thomas/D Segal (Hrsg.), Comprehensive handbook of personality and psychopathology: Vol. 1. Personality and everyday functioning (S. 388–411). New York, NY: Wiley.
    Paulhus, DL/Williams, KM (2002). The dark triad of personality: Narcissism, Machiavellianism, and psychopathy. Journal of Research in Personality, 36(6), 556–563.



    3. SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"

    TEIL I: Das Zeitalter des Narzissmus
    • Erich Fromm - Die Furcht vor der Freiheit
    • David Riesman - Innengeleiteter vs. aussengeleiteter Charakter
    • R.D. Putnam - Bowling alone
    • Herbert Marcuse - Der eindimensionale Mensch
    • Christopher Lasch - Selbstwertkrise und Depression
    • Richard Sennett - Tyrranei der Intimität
    • Alain Ehrenberg - Das erschöpfte Selbst
    • Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft
    • Hartmut Rosa: Zeitalter der Beschleunigung
    TEIL II: Soziale Pathologien
    • Diana Diamond: 'Kritische Psychoanalyse'
    • Ljiljana Radonic: Narzisstische Kränkung und Projektion als gesellschaftliche Phänomene
    • Heiner Keupp: Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft
    • Kommerzieller Narzissmus und Wirtschaft: Fairness, Egoismus, Altruismus, Moralphilosophie und Empathie (Ernst Fehr, Jeremy Rifkin, Richard David Precht)
    • Narzisstisches Wetteifern in allen Lebensbereichen: Kommerz und FAKE - Robert Misik, David Graeber, Negri/Hardt, Slavoj Zizek
    • Götz Eisenberg - Der Narzissmus als sozialpsychologische Signatur des konsumistischen Zeitalters

    4. ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"

  • Dialektik von Differenzierung und Integration - Klein, Mahler, Erikson u.a.m.
  • Prozesse der Introjektion und Projektion (Melanie Klein 1930)
  • Theorie der Entwicklung von Separation und Individuation (Margaret Mahler 1952)
  • Entwicklung des narzisstischen Systems (Heinz Kohut 1975)
  • Psychoanalytische Säuglings- und Kleinkindforschung (Daniel Stern 1990, Martin Dornes 1993)
  • Bindungstheorie (John Bowlby 1969)
  • Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit (Fonagy 2002)
  • Integratives Entwicklungskonzept der "Relationalen Psychoanalyse" (Martin Altmeyer 2006)

  • Daniel Stern: Entwicklung und Säuglingsforschung (Boston School)
  • Bindungsforschung: Fonagy und die Londoner School (Mentalisieren)

    LACAN - Entwicklungspsychologie vom Realen "R", übers Imaginäre "I" hin zum Symbolischen "S"

    Das Imaginäre des Subjekts und der Narzissmus

    Vor dem Hintergrund des französischen Surrealismus der späten zwanziger und dreissiger Jahre hat Jacques Lacan in Anlehnung an Melanie Klein (s.o.) die Theorie des Ich weiterentwickelt. Dabei setzte seine Kritik besonders an dem 'Cogito' der decartschen Tradition an (René Decartes: "Cogito ergo sum" vgl. Kap.1).
    Ausgangspunkt ist für ihn das Begehren des Subjekts. Das Begehren stellt das menschliche Subjekt vor drei Unmöglichkeiten:
    1. Das Begehren kann nicht nicht begehren.
    2. Es findet nicht, was es begehrt.
    3. Es kann sich nicht abfinden damit, dass es nicht findet...
    In Modifikation der Freud‘schen Strukturtheorie von Es, Ich und Ueber-Ich unterscheidet Jacques Lacan drei Momente des Subjekts: Das Reale – das Imaginäre – das Symbolische, vgl. Kap.1.
    Das Reale ist das Unaussprechliche, das sich nur auf einer fiktiven Linie situiert im Imaginären. Das Imaginäre geht nicht auf im Symbolischen. Der nicht aufgehende Rest ist, so Dieter Kamper, das Reale, das bei Lacan bedrohliche Umrisse hat und nur in extremen Situationen der Perversion, der Psychose oder der Todesangst überhaupt zugänglich ist.

    Ein erster Aufsatz, vielmehr ein Vortrag, mit dem Jacques Lacan die Aufmerksamkeit der psychoanalytischen Schule erregte, hat den Titel 'Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion'. Darin beschreibt er eine Ur-Szene, um deutlich zu machen, wie das Imaginäre entsteht. „Das Menschenjunge erkennt auf einer Altersstufe von kurzer, aber durchaus merklicher Dauer, während der es vom Schimpansenjungen an motorischer Intelligenz übertroffen wird, im Spiegel bereits sein eigenes Bild als solches.
    Dieses (scheinbare!) Erkennen (nachträglich wird ein Verkennen daraus) wird signalisiert durch die illuminative Mimik des Aha-Erlebnisses, in dem – als einen wichtigen Augenblick des Intelligenz-Aktes – sich nach Köhler die Wahrnehmung der Situation ausdrückt. Dieser Akt erschöpft sich nicht, wie bei Affen, im ein für allemal erlernten Wissen von der Nichtigkeit des Bildes, sondern löst beim Kind sofort eine Reihe von Gesten aus, mit deren Hilfe es spielerisch die Beziehung der vom Bild aufgenommenen Bewegungen zur gespiegelten Umgebung und das Verhältnis dieses ganzen virtuellen Komplexes zur Realität untersucht, die es verdoppelt, bestehe sie nun im eigenen Körper oder in den Personen oder sogar in Objekten, die sich neben ihm befinden.
    Dieses Ereignis kann – wir wissen es seit Baldwin – vom sechsten Monat an ausgelöst werden; seine Wiederholung hat – als ein ergreifendes Schauspiel – unser Nachdenken oft festgehalten: vor dem Spiegel ein Säugling, der noch nicht gehen, ja noch nicht einmal aufrecht stehen kann, der aber, von einem Menschen oder einem Apparat (in Frankreich nennt man ihn ‚trotte-bébé‘) umfangen, in einer Art jubilatorischer Geschäftigkeit aus den Fesseln eben dieser Stütze aussteigen, sich in eine mehr oder weniger labile Position bringen und einen momentanen Aspekt des Bildes noch einmal erhaschen will, um ihn zu fixieren.“ (Lacan 1996 S.63)
    Quellen:
    Breyvogel, Wilfried (2004). Der „coole“ Narziss und die Gewalt. Vorlesung vom 12.01.04
    Kamper, Dietmar (1983). Die Ent-Setzung des Subjekts, in: W. Breyvogel/A. Wentzel: Subjektivität und Schule. Essen, S.127-134).
    Lacan, Jacques (1996, 4.durchges.Aufl.). Schriften - Band I. Weinheim/Berlin.
    Roudinesco, Elisabeth (1996). Jacques Lacan - Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems. Köln: Kiepenheuer&Witsch.

    Lacan stützt sich für seine Theorie des Spiegelstadiums hauptsächlich auf physiologische Untersuchungen.
    Wichtig ist dabei, dass die menschliche Geburt vorzeitig eintritt (vgl. Portmann: Mensch als Frühgeburt), sodass das Zentralnervensystem bei der Geburt unfertig ist. So ist die kindliche Instinkt-Ausstattung mangelhaft entwickelt.

    Gliederung des Spiegelstadiums in 3 Abschnitte

    Wahrnehmung des Spiegelbilds als: Daraus folgt:
    1.) Wahrnehmung des Spiegelbilds als reales Wesen -> Versuch des Kindes sich durch bewegter Mimik dem Wesen zu nähern
    2.) Wahrnehmung des Spiegelbilds als kein Wesen bzw. nur ein Bild -> Kein Versuch der Annäherung mehr
    3.) Wahrnehmung des Spiegelbilds als sein eigenes Bild -> Erkennen des Anderen im Spiegelbild als sein eigenes Bild


    Durch die Wahrnehmung des Spiegelbildes seines Körpers, antizipiert das Kind die Einheit seines Ich. Das Kind identifiziert sich mit dem Bild des Aehnlichen als einer Gesamtgestalt. Dadurch entsteht in einem Repräsentationsvorgang, dessen Medium das Imaginäre ist, ein Ur-Subjekt. Diese primäre Identifikation ist die Grundlage aller späteren sekundärer Identifikationen. Bei diesem Identifikationsvorgang ist gemäss Lacan die Anwesenheit eines Dritten Voraussetzung. Es ist meist ein Elternteil, der dem Kind den Spiegel vorhält und verbal Anerkennung ausdrückt. Dadurch wird neben dem Imaginären anderen, das Symbolische andere durch die Sprache eingeführt und verfestigt. Diese Konstellation wird als Triangulierung bezeichnet. Das Kind differenziert nun zwischen Imaginär / Symbolisch / Real (Bild / Signifikant / Referent) und es erweitert seine Beziehung von einer narzisstisch-dyadischen zu einer triadischen im Intersubjektiven Bereich, was den Beginn der ödipalen Phase als nächstes Entwicklungsstadium bedeutet.
    Die Spiegelerfahrung ist als visuelles Phänomen nur ein Musterfall. Wesentlich für die Kategorie des Imaginären ist nicht ein visuelles Abbild sondern eine Repräsentation, die auf Aehnlichkeit bzw. auf Punkt-für-Punkt-Entsprechung beruht. Dies ist dann auch der Unterschied zur Kategorie des Symbolischen, dessen Repräsentationselemente Signifikant und Buchstabe (Signifikat) durch Differenz und Arbitrarität (menschengemachte Konvention statt naturgegebene Affinität) gegenüber dem Repräsentierten charakterisiert sind.
    Ein Defekt in der Bildung des Spiegel-Ich kann zu Psychosen, schweren Charakterpathologien oder psychosomatischen Störungen führen, vgl.Kap.2 und 10.

    Die ödipale Identifizierung und ihr mögliches Misslingen

    Beim Eintritt in den Oedipuskomplex kommt es beim Kind zu einem Transformationsgeschehen: Hat das Ich sich zuvor mit einem Doppelgänger narzisstisch identifiziert, so liegt nun eine Triade vor. Dabei sublimiert das Ich die Realität und das Objekt des Begehrens und das Objekt der Identifizierung werden voneinander getrennt.
    Durch die ödipale Identifizierung kommt es zur Bildung des Ich-Ideals. Diese Transformation wird lt. Ruhs von einem Licht des Erstaunens begleitet.
    Sublimierung der Realität = Der Prozess bei dem das Objekt des Begehrens verschwindet, sobald das Objekt der Identifizierung erscheint.
    Die ödipale Identifizierung stützt die vorangegangene narzisstische Identifizierung. Die Identifikation mit dem Vaterimago führt nicht zu einer narzisstischen Identifikation sondern erzeugt eine Oppositionsstellung zum Ich.
    Das Vaterobjekt verstellt zwar den Weg zum Begehren der Mutter aber es repräsentiert gleichzeitig das verbotene Genießen.

    Entstehung der Psychose
    Der Eintritt in die Psychose verläuft analog zum Eintritt in den Oedipuskomplex. Dabei ist die Transformation von der Dyade zur Triade nicht durch das Licht des Erstaunens sondern durch eine Rätselhafte Bedeutung begleitet, die Schockwirkung mit sich bringt:
    - Dieser Schock verhindert die Sublimierung der Realität.
    - Keine Triade entsteht sondern die Dyade wird beibehalten.
    - Der Rahmen des Begehrens bricht zusammen.
    - Der oberflächliche Konformismus zur Maskierung der narzisstischen Beziehung zur Realität wird aufgeben.
    - Die Opposition Ich-Anderer verlagert sich ins Subjekt, das gespalten wird.
    - Der Andere im Subjekt setzt das Subjekt herab und verstößt es.
    - Halluzinationen mit Selbstdiffamierungscharakter (Vokalisierung).
    - Moralische Repression / Auswüchse der Ueber-Ich-Strukturen.

    Sprachwissenschaft bis und mit Saussure

    Sprache ist Ausdruck des Denkens für die Philologen bis zum Ende des 19.Jahrhunderts. Der Satz ist eine Abbildung des Gedankens -> Die Organisation des Satzes ist der Organisation des Gedankens nachgeahmt -> Es gibt somit eine natürliche Anordnung der Elemente des Satzes.
    Wilhelm von Humboldt erkannte bereits im 18.Jahrhundert, dass natürliche Sprachen autonome Ordnungen darstellen: Die innere Anordnung des Wortes wird bei ihm nicht mehr etymologisch, im Hinblick auf die Welt, sondern als konstante Sprachgewohnheit gedeutet.
    Die willkürliche, gewohnheitsmässige Organisationsform der Sprache ist gemäss W.v.Humboldt ein Mittel, um eine Darstellungsfunktion zu erfüllen.
    Ferdinand de Saussure folgt Humboldt indem er sich hauptsächlich dem synchronischen (beschreibenden bzw. statischen Aspekt der Sprache) zuwendet: Saussure unterscheidet die Sprache ('language'=Gesamtheit der empirischen Sprachäusserungen) in A.) 'langue' (das abstrakte Regelsystem der Sprache) und B.) 'parole', das Sprechen selber, den konkreten Sprechakt, also die individuelle Realisierung.
    Nach Saussure sind lautliche und semantische (formale und inhaltliche) Elemente der Sprache nicht isoliert voneinander möglich. Es besteht ein arbiträrer (willkürlicher) Zusammenhang von lautlichem und semantischem Aspekt (s.o.).
    Für F.d.Saussure sind weder das Denken noch das Lautmaterial Strukturen. Ein Zeichen ist die Verbindung (=Signifikat) mit dem dazugehörigen Lautbild bzw. der Form (=Signifikant).
    Die Grundlage der Sprache ist die Differenz, d.h. die Identität eines Elements besteht darin, etwas zu sein, was die anderen nicht sind. Jedes sprachliche Element erhält erst durch seine Stellung im Gesamtsystem der Sprache seinen Wert. Das Element allein ist ohne Substanz.
    Im saussureschen Strukturalismus bildet die Sprache ein System binärer Oppositionen, wie hell/dunkel, jung/alt etc.
    Hierarchie von Signifikat und Signifikant
    Für Saussure ist eine Reihe von Lauten erst dann sprachlich, wenn sie als Träger einer Idee funktioniert. Im Gegensatz zu Lacan (s.u.) ist bei ihm das Signifikat dem Signifikant übergeordnet.
    Für Lacan ergeben die Signifikate erst Sinn, wenn sie sich in das Netz der Signifikanten eingliedern. Das Signifikat wird erst durch sein Verweisen auf andere Signifikate, d.h. durch seinen Signifikanten mit sich selbst identisch, was ganze Ketten von Signifikanten ermögicht. Sprache ist bei Lacan nicht Repräsentation sondern Artikulation. Sprache ist Grundlage des Subjekts im Sinn des Symbolischen "S". Dies im Gegensatz zum Imaginären "I" wo es noch kein Subjekt gibt, sondern eine Verkennung desselben, s.o. Spiegelstadium.
    Für Lacan ist der Mensch nicht der Schöpfer der symbolischen Ordnung. Im Gegenteil: Das Subjekt ist von der Sprache nicht nur beherrscht sondern es wird durch sie erst konstituiert.

    Identitätsentwicklung

    Keupp et al. (2006): Keupp, H., Ahbe, Th., Gmür, W., Höfer, R., Mitzscherlich, B., Kraus, W., Straus, F. (2006 Hrsg.). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne (3.Aufl.). Rowohlt: Reinbeck bei Hamburg.

    Entwicklung, Fonagy, Kegan, Kohlberg, Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie, Logik, Negation, Aufhebung, Geisteswissenschaft
    Entwicklung, Köhler, Amsterdam, Petzold, Fonagy, Kegan, Kohlberg, Dialektik, Piaget, Hegel, Hermeneutik, Phönomenologie



    5. ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch

    Teil I: Esoterik als narzisstische Kompensationsmöglichkeit jedes Menschen
    • Empirische Forschung: Kognitive Theorien – Dissonanztheorie von Festinger - Der Beitrag der Skeptiker
    • Esoterik 2.0: Perfekte Symbiose von Narzissmus und Kapitalismus - Johannes Fischler
    • "Magie" und Scripted Reality: Kommerz und Visualität (Bourdieu: Medienkritik)
    Teil II: Esoterik 2.0 als kapitalistischer Antrieb von Medien und Wirtschaft
    • Die Medien, die Esoterik und der Kommerz: ein Traum-Trio des kollektiven Narzissmus
    Teil III: Esoterik und ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen
    • Esoterik und Rechtspopulismus - Politische Implikationen narzisstischer Kompensationen und des Falschen Selbst
    • Propaganda als Kernelement des Antisemitismus und Faschismus


  • Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit?
  • PROPAGANDA

    "Esoterische Angebote bieten Lebenshilfe: Sie dienen den Einzelnen dazu, in der flexiblen, hybriden Moderne zurechtzukommen. Sie fördern das Gefühl der Authentizität, liefern Erklärungen und Entlastung für Erfahrungen des Scheiterns und verschaffen scheinbare Erleichterung angesichts des Gefühls von Entfremdung und Selbstentfremdung" (Claudia Barth 2012).

    Die Leipziger "Mitte-Studien"

    Seit 2002 erstellt die Universität Leipzig im Zweijahresrhythmus ihre "Mitte"-Studien. Die aktuelle Version "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" entstand in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
    Für die Erhebung wurden im Frühjahr 2016 insgesamt 2420 repräsentativ ausgewählte Personen im Alter zwischen 14 und 93 Jahren befragt - 1917 in den alten und 503 in den neuen Bundesländern. Die Stichprobe umfasste 1338 Frauen und 1082 Männer. Zur Erhebung besuchten Interviewer die Befragten in deren Wohnungen. Die Teilnehmer füllten einen schriftlichen Fragebogen aus.
    Die Autoren machen eine rechtsextreme Einstellung an sechs Dimensionen fest:
    - Befürwortung einer Diktatur: Der Aussage "Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform" stimmten 6,7 Prozent der Befragten zu - 13,8 Prozent im Osten und 4,8 Prozent im Westen.
    - Ausländerfeindlichkeit: Drei von zehn Deutschen glauben, dass Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den Sozialstaat auszunutzen.
    - Antisemitismus: Rund zehn Prozent der Deutschen glauben, dass Juden mehr als andere Menschen mit üblen Tricks arbeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
    - Chauvinismus: Mehr als jeder fünfte Befragte ist der Ansicht, es sollte das oberste Ziel deutscher Politik sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.
    - Sozialdarwinismus: Knapp neun Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass es wertvolles und unwertes Leben gibt.
    - Verharmlosung der NS-Zeit: Mehr als acht Prozent der Deutschen glauben, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte - und knapp sechs Prozent finden, ohne Judenvernichtung wäre Hitler als großer Staatsmann in die Geschichte eingegangen.

    Zu diesen sechs Faktoren legten die Forscher allen Befragten jeweils drei Aussagen vor, die auf einer fünfstufigen Skala bewertet werden konnten: von "Stimme überhaupt nicht zu" bis "Stimme voll und ganz zu". Die Höhe der Zustimmung ergab sich aus der Summe der "Stimme überwiegend zu"- und "Stimme voll und ganz zu"-Angaben.

    Hass auf Muslime, Parolen gegen Asylbewerber: Eine Studie zeigt das rechtsextreme, antidemokratische Potenzial in der Gesellschaft. Viele Bürger denken völkisch - und finden in der AfD eine politische Heimat.
    Deutschland im Jahr 2016: Jeder Zehnte wünscht sich einen Führer, der das Land zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Elf Prozent der Bürger glauben, dass Juden zu viel Einfluss haben. Zwölf Prozent sind der Ansicht, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen. Ein Viertel der U30-Generation in Ostdeutschland ist ausländerfeindlich. Und ein Drittel der Deutschen hält das Land für gefährlich überfremdet.
    Die Zahlen sind der Studie "Die enthemmte Mitte" der Universität Leipzig entnommen. Die repräsentative Erhebung ist der neueste Teil eines Langzeitforschungsprojekts, das seit 2002 politische Einstellungen in Deutschland untersucht. Die jüngsten Ergebnisse sind bedenklich.
    "Noch immer sind weite Teile der Bevölkerung bereit, abzuwerten und zu verfolgen, was sie als abweichend und fremd wahrnehmen", schreiben Oliver Decker und Elmar Brähler, zwei der Studien-Herausgeber. Aus der Mitte der Gesellschaft - lange der "Schutzraum der Demokratie" - erwachse inzwischen ein großes antidemokratisches Potenzial. Was die NPD in der Vergangenheit nicht geschafft habe, gelinge nun der AfD: diese Wählerschaft für sich zu mobilisieren.
    "Rechtsextreme haben in der AfD eine neue Heimat gefunden", sagt Forscher Decker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei Nazis und Rechtsextremen denkt man an die Ränder der Gesellschaft. Das trifft es aber nicht, die Ideologie des völkischen Denkens ist sehr verbreitet."
    Quelle: Schulz, Benjamin (2016). Studie zu Rechtsextremismus: Deutschlands hässliche Fratze. In: Der Spiegel Online vom 15.6.2016
    Rechtsextremismus-Studie - die enthemmte Mitte


  • Die narzisstische Kraft der Medien in Moderne und Postmoderne

    - EINLEITUNG: Die Dimensionen "Struktur & Dynamik"
    - NARZISSMUS: Regulation und Kompensation des Selbstwertes
    - SELBST: Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
    - ENTWICKLUNG: Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
    - ESOTERIK: Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
    - RELATION: Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
    - TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
    - RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
    - DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
    - PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren der 'Dialektischen Psychotherapie'
    - LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



    6. RELATION: Empathie und Bezogenheit - Dialog, Kongruenz und Echtheit

    Nach Maturana lässt sich Selbstreferenz so charakterisieren:
    "Aufgrund seiner zirkulären Organisation hat ein lebendes System eine selbstbezogene Domäne der Interaktion – es ist also ein "Selfrefering-System". Seine Bedingung, eine Einheit der Interaktionen darzustellen, ist deshalb aufrecht erhalten, weil seine Organisation nur dadurch funktionale Bedeutung hat, dass sie auf die Aufrechterhaltung seiner Zirkularität ausgerichtet ist und auf diese Weise seine Domäne der Interaktion definiert“ (Maturana 1970; Uebersetzung von Mitterauer 2009).
    Hier handelt es sich um eine systemtheoretische Beschreibung der Selbstreferenz, die man aus psychologischer Sicht den lebensnotwendigen und ungestörten Narzissmus nennen kann.
    Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass unser Forschungsergebnis aus den Siebzigerjahren mittlerweile in der Psychiatrie, allerdings unzitiert, berücksichtigt wird. So wurde in den gängigen Diagnoseschemata bei narzisstischen Störungen auch die Selbstbezogenheit als diagnostisches Kriterium eingeführt.
    Im Jahre 2003 habe ich diesen Ansatz weiter entwickelt und versucht, das „Prinzip des Narzissmus als Modell der polyontologischen Selbstreferenz“ darzustellen (Mitterauer 2003 a). Dabei geht es auch um eine neue Hirntheorie, auf deren Grundlage man Erklärungsmodelle für die so genannten endogenen Psychosen (Depression, Manie, Wahn) entwickeln kann.

    Bis hierher können wir festhalten:
    Psychische Gesundheit bedingt ein jeweils adäquates, kontextabhängiges Einpendeln und Aktivieren sowohl des inneren als auch des äusseren Selbst.
    Gemäss der 50/50-Regel (siehe Kap. 5): ca. 50% muss ich selbstbewusst (!) selber beitragen zu meinem Glück, die anderen 50% muss ich die Spannung des nichts-tun-könnens aushalten und muss anerkennen, dass ich auch von Anderen und vom Kontext abhängig bin) sollte beides in der Summe ausbalanciert sein.

    Ausgehend von der Beobachtung „echter“, authentischer Momente, überraschender Wendungen mit oft stark "berührender" Intensität und grosser zwischenmenschlicher "Stimmigkeit" in zahlreichen Psychotherapie-Sitzungen, aber auch im Alltag, möchte ich im folgenden der Frage nachgehen, wie es kommt, dass wir Menschen einen grossen Teil unseres Lebens hinter einer Fassade von Anpassung, Konvention, sozialer Erwünschbarkeit bis hin zu Manipulation, Täuschung, Esoterik und Kitsch (D.W. Winnicott und Karen Horney nennen dies "das falsche Selbst") verbringen und wie es möglich wird, das dahinter bzw. daneben vermutete und in spontanen Momenten des Ausbrechens aus den üblichen sozialen Rollen spürbare "wahre Selbst" lebendiger werden und in ein stimmigeres Zusammenspiel mit dem äusseren oder Rollen-Selbst (siehe z.B. Mead oder Goffman bzw. Moreno oder Petzold) kommen zu lassen.
    Wir werden feststellen, dass es nicht um ein 'entweder-oder' dieser beiden 'Selbste' geht, sondern um ein dialektisches Zusammenspiel der beiden Instanzen oder treffender: Ausprägungen des einen unteilbaren Selbst in Form von 'Aggregatszuständen'; dem oft eher scheuen und ängstlichen 'inneren Selbst' wie ich es nennen möchte (statt dem "wahren" Selbst) und dem eher eloquenten, berechnenden, manchmal aber auch strategisch schweigenden oder sich bewusst verstellenden etc., 'äusseren ("falschen") Selbst'.

    Die intersubjektive Wende

    Relationalität und Anerkennung

    Quelle: Prengel, Annedore (2013). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Opladen: Barbara Budrich

    Begriff und Metapher des Relationalen

    In der Einführung haben wir das "Fadenkreuz-Modell" mit den beiden Achsen kennengelernt und wollen nun nach der inhaltlichen Präsentation der y-Achse mit Henselers Narzissmus-Text, eine Vorstellung der x-Achse vornehmen, wo Frau Prof. Prengel die relationale Dimension des Menschseins beschreibt und historisch-philosophisch herleitet.
    Ich erlaube mir kurz ein Wort zur Darstellungsweise: Hervorhebungen in Form von Fettschrift bzw. von Unterstreichungen (bzw. in der Online-Version als "Links" versehene Stellen) stammen wie immer von mir, dem die Originaltextlektüre begleitenden Kommentator. Längere Zitate sind der wissenschaftlichen Usanz entsprechend leicht eingezogen, [auch wenn darin in eckigen Klammern eigene Anmerkungen zum Zitat eingebunden sind]:
    Das Doppelstandbild stellt die lesen lernende Maria und die lesen lehrende Anna dar, während sie sich auf das Buch zwischen ihnen, das sie gemeinsam halten, konzentrieren. Es liegt nahe zu fragen, ob und wie es als eine historisch frühe, vielleicht sogar klassisch zu nennende Imagination zur triangulierenden relationalen Struktur der Kommunikation im menschlichen Generationenverhältnis, Habermas 2009, gedeutet werden könnte: eine Balance im Didaktischen Dreieck, das, eingebettet in ein vielschichtiges Umfeld, aus den Beziehungen zwischen lernendem Kind, lehrender Erwachsener und Lerngegenstand entsteht und veranschaulicht, dass die kognitive Beziehung zum zu vermittelnden Lerngegenstand mit der emotionalen Beziehung zur lehrenden Person verbunden ist Annedore Prengel spricht hier in verdichteter, lebendiger Form sehr wichtige AutorInnen und deren Texte an [Verweise auf eigene Kapitel in eckigen Klammern an Ort und Stelle im zitierten Text: Bourdieu, Rosa, Mead], wie sie auch für meine eigene Konzeption massgebend sind. Es war deshalb ein grosser Glücksfall, dass ich gegen Ende meiner fünfjährigen in meiner Freizeit vorgenommenen Recherche-Arbeit (2010-2015) auf dieses kleine, feine Büchlein mit der eine Triangulation "Lehrerin, Schülerin und Buch (als Uebergangsobjekt", vgl. Kap. 8 und 10) darstellenden sakralen Skulptur auf dem Deckblatt stiess und nun die Ehre habe, es ganz zu Beginn meines eigenen Buches einbauen zu dürfen um darzulegen, wieviel reichhaltige, spannende und erbauende Literatur aus den unterschiedlichsten Richtungen und Zeiten es zum Thema der Bezogenheit (hier zunächst bewusst trocken-technisch verkürzt als x-Achse eingeführt) gibt. Doch hören wir weiter der Autorin zu, wie sie im nächsten Zitat spannende Philosophiegeschichte betreibt:

    Bezogenheitskonzepte und Dialogtheorien von Buber bis Nussbaum

    Wenn wir nun mit Annedore Prengel Relation bzw. das Relatum definiert und eingeordnet haben und nun historisch-philosophisch weitergehen und schauen, was die Moderne zum Thema zu bieten hat, wird bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich, dass die Dialektik bzw. der Gegensatz von Aufklärerisch-versachlichenden Ansichten und romantisch-gefühlsbetonenden Philosophien nicht beendet wird, sondern im Gegenteil sich bis heute eher noch zuspitzt und teilweise verhärtet, wenn wir z.B. aktuelle politische und weltanschauliche Konflikte zwischen eher konservativ-hierarchischen Denkweisen westlicher und östlicher Diktatoren und Diktaturen betrachten und auf der anderen Seite den Versuchen, eine demokratische, auf Dialog und Begegnung der Kulturen progressiv-sozialen Denk- und Handlungsweise.
    Die in der Einleitung dargestellten Gegensatzpaare im Fadenkreuz von x- und y-Achse finden sich nicht nur in der Wissenschaftstheorie wieder sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen, inklusive Politik, Philosophie, Psychologie und Pädagogik.
    Prengel stellt in der Folge deshalb dar, wie wichtig und unabdingbar es ist, dass Dialogtheorien wieder- und weiterbelebt werden, wollen wir aus dem "Unbehagen an der Moderne" (Buchtitel von Charles Taylor, ähnlich zu finden auch bei Sigmund Freud und Alain Ehrenberg) herausfinden und eine lebenswerte, enkeltaugliche Mit- und Umwelt erhalten und hegen und pflegen: Gerade letzterer Punkt Prengels zur "Pluralität der Forschungsperspektiven" ist mir besonders wichtig, weil gerade dadurch der Respekt und die Anerkennung des jeweils Anderen, auch und gerade in ihrem/seinem Anderssein hervorgehoben wird. Es geht mir also nicht um ein Entweder-Oder des z.B. Normorientierten vs. dem Subjektiven, sondern um eine Zusammenarbeit und Synergie welche entsteht, wenn derselbe Gegenstand oder Mensch von verschiedenen Seiten her betrachtet wird, um in der Sphäre des Forschens zu bleiben einerseits also messend-normativ-strukturiert und andererseits begegnend-emotional-subjektiv.
    Wenn wir auf diesen Erkenntnissen weiter aufbauend die politische und gesellschaftliche Dimension (oder 'Sphäre' gemäss Michael Walzer) hinzunehmen und die relationale Betrachtungs- und Seinsweise dominant werden lassen im Fadenkreuz der Perspektiven (also nach rechts auf der x-Achse) landen wir bei Emotionen und Menschenrechten, bei Demokratie und Gerechtigkeit und bei Empathie und Liebe, wie Prof. Prengel im folgenden sehr schön beschreibt: Zurückkehrend in die Sphäre des Individuellen und Privaten, bietet sich die Psychoanalyse und ihre Weiterentwicklungen an als Untersuchungsmethode intra- und auch intersubjektiver Vorgänge. Zu diesen konkreten psychotherapeutischen Anwendungen relationalen Denkens und damit auch Grundlagen zur Entwicklung von 'Narzissmus' liefernd (vgl. Kap. 2 und 4: Bindungen), hat Annedore Prengel folgendes geschrieben: Anerkennung (Honneth würde von "Anerkennung in der Sphäre des Rechts" sprechen, Kap. 6 und 9) erhält die Bindungstheorie sogar von allerhöchster gesundheitspolitischer Stelle, von der Weltgesundheitsorganisation WHO, welche bereits 1946 folgenden Satzungsartikel beschlossen hat: Abschliessend zu dieser 'Tour d'Horizon du relationnel' möchte ein letztes mal Prof. A. Prengel zitieren, wie sie sich zur empirischen Befund- und Studienlage bezüglich Empathie, Intuition, Beziehung, Kooperation, ... kurz: zur Relationalität (oder wer's lieber so mag: zur Intersubjektivität) und im Anschluss daran zu den Menschenrechten äussert:

    TEIL IV: Digitale, imaginäre Relationen

    Die Rückkehr des Imaginären in der Bild-Sprache

    Soziale Netzwerke befördern nicht den Kosmopolitismus, sondern die Provinzialisierung der Kommunikation

    Quelle: Klaue, Magnus (2018). Affektroutinen des globalen Dorfes. In: FAZ vom 9.März S.11

    "My Country Talks": Die Schweiz/Deutschland/Oesterreich etc. spricht

    Als "Therapie" dieser Sprachlosigkeit bzw. codierten, digitalen Hass- und Wutreden sehe auch ich das Gespräch, die "mündliche Rede", die Habermas'schen "Herrschaftsfreien Diskurse". Im Sinne Lacans gilt es aus dem 'Imaginären' der Filterblasen heraustretend sich weiterzuentwickeln hin zu einem diskursiven Modus des Symbolischen, wo Sprache und Anerkennung, Demokratie und Toleranz, kurz: Menschenrechte, gelten.
    In diesem Verständnis des Zusammenlebens kommen wir nicht umhin, auch entgegengesetzte Meinungen und Argumente uns immer wieder anzuhören, in gemeinsame Resonanz zu kommen - oder auch in Dissonanz, aber als 'Konsens im Dissens' (vgl.Kap.10) - um so dialektisch-relational unseren Horizont zu weiten und auch extreme Positionen zuzulassen und kennenzulernen.
    Ganz in diesem Sinne haben ein Kollektiv diverser Tages- und Wochenzeitungen in den letzten Jahren Gesprächsräume organisiert, wo politisch Andersedenkende miteinander reden konnten: "Deutschland spricht" heisst eine Plattform für politische Zwiegespräche von u.v.a. ZEIT ONLINE. Das Versprechen: Menschen zusammenbringen, die politisch völlig unterschiedlich denken und möglichst nahe beieinander wohnen. Am 23. September 2018 trafen sich Tausende Menschen in ganz Deutschland. Insgesamt elf Medienhäuser riefen in diesem Jahr gemeinsam zu der Aktion auf. Schirmherr war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
    Am 21. Oktober 2018 fand dasselbe Format unter dem Titel "Die Schweiz spricht" auch hierzulande statt: Weil diese spannenden Gespräche aus rechtlichen Gründen hier nicht wiedergegeben werden dürfen, habe ich mich entschieden, beispielhaft die Kommunikation und Beziehung eines prominenten Paares aus Deutschland wiederzugeben: er links, sie rechts. Diese Zwiegespräche haben übrigens nichts mit obiger Aktion zu tun, sondern ergaben sich quasi natürlicherweise im Biotop eines gemeinsamen Haushalts, was eine viel grössere Brisanz und Dynamik mit sich bringt als wenn Zufallsbekannte miteinander streiten, wie es in "My Country Talks" per Algorithmus geschieht.

    "Mit Rechten reden" und "Mit Linken leben" oder "Besuch von anderen Planeten"

    Beispielhafter Ehekampf um die Diskurshoheit Ich zitiere, den SZ-Artikel über Lethen/Sommerfeld konkretisierend, aus oben genanntem 'Sezession'-Blogartikel (Sommerfeld 2017):

    Eine deutsche Liebesgeschichte

    Der Germanist Helmut Lethen hat ein Buch über das „Dritte Reich“ geschrieben. Es ist auch ein Brief des 68ers an seine Frau, die sich der Identitären Bewegung angeschlossen hat: Quellen:
    Rapp, Tobias (2018). Eine deutsche Liebesgeschichte. Der SPIEGEL 9/18, S.128-130
    Schloemann, Johan (2017). Er predigt den Austausch, sie marschiert auf Fackelzügen. In: Süddeutsche vom 12.10.17.
    Sommerfeld, Caroline (2017). Mit Linken leben II. In: Sezession Online vom 11.Okt.17.
    Sommerfeld, Caroline (2016). Dialoge mit H – Wie war der Verlust des Eigenen möglich? In: Sezession 74, Okt.16, S.14-17
    https://www.zeit.de/serie/deutschland-spricht
    https://www.zeit.de/thema/d18
    https://www.mycountrytalks.org/
    https://www.woz.ch/schweizspricht
    https://interaktiv.berneroberlaender.ch/2018/schweiz-spricht/

  • Der Andere, das moralische/sittliche Dritte, das Zwischen, Triangulierung; Resonanzraum, Feld, Empathie
  • Anerkennungskonzepte: Jessica Benjamin und die Relationale Psychoanalyse
  • Paartherapie, Täter/Opfer, Kollusion und Anerkennung (Jürg Willi et al.)
  • Anerkennungskonzepte in Pädagogik, Pflegewissenschaft und Sozialarbeit
  • Martin Altmeyer: Narzissmus und Objekt
  • Martin Altmeyer: Mentale Bezogenheit
  • Martin Altmeyer, Helmut Thomä (Hrsg.): Die vernetzte Seele
  • Jessica Benjamin: Die Fesseln der Liebe
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung
  • Jürgen Habermas: Naturalismus und Religion
  • Otto F. Kernberg/Diana Diamond: Narzissmus und die Gesellschaft
  • Daniel N. Stern: Gegenwartsmomente (Now-Moments)
  • Peter Fonagy, Mary Target et al.: Affektregulierung und Mentalisieren

    7. TECHNIK: Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum und digital-visueller Narzissmus
    TEIL I: Technokratie oder das Ge-stell
    • 7.1.1. Die Menschheit schafft sich ab - Die Erde im Griff des Anthropozän
    • Prometheus und das "prometheische Grauen"
    • Der eindimensionale Mensch - Frühe Technikkritik als Technokratiethese
    • Martin Heidegger: Das Ge-stell
    • Norbert Bolz: Das Ge-stell
    • Technokratie: "Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt"
    • Kränkbarkeit als Leitsymptom unserer Zeit
    TEIL II: Digital-visueller Narzissmus
    • 7.2.1. Vom Analogen ins Digitale - vom Echten zum Falschen?
    • 7.2.2. Digitale Entfremdung und Oberflächentechnik
    • 7.2.3. Aesthetischer Narzissmus
    • 7.2.4. Narzisstisches Scheinen in der darstellenden Kunst
    • 7.2.5. Politisches Handeln – politisches Scheinen: Symbolische Politik
    • 7.2.6. Entfremdung und Selbst-Design
    • 7.2.x. Das Selfie und die 'Oekonomie der Aufmerksamkeit'
    • 7.2.7. Narzissmus in den Social Media: Selfie-'Kultur' auf Facebook, Twitter und Youtube
    • 7.2.8. Narzissmus im Fernsehen: Casting Formate und Medienkritik à la Bourdieu, Luhman und Postman
    TEIL III: Das digitale Zeitalter - Dataismus, Big Data, Spieltheorie und Algorithmen
    • 7.3.1. Wie wirklich ist die Wirklichkeit I - Strukturalismus und Semiotik
    • 7.3.2. Wie wirklich ist die Wirklichkeit II - Jean Baudrillard: Simulakra und Simulation
    • 7.3.3. Wie wirklich ist die Wirklichkeit III - Hans Blumenberg: Wirklichkeitsverhältnisse
    • 7.3.4. KONSUM: Falsch statt Echt: Der Siegeszug des Kommerzes – Ernst Fehr und R.D. Precht
    • 7.3.5. Das Selbst - Die Maske - Der Bluff - Manfred Prisching
    • 7.3.6. Der Existenzbastler in der Multioptionsgesellschaft - Hitzler/Gross
    • 7.3.7. Baudrillard II: Die Konsumgesellschaft - Ihre Mythen, ihre Strukturen
    • 7.3.8. Spieltheorie und Big Data-Manipulationen bei Frank Schirrmacher
    • Stammeskultur im Netz, Re-Tribalisierung und die geschlossene digitale Gesellschaft
    • Adorno, Horkheimer, Marcuse, Fromm und die Frankfurter Schule - Kritische Theorie und Neo-Psychoanalyse
    TEIL IV: Das Post-Digitale Zeitalter: Psychopolitik, Superintelligenz und 'Homo Deus'
    • ..........................
    • Byung-Chul HAN: Psychopolitik und Kritik des Neoliberalismus
  • Müdigkeitgesellschaft: Optimierung des "falschen Selbst" macht schlapp TEIL V: KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus
    • Erdheim: «Der Konsumwunsch erwächst aus den kapitalistischen Arbeitsbedingungen»
    • Décroissance, Small is Beautiful, Downsizing - Mässigung, Balance, Toleranz
    • Kapitalismus- und Medienkritik: Was kommt nach dem Kapitalismus? Minimalismus, Urban Gardening, Tauschkreise?
    • Niko Paech: Grundzüge einer Postwachstumsökonomie
  • "Man muss sich fragen, ob der menschliche Geist das beherrschen kann, was er geschaffen hat."
    (Paul Valery)
      "Mit Ernst Kapps Grundlinien einer Philosophie der Technik von 1877 wird Technik „zur Zentralkategorie der Selbstdeutung des Menschen“: Erstmals wird Geschichte als Technikgeschichte interpretiert, das heisst, die Geschichte des Menschen wird als die der Entwicklung und Verbesserung seiner technischen Artefakte angesehen. Seit dieser Zeit gibt es in den Kultur- und Sozialwissenschaften zahlreiche Autoren, die sich mit dem Problemfeld auseinandersetzen, das zwischen den Eckpfeilern 'Mensch', 'Natur' und 'Technik' aufgespannt wird. Diese zahlreichen und vielfältigen Versuche, dem 'Wesen' der technischen Artefakte auf die Spur zu kommen, insbesondere deren Einschätzung des Stellenwerts von Technik in bezug auf den Menschen, sind der Gegenstand dieser Untersuchung" (Fohler 2003 S.11)
    . Quelle: Fohler, Susanne (2003). Techniktheorien - Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen.

    Jacques Ellul: „The Technological Society“ (1954)

    Der französische Soziologe und Philosoph Jacques Ellul (1912–1994) war einer der ersten die eine "Dystopie einer monolithischen technischen Welt" (um nicht immer Orwell oder Huxley zu zitieren...) diagnostizierten bzw. voraussagten:
      Ellul "diagnostiziert, dass die moderne, durch die Technik dominierte Gesellschaft dabei sei, sich in eine effizient organisierte und planvoll gestaltete kollektivistische und autoritäre Gesellschaft zu verwandeln.
      Seine Basisargumentation lautet in komprimierter Form: Der Mensch hat sich vermittels der Technik von den Naturzwängen emanzipiert, aber dies führt in der Gegenwart zur Unterwerfung des Menschen und seiner Institutionen unter die Zwänge der Technik. Anstatt in der Befreiung von der Arbeitsfron resultiert die entfesselte Technik in der totalen Herrschaft einer technischen Rationalisierungsideologie, die ihren sinnfälligen Ausdruck in der modernen Planungseuphorie findet. Der Liberalkapitalismus verwandelt sich auf diese Weise in einen zentralistisch gesteuerten Staatskapitalismus; Politik reduziert sich auf die Koordination und Ausführung technisch vermittelter Handlungszwänge; und auch der Mensch regrediert zum Objekt der Technik, das heißt des Plans, der Verwaltung, der Propaganda und der Reklame. Das Versprechen der Freiheitsgewinne durch Technisierung entpuppt sich als ein großes Projekt der Freiheits- und Demokratieberaubung. Technologische Gesellschaften sind totalitär" (Bogner 2015 S.65)
    .
      "Technik ist damit das Gegenteil von menschlicher Kreativität, Improvisation und Spontaneität; sie gleicht in ihrer Rigidität einer Anleitung zum Bau von Bücherregalen. Die Technik ist für Ellul kein Gegenstand, sondern ein spezifisch modernes Denk- und Handlungsmuster, dessen Leitwert die Effizienz ist: „what characterizes technical action within a particular activity, is the search for greater efficiency. Completely natural and spontaneous effort is replaced by a complex of acts designed to improve, say, the yield.“ (Ellul 1964 S.20)" (zit. in Bogner 2015 S.65/66)
    .
      "Die Antwort kann im Sinne Elluls nur lauten: Weil die Technik in der Moderne als Königsweg zu einem guten Leben für alle gilt. Schliesslich soll dieses gute Leben über Produktivitätssteigerung und Wachstum erreicht werden. Das heißt, die Zielvorgaben sind gewissermaßen schon technisch formuliert („durch Wachstum zum Glück“); Fortschritt wird auf diese Weise als Steigerung des quantitativ Messbaren ausbuchstabiert. Eine derartige Zielbestimmung muss zwangsläufig die Technik ins Spiel bringen. Dass deren Entfesselung nicht ins erwartete Paradies führt, sondern in die traurige Realität einer durchrationalisierten Gesellschaft, scheint Ellul evident. Dafür will er sensibilisieren" (Bogner 2015 S.66)
    . Quelle: Bogner, Alexander (2015, 2te Aufl.): Gesellschaftsdiagnosen - ein Ueberblick. Weinheim: Beltz Juventa.

    Kommen wir im Anschluss ans Esoterik-Kapitel 5 kurz zurück auf Propaganda, hier als technologiegetriebenes Mittel der Beeinflussung (vgl. auch Kap.9: Diktatur):
      Robert R. Kirsch, Journalist der Los Angeles Times, bezeichnete Propaganda als „ein viel erschreckenderes Werk als jeder der Albtraumromane von George Orwell. Mit der Logik, die ein grossartiges Instrument des französischen Denkens ist, versucht Jacques Ellul seine These zu beweisen, dass Propaganda ungeachtet positiver oder negativer Intentionen nicht nur eine zerstörerische Wirkung für die Demokratie hat, sondern vielleicht die grösste Gefahr für die Menschheit der modernen Welt ist.“
      Marshall McLuhan schrieb in der 'Book Week', dass Jacques Ellul bewiesen habe, dass
        „wenn unsere neuen Technologien von jeder Kultur oder Gesellschaft Besitz ergriffen haben, das Ergebnis Propaganda sei.“ (aus dem Wikipedia-Eintrag zu Propaganda)

      Digitalisierung: "Von Mensch zu Mensch wird über Bande gespielt"

        "In Anlehnung an das Kommunistische Manifest von Karl Marx kann der Leser vermuten: 'Es geht ein Gespenst um in Deutschland'.
        ...........................

        7.3.4. KONSUM: Falsch statt Echt: Der Siegeszug des Kommerzes – Ernst Fehr und R.D. Precht

        Scripted Reality - TV

          "Was sich verkauft, ist der Unterhaltungswert der Jauche-Information. Die höchsten Einschaltquoten erzielen Sendungen, die Durchschnittsmenschen dazu manipulieren, ihre Intimsphäre zu exhibieren, vor allem weil dies für den Zuschauer authentisch ist und die ihn manipulierende Absicht verdeckt. Da werden Teilnehmer in peinliche Situationen gebracht, Lebensberatung in Call-In-Shows angeboten (etwa für schmutzige Wäsche zwischen Partnern, unerwünschte Schwangerschaft); in Talkshows (zur Zeit über 50 im deutschen Fernsehen) wird den Teilnehmern suggeriert, sich mit ihren Ansichten und Forderungen profilieren zu können, während der Profimoderator Fallen aufgestellt und die Talkpartner sich unterbrechen, abwerten, Polemik betreiben und die Beschädigung anderer als Pluspunkte einzufahren suchen. Das Reality-TV reicht von Amateuraufnahmen über Dokumentation mit versteckten oder offiziell überwachenden Kameras bis zur Reality-Soap à la Big Brother. Weitere Information in Gözen 2000 [s.u.].
          Masseninformation nutzt öffentliches Interesse als Alibi, um durch Jauche Auflagen und Einschaltquoten zu steigern. Rücksichtnahme auf Nebenwirkungen und gesellschaftliche Folgeschäden gibt es kaum; denn gerade im Medienbereich erweist sich, dass rechtliche Reglementierung gegen Manipulation nur schwer greift, Richard Forno spricht von Hightech-Heroin. Und das Energiesparprinzip sorgt dafür, dass sich der Geruchssinn der Oeffentlichkeit dem Informationsgestank immer wieder anpasst und die Duldungsgrenze sich entsprechend verschiebt. Forno hat deshalb bereits einen Nachruf auf das Informationszeitalter verfasst (Website infowarrior.org).
          Was Jauche heutzutage alles an Zeit und Produktivität vernichtet! Um in solchem Klima „gesund“ zu bleiben, gibt es nur einen Weg: sich eine angemessene manipulative Eigenkompetenz zuzulegen. Wir dürfen für diese Schattenseite der Psyche und unserer Kulturepoche nicht persönlich verletzbar sein, müssen uns gegen sie immunisieren" (Brendl 2004 S.68).
        Quellen:
        Brendl, Erich (2004 2teAufl.). Clever manipulieren: Die Kunst, sich geschickt und erfolgreich durchzusetzen. Wiesbaden: Gabler
        Jire Emine Gözen (2000). „Menschen als medienkreierte Produkte - Authentizität, Banalität und Big Brother“. Referat "Medienkritik Teil I: Requiem auf das Fernsehen" im Sommersemester 2000
        Online: J.E. Gözen über Big Brother

        TEIL V: KONSUM: Wachstumskritik des "Immer mehr" im real existierenden Kapitalismus

        Konsumkritik - Wachstumskritik

        „Pointiert gesagt, basiert ein Grossteil heutiger Wirtschaft auf dem gelangweilten Konsumenten, denn der Konsum von Gütern soll Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass sie neue Bedürfnisse nähren. Die Tretmühle muss in Gang gehalten werden. Kann man sie zum Stillstand bringen? Will man es überhaupt?“ (Kaeser 2014 S.27)



        8. RESONANZ: Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"

        Empathie neuropsychologisch: Politische Emotionen - Gruppenphänomene und Verteilungskämpfe

          "Wenn Vertrauen zerstört wird, reagiert unser Gehirn. (...) Wie ist es um das Mitgefühl einer alleinerziehenden Mutter für Zugewanderte bestellt, die sich im Verteilungskampf um einen Laib Brot von Migranten verdrängt gefühlt hat? Und umgekehrt? Oder nehmen wir einen ganz normalen Zeitungsleser: Wie gross wird dessen Empathie nach den bisweilen hysterischen Schlagzeilen noch sein für Menschen, die hilfesuchend zu uns kommen? Höchstwahrscheinlich würde man feststellen, dass die Empathie auf allen Seiten dramatisch gesunken ist.
          Warum? Weil „Empathie immer einen Nährboden aus Sicherheit und Vertrauen braucht“, sagt die Neuropsychologin Grit Hein, die an der Universität Würzburg lehrt. Wer Angst hat, zu kurz zu kommen, sei es nun bei der Vergabe von Nahrungsmitteln oder billigem Wohnraum, der wird sich jedenfalls keine Empathie leisten können, der wird vermutlich angsterfüllt auf alles Unvertraute blicken, sich in sein Ingroup-Denken zurückziehen und Mauern errichten. Würde man so jemanden in einen Kernspintomographen legen, könnte man seine Aengste bildlich sehen. Grit Hein war federführend an einer in Zürich durchgeführten Studie beteiligt, die herausfinden wollte, ob positive Erfahrungen mit Fremden die Empathie erhöhen können und wie viele von diesen positiven Erfahrungen für einen nachweisbaren Effekt tatsächlich benötigt werden. Den nach Herkunft in „Eigengruppe“ und „Fremdgruppe“ aufgeteilten Probanden wurden schmerzhafte Reize an der Hand zugefügt. Sie machten allerdings die Erfahrung, dass jemand aus der eigenen oder aus der Fremdgruppe Geld bezahlte, um ihnen den Schmerz zu ersparen. Zu Beginn der Studie zeigten die im Kernspintomographen liegenden Probanden schwächere Hirnaktivitäten, wenn einem Fremdgruppenmitglied Schmerzen zugefügt wurden. Empathischer reagierten sie bei den eigenen Leuten. Doch schon nach wenigen guten Erfahrungen mit einer Person der Fremdgruppe wendete sich das Blatt.
          Ueberraschend ist, „dass positive Erfahrungen auch neuronal die Empathie für die Fremdgruppe erhöhen“. Und: „Diese Empathie gilt nicht allein der Person, die einem den Gefallen getan hat, sondern auch anderen Personen derselben Gruppe“, sagt Grit Hein. Die erhöhte empathische Hirnreaktion für die Fremdgruppe werde durch ein neuronales Lernsignal getrieben, das durch die überraschend positiven Erfahrungen mit einem Fremden entstehe. Das heißt nicht, dass Integrationsskeptiker mit Ueberfremdungsängsten oder Geflüchtete, die ihre deutschen Nachbarn argwöhnisch beäugen, von heute auf morgen ihr Weltbild auf den Kopf stellen.
          Empathie ist kein Allheilmittel, sondern nur eine mögliche Motivation für prosoziales Handeln. „Ich kann auch aus ganz anderen Gründen helfen, zum Beispiel, weil es der sozialen Norm entspricht – oder aus egoistischen Motiven, weil ich eine Belohnung erwarte“, sagt Grit Hein.
          Vorurteile mögen politisch nicht korrekt sein. Nur ändert das nichts an der Tatsache, „dass jeder Mensch sie hat, dass es Vorbehalte gegenüber allem Unbekannten gibt, auch bei jenen, die von sich selbst behaupten, sie seien weltläufig, liberal und tolerant“, sagt Grit Hein. Diese Aengste seien schlicht ein basaler biologischer Mechanismus, den man bereits bei fremdelnden und sich abgrenzenden Kleinkindern beobachten könne. Doch wir sind unseren Aengsten nicht ausgeliefert, im Gegenteil. „Wir können sie ,überlernen‘.“ Das beste Empathie-Training aber scheitert, wenn es auf ein Klima des Misstrauens und der Unsicherheit trifft.
          „Mangel an Empathie in einer Gesellschaft sagt in erster Linie etwas über die Gesellschaft und erst in zweiter Linie etwas über den Menschen aus.“ Menschen seien besonders dann empathisch, wenn es vom sozialen und gesellschaftlichen Umfeld ermöglicht und gefördert werde.
          (...) Zwischenmenschlich betrachtet, ist ein „Transitzentrum“ wie in Bamberg allerdings Nährboden für Misstrauen. Das Ombudsteam der Stadt warnte kürzlich in einer Pressemitteilung vor ähnlichen Massenunterkünften für Flüchtlinge. Die Asylbewerber würden isoliert, der Kontakt zu Einheimischen erschwert, wodurch die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber geflüchteten Menschen sinke. Was einem der gesunde Menschenverstand sagt, ist neuronal nachweisbar: „Ergebnisse wie die der Züricher Studie zeigen eindeutig, dass Gettoisierung falsch ist“, sagt Grit Hein. Stattdessen müssten gezielt Kontakte aufgebaut werden, von beiden Seiten.
          Das alles ist seit langem bekannt, wurde unzählige Male eindrücklich beschrieben und kritisiert. Deshalb sei es ja so verwunderlich, sagt Grit Hein, die eben auch durch die Brille der Wissenschaftlerin auf dieses Land schaut, dass für die Stärkung des Wir-Gefühls von politischer Seite im Moment relativ wenig getan werde" (Mühl 2018 S.9).
        Quelle: Mühl, Melanie (2018). In: FAZ vom 9. März S.9

        Literatur zu Körper, Embodiment und Resonanz:

        - Althans, Birgit (2010). Zur anthropologischen Notwendigkeit des Verkennens. In: Jörissen/Zirfas - Schluesselwerke der Identitaetsforschung, S.55-66. Springer VS.
        - Buchholz
        - Cantieni, Benita
        - Honer, Anne (2011). Kleine Leiblichkeiten. VS
        - Leuzinger-Bohleber,
        - Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
        - Seier, Andrea / Surma, Hanna (2008): Schnitt-Stellen. Mediale Subjektivierungsprozesse in THE SWAN. In: Villa, Paula (Hrsg.): Schön Normal - Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst. Bielefeld: transcript, S.173-197.
        - Storch, Maja
        - Tschacher, Wolfgang




        "Opium für das Volk" - Imaginär-Digitales Online-Leben vs. Real-Analoges Offline-'Real-Life'

        "Es mutet nachgerade zynisch an, wenn Silicon-Valley-Veteranen, die uns das Starren auf den Bildschirm als höchstes Glück verkaufen und daraus ihre exorbitanten Gewinne abschöpfen, im realen Leben physischen Freuden zuneigen, sich an edlem Essen und Spitzenweinen delektieren, gerne die Gesellschaft realer Freunde pflegen, sich abenteuerliche Hobbys zulegen. Die Reichen können es sich leisten, offline zu leben. Während der Plebs sich in virtuellen Pubs mit virtuellen Kumpels vergnügt. Ein neuer Klassengegensatz tut sich mittlerweile auf, nicht zwischen den Herren des Kapitals und dem Proletariat, sondern zwischen den Herren der elektronischen Luftschlösser und deren Bewohnern (Kaeser 2014 S.38).
          "(...) m.E. erscheint heute nichts dringender, als mit einer kritischen Sensibilität der «Mischexistenz» innezuwerden, die wir im Umgang mit den neuen Medien führen.
          Die «Mischexistenz» ist der Normalzustand. Wer am Morgen zu Kaffee und Gipfeli auf dem Tablet liest, exemplifiziert diesen Normalzustand in seiner vollen Banalität: Er nimmt sowohl Atome als auch Bits zu sich (das tut übrigens auch der Zeitungsleser, das tut der Mensch seit je).
          Makroskopisch gesehen, verhält es sich mit Online und Offline so, wie wenn wir in einer Salatsauce leben würden, in der sich Oel und Essig nur schwer, falls überhaupt, scheiden lassen. Aber gerade deshalb sollten wir ein kulturelles Trennverfahren pflegen, in Form einer medialen Mikrokompetenz, über die wir alle verfügen. Sie lässt sich mit einem einfachen unprätentiösen Wort definieren: Unterscheidungsvermögen.
          Entscheiden lernen, wann ich das Gerät brauchen will und wann nicht; wann ich ihm trauen soll uns wann nicht. Genau das macht uns «real». Denn «Augmented reality» ist ein Euphemismus für das Suchtpotenzial all der schönen smarten Dinge, die darauf optimiert werden, uns zu sagen, was wir tun und lassen sollen. Dahinter stecken natürlich deren Entwickler. Höchste Zeit, ihr Menschenbild zu durchleuchten, das sie in ihre Gadgets zum alleinigen Zweck der «Wertschöpfung» verpacken.
          Ich vermute, der eigenständige, der «reale» Mensch findet darin kaum noch Platz. Und genau das ist die Katastrophe, die sich still und flächendeckend in Gestalt des entfesselten Elektronikm arktes ereignet. Wie schrieb McLuhan vor fast 50 Jahren: «Unsere Augen, Ohren und Nerven an kommerzielle Interessen zu verpachten ist fast das Gleiche, wie wenn man die menschliche Sprache einem Privatunternehmen übergäbe, oder die Erdatmosphäre zu einem Monopol einer Firma machte».
          Ein neuer Klassengegensatz?
          Vor über fünfzig Jahren, angesichts des massenhaften Aufkommens von Radio und Fernsehen, sprach Günther Anders vom «prometheischen Gefälle» zwischen Mensch und Technik [vgl. Kap.7]. Der Mensch sei dem immer weniger gewachsen, was er hervorbringt. Er wird zum Anhängsel seiner Erfindungen. Heute machen sich in der ehemaligen Avantgarde des Virtuellen ähnliche Anzeichen eines Zauberlehrling-Effekts bemerkbar.
          Jaron Lanier, einer der Pioniere der Virtual Reality, hat kürzlich ein Manifest publiziert, das den Titel trägt «You are not a Gadget». Er trifft den Nagel auf den Kopf: Du bist kein Gerät, kein technischer Schnickschnack - kein Avatar. Du bist eine verkörperte Person in einer physischen Welt, mit all den Beschränkungen, Unzulänglichkeiten, Verletzlichkeiten, aber auch all den Freuden, der Lust, der Sinnerfüllung, die eine solche Existenz mit sich bringt.
          Philip Rosedale zum Beispiel, der Schöpfer von «Second Life», ist ein passionierter Flieger, und zwar nicht im Flugsimulator. Es mutet nachgerade zynisch an, wenn Silicon-Valley-Veteranen, die uns das Starren auf den Bildschirm als höchstes Glück verkaufen und daraus ihre exorbitanten Gewinne abschöpfen, im realen Leben physischen Freuden zuneigen, sich an edlem Essen und Spitzenweinen delektieren, gerne die Gesellschaft realer Freunde pflegen, sich abenteuerliche Hobbys zulegen. Die Reichen können es sich leisten, offline zu leben. Während der Plebs sich in virtuellen Pubs mit virtuellen Kumpels vergnügt. Ein neuer Klassengegensatz tut sich mittlerweile auf, nicht zwischen den Herren des Kapitals und dem Proletariat, sondern zwischen den Herren der elektronischen Luftschlösser und deren Bewohnern.
          Na und, ist das ein Widerspruch? Geht es denn nicht darum, das Beste aus beiden Welten herauszuholen?, kann man zurückfragen. Doch, eben darum geht es: um beide Welten. Und zuvor darum, den Unterschied nicht zu verlernen. Vor noch nicht allzu langer Zeit Hessen südkoreanische Eltern ihr Baby verhungern, weil sie sich mehr um ihr Avatarbaby kümmerten. Das reale Baby war das «Zweitbeste» [Turkle 2012]. Wenn unser inneres Navigationssystem durch die Grenzverwischung zwischen Realität und Simulation derart in Schieflage gerät, haben wir in der Tat ein Problem, ein echtes. Mit ungeheurer Geschwindigkeit sind wir innert zwanzig Jahren zu Bürgern zweier Welten geworden, einer materiellen und einer immateriellen. Und die Grenzen verwischen sich von Tag zu Tag mehr.
          Fast scheint es, als hätten wir in dieser digitalen Vertigo den aufrechten Gang ein zweites Mal zu lernen. Diesmal nicht naturgeschichtlich, sondern zivilisationsgeschichtlich. Denn es gibt kein richtiges Leben im virtuellen" (Kaeser 2014 S.36-39)
        . Kaeser, Eduard (2014). 'Simulo ergo sum' oder 'Der digitale Dualismus'. In: ders. "Trost der Langeweile" S.S.29-39

        Turkle, Sherry (2009). Frontline-PBS-Interview. Online:www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/digitalnation/interviews/turkle.html - abgerufen 10.11.2017

          "Sex ist gefährlich und bringt die Menschen buchstäblich an ihr Limit. Denn es gibt keinen Sex, wenn zwei Wesen, die sich aneinander freuen, nicht bereit sind, im entscheidenden Moment die Kontrolle zu verlieren. Plötzlich geben sie bedrohliche Laute von sich, sagen etwas Unpassendes, werden grob. Zweideutigkeit, Kontrollverlust, körperliche Intensität: All dies ist in der abgedämpften Welt der Political Correctness nicht mehr vorgesehen.

          Der letzte kommerzielle Schrei in den USA ist das sogenannte «Affirmative Consent Kit», das online vom «Affirmative Consent Project» für zwei Dollar vertrieben wird: eine kleine Tasche mit einem Kondom, einem Stift, einigen Minzetabletten und einem einfachen Vertrag. Letzterer hält fest, dass beide Parteien darin übereinkommen, einvernehmlichen Sex zu haben" (Zizek 2017).
          Quelle: Zizek, Slavoj (2017). Das Leben ist nun einmal krass - Vertraglich geregelter Sex. Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 25.3.17
          Zizek über die Notwendigkeit von Kontrollverlust

        Das Schicksal der Echo

        Stimme, Ueber-Ich und Musik - Von der Triebhaftigkeit im Akustischen

        Die beiden tragenden menschlichen Kommunikationsfelder, also sowohl Sehen/Gesehenwerden als auch Sprechen/Hören, finden sich in ihrer Bedeutung für den Subjektivierungsprozess im Mythos von »Narziss und Echo« thematisiert. Die von den beiden Figuren der Geschichte jeweils verkörperten Spiegelfunktionen, die zunächst für die Bildung eines imaginären Ich [hierzu in Kap. 4: Entstehung des Spiegelstadiums] – einerseits durch den Blick und andererseits durch die Stimme – bedeutsam sind, werden aber zumeist zugunsten einer letztlich nicht haltbaren Vorrangigkeit des Visuellen gegenüber dem Akustischen abgehandelt.
        So hat man auch in den klassischen psychoanalytischen Triebkonzepten zwar einen dem Auge korrespondierenden Schautrieb herausgearbeitet, nicht aber ein aus Stimme und Gehör zusammengesetztes eigenes Triebdispositiv. Hingegen hat Lacan einen sogenannten Anrufungstrieb ('pulsion invocante') konzipiert, welcher der besonderen Topologie und der speziellen Dynamik eines aus »Hören und Tönen« bestehenden Partialtriebgeschehens Rechnung trägt. Das für Bewusstseinsbildung und Intersubjektivitätsentwicklung relevante Ur-Objekt dieses Triebs, dessen Elemente man als »sonore Objekte« bezeichnen kann, ist die menschliche Stimme. Sie soll unter dem Blickwinkel ihrer Bedeutung für die Genese der Ueber-Ich-Strukturen Beachtung finden, bevor auf ihre Rolle für das Geniessen im Musikalischen eingegangen wird, das durch spezifische Sublimierungs- und Idealisierungsvorgänge auf Trieb- und Objektseite ermöglicht wird.
        Zunächst aber sei an die mythische Geschichte der Echo im Zusammenhang mit jener von Narziss/Narkissos erinnert:
          "Narkissos war der Sohn der Nymphe Leiriope, die der Flussgott Kephissos einst mit seinen gewundenen Flüssen umschlungen und hernach vergewaltigt hatte. Narkissos war von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt und wies schon früh herzlos die Liebe von Männern und Frauen zurück. Auch die Nymphe Echo verliebte sich in ihn. Sie war mit dem Verlust ihrer Sprache bestraft worden – sie konnte nur die Rufe anderer nachschwätzen –, weil sie Hera einst mit langen Geschichten unterhalten hatte, so dass die Konkubinen des Zeus ihrem eifersüchtigen Auge entwischen konnten. Eines Tages ging Narkissos zur Hirschjagd. Echo folgte ihm leise durch den weglosen Forst und wollte mit ihm sprechen. Sie konnte aber das Gespräch nicht selbst beginnen. Endlich rief Narkissos, als er sich verirrt hatte: »Ist jemand hier?« - »Hier!« antwortet Echo zur Verwunderung des Narkissos, da er niemanden sehen konnte. »Komm!« - »Komm!« - »Warum meidest du mich?« - »Warum meidest du mich?« - »Laß uns hier zusammenkommen!« - »Laß uns hier zusammenkommen!« wiederholte Echo und rannte voller Freude aus ihrem Versteck, um Narkissos zu umarmen. Roh schüttelte er sie von sich und lief davon. »Ich würde eher sterben, als mit dir liegen!« rief er.
          »Mit mir liegen!« flehte Echo. Doch Narkissos war bereits fortgegangen, und sie verbrachte den Rest ihres Lebens in einsamen Schluchten. Dort siechte sie vor Liebeskummer dahin, bis nur ihre Stimme zurückblieb. Als Narkissos eines Tages auf Jagd war, folgte sie ihm. Und als er sich verirrte und nach jemandem rief, konnte sie auf seinen Ruf antworten und sich schliesslich zeigen. Als sie ihm aber auch ihre Liebe zeigen wollte, wies er sie schrof zurück, worauf sie sich in Liebesgram verzehrte. Und während sich der eitle Narziß in sein eigenes Bild verliebte und dahinschmachtete, bis er in eine Blume verwandelt war, lebt Echos Stimme, der Widerhall, auf den Bergen und in den Wäldern fort" (nach Ranke-Graves 1985 S.259f) [vgl. Kap.2: Narzissmus].
        Ovid führt dazu aus:
          »Die Stimme allein und die Knochen sind übrig; jene hat Dauer, die Knochen, sie wurden zu Stein, so erzählt man. Und jetzt ist sie verborgen in Wäldern; man sieht sie auf keinem Berg, doch jedermann hört sie: ihr Ton ist lebendig geblieben« (Ovid 1964 S.104).
        Es liegt offenbar an der scheinbaren Uebermacht des Auges und an der aussergewöhnlichen Sinnfälligkeit des Visuellen, dass in den alltäglichen Kurzfassungen der hauptsächlich als »Narzissmythos« tradierten Geschichte das Schicksal der Echo so konsequent unterschlagen wird, was uns wie eine tragische Wiederholung ihres Verschmähtwerdens in der Erzählung selbst anmutet.
        Dabei ist dem Primat des Optischen und der Vorrangigkeit des Visuellen die Vorgängigkeit des Akustischen gegenüberzustellen. Denn in der Entwicklung des Subjekts und in seiner Naturgeschichte der Sinne geht das Universum des Hörbaren der Welt des Sichtbaren eindeutig voraus, wenngleich die offenbar grössere Gier des Auges und die stärkere Ueberzeugungskraft seiner Bilder das von Immaterialität und Intensität bestimmte Akustische stets in den Hintergrund zu drängen versucht. Hingegen ist es aber der ursprünglich von der Stimme getragene Diskurs, der uns einen Ausschnitt aus der Unendlichkeit des Sichtbaren liefert, indem er bestimmt, was zu sehen ist und damit der Intentionalität des Schautriebs Inhalte und Strukturen bereitstellt.
        Damit wird der Sprache und ihrer Ordnung eine organisierende Funktion gegenüber der reinen Dingwelt eingeräumt, was auf die Anerkennung hinausläuft, dass die Ordnung der Wörter der Ordnung der Dinge vorausgeht.
        Ohne Zweifel hat sich in unserer Kultur während der letzten Jahre der vielbeschworenen Bilderflut ein Tonschwall und ein Stimmengewirr hinzugesellt. Diese Phonomanie, die einem gegenwärtigen Panoptikum ein Panakustikum gegenüberstellt und im Rahmen einer bereits gesellschaftlich geforderten akustischen Tele-Präsenz mit einem (Lust-)Zwang zu intersubjektiver Kommunikation auf partieller Basis einhergeht, ist selbstverständlich soziokulturell vielschichtig determiniert. In Anbetracht einer bisweilen in die Obszönität der öffentlichen und privaten Telefonerotik reichenden Hör- und Sprechlust, welcher immer auch der Verdacht einer Vermeidung sogenannter ganzheitlicher zwischenmenschlicher Beziehungen anhaftet, lässt allerdings auch die Frage nach einer akustisch determinierten Triebhaftigkeit auftauchen, welcher von der Psychoanalyse bisher – wenn überhaupt – nur randständige Bedeutung eingeräumt worden ist. In diesem Zusammenhang wäre es übrigens verlockend, der vom Auge dominierten Gefallsucht des Narzissmus eine als »Echoismus« zu bezeichnende Neigung, sich selbst gerne reden zu hören, gegenüberzustellen. Ein aus Stimme und Gehör zusammengesetztes Triebdispositiv, welches die Zusammenarbeit zweier getrennter Apparate bzw. Organe impliziert, zeigt sich im allgemeinen aber eher von sublimem Charakter, weil es vor allem von dem von Mässigung und Vernunft getragenen Feld des Sprechens besetzt wird. Bezieht man sich hingegen stärker auf das rein Stimmliche, so ist man dem Triebhaften bereits näher. Einerseits kommt der Stimme in der Radikalität des Schreies unmittelbare und unvermittelte Ausdruckskraft realen seelischen Erlebens zu, andererseits spielt sie, vereint mit sadomasochistischen Strebungen, in jeder Macht- und Herrschaftsausübung eine entscheidende Rolle.
        Hier trefen Mündigkeit und Hörigkeit in aggressiver Weise zusammen, wenngleich dem Hören in seiner scheinbaren Passivität nicht von vornherein dieselbe Triebhaftigkeit wie dem stimmlich Expressiven eingeräumt werden kann. Es ist jedoch zu bedenken, dass auch dem Begriffsfeld des Hörens Wahrnehmungsmodalitäten verschiedener Intensität mit verschiedenem Aktivitätsgrad zugehören, so dass Steigerungsstufen etwa vom Zuhören über das Lauschen, Horchen, Aushorchen, Verhören bis hin zum sogenannten Lauschangriff die Unschuldsvermutung des Ohrs in Frage stellen und seine Einbindung in ein triebdynamisches Geschehen als sinnvoll erscheinen lassen. In dieser Hinsicht wäre dann auch das Ohr, so wie das Auge, eine autonome erogene Zone und die Quelle eines spezifischen Triebes.

        Der Anrufungstrieb

        Wie bereits angedeutet, kommt in Freuds Triebtheorie und in seiner Entwicklungsgeschichte der Triebe zwar dem Sehen, aber nicht dem Hören/Sprechen triebhafte Bedeutung zu. Dies ist umso erstaunlicher, als Freud auf seinem Erkenntnisweg gerade mit seinem Richtungswechsel von der Beobachtung zur Anhörung zu einem besseren Verständnis des menschlichen Psychismus dahingehend gelangte, dass sich die Spezifität des Menschen der Sprache und dem Sprechen verdankt und dass das menschliche Subjekt – als 'animal symbolicum' im Sinne Cassirers – vor allem ein der symbolischen Ordnung unterworfenes Subjekt und damit ein höriges und mündiges Subjekt ist. Auch in späteren psychoanalytischen Standardwerken sind Stichworte aus dem Bereich von Stimme und Gehör kaum zu finden. Es scheint, als ob die an das Sprechen und Zuhören gebundene Psychoanalyse nur schwer ihr Standbein bewegen könne, um sich durch Infragestellung und Analyse ihres entscheidenden Trägermediums nicht ihres Fundaments zu berauben.
        So bildet sich am Ort der Psychoanalyse als dem Ort des schärfsten Hörens ein Zentrum aus, das analog zum blinden Fleck auf der Netzhaut als tauber Fleck im Ohr imponiert.
        Es bedurfte offenbar einer Wende in der Geschichte der psychoanalytischen Theoriebildung, um die Existenz eines spezifischen und relativ abgegrenzten akustischen Partialtriebs in Erwägung zu ziehen. Der von Lacan und seiner strukturalen Psychoanalyse eingeführte Perspektivenwechsel, den man nach dem 'linguistic-turn' Freuds als 'imaginary-return' bezeichnen könnte, hat offenbar die Frage nach der Funktion der Stimme und ihrer Objekthaftigkeit bezüglich eines spezifischen, an das Gehör gebundenen Triebes in den Vordergrund gerückt. Die Herausarbeitung von Blick und Stimme als eher verkannte Objekte zweier Partialtriebe sind auch in Zusammenhang mit der psychiatrischen Erfahrung Lacans und insbesondere mit seiner Beschäftigung mit der Ich-Entstehung und dem Problem der Psychosen zu sehen.
        Unter der Prämisse, dass es eine so genannte ganze Sexualstrebung als Repräsentation einer Triebgesamtheit am Endpunkt der psychosexuellen Entwicklung nicht gibt, ist jeder Trieb (und damit auch der Genitaltrieb) prinzipiell Partialtrieb und als solcher bekanntlich durch seine Quelle, durch sein Objekt und durch sein Ziel bestimmt. Aus diesem Grund unterscheidet Lacan, Freud folgend, die Ebene der (Sexual-)Triebe relativ deutlich von jener der Liebe, welche im Gegensatz zum »kopflosen« Subjekt des Triebs die Bildung eines zunächst imaginären Gesamt-Ich sowie schliesslich eines vom sprachlich/symbolischen Anderen her bestimmten Subjekts impliziert.
        Während sich der Partialtrieb an einem Objekt Befriedigung verschaffen kann, bleibt er andererseits stets zielgehemmt, weil das Ziel der Sexualität der Arterhaltung und der geschlechtlichen Reproduktion dient. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint dann auch das Triebobjekt als etwas Sekundäres, was Freud bekanntlich in der Weise ausgedrückt hat, dass das Variabelste am Trieb das Objekt sei. Dieses Triebobjekt ist als solches immer als ein Rest und als ein Abfall zu verstehen, Effekt der Verhaftung des Subjekts und seiner Um- bzw. Innenwelt mit der Sprache. Es ist der Rest eines ursprünglichen, unvermittelten, aber auch nicht bewussten Geniessens, worauf das Subjekt zu verzichten hat, wenn es sich in der sogenannten symbolischen Kastration der Vermittlungsfunktion des Zeichens und der Sprache unterwirft.
        "Das Wort ist der Mord am Ding", sagt Hegel, und das aus dem unvermittelten Ding durch das Symbol entstandene Objekt ist somit Abfall des Signifikanten und damit Ur-Sache des Begehrens als Ausdruck eines symbolisch nicht assimilierbaren Ueberbleibsels, das nur im imaginären Szenario des Phantasmas dem Subjekt gegenüber seinen Platz findet. Dieses Objekt, das ewig fehlt, dieses stets gesuchte und für immer verlorene Objekt, das bei jeder erneut auftretenden Bedürfnisspannung auf ein ursprüngliches Befriedigungserlebnis verweist und durch eine Besetzung von Erinnerungsspuren charakterisiert ist, kennzeichnet Lacan, wie bereits mehrmals erwähnt, mit dem Begriff des Objekts »a«. Dabei wird jedem Partialtrieb ein spezifisches Ur-Objekt zugeordnet, dessen Merkmal es aber ist, Objektalität dadurch zu besitzen, dass es sich von einem Körper ablösen lässt, weil sich zunächst alle Erfahrungen des Kindes auf den Körper beziehen. Dieser Körper ist sowohl der Körper des anderen als auch der eigene Körper, weil auf dieser Ebene der Subjektgenese der Transitivismus der imaginären (Spiegel-)Beziehung vorherrscht [vgl. Kap.4: Spiegelstadium] (nach Freud ist die erste Objektbeziehung eine Identifizierung: 'Ich ist ein anderer und der andere ist Ich', bzw.: 'Was ich begehre, das bin ich auch!').
        So stellt Lacan den Freudschen Triebmodalitäten des Oral-, Anal- und Schautriebs die von einem Körper ablösbaren Objekte Brust, Faeces und Blick gegenüber, und obwohl in dieser Liste auch die Stimme als spezifisches Objekt figuriert, ergibt sich für deren Zuordnung zu einem entsprechenden Partialtrieb ein Problem (siehe dazu v.a. Lacan 1964 S.204f; Miller, 1994; Ruhs 2003 S.147-164).

        Beim Versuch, dem Objekt Stimme einen genuinen akustischen Partialtrieb zuzuordnen, ergibt sich in erster Annäherung die Schwierigkeit, dass hier offensichtlich zwei im Organismus voneinander getrennte Organe im Spiel sind. Denn in die Modalitäten des Hörens und des Sich-hören-Machens treten sowohl der Stimmapparat als auch der Hörapparat in ihrer Heterotopie in Funktion. Lacan macht für die Eigenart eines solchen Triebs, den er als 'pulsion invocante'/Anrufungstrieb bezeichnet, eine von vornherein bestehende sozialkommunikative Funktion geltend.
        Zunächst ist zu beachten, dass die Ohren als Wahrnehmungsorgane Körperöffnungen sind, die sich nicht schliessen können. Im Gegensatz zum Sich-sehen-machen im Bereich des Schautriebs, wo im Exhibitionismus eine narzisstische Rückkehrbewegung vom Objekt zum Subjekt stattindet, indem man letztlich sich selbst über den anderen beschaut, geht aus strukturellen Gründen das analoge Sich-hören-machen an den Anderen, was einen entscheidenden Schritt in die Dimension des intersubjektiven Miteinanders bedeutet.
        So ist es offenbar gerade diese Streckung des Bogens der Triebbewegung, welche durch das Zusammenwirken zweier erogener Zonen innerhalb eines Partialtriebkomplexes bedingt ist, dass der Stimme und ihrem Ausdrucks- und Rezeptionsapparat eine so bedeutsame Stelle in der Bildung des Ueber-Ich zuteil wird. In diesem Aufklaffen eines Bedürfnisses müsste also einer der Gründe für die Möglichkeit dessen liegen, was einer Objektbeziehung ausserhalb einer unmittelbaren und unvermittelten, eben kopflosen Reflexivität anderer Partialtriebdynamiken entspricht.

        Ueber-Ich

        In Bezug auf das Ueber-Ich, das sich im psychoanalytischen Diskurs nicht auf eine Instanz der Moral, der Kritik und der idealen Werte im Sinne eines Ueber-Ichs des Bewusstseins reduzieren lässt, müssen wir bekanntlich zwei Formationen der Ueber-Ich-Strukturen unterscheiden und dem Ueber-Ich im engeren Sinne (d.h. als Erbe des Oedipuskomplexes) ein grundsätzlich unbewusstes archaisches und tyrannisches Ueber-Ich gegenüberstellen. Denn ausser der mit der Fähigkeit zur Objektbesetzung und Identifizierung mit dem Objekt (als anderem Subjekt) einhergehenden Bildung des Ich-Ideals, welches die Wurzel des reiferen Ueber-Ich darstellt [vgl. Kap.1], ist Freud zufolge eine zweite Instanz zu beachten, welche sich in der primitiven oralen Phase des Individuums noch diesseits einer Trennung von Objektbesetzung und Identifizierung konfiguriert. In »Das Ich und das Es« schreibt Freud:
          »Dies führt uns zur Entstehung des Ich-Ideals zurück, denn hinter ihm verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit. Dieser scheint zunächst nicht der Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede Objektbesetzung« (Freud 1923 S.298f).
        Erst auf dieser widersprüchlich und paradox anmutenden totalen Identifizierung mit einem Objekt als ganzem scheinen sich mit der Organisation des Geniessens in der ödipalen Phase jene imaginären und symbolischen Identifizierungen als Ueber-Ich im engeren Sinne herauszubilden, welche ebenfalls eine Paradoxie und Widersprüchlichkeit zu überwinden haben. Denn Freud weist darauf hin, dass das Ueber-Ich nicht einfach ein Residuum der ersten Objektwahlen des 'Es' ist, sondern dass es auch die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen dieselben hat:
          »Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: ›So (wie der Vater) sollst Du sein‹, sie umfasst auch das Verbot: ›So (wie der Vater) darfst Du nicht sein« (ebd. 301f).
        In diesem Sinne lässt sich das Ueber-Ich nicht auf das Gesetz reduzieren, sondern auf einen Komplex von Gesetz und Geniessen, wobei das Gesetz nicht das (inzestuöse) Begehren des Kindes verbietet, sondern nur dessen Befriedigung, dessen Genießen. Daraus folgt weiterhin, dass sich ein Teil des Individuums mit dem Begehren identifiziert, ein anderer mit dem Gesetz bzw. mit dem Verbot, was hinsichtlich des Geniessens zu drei verschiedenen Verhaltensweisen führt: zunächst muss das Objekt auf das verbotene Genießen verzichten, sodann aber auch sein Begehren bezüglich des als unerreichbar erachteten Genießens aufrechterhalten und schließlich seine körperliche und seelische Integrität vor der Gefahr der Zerstörung retten, was sich insbesondere auf die Rettung des Penis durch die Kastrationsdrohung als Stütze des Gesetzes bezieht. »Wenn das Ueber-Ich diese drei Prinzipien auf eine einzige zwingende Formel bringen könnte, würde es dem Ich anordnen: ›Begehre das Absolute, auf das Du verzichten musst, weil es für Dich verboten und gefährlich ist!« (Nasio 1999 S.108).
        Die Beziehung des Ueber-Ich zum Genießen entspricht der engen Es-Ueber-Ich-Relation bei Freud: »Somit steht das Ueber-Ich dem Es dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür entfernter vom Bewusstsein als das Ich« (Freud 1923 S.315). Und an anderer Stelle: »Während das Ich wesentlich Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Ueber-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber« (ebd. 303). Weiter ausgeführt bedeutet dies folgendes:
          »Das Ueber-Ich spricht für das Es, das Ueber-Ich ist die Stimme des Dings. Das Ueber-Ich als Imperativ des Es ist somit die Stimme des Genießens; die Stimme, die das Genießen einerseits begrenzt – indem sie erfahrbar macht, was definitionsgemäss jede Form von Umrahmung überschreitet –, andererseits befördert sie es auf eine Art und Weise, die gelegentlich jede Kontrollfähigkeit des Subjekts übersteigt. Das Ueber-Ich ist eine Instanz, die das Genießen gleichzeitig repräsentiert und eingrenzt, und gerade darin liegt die Funktion der Vermittlung des Genießens mit dem Anderen..., worin es dem Partialobjekt (Objekt »a«) nahe kommt« (Leikert 1995 S.38, Uebers.: August Ruhs).
        Das andere schon von Freud postulierte archaische Ueber-Ich ist aber diesem Ueber-Ich des moralischen Bewusstseins mit seinen Funktionen des Verbots, der Ermunterung und des Schutzes entgegengesetzt. Es ist von besonderer psychoanalytischer Relevanz, weil es unbewusst das moralische, kritische und ideale Bewusstsein des hauptsächlich dem Rationalen untergeordneten Ueber-Ich subvertiert.
        »Während das Trachten des Ueber-Ichs des Bewusstseins zur Förderung des Wohlbefindens beiträgt, gibt es ein anderes, wildes und grausames Ueber-Ich, das zum großen Teil Ursache für menschliches Elend sowie absurder und infernalischer Handlungen des Menschen (Selbstmord, Mord, Zerstörung und Krieg) ist.
        Das ›Gute‹, das uns das wilde Ueber-Ich zu finden befiehlt, ist nicht die gute Moral (d.h. das, was aus der Sicht der Gesellschaft gut ist), sondern das absolute Genießen selbst. Es befiehlt uns, jede Grenze zu überschreiten und die Unmöglichkeit eines unaufhörlich sich entziehenden Genießens zu erlangen. Das tyrannische Ueber-Ich befiehlt und wir gehorchen, ohne zu wissen, auch dann, wenn es oft den Verlust und die Zerstörung dessen herbeiführt, was uns das Teuerste ist« (Nasio 1999 S.110).
        Dieses grausame Ueber-Ich repräsentiert gegenüber dem Ich nun ausschließlich die ekstatische Kraft des Es, dem es befehlenden Nachdruck verleiht. In diesem Sinne müssen wir Lacans Formulierung »Das Ueber-Ich ist der Imperativ des Genießens – Genieße!« verstehen. Auf der (vergeblichen) Suche nach einer absoluten Befriedigung führt dieses Ueber-Ich das Subjekt zu den grausamsten Handlungen bis hin zu Verbrechen, Selbstmord und Mord, wodurch es sich als die »kulturelle« Ausformung des Todestriebes bzw. des reinen Triebhaften erweist. Aber auch dieses Ueber-Ich wirkt auf den drei Ebenen des Verbots, der Ermunterung und des Schutzes, wenn auch auf krankhafte Weise übersteigert. Während die übertriebene Ermahnung zur Realisierung destruktiver Impulse führt, gibt das zu strenge Verbot Anlass zu absurden Manifestationen der Selbstbestrafung wie etwa im Falle der Melancholie oder bestimmten paranoiden Entwicklungen. Als Ich-Protektor kann es schliesslich derartig eifersüchtig über das Subjekt wachen, dass es zu einem von sinnlosen Verboten charakterisiertem Verhalten führt.
        Was nun die Genese dieses grausamen Ueber-Ich anbelangt, ist es als »Erbe eines primitiven Traumas« zu betrachten, in welchem das Zerrbild eines Verbots in einer zum grotesken Schrei deformierten Stimme zur Wirkung gelangt und ein Phantasma erzeugt, das durchaus jenen oralen und sadistischen Phantasmen des Säuglings entspricht, wie sie durch die Schule Melanie Kleins in Bezug auf eine frühzeitige Ueber-Ich-Bildung herausgearbeitet wurden. Innerhalb einer solchen Phantasiebildung kann das Kind die Stimme eines Erwachsenen wie einen brutalen und verletzenden Befehl erleben:
          »Wie in einem Rausch spürt das Kind das Gewicht der elterlichen Autorität und Einschüchterung, ohne zu verstehen, worauf sich das von den phantasierten Stimmen der Eltern geäußerte Verbot wirklich bezieht. Der Sinn des Verbotes, ein Sinn, der grundsätzlich über jedes symbolische und strukturierende Sprechen vermittelt werden kann, wird durch den penetranten Ton des elterlichen Schreiens aufgehoben. Der phantasierte Ton vertreibt den symbolischen Sinn und wird innerhalb des Ich zum klingenden, isolierten und herumirrenden Ort, in dem sich das tyrannische Ueber-Ich einrichtet« (ebd. 113).
        Indem das Symbolische im Sinne einer Verwerfung energisch zurückgewiesen wird, reduziert sich die Substanz dieses Ueber-Ichs auf ein herumirrendes Stimmfragment, das als ein Partialobjekt das sinn- und bedeutungslose Loch im Realen imaginär als »wildes und unsinniges Dröhnen des Gesetzes« (ebd. 114) auffüllt.

        Musik

        Von dieser wahrlich archaischen Dimension der Stimme ausgehend ergibt sich ein anderer Zugang zum psychoanalytischen Verständnis des Wesens musikalischer Phänomene als von jener Verfassung der Stimme, die bereits von der Kategorie des Wortes eingenommen worden ist. In diesem letzteren Sinn ist sie nicht mehr als partielles Ur-Objekt im Sinne eines Objekts »a« zu betrachten, sondern als ein vom signifikanten System eingefangenes phonematisches Objekt. Aber gerade in Bezug auf das Genießen in der Musik zeigt sich mit Nachdruck die Möglichkeit der Umgehung der symbolischen Kastration, weil sich die Musik besonders vehement gegen Sinn- und Bedeutungszuordnungen wehrt.
        Wenn auch die Stimme im weitesten Sinn des Begriffes jenem Realen des Körpers und der Körper entspricht, in welches die notierten Signifikanten ihre Einschnitte, Modulationen und Artikulationen einbringen, und wenn sie als solche ein grundsätzliches Urobjekt der Musik darstellt, so ist doch für die Erfassung der reinen Dimension des Genießens in der Musik jenseits des Symbolischen ein Begrif zu erwägen, welcher einer präziseren Bestimmung und damit einer gewissen Festlegung entgeht. Man könnte sich diesbezüglich an den Terminus eines Klangobjekts halten, welches wie alle anderen Objekte von Trieben ein vages, unabgegrenztes und verlorenes Objekt repräsentiert. Dieses Klangobjekt scheint dem Restobjekt Lacans, dem Objekt des Genießens und des ursprünglichen Befriedigungserlebnisses, das, wie bereits erwähnt, durch die Einschreibung als Erinnerungsspur ins Register der Signifikanten verloren geht und immer wieder gesucht wird, eher zu entsprechen als das in den Dimensionen von Psychose und Neurose relevante Objekt der Stimme in ihrer Nähe zum Geniessen und zum bewusstseinsfähigen und bewusstseinsnahen Organ des ödipalen Ueber-Ichs.
        Durch Sprache und Sprechen, durch die Wirkung des Signifikanten verwandelt sich nach Lacan das Objekt »a« als »Objekt des Genießens« in ein »Objekt-Ursache des Begehrens«, welches nun, dem Begehren als einem grundsätzlichen Begehren des (immer) anderen unterworfen, ein stets ersehntes und gesuchtes Objekt ist. Für einen Autor wie Leikert (1994) bedeutet die Suche nach dem verlorenen Objekt in der Musik vor allem die Suche nach der absoluten Stimme, wobei gerade im Kastraten dieses ultimative Klangobjekt in herausragender Weise verkörpert erscheint. Die reale Kastration anstelle der symbolischen bedeutet für das Subjekt, nicht zum Subjekt des Signifikanten, sondern zum Objekt des Genießens zu werden, wodurch die Fetischfunktion des Kastraten und der Zusammenhang von Musik und Perversion deutlich wird. Hier nimmt also der Kastrat den Platz des Klangobjekts ein. Das Absolute an diesem Objekt ist für Leikert (ebd.) der Schrei jenseits der binären Artikulation des Sprechens, in dem der Signifikant das Geniessen aufgehoben hat. Dabei wird auch die Zeit-Ordnung aufgehoben, die eine Leistung des Signifikanten ist (nach Hegel ist bekanntlich der Begriff die Zeit des Dings).
        So wird der Begriff des Moments der Stimme, welcher in verschiedenen Variationen in den diversen Musikstücken auftaucht, zum Inbegriff eines Moments des Geniessens. Die dem Schrei benachbarte musikalische Stimme als Klangobjekt eines akustischen Partialtriebes ist somit der letzte Schutzschirm vor der Unerträglichkeit des Realen des Triebs, welcher hier in besonderer Weise seine imaginäre Zähmung erlangt.
        Der reale Untergrund der Musik bedeutet auch eine Verkörperung des Seins und eine Vergegenwärtigung der Existenz selbst. Als Sublimierung eines angeblich kaum erträglichen Ur-Geräusches im Mutterleib, eines ontogenetischen Ur-Knalles gewissermaßen, siedelt sich die Musik am Rande des Diskurses an, aus welchem sie hinunterreicht in die Unmittelbarkeit und Unvermitteltheit des Realen und damit sowohl in den Bereich des reinen Lebens als auch des reinen Todes.
        Quellen:
        Freud, S. (1923). Das Ich und das Es. Studienausgabe Bd. III, S.273-330
        Lacan, J. (1964). Das Seminar von Jacques Lacan, Buch XI: Die vier Grundbegrife der Psychoanalyse. Olten: Walter, 1978
        Leikert, S.(1994). Das Objekt des Geniessens in der Musik. In: RISS, Nr.26, S.5-18
        Miller, J.-A. (1994). Lacan et la voix. Quarto Nr. 54 (1994): 47-52
        Nasio, J.-D. (1999). 7 Hauptbegriffe der Psychoanalyse. Wien: Turia&Kant
        Ovid (1964). Metamorphosen. Stuttgart: Philipp Reclam jun.
        Ranke-Graves, R. (1955). Griechische Mythologie. Reinbek: Rowohlt, 1985
        Ruhs, August (2003). Der Vorhang des Parrhasios. Schriften zur Kulturtheorie der Psychoanalyse. Sonderzahl, Wien
        Ruhs, August (2010). Lacan - Eine Einführung in die strukturale Psychoanalyse. Wien: Löcker, hier: S.174-188




        Ganze Welten und Systeme scheinbar gesicherter Erkenntnis sind im vergangenenen Jahrhundert zusammengebrochen. In dieser Situation ist der Klangcharakter der Welt eine der wenigen Sicherheiten, die wir besitzen: Die Welt ist Klang, ist Rhythmus und Schwingung. Behrendts Buch ist eine Reise durch Asien und Europa, durch Afrika und Lateinamerika, aber vor allem ist es eine Reise durch die unerforschten Regionen des Unbewußten, das sich uns als eine Landschaft aus Klängen darstellt.
        Quellen:
        Berendt, Joachim-Ernst (2005). Nada Brahma - Die Welt ist Klang. XY: Rowohlt.
        Sloterdjik, Peter (20xy) ..........................

        Nachdem in den bisherigen Argumentationen ein erster dialektischer Raum eröffnet wurde zwischen Strukturmerkmalen bzw. einer Sichtweise der Regulation (y-Achse) und dynamischen Mermalen der Relation (x-Achse, vgl. Tab. xy), bildet die im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu skizzierende Denkfigur ein zweites Modell zum Verständnis narzisstischer Phänomene: die Dialektik von wahrem und falschem Selbst wie es v.a. bei Donald Winnicott und Karen Horney (zwei Psychoanalytikern) bereits Mitte des 20. Jahrhunderts auftaucht, in den 70er Jahren aber auch z.B. bei Alice Miller und James Masterson vorkommt und in jüngerer Zeit sogar in der Soziologie eines Manfred Prisching oder eines Ronald Hitzler, vgl. Kap. XY.

        Wir werden im folgenden feststellen, dass uns hierzu die diversen Narzissmus-Konzepte nicht mehr sehr weiterhelfen, weil Narzissmus per definitionem immer etwas Künstliches, Gespieltes, Unechtes in sich birgt, also weitgehend dem falschen Selbst entspricht.
        Zur Unterscheidung von Echt vs. Falsch oder auch zwischen innen und aussen oder auch zwischen Selbst und Andere, sind körpernahe und begegnungsorientierte Resonanzphänomene eine viel bessere Orientierungshilfe, um die unterschiedlichsten bewussten wie unbewussten Manipulationsversuche (der Werbung beispielsweise, Kap. 3 oder der Propaganda, Kap. 5) zu entlarven und somit zu unterscheiden von echten, engagierten und kraftvollen (Stichwort: Empowerment, Embodiment, Enactment) Handlungen und Erlebensweisen.

        Balance, Rhythmus, Resonanz: Auf dem Weg zu einer Komplementarität zwischen »vertikaler« und »resonanter« Dimension des Unbewussten

        Aus dem bis hierher beschriebenen folgt: Das wahre Selbst ist nicht besser oder schlechter, nicht wahrer oder falscher als das falsche Selbst bzw. der Narzissmus, sondern erfüllt andere, nach innen gerichtete, "private" Funktionen des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Im Zusammenspiel der beiden (daher der Buchuntertitel: 'Regulation in Relation') entsteht erst ein ausbalanciertes und "stimmiges", bzgl. sich und glztg. den anderen achtsames Lebensgefühl und eine robuste Identität als Andere anerkennender und wertebewusster Mensch.

        • Ueber den Narzissmus hinaus: Vom Schein zum Sein - Selbstkonzepte
        • "Von der Regulation des Narzissmus zum Anerkennen des Anderen"
        • Intuition und Resonanz

          Sozusagen als dritte Dimension zu diesem skizzierten Fadenkreuz-Modell in die Tiefe gehend, kommt ein Kontinuum hinzu, welches ausgehend vom Digitalen (noch zweidimensionalen, narzisstischen!) als stumme Oberfläche bzw. BILD (2D) bis hin zu einem immer grösser und analoger werdenden, körperlich erfahrbaren RAUM (3D), dem ich die Resonanz zuordne, wo das Selbstgefühl ein klingendes, eben resonantes und rhythmisches ist.
          Es fallen mir fast nur Metaphern und Sprachspiele aus der Musik (wenn es ums erfahren des analogen Selbst geht) und Malerei/Fotografie/Film dazu ein, wenn es ums narzisstisch-digitale Selbst geht, was, wie wir sehen werden, natürlich kein Zufall ist.

          Somit wird durch das ganze Buch hindurch immer deutlicher ein hoffentlich gangbarer Weg aufgezeigt werden, eine Diagnostik und Therapie für ein ausgewogenes, "stimmiges" In-der-Welt-Sein.
          Dies wird konzeptuell und anhand von Anwendungen und Beispielen aus zahlreichen Lebensbereichen dargelegt werden um eine Sinnhaftigkeit und Lebendigkeit (wieder-)zuermöglichen, wo Spontaneität, Mut und Freude Raum greifen statt narzisstischer Depressivität und Leere, wie sie nur allzuoft in unseren Praxen und anderswo anzutreffen sind.

          Verwirrend dabei könnte für den einen oder für die andere sein, dass es beide 'Selbste' oder eben "Aggregatszustände", also den digitalen (visuellen) wie den analogen (akustischen), für ein ausgeglichenes Leben braucht, obwohl das intuitive Verständnis des 'common sense' und auch der Mainstream in der Psychologie darauf schliessen lassen könnten, dass das Narzisstisch-Digitale immer negativ und unerwünscht wäre und das analog-"schwingende" Selbst immer positiv und richtig und eben "wahr" sei.
          Dieses für manche contra-Intuitive ist auch ein Grund weshalb ich lieber von z.B. "innen vs. aussen" spreche und nicht von "wahr vs. falsch" um diese einseitigen Wertigkeiten zu vermeiden.
          C.G. Jungs "Person vs. Persona"-Selbstkonzept hat beispielsweise Aehnlichkeiten damit, es gibt aber noch viele weitere Anleihen bei diversesten Schulen und Richtungen auch noch, wie wir weiter unten entdecken werden.

          Robert Spaemann - Person-Sein

            "Die grundlegende Bedeutung, die unserem Selbstverständnis als Personen für unseren Zugang zur Wirklichkeit überhaupt zukommt, entfaltet Robert Spaemann in seinem Beitrag "Wirklichkeit als Anthropomorphismus" [vgl. ausführlich Kap.7 Teil III], der zugleich als „Summe“ seiner Philosophie der Person verstanden werden kann:
            Personen sind das Paradigma von Wirklichkeit, denn Personen sind füreinander objektive Subjektivitäten, die über die Zeit hinweg ihre Identität bewahren. Sie geben einander zu verstehen, daß sie selbst noch etwas jenseits dessen sind, als was sie sich zeigen. Weil wir in uns selbst den ersten und grundlegenden Zugang zur Wirklichkeit besitzen, können wir auch aussermenschliches Leben und überhaupt alle Wirklichkeit nicht anders betrachten als unter dem Aspekt ihrer größeren oder geringeren Aehnlichkeit mit uns:
            Wir müssen sie 'anthropomorph' verstehen. Ein solcher Zugang zur Wirklichkeit markiert die notwendige Alternative zum Weltverständnis der modernen Naturwissenschaften. Denn er überwindet den für diese grundlegenden Dualismus von Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Bewusstsein und Sein, indem der Mensch nicht mehr teleologisch und als lebendige Substanz verstanden und die Wirklichkeit der Person letztlich zum Verschwinden gebracht wird (Nissing 2008 S.8).
            Quelle: Nissing, H.G. (2008 Hrsg). Grundvollzüge der Person - Dimensionen des Menschseins bei Robert Spaemann. München: Institut zur Förderung der Glaubenslehre, hier: Vorwort S.8.

          Empowerment:

        • Resonanz statt blosse (narzisstische) Spiegelung
        • Anerkennung statt blosse Aufmerksamkeit
        • Anerkennung statt Narzissmus
        • Real statt Fake

          Enactment:

        • Sinnlich (auditiv, taktil, olfaktorisch) statt bloss visuell wie im Narzissmus
        • relational-anerkennend statt bloss empathisch
        • Audio statt Video
        • Analog statt Digital
        • Rogers' Variablen: Wertschätzung, Echtheit und Kongruenz

          Embodiment:

        • Systemtheoretische Grundlagen des "psychologischen Selbst" (Tschacher/Storch)
        • Felt Sense, Focusing, Experiencing (Eugene Gendlin)
        • Now Moments (Daniel N. Stern)
        • Psychoanalytisches Ereignis (Trimborn)


        9. DEMOKRATIE: Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"

      • Demokratie oder Diktatur: in Politik, Pädagogik und Psychotherapie
      • Das demokratische Zusammenleben der Kulturen jenseits eurozentristischer Arroganz
      • Ein psychoanalytischer Beitrag zum Verständnis des Islam: Die Verletzung des Selbstwertgefühls
      • Demokratie, Gerechtigkeit, Kommunitarismus und Ethik
      • HEGEL - Kampf um Anerkennung im deutschen Idealismus
      • Axel Honneth: "Verwilderungen" - Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert
      • Verwilderung - Die Empörung des Wutbürgers
      • Kritische Theorie und der Narzissmus in der Gesellschaft
      • Gesellschaft: Demokratie, Terrorismus, Gewalt und Destruktivität
      • Hans-Jürgen Wirth: Macht als Verleugnung von Abhängigkeit
      • Demokratie als Shitstorm
      • Charles Taylor, Michael Sandell und der Kommunitarismus
      • Jessica Benjamin: Das Prinzip sittliche ANERKENNUNG
      • "Ich bin weil Du bist" - Ubuntu und der Multikulturalismus
        "Die Technokratie repräsentiert (...) so etwas wie den „sanften Faschismus“, eine Form totaler Herrschaft, die nicht auf Basis politischer Ideologie operiert, sondern im Dienste technischer Rationalisierung steht. Für die westlichen Ländern heißt dies: Herrschaft der Technik bei formalem Weiterbestehen der Demokratie. Die jeweilige politische Ordnung wird zur bloßen Hülle. Ob Faschismus oder Kommunismus oder Demokratie: Ueberall regiert der Zwang zur Effizienz, zur Vereinheitlichung und Vermassung, zur Anpassung und zum Konformismus: „the social order is everywhere essentially identical“, fasst Jacques Ellul [vgl. Kap.7] zusammen, „the variation from democracy to Communism to Fascism represents a merely superficial phenomenon.“ (Ellul 1964 S.420)" (zit. in Bogner 2015 S.68/69)
      Quelle: Bogner, Alexander (2015 2teAufl.): Gesellschaftsdiagnosen - ein Ueberblick. Weinheim: Beltz Juventa.
        "So werden digitale Zeiten zu Weimarer Zeiten. Der anti-liberale, rein antagonistisch gedachte Begriff des Politischen, wie ihn Carl Schmitt konzipierte, erfährt nicht zufällig jetzt, im Zeitalter von digitalen sozialen Netzwerken, eine Renaissance. Politik wird auf das Niveau von Einsen oder Nullen reduziert. Freund oder Feind, dazwischen gibt es nichts mehr. Und aus dieser Frontstellung werden immer hermetischere, immer einseitigere Filterblasen".
      Alt-Left - die Neue Linke?

      Mit dem "Gleichgewicht des Selbstwertes" ist nebst persönlicher Entwicklung auch eine Grundlage gelegt um mehr Demokratie im Kollektiven und mehr "wahres Selbst" im Individuellen zu ermöglichen.
      Nach der Analyse der "verkauften Gesellschaft" und des "erschöpften Selbst" (Ehrenberg) geht es im zweiten Teil deshalb um die über die Diagnose hinausgehenden, weiterführenden, konstruktiven Themen Resonanz, Bezogenheit im Individuellen sowie Anerkennung und Demokratie im Kollektiven um ebendiesen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken und in unserem Fall psychotherapeutisch aktiv zu werden.

      Ein auf Ausgleich der Extreme ausgerichtetes Vorgehen bedeutet demnach auch, dass das Zusammenwirken individueller (Krankheits-)Faktoren mit gesellschaftlichen Veränderungen stark gewichtet wird und deshalb in der Psychotherapie vorrangig behandelt werden sollte.
      Psychotherapie so verstanden ist nicht neutral, kann und will es nicht sein; will heissen: Arbeit an sich selber ist gleichzeitig immer auch sozial/politisch/gesellschaftlich Stellung-nehmend und ethisch-moralisch wertend (gemäss Charles Taylors Konzept der "starken Wertungen", s.u.).

      Demokratie - Das prekäre Projekt

      Demokratie-Krise im 21. Jahrhundert: Klassenkampf von oben

      --> Autoritär auftretende Reiche, Linke, Gebildete, Wissenschaftler und Politiker

      Betonen, dass es nicht mehr nur um links/rechts geht, sondern genau so wichtig: autoritär vs. demokratisch und zwar als Vierfeldertafel quer durch die politischen Haltungen hindurch, so gibt es demokratisch gesinnte Konservative ebenso wie autoritär sich gebärdende Gutmenschen-Linke welche paternalistisch alles besser wissen was fürs Proletariat und Prekariat am besten wäre... (Stichworte: political correctness, micro aggression, LSBTB, ...)
      ----------
      oben links: demokratische, neue Linke
      oben rechts: demokratische Wert-Konservative, alte Rechte (vgl. Reckwitz unten)
      unten links: autoritäre Linke, z.B. Autonome, Antifa, Schwarzer Block etc. aber auch viele Gewerkschafter und Alt-Linke
      unten rechts: autoritäre Neue Rechte, AfD, Pegida
      -----------

      Postdemokratie 2.0 - Klassenkampf von oben

        "Christoph Gröner, der Gründer und Namensgeber der CG-Gruppe (Christoph-Gröner-Gruppe, sic!) ist schliesslich der Prototyp eines Neureichen, der gar kein Hehl daraus macht, dass er mit seinen Vermögen Macht hat und die auch einsetzt.
        Gröner hat erst kürzlich eine Debatte über die Macht des Kapitals ausgelöst. Schließlich war er in der letzten Woche Hauptfigur[5] des Films Ungleichland[6]. Der Untertitel "Wie aus Reichtum Macht wird" ist der rote Faden und der anschließenden Diskussion "Hart aber fair"[7], in der der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert Gröner als "Oligarch" bezeichnete[8].
        Die Reaktionen waren voraussehbar und haben eher Gröner in die Hände gespielt. Denn der ARD-Beitrag war ja keine Undercover-Recherche. Gröner ließ sich bei seiner Arbeit begleiten und konnte so Einfluss nehmen auf das Bild, das von ihm in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Und das ist das eines Neureichen, der Kapital hat und es nutzt, um ganze Stadtteile umzustrukturieren und auch politisch Einfluss zu nehmen.

        Politische Ambitionen
        Wie sehr bei der anschließenden Diskussion der stellenweise durchaus kritisch fragende Moderator Teil von Gröners Konzept war, zeigte sich dann, wenn es um dessen politische Ambitionen ging. Da reichte die vage Ankündigung, dass er mal eine Partei gründen wollte, um das Thema immer wieder anzusprechen.
        Selbstverständlich widersprach Gröner nicht, wenn er mit dem Moderator mit Macron und seiner Bewegung verglichen wurde. Dabei ist einerseits erstaunlich, wie realistisch hier der französische Präsident eingeschätzt wird, der schließlich in Teilen des grünennahen linksliberalen Milieus zum Hoffnungsträger verklärt wurde.
        Nun mutiert in einer solchen Talkshow Macron zum Interessenvertreter des Kapitals und zum Rechtspopulisten. Gleichzeitig wird mit einen solchen Vergleich Gröner erst zu einem potentiellen Politiker aufgebaut, obwohl er noch wenige Minuten vorher erklärte, das käme für ihn erst in einigen Jahren infrage. Vorher wollte er noch kräftig in der Immobilienbranche mitmischen.
        Eine solche Talk-Show ist für Gröner und Co. auch ein Stimmungstest dafür, wie eine solche Inszenierung bei der Zielgruppe ankommt. Und der fiel für Gröner nicht so schlecht aus.
        Schließlich wurden während der Sendung eingehende Mails verlesen, in denen einkommensarme Menschen schrieben, dass sie wissen, dass sie allerhöchstens als Wachmann in einen von Gröners Objekten eine Chance haben, aber trotzdem zufrieden sind, dass sie sehen, wie jemand reich werden kann.

        "Wir, die Leute, die Gas geben, (...) wir sind der Staat"
        Es ist der "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Mythos, der auch immer wieder Millionen Menschen Lotto spielen lässt. Dabei ist es weniger der Glaube, bald ebenso reich zu sein, der Menschen wie Gröner auch bei Armen populär macht. Es ist vielmehr deren Attitüde, sein Kapital in Macht und Einfluss umzuwandeln und das auch offen zu propagieren.
        "Wir, die Leute, die Gas geben, die Geld haben, müssen uns einbringen, wir sind der Staat", ist eines der in der Internetgemeinde heftig diskutierten Zitate[9]. Das ist genau die Geisteshaltung eines Macron, eines Berlusconi oder eines Trump - oder wie die populistischen Millionäre mit Regierungsambitionen auch immer heißen.
        Wenn dann der Moderator Gröner mit Macron vergleicht und nicht mit den beiden anderen, hat das den einfachen Grund, dass die eben weniger populär in Deutschland sind".
        "Was einkommensschwache Menschen von einer Gröner-Partei zu erwarten hätten, erfahren sie auch en passant, wenn er berichtet, dass er immer im Dienst ist.
        Ich bin seit 30 Jahren drei Tage nicht zur Arbeit erschienen wegen Krankheit, fragen Sie mal meinen Wachmann, wie oft der wegen Krankheit nicht da war. Wenn meine Frau mit mir Krach macht und mich die Nacht nicht schlafen lässt, bin ich bei der Arbeit. Fragen Sie mal meinen Wachmann (O-Ton Christoph Gröner in 'Hart aber fair').
        Hier steckt eine doppelte Drohung für alle Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Es ist die Botschaft, dass man sich notfalls auch krank zur Arbeit schleppen und möglich Tag und Nacht Leistung zeigen sollte. Der bei Gröner mehrmals zitierte Wachmann wäre im Falle der Lohnabhängigen das Wachpersonal, der Aufseher oder auch die Überwachungs-App, die auf die Sekunde genau die Leistung misst.
        Amazon-Beschäftigte sprechen davon, dass sie schon angesprochen werden, wenn sie mal zwei Minuten nicht arbeiten. So ist Gröner hier durchaus nicht der besonders egozentrische Neureiche, der nicht nur seine Macht und seinen Einfluss ausübt, sondern das auch propagiert.
        Er ist gleichzeitig der prototypische Vertreter eines Kapitalismus, der möglichst rund um die Uhr die Menschen auspressen will, der es zur Tugend erklärt, in dreissig Jahren nur 3 Tage krank geschrieben gewesen zu sein und auch nachts am Arbeitsplatz zu erscheinen.
        Die Gefahr, die von Mächtigen wie Gröner ausgeht, liegt vor allem darin, dass solche Bekenntnisse auch bei Menschen auf Zustimmung stoßen, die von ihrer sozialen Lage eigentlich vehement dagegen protestieren müssten. Denn sie haben die Hoffnung, dass die Knute nicht sie, sondern die Menschen trifft, denen es vielleicht noch schlechter als ihnen geht und die das angeblich verdient haben. Wie eine solche sozialchauvinistische Ideologie funktioniert, haben Julia Frank und Sebastian Dörfler in ihren hörenswerten Radio Feature "Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet"[12] thematisiert.
        Hier liegt auch ein Grund dafür, weshalb rechter Millionärspopulismus von Trump, Berlusconi und Macron Erfolg hat. Ob man Gröner in diese Reihe stellen kann, ist noch nicht ausgemacht. Denn einstweilen kann der seine Investorenwünsche auch noch ganz gut mit dem aktuellen politischen Personal durchsetzen".
        "Schon vor 2 Jahren erklärte Gröner im Tagesspiegel-Interview[18]: "Wir Unternehmer wissen uns selbst zu helfen". Daher wäre es wirklich eine Bedrohung für grosse Teile der Bevölkerung, wenn er nicht nur die Politik für sich arbeiten lässt, sondern selber in die Politik geht.
        So könnte der ARD-Beitrag auch der Anlass für eine Diskussion über den Klassenkampf von oben sein. Und es könnte darüber diskutiert werden, warum Teile der Subalternen ideologisch so zugerichtet werden, dass sie mächtigen Männern, die die Knute zeigen, applaudieren.
        Mit einer Diskussion allein über Ungleichheit kommt man dem Phänomen der Millionen schweren Populisten nicht bei. Das zeigte sich bei Berlusconi und Trump und das wird sich auch bei Gröner zeigen".
      Quelle:
      Nowak, Peter (2018). Wenn schwerreiche Populisten in die Politik streben. In: Telepolis, Heise Online, 15.5.2018 - http://www.heise.de/-4049070
      Links in diesem Artikel:
      [1] http://www.sueddeutsche.de/politik/online-petition-kein-hartz-iv-fuer-jens-spahn-1.3961116
      [2] https://www.tagesspiegel.de/politik/jens-spahn-und-hartz-iv-eine-sinnlose-armutsshow/21132088.html
      [3] http://www.rtl2.de/sendung/promis-auf-hartz-iv/folge/folge-1-140
      [4] https://www.cg-gruppe.de/
      [5] https://www.mdr.de/brisant/ungleichland-wie-aus-reichtum-macht-wird-100.html
      [6] https://www.mdr.de/brisant/ungleichland-wie-aus-reichtum-macht-wird-100.html
      [7] https://www.huffingtonpost.de/entry/hart-aber-fair-forderung-eines-unternehmers-verargert-juso- chef-kuhnert_de_5af11c51e4b0ab5c3d690b40
      [8] https://www.focus.de/politik/deutschland/hart-aber-fair-juso-chef-wirft-immobilien-mogul- christoph-groener-oligarchie-vor_id_8896884.html
      [9] http://www.bento.de/tv/ard-ungleichland-dokumentation-christoph-groeners-haerteste-zitate-2363649/
      [10] http://www.deutschlandfunkkultur.de/racial-profiling-rassismus-per- gesetz.976.de.html?dram:article_id=395051
      [11] https://www.kop-berlin.de/beitrag/die-berliner-kampagne-ban-racial-profiling-gefahrliche-orte- abschaffen
      [12] http://sebastian-doerfler.de/2015/07/radio-feature-warum-unsere-gesellschaft-die-armen-verachtet/
      [13] https://www.cg-gruppe.de/Standorte/Berlin/Carre-Sama-Riga?sortBy=date&sortOrder=DESC
      [14] https://samariga.noblogs.org/abriss-trotz-denkmalschutz/
      [15] http://www.taz.de/!572584/
      [16] https://nordkiezlebt.noblogs.org/post/category/plaene-der-cg-gruppe/
      [17] https://nordkiezlebt.noblogs.org/rigaer-71-73-cg/
      [18] https://www.tagesspiegel.de/berlin/carre-sama-riga-in-berlin-friedrichshain-wir-unternehmer- wissen-uns-selbst-zu-helfen/13867196.html

      --> sog. Klassismus: race - sex - class (Culture Studies)




      Der Facebook Faktor - Ein 'Süddeutsche'-Spezial

      Post-Demokratie

      "Aus diesen medialen, kulturellen und politischen Entwicklungen ergibt sich eine Situation, die als postpropagandistisch bezeichnet werden kann. Die Diagnose postpropagandistischer Verhältnisse betrifft nicht allein die Vereinigten Staaten. Die Selbstthematisierung des Regierens wird weltweit zunehmend auf partizipative Techniken umgestellt, in denen eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den Diskursen und Bildern des Regierens und ihres Image praktiziert wird – wenn auch in viel geringerem Umfang eine Beteiligung an den politischen Entscheidungen.
      Dies läuft auf nichts weniger hinaus als eine medientechnische und -ästhetische Perfektionierung liberaler Gouvernementalität (Foucault 2004), die in den neuen Medienverhältnissen – als Gouvernemedialität (Traue 2009, Engemann 2014) – zu sich selbst kommt. Jeder offene Machiavellismus, jede explizite Setzung, die Widerspruch herausfordern könnte, wird in diesem kybernetischen Regierungsmodus, der auf kommunikativen Rückkopplungsschleifen beruht (Tiqqun 2007), vermieden. Andererseits gibt es Hinweise, dass im Zuge solcher symbolischer bzw. ikonischer Partizipationsangebote auch Bedürfnisse nach einer Beteiligung an Entscheidungsprozessen zunimmt, was sich in neuen Beteiligungsverfahren wie Mediationsverfahren, Bürgerforen, raumgreifenden Protestformen wie Occupy etc. wiederspiegelt."
      Quelle: Traue, Boris (2014). Resonanzbild und ikonische Politik. Eine visuelle Diskursanalyse partizipativer Propaganda. In: Michael Kauppert & Irene Leser (Hrsg.). Hillarys Hand - Zur politischen Ikonographie der Gegenwart S.131-156. Bielefeld: transcript.

      Postdemokratie mittels Wortneuschöpfungen und Simulakra-Konstruktion, sprich: Bewirtschaftung aufgebauschter "Probleme", Aengste und Sorgen des “Volkes”...:
        "Der amerikanische Linguist George Lakoff hat beschrieben, wie Sprache, wie eine bestimmte Bezeichnung für eine bestimmte Politik dafür sorgen kann, dass Menschen sie anders wahrnehmen. Schon in den 1960ern beginnt das in der Handelspolitik durch die Karriere einer Wortkombination. Sie lautet: „nichttarifäre Handelshemmnisse“. Zunächst nimmt diese Wortkombination über den engen Zirkel der Fachleute hinaus kaum ein Mensch wahr – und auch heute kennen viele Leute sie noch nicht. Und doch ermöglicht sie einen anderen Blick auf die Politik und die Gesellschaft, einen Blick, den bewusst oder unbewusst immer größere Teile der Eliten übernehmen." (Harald Welzer in der TAZ im Mai 2016)



      Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft - Heiner Keupp

      Der Figur eines Spannungsfeldes zwischen Autonomie und Anpassung (sensu Jessica Benjamin) begegnen wir bereits in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts:
        "Als Erik H. Erikson 1970 in einer autobiographisch angelegten Rückschau die Resonanz seines 1946 eingeführten Identitätsbegriffs kommentierte, stellte er fest, „dass der Begriff Identität sich recht schnell einen angestammten Platz im Denken, oder jedenfalls im Wortschatz eines breiten Publikums in vielen Ländern gesichert hat - ganz zu schweigen von seinem Auftauchen in Karikaturen, die die jeweilige intellektuelle Mode spiegeln“ (Erikson 1982 S.15). Dreieinhalb Jahrzehnte später müsste wohl seine Diagnose noch eindeutiger ausfallen: Identität ist ein Begriff der im Alltag angekommen ist und dessen Nutzung durchaus inflationäre Züge angenommen hat. Er ist von Erikson längst abgekoppelt, aber der Anspruch auf eine fachwissenschaftliche Fortführung der Identitätsforschung sollte sinnvoller Weise bei Erikson anknüpfen. Auf den „Schultern des Riesen“ stehend lässt sich dann gut fragen, ob seine Antworten auf die Identitätsfrage ausreichen oder ob sie differenziert und weiterentwickelt werden müssen.

        Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht bei Identität immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Aussen“, also zur Produktion einer individuellen sozialen Verortung. Aber diese Passungsarbeit ist in „heissen Perioden“ der Geschichte für die Subjekte dramatischer als in „kühlen Perioden“, denn die kulturellen Prothesen für bewährte Passungen verlieren an Bedeutung. Die aktuellen Identitätsdiskurse sind als Beleg dafür zu nehmen, dass die Suche nach sozialer Verortung zu einem brisanten Thema geworden ist.
        Die universelle Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als „Mängelwesen“ bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äusseren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll einerseits das unverwechselbar Individuelle, aber auch das soziale Akzeptable darstellbar machen.
        Insofern stellt sie immer eine Kompromissbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar, insofern ist der Identitätsdiskurs immer auch mit Bedeutungsvarianten von Autonomiestreben (z.B. Nunner-Winkler 1983) und Unterwerfung (so Adorno oder Foucault) assoziiert, aber erst in der dialektischen Verknüpfung von Autonomie bzw. Unterwerfung mit den jeweils verfügbaren Kontexten sozialer Anerkennung entsteht ein konzeptuell ausreichender Rahmen".
        (...) Dieses Problem der Gleichheit in der Verschiedenheit beherrscht auch die aktuellen Identitätstheorien. Für Erik Erikson, der den durchsetzungsfähigsten Versuch zu einer psychologischen Identitätstheorie unternommen hat, besteht „das Kernproblem der Identität in der Fähigkeit des Ichs, angesichts des wechselnden Schicksals Gleichheit und Kontinuität aufrechtzuerhalten“ (1964 S.87). An anderer Stelle definiert er Identität als ein Grundgefühl: „Das Gefühl der Ich-Identität ist ... das angesammelte Vertrauen darauf, dass der Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat, eine Fähigkeit entspricht, eine innere Einheitlichkeit und Kontinuität (also das Ich im Sinne der Psychologie) aufrechtzuerhalten“ (1966 S.107).
        Identität wird von Erikson also als ein Konstrukt entworfen, mit dem das subjektive Vertrauen in die eigene Kompetenz zur Wahrung von Kontinuität und Kohärenz formuliert wird. Dieses „Identitätsgefühl“ (vgl. Bohleber 1997) oder dieser „sense of identity“ (Greenwood 1994) ist die Basis für die Beantwortung der Frage: „Wer bin ich?“, die in einfachster Form das Identitätsthema formuliert. So einfach diese Frage klingen mag, sie eröffnet darüber hinaus komplexe Fragen der inneren Strukturbildung der Person.
        Die Konzeption von Erikson ist in den 80er Jahren teilweise heftig kritisiert worden. Die Kritik bezog sich vor allem auf seine Vorstellung eines kontinuierlichen Stufenmodells, dessen adäquates Durchlaufen bis zur Adoleszenz eine Identitätsplattform für das weitere Erwachsenenleben sichern würde. Das Subjekt hätte dann einen stabilen Kern ausgebildet, ein "inneres Kapital" (Erikson 1966 S.107) akkumuliert, das ihm eine erfolgreiche Lebensbewältigung sichern würde.
        So wird die Frage der Identitätsarbeit ganz wesentlich an die Adoleszenzphase geknüpft. In einem psychosozialen Moratorium wird den Heranwachsenden ein Experimentierstadium zugebilligt, in dem sie die adäquate Passung ihrer inneren mit der äusseren Welt herauszufinden haben.
        Wenn es gelingt, dann ist eine tragfähige Basis für die weitere Biographie gelegt. Thematisiert wurde auch die Eriksonsche Unterstellung, als würde eine problemlose Synchronisation von innerer und äusserer Welt gelingen. Die Leiden, der Schmerz und die Unterwerfung, die mit diesem Einpassungspassungsprozess gerade auch dann, wenn er gesellschaftlich als gelungen gilt, verbunden sind, werden nicht aufgezeigt.
        Das Konzept von Erikson ist offensichtlich unauflöslich mit dem Projekt der Moderne verbunden.
        Es überträgt auf die Identitätsthematik ein modernes Ordnungsmodell regelhaft-linearer Entwicklungsverläufe. Es unterstellt eine gesellschaftliche Kontinuität und Berechenbarkeit, in die sich die subjektive Selbstfindung verlässlich einbinden kann. Gesellschaftliche Prozesse, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung angesprochen sind, haben das Selbstverständnis der klassischen Moderne grundlegend in Frage gestellt. Der dafür stehende Diskurs der Postmoderne hat auch die Identitätstheorie erreicht. In ihm wird ein radikaler Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität vollzogen.
        Es wird unterstellt, „dass jede gesicherte oder essentialistische Konzeption der Identität, die seit der Aufklärung den Kern oder das Wesen unseres Seins zu definieren und zu begründen hatte, der Vergangenheit angehört“ (Hall 1994 S.181).
        In der Dekonstruktion grundlegender Koordinaten modernen Selbstverständnisses sind vor allem Vorstellungen von Einheit, Kontinuität, Kohärenz, Entwicklungslogik oder Fortschritt zertrümmert worden. Begriffe wie Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch, Zerstreuung, Reflexivität oder Uebergänge sollen zentrale Merkmale der Welterfahrung thematisieren. Identitätsbildung unter diesen gesellschaftlichen Signaturen wird von ihnen durch und durch bestimmt.
        Identität wird deshalb auch nicht mit mehr als Entstehung eines inneren Kerns thematisiert, sondern als ein Prozessgeschehen beständiger „alltäglicher Identitätsarbeit“, als permanente Passungsarbeit zwischen inneren und äusseren Welten. Die Vorstellung von Identität als einer fortschreitenden und abschliessbaren Kapitalbildung wird zunehmend abgelöst durch die Idee, dass es bei Identität um einen „Projektentwurf' des eigenen Lebens“ (Fend 1991 S.21) geht oder um die Abfolge von Projekten, wahrscheinlich sogar um die gleichzeitige Verfolgung unterschiedlicher und teilweise widersprüchlicher Projekte über die ganze Lebensspanne hinweg".
        Quelle: Keupp, Heiner. Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft - Vortrag im Rahmen der 60. Lindauer Psychotherapiewochen 2010 (www.Lptw.de)


      Auswirkungen der individuellen narzisstischen Störungen auf die Gesellschaft und umgekehrt

      Ich möchte im folgenden aufzeigen, dass es auch bei aktuellen, wie auch bei längst vergangenen Ereignissen und Zeitdiagnostiken immer wieder um ein Ringen zwischen Demokratie auf der einen Seite und Autorität auf der anderen Seite geht. Diese Menschenbild-Diskussion erleben wir beispielhaft im Erziehungs- und Schulbereich wo es um Fragen geht, ob kollektiv gestraft werden kann als Extrem auf der Autoritätsseite oder ob die Kinder alles selber wählen dürfen und nach Lust und Laune lernen oder eben nicht, was der anti-autoritären Grundhaltung entspräche, vgl. hierzu Kapitel 4 in diesem Buch.
      In der Pädagogik wird intuitiv viel deutlicher, was auch Gesellschaftlich verhandelt werden muss: wieviel Staat versus wieviel individueller Freiheit, wieviel und wie strenge Gesetze vs. libertäre deregulierte Wirtschaft etc. etc. Es geht in beiden Sphären (ein Ausdruck von Honneth um die Ebenen zu unterscheiden, siehe Kap. 9) um einen Mittelweg, einen Kompromiss und v.a. um einen zu findenden Konsens zwischen konservativen und progressiven Wertvorstellungen, auch hier gilt: eine narzisstische Balance finden, damit keine Gesellschaftsgruppe aussen vor bleibt und ohne Anerkennung als z.B. APO-Bewegung wie Pegida oder in den 70ern die RAF einen Weg ausserhalb des Konsenses und der Demokratie suchen muss.

      Die Demokratische Grundhaltung ist auf der Basis eines "Gesellschaftsvertrages" (z.B. Rawls), einer normativen Moral (z.B. Honneth), eines Grundgesetzes bzw. wie es in der Schweiz heisst: der Verfassung, zu jeder Zeit dialog- und verhandlungsbereit. Innerhalb des weit gesteckten Rahmens der Menschenrechte und des Völkerrechts wird immer wieder gestritten, debattiert, diskutiert und ab und zu sogar abgestimmt bzw. gewählt, in welcher Art und in welchem Mass gesellschaftsrelevante Grundfragen verändert, nachjustiert oder Gesetze neu geschrieben bzw. auch mal verworfen werden sollen.
      Dieser auf wechselseitiger Anerkennung (vgl. Jessica Benjamins Beiträge weiter hinten im Buch bzw. Online-Text) und v.a. RESPEKT aufbauenden politischen Philosophie steht diametral entgegen eine Haltung des autoritären Herrschens einer Klasse, eines Clans oder auch eines einzelnen, gottähnlichen Königs, Kaisers, Gurus oder wie auch immer genannten Despoten.

      "Wir" als jeweilige Gesellschaft, als bestimmte Nation, als gewachsene Region, als Stadt, als Dorf, aber auch als Familie, als Paar etc., bis hinunter zu jedem einzelnen Individuum, müssen uns immer wieder neu und grundsätzlich entscheiden, ob wir den Weg der Auseinandersetzung, der Aufklärung und des lernenden, neugierigen Bewusstwerdens beschreiten oder aber uns unterwerfen wollen unter Herrscher oder eine herrschende Klasse, welche nicht-hinterfragbare, vereinfachende Parolen, Sprüche oder auch ganze Bücher (z.B. Bibel, Koran etc.), welche in Form einer definitiven Lehre alle Antworten parat halten und diese autoritär und unhinterfragbar vor sich her tragen und bei Zuwiderhandlung empört, störrisch, gekränkt oder wie auch immer, auf jeden Fall aber nicht-dialogisch, mit Repression und ohne Respekt Andersdenkenden gegenüber sogar mit Waffengewalt durchzusetzen bereit sind.


      Es ist vielleicht gar nicht schlecht, dieses Kapitel mit einem klassisch-psychoanalytischen Ansatz im Paradigma der Freudschen Triebtheorie zu versehen und auf diesem Wege nebenbei eine kleine Auffrischung in Sachen Staatskunde mitzunehmen, welche uns dann in den nächsten "kollektiven" Kapiteln wo es u.a. um die Demokratie und die Anerkennungstheorie von Honneth und Benjamin geht, weiter begleiten wird:

      Das Gewaltmonopol des Staates

      Gewalt als Ausdruck missglückter narzisstischer Regulation

      - Benno Winker -
        "Gewalt steht im Zusammenhang mit dem Narzissmus, Gewalt ist eine Regulationsmöglichkeit des Narzissmus [vgl. mein Modell in Kap. 2], das ist das Thema und der Ausgangspunkt dieser Ausführungen, es ist auch deren Ziel.
        Wenn wir von Narzissmus reden, dann meinen wir damit Selbstzufriedenheit, also das, was für den Menschen wohl das Wichtigste ist im Leben. Wir meinen damit die Zufriedenheit mit sich selbst, seinem Leben und seinem Schicksal. Streben nach Geld, Streben nach Schönheit, Streben nach Macht, Streben nach Ansehen - all das dient dazu, uns zufrieden zu machen, uns klarzumachen, dass wir wertvoll sind, dass wir wichtig sind. Und als solche wertvollen und anerkannten Menschen sind wir auch zufriedene Menschen.

        Während dieses Ziel klar ist, ist der Weg dahin das eigentliche Problem. Denn die Erreichung dieses Zieles hängt von vielerlei ab. Es hängt ab von den Gaben und Anlagen, die wir mitbekommen haben, es hängt ab von der sozialen Struktur, in die wir hineingeboren werden, es hängt ab von der gesellschaftlichen und kulturellen Gesamtsituation, welche Chance und Möglichkeiten sich hier öffnen, welche Förderung wir erfahren oder welche Hemmungen.

        Da diese Voraussetzungen sehr unterschiedlich verteilt sind, kommt der narzisstischen Eigenregulation eine sehr grosse Bedeutung zu. Deren Aufgabe besteht darin, Zufriedenheit zu erreichen unter den gegebenen Umständen, also auch dann, wenn diese nicht dem entsprechen, was wir uns eigentlich wünschen. Wenn wir also nicht so reich, nicht so schön, nicht so mächtig, nicht so angesehen sind, wie wir es gerne möchten. Wie kann man unter diesen Umständen dennoch Selbstzufriedenheit erreichen? Das ist die Frage und das ist das Problem, das sich der Regulation des Narzissmus stellt.
        Ein Versagen derselben, eine Krise des Narzissmus also, hat Henseler als Ursache für den Suizid beschrieben, der ja Gewalt ist gegen die eigene Person. Hier wird der Zusammenhang sichtbar zwischen dem Zusammenbruch der Narzisstischen Regulation und dem Sichtbar-Werden, dem Auftreten von Gewalt. Beim Suizid richtet sich die Gewalt gegen die eigene Person, sie kann sich aber genauso gegen andere Objekte richten, sofern diese als Ursache der narzisstischen Krise betrachtet und angeschuldigt werden. Gewalt kann also das letzte Mittel sein, nachdem alle anderen versagten, um zu einer wenn auch nur vorübergehenden Befriedigung zu kommen. Ausser dieser aus der Not entstandenen narzisstischen Gewaltäusserung gibt es allerdings auch eine bewusste und gewollte Identifizierung mit der Gewaltanwendung als fest etablierte Abwehr gegen die tatsächliche oder befürchtete Schwäche des narzisstischen Gleichgewichtes. Vor allem bei gewaltbereiten Ideologien findet sich diese Dynamik [vgl. das NS-Unterkapitel im Esoterik-Kapitel 5].
        Was meinen wir, wenn wir von Gewalt sprechen? Wir meinen damit, dass jemand seine eigenen Interessen, seine eigenen momentan vorherrschenden und nach Entladung und Entlastung drängenden Gefühle und Triebe, aber auch seine hoch besetzen Meinungen und Vorstellungen durchsetzt oder durchzusetzen versucht, ohne Rücksicht auf die Mitmenschen, auf die persönliche und soziale Umwelt.
        Wir unterscheiden prinzipiell zwei Motive für die Ausübung von Gewalt. Einmal dient die Anwendung von Gewalt dazu,
        I. sich selbst rigoros zu behaupten, aus der Ueberzeugung, dass man selber der Wichtigste ist und dass die anderen sich zu fügen haben.
        Ein Beispiel: Der Held, der Eroberer, der sich allein von der Ueberzeugung seiner eigenen Grossartigkeit leiten lässt und die anderen Menschen im Grunde verachtet. Der andere Grund für brachiale Gewaltanwendung ist
        II. der Drang, sich zu befreien von einem zunehmend starken inneren Druck, entstanden und herrührend von unerträglichen und auf andere Weise unüberwindlichen Kränkungen.
        Typisches Beispiel dafür ist der Ehemann, der sich seiner Frau unterlegen fühlt, der deshalb ins Wirtshaus geht, sich betrinkt und dann nach Hause kommt und sie schlägt. Wir verurteilen Gewalt, weil sie unseren kulturellen und gesellschaftlichen Vorstellungen zuwider läuft, obwohl uns andererseits die Erfahrung lehrt, dass Gewalt ein Teil der Natur des Menschen ist, des Teiles allerdings, den wir als kulturfeindlich betrachten, und den wir deswegen zu kontrollieren trachten. Denn:
        Kennen wir nicht alle zumindest gewalttätige Phantasien? Es geht also weniger um die Frage der Herkunft von Gewalt sondern darum, unter welchen Umständen die Steuerung von Gewalt versagt.
        Nicht vergessen wollen wir aber jene indirekte Gewalt derer sich die Schwäche bedient, und die wir als Erpressung bezeichnen. Diese entfaltet unter dem Deckmantel einer positiven kulturellen Errungenschaft, nämlich dem Ueber-Ich, ihre Wirkung. In der Verkleidung einer moralischen oder ethischen Forderung veranlasst sie den Mitmenschen zu Handlungen, die dessen Erkenntnis und freier Entscheidung widersprechen, die ihn zwingen, Dinge zu tun, die er eigentlich seinen eigenen Idealen und Ueberzeugungen gegenüber nicht vertreten kann. Auf eine weitere Form der indirekten Gewalt werde ich später eingehen.

        In unserer aktuellen politischen Realität wird die Frage einer natürlichen Neigung zur Gewalt allerdings nicht überall in dieser Weise gesehen, wie es hier vorgetragen wird. Wenn auch rein pazifistische Bewegungen und Richtungen in der politischen Realität nicht präsent sind, so gibt es doch sowohl bei den Grünen als auch bei anderen Gruppierungen den so genannten politischen Pazifismus, womit ein der Realpolitik angepasster und insgesamt abgemildeter Pazifismus gemeint ist. Aber auch hier steht im Hintergrund die Phantasie, dass Gewalt etwas sei, was eigentlich überwunden werden könnte, was prinzipiell vermeidbar wäre.
        Da Gewalt immer eine soziokulturelle Umgebung voraussetzt, weil der Mensch sich immer schon als Mitmensch vorfindet und weil gerade darin die Begrenzung seiner reinen narzisstischen Strebungen besteht, müssen wir nach dem Verhältnis von Gewalt und Kultur fragen. Wir beziehen uns hier auf die Vorstellungen von Sigmund Freud über das Entstehen der Kultur, dass sie aufgrund eines Triebverzichtes zustande kommt. Zwar meint Freud hier den Verzicht auf libidinöse Strebungen, das gilt jedoch genauso für den narzisstischen Bereich des Menschen.

    Das Gewaltmonopol des Staates

      "Das Funktionieren einer sozialen, staatlichen und kulturellen Umwelt setzt den Verzicht auf das ungehinderte Ausleben narzisstischer Bedürfnisse voraus. Das heisst: Um ein Gemeinwesen zu etablieren und um es aufrecht zu erhalten und sein Funktionieren zu ermöglichen, verzichtet der Einzelne in gewissem Umfang auf seine narzisstischen Strebungen, also auf die gewalttätige Durchsetzung dieser Strebungen und gibt diese Möglichkeit der Gewalt an den Staat ab, wo diese Gewalt sich in kontrollierter Weise in Form von Gesetzen und Verordnungen niederschlägt. Der Verzicht des Einzelnen auf Gewaltanwendung zur Durchsetzung seiner narzisstischen Wünsche und Forderungen führt so zum Gewaltmonopol des Staates.
    Der Gewalttätige missachtet dies und besteht auf dem Vorrecht der Ausübung und Darstellung seiner Machtansprüche und seiner Selbstbehauptung. So wird der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Gewalt sichtbar als ein Reflex der immer schon vorgegebenen Spannung zwischen dem einzelnen Individuum mit seinen narzisstischen Wünschen und der dieses Individuum umgebenden Welt, bestehend aus anderen Individuen, die ihr Recht einfordern und denen gegenüber deswegen auf eigene Ansprüche verzichtet werden muss, soweit sie nur mit Gewalt durchgesetzt werden könnten.

    Das Gewaltmonopol des Staates und der kulturellen Gemeinschaft verbietet nun zwar, wie gesagt, die gewaltsamen Lebensäusserungen des Einzelnen, es bietet dafür aber auch jedem dieser Einzelnen Schutz vor der Gewalt des anderen. Es ist dies in der Tat ein wesentlicher, wenn nicht der wesentliche Bestandteil unserer kulturellen Entwicklung und anders als auf diese Weise kann wohl kein Staat existieren. Allerdings ist festzuhalten, dass durch diese Konstruktion Gewalt nicht etwa verschwunden ist, sondern dass sie nur verschoben wurde vom Einzelnen auf das Kollektiv, dass sie aber als prinzipiell anwesend und auf irgendeine Art und Weise auch als berechtigt - wenn nicht gar notwendig - angesehen wird. Entscheidend dabei ist, dass die Form der Gewalt und das Recht, Gewalt auszuüben, streng determiniert sind durch Gesetze, die das Kollektiv sich gibt. In ihnen wird also der Vorgang des Verschiebens von Gewalt einerseits sichtbar, andererseits begrenzt. Wir alle erlauben es also dem Staat, dass er Gewalt anwendet, und wir fordern es sogar von ihm. Objekte und Opfer der gesetzlichen Gewalt sind dabei diejenigen, die sich an diese Grundvereinbarung nicht gebunden fühlen, die diesen kulturstiftenden Vorgang »rückgängig« machen wollen, indem sie für sich selbst beanspruchen, mit Gewalt ihre Interessen durchzusetzen - auch gegen die kulturellen Forderungen.

    Gewalt ist also als Phänomen nicht nur vorhanden, sondern sie wird in vorgegebenen Formen auch prinzipiell akzeptiert. Damit befinden wir uns in Uebereinstimmung mit der alltäglichen Erfahrung und wir verzichten deshalb auf den Versuch, die Ursachen von Gewalt in misslungenen oder unzureichenden sozialen Strukturen zu finden.

    Die phänomenologischen Beschreibung von Gewalt führt uns zu der Einsicht, dass Gewalt ein Verstoss ist gegen etwas. Dieses Etwas ist immer schon vorhanden und determiniert das Wesen von Gewalt. Dieses Etwas bezeichnen wir als die innere Repräsentanz der Kultur. Diese können wir in unserem Zusammenhang vor allem durch die Begriffe Ethos und Moral charakterisieren. Dabei versuchen wir den Inhalt dessen, was wir Ethik nennen, mit den Begriffen Vernunft, Kritikfähigkeit und Willensfreiheit zu beschreiben. Vernunft meint die Entwicklung allgemein gültiger und verpflichtender Vorstellungen und Verhaltensanweisungen im Hinblick auf die Forderungen eines Zusammenlebens in der Gesellschaft. Diese ethischen Normen, die von der Vernunft determiniert sind, beziehen sich vorwiegend, wenn nicht ausschliesslich, auf die geltende soziokulturelle Umgebung. Auf die religiös und ideologisch bedingten Forderungen, die eher einen absoluten Anspruch erheben, die eine metaphysische Transformation von oft unbewussten Vorstellungen sind und die wir hier als Moral bezeichnen, werden wir anschliessend eingehen.

    Es ist also die Vernunft, die im demokratischen Verfahren Gesetze, Normen und Verhaltensweisen aufstellt, nachdem sie deren Tauglichkeit für das Gemeinschaftsleben überprüft hat. Die Kritikfähigkeit ist es, die den Menschen in die Lage versetzt, diese vorgegebenen Werte und Normen ständig zu überprüfen, sie auf ihre aktuelle Gültigkeit hin zu untersuchen, sie daun anzuerkennen und das eigene Verhalten, die eigenen Wünsche, die eigenen Strebungen damit in Übereinstimmung zu bringen. Die Willensfreiheit schliesslich ist die Bereitschaft, der Entschluss, sich von diesen Erkenntnissen im I landein leiten zu lassen und gegebenenfalls Triebverzicht zu leisten.

    Willensfreiheit setzt voraus, dass das Subjekt zwischen diesen kulturell anerkannten Normen und den eigenen inneren Wünschen und Motiven wählen kann, dass es sich dann in positiver Weise im Hinblick auf die allgemeine Angemessenheit für die Motive aus den vorgegebenen Normen entscheidet und sich nicht ausschliesslich von den eigenen Gefühlen und Trieben leiten lässt, die von sich aus eine starke Neigung haben, die Herrschaft im Bereich des Handelns zu übernehmen.
    Nun zu der unterschiedlichen Entstehung von Ethik einerseits und Moral, wie wir sie hier verstehen, andererseits.

    Dem Niederschlag narzisstischer Gewaltstrebungen in Gesetzen, soweit diese in demokratischer Weise zustande gekommen sind, kommt neben der kollektiv notwendigen auch eine ethische Bedeutung zu. So beschreiben wir also Ethos als einen Gewaltverzicht, der auf demokratischem Weg, also mit Zustimmung der Mehrheit der Beteiligten, zustande gekommen ist. Die Grundlage bilden vernünftige Überlegungen im Hinblick auf das Zusammenleben und die Achtung der Rechte sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft.
    Gesetze und Normen werden aber auch in anderen kulturellen Bereichen aufgestellt, vor allem in autoritären Saaten sowie im religiösen und ideologischen Bereich. Während im staatlichen Bereich das Autoritäre mehr oder weniger deutlich zutage tritt, geschieht das im religiösen und ideologischen Bereich oft indirekt und im Verborgenen. Der Wahrheitsanspruch einer Religion oder einer Ideologie birgt in sich immer eine Neigung zur Intoleranz und damit auch zur Gewalt. Die geschichtlichen Beispiele dafür brauchen hier und heute nicht ausgeführt werden. Religiöse Vorschriften zum Beispiel kommen nicht als Zustimmung der Vielen zustande, sondern sie werden hergeleitet von einem göttlichen Willen.
    Zwar wird von vielen religiösen Gemeinschaften auch das Ideal der Toleranz vertreten, aber es ist nicht zu übersehen, dass hier fast immer eine Aporie besteht in dem Sinn, als das Recht des Einzelnen auf eine eigene Meinung dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit der vorgelegten und verkündeten Dogmen widerspricht. Die Beziehung zum Narzissmus wird deutlich in der Herleitung der religiösen Vorschriften aus einem göttlichen Willen, der eben nur dieser speziellen Religion in besonderer Weise als ein Akt der Gnade und Bevorzugung kund getan wurde. Gnade, Unfehlbarkeit, Auserwähltheit, ewige Wahrheit, unerschütterliche Gewissheit sind denn auch die Begriffe, die wir immer im Bereich des Religiösen und teilweise auch bei den Ideologien finden. Dies zusammen mit einem allwissenden und allmächtigen Gott, den die Religion sich zu eigen macht, weist hin auf die narzisstische Grundstruktur. Die Gefahr von Intoleranz und Gewalt sind die logischen Folgen dieser absoluten Ansprüche. Je demokratischer eine Religion ist, je mehr sie auf besondere Auserwähltheit, auf besonderes Wissen, auf besondere Eingebungen, auf besondere Gnade verzichtet, umso toleranter kann sie sein und um so weniger wird sie zu Gewalt neigen.

    Die vom Kollektiv an Kirchen und ideologische Gruppierungen, wie zum Beispiel Parteien, abgetretenen Gewalt ist also im Allgemeinen umfangreicher und tiefgreifender als die im demokratischen Prozess an den Staat abgegebene.
    Vor allem aber ist sie indirekter und deshalb oft nicht als solche zu erkennen. Der narzisstische Gewaltverzicht fliesst also zunächst der Kirche oder der Partei zu und gelangt von dort in Form von Vorschriften und Gesetzen über das Über-Ich der Gläubigen in die Erziehung der Kinder. Das ist der Punkt, wo wir uns als Analytiker wieder auf sicherem, von der täglichen Praxis bestätigten Boden befinden, wenn wir uns nur vor Augen halten, in welchem Ausmass nicht nur früher, sondern auch heute noch direkte, vor allem aber indirekte Gewalt die Erziehung beeinflusst. Immer noch glauben Eltern, sie müssten autoritär vorgegebene moralische Vorschriften und Vorstellungen über die freie Entscheidung ihrer Kinder stellen, über deren Autonomie und deren Recht, ihren Lebensweg selbst zu wählen. Je mehr sich ein Kind dagegen wehrt, umso mehr Gewalt ist notwendig, um die Autonomie zu unterdrücken.
    Der Kreislauf der narzisstischen Gewalt schliesst sich dann, wenn ein junger Mensch sich nicht mehr anders zu helfen weiss, als mit offener und brutaler Gewalt gegen alles Bestehende, letztlich aber gegen die Unterdrückung seiner Autonomie vorzugehen. Das aber ist genau der Punkt, von dem die kulturelle Entwicklung ausging, indem man daran ging, eben diese absolute Autonomie freiwillig und im Interesse aller einzuschränken.

    Werfen wir nun einen Blick auf den Narzissmus, genauer gesagt sowohl auf die innere Dynamik, als auch auf die Struktur dieses wichtigen Aspekts Gewalt als Ausdruck missglückter narzisstischer Regulation der Persönlichkeit. Freud spricht in diesem Zusammenhang auch vom Selbstgefühl und er entwickelt die Vorstellung, dass dieses Selbstgefühl, man könnte auch sagen das narzisstische Wohlbefinden des Menschen sich zusammensetzt aus drei Elementen:
    - Da ist einmal ein Rest des alten primären Narzissmus aus der frühesten Kindheit, aus jener Zeit also, wo Selbsttriebe und Libido noch nicht zu unterscheiden waren und wo das Kind noch in der paradiesischen Vorstellung lebte, dass ihm alles möglich sei.
    - Ein anderer Teil dieses Selbstgefühles stammt aus der Zustimmung des Ich-Ideals. Dieses Ich-Ideal, wir wissen es, ist einst entstanden parallel zur Herausbildung des Ichs aus dem primären Narzissmus. Es ist insofern ein Nachfolger desselben, als das Ich ständig bestrebt ist, durch dieses Ich-Ideal bestätigt und gelobt zu werden. Dies geschieht allerdings nur dann, wenn es den Wünschen und Forderungen des Ich-Ideals entspricht.
    - Der dritte Teil dieses Selbstgefühls stammt aus der Befriedigung der Objektlibido. Dies entspricht unserer alltäglichen Erfahrung, dass in der Tat gelungene Objektbeziehungen eine Befriedigung für uns darstellen und auch das Gefühl unseres eigenen Wertes erhöhen. Es gefällt uns und es bestätigt uns, wenn wir liebe und gute Freunde haben, wenn wir eine gelungene Partnerbeziehung leben dürfen.
    Es scheint so, als ob diese drei Komponenten des Selbstgefühls sich komplementär verhalten, dass hier sozusagen ein "steady state" herrscht, dass es sich also um ein dynamisches Gleichgewicht handelt und nicht etwa um eine festgezurrte Struktur. Ein Teil dieses Gedankenganges ist für unser Thema nun von besonderer Bedeutung, nämlich der, dass dem Ich-Ideal nicht nur ein individueller, sondern wie Freud sagt, ein sozialer Aspekt, wir könnten auch sagen, dass ihm ein kollektiver Aspekt zukommt. Dieses Ich-Ideal kann nämlich die Identität mit einer Gruppe, mit einer Nation, mit einer Kasse, mit einer Hautfarbe, mit was auch immer verkörpern. Und vor allem, hier ist der Sitz der Ideologien. Dieser kollektive Teil des Ich-Ideals erhebt in gleicher Weise wie der individuelle Anteil einerseits ganz bestimmte Forderungen, andererseits gewährt er Bestätigung und Befriedigung, so wie wir sie im individuellen Bereich erfahren, wenn wir uns den Forderungen unseres individuellen Ich-Ideals nähern. Als Gewissen beschreibt Freud die Instanz, die ständig die Uebereinstimmung - oder auch nicht Übereinstimmung - unseres Handelns mit den Inhalten des Ich-Ideals überprüft. Es scheint nun durchaus so zu sein, dass der eine Teil dieses Ich-Ideals jeweils auf Kosten des anderen wächst bzw. zugunsten des anderen abnimmt, dass also mit einer Abnahme des individuellen Anteils der kollektive Aspekt des Ich-Ideals zu nimmt und schliesslich auch die beherrschende Position einnehmen kann.

    Zwischen diesen drei Bereichen also, diesen drei Aspekten spielt sich das ab, was wir die narzisstische Regulation nennen. Dabei ist offensichtlich, dass diese drei Teile verschiedenen Entwicklungsstufen entsprechen. Das ist das eine. Das andere ist, dass sie korrespondieren mit den Möglichkeiten des Individuums.
    So finden sich z. B. im Ich-Ideal nicht nur idealistische und ethische Forderungen, dass der Mensch gut sein soll, sozial, hilfsbereit und so weiter. Die Erfüllung dieser Forderungen ist insofern am einfachsten, als das im Prinzip jedem Menschen möglich ist, soweit er es überhaupt will. Es finden sich dort aber auch andere Forderungen, denen nicht immer in ausreichendem Masse entsprochen werden kann, die aber wesentlich Inhalte unserer gegenwärtigen Kultur sind. Gemeint sind Begriffe wie Reichtum, Ansehen, Stärke, Einfluss, Macht, soziales Prestige. Selbstzufriedenheit und ein Bewusstsein des eigenen Wertes hängt in hohem Masse von diesen Faktoren ab. In dieser Hinsicht reichen aber die Anlagen, Gaben und Möglichkeiten es Einzelnen nicht immer aus, um Zufriedenheit in dieser Hinsicht zu erreichen.
    Gelingt das nämlich nicht oder nur unzureichend, dann weicht die Regulation auf andere Bereiche aus. Entweder werden jetzt die Niederschläge der Objektbeziehungen verstärkt und vergrössert, oder aber, wenn auch das misslingt, wird unter bestimmten Umständen zurückgegriffen auf die Reste des primären Narzissmus. Dieser tritt immer dann in den Vordergrund, wenn die höher strukturierten Anteile versagen, und er induziert dann durch Entzug von Besetzung deren Regression und Entdifferenzierung. Im Hinblick auf das Ich-Ideal bedeutet das, dass an die Stelle der positiven allgemein gültigen kulturellen Ideale Gruppenideale installiert und besetzt werden. Diese zeichnen sich aus durch Pseudowerte. Sie setzten auch weitgehend keine besondere Leistung oder Begabung des Einzelnen voraus, vielmehr stellt allein die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe eine Auszeichnung dar und ein Auserwähltsein.
    Entsprechend gross ist dabei die narzisstische Gratifikation.
    Kehren wir noch einmal zu der beschriebenen Dreiteilung des Narzissmus zurück. Dieser bedeutet eine Differenzierung, weg von autokratischer Selbstherrlichkeit, hin zu einer sozial verträglichen narzisstischen Befriedigung. Diese individuelle Reifung und Entwicklung ist Ursache und zugleich Parallele der kulturellen Entwicklung. Die Verschiebung der narzisstischen Befriedigung weg vom primären Narzissmus hin zu sekundären Strukturen, führt den kollektiven Werten Energie zu und festigt und bestätigt diese so in ihrer Gültigkeit. Gewaltverzicht nennen w ir das in Analogie zum Triebverzicht und w ir stehen damit vor der grundsätzlichen Frage, ob Kultur nur auf diesem Weg entstehen kann, oder ob es vielleicht auch noch eine von den beschriebenen Mechanismen unabhängige Eigendynamik der Menschheitsentwicklung gibt. Das ist aber ein weites Feld und sprengt den Rahmen dieses Vortrages.
    Wenn wir nun anknüpfend an das weiter oben Gesagte uns vor Augen halten, welcher Zusammenhang zwischen Kultur und Gewalt besteht, so geht es bei unserer Untersuchung nicht um das Problem, inwiefern durch die Kultur, durch bestimmte gesellschaftliche Umstände Gewalt provoziert und gefördert wird. Denn da, wie gesagt, individuelle Gewalt sozusagen ein vorkultureller Zustand ist, der zugunsten der Kulturentwicklung eingeschränkt wurde, so lautet die Frage: Unter welchen Umständen gelingt es der Kultur nicht mehr, die ursprüngliche und archaische Gewaltbereitschaft zu zügeln und zu kontrollieren. Besteht, so müssen wir fragen, ein Zusammenhang zwischen der Stärke, mit der Vitalität einer Kultur und ihrer Fähigkeit, die auf sie übertragene Gewalt voll zu nutzen und es nicht zuzulassen, dass in regressiver Weise diese Gewalt zurückfliesst zum Individuum, das nun gegen die Gesetze in archaischer Weise das Recht des Stärkeren für sich beansprucht und durchsetzt? Wovon aber mag diese Vitalität der Kultur abhängen?
    Hängt sie ausschliesslich ab von dem möglichst breiten Konsens aller Beteiligten oder müssen wir davon ausgehen, dass davon unabhängige, autonome Vorgänge die Kultur stärken oder schwächen. Wir hören zwar vermehrt die Klage, dass es keine Werte mehr gäbe, keine verpflichtenden Werte. Es ist aber die Frage ob solche plakativen und unüberprüften Äusserungen hilfreich sind, oder ob es sich dabei nicht vielmehr um den Ausdruck einer subdepressiven Grundeinstellung handelt. Ob w ir es also, mit anderen Worten, mit einem abgewehrten kollektiven Schuldgefühl zu tun haben, und dass wir in der davon ausgehenden Schwächung einen der Gründe dafür zu sehen haben, dass die Kontrolle der individuellen Gewalt immer wieder versagt, oder doch insgesamt nur ungenügend funktioniert.
    Wenn wir unter diesem Aspekt die rechte Gewalt als Beispiel betrachten, die uns ja im Moment sehr beschäftigt, so müssen wir sehr genau darüber nachdenken, welcher Weg zu beschreiten ist, wobei natürlich unbestritten ist, dass gewalttätige junge Menschen, die über das Leben und die Gesundheit Anderer einfach hinweggehen, bestraft werden müssen. Es wird aber aus unseren bisherigen Ueberlegungen auch klar, dass wir ein Symptom behandeln und nicht die Krankheit. Die Krankheit ist, so vermuten wir, eine Schwäche unserer gegenwärtigen Kultur, deren Ursachen noch zu untersuchen wären. Es scheint so zu sein, dass die jugendlichen Gewalttäter sich ein Gruppenideal aussuchen und sich diesem verpflichtet fühlen, einem Ideal, das allerdings primitiver Natur ist, jedoch eine hohe Kohärenz der Gruppe verspricht.
    Dieses primitive Ich-Ideal erlaubt es, in regressiver Weise die an die kulturelle Gemeinschaft abgegebene Gewalt zurückzuholen, indem eigene Gesetze geschaffen werden, deren Durchsetzung auch mit Gewalt erfolgen darf. Wir erinnern uns: Gesetzlichkeit ist immer mit Gewalt verbunden, insofern als ihre Geltung denen gegenüber rigoros durchgesetzt werden muss, die sich ihr entziehen wollen. Eine Entdifferenzierung des Ich-Ideals in Richtung auf eine primitivere Struktur (Kollektivierung und Entindividualisierung) desselben bedeutet, so scheint es, auch einen Rückgang der Sublimierungsfähigkeit, indem in diesem Fall aggressive Triebe ihrer höheren Bedeutung, die sie vielleicht einmal erreicht hatten, wieder beraubt werden und in einen früheren Zustand zurückkehren. Warum aber wählen diese jungen Leute diesen Weg, um narzisstische Selbstzufriedenheit zu erlangen und ein starkes Selbstgefühl zu bekommen?
    Hängt es vielleicht damit zusammen, dass unsere Kultur und Gesellschaft sehr hohe Anforderungen stellt, die nur schwer zu erfüllen sind und deshalb erst spät zu einer Befriedigung führen? Wenn wir fragen, was den Menschen heute ein gutes Selbstgefühl vermittelt, das Gefühl, jemand zu sein, etwas darzustellen, wertvoll zu sein und wichtig, so stossen wir auf Begriffe, wie Schönheit, Reichtum, Popularität, Berühmtheit, hohe soziale Positionen, Einfluss, Macht. Wenn wir uns das vor Augen halten, dann müssen wir erneut darüber nachdenken, ob an dieser Wertediskussion doch etwas sein könnte.

    Ein Beispiel: Wenn Nächstenliebe in unserer Gesellschaft wirklich ein Wert wäre, wäre dann nicht die Erfüllung dieses Ideals vielleicht einer grösseren Anzahl von Menschen möglich, als wenn es um Reichtum und Macht geht, um Einfluss und Schönheit? Gelangen wir aber damit zu der Feststellung, dass unsere kollektiven Ideale Zeichen einer regressiven Primitivität aufweisen, indem sie nämlich nicht mehr durch individuelle Anstrengung zu erreichen sind, sondern sich herleiten aus natürlichen Gaben, also gewissermassen eine natürliche Bevorzugung darstellen? Diese Tendenz zu einer kollektiven narzisstischen Regression verstärkt dann aber auch die Regressionsneigung in den gesellschaftlichen Randgruppen, indem nun auch deren Ideale, wenngleich von anderer Art, vermehrt primitive Züge aufweisen und durch den ständigen Zufluss entdifferenzierter Energie gestärkt werden. Sicher scheint zu sein, wenn wir diese Randgruppen betrachten, dass sie eben nicht zu denen gehören, die erfolgreich sind, und die aus diesem Grund einen erheblichen Mangel an narzisstischer Befriedigung und an Selbstwertgefühl haben und so einerseits, dynamisch betrachtet, wieder Gewalt für sich zurückfordern, also mit der Übertragung der Gewalt an die Gesellschaft nur noch begrenzt einverstanden sind, andererseits zu alten regressiven Ich-Idealen zurückkehren, die zwar im übrigen kulturellen Kontext erheblich stören, denen aber eine triebhaft archaische Kraft und Gewalt inne wohnt und die durch die zurückflutende und denaturierte aggressive Energie verstärkt werden.
    Gewalt als narzisstische Regulation stellt sich uns also dar als ein Phänomen, das uns zwar gegenwärtig besonders beschäftigt, von dem ich aber nicht sicher bin, ob es nur in unserer Gegenwart herrscht. Ich neige eher zu der Annahme, dass in den verschiedensten kulturellen Zuständen die Neigung bestand oder besteht, dass einzelnen oder auch Gruppen den früher einmal stattgehabten Gewaltverzicht verneinen, dass sie mangels anderer Möglichkeiten, das Selbstgefühl zu stärken, auf einen ursprünglichen Narzissmus zurückgreifen, der seine Erfüllung in Machtphantasien findet, in Grössenphantasien und im Verzicht auf und im Abwerfen von kulturellen Banden und Bindungen. Dieser kulturell geforderte Verzicht auf narzisstische Gewalt, auf narzisstisches Durchsetzen eigener Interessen ohne Rücksicht auf andere kann nur dann erfolgreich sein, wenn eine entsprechende narzisstische Gratifikation auf höherer Ebene gewährt wird, denn das prinzipielle Problem der narzisstischen Zufriedenheit bleibt bestehen und es geht immer nur um die Frage, auf welcher Ebene diese Befriedigung stattfinden kann. Da ich mir, wie gesagt, nicht sicher bin, ob das Gewaltproblem in unserer Gegenwart wirklich so gravierend ist im Vergleich zu anderen Zeiten, weiss ich auch nicht zu sagen, ob der gegenwärtige Umgang mit dieser Gewalt der richtige ist. Freuds Kulturpessimismus ist sicher nach wie vor verbreitet. Immer wieder klingt es durch, dass eigentlich alles Kulturelle nur mehr oder weniger mühsam zustande kommt und dass darunter ständig das Böse lauert. Könnte es nicht sein, dass die aktuellen und konkreten Erscheinungen von Gewalt Ausdruck eines zunehmenden Kulturpessimismus sind?
    Dass diese vermutete Schwäche unserer Kultur eben darin besteht, dass sie sich selber nicht mehr traut, dass sie den Optimismus verloren hat, die tiefe Ueberzeugung, dass Kultur etwas ist, das aus sich selber wächst und stark ist und nicht nur Folge eines Dressuraktes? Kann es sein, dass viele heutzutage nicht mehr davon überzeugt sind, dass die beschriebene Abgabe narzisstischer Gewalt des Einzelnen an das Kollektiv auch freiwillig erfolgen kann und nicht nur unter dem Druck, unter dem Zwang, da sonst Chaos herrscht, wenn jeder einfach tut, was er will? Kann es sein, dass diese Schwäche der Kultur einer Schwäche der Vernunft entspricht? Wäre es dann aber nicht besser, wir würden unsere Aufmerksamkeit mehr diesen Problemen unserer Kultur zuwenden, anstatt uns zu sehr auf das Symptom, nämlich die Gewalt, die wir darunter beobachten, zu konzentrieren?
    Könnte es nicht sein, dass die ständige Diskussion dieser Gewalt eine Abwehr ist, indem wir unseren eigenen Pessimismus, unsere eigene Gewaltproblematik projizieren auf die anderen, auf die also, die in der Tat und aktuell gewalttätig handeln?

    »Homo homini lupus« sagt ein altes lateinisches Sprichwort [vgl. auch den schottischen Moralphilosophen Hobbes, M.F.]. Sollen wir ihm glauben? Wenn allerdings tatsächlich Kultur nichts anderes wäre, als eine Zwangsmassnahme, dann wäre es nicht verwunderlich, wenn es immer wieder zu Ausbrüchen archaischer Zustände kommt. Aber wie wären dann die positiven Leistungen der Kultur zu verstehen? Reicht die Idee einer Sublimierung wirklich aus, um das alles zu erklären? Manche neigen ja dazu, das Zurückgehen von Religiosität als typisches Beispiel zu sehen für die Werteproblematik, aber könnte dieses Phänomen nicht auch eine Emanzipation bedeuten, ein Erwachsenwerden der Menschen gegenüber einem supponierten, einem angenommenen Gott? Wenn wir ein aktuelles Gottesbild betrachten, wie es zum Beispiel in der Diskussion um die Implantationsdiagnostik oder um die Forschung an und mit Stammzellen vorgestellt wird, eines Gottes also, der den Menschen zwar den Verstand gibt, ihm dann aber plötzlich nicht mehr erlaubt, diesen Verstand zu gebrauchen. Eines Gottes, der eigensinnig und eifersüchtig auf Vorrechten beharrt. Wenn wir diesen Gott also betrachten, ist es dann nicht eher ein Fortschritt, wenn er überwunden wird, wenn er ersetzt wird durch einen Gott, der den Menschen die Freiheit auch wirklich lässt, die er ihm gegeben hat, der sich vielleicht sogar daran erfreut, wenn der göttliche Funken, den er in diese Menschen gelegt hat, immer heller leuchtet und wenn diese seine Kinder, wie es bezeichnenderweise immer heisst, erwachsen werden, gleichberechtigt. Es ist sicher kein Zufall, dass auch und gerade in unserer Gegenwart Religion so häufig mit Gewalt verbunden ist. Ich denke, dies sind Anzeichen, die uns nachdenklich machen müssten und die uns nach den grösseren Zusammenhängen suchen lassen sollten, wenn wir von Gewalt sprechen.
    Es wäre also von Vorteil, wenn wir zu einer komplexeren Vorstellung von Narzissmus kämen, indem w ir den Zusammenhang verstehen mit dem, was man als Gott oder das Göttliche bezeichnet, dass wir also aus der Kinderwelt, in der wir zum Teil immer noch leben, uns befreien, indem wir nicht nur aus Zwang auf unsere gewalttätigen narzisstischen Wünsche verzichten und den Gesetzen gehorchen, getrieben von der Angst vor Strafe, sondern freiwillig und aus Einsicht und Achtung vor den Rechten des anderen. Nur so kann Gewaltfreiheit zu einem echten, positiven Wert werden der dann auch in freier Entscheidung erkannt, anerkannt und gewürdigt wird. Literatur
    Freud, S. (1914). Zur Einführung des Narzissmus. In: Freud, S. (1975): Studienausgabe, Bd.III. Frankfurt (Fischer), S.37-68
    Henseler, H. (1976). Die Theorie des Narzissmus. In: Eicke, D. (Hg.) (1976): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Zürich (Kindler) S.459-477
    Henseler, H. (1976). Der psychoanalytische Beitrag zum Suizidproblem. In: Eicke, D. (Hg.) (1976): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Zürich (Kindler), S.824-837.



    10. PSYCHOTHERAPIE: Wirkfaktoren dialektischer Psychotherapie

    In nunmehr 20 Jahren Psychotherapie-Praxis sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich bin ich immer mehr zur Erkenntnis gelangt, dass die allermeisten psychischen Phänomene und Störungen Regulationsphänomene sind, will heissen: es besteht ein mehr oder weniger breites Spektrum zwischen zwei Extremen bzw. zwischen Antagonisten, welche eine, wennauch labile, Balance findend das beste "Ergebnis" erzielen, seien es Ausgleichsprozesse auf der biologischen Ebene z.B. Adrenalin/Noradrenalin oder Serotonin/Dopamin etc. oder auf der psychischen Ebene zwischen Depression und Manie oder zwischen Extraversion und Introversion, auf der sozialen Ebene zwischen männlich und weiblich (Vorsicht: gender!) oder, sehr zentral in diesem Buch, zwischen den Konzepten Konkurrenz und Kooperation oder zwischen Egoismus und Altruismus bzw. innerem und äusserem Selbst.

    Dieser dialektische Raum, welcher m.E. als Grundkonzeption für fast alle psychischen Phänomene anwendbar ist, bildet den roten Faden dieses Buches.
    Dies, weil nach meiner Erfahrung die weitaus meisten Fragestellungen in heutigen Psychotherapien sich um narzisstische Regulations- und Relationssphänomene ranken, zu deren Beantwortung für jeden Einzelnen von uns optimalerweise ein zwar labiles, aber kreatives, stets gefährdetes "Gleichgewicht des Selbst und des Narzissmus" gefunden und erprobt oder gar erfunden und angewendet werden muss.

    Es wird ein weiter Weg sein, der uns beschreibend, argumentativ und sogar in Ansätzen empirisch auf diese etwas ungewohnte Narzissmus-Definition und-Behandlung bringen wird. Es werden nebst psychologischen und biologischen auch soziologische, historische und philosophische Betrachtungen und Phänomene eine wichtige Rolle spielen. Denn auch zwischen den Diziplinen gilt: ein Ausgleich der Sichtweisen (Dialektik: These/Antithese), ein Austarieren der Faktoren und Konzepte bringt uns erst den zu beschreibenden Phänomenen am nächsten.

    Eine auf Ausgleich und Integration der Extreme ausgerichtete Psychotherapie, will heissen: das gesunde Mass findend, egal in welchem Lebensbereich, ist ein Hauptziel jeder (meiner) psychotherapeutischen Bemühungen, unabhängig davon, welche Symptome jemand "präsentiert".

    Ein Klient von mir hat einmal gesagt: "Wenn ich mich verändere, verändere ich automatisch auch meine Mit- und Umwelt und damit ein klein wenig auch die gesellschaftlichen Verhältnisse".
    Dieser hoffnungsvolle und optimistische kollektive Aspekt der sozialen, therapeutischen Arbeit mit Menschen wird meines Erachtens noch immer stark unterschätzt in einer noch immer zu stark auf individuelle Defizite ausgerichteten Psychotherapie-Szene.

    Als Abschluss des Buches werden die beiden zuvor als dialektisch beschriebenen Achsen (Y: die strukturelle Sichtweise (Narzissmus als Kontinuum zwischen den Extremen Psychopathie und Depression) und X: die dynamische Sichtweise) wieder "heruntergebrochen" auf die konkrete Therapiesituation und ein darauf aufbauender "relational-regulativer" Psychotherapie-Ansatz entworfen:
    Die wichtigste Dimension der alltäglichen psychotherapeutischen Praxis bildet dabei die Beziehung bzw. der Kontakt zwischen TherapeutIn und KlientIn. Auch hier ist immer wieder ein Mass zu finden zwischen Nähe und Distanz, zwischen Intensität und Entspannung. Besonders betonen möchte ich, dass die Extreme, z.B. des Engagements, auch mal an einem Wochenende oder während des Urlaubs oder der langen Distanznahme und Abstinenz, sehr wohl vorkommen sollen - über viele Sitzungen hinweg gesehen, sollte sich aber ein gesundes Klima einer mittleren Aufmerksamkeit, einer Ausgewogenheit zwischen z.B. Involviertheit und Loslassen, zwischen Konfrontation und Entstehen-lassen einstellen.

    Es gilt demnach immer wieder von Neuem, d.h. in jeder Lebenslage und -phase, sogar in jeder einzelnen Situation, ein Gleichgewicht zu finden zwischen zahreichen Antagonisten oder Gegenspielern, wie z.B. Egoismus versus Altruismus, kurz: das Gleichgewicht von Narzissmus und Selbst zu finden!

    Die Extreme für sich genommen und ohne Kontext, tun uns und den anderen nicht gut:
    Egoismus ins Extreme gesteigert bekommt, klinisch betrachtet, eine Tendenz zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung bis hin zu Psychopathie und Soziopathie, einen Mangel an Empathie also, was übrigens die meisten Kriminellen "auszeichnet" (siehe z.B. Kevin Dutton 2013)...
    Altruismus auf der anderen Seite, also das selbstlose anderen helfen und eine "andere immer zuerst"-Haltung (vgl. u.v.a. Schmidbauers "Die hilflosen Helfer"), tendiert klinisch überspitzt gesehen, zu allerlei Sucht(verhalten), zu diversen Depressionsarten bis hin zu Psychose und Suizid.

    Diese im letzten Teil dargestellte "Relational-regulative Psychotherapie" (Arbeitstitel...) hat nebst der Psychoanalyse vielerlei Quellen: Gestalttherapie nach Fritz Perls, Integrative Therapie nach Hilarion Petzold, Mentalisierungs-Konzept nach Fonagy und den von der universitären Forschung abgeleiteten kognitiven und systemischen Verhaltenstherapieansätzen (u.v.a. Klaus Grawe, Wolfgang Tschacher und Peter Fiedler).
    Die Freudsche Psychoanalyse und das chaostheoretisch-systemische Denken dienen dabei v.a. als theoretischer Hintergrund, das Mentalisieren und die weiteren genannten v.a. kognitiven Verfahren erweisen sich als v.a. für die Praxis sehr wertvoll.


    Biopsychosoziales Krankheitsmodell

    Emergenz als natürliches Phänomen in der Entwicklung von Komplexität

      "Der zentrale Begriff ist hier die Emergenz, also das Hervorbringen von Phänomenen, die auf der jeweils darunter liegenden Systemebene noch nicht vorhanden sind [vgl.Kap.1] und deswegen dort auch nicht als Erklärungsgrundlagen zur Verfügung stehen. Emergenz wird im Sinne der Evolutionstheorie (z.B. Riedl 1990, 1987) als ein durchgehendes Phänomen allen Biologischen gesehen; ohne sie wäre die oft sprunghafte Entwicklung konkreter Lebensformen auf unserem Planeten kaum verständlich. Konrad Lorenz hat dies als Fulguration beschrieben (vgl. Egger 2009a).
      Die damit verbundene entscheidende und wichtigste Erkenntnis ist, dass eine noch so genaue Klärung der Bestandteile und ihrer Beziehungen untereinander auf jeweils einer Systemebene keine ausreichende Klärung der Phänomene auf der nächsthöheren Ebene der Systemhierarchie erbringt. Oder anders formuliert: Die grössten Anstrengungen auf neurologischer oder biochemischer Ebene werden es nicht schaffen, die Erlebens- und Verhaltensphänomene aufzuklären und vice versa – und zwar aus prinzipiellen Gründen, da das jeweils höher liegende System Phänomene produziert, die auf der darunterliegenden Ebene noch gar nicht existieren.
      Ein psychologisches Konstrukt wie etwa „Selbstunsicherheit“ oder „Feindseligkeit“ werden wir auf physiologischer Ebene vergeblich suchen. Was wir dort davon finden, sind vielfältige nervöse, humorale bzw. biochemische Erregungsmuster, die ohne Kenntnis der übergeordneten Funktion in ihrer psychologischen Bedeutung nicht zu verstehen sind [in unserem Modell 'Das REALE'].
      Als eine wichtige Folgerung aus dem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell gilt, dass jedes Ereignis oder jeder Prozess, der an der Aetiologie, der Pathogenese, der symptomatischen Manifestation und der Behandlung von Störungen beteiligt ist, folgerichtig nicht entweder biologisch oder psychologisch ist, sondern sowohl biologisch als auch psychologisch.
      Von grundlegender Bedeutung ist dabei die Erkenntnis, dass jedes seelische Phänomen – also jeder Gedanke, jedes Gefühl, jeder Handlungsimpuls und jedes Handeln – immer gleichzeitig auch als ein körperlicher Vorgang zu verstehen ist. Es ist unsere Sprache, die uns hier zwei verschiedene Welten vorgaukelt, tatsächlich handelt es sich immer um einen Prozess des gesamten Systems „Mensch“.
      Seelische Phänomene stellen emergente Eigenschaften des komplexen Organismus – insbesondere des Nervensystems – dar. Verschiedene strukturelle oder funktionelle Zustände dieses Nervensystems bringen daher auch verschiedene seelische Phänomene hervor. Nach dem Prinzip der Emergenz sind diese seelischen Ereignisse allerdings auf der darunterliegenden physiologischen Ebene nicht ausreichend erklärbar, sie können dort phänomenologisch niemals ausreichend verstanden werden (s.a. Singer 2005, Roth 2003)". (Egger 2017 S.22-23)

    Psychotherapeutisches Handeln als individueller Konstruktionsprozess

    --> Caspar in Margraf: .....................

    Quellen: Caspar, Franz (2009). Therapeutisches Handeln als individueller Konstruktionsprozess. In: Margraf, Jürgen/Schneider, Silvia (Hrsg 3.Aufl.). Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band I S.213-225.
    Egger, Josef W. (2009). Das Phänomen der Emergenz im Verständnis von Gesundheit und Krankheit. In: Psychologische Medizin 20/4 S.10-16.
    Egger, Josef W. (2015). Integrative Verhaltenstherapie. Wiesbaden: Springer.
    Egger, Josef W. (2017). Theorie und Praxis der biopsychosozialen Medizin - Körper-Seele-Geist-Einheit und sprechende Medizin. Wien: facultas.
    Margraf, Jürgen/Schneider, Silvia (2018 Hrsg 4.Aufl.). Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band I, II und III. Bern: Hogrefe

    Riedl, R. (1990). Biologie der Erkenntnis. Berlin.
    Roth, Gerhard (2003). Fühlen, Denken, Handeln. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Singer, Wolf (2005). Der Beobachter im Gehirn - Essays zur Gehirnforschung. Frankfurt: Suhrkamp.

    Byung-Chul HAN, für einmal optimistisch Perspektiven aufzeigend:

      Die Zeitkrise von heute heißt nicht Beschleunigung. Das Zeitalter der Beschleunigung ist bereits vorbei. Was wir derzeit als Beschleunigung empfinden, ist nur eines der Symptome der temporalen Zerstreuung. Die heutige Zeitkrise geht auf eine Dyschronie zurück, die zu unterschiedlichen temporalen Störungen und Mißempfindungen führt. Der Zeit fehlt ein ordnender Rhythmus. Dadurch gerät sie ausser Takt. Die Dyschronie läßt die Zeit gleichsam schwirren. Das Gefühl, das Leben beschleunige sich, ist in Wirklichkeit eine Empfindung der Zeit, die richtungslos schwirrt.
      Die Dyschronie ist nicht das Resultat forcierter Beschleunigung. Verantwortlich für die Dyschronie ist vor allem die Atomisierung der Zeit. Auf diese geht auch das Gefühl zurück, die Zeit vergehe viel rascher als früher. Aufgrund der temporalen Zerstreuung ist keine Erfahrung der Dauer möglich. Nichts verhält die Zeit. Das Leben wird nicht mehr eingebettet in die Ordnungsgebilde oder Koordinaten, die eine Dauer stiften. Flüchtig und ephemer sind auch Dinge, mit denen man sich identifiziert. So wird man selbst radikal vergänglich. Die Atomisierung des Lebens geht mit einer atomistischen Identität einher. Man hat nur sich selbst, das kleine Ich. Man nimmt gleichsam radikal ab an Raum und Zeit, ja an Welt, an Mitsein. Die Weltarmut ist eine dyschronische Erscheinung. Sie läßt den Menschen auf seinen kleinen Körper zusammenschrumpfen, den er mit allen Mitteln gesund zu erhalten sucht. Sonst hat man ja gar nichts. Die Gesundheit seines fragilen Körpers ersetzt Welt und Gott. Nichts überdauert den Tod. So fällt es heute einem besonders schwer, zu sterben. Und man altert, ohne alt zu werden.
      Das vorliegende Buch [Han: 'Duft der Zeit'] spürt historisch und systematisch den Ursachen und Symptomen der Dyschronie nach. Es wird aber auch über die Möglichkeiten einer Genesung nachgedacht. Dabei werden zwar Heterochronien oder Uchronien aufgesucht, aber auf die Auffindung und Rehabilitierung dieser außergewöhnlichen, außeralltäglichen Orte der Dauer beschränkt sich die vorliegende Studie nicht. Vielmehr wird vermittels einer historischen Rückschau prospektiv auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, daß das Leben bis in den Alltag hinein eine andere Form anzunehmen hat, damit jene Zeitkrise abgewendet wird. Nachgetrauert wird nicht der Zeit der Erzählung. Das Ende der Erzählung, das Ende der Geschichte muß nicht eine temporale Leere mit sich bringen. Es eröffnet vielmehr die Möglichkeit einer Lebenszeit, die ohne Theologie und Teleologie auskommt, die jedoch einen eigenen Duft besitzt.
      Sie setzt aber eine Revitalisierung der 'vita contemplativa' voraus.
      Die heutige Zeitkrise hängt nicht zuletzt mit der Absolutsetzung der vita activa zusammen. Sie führt zu einem Imperativ zur Arbeit, der den Menschen zum 'animal laborans' degradiert. Die Hyperkinese des Alltags nimmt dem menschlichen Leben jedes kontemplative Element, jede Fähigkeit zum Verweilen. Sie führt zum Verlust von Welt und Zeit. Die sogenannten Strategien der Entschleunigung beseitigen diese Zeitkrise nicht. Sie verdecken sogar das eigentliche Problem. Notwendig ist eine Revitalisierung der 'vita contemplativa'. Die Zeitkrise wird erst in dem Moment überwunden sein, in dem die 'vita activa' in ihrer Krisis die 'vita contemplativa' wieder in sich aufnimmt.
      Quelle: Han. Duft der Zeit. Bielefeld: Transcript, S.7-8


    Wirkfaktoren, Common Factors, Heiler, Jermoe, Frank, Strategie, Methoden, Interventionen, Wirksamkeit, Beziehung, Prozess, Steuerung, Haltung, Stabilität, Basis, Symbolisierung, Psychoanalyse, Psychotherapie Generic, Model, Psychotherapy, Orlinsky, Howard, Legewie, Ehlers, Cartesianisches, Hermeneutisches, Wissenschaftsverständnis, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich
    Wirkfaktoren, Common Factors, Strategie, Methoden, Interventionen, Wirksamkeit, Beziehung, Prozess, Steuerung, Haltung, Stabilität, Basis, Symbolisierung, Mentalisierung, MBT, Psychoanalyse, Psychotherapie Psychotherapie, Evaluation, Test, Daignostik, Wirkfaktoren, Strategie, Methoden, Interventionen, Wirksamkeit, Beziehung, Prozess, Steuerung, Haltung, Stabilität, Basis, Symbolisierung, Mentalisierung, MBT, Psychoanalyse


    11. LITERATUR: Quellenangaben und Buchempfehlungen


    Kürzest-Zusammenfassung des Mittelteils des Buches bzw. der Kapitel 2-9 (ohne 1 und 10)

    Das 'Triumvirat', die 'Dreieinigkeit' meiner Narzissmus-Konzeption als Zusammenspiel dreier Sichtweisen aus drei ganz verschiedenen Fachrichtungen:
    Medientheorie (I), Soziologie (II) und Psychologie (III).

    I. Narzissmus als "Extension of Man" (McLuhan) II. Narzissmus als "Agonie des Realen" (Baudrillard) III. Narzissmus als "Spiegelstadium als Bildner des Ich" (Lacan) im R-I-S

    Diese drei Theorien bilden den Kern meiner Narzissmus-Konzeption:
    LACAN – Kap 2 und 4 - Baudrillard – Kap 3, 5, 7 und 9 - McLuhan – Kap 6 und 8

    a) Lacan: Das Symbolische (Sprache, Diskussion, Dialog, Kultur etc.) wird immer mehr abgelöst/ersetzt vom Imaginären (Bilder, Filme, Mythen, Werbung, Propaganda, Parolen, Regressives wie Tribalismus, Hooliganismus, Pegida etc.) – damit entfernt sich die Gesellschaft noch mehr vom Realen als es durch die Symbolisierungsfähigkeit (heute: Mentalisierung) sowieso gegeben ist durch die seit dem Spiegelstadium gegebene Ver-kennung und Ent-fremdung der Teilnehmer des Sozialen.

    b) Baudrillard: anstelle von Simulationen sind Simulakra getreten, der Uebergang von der ersten Ordnung der Simulakra zur dritten wird gerade vollzogen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

    c) McLuhan: durch die Dominanz des Visuellen, des Linkshemisphärischen und damit des Digitalen gegenüber dem Analogen (wo das Auditive überwog) entstand in der Tetrade eine Einseitigkeit, welche nun allmählich Chiasmus-bedingt in seiner Positiv-Utopie durch einen Umschlag in eine erneute Tribalisierung und Oralität einer Integration und Synästhesie der Sinne den Boden bereitet wo im ‘Global Village’ jeder mit jedem verbunden ist.



    Altmeyer, M. (2012). Identitätsspiele mit der Kamera. Medialer Narzissmus und das zeitgenössische Selbst. In: Kögler (Hrsg.). Winnicott. Giessen: Psychosozial.
    Altmeyer, M. Dornes, M. (2015). Der Ruf auf die Barrikaden erreicht nur noch Nervenbündel. Die ZEIT ....
    Barthes, Roland (1957): Mythen des Alltags. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1964.
    Baudrillard, Jean (........). Agonie des Realen. Berlin: Merve.
    Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
    Belting, Hans (2001): Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. München: Fink.
    Belting, Hans (2005): Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen. München: C.H. Beck.
    Benjamin, Walter (1936): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977.
    Böhme, H. (201x). Vom Turn zum Vertigo - Wohin drehen sich die Kulturwissenschagften? In: Journal of Literary Theory Online.
    Böhme, H. (2012). Fetischismus und Kultur - . Rowohlt.
    Bolz, Norbert (1991): Eine kurze Geschichte des Scheins. München: Fink.
    Caduff, C. (20xy). Die Künste im Gespräch : zum Verhältnis von Kunst, Musik, Literatur und Film. München: Fink.
    Cremonini, A. (2003). Die Durchquerung des Cogito. München: Fink.
    Cybermystik ..............
    Crouch, Colin (2004). Postdemokratie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2008.
    De Saussure, Ferdinand (1916): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hg. v. Charles Bally/Albert Sechehaye. Berlin: De Gruyter 1967 (2.Aufl.).
    Debord, Guy (1967): Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin: Bittermann/Edition Tiamat 1996.
    Debray, Régis (1992): Jenseits der Bilder. Eine Geschichte der Bildbetrachtung im Abendland. Rodenbach: Avinus 2007 (2.überarb.Aufl.).
    Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (1972): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977.
    Di Blasi, Luca - München München - Bayerische Staatsbibliothek Fink – 2006
    Eco, Umberto (1968): Einführung in die Semiotik. München: Fink 1972.
    Eco, Umberto (1975): »Reise ins Reich der Hyperrealität«. In: Ueber Gott und die Welt. München: Hanser 1985, S.35–101.
    Ehrenberg, Alain (1998): Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt a. M./New York: Campus 2004
    Erdheim, Mario (1982): Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozeß. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
    Etzioni, Amitai (1968): Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse. Opladen: Westdeutscher Verlag 1975.
    Falkenhausen, Susanne von (2015). Jenseits des Spiegels. Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies. München: Fink.
    Fischer J., Moebius, S. (2014, Hrsg.). Kultursoziologie im 21. Jahrhundert
    Flusser, Vilém (1985): Ins Universum der technischen Bilder. Göttingen: European Photography 1999 (6. Aufl.).
    Freud, Sigmund (1912–1913): Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. In: Studienausgabe, Bd. IX. Frankfurt a.M.: Fischer 1974, S.287–444.
    Freud, Sigmund (1914): »Zur Einführung des Narzissmus«. In: Studienausgabe, Bd. III. Frankfurt a. M.: Fischer 1975, S.37–68.
    Freud, Sigmund (1930): Das Unbehagen in der Kultur. In: Studienausgabe, Bd. IX. Frankfurt a. M.: Fischer 1974, S.191–270.
    Haubl, Rolf (1991): „Unter lauter Spiegelbildern ...“ Zur Kulturgeschichte des Spiegels. 2 Bde. Frankfurt a.M.: Stroemfeld/Nexus.
    Haubl, Rolf (2000). Spiegelmetaphorik - Reflexion zwischen Narzißmus und Perspektivität. In: …, S. … - …
    Helbig, J., Russegger, A., Winter, R. (2014, Hrsg.). Visuelle Medien - Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur. Köln: Halem
    Huyssen, Andreas (1992): »Im Schatten McLuhans: Jean Baudrillards Theorie der Simulation«. In: Norbert Krenzlin (Hg.): Zwischen Angstmetapher und Terminus. Theorien der Massenkultur seit Nietzsche. Berlin: Akademie, S. 165–181.
    Huyssen, Andreas (1999): McLuhan and Baudrillard. The Masters of Implosion. London/New York: Routledge
    Jongen, Marc - München München - Bayerische Staatsbibliothek Fink - 60 Seiten Der göttliche Kapitalismus : ein Gespräch über Geld, Konsum, Kunst und Zerstörung mit Boris Groys, Jochen Hörisch, Thomas Macho, Peter Sloterdijk und Peter Weibel
    Kraemer, Klaus (1994). »Schwerelosigkeit der Zeichen - Die Paradoxie des selbstreferentiellen Zeichens bei Baudrillard«. In: Ralf Bohn/Dieter Fuder (Hg.): Baudrillard. Simulation und Verführung. München: Fink, S.47–69.
    Krämer, Sybille (1994). »Vom Trugbild zum Topos. Ueber fiktive Realitäten«. In: Stefan Iglhaut/Florian Rötzer/Elisabeth Schweger (Hg.): Illusion und Simulation. Begegnung mit der Realität. Ostildern: Hatje Cantz 1995, S.130–137.
    Kramer, Wolfgang (1988): Technokratie als Entmaterialisierung der Welt. Zur Aktualität der Philosophien von Günther Anders und Jean Baudrillard. Münster u.a.: Waxmann.
    Kadi, U. (20xy). »… Nicht so einen geordneten Blick« - Bild, Schirm und drittes Auge
    Klein, Melanie (1930). Die Bedeutung des Symbolbildung für die Ich-Entwicklung. in: dies. Gesammelte Schriften, Bd. I Teil 1 (S.351-368)
    Krapp, H. (1997). Künstliche Paradiese, virtuelle Realitäten: künstliche Räume in Literatur-, Sozial- und Naturwissenschaften. München: Fink.
    Krapp, H. (1997). Komplexität und Selbstorganisation - 'Chaos' in den Natur- und Kulturwissenschaften. München: Fink.
    Lacan, J. (1973, Orig 1949). Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. in: ders. Schriften I, Olten
    Lacan, Jacques (1964). Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Weinheim/Berlin: Quadriga 1996 (4.Aufl.).
    Latour, Bruno (1991): Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a. M.: Fischer 1998.
    Latour, Bruno (2002): Iconoclash. Gibt es eine Welt jenseits des Bilderkrieges? Berlin: Merve.
    Leuzinger-Bohleber, Marianne (19xy). Der Bildbegriff in der Psychoanalyse. In ….
    Lyotard, Jean-François (1979b): Das postmoderne Wissen. Wien: Passagen 2009 (6. Aufl.).
    Marcuse, Herbert (1955): Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971.
    Marcuse, Herbert (1964): Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Berlin: Luchterhand 1967.
    Quasdorf, Torben (2005): »Philosophie & Science-Fiction & Baudrillard & ›Matrix‹«. In: Medienobservationen, 7.7.2005. http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/artikel/kino/quasdorf_matrixbaudrillard.html - Letzter Zugriff: 24.3.2016.
    Reck, Hans Ulrich (2003). Kunst als Medientheorie vom Zeichen zur Handlung. München: ……
    Sennett, Richard (1998). Der flexible Mensch - Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Verlag Berlin. Strehle, Samuel (2007): »Jenseits des Realitätsprinzips. Zum Tode von Jean Baudrillard«. In: Sic et non. zeitschrift für philosophie und kultur. im netz, Nr.8. Online: http://www.sicetnon.org/content/pdf/baudrillard.pdf - Letzter Zugriff: 29.3.2016).
    Strehle, Samuel (2008a): »Evidenzkraft und Beherrschungsmacht - Bildwissenschaftliche und soziologische Zugänge zur Modellfunktion von Bildern«. In: Ingeborg Reichle/Steffen Siegel/Achim Spelten (Hg.): Visuelle Modelle. München: Fink, S.57–70. Online: http://edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1010 - Letzter Zugriff: 30.10.2016.
    Strehle, Samuel (2008b): »Fortsetzung des Aufstands mit anderen Mitteln - Eine kultursoziologische und medientheoretische Analyse des Grafiti-Writings«. In: ders./Sacha Szabo (Hg.): Unterhaltungswissenschaft. Populärkultur im Diskurs der Cultural Studies. Marburg: Tectum, S. 11–36.
    Strehle, Samuel (2009a): »Bildwelten der Wunschökonomie. Einleitung in die kultursoziologische Analyse der Marken«. In: Sacha Szabo (Hg.): Brand Studies. Marken im Diskurs der Cultural Studies. Marburg: Tectum, S.9–21.
    Strehle, Samuel (2011): »Hans Belting. ›Bild-Anthropologie‹ als Kulturtheorie der Bilder«. In: Stephan Moebius/Dirk Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS (2., überarb. und erw. Aufl.), S.507–518.
    Taylor, Charles (19…). Das Unbehagen an der Moderne…………
    Tiedemann, Jens (2007). Die intersubjektive Natur der Scham. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde. Selbstver-lag: Berlin.
    Tschacher, W. (1997). Prozessgestalten – die Anwendung der Selbstorganisationstheorie und der Theorie dynamischer Systeme auf Probleme der Psychologie. Göttingen: Hogrefe.
    Tschacher, W., Munt, M. (2013). Das Selbst als Attraktor: das psychologische Selbst aus systemtheoretischer und acht-samkeitsbasierter Sicht. In: Psychotherapie 18-2, S. 18-37.
    Vaihinger, D. (2000). Auszug aus der Wirklichkeit : eine Geschichte der Derealisierung vom positivistischen Idealismus bis zur virtuellen Realität. München: Fink.
    Weber, Samuel (2000). Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse, Wien: Passagen. Weibel, Peter (1986): »Die elektronische Epoche«. In: Informatik Forum, Nr. 1/2, S.30–38.
    Weibel, Peter (1988): »Vom Verschwinden des Vertrauten«. In: Zeitschrift "DU" Nr. 11, S.49–57,100.
    Weibel, Peter (1989). Territorium und Technik. In: Ars Electronica (Hrsg.). Philosophien der neuen Technologien. Berlin: Merve, S.81-111.
    Weibel, Peter (1999): »Nachwort«. In: Jean Baudrillard: Fotografien/Photographies/Photographs 1985–1998. Hg. v. Peter Weibel. Graz/Ost ldern-Ruit: Neue Galerie Graz/Hatje Cantz, S.186–195.
    Weibel, Peter (2005): »Votum für eine transästhetische Vision«. In: Peter Gente/Barbara Könches/Peter Weibel (Hg.): Philosophie und Kunst. Jean Baudrillard. Eine Hommage zu seinem 75. Geburtstag. Berlin: Merve, S.24–35.
    Widmer, Peter (1990/1997): Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Jacques Lacans Werk. Wien: Turia + Kant (erw. Neuausg.). Wiechens, Peter (1995): Bataille zur Einführung. Hamburg: Junius.
    Winnicott, D.W. (1960). Ich-Integration in der Entwicklung des Kindes. In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt, S.182-199, München: Kindler 1974. [orig.: Ego Distortion in Terms of True and False Self" in: The Maturational Processes and the Facilitating Environment. Studies in the Theory of emotional Development]
    Winnicott, D.W. (1974). Die Spiegelfunktion von Mutter und Familie in der kindlichen Entwicklung. In: ders. Vom Spiel zur Kreativität (S.128-135). Stuttgart: Klett-Cotta.
    Wirth, H.J. (2006). Pathologischer Narzissmus und Machtmissbrauch in der Politik. In: Kernberg, O.F., Hartmann, H.P. (Hrsg.). Narzissmus. S.158-170.
    Wirth, H.J. (2002). Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik. Gießen: Psychosozial.
    Wulf, Christoph (2005). Ikonologie des Performativen. München: Fink.
    Wulf, Christoph (2005). »Vom Subjekt des Begehrens zum Objekt der Verführung. Bild – Imagination – Imaginäres«. In: Peter Gente/Barbara Könches/Peter Weibel (Hg.): Philosophie und Kunst. Jean Baudrillard. Eine Hommage zu seinem 75. Geburtstag. Berlin: Merve S.194–213.
    Ziegler, Jean (1975). Die Lebenden und der Tod. Frankfurt a. M./Berlin/Wien: Ullstein 1982.
    Zima, Peter V. (1997). Moderne/Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen/Basel: Francke 2001 (2.überarb.Aufl.).
    Zizek, Slavoj (1991). Liebe dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien, Berlin: Merve.
    Zizek, Slavoj (2001). »Willkommen in der Wüste des Realen«. In: Die Zeit, 2.9.2001.
    Zizek, Slavoj (2002). Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.


    Ahnert, Lieselotte (Hg.) (2008): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. München / Basel: Reinhardt
    Altmeyer, Martin/Thomä, Helmut (2006): Die vernetzte Seele. Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse. Stuttgart: Klett-Cotta
    Antonovsky, Aaron / Alexa Franke (1997): Salutogenese. Zur Ent-mystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt
    Antweiler, Christoph (2011): Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung. Bielefeld: Transcript
    Appel-Opper, Julianne (2013): Die Sprache des Körpers. Einführung in die Relationale Körper-zu-Körper-Kommunikation. Internet-Tagungsband Mind Change. URL: http://www.mindchange.org/ (1.6.2013)
    Assmann, Aleida (2006a): Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: Beck
    Assmann, Aleida (2006b): Kollektives und soziales Gedächtnis. In: Bundeszentrale für Politische Bildung (Hg.): Kulturelles Gedächtnis. China zwischen Vergangenheit und Zukunft. URL: http://www.bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/130353/dokumentationen-2006 (17.6.2013)
    Bauer, Joachim (2006): Warum ich fühle was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen. München: Heyne
    Bedorf, Thomas (2010): Verkennende Anerkennung. Berlin: Suhrkamp
    Benjamin, Jessica (1985): Die Fesseln der Liebe. Zur Bedeutung der Unterwerfung in erotischen Beziehungen. In: Feministische Studien, 2 (1) 1985, S. 10-33
    Benjamin, Jessica (1990): Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern
    Brumlik, Micha (2010): Ethische Gefühle: Liebe - Sorge - Achtung. In: Moser, Vera/Pinhard, Inga (Hg.): Care – Wer sorgt für wen? Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft. 6/2010. Opladen/Farmington Hills: Budrich, S.29-46
    Brumlik, Micha (2012): Kontroverse Habermas-Tagung in Wuppertal. Sich im Unbehaglichen einrichten. In: TAZ, 26.3.2012. URL: http://www.taz.de/!90367/ (18.6.2013)
    Buber, Martin (1923/2006): Das Dialogische Prinzip. Stuttgart: Reclam
    Cassidy, Jude / Shaver, Philipp R. (2008): Handbook of Attachmant. Theory, Research and Clinical Applications. New York [u.a.]: Guillford Press
    Dreitzel, Hans Peter (1970): Einsamkeit als soziologisches Problem. Zürich: Arche
    Egger, Josef W. (2010): Gesundheit. Aspekte eines komplexen biopsychosozialen Konstrukts und seine Korrelation zu Optimismus und Glückserleben. In: Psychologische Medizin 21 (1) 2010, S. 38-48
    Ehrenberg, Alain (2011): Das Unbehagen in der Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp
    Erler, Michael/Mojsisch, Burkhard/Baum, Manfred/Wolzogen, Christoph von/Steiner, Hans Georg (1992): Relation. In: Ritter, Joachim/Gründer, Karlfried (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 8. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 578-611
    Foucault, Michel (1994): Ueberwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Fuchs, Thomas (2010). Das Gehirn – Ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption
    Goffman, Erving (1971): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Grawe, Klaus (2004): Neuropsychotherapie. Göttingen [u.a.]: Hogrefe
    Habermas, Jürgen (2009): Es beginnt mit dem Zeigefinger. In: Die Zeit, Feuilleton vom 10. Dezember 2009 Nr. 51. S.45
    Habermas, Jürgen (2010): »Das utopische Gefälle. Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte.« In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 58 (3) 2010, S. 343-357. Auch in: Blätter für Deutsche und Internationale Politik, 8/2010, S.43-53. URL: http://www.blaetter.de/archiv/themen (20.1.2013)
    Herzog, Walter (2001): In Beziehung zu sich selbst - Relationales Denken in der Pädagogik. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 23 (3) 2001, S.529-545. URL: http://www.pedocs.de/volltexte/2011/3779/pdf/SZBW_2001_H3_S529_Herzog_D_A.pdf (25.6.2013)
    Honneth, Axel (1992): Kampf um Anerkennung - Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Honneth, Axel (2000): Anerkennungsbeziehungen und Moral - Eine Diskussionsbemerkung zur anthropologischen Erweiterung der Diskursethik. In: Brunner, Reinhard/Kelbel, Peter (Hg.): Anthropologie, Ethik und Gesellschaft. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus, S.101–111
    Honneth, Axel (2011): Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. Berlin: Suhrkamp
    Honneth, Axel (2013b): Verwilderung des sozialen Konflikts. Anerkennungskämpfe zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Honneth/Lindemann/Voswinkel, S. 17-39
    Hüther, Günter (2012). Die Evolution der Liebe. Was Darwin bereits ahnte und die Darwinisten nicht wahrhaben wollten
    Lévinas, Emmanuel (1999): Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Freiburg [u.a.]: Alber
    Lewin, Kurt (1948): Resolving social conflicts. New York: Harperer
    Mead, George Herbert (1934/1973): Geist, Identität, Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviourismus. Morris, Charles W. (Hg.). Frankfurt am Main: Suhrkamp
    Moebius, Stephan (2001): Postmoderne Ethik und Sozialität. Beitrag zu einer soziologischen Theorie der Moral. Stuttgart: Ibidem
    Neckel, Sighard (2006): Kultursoziologie der Gefühle. In: Schützeichel, Rainer (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Disziplinäre Ansätze. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus, S. 124–139
    Nussbaum, Martha C. (2002): Konstruktionen der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge. Stuttgart: Reclam
    Nussbaum, Martha C. (2010): Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Berlin: Suhrkamp
    Reiser, Helmut (2006): Psychoanalytisch-systemische Pädagogik: Erziehung auf der Grundlage der Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Kohlhammer
    Rifkin, J. (2010). Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein
    Rosa, Hartmut (2011): Is there anybody out there? Stumme und resonante Weltbeziehungen – Charles Taylors monomanischer Analysefokus. In: Kühnlein, Michael/Lutz-Bachmann, Matthias (Hg.): Unerfüllte Moderne? Neue Perspektiven auf das Werk Charles Taylors. Berlin: Suhrkamp, S. 15-43
    Rosa, Hartmut (2012): Weltbeziehung im Zeitalter der Beschleunigung - Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik. Berlin: Suhrkamp
    Schützeichel, Rainer (Hg.) (2006): Emotionen und Sozialtheorie. Disziplinäre Ansätze. Frankfurt am Main [u.a.]: Campus
    Schnabl, Christa (2005): Gerecht sorgen - Grundlagen einer sozialethischen Theorie der Fürsorge. Freiburg/Wien: Herder
    Sennett, R. (2012). Together: The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation
    Waal, F. de (2011). Das Prinzip Empathie: Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können

  • Beck, Ulrich (1999). Schöne neue Arbeitswelt - Vision Weltbürgerschaft, Campus Verlag Frankfurt/New York.
  • Heitmeyer, Wilhelm (2002). Süchtig nach Anerkennung - Wer nicht auffällt, wird nicht wahrgenommen. Die ZEIT 19/2002.
  • Nuber, Ursula (1996). Die Egoismus-Falle. Warum Selbstverwirklichung so oft einsam macht, Kreuz Verlag Stuttgart.
  • Postel, Gert (2001). Doktorspiele - Geständnisse eines Hochstaplers, Eichborn Verlag Frankfurt.
    Schäfer, Bodo (1998). Der Weg zur finanziellen Freiheit - In sieben Jahren die erste Million. Frankfurt/New York: Campus.
  • Scheich, Günter (2001). Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen. Eichborn Verlag Frankfurt am Main.
  • Schwertfeger, Bärbel (2002). Die Bluff-Gesellschaft - Ein Streifzug durch die Welt der Karriere. WILEY-VCH Verlag
  • Sennett, Richard (1998). Der flexible Mensch - Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Verlag Berlin.

    Literatur zu Décroissance und Kapitalismuskritik:

  • Binswanger, Hans Christoph (2009). Vorwärts zur Mässigung. Hamburg: Murmann.
  • Knolle, Helmut (2010). Und erlöse uns von dem Wachstum, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn.
  • Gasche, Urs P., Guggenbühl, Hanspeter (2010). Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr, Rüegger Verlag, Zürich.
  • Seidl, Irmi und Zahrnt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft – Konzepte für die Zukunft, Metropolis Verlag, Marburg. ISBN 978-3-89518-811-4.
  • Staud, Toralf (2009). Grün, grün, grün ist alles, was wir kaufen – Lügen, bis das Image stimmt, Kiepenheuer und Witsch, Köln. ISBN 978-3-462-04106-4.



    Follow me on Academia.edu


    Martin Miller (2013)
    Das wahre Drama des begabten Kindes
    Senf/Broda/Wilms (2013)
    Techniken der Psychotherapie
    Frank Schirrmacher (2013)
    EGO: Das Spiel des Lebens - Homo oeconomicus 2.0 trifft Big Data!
    Johannes Fischler (2013)
    New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt
    Colin Goldner
    Die Psycho-Szene. Guter Ueberblick über esoterische Angebote
    Claudia Barth
    ESOTERIK - Die Suche nach dem Selbst
    Otto Kernberg und viele andere (Hrsg., 2006)
    Narzissmus - DAS Handbuch zum krankhaften Egoismus

    Richard David Precht
    Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält
    Richard David Precht
    Wer bin ich - und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise
    Daniel Kahneman - 2012
    Schnelles Denken - langsames Denken
    Manfred Pohlen, Margarethe Bautz-Holzherr
    Eine andere Psychodynamik: Psychotherapie als Programm zur Selbstbemächtigung des Subjekts
    Johannes Cremerius
    Vom Handwerk des Psychoanalytikers. Das Werkzeug der psychoanalytischen Technik: Vom Handwerk des Psychoanalytikers, 2 Bde.

    Znoj/Berger (2013, Hrsg.)
    Kunst und Wissenschaft der Psychotherapie
    Senf/Broda (2013)
    Techniken der Psychotherapie
    Manfred Pohlen
    Freuds Analyse: Die Sitzungsprotokolle Ernst Blums von 1922
    Robert Misik - Alles Ware
    Konsumkritik vom Feinsten
    Robert Misik - Genial dagegen
    Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore
    Otto Kernberg und viele andere (Hrsg., 2009)
    WIR - Psychotherapeut, ein unmöglicher Beruf

    Allen Frances (2013)
    Normal - Prominente ICD5 Kritik
    Irving Yalom (2013)
    Die Liebe und ihr Henker
    Martha Stout
    Der Soziopath von nebenan. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks
    Eric Lippmann (2013)
    Identität im Zeitalter des Chamäleons: Flexibel sein und Farbe bekennen
    Luise Reddemann (2013, Hrsg.)
    Zeiten des Wandels. Die kreative Kraft der Lebensübergänge

    Irving Yalom - Die rote Couch Yaloms wohl bester, berühtester und umfangreichster Roman: ganz grosses Kino !

    Hilarion Petzold - Integrative Therapie
    Prof. Petzolds Lebenswerk, kompakt in drei Bänden !
    Tim Jackson - Wohlstand ohne Wachstum
    Das scheinbar Unmögliche möglich gemacht !
    Robert Kurz - Schwarzbuch Kapitalismus
    Der Klassiker zur Kapitalismukritik - aktueller denn je!
    Sigmund Freud
    Die drei Hauptwerke des Psychoanalyse-Entdeckers

    Weiterführendes findet sich hier: Konzepte zur dialektischen Psychotherapie in "Zeiten des Narzissmus"

    zum kompletten Literaturverzeichnis

    Selfie, Narzissmus, Smartphone, Fake, Real, Lacan, Blick, visuell, digital, Psychoanalyse, Psychotherapie, Coaching, Supervision, Bern, Depression, Burnout, Phobien, Angst, Sexualtherapie, Sexualberatung, Aggression, Verhalten, Erleben

    - Das REALE - Strukturmodelle, Wirklichkeit und Neurokonstruktivismus
    - NARZISSMUS - Das Imaginäre - Regulation und Kompensation des Selbstwertes
    - SELBST (S): Soziologische Dimensionen des Selbstwertes im "Zeitalter des Narzissmus"
    - ENTWICKLUNG (R-I-S): Identität, Gegenwartsmomente und die "Fesseln der Liebe"
    - ESOTERIK (Imaginäre): Populismus, "das falsche Selbst" und der manipulierbare Mensch
    - RELATION (S) - Empathie und Bezogenheit - Würdigung, Kongruenz und Echtheit
    - TECHNIK (I): Vom Anthropozän zum Posthumanismus - Konsum, Wachstum, Medien und digital-visueller Narzissmus
    - RESONANZ - (S) - Emotion, Intuition und "Embodiment, Enactment, Empowerment"
    - DEMOKRATIE (S): Von der Aufmerksamkeit zur Anerkennung der "Andersheit des Anderen"
    - PSYCHOTHERAPIE (S): Wirkfaktoren anerkennender, relationaler Psychotherapie
    - LITERATUR: Quellenangaben und Bücher



    Blog zu "Narzissmus - Psychotherapie - Gesellschaft" auf blogspot.com
    zum offiziellen Eintrag von Markus Frauchiger bei "localsearch.ch"
    Praxis Frauchiger, Psychotherapeut FSP, Bern
    zum offiziellen Berufsregister-Eintrag von Markus Frauchiger der FSP
    zum offiziellen Berufsregister-Eintrag von Markus Frauchiger der FSP - Direktlink
    Markus Frauchiger at "Academia.edu"
    Regulation in Relation
    zur Praxis-Homepage von Markus Frauchiger, Bern - alternativer Einstieg
    zur privaten Homepage des Autors
    weiter zu "Integrative Psychotherapie Online"
    weiter zu "Integrative Therapie Schweiz"
    FSP-Eintrag von Markus Frauchiger - Business Site
    FSP-Eintrag von Markus Frauchiger - PsySearch
    Google Business Profil - Markus Frauchiger, Psychotherapeut FSP
    CoachFrog - Profil Markus Frauchiger, Psychologe FSP
    Academia - M. Frauchiger Bern Switzerland
    "Integrative Therapie Schweiz" - Berufsverbände SEAG und SGIT
    Integrative Psychotherapie, Relationale Psychoanalyse und Intersubjektivität
    Therapeuten-Eintrag auf der SGIT-Homepage
    Markus Frauchiger Profil auf gestalttherapie.ch
    Markus Frauchiger Profil auf LinkedIn
    Markus Frauchiger Profil auf XING
    Praxis Frauchiger - Profil auf Xing
    Praxis Frauchiger - Profil auf CoachFrog
    Niklaus Gaschen, Dr.med., Psychiater, Bern
    Dr.med. Markus Signer, Bern
    Markus Frauchiger Profil auf Facebook

    Dialektische Psychotherapie, Relationale Psychoanalyse und Intersubjektivität
    e-mail an den Autor dieser Seite: Markus Frauchiger, lic.phil., Fachpsychologe für Psychotherapie, CH-3012 Bern, copyright beim Autor